Predigt am 10. Sonntag nach Trinitatis 2004

Predigt über 2. Könige 25, 8- 12 gehalten in der Jakobuskirche
am 10. Sonntag nach Trinitatis 2004

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen, AMEN.

Liebe Gemeinde,

wenn wir im September den 50. Geburtstag unserer Jakobuskirche begehen, geht es um Erinnerung. Geburtstag-Feiern heißt, sich daran erinnern, dass jemand auf die Welt gekommen ist. Anlässlich so eines Geburtstages gibt es dann oft Gespräche, die mit „weißt Du noch?“ anfangen. „Weißt Du noch, damals, als wir die Kirche umbauten…“. Ich weiß es noch. Mit anderen Worten: ich erinnere mich. Aber was ist das eigentlich genau: sich erinnern. Es hat mit „innen“ zu tun. Offensichtlich gibt es in mir ein Innen, in dem sich Bilder, ja ganze Szenen aus der Vergangenheit hinein-gebildet haben. Diese Bilder waren einmal im draußen: meine Erinnerung an eine Kirchenvorstandssitzung vor 25 Jahren beginnt mit dem äußeren Rahmen, dem Raum in dem sie stattfand. Dann tauchen Erinnerungen an die Menschen auf, die zugegen waren. Das sind die Fakten. Daneben gibt es Gefühle: diese bestimmen die emotionale Qualität einer Erinnerung: das geht von freudig über neutral bis entsetzlich. An das eine erinnere ich mich gerne – an anderes „möchte ich lieber nicht erinnert“ werden! In den Gefühlen ist das rein Faktische verlassen: woran sich der eine gerne erinnert – kann für den anderen eine höchst unangenehme Erinnerung sein.

Unser heutiger Sonntag heißt Israelsonntag. Es ist ein Erinnerungssonntag. Er steht zeitlich in Zusammenhang mit dem jüdischen Festjahr, und zwar dem 9. Ab. (Ab ist im babylonischen Kalender der 5. Monat (zwischen Juli und August) – diese Zeitrechnung wurde in Israel übernommen.) Am 9. Ab erinnert sich die jüdische Gemeinde traditionell der Zerstörung des „ersten Tempels“ von Jerusalem 586 v.Chr., der Zerstörung des „zweiten Tempels“ 70 n.Chr., der blutigen Niederschlagung des Bar-Kochba-Aufstandes 135 n.Chr. und der Vertreibung der Juden aus Spanien 1492. Erst der Holocaust hat in unseren Tagen einen eigenen Gedenktag erfordert. Das sind alles keine schönen Erinnerungen, an denen wir heute in Solidarität mit unseren jüdischen Brüdern und Schwestern teilhaben wollen.
So berichtet unser Predigttext, 2.Kön 25, 8-12 von der Zerstörung des Jerusalemer Heiligtums:

„In der fünften Mondneuung, am siebenten auf die Neuung, das war das neunzehnte Jahr der Jahre des Königs Nebukadnezar, des Königs von Babel, musste dann noch der Diener des Königs von Babel, Nebusaradan, der Führer der Leibdegen, nach Jerusalem kommen, er verbrannte sein Haus, das Königshaus und alle Häuser von Jerusalem, alljedes größere Haus verbrannte er im Feuer, die Mauern Jerusalems ringsum schleiften sie, alles Heer der Chaldäer, das mit dem Führer der Leibdegen war. Das übrige Volk, das noch in der Stadt als Rest verblieben war: die Abgefallenen, die zum König von Babel abgefallen waren, und den übrigen Haufen verschleppte Nesudaran, der Führer der Leibdegen, aber von der Landesarmut ließ der Führer der Leibdegen einen Rest zurück, zu Winzern und zu Pflügern.“ (Übersetzung: M. Buber)

In seiner nüchternen Sprödigkeit kommt der Text wie ein Nachrichtentext daher – ohne den Hauch einer Emotion. Keine Klage an Gott, keine Schuldzuweisung, keine Deutung. „So war’s“ – scheint der Text zu sagen. „That’s it!“

