17. Sonntag nach Trinitatis

Predigt über Markus 9, 17- 27 am 17. Sonntag nach Trinitatis in Pullach
16.10.2011

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen, AMEN.

Liebe Gemeinde,

„unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat“. Mit diesem vollmundigen Wort aus dem ersten Johannesbrief begann unser heutiger Gottesdienst.
Können wir das auch  erleben? So dass es mehr ist, als eine Sprach-Hülse?

„Unser Glaube…“ – was ist das eigentlich?
Es scheint etwas sehr starkes zu sein, wenn es die ganze Welt überwinden kann. Und was ist das: die Welt überwinden? Die Welt scheint eine Gegenmacht zu „unser Glaube“ zu sein.
Gegen-Macht:
Was ist das Gegenteil von Glaube?
Unglaube.
Glaube und Unglaube stehen einander gegenüber.
Oder Glaube und Zweifel.
Oder Vertrauen und Misstrauen.

„Unser Vertrauen ist der Sieg, der die Welt überwunden hat …“

„Unser Vertrauen ist der Sieg über das Misstrauen…“

In Ver-Trauen ist „Treue“ versteckt: Treue verweist auf Bestand, auf Sicherheit. Im Vertrauen siegt die Sicherheit über die Unsicherheit: „in der Welt habt ihr Angst, doch siehe: ich habe die Welt überwunden.“

Im Hebräischen drückt das Verbum „aman“ (lautmalerisch: ma-ma – ham-ham) (vgl. „Amen“) „glauben“ aus. Es bedeutet auch:

„Sicher sein“, „dauerhaft beständig sein“, „zuverlässig treu sein“, „getragen werden“ (!) von einem Kinde und schließlich „glauben“ im Sinne von „vertrauen“ (pistis).

Substantiviert bedeutet es „Erzieher“, „Amme“ (Numeri 11,12!)

Vertrauen ist Ausdruck der guten, „sicheren“ inneren wie äußeren Beziehung:
Jes. 7, 9b: „Vertraut ihr nicht, so bleibt ihr nicht betreut.“ (Übersetzung M. Buber)
In der Welt des Misstrauens (M. Klein: paranoide Position) fühle ich mich verraten: Kürzlich hörte ich anlässlich des Wetterumbruchs jemand empört sagen: „Ich hasse den Herbst. Er betrügt uns um die Wärme, um den Biergarten, um das Baden gehen.“ Jemand, der dies sagt, fühlt sich „betrogen“. Er hat kein Vertrauen in den natürlichen Jahreskreislauf von Werden und Vergehen, sondern erlebt einen Betrüger, der ihm durch das schlechte Wetter „eine auswischen will“.

Die Position des Misstrauens entsteht, dass ich etwas „Gutes“ nicht mehr habe. Misstrauen hat mit Abwesenheit des Guten und Anwesenheit von Unangenehmem zu tun. Ich hörte einen alten Menschen voller Resignation sagen: „Man hat mir alles weg genommen – nur mein Appetit bleibt übrig.“ Das unbewusste Zentrum solcher Misstrauensgedanken ist ein „Gott“ der mich hasst, der sich an mir rächt, der mich quält, der ein unbarmherziges Spiel mit mir treibt. Ein Gott, wie der Hiobs.

Die Position des Misstrauens ist die eines ganz kleinen Babys, das großen Hunger hat und überzeugt davon ist, dass es besessen wird von einem Dämon, der darauf zielt, es verhungern zu lassen.

Das Vertrauen in einen gütigen und betreuenden Gott, in eine lebensspendende Quelle, die mich nährt, die Freude an meinem Wachstum hat, wächst langsam. Und es wächst durch Erfahrung. Von daher ist es viel leichter und uns näher misstrauisch zu sein als vertrauensvoll.
 
Unser heutiger Predigttext ist so eine Vertrauensgeschichte – und zwar eine solche, in der die Unauflösbarkeit von Vertrauen und Misstrauen, von Glaube und Unglaube (oder Zweifel) zum starken Ausdruck kommt. Es ist die (bekannte) Geschichte von der Heilung des an Epilepsie leidenden Jungen.

