Sexagesimae

Predigt über Markus 4,26-29 am Sonntag Sexagesimae in Pullach (27.2.11)

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen, AMEN.

Liebe Gemeinde,

„man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“ Das ist das Geheimnis des Fuchses, das er dem kleinen Prinzen schenkt als Dank dafür, dass dieser ihn gezähmt hat. Zähmen heißt, „sich vertraut machen“: auch das hatte der schlaue Fuchs dem kleinen Prinzen erklärt. „Du siehst die Weizenfelder da drüben“, hatte der Fuchs ihm gesagt. „Ich esse kein Brot. Für mich ist der Weizen zwecklos. Die Weizenfelder erinnern mich an nichts. Das ist traurig. Aber du hast weizenblondes Haar. Es wird wunderbar sein, wenn du mich einmal gezähmt hast. Das Gold der Weizenfelder wird mich an dich erinnern. Und ich werde das Rauschen des Windes in den Weizenfeldern lieb gewinnen.“

Mit dem Herzen schauen heißt, da etwas sehen, wo nichts ist. Heißt: Verbindungen sehen, die sich der Welt der Sinne entziehen. Man kann sein täglich Brot essen und dabei Zeitung lesen. Man kann sein täglich Brot essen und dabei eingedenk sein, was alles „zusammengekommen, miteinander in Verbindung gekommen“ ist für dieses eine Stück Brot. Vom Säen über das Wachsen des Getreides bis hin zur Ernte, zum Mahlen des Mehles, zum Backen des Brotes. Man kann sein Schnitzel essen und dabei Fernsehschauen. Man kann sein Schnitzel essen und dabei eingedenk sein, dass ein Tier auf die Welt kam, gewachsen ist, gelebt hat, geschlachtet wurde: und ich esse jetzt Fleisch von diesem Lebewesen.

Sie merken: mit dem Herzen schauen ist eine Haltung zum Leben.

„Heute, wenn ihr seine Stimme hören werdet, so verstockt eure Herzen nicht.“
Dieses Wort aus dem 95. Psalm gibt unserem Gottesdienst einen Rahmen.

Ein verstocktes Herz ist blind geworden, es sieht keine Verbindungen. Ein verstocktes Herz versteht nicht, was es heißt, dass das „Gold der Weizenfelder mich an dich erinnert“. Wie unser Auge eines lebendigen Sehnerves bedarf, um zu sehen, so bedarf unser Herz einer inneren Lebendigkeit, um „hinter die sichtbaren Dinge“ zu blicken.
 
„Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“

Um das „Wesen“ der Dinge, die mich tagtäglich umgeben, zu verstehen, bedarf es eines freien, lebendigen, schwingenden Herzens. Mit einem verstockten Herzen sehe ich eine Ansammlung von Dingen, deren Bedeutung ich nicht verstehen kann. Ich fühle mich bedeutungslos in einer bedeutungslos gewordenen Welt. Das Gefühl der Bedeutungslosigkeit ist die Quelle für verantwortungsloses Tun (nicht Handeln). Gibt es keine Bedeutung, keinen Sinn mehr im Leben, so bleibt ein Hohl-Überhebliches: „man gönnt sich ja sonst nichts…“

Die Gleichnisse Jesu sind geradezu Etüden zum Lernen, in Verbindungen zu denken. Sie sind eine Art Yoga oder Pilates für ein fröhliches Herz. Wer sich auf sie einlässt, kann Herzverhärtungen vorbeugen. Wobei ich mit einlassen mehr meine, als nur zu hören.

Wer Ohren hat zu hören, der lasse diese Gleichnisse in sich lebendig werden! Und halte aus, dass jedes Verstehen vorläufig und unvollständig ist. „Unser Wissen ist Stückwerk“. Ein fröhliches Herz bekennt sich heiter zu seinem Nicht-Wissen.

