Predigt am 3. Advent 2004

Predigt am 3. Advent 2004

Predigt über Lukas 3,1-14 in der Jakobuskirche in Pullach

Liebe Gemeinde,

Das eben gehörte Evangelium ist der heutige Predigttext: die Rede von Johannes dem Täufer in der Fassung des Lukas Evangeliums. Da es ein langer und nicht ganz einfacher Text ist, werde ich als erstes den Text noch einmal in Erinnerung rufen und kommentieren.
Lukas, der präzise Historiker, beginnt in der Art griechisch-römischer Geschichtsschreibung: das, was berichtet wird, erhält eine präzise zeitliche Einordnung: im 15. Regierungsjahr des Kaisers Tiberius…Dieses Jahr ging vom Oktober 27 n.Chr. bis September 28 n.Chr. Historiker haben ausgerechnet, dass Jesus zu dieser Zeit mindestens 33 Jahre alt war, vielleicht auch schon 35 oder 36. Dann kommt die Ortsangabe: am Jordan – wahrscheinlich ist die Gegend um Jericho gemeint. Johannes – der „Erfinder“ der Taufe – war der Meinung, nur von Umkehr reden ist zu wenig, es muss auch ein Zeichen her: und das war das sich eintauchen lassen in den Jordan. Über Jesus, dem Schüler von Johannes, ist die ursprünglich johanneische – also wie so vieles andere auch aus dem Judentum stammende Taufe – zu uns gelangt. Johannes greift in seinem Taufritus natürlich auf eine lange religiöse Tradition zurück, die sich auch in ganz anderen Religionen findet: die Grund-Idee ist das Bedürfnis, sich  zu reinigen von dem Alten, dem Schmutz, dem, was man nicht mehr bei sich haben will. Zurück zu Lukas: ER lässt Johannes exakt einen Text aus dem AT zitieren, nämlich Jesaja 40, die Berufung des Propheten Deuterojesaja durch Gott. „Bereitet dem Herrn den Weg …. – unser Wochenspruch!“ Diese Worte gehören ursprünglich in die Zeremonie der Inthronisation des Königs. Lukas zitiert bis zu der für ihn entscheidenden Stelle: „die ganze Menschheit soll Gottes Heil schauen!“ Hierin blitzt die Theologie des Lukas auf: Jesus ist Gottes Sohn nicht nur für die Juden, sondern für die ganze Welt – und gerade auch für die Armen, die sozial Schwachen! (So sind bei Lukas es auch die Hirten, die als erstes den neuen Messias entdecken und erkennen – und nicht die Gelehrten, wie bei Matthäus, dem es darum geht zu zeigen, dass Jesus der Retter Israels ist.) Dann folgt die Rede des Johannes mit dem Zentrum, Früchte zu bringen, die der Umkehr entsprechen – und der Drohung, andernfalls wird der Baum, der fruchtlos blieb, gefällt. Sich auf sein Herkommen zu berufen, ich habe doch Abraham zum Vater – also ich stehe doch in der Tradition des von Gott auserwählten Volk bringt nichts. Es geht um die Früchte der Umkehr – ohne Ansehen der Herkunft der Person. Was sind das für Früchte. In dem unseren Predigtteil abschließenden Lehrgespräch veranschaulicht Lukas an zwei Beispielen, was er unter Früchte der Umkehr versteht: Teilen (Kleidung und Nahrung), sich an die Verordnungen halten, an die Gesetze und sich seiner Aggression auch wenn es möglich wäre nicht hinzugeben: nicht zu plündern nicht zu erpressen. Dahinter steht die Ethik des Lukas: er will deutlich machen, dass alle Berufsstände, auch solche, die damals wenig beliebt waren, (wie die Soldaten und Zöllner – welche modernen Berufsgruppen das wohl sind?) durchaus zum Leben in „Umkehr“ fähig sind.

Soweit in großen Zügen unser heutiger Predigttext. Und was machen wir jetzt damit?

Bei mir hat der Text ganz Unterschiedliches ausgelöst: Ich mag Johannes den Täufer in seinem Mantel aus Kamelhaar und dem Ledergurt um die Lenden – wie ihn Matthäus uns schildert. Gegessen hat er Heuschrecken und wilden Honig – ein Eremit aber auch ein leidenschaftlicher Prediger, der sein Publikum beschimpft: „Natterbrut!“ brüllt er sie an –  er war wohl unter anderem Vorbild für den Bußprediger in Schillers Wallenstein – ich muss auch an die Bußprediger am Nockherberg denken – das Politiker „dablecken“. Das hat schon was – aber bringt es auch viel? Das war meine zweite Stimmung – zwischen Resignation, Ärger und Verzweiflung kippend, eigentlich ein ganz ähnliches Gefühl, das ich habe, wenn ich abends die Tagesthemen oder das Heutejournal anschaue. Es ist zum Heulen wie viel Unrecht, Elend, Grausamkeit, Korruption tagtäglich geschieht – jetzt in dieser Minute geht vielleicht gerade eine Bombe hoch, verhungert vielleicht gerade ein Kind, wird vielleicht gerade ein illegales Waffengeschäft perfekt gemacht …Und wir können es nicht beeinflussen. Mit anschauen müssen, wie ein italienischer Spitzenpolitiker wieder einmal völlig unschuldig war, ein ukrainischer Oppositioneller vergiftet worden ist! Und wir können nichts tun. Ärger kam hoch, als ich an die Sonntagsredner  – Rednerpult mit Blumenschmuck – denken mußte, an die Weihnachts- und Neujahrsansprachen, an die sicher gut gemeinten Phrasen vom Umdenken, Umkehren, vom „Ruck, der durch unsere Gesellschaft“ gehen muss. Und dann dachte ich mir – ja und du – was machst du denn anders, du bist auch ein Sonntagsredner, oder von mir aus Sonntagsprediger – und was ist deine Botschaft, was hast du anzubieten?