Nun steht unser Text ganz am Ende der beiden Königsbücher, der Geschichtsbücher des israelitischen Königtums. In diesem Kontext wurde der die Geschichte des israelitischen Königtums abschließende Text gedeutet als das endgültige Gericht Gottes. In und mit seinem Königtum ist Israel von seinem Gott abgefallen, die Strafe ist seine Zerstörung als Staat. „Selber schuld“ wäre die lapidare und gefährliche Botschaft. Das moralische Fazit würde dann lauten: Wer nicht nach dem Willen Gottes lebt, ist böse; wer böse ist, muss bestraft werden. Leider ist diese platte Strafgerichtstheologie immer noch aktuell, in der alles Leiden, alles Katastrophale als Ausdruck des Gerichtes Gottes über die sündige Kreatur verstanden wird. In unserem Text ist davon nichts zu hören. Es ist auch nicht die Rede von vollständiger Zerstörung: im Gegenteil: ein Rest bleibt übrig, der Rest der kleinen Leute, die Winzer und Ackerbauer. Die  einfachen Leute, die Wein und Brot herstellen. Wein und Brot – das gibt es noch, das wurde nicht zerstört, und die kleinen Leute, die einfachen Leute, die gab es auch noch, und aus ihnen sollte einmal einer geboren werden, in einem einfachen Stall, den Armen sich zuwendend, von den Hirten erkannt, ein Friedensfürst, ein Heilsbringer …

Also – von wegen bloß Gericht und Strafe.

Doch lassen Sie uns noch einen Augenblick bei den harten Fakten bleiben: historisch gesehen ist die Eroberung und Zerstörung im Jahre 587 v.Chr. die Konsequenz des aufständischen Verhaltens des letzten Königs von Israel: Zedekias. Er war als Nachfolger Jojachins von Nebukadnezar, dem mächtigen Herrscher des neubabylonischen Reiches eingesetzt worden. Beeinflußt von machtbesessenen Beratern an seinem Hof hat er sich gegen Nebukadnezar aufgelehnt. Daraufhin wurde Jerusalem belagert und nach eineinhalb Jahren erobert: Zedekia wurde geblendet, seine Söhne ermordete man vor seinen Augen. Im Zusammenhang damit ist dann auch die Entscheidung gefallen, der staatlichen Existenz Judas – des israelitischen Südreiches – ein Ende  zu machen. Die Ausführung dieser Entscheidung schildert unser Text.

Soweit die dürren Fakten. Und daran sollen wir uns heute am Israelsonntag erinnern. Ich gestehe – ich fühle mich hilflos. Es will sich kein Gefühl einstellen. Es ist so weit weg – so lange her. Und Katastrophen haben wir heute auch genug. Und Gericht predigen ist meine Sache nicht.

Ja – und jetzt? Fakten ist das eine, was sich zum erinnern eignet, habe ich vorhin gesagt. Das andere sind Gefühle. Emotionen machen eine Erinnerung für mich bedeutsam – sei es im Guten, sei es im Schlechten. Bedeutsam. Es geht um Bedeutung. Und Bedeutung hat mit Verstehen zu tun. Eine Bedeutung der Zerstörung des Tempels haben wir kennengelernt: Gericht Gottes. Da gibt es nichts zu verstehen, stattdessen wird aufgespalten: in Gut und in Böse.
Ließe sich die Geschichte von der Zerstörung des Tempels auch anders verstehen? Jenseits moralischer Spaltungen? Wir könnten ja mal zu unseren jüdischen Schwestern und Brüdern rüber schauen: wie feiern die denn ihren „Israelsonntag“ – wie gedenken sie denn dem vielen Leid und den Katastrophen in ihrer Geschichte?

