Okuli

Predigt über Markus 12, 41-44 am Sonntag Okuli (27.3.2011) in Pullach
„Das Scherflein der Witwe“ – oder: was ist Hingabe?

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen, AMEN.

Liebe Gemeinde,

gestern um die Zeit war es … Uhr. Machen Sie das auch so wie ich, dass Sie sich nach der Zeitumstellung noch eine Weile die „alte“ Zeit herholen? Oder, wenn etwas sehr teuer ist, dann rechne ich schnell in die alte Währung (DM) um. Ich denke, die Bedeutung dieses Geschehens ist es, sich zu orientieren. Sich einen vertrauten Anhaltspunkt „herzuholen“.

Vertrautes zu denken beruhigt. Neues zu denken verunsichert. Der Rückblick gibt Sicherheit. Vermeintliche Sicherheit. Denn, genau genommen, was nützt es, wenn ich weiß, wie spät es gestern um die Zeit gewesen ist? Es ändert jedenfalls nichts an der Jetzt-Zeit.

„Wer seine Hand an den Pflug legt und sieht zurück, ist nicht geeignet für das Reich Gottes.“ Das ist beunruhigend. Wo nimmt man da die Sicherheit her, die man zum Leben braucht? Brauchen wir nicht den Rückblick, um uns im Heute zu orientieren?

Unser heutiger Predigttext handelt von Orientierung. Allerdings von einer sehr ungewöhnlichen:   

„Und Jesus setzte sich dem Opferstock gegenüber und sah zu, wie das Volk Geld einlegte in den Opferstock. Und viele Reiche legten viel hinein. Und es kam eine arme Witwe und legte zwei Scherflein ein: das macht zusammen einen Pfennig. Und er rief seine Jünger zu sich und sprach zu ihnen: ‚Wahrlich, ich sage euch: diese arme Witwe hat mehr in den Opferstock gelegt als alle, die etwas eingelegt haben. Denn sie haben von ihrem Überfluss eingelegt; diese aber hat von ihrer Armut ihre ganze Habe eingelegt, alles, was sie zum Leben hatte.“

Liest man diese Geschichte schnell, ohne länger über sie nachzudenken, so wird man verführt, sie im Rahmen eines uns allen sehr vertrauten, Sicherheit gebenden Denkens zu verstehen. Einem Denken, das das, was es hört und sieht konkret nehmen möchte. Das Orientierung im Konkreten sucht. Das eine ist gut, das andere ist schlecht. In unserem Fall ist das Tun der Witwe gut, das der Reichen schlecht. Weil die Reichen nur von ihrem Überfluss geben, die Witwe aber alles gibt. Zu diesem uns vertrauten Denken gehört: Wenn … dann, weil und du bist schuld. Das Problem dieses Denkens liegt in seiner Wurzel: es ist kein ganzheitliches Denken, es strömt nicht aus einer Bewegung heraus. Es ist zerfallen in Ursache – Wirkung – gut – böse – links – rechts.

Die Grund-Haltung dieses zerfallenen Denkens ist die (moralische) Überheblichkeit: da die richtige und die falsche Seite immer schon feststeht, muss nur noch beurteilt werden, wer auf der richtigen und wer auf der falschen Seite steht. Zu diesem Zwecke setzt man sich vor den Opferkasten und beobachtet. Die moderne Form der Beobachtung sind die Videoaufzeichungen. Wir könnten in unserer Kirche auf der Decke Videokameras installieren, die aufzeichnen, was Sie geben, wenn der Klingelbeutel durch die Reihen geht. Wie wäre das? Keine gute Idee? Aber könnte man sich dafür auf Jesus, oder zumindest auf unseren Text berufen.  

Man könnte. Aber man muss nicht. Ich möchte unseren Predigttext anders lesen. Als Ausdruck eines Denkens, und einer Art zu leben, die auf Ganzheit, auf Heil, auf Heiligung ausgerichtet ist; einer Art zu denken, wo die Wirklichkeit nicht in entweder – oder zerfallen ist.

