7. Sonntag n. Trinitatis (2009)

Predigt über Johannes 6, 1-15 am 26. Juli 2009 in der Apostelkirche
Von Lothar Malkwitz

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen, AMEN.

Liebe Gemeinde,

wenn man mich fragen würde, worüber ich heute predige, wäre meine Antwort jetzt, nachdem meine Predigt so weit gediehen ist, dass ich es wage, sie hier zu veröffentlichen: über menschlich-christliche Verführungen.

Wenn Sie jetzt glauben, dass ich eine alte Predigt über die Versuchungsgeschichte Jesu herausgezogen habe, weil ich zu faul war, mich mit dem heutigen Predigttext zu beschäftigen, dann täuschen Sie sich. Nein: meine Predigt über den heutigen Text – Sie haben ihn vorhin gehört: es ist die Geschichte von der Speisung der 5000 in der Version des Johannesevangeliums – meine Auseinandersetzung mit die-sem Text ist zu einer Predigt über menschlich-christliche Verführungen geworden. Ich kann nicht sagen, dass ich dies beabsichtigte. Eher: es hat sich so ergeben. Sie kennen das vielleicht auch: wenn man sich in eine Geschichte vertieft, selbstvergessen eine Geschichte auf sich wirken lässt, dann weiß man nicht, wo es hin geht.

Es ist nicht leicht sich einzugestehen: „Ich weiß auch nicht, wo es hingeht.“ Ängste und Unsicherhei-ten lauern allerorten. Wir versuchen sie mit Sicherheiten zu bekämpfen, um ein Gewissheits-Fundament zu bekommen. Bezüglich unseres Textes wäre ein Fundament die Behauptung: wir müssen diesen Text wörtlich verstehen, dies ist ein naturwissenschaftlich unerklärbares Wunder, einer der vielen Beweise, dass dieser Jesus aus N. wirklich Gottes Sohn, wirklich Gott ist. Und Gott, der Schöp-fer alles Lebens hat es ja wohl nicht nötig, sich an naturwissenschaftliche Gesetze oder gar Grenzen zu halten. Das Gegen-Fundament sagt logischerweise das Gegenteil: das ist doch alles Lug und Trug, Ausdruck von magisch-allmächtigem Wunschdenken, eine Mischung aus Schlaraffenlandfantasien und unrealistischen Retter-Erwartungen.

Beide Fundamente sind ob ihrer Eindeutigkeit verführerisch. „So ist es – und nicht anders“: diese Ein-deutigkeit ist die Verführung, in der ein Fundament des Denkens sich zum Fundamentalismus des Denkens verschiebt. Ein-Deutig: d.h. es gibt nur eine Deutung, nur ein Verstehen. Verlassen wir die ein-deutige Position, kommen wir in das Gebiet des Zwei-Deutigen, Drei-Deutigen und schließlich (n +1)-Deutigen, um es mathematisch zu formulieren. Umgangssprachlich nennt man das Pluralismus. Salopp heißt es: multi-kulti. Bayerisch heißt es vielleicht: „Leben und leben lassen“. Der Vorteil der pluralistischen Position besteht zweifelsohne darin, dass ihr fanatischer Fundamentalismus fremd zu sein scheint. Ihr Nachteil ist, dass sie die Frage nach der Wahrheit wenn nicht aufgegeben so zumin-dest stark relativiert hat. Versuche ich, Wahrheit zu formulieren, kann ich mich nicht mit Pluralität zufrieden geben. Es bleibt mir nichts anderes übrig, als die vielen Standpunkte miteinander zu ver-knüpfen, zu integrieren. Dies ist ein recht mühsamer Weg. Ich glaube aber, dass wir Menschen Lebe-wesen sind, denen eine Sehnsucht nach Wahrheit eingepflanzt, wie den Pflanzen eine Sehnsucht nach Sonne und Wasser. Der Missbrauch dieser Sehnsucht führt zu Fundamentalismus und Fanatismus. Das Ernst-Nehmen dieser Sehnsucht führt auf den dunklen Weg des Glaubens an einen Gott, der ebenfalls in diesem Leben dunkel bleibt – wie der Heilige Johannes v. Kreuz nicht müde wird zu sagen. Und ich glaube, weil ich es erlebe: dieser dunkle Weg des Glaubens zu Gott macht satt und befreit von fesseln-den Süchten und Sehn-Süchten.

Damit sind wir bei unserer Geschichte. Eine Geschichte, die vom Satt-Werden handelt.