Wir haben vorhin das Gleichnis vom Sämann in der Version des Lukas gehört. Der heutige Predigttext ist ein weiteres Gleichnis, das sich nur bei Markus findet:

„Mit dem Reich Gottes ist es so, wie wenn ein Mensch Samen aufs Land wirft und schläft und aufsteht, Nacht und Tag; und der Same geht auf und wächst – er weiß nicht wie. Denn von selbst bringt die Erde Frucht, zuerst den Halm, dann die Ähre, danach den vollen Weizen in der Ähre. Wenn sie aber die Frucht gebracht hat, so schickt er alsbald die Sichel hin; denn die Ernte ist da.“ (c. 4)

Schon der Anfang ist bemerkenswert. Es heißt nicht: das Reich Gottes ist … – sondern: „mit dem Reich Gottes ist es so, wie…“ Das Reich Gottes lässt sich nicht in Sätzen begrenzen; das Reich Gottes geschieht.

Das Reich Gottes ist ein Wachstums-Geschehen.

In unserer Zeit wird zwar großer Wert auf Wirtschaftswachstum gelegt. Dass aber Lebendiges auch wächst, dass nicht nur der Körper, sondern auch die Seele im Wachsen ist – dem wird wenig Bedeutung beigemessen.

Das Zähmen als ein geduldiges Vertraut-Werden hat wenig Ansehen. Es soll schnell gehen und effektiv sein. Zeit ist teuer. Man versucht schnellwachsendes Getreide zu züchten: dann kann man dreimal im Jahr säen und ernten.

Ganz anders in unserem Gleichnis: zur Entwicklung gehört der geordnete Rhythmus: Nacht und Tag, schlafen und aufstehen, ruhen und arbeiten. Reich Gottes geschieht da, wo Menschen, Tiere und Pflanzen in ihrem eigenen Rhythmus leben dürfen. Reich Gottes geschieht in Selbst-Bestimmung des Lebendigen und nicht in Fremd-Bestimmung.

Zur Entwicklung gehört der Gedanke: „es geht von selbst“. Man muss einem Apfel nicht sagen, dass er im Herbst rot werden soll, er reift von selbst. Man muss einem Kind nicht sagen, dass es spielen soll: ein gesundes, neugieriges Kind spielt von sich aus. Es will sogar von sich aus Lesen, Schreiben und Rechnen lernen: ein gesundes Kind will sich die Welt aneignen. Nur, was es nicht will, ist, permanent gefördert und gegängelt zu werden. Im Reich Gottes herrscht eine spielerische Freiheit der Kinder Gottes.

Im Reich Gottes werden weder Kinder noch Tiere dressiert. Sie werden „gezähmt“. Zähmung geschieht über Vertrauen. Vertrauen schließt den Missbrauch von Herrschaft aus. Die Großen im Reich Gottes demütigen die Kleinen (Abhängigen) nicht. Sie verwenden ihre Autorität (nicht Macht) für die Förderung gemeinschaftlichen (sozialen) Wachstums. Störenfriede werden nicht bestraft; natürlich muss die Gemeinschaft vor ihnen geschützt werden. Aber Ziel ist es, dass auch sie lernen, ihrem Leben Bedeutung zu verleihen. Dies geschieht, indem ihnen bedeutsame Aufgaben übertragen werden. Z.B. sich um ein Lebewesen zu kümmern. Wer gelernt hat, fürsorglich zu leben: für sich und für die ihm Anvertrauten, dem ist das Reich Gottes schon recht nahe herbei gekommen.

Das Reich Gottes ist eine Gemeinschaft der Freien. Diese Freien leben friedlich und freudig zusammen.  Es eint sie die Leidenschaft für „das Wesen der Dinge“ und die Anerkenntnis der Relativität allen Wissens. Nicht die blendende Oberfläche interessiert, sondern der Blick mit dem Herzen. Nicht der schnelle, anonyme Kontakt hat Bedeutung, sondern das sich vertraut werden.

