Predigt am vierten Advent 2008

Predigt über Lukas 1, 46 – 55 (Magnifikat) am 4. Advent 2008 in der Thomaskirche

 

Meine Seele erhebt den Herren

 

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen, AMEN.

 

Liebe Gemeinde,

 

der Predigttext des heutigen Sonntags – das vorhin gehörte Evangelium –  hat viele Künstler über die Zeiten hinweg inspiriert. Musiker haben das „Magnifikat“ – so heißt dieser Hymnus wegen seines lateinischen Anfangs: „magnificat anima mea dominum“ – in Töne verwandelt, Dichter haben es nachgedichtet, Theologen haben es immer wieder ausgelegt – wie z.B. Martin Luther im Jahr 1521.

 

Nun ist die Gefahr groß, dass man bei einem allzu bekannten Text immer wieder nur das hineinliest und heraushört, was man eh schon kennt. Ich glaube, es war Leonard Bernstein, der einmal gefordert hat, es solle ein weltweites Verbot geben, Beethovens Symphonien öffentlich zu spielen. Und zwar für wenigstens 10 Jahre! Nicht weil sie so schlecht sind, sondern damit man sie neu erfinden, neu entdecken kann.

Ob es uns jetzt gelingt, das Magnifikat neu zum Klingen zu bringen?

Jedenfalls lässt sich das nicht „machen“, es gibt keine Maschine, die „machen“ kann, dass etwas klingt. „Es“ klingt. Und schon sind wir beim Anfang unseres Textes, der wörtlich übersetzt auch mit „es“ anfängt: „es erhebt meine Seele Gott, den Herrn“ heißt es da  – und nicht „ich erhebe den Herrn“. Welches Ich soll denn auch in der Lage sein, Gott selbst zu erheben? Luther hat dies erkannt, wenn er den ersten Satz so auslegt: „als wollte Maria sagen: ‚Es schwebt mein Leben samt all meinen Sinnen in Gottes Liebe, Lob und hohen Freuden, dass ich, meiner selbst nicht mächtig, mehr erhoben werde als mich selber erhebe zu Gottes Lob.’

 

Spüren Sie die Schönheit dieser Worte? ‚Es schwebt mein Leben samt all meinen Sinnen in Gottes Liebe, Lob und hohen Freuden, dass ich, meiner selbst nicht mächtig, mehr erhoben werde als mich selber erhebe zu Gottes Lob.’

 

Glücklich, wer so etwas von sich sagen kann. „Meine Seele erhebt den Herrn“ – das ist weder das depressive „ich bin bedrückt und nieder-geschlagen, die meine Ängste und Sorgen nagen an meiner Seele“ noch das manisch-euphorische „ich stehe über den Dingen, meine Seele kann fliegen.“

 

„Meine Seele erhebt den Herrn“ ist Ausdruck der schwanger gewordenen Seele, ist Ausspruch der Gewissheit: es wächst in mir, in mir geschieht Entwicklung. Das Unfassbare dabei ist; dieses Wachstum ist „radikal“, von der Wurzel her neu. Deshalb muss Maria, eine Jungfrau sein, was natürlich nicht konkretistisch-biologisch miss zu verstehen ist –: Jungfrau, das ist das Bild für die Neuheit und Unversehrtheit des Gefäßes, mit dem sich Gottes Geist selbst paart. Die Geburt dessen, der die alten Systeme dieser Welt, die alten Mächte und Herrschaftsverhältnisse radikal, weil qualitativ durchbricht, die Geburt des Messias, bedarf schon bei der Konzeption, beim zeugenden Empfangen eines Paares, das nicht vom Alten verseucht ist. Deshalb heißt es Jungfrau.

 

Die geradezu naive, eben jungfräuliche Offenheit Marias für das Ungeheuerlich-Neue drückt sich in ihrer gelassenen Gelöstheit aus. Kein „Ich bilde mir was darauf ein, dass ich den Messias gebären werde“ ist da zu spüren. Im Gegenteil: Das Ich, das sich gerne etwas auf sich selbst einbildet, fehlt ja gerade in den ersten beiden Sätzen: „Meine Seele erhebt den Herrn, mein Geist freuet sich Gottes, meines Heilands.“

 

So einfach ist das.