Nun – ich weiss wenigstens, was ich nicht anbieten will: irgendwelche Phrasen von die Hoffnung nicht aufgeben, bald ist Weihnachten, uns geht’s ja gut, den Blick nach vorne richten, positiv Denken, wir haben ja den Messias, den Jesus Christ Superstar. bla,bla,bla…

Dann fiel mir Wittgenstein ein: „Worüber man nicht reden kann, sollte man schweigen“ – Aber wenn hier meine Predigt zu ende ist – dann habe ich kapituliert. Und das tu ich nur sehr ungern. – Also – was jetzt?

Wenn man nicht weiter kommt muss man stehen  bleiben. Manchmal hilft es auch, zurück zu gehen. Manche Hindernisse, die sich einen in den Weg stellen, sind auf dem geraden Weg des Fortschreitens (Fortschritt) nicht zu beseitigen. Um-Kehren – das heißt, zurückgehen. Und sich eingestehen, dass der Weg, von dem man dachte, so geht es immer weiter, nicht stimmt. Sich eingestehen, dass man sich getäuscht hat. Ich gehe noch einmal zurück – zu Lukas. Dieses Evangelium – wie übrigens die anderen Evangelien auch, wie übrigens das ganze NT – gibt es nur, weil sich Menschen getäuscht haben – und die Kraft hatten, sich das einzugestehen und mit der Enttäuschung weiter zu leben, bzw. sie in etwas Neues Lebendiges zu verwandeln.
Um welche Enttäuschung handelte es sich? Die Menschen in Palästina zurzeit Jesu lebten in einem hitzigen Glauben der Naherwartung. Naherwartung heißt, dass man felsenfest davon überzeugt war, dass demnächst innerhalb der jüdischen Gemeinschaft ein König auf die Welt kommen würde, der das erlittene Unrecht wieder gut machen würde. Und damit ein neues Reich, ein Reich Gottes anbrechen würde, in dem Gerechtigkeit und Friede und gegenseitiges Teilen im Mittelpunkt stehen würden. Für die Anhänger Johannes des Täufers war Johannes selbst dieser Messias – der aber verwies auf Jesus. („Ich taufe euch mit Wasser … aber es wird einer kommen, der wird mit heiligem Geist und Feuer taufen“ steht wenige Verse nach unserem Text.) Nun war aber zur großen Enttäuschung der Anhänger Jesu nicht das Reich Gottes auf die Erde gekommen, sondern im Gegenteil – man hatte den Hoffnungsträger gekreuzigt!-
Sie wissen wie es weiterging – mit der These, dass Jesus von den Toten auferstanden ist, ist auch der Glaube an ihn als der Messias wieder auferstanden. Dieser Glaube aber hatte noch immer die sichere Gewissheit, dass ja das Reich Gottes demnächst anbrechen werde: und so entstand die Idee, Jesus werde in kürzester Zeit als der Messias herab auf die Erde kommen und dann endgültig das Reich Gottes begründen. Aber auch diese Idee trug nicht, Menschen starben, Israel blieb ein besetztes Land – und kein Messias kam vom Himmel herab. Inzwischen waren Jahrzehnte vergangen, und es entstand die Idee, wir müssen aufschreiben, was die Leute damals sich von Jesus erzählten – das darf nicht verloren gehen, auch wenn er noch nicht zurückgekommen ist, so muss doch in die Welt hinein getragen werden, dass der Messias schon da war, das wir ihn kennen, dass er den Tod überwunden hat und, und, und …

Umgehen mit Enttäuschung. Lukas war nicht nur Historiker sondern auch kreativer Theologe: er sagte (vereinfacht): in Jesus aus Nazareth ist die Zeit erfüllt, wir brauchen nicht länger suchen, er ist die „Mitte der Zeit“ und ein „Vor-Schein“ der Ewigkeit. Und alle Menschen – nicht nur die Juden – könnten aus dem Leben dieses Menschen Gewinn und Heil schöpfen.