Nun – sie erzählen sich Geschichten. Eine davon, eine chassidische Geschichte die traditioneller Weise am 9.Ab erzählt wird, möchte ich Ihnen jetzt vorlesen:

„Man fragte Rabbi Pinchas: ‚Warum soll, wie uns überliefert ist, der Messias am Jahrestag der Zerstörung des Tempels geboren werden?’
‚Das Korn’, sprach er, ‚das in die Erde gesät ist, muß zerfallen, damit die neue Ähre sprieße. Die kraft kann nicht auferstehen, wenn sie nicht in die große Verborgenheit eingeht. Gestalt ausziehen, Gestalt antun, das geschieht im Augenblick des reinen Nichts. In der Schale des Vergessens wächst die Macht des Gedächtnisses. Das ist die Macht der Erlösung. Am Tag der Zerstörung, da liegt die Macht auf dem Grunde und wächst. Darum sitzen wir an diesem tag am Boden, darum gehen wir an diesem Tag auf die Gräber, darum wird an diesem Tag der Messias geboren.“

In dieser Geschichte ist die Welt des Faktischen und die Welt des Moralischen verlassen. Wir betreten  eine ganz andere Welt – und mit einem Mal wird es lebendig. „In der Schale des Vergessens wächst die Macht des Gedächtnisses. Und das geschieht im Augenblick des reinen Nichts“ – welch ein Gedanke!
Die Fähigkeit, vergessen zu können lässt das Gedächtnis wachsen. Und dieses neue, gewachsene Gedächtnis ist die Macht der Erlösung. Was heißt das?
Jedenfalls etwas ganz anderes als „die Gnade der späten Geburt“. Das ist die Verleugnung von Erinnerung, die Weigerung, sich einzulassen. Es ist der Blick, den man hat, wenn man das Fernglas verkehrt herum hält: alles ist viel zu weit weg – es gibt keine Erde für das Korn, das Korn fällt ins Leere, Wachstum und Entwicklung bleiben aus.

Rabbi Pinchas meint aber auch etwas anderes als jene, die sich an Erinnerungen klammern, die appellieren, dies oder jenes dürfe nie vergessen werden, es müssen Mahnmäler und Museen der Erinnerung aufgebaut werden. Hier wird das Korn eingesargt, in einem Wunderschönen Mausoleum begraben, verziert … und auch so kommt kein Wachstum, keine Entwicklung zustande.
Bestenfalls bleibt es bei den Mahnmälern, schlimmstenfalls gebiert die eingefrorene Erinnerung neuen Hass und neue Gewalt: um wiederum dem andern spüren zu lassen, was einem selbst angetan worden ist. Wenn sich dies paart mit einem Gottesbild, in dem Gott selbst zum Rächer geworden ist, und die eigne Seligkeit verknüpft wird mit der Idee, zum Instrument dieses rächenden Gottes zu werden, dann ist der Teufelskreis von Gewalt gegen Gewalt perfekt.- Es geht nicht mehr um Wachstum oder Entwicklung, sondern nur noch um die Explosion von Hass.

Rabbi Pinchas verwendet das Bild vom fruchttragenden Korn – übrigens in guter Tradition zu einem anderen Rabbi, Rabbi Jesus, der auch gerne Getreidekörner als Bilder für Gleichnisse verwandte – als Bild für Verwandlung von Katastrophalem. In der Schale des Vergessens (der Katastrophe) stirbt das Korn und wird zu einem ganz neuen Keim: ihn nennt er die Macht des Gedächtnisses, die Macht der Erlösung. „Vergessen“ im Sinne von Rabbi Pinchas meint „loslassen“ – übrigens wörtlich: to for-get – to get bekommen – for (zer) kehrt ins Gegenteil – also das Bekommene weggeben, loslassen. Dies geht aber nur „in der Erde drinnen“ – am Boden – also ganz unten, wo das Unbewusste wirkt, am Grunde unserer Seele.