 

„Denn er hat die Niedrigkeit seiner Magd angesehen“.

 

Das Griechische „tapeinos“, das Luther mit Niedrigkeit übersetzt, ist mehrdeutig. Es meint sowohl die materielle Armseligkeit als auch die „Demut“ im Sinne von Bescheidenheit. Es kann aber auch „Unterwürfigkeit“ bedeuten, in Richtung „Speichel lecken“ oder dem anderen „hinten hinein kriechen“.

 

Für Lukas, dem gerade auch an der materiell-sozialen Umwertung der Werte so viel liegt, weshalb die armen Hirten den Heiland als erstes entdecken dürfen, für Lukas, den Befreiungstheologen, geht es sicher an erster Stelle um die materielle Armut Marias. Gott wurde Mensch unter den Armen, ja er wurde von einer Armen geboren. Wie immer, wenn man die Bibel zu konkret nimmt, gerät man aber dann in unglückliche, widergöttliche Spaltungen. Gott ist weder ein Gott der Armen, noch ein Gott der Reichen. Gott ist im „weder – noch“ überhaupt nicht zu finden. Ebenso wenig lässt Gott im Materiellen finden – „das Reich Gottes ist nicht von dieser Welt“ – das sagt Jesus auch im Lukasevangelium. Wenn wir das „Arm-Sein“ ein wenig nur von seiner materiellen Dimension entheben, leuchtet sofort ein Arm-Sein im Sinne eines Bedürftig-Seins auf. Maria ist nicht vor-besetzt mit Urteilen, Wertungen, Moralvorstellungen, Falschheiten und Richtigkeiten. In dieser ihrer Fähigkeit zur Selbst-Beschränkung und Selbst-Zurücknahme ist Maria arm und niedrig – und genau darin wird sie von Gottes Geist wahrgenommen.

 

Es gab und gibt gerade bei uns Christen leider immer wieder das Missverständnis, als führe der Weg zu Gott über ein Sich-Geiseln, Buckeln und in den anderen hineinkriechen. Verbunden damit ist oft ein gemeinsames Herabschauen auf die Anderen, die Nicht-Gläubigen. Wenn dieser Weg irgendwo hinführt, dann in die eigene Überheblichkeit – aber gewiss nicht zu Gott. Gott sucht aufrechte und aufrichtige Menschen, die bereit sind, ihr Leben anzunehmen, ihr eigenes Kreuz zu tragen und rücksichtsvoll und höflich mit ihren Mitmenschen umzugehen.

 

Wenn ich solche Sätze sage, liebe Gemeinde, dann als einer, der weiß, dass ich Gottes Liebe nicht verdient habe. Viel zu lange habe ich mich vor Gott und meinen Mitmenschen gebrüstet mit meinem theologischen Wissen, später setzte sich das vermeintliche psychologische Wissen an dessen Stelle. Ich war besetzt mit dem Hochmut Bescheid zu wissen und mit der Überheblichkeit, es moralisch besser zu wissen. Und gleichzeitig war ich von Gott und allen guten Geistern verlassen.

 

Ich kann Gott nur aus tiefstem Herzen danke sagen, dass er mich nicht aufgegeben hat – verdient habe ich es gewiss nicht.

 

„Von nun an werden mich selig preisen alle Kindeskinder.“

 

Wer sich so sicher ist, dass es wirklich Gott ist, dem er sich hingegeben hat, wer sich so sicher ist, dass es wirklich Gottes Geist ist, der in ihm wächst und aus ihm spricht, wer diese Sicherheit hat, mit der Ewigkeit in Verbund zu sein, der kann ohne Arroganz sagen: „es werden mich selig preisen alle Kindeskinder“. Wir normal Sterblichen, jedenfalls so jemand wie ich, sollte sich vor solchen Sätzen hüten.