„Jesus fuhr auf die andere Seite des Sees“ heißt es, es beginnt also mit einer Bewegung: Jesus, der Heiler, dem die Kranken nachfolgen, zieht weiter, hin „zur anderen Seite des Sees“. Die deutsche Sprache kennt noch die Verwandtschaft von Seele und See, so dass man sagen könnte: eine andere, eine weitere Seite der Seele bedarf der heilsamen Zuwendung: es ist der Umgang mit dem Hunger. Hunger, das ist keine Krankheit, sondern eine ganz natürliche Strebung, die uns mit den Tieren und den Pflanzen verbindet: es gibt kein Leben ohne Stoffwechsel. Wir sprechen aber auch von Hunger nach Wahrheit oder Gerechtigkeit: „Selig sind, die da hungert und dürstet nach Gerechtigkeit – denn sie sollen satt werden“ – so lautet eine Seligpreisung Jesu am Beginn der Bergpredigt. Auch in unserer Geschichte ist Jesus im übrigen auf einen Berg gegangen – vielleicht haben Matthäus und Johannes sogar dieselbe Szene im Auge. Aber in unserer Geschichte redet Jesus nicht über das Satt-Werden, sondern unsere Geschichte handelt vom Satt-Werden. Sie handelt davon, wie Menschen in der Ge-meinschaft miteinander und mit Jesus satt werden. Die Anspielung auf das Passah-Fest: (V. 4: „Es war aber das Passah nahe, das Fest der Juden“) könnte ein erster Hinweis darauf sein, was Johannes in unserer Geschichte eigentlich erzählen möchte: dass es um ein Gesättigt-werden im übertragenen Sin-ne geht. Passah, Pessach, hier wird kein Festmahl gefeiert, sondern eilig wird ein Lamm gebraten, es ist keine Zeit, es heißt Abschied nehmen, aufbrechen, der erste Tag der neuen Freiheit steht vor der Tür! Auch die Speisung der 5000 handelt nicht von einem Festmahl, von schön gedeckter Tischdecke und wohlbereiteten Speisen. Es erinnert eher an „fish and chips“, an schnelles Essen. Und so wie Johannes seine Leser prüfen will, ob sie verstehen, worum es ihm geht, so prüft Jesus den Philippus: „Woher sollen wir Brote kaufen, dass diese essen?“ fragt er ein wenig scheinheilig. Die Antwort des Philippus ist diplomatisch: „Für 200 Denare Brote würden nicht reichen“ sagt er. (Zur Orientierung: 1 Denar entspricht dem Tagesgehalt eines Taglöhners.) Also: mit Geld kommen wir hier nicht weiter heißt das. Und mit kaufen auch nicht. Das, worum es in unserer Geschichte geht, lässt sich mit Geld gar nicht kaufen!

Ein anderer Jünger, Andreas, macht darauf aufmerksam, dass da ein kleiner Junge herum stehe, mit fünf Gerstenbroten und zwei Fischen. Aber klar – was ist das für so viele? Das scheint genauso wenig weiter zu helfen, wie die Idee, man könnte Brot kaufen. Jesus aber veranlasst, dass die Leute lagern, nimmt die Brote und den Fisch, spricht ein Dankgebet, lässt Brote und Fisch austeilen – und siehe da – alle werden satt.

Dieser Jesus, von dem Johannes hier erzählt, scheint ein ganz anderer zu sein als der Jesus der Versu-chungsgeschichte. Dort war es der Teufel, der eine scheinheilige Frage stellte: „Wenn du Gottes Sohn bist, dann verwandle diese Stein in Brot!“ Und Jesus hatte glasklar mit Moses ablehnend geantwortet: „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein.“ Hat der Jesus unserer Geschichte seine Distanz dem Mate-riellen gegenüber aufgegeben? Der historisch richtige Hinweis, dass dies eben der Christus des Johan-nesevangeliums sei, und jenes der Jesus der Synoptiker, befriedigt mich nicht. Ich möchte einen integ-rierenden und integrativen Jesus Christus glauben und predigen!

Aber wie dahin kommen?  

Ich will so versuchen weiterzukommen: es gibt eine Sättigung für die Seele und eine Sättigung für den Körper. In unserer Geschichte wird die Sättigung des Körpers betont. In der Versuchungsgeschichte wird die Sättigung der Seele betont: die Seele braucht kein Brot, wohl aber der Körper. Andersherum heißt das: es gibt einen körperlichen und einen seelischen Hunger. Ein körperliches und seelisches Nicht-Satt-Sein. Bekannte Krankheiten wie Anorexia nervosa oder Bulimie lehren uns, wie nahe die Verbindungen zwischen körperlichem und seelischem Hunger sind. Wir  Menschen sind nicht Seele und Körper, sondern wir sind beseelte Körper, oder verkörperte Seelen. Die Übergänge zwischen kör-perlichen und seelischen Phänomenen sind fließend – und zwar in beide Richtungen. Und genau an diesem Ort des Übergangs, der kein Ort, sondern ein Geschehen, eine Dynamik ist, spielt unsere Ge-schichte. Wie das Passahmahl, (Pessach heißt wörtlich „vorüber gehen“) so handelt unsere Geschichte der Speisung der 5000 von der dynamischen Bewegung zwischen Materialität und Spiritualität, zwi-schen Konkretem und Geistigem, zwischen Brot und Wort, zwischen Körper und Seele.