Wir Christen bekennen uns zum Leben des Nazareners und versuchen in unserem Alltag etwas von dem Licht seines Lebens leuchten zu lassen.
Aber wo leuchtet denn dieses Licht, wenn ich mit an sehe, wie die nächste Autobombe hochgegangen ist?
Das Licht leuchtet in dem Aushalten eigener Ohnmachtsgefühle. Resignation, ohnmächtige Wut aber auch die Euphorie von „Jesus lebt – uns kann nichts passieren“ sind die Gegenspieler dieses Lichtes: wenn sie überhand nehmen, wird das Licht Jesu in uns ausgeblasen. Jesus resignierte nicht – bis zum letzten Atemzug blieb er in lebendiger Verbindung zu seinem Gott – und er widerstand der Versuchung, aus ohnmächtiger Wut heraus einen politischen Aufstand anzuzetteln. Er war aber auch kein Mario im Wunderland mit 7 Leben wie manche stellen im NT versuchen glauben zu machen. Das ist (sehr verständliche) Enttäuschungsabwehr durch manische Überhöhung. Das Licht Jesu in uns leuchten lassen im Aushalten meiner Ohnmacht-Gefühle heißt auch:  meine Grenzen und die Grenzen meiner Mitmenschen zu akzeptieren. Wer gelernt hat, seine Grenzen zu akzeptieren, der hat gelernt, sich zu halten. „Haltung bewahren“ – ein vielleicht etwas aus der Mode gekommenes Wort weil vergiftet mit dem militärischen „Haltung annehmen“ – ist eine große Kunst. Die so verbreitete Volkskrankheit „Rückenschmerzen“ hat auf der konkreten Ebene was mit einer Fehlhaltung zu tun; sie drückt aber auch das Ungehaltene in uns aus. „Ungehalten sein“ heißt im Deutschen auch „sehr ärgerlich sein“.

Wie aber erlernt man: sich zu halten? Nun: wir waren alle einmal Gehaltene. Ein Baby kann sich nämlich noch nicht selber halten. Und aus dieser frühen Zeit stammen auch unsere ersten Erfahrungen mit Gehalten-Werden. Und in der Tiefe unseres Unbewußten erinnern wir uns – wenn wir ungehalten sind – an die Geschichte unseres Nicht-gehalten-worden-Seins. Der Ungehaltene ist der Einsame – das ungehaltene Baby ist das verlassene Baby.

Ich glaube, dass die besondere Stimmung, die sich um Weihnachten rankt – übrigens genau damit zu tun hat: Weihnachten ist ja auch das Fest des Babys und der Kinder – und so werden in unserem Unbewussten vor und an Weihnachten alle die unter dem Jahr meist vergessenen oder auch verdrängten Wünsche, Sehnsüchte aber auch Ängste und Enttäuschungen unserer Kindheit und Babyzeit wieder wach. Die bekannte Weihnachts-Depression, das Anschnellen der Selbstmorde in dieser Zeit hat mit diesen Erinnerungen zu tun. Denn Babys sind weise – sie fühlen noch ganz genau, was sie brauchen. Die materielle Milch zum Wachsen ihres Körpers und die emotionale Milch der Wahrheit über sich selbst.

Die Hinwendung zu unseren inneren kindlichen Anteilen, ja zu unseren Erlebnissen als Baby – das wäre eine Umkehr! Auf diesem Weg liegen aber auch die vielen Schmerzen und Enttäuschungen, die wir erleiden mussten, bis wir der oder die wurden, die wir heute sind. Ungehalten –sein hat in der Tiefe damit zu tun, das innere Kind, das innere Baby nicht halten zu können. Die Gefahr von Weihnachten ist die Wiederholung einer leider sehr verbreiteten Verdrehung: statt sich dem Baby, dem Kind wirklich zu zuwenden und versuchen, mit ihm in Kontakt zu kommen, wird es einmal mehr zugemüllt mit Materiellem!  Steine statt Brot, Diamanten statt Liebe, DVDs statt gemeinsamer Spiele und, und … Sie wissen es ja eh alle selber. Unser inneres Baby hat sich eine Ahnung davon bewahrt, dass wirkliche Zufriedenheit, tiefes Glück nur in der lebendigen Zuwendung zum eigenen Leben und in eins damit  zum Leben anderer sich ereignet. Zuwendung aber geht nur über die Bereitschaft, sich zu öffnen, sich leer zu machen von allen Vorurteilen über sich und den anderen.
Ein Bild für dieses Sich-leer-Machen ist: dem Herrn den Weg zu bereiten – jenseits von Resignation, ohnmächtiger Wut und manischer Überhöhung.

Und dann? Ja dann kann etwas Neues einziehen, etwas Ungedachtes und Unvorhersehbares.

Und doch in der Tiefe unseres Unbewußten längst Bekanntes.
Das „ungedachte Bekannte“ – das sich nicht machen lässt – auch nicht
im Jahr 2004. Es geschieht – unvorhergesehen und unvorhersehbar.
Alles was wir Menschen machen können, ist, ihm den Weg zu bereiten AMEN.