 

„Denn er hat große Dinge an mir getan, der da mächtig ist und des Name heilig ist. Und seine Barmherzigkeit währet immer für und für bei denen, die ihn fürchten.“

 

„Epoiesen“ – das griechische Verb für „tun“ – lateinisch facere – meint hier nicht das flache „Machen“, das uns so geläufig ist, nicht dieses Schrödersche: „Wir machen das!“, nicht das Tun, das der homo faber, der homo „Macher“ kann – sondern es ist das Schöpferische Schaffen Gottes selbst. Es ist das „Tun“ – das in Genesis 1 genannt wird: Am Anfang „schuf“ Gott Himmel und Erde. In Maria und mit Maria wiederholt sich die Schöpfung Gottes – aber nicht so, dass halt alles noch mal gemacht wird, sondern dieser wiederholte Schöpfungsakt Gottes ist eine Neu-Schöpfung, eine unglaublich verdichtete, in dem Gefäß Maria enggeführte Neu-Schöpfung und Neu-Deutung alles bisher Da-Gewesenen.

 

Wie aber lässt sich Neues überhaupt denken – geschweige denn verwirklichen?

 

Man muss sich der Gefahr bewusst sein, dass sich Altes mit Neuem verkleiden kann. Der neue Haarschnitt, das neue Kleid, die neue Wohnung, der neue Job, der neue Partner, das neue Auto, dieses: „das ist jetzt mal was anderes“ – das ist nur neu Gemachtes – mit Neu-Schöpfung hat es meist nichts zu tun.

 

Heiraten und Kinderkriegen hat schon eher mit Neuschöpfung zu tun.

Warum?

Wesentliches Kriterium der Neuschöpfung ist die Unmöglichkeit der Rückkehr zum Alten. „The point of no return“. Und genau das ist es, was uns so Angst macht. Jede Frau erlebt es an ihrem eigenen Leib hautnah – viel hautnaher als wir Männer im übrigen: wer schwanger ist und die Schwangerschaft durchhält und ein Kind gebiert – für den ist das „Leben davor“ für allezeit vorbei. Dies verbunden mit der Trennung von dem Baby durch die Geburt ist der Stoff für die bekannte „Wochenbettdepression“.

Aber natürlich gilt auch für uns Männer: wer Vater geworden ist, kann nie mehr Nicht-Vater sein. Er kann nur so tun, als wäre er kein Vater – er kann die Neuschöpfung ablehnen. Aus diesem Stoff sind die vielen Trennungen und Scheidungen gewebt.

 

Und warum ist das wirkliche Erleben von Neuschöpfung notwendig schmerzhaft?

 

Weil es in seiner Endgültigkeit an den Tod gemahnt. Die letzte unvermeidbare Neuschöpfung, die wir alle zu erleben haben, ist unser aller Sterben. 

Und dieses Sterben beginnt mit dem Leben, beginnt mit unser aller Geburt. Wir würden zwar alle so gerne sagen: „Ich fühle mich wie neugeboren“, aber wir vergessen dabei nur allzu leicht, dass dieses Gefühl nur mit dem gleichzeitigen Absterben des Alten zu erleben ist. Die Fähigkeit zur Neu-Geburt bedingt die Fähigkeit zum inneren Sterben. Und dem weichen wir gerne aus und machen uns mit Pseudoneuerungen etwas vor. Ich glaube S. Freud hat einmal gesagt, dass er der Ansicht ist, in der Tiefe sind wir Menschen nicht in der Lage, uns unseren Tod vorzustellen.

 

Wie dem auch sei: Wirkliche Neugeburt, radikal Neues erwächst nur im Schmerz und durch den Schmerz hindurch. Wer diesem Schmerz ausweicht, der ist nicht „geschaffen für das Reich Gottes“, sagt Jesus hart und klar. Wer aber diesen Schmerz aushält, der kann an seinem eigenen Leibe und vor allem in seiner eigenen Seele die Neuschöpfung Gottes erleben. Dass diese Neuschöpfung alles andere als harmlos ist, davon gibt der das Magnifikat abschließende Abschnitt beredt Kunde:

„Er übt Macht mit seinem Arm; er zerstreut, die in der Gesinnung ihres Herzens hochmütig sind. Er stößt die Mächtigen vom Thron herab und erhebt die Niedrigen. Die Hungrigen füllt er mit Gütern und die Reichen schickt er leer fort. Er nimmt sich Israel, seines Knechtes, an, er erinnert sich an seine Barmherzigkeit: gerade so, wie er zu den Vätern geredet hat, gegenüber Abraham und seinen Nachkommen in Ewigkeit.“