Der Vorgang des Loslassens aber schafft Unsicherheit und Angst – kann ich mir leisten loszulassen von allem, was ich mir mühsam aufgebaut habe? Loszulassen von dem, was meine Eltern mit der Überschrift: ‚Das darfst du nie vergessen!‘ versehen haben? Was passiert denn im Loslassen? Es ist nicht vorhersehbar – nichts ist mehr vorhersehbar, es wird dunkel, der dunkle Weg durch das „reine Nichts“. Das Licht leuchtet in der Dunkelheit“ – nur im Dunkeln öffnen sich die Augen für dieses neue Licht, das die Welt nicht annahm. So hängt los-lassen und er-lösen zusammen. Dieses erlösende Loslassen gebiert Wachstum, neues Wachstum, ein neues Gedächtnis, das erlösend wirksam wird, neue Bilder, die Altes verwandelt haben. In diesem Geschehen wird der Neue Friedensstifter, der Messias in uns geboren. Dies aber ist erst möglich, wenn Raum geschaffen wurde, weil die alten Mächte ihre Macht über uns verloren haben. Die alten Mächte, das sind im letzten jene Kräfte, die Endlichkeit und Begrenztheit, Sterben und Tod nicht anerkennen wollen. Das Vergessen, das Rabbi Pinchas meint, ist selbst eine Art Sterben; und sterben müssen die alten, versteiften Mächte, die hartnäckig den Zusammenhang von Leben und Tod verleugnen. Wenn Königtum und Tempel (als Symbole für Macht und Sicherheit) für diese reaktionären Mächte stehen, dann müssen sie sterben, damit Neues wachsen kann. Dieses Neue ist im Alten keimhaft angelegt: es ist der Rest der kleinen Leute, in deren Mitte das Neue geboren wird, selbst klein und arm. Die neuen Waffen sind Wahrheit und Liebe – in Ihnen reift die Macht des neuen Gedächtnisses. Dieses neue Gedächtnis bedarf nicht mehr der Strafpredigt, um etwas zu bewirken, es klammert sich auch nicht mehr an die konkretistische Kraft des Faktischen – im Gegenteil – die neue Kraft ist die Kraft des Vertrauens auf das Nicht-Faktische. Davon handelt eine andere Geschichte, die in der jüdischen Gemeinde ebenfalls am 9. Ab verlesen wird. Ich möchte sie Ihnen nicht vorenthalten:

„Wenn der Großrabbi Israel Baal-Schem-Tow sah, dass dem jüdischen Volk Unheil drohte, zog er sich für gewöhnlich an einen bestimmten Ort im Wald zurück; dort zündete er ein Feuer an, sprach ein bestimmtes Gebet, und das Wunder geschah: Das Unheil war gebannt. – Später, als sein Schüler, der berühmte Maggrid von Mesritsch, aus den gleichen Gründen im Himmel vorstellig werden sollte, begab er sich an denselben Ort im Wald und sagte: Herr des Weltalls, leihe mir dein Ohr. Ich weiß zwar nicht, wie man ein Feuer anzündet, doch ich bin noch imstande, das Gebet zu sprechen. Und das Wunder geschah.- Später ging auch der Rabbi Mosche Leib von Sasow, um sein Volk zu retten, in den Wald und sagte: Ich weiß nicht, wie man ein Feuer entzündet, ich kenn’ auch das Gebet nicht, ich finde aber wenigstens den Ort und das sollte genügen. Und es genügte: wiederum geschah das Wunder. – Dann kam der Rabbi Israel von Rizzin an die Reihe, um die Bedrohung zu vereiteln. Er saß im Sessel, legte seinen Kopf in beide Hände und sagte zu Gott: Ich bin unfähig das Feuer zu entzünden, ich kenne nicht das Gebet, ich vermag auch nicht den Ort im Walde wiederzufinden. Alles was ich tun kann ist diese Geschichte zu erzählen. Das sollte genügen. Und es genügte.“

AMEN

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle menschliche Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, AMEN.