 „Einer aus der Menge sagte: ‚Meister, ich habe meinen Sohn hergebracht zu dir, der hat einen sprachlosen Geist. Und wo er ihn erwischt, reißt er ihn und er hat Schaum vor dem Mund und knirscht mit den Zähnen und wird starr. Und ich habe mit deinen Jüngern geredet, dass sie ihn austreiben sollen und sie konnten’s nicht. Er aber antwortete ihnen und sprach: O du ungläubiges Geschlecht, wie lange soll ich bei euch sein? Wie lange soll ich euch ertragen? Bringt ihn her zu mir! Und sie brachten ihn zu ihm. Und sogleich, als ihn der Geist sah, riss er ihn. Und er fiel auf die Erde, wälzte sich und hatte Schaum vor dem Mund. Und Jesus fragte seinen Vater: Wie lange ist’s, dass ihm das widerfährt? Er sprach: von Kind auf. Und oft hat er ihn ins Feuer und ins Wasser geworfen, dass er ihn umbrächte. Wenn du aber kannst, so erbarme dich unser und hilf uns! Jesus aber sprach zu ihm: Du sagst: Wenn du kannst – alle Dinge sind möglich dem, der da glaubt. Sogleich schrie der Vater des Kindes: Ich glaube, hilf meinem Unglauben! Als nun Jesus sah, dass das Volk herbei lief, bedrohte er den unreinen Geist und sprach zu ihm: Du sprachloser und tauber Geist, ich gebiete dir: Fahre von ihm aus und fahre nicht mehr in ihn hinein! Da schrie er und riss ihn sehr und fuhr aus. Und der Knabe lag da wie tot, so dass die Menge sagte: Er ist tot. Jesus aber ergriff ihn bei der Hand und richtete ihn auf, und er stand auf.“

Das Beeindruckende, ja Unglaubliche an diesem Jesus aus Nazareth ist sein Eins-Sein mit einem allmächtigen Prinzip, das er „abba“, „mein Vater“ nennt. „Nichts ist unmöglich dem, der da glaubt“ – ein Jesuswort, das übrigens auf der
Hitliste der Konfirmationssprüche bei den Jungs ganz oben steht. „Nichts ist unmöglich …“ erinnern Sie sich noch an den Werbeslogan einer Automarke?

Schon ein wenig größenwahnsinnig das Ganze, oder?
Andererseits gibt es das alte Medizinermotto: „wer heilt hat, recht.“

Aber hat Jesus wirklich geheilt? Auf einer Internetseite, der es um Bibelkritik geht, findet man eine harsche Kritik an unserer Geschichte: sie wie andere würden die Missachtung psychischer Krankheiten begünstigen: Jesus zeige keinerlei Verständnis für den Jungen, stattdessen wird krank sein verbunden mit, von einem bösen Geist besessen zu sein. Von hieraus führe eine direkte Linie bis zu den Hexenprozessen. Und im übrigen sei es auch noch Scharlatanerie gewesen: denn nach einem epileptischen Anfall wäre man in der Regel symptomfrei, und wenn der nächste Anfall kommt, ist der vermeintliche Wundertäter bereits über alle Berge.

Vielleicht ist diese Kritik auf einer rein historischen Ebene berechtigt. Der kleine Satz: „und als nun Jesus sah, dass das Volk herbei lief, bedrohte er den unreinen Geist…“ könnte ein Hinweis darauf sein, dass es Jesus auch sehr um die Außenwirkung ging. Aber ist unsere Geschichte damit erledigt?

Ich  lese die Geschichte nicht in erster Linie als Heilungsgeschichte. Ich lese sie wie gesagt als Vertrauensgeschichte, als Geschichte, die davon handelt, wie heilsam Vertrauen sein kann. Und dann ist ihr Mittelpunkt auch nicht die Heilung, sondern der kurze Dialog zwischen dem Vater und Jesus:

Vater: „Wenn du aber etwas kannst, so erbarme dich unser und hilf uns.“
Jesus: „Du sagst: wenn du aber etwas kannst – nichts ist unmöglich dem der glaubt.“
Vater: „Ich glaube, hilf meinem Unglauben!“

Der erste Schritt zum Vertrauen ist die Anerkenntnis meines Nicht-Könnens. „Erbarme dich unser und hilf uns!“ Jemand, der meint, aus sich selbst heraus leben zu müssen, sich selbst erschaffen zu müssen, in dem kann kein Vertrauen wachsen. So jemand wird auch nie zugeben, dass er hilfsbedürftig ist. Es ist zu kränkend für ihn. Das sind die Menschen, die geben bis zum Umfallen – aber sie können nicht nehmen. Sie können nicht empfangen. Für sie gälte: nehmen ist seliger als geben. Aber das Nehmen ist mit Misstrauen vergiftet: wenn ich nehme, dann liefere ich mich ja aus, zeige ein Blöße, bin gar dem anderen noch was schuldig. „Ich werde mich für das gute Essen revanchieren“ heißt es dann. „Revanchieren“ – das heißt wörtlich: „sich rächen, Vergeltung üben.“  Also: wenn sich jemand bei Ihnen revanchieren will, denken sie dran: der will sich rächen!