In diesem Zusammenhang verstehe ich ihren Schluss: „Als nun die Menschen das Zeichen sahen, das Jesus tat, sprachen sie: Dieser ist wahrhaftig der Prophet, der in die Welt kommen soll. Da nun Jesus merkte, dass sie kommen und ihn ergreifen wollten, um ihn zum König zu machen, zog er sich wieder auf den Berg zurück, er allein.“
So scheinen wir „Menschen“ zu sein: gerade in unvorhergesehener, überraschender Weise satt gewor-den – und schon überfällt uns ein neuer Hunger – „sie wollten ihn ergreifen“ griechisch „harpazo“, wörtlich „raffen“, „rauben“ (wie die „Raptoren“, jene gefährlichen fleischfressenden Saurier) – um ihn zum König zu machen. Das ist die Minus-Bewegung der genannten Dynamik: statt vom Materiellen hin zum Geistigen schnellt es wieder zurück zum „Haben-Wollen“, „Fassen-Wollen“, „Ergreifen-Wollen“. Nicht ein Moment des Inne-Haltens, der Dankbarkeit, des „es ist genug“. Getrieben von unserer Gier wollen wir halten und fassen, wollen besitzen: ein Land, in dem Milch und Honig fließt, einen König, der uns ewig satt machen soll, ein Kaufhaus der Sinne, in dem es alles geben soll.

Ich halte dies für die größte Verführung des Christentums und damit die größte Herausforderung: mit dem Glauben daran umzugehen, dass der Messias in Jesus Christus erschienen ist. Man könnte sagen, Jesus wurde in eine Zeit hineingeboren, die geradezu gierte nach einem Messias. Man war des War-tens überdrüssig, man war über die Fülle der nichterfüllten Verheißungen zu frustriert. In der explosi-ven Erfüllung des: „ER ist es!“ sehe ich die große Verführung des Christentums, nämlich die Verleug-nung des Negativen, des Nicht! „La re´ponse est le malheure de la question“ (die Antwort ist das Un-glück der Frage) sagt Maurice Blanchot. Die große Verführung des Christentums ist die manisch-euphorische Botschaft: „Wir haben die Antwort! Wir haben IHN! Er gehört uns!“ Die Kehrseite dieser Euphorie ist die depressive Leere, die unvermeidlich auf jede Euphorie folgt – wie der Kater auf den Rausch! Denn: die Manie des „Wir haben ihn!“ ist eine Illusion. Und Illusionen zerfallen wie Sand-burgen. Sie haben keinen Bestand. Weil das aber so schwer aushaltbar ist, ist die Verführung nahelie-gend, möglichst viele andere Menschen davon zu überzeugen, dass „wir IHN doch haben“ – wir nen-nen das dann missionieren. Aber die Geschichte der Titanic lehrt uns: auch wenn alle davon überzeugt sind, auf einem unsinkbaren Schiff zu sein –  es genügt ein einziger Eisberg und die ganze schöne Illu-sion geht unter!

Liebe Gemeinde,

wenn wir Christen in dieser Welt und für diese Welt glaubwürdig sein wollen – und mit glaubwürdig meine ich sehr wörtlich, dass man es für wert findet, unseren Gedanken und unserem Glauben Ver-trauen zu schenken -, dann muss sich unser Bekenntnis zu Jesus Christus unterscheiden lassen von Allmachtsfantasien, die nur den einen Zweck haben: unsere menschliche Wirklichkeit in ihrer Be-grenztheit, in ihrer Bescheidenheit, in ihrer Gebrechlichkeit, in ihrer Bedürftigkeit zu verschleiern. Wenn unser Glaube wirklich tragen soll, dann darf er nicht auf dem fundamentalistischen Sand von Illusionen und Größenfantasien aufgebaut werden.