 

Neuschöpfung hat mit Absetzung zu tun. Die alten Machthaber in uns, die wollen keine Veränderung, keine Verwandlung, keine Erneuerung. Die alten Machthaber in uns wollen nur eines: dass „alles beim Alten“ bleibt. Der Vorteil dieser Haltung ist unübersehbar: das Alte ist das Vertraute, Bekannte, Gewohnte. Das Neue ist das Unbekannte, Fremde, Verunsichernde.

Die alten Machthaber sagen: „Wir wollen dich doch nur schützen, dich vor überflüssigem Schmerz bewahren. Bleibe bei uns, dann musst du keinen Tod und keine Vergänglichkeit erleben. Lebe nicht, dann musst du auch nicht sterben!“

 

Wir müssen diesen inneren Machthabern alles entgegensetzen, was wir haben – sonst bleiben wir in ihrer Gefangenschaft. Das Gefühl dieser Gefangenschaft ist die bedrückte Seele einerseits, die überhebliche Seele andererseits. Der Weg heraus aus dieser Bedrückung und Unterdrückung, der Weg in unsere innere und äußere Freiheit ist mühsam, eng und steinig. Und voller Verführungen. So meinen viele, die eine Ahnung von diesem Weg haben, es würde genügen, am Sonntag in die Kirche zu gehen, mal für eine Woche an einem Zen-Seminar teilzunehmen oder Einkehrtage zu besuchen. Oder man läuft zweimal in der Woche zum Psychotherapeuten, Körpertherapeuten, Yoga-Lehrer oder ich weiß nicht was. Auf diese Weise wird der Heiland nicht in uns geboren. Um den Satz „meine Seele erhebt den Herrn“ wahrhaftig sagen zu können, ist ein alltägliches Sich-einlassen-auf-diesen-Weg vonnöten. Es ist wirklich wie mit einer Schwangerschaft: wer sich nicht alltäglich auf das Schwanger-Sein einlässt und einstellt mit allen Konsequenzen, der riskiert einen Abgang.

 

Und wenn dann das Baby auf der Welt ist, ist es genauso: wer sich nicht alltäglich auf die Bedürfnisse seines Babys einstellt, der bekommt ein unzufriedenes Baby, das quengelt und schreit, was wiederum die eigene Unzufriedenheit und Genervtheit schürt. So entsteht ein Kreislauf des gegenseitig von einander genervt seins. Wenn man aber von einander genervt ist, hat man unweigerlich Schuldgefühle, die einen fesseln. Dann ist man „verstrickt“ – möchte am liebsten um sich schlagen, weiß aber nicht wogegen, weiß nicht wohin – die Fesseln sind unsichtbar. Was einem bleibt ist die Flucht – die Flucht in die Einkehrtage, in das Wellness-Hotel in die Arbeit, in das Schreiben von Predigten, ich weiß nicht was. Jeder hat seine eigenen Fluchtpunkte.

 

Solange wir vor Gott fliehen, kann sich sein Geist nicht in uns einnisten. Solange wir vor Gott fliehen, kann der Heiland nicht in uns geboren werden. Solange wir vor Gott fliehen, gilt, was Angelus Silesius sagt:

„Wär’ Christus tausendmal in Bethlehem geboren, doch nicht in dir, du wärest ewiglich verloren.“   

Verleihe uns, Gott, die Kraft der Geduld, die wir brauchen, um den langen dunklen Weg zu Gott alltäglich zu gehen. Verleihe uns, Gott, die Sicherheit des Vertrauens, die wir brauchen, dass wir alltäglich immer tiefer in IHN hinein geboren werden. Verleihe uns Gott die Zufriedenheit der Demut, in der wir alltäglich mit Maria sagen und singen:

„Meine Seele erhebt Gott den Herrn und mein Geist erfreut sich in Gott, meinem Heiland.“                                                                                                      Amen.

 

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere menschliche Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, AMEN.