Für mich ist Jesus ein Vor-Denker des Denkens in sich entwickelnden Verbindungen. So verstehe ich seinen Satz, mit dem unser Gottesdienst begann: „Wer seine Hand an den Pflug legt und sieht zurück, ist nicht geeignet für das Reich Gottes.“

Ich verstehe das so: welche Tätigkeit auch immer du ausübst, übe sie „ganz“ („heil“) aus. „Sei bei der Sache!“ – „und indem du bei der Sache bist, bist du bei dir.“ Viele Menschen haben vor nichts so sehr Angst, als „bei sich zu sein“. Sie sind „zerstreut“. Es gibt viele Formen von Zerstreuung: beim Essen Zeitung lesen, beim Vokabel lernen Musik hören. Beim Gespräch schon an das Nächste zu denken. Jetzt noch schnell den Gottesdienst hinter sich bringen, und dann … Es gibt Menschen, die lassen sich mit einem Radiowecker wecken: schon im Aufwachen vermeiden sie, bei sich zu sein, versuchen sich abzulenken. Nichts ist einfacher und nichts ist schwieriger, als bei sich zu sein. Sie können es jetzt gleich ausprobieren: Sind Sie bei sich?
Spüren Sie den ruhigen Fluss Ihres Atems? Oder sind Sie in Gedanken bei – ich weiß nicht was. Sind Sie ganz hier?

Wir können es noch weiter ausprobieren. Wenn es jetzt still wird. Wenn auch ich schweige. Wenn es keine Ablenkung mehr gibt. Was passiert dann?

Hören wir das Dröhnen in unseren Köpfen?

Warum ist Stille so schwer zu ertragen?

Weil wir das „Nichts“ nicht mögen. Es ist unheimlich. „Der Menschensohn hat nichts, wo er sein Haupt hinlege“, haben wir vorhin gehört. Da ist das Nichts wieder. Das ist schwer erträglich. Sogar die Tiere haben Nester, haben Höhlen. Wir haben unsere Wohnungen und Häuser, unsere Autos, in denen wir uns „einnisten“. Wir haben unsere Überzeugungen, auf die wir unser Haupt betten. Wir haben unsere christlich geprägte Kultur, unsere klassische Musik, unser Vaterland und unsere Muttersprache. Die Sprache ist ein großer Gegner der Stille. Wenn Sie still werden, merken Sie, wie schnell in Ihnen Sprache sich entwickelt. Wir nennen das „Gedanken“. Ich habe gehört, dass wir jeden Tag zu 90 Prozent dasselbe denken. Also von 100 Gedanken sind 90 alt. Alt heißt aber auch vertraut. Wir haben unsere vertrauten Gedanken, die uns tragen, und die wir mit uns herum tragen. Täglich, stündlich, minütlich. Diese Gedanken haben uns Struktur gegeben – wir nennen das Charakter.

Vertrautes Denken: gestern war es um diese Zeit …

Ursprünglich einmal gab es keine Gedanken – da gab es nur Emotionen. Eine Baby denkt nicht – ein Baby erlebt. Erst aus vielen, vielen Erlebnissen heraus entstehen die ersten Gedanken. Die Gedanken schirmen die Emotionen ab – machen sie erträglich. Wenn ich mich allein, hungrig und voller Todesangst fühle und denken kann, dass die Quelle guter Milch nicht versiegt ist, wird sich meine Angst mildern. Obwohl sich an meiner äußerlichen Situation nichts geändert hat.

Und jetzt kommen wir zurück zu unserer Geschichte vom Scherflein der Witwe.

Die Witwe gibt alles, was sie hat. Sie macht sich leer.
Nur in der Leere lässt sich Gott erleben. Gott, der selbst „Nichts“ ist: nichts Hörbares, nichts Sehbares, nichts Riechbares. Schwieriger noch: nichts Denkbares, nichts Vorstellbares. Deshalb spricht der Hl. Johannes von den dunklen Nächten der Seele: die dunkle Nacht der Sinne und die dunkle Nacht des Verstandes, des Denkens muss der aushalten, der sich auf den Weg zu Gott macht. Und schließlich, wenn er meint, Gott zu finden, muss er die furchtbare dritte dunkle Nacht ertragen: die dunkle Nacht Gottes selbst.

So verstehe ich die beiden Scherflein der Witwe. Ein „Scherf“ – das war eine kleine Münze, wenig wert. Vor Gott sind unsere Sinne und unser Verstand zwei „Scherflein“ – wenig wert. Sie abzugeben ist das Beste, was man damit machen kann. Sich Gott nähern, heißt, Dunkelheit ertragen. Eine Dunkelheit, die unser Verstand nicht zu durchdringen vermag. Sich Gott nähern, heißt, mit leeren Händen dastehen. Es gibt „nichts“, worauf ich mich berufen kann: keine Leistung, kein Verdienst.