Im Zuge dieser Gedanken erblicke ich das eigentliche Wunder in unserer Geschichte, in der „negati-ven Kraft“ dieses Menschen aus Nazareth. Mit „negativ“ meine ich jene Kraft, die nötig ist, um meine Sehnsucht nach Verschmelzung mit den anderen zu ertragen – ohne ihr nachzugeben. Hätte Jesus sich dieser Sehnsucht unterworfen, wäre er König geworden. Er aber zieht sich zurück. Er zieht sich in sein Allein-Sein mit Gott zurück: der Berg ist natürlich der Berg der Offenbarung Gottes, der Ort, an dem Gott seinen großen Propheten begegnet ist. Erst in diesem Satz: „und er zog sich auf den Berg zurück, er ganz allein“ scheint mir unsere Geschichte ihr Ende und Ziel zu erreichen. Wer diesen Jesus ernst nimmt, wer sich aufmacht, ihm „nachzufolgen“, wer sich traut, sein eigenes Kreuz d.h. sein eigenes Lebensschicksal zu tragen – der sammle all’ seine Fähigkeit, allein zu sein: denn der Weg ist steinig und die äußere Anerkennung gering. Und so manche hat dieser Weg nach den Maßstäben dieser Welt nicht weiter als bis ans Kreuz der Verspottung und Verachtung geführt.

Und doch wurden sie nicht müde, bis zuletzt vom Reich Gottes zu predigen, von jenem Reich, das nicht erlangt und nicht besessen werden kann; in dem die Könige sind, die keinen Wert darauf legen, Könige zu sein! In diesem Sinne bekenne ich dankbar: Christus ist König: ein Nicht-König in einem Nicht-Reich: „Nicht von dieser Welt!“ Wir glauben einen Nicht-König! Das ist unsere Stimme im Chor der Gemeinschaft der Wahrheit-Suchenden, die sich mit der pluralistischen Kapitulation nicht zufrieden geben wollen. Die Wahrheit selbst wohnt übrigens auch in so einem Nicht-Reich: das grie-chische Wort für Wahrheit lautet: „a-letheia“ – wörtlich das Nicht-Vergessene. Sie erinnern sich: Le-the: der Fluss des Vergessens, der den Hades, die Unterwelt, die Schattenwelt von der Welt des Le-bens trennt. Die A-Letheia, die Wahrheit ist selbst eine negative Kraft: die Kraft des Nicht-Vergessens, oder, anders ausgedrückt, die Kraft des Aufdeckens, des Gewahr-Werdens, des Entde-ckens. Und so gesehen ist das Wunder der Speisung der 5000 selbst das Wunder der „negativen Kraft“: nahezu aus „Nichts“, mit fünf Broten und zwei Fischen geschieht etwas, und das macht ganz viele satt! Fünf plus zwei ist sieben. Unschwer zu erkennen, dass unsere Geschichte mit der Schöp-fungsgeschichte spielt, wo die Welt von Gott in sieben Tagen erschaffen wird. Übrigens: so wenig Gott aus dem Nichts schafft, so wenig geschieht die wunderbare Brotvermehrung aus dem Nichts: ein kleiner Junge mit seinen fünf Broten und seinen zwei Fischen löst alles aus. Eine kindliche Seite, die noch unverdorben und unverstellt die Wirklichkeit sieht, löst die wunderbare Sättigung aus! Der naive, von Vorurteilen und Denkschablonen geläuterte Blick auf die Wirklichkeit, schafft wirklich Neues!

Liebe Schwestern und Brüder,
lassen Sie uns diesem Rabbi Jeshua, wie ihn Pinchas Lapide nennt, nachfolgen, und zwar so, dass wir unseren je eigenen und je einmaligen Weg gehen – zu uns selbst und eben darin zu Gott. Das Gehen dieses Weges – das hat uns Jesus vorgelebt – ist ein wirksamer Schutz sowohl gegen die Einflüsterun-gen des Teufels in unserem eigenen Inneren als auch gegen die Verführungen unserer Mitmenschen im außen. Und das Gehen dieses Weges schenkt uns eine Nahrung, die viel sättigender ist als die Fast-Food-Illusionen der schnellen Euphorie.

Gebe Gott, dass wir für seine Berührungen empfänglich sind, und dass wir darin Ahnungen empfan-gen von jener tiefen Wahrheit, die jenseits unseres Vergessensstromes liegt, gebe Gott, dass wir diesen Ahnungen immer tiefer vertrauen, gebe Gott, dass sich unser Leben hin zu einer einzigen großen Ah-nung seiner Gegenwart in dieser Welt entfalten möge, die uns und unsere Mitmenschen sättigt,   A-MEN.

Und die Liebe Gottes, die unseren Verstand übersteigt, wird unser Fühlen und unser Denken bewahren in Chris-tus Jesus, AMEN.

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