Nein – im Ernst: nehmen zu können heißt, mich hingeben zu können; und Hingabe setzt Vertrauen in die Beständigkeit, in den „Halt“ der Beziehung zum Anderen voraus. Hingeben heißt mich loslassen – und dazu benötige ich Vertrauen, gehalten zu werden. Der Vater in unserer Geschichte hat anfangs dieses Vertrauen nicht. Er scheint am Ende zu sein, verzweifelt über das Leiden seines Sohnes. Ihm ist jede Hilfe recht. Es ist sich keineswegs sicher, ob Jesus helfen kann: „Wenn du aber kannst…“ – dahinter steht sein ganzer Zweifel, ob irgend jemand ihm helfen kann.

Jesus wäre nicht Jesus, würde er nicht genau darauf den Finger legen: „was heißt wenn du kannst? Es geht nicht ums Können, es geht ums Glauben: nichts ist unmöglich dem, der da glaubt!“

Das ist seine einfache Antwort.

Und damit scheint er bei dem Vater irgendwo durchgebrochen zu sein, irgend ein altes Abwehrschild scheint überflüssig geworden zu sein. Und so ruft er:
“Ich glaube, hilf meinem Unglauben!“

Wie weise sind diese schlichten fünf Worte. Sie erkennen an: ein Leben ohne Unglauben, ein Leben ohne Zweifel, ein Leben ohne Misstrauen gibt es nicht.
Es geht nicht darum, das Misstrauen auszurotten, sondern es geht darum, das Vertrauen zu stärken. Je sicherer jemand im Land des Vertrauens lebt, desto weniger anfällig ist er für die Angriffe des Misstrauens. Und desto weniger muss er kontrollieren: sich selber und die anderen.

„Ich vertraue, hilf meinem Misstrauen“ – das ist der Sieg unseres Vertrauens über die Welt. Nicht mehr – aber auch nicht weniger.
Und wenn mir jemand sagt, er habe den vollkommenen Glauben gefunden, er kenne keinen Zweifel, dann werde ich sehr misstrauisch. Glaube ohne Zweifel – wie soll das gehen? Ebenso misstrauisch werde ich allerdings auch bei den notorischen Nur-Zweiflern. Mir scheint, dass beide, die „Nur-Gläubigen“ wie die „Nur-Zweifler“ etwas zerrissen haben, was zusammengehört: Glaube und Unglaube. Gerade diese Zusammengehörigkeit schützt vor Überheblichkeit: sowohl des Gläubigen als auch des Ungläubigen.
 
Von dieser Zusammengehörigkeit erzählt auch eine chassidische Geschichte, die ich Ihnen abschließend erzählen möchte:

Eine chassidische Geschichte: „Ich glaube“

„Rabbi Noach hörte einst von seiner Kammer aus, wie im dranstoßenden Lehrhaus einer seiner Treuen die Glaubenssätze zu sprechen begann, dann aber, sogleich nach den Worten: „Ich glaube in vollkommenen Glauben“ abbrach und sich zuflüsterte: „Das versteh ich nicht!“ und nochmals: „Das versteh’ ich nicht!“ Der Zaddik trat aus der Kammer ins Lehrhaus. „Was ist es, das du nicht verstehst?“ fragte er. „Ich verstehe nicht, was das für ein Ding ist“, antwortete der Mann. „Ich sage: ich glaube. Glaube ich wirklich, wie geht es dann zu, dass ich sündige? Glaube ich aber nicht wirklich, warum sage ich dann eine Lüge her?“ „Es heißt“ sagte Rabbi Noach, „der Spruch ‚ich glaube’ sei ein Gebet. ‚Ich möge glauben’, das bedeutet er.“ Da glühte der Chassid auf. „So ist es recht“, schrie er, „so ist es recht! Möge ich glauben, Herr der Welt! Möge ich glauben!“ (M. Buber, Die Erzählungen der Chassidim, S. 626)

Mögen wir glauben Herr der Welt, AMEN.

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