„Vor dir hingestellt, jede Hülle fällt.
 Ach, vor deinem Angesichte
 steh ich erst im rechten Lichte;
 was ich bin vor dir,
das bin ich in mir.“ (Philipp Spitta)

„Sie aber hat von ihrer Armut ihre ganze Habe eingelegt, alles, was sie zum Leben hatte.“ Es ist nicht genug, sich arm und leer zu machen. Auch die Armut selbst kann als Habe, als Besitz missbraucht werden. Die arme Witwe hat auch den Besitz, die Habe ihrer Armut hergegeben.

Es ist nichts festzuhalten.

Nichts-Haben und Nichts-Wissen ist die dem Reich Gottes angemessene Haltung. Das Reich Gottes ist nur für die etwas, die sich trauen, um ihr Nicht-Wissen zu wissen.

Und für uns, die wir uns für religiös und spirituell halten, sagt Johannes vom Kreuz: die schrecklichste dunkle Nacht ist die dunkle Nacht Gottes selbst. In dieser Nacht erkenne ich die Nichtigkeit und Sinnlosigkeit all meiner Versuche, Gott erkenne zu wollen. In dieser Nacht erkenne ich die Aussichtslosigkeit meines Kampfes, gegen den Strom des Lebens schwimmen zu wollen. In dieser Nacht kapituliere „ich“, in dieser Naht gibt mein „Ich auf. Und augenblicklich wird mein Leben leicht.  Der Strom des Lebens trägt. Ich fühle mich getragen. „Mein Joch ist sanft“, sagt Jesus.

Und was machen wir mit den Reichen, die nur von ihrem Überfluss geben? Es ist eine Falle, uns darüber zu stellen und zu meinen, wir hätten es erkannt. Nichts haben wir erkannt und täglich gibt es „Reiche“ in uns, die derart Angst haben, dass sie nur von ihrem Überfluss geben können. Wenn ich nämlich das Gefühl habe, ich zerstöre mich, wenn ich loslasse, ich vernichte mich, wenn ich mich hingebe, dann kann ich es nicht mehr tun. Es ist die nackte Angst, die die „Reichen“ in uns abhält, das Reich Gottes zu betreten.

Selig aber, wer lernen durfte, diese Angst zu verwandeln. Er wird sich vom Strom des Lebens getragen fühlen. Und ein seltsamer Friede umgibt ihn, ein Friede, gepaart mit kindlicher Heiterkeit und Leichtigkeit.
Allein ist er: alles ist eins geworden.

Die Bewegung ist keine Addition, sondern eine Integration. Eben diese Bewegung hat sich in unserer Geschichte versteckt, in dem unscheinbaren Satz: „und sie legte zwei Scherflein hinein, das macht zusammen einen Pfennig.“
Quantität (zwei Scherflein) wird zu einer neuen Qualität (ein Pfennig).
Ein Quantensprung.

Es gibt eine chassidische Geschichte, die veranschaulicht, was ich meine:

Sie lautet: „Dazwischen“

Der Maggid von Mesritsch sprach: „Kein Ding der Welt vermag aus einer Wirklichkeit in eine andere Wirklichkeit zu kommen, wenn es nicht vorher zum Nichts, das ist zur Wirklichkeit des Dazwischen, kam. Da ist es nichts und niemand kann es begreifen; denn es ist zur Stufe des Nichts gelangt wie vor der Schöpfung. Und da wird es zu einem neuen Geschöpf erschaffen, vom Ei zum Küchlein. In dem Augenblick, nachdem die Vernichtung des Eis vollendet ist, und ehe das Werden des Küchleins begonnen hat, ist das Nichts. … So auch der sprießende Same: er beginnt nicht zu sprießen, ehe jener Same nicht im Boden zerfällt und aus seinem Wesen vernichtet wird, damit er zum Nichts kommt, das die Stufe vor der Schöpfung ist. Und die wird Weisheit genannt, das heißt ein Gedanke, der keine Offenbarung hat. Sodann wird daraus geschaffen, wie geschrieben steht: ‚Sie alle hast du mit Weisheit gemacht:’“ AMEN.

Und die Liebe Gottes, die höher ist als all unser menschliches Verstehen, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus AMEN.

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