Kehren wir zurück zu dem kleinen Prinzen und dem schlauen Fuchs:
„So machte denn der kleine Prinz den Fuchs mit sich vertraut. Und als die Stunde des Abschieds nahe war: „Ach“, sagte der Fuchs, „ich werde weinen.“
„Das ist deine Schuld“, sagte der kleine Prinz, „ich wünschte dir nichts Übles, aber du hast gewollt, dass ich dich zähme …“
„Gewiss“, sagte der Fuchs.
„Aber nun wirst du weinen!“ sagte der kleine Prinz.
„Bestimmt“ sagte der Fuchs.
„So hast du also nichts gewonnen!“
„Ich habe“; sagte der Fuchs, „die Farbe des Weizens gewonnen“.

Was der Fuchs durch den kleinen Prinzen gewonnen hat, ist für die Augen unsichtbar. Auch das Reich Gottes ist nicht sichtbar. Es entzieht sich, wenn man versucht, es konkret zu machen. Das Reich Gottes lässt sich nicht herstellen – es entzieht sich dem Fabrizieren. Fabrizierte Reiche Gottes sind die Perversion des Reiches Gottes. Das musste Calvin und andere lernen, die aus bester Absicht heraus ein Reich Gottes auf Erden errichten wollten.

Unserer Homo-faber-Mentalität ist diese Erkenntnis zuwider. Wir wollen machen und tun – aber nicht erleiden.

Das Reich Gottes aber lässt sich nicht machen, so wie sich Wachstum und Entwicklung nicht machen lassen. Es lässt sich nur erleiden. „Selig sind die da Leid tragen – sie werden getröstet werden.“ Dieses Erleiden hat der Fuchs ganz selbstverständlich akzeptiert: „Bestimmt werde ich zum Abschied weinen“, sagt er. Und niemand ist daran schuld! Das Erleiden, der Schmerz gehört zum sich Einlassen auf das Leben dazu, wie die Nacht zum Tag.

Ein verstocktes Herz spürt keinen Schmerz. Das ist das Problem.

Wenn wir vom Fuchs lernen wollen, müssen wir bereit sein, Schmerz zu erleiden. Einen Schmerz, für den es kein Aspirin gibt.

Wahrheit ist schmerzhaft. Nur die Lüge ist schmerzfrei. Deshalb ist lügen und betrügen so verführerisch. Und deshalb helfen moralische Appelle nicht.

Wir können nur in uns die Sehnsucht nach der Wahrheit wecken. Wir können nur  in uns das Bedürfnis stärken, mit dem Herzen zu sehen.
Ich möchte Ihnen zum Abschluss eine talmudische Geschichte erzählen:
Rabbi Joshua ben Levi fragte Elija:
“Wann wird der Messias kommen?” „Geh und frag ihn selbst“, war seine Antwort. „Wo sitzt er?“ „An den Eingangstoren der Stadt“
„Und an welchem Zeichen werde ich ihn erkennen?“
„Er sitzt unter den armen Aussätzigen: wenn sie sich neu verbinden, nehmen sie die Verbände ihrer Geschwüre auf einmal ab; nicht so der Messias: er verbindet jedes Geschwür einzeln, denn er denkt, wenn ich gebraucht werden soll, um zu erscheinen, darf ich durch meine Verbände nicht aufgehalten werden.
So ging er zu den Eingangstoren der Stadt, fand den Messias und sprach: „Friede sei mit dir, Meister und Lehrer.“
„Friede sei mit dir, Sohn Levis“, erwiderte er.
„Wann wirst du kommen, Meister?“ fragte er.
„Heute“, lautete die Antwort.
Als er zu Elija zurückkam, frage dieser: „Nun, was hat er zu dir gesagt?“
„Er hat mir Falsches gesagt“, erwiderte er, „er sagte, er käme heute, aber er ist nicht gekommen.“
Elija antwortete: „Was er dir sagte, war: „Heute, wenn du seine Stimme hörst, so verstocke dein Herz nicht!“
Und der Friede Gottes, der höher ist als unser Verstand, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus,  AMEN.

Fürbitten zu Sexagesimä

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