Predigt am Sonntag Invokavit 2012 (Thomaskirche Grünwald)

Predigt über 1. Korinther 6,1-10
am Sonntag Invokavit 2012 in Grünwald (Thomaskirche)
von Lothar Malkwitz

Liebe Konfirmanden, liebe Gemeinde, lieber Paulus!

Ja, auch und gerade lieber Paulus. Ich wende mich mit dieser Predigt direkt an dich, der du mir nicht zum ersten Mal erhebliche Probleme machst. Ich fürchte mich allmählich schon davor, wenn wieder eine Stelle aus deinen Briefen der Text ist, über den ich zu predigen habe. Ich bin aber auch zu stolz, mich einfach über den vorgegebenen Predigttext hinweg zu setzen. Also bleibt mir nichts übrig, als mich mit dir auseinander zusetzen.

Nun weiß ich als Beobachter menschlichen Seelenlebens, wie häufig es sich so verhält, dass das, was mich an anderen Menschen ärgert, empört usw. in der Tiefe Teile meiner eigenen Seele sind. Unbewusste Teile meiner eigenen Seele, mit denen mein Bewusstsein, mein denkendes Ich nichts zu tun haben will, über die sich mein moralisches Ich empört. „Was siehst du die Splitter im Augen deines Nächsten, die Balken in deinem eigenen Auge aber siehst du nicht.“

Die große Verführung besteht darin, das Denken des Anderen dafür zu verwenden, gegen diese (meine eigenen mir unbewussten) Teile anzukämpfen. Dies führt zu immer tieferen Gräben mit den dazugehörigen „Grabenkämpfen“, von denen die Geschichte der Religionen, auch die des Christentums voll ist. Der Weg heraus ist unangenehm: er geht nämlich über die Anerkenntnis, dass in mir selbst sich eben dies findet, was ich im Anderen so sehr bekämpfe. Der Weg heraus aus den Gräben führt also „in mich hinein“: erst wenn ich es wage, in mich hinein zu hören, mich mit meinen eigenen unangenehmen Seiten kennen zu lernen, lerne ich verstehen, wie sehr ich den Anderen als „Entsorger“ meiner eigenen dunklen Seiten verwendet habe. Der heutige Sonntag „Invocavit“ ist ein Psalmwort, wo es heißt: „er ruft mich an, darum will ich ihn erhören“. Heißt für mich: mein „ich rufe hinein“ verhallt nicht ins Leere, die Bewegung nach „innen“ führt paradoxerweise aus meiner Verzweiflung, aus meinem Gefängnis heraus.

Übrigens: Die drei Versuchungen des Teufels handeln davon, Jesus dazu zu verführen, nicht nach innen zu rufen, die äußere Welt an die Stelle der inneren zu setzen. Und Jesus weist die Versuchungen zurück, indem er auf die Bedeutung und Ordnung seiner inneren Beziehung zu Gott verweist: der Mensch lebt von den Worten, die aus Gottes Mund fließen; du sollst niemand anbeten, außer Gott; du sollst Gott deinen Herrn nicht verführen.

Gestärkt und identifiziert mit diesem Jesus möchte ich mich dem heutigen Predigttext zuwenden, in dem du, lieber Paulus, Einblicke in dein Leben als Apostel Jesu Christi gibst. Du scheinst mit dem Rücken zur Wand zu stehen und verteidigst dich kraftvoll, indem du darauf hinweist, wie du als „Mitarbeiter der Gemeinde Christi“ lebst:

2. Korinther 6,1-10:

„1 Als Mitarbeiter aber ermahnen wir euch, dass ihr die Gnade Gottes nicht vergeblich empfangt. 2 Denn ER spricht (Jes. 49,8): ‚Ich habe dich zur Zeit der Gnade erhört und habe dir am Tag des Heils geholfen.’

Siehe jetzt ist die Zeit der Gnade, jetzt ist der Tag des Heils.

3 Und wir geben in nichts irgendeinen Anstoß, damit unser Amt nicht verlästert werde; 4 sondern in allem erweisen wir uns als Diener Gottes: in großer Geduld, in Trübsalen, in Nöten, in Ängsten, 5 in Schlägen, in Gefängnissen, in Verfolgungen, in Mühen, im Wachen, im Fasten, 6 in Lauterkeit, in Erkenntnis, in Langmut, in Freundlichkeit, in heiligem Geist, in ungefärbter Liebe, 7 in dem Wort der Wahrheit, in der Kraft Gottes, mit den Waffen der Gerechtigkeit zur Rechten und zur Linken, 8 in Ehre und Schande; in bösen Gerüchten und guten Gerüchten, als Verführer und doch wahrhaftig; 9 als die Unbekannten, und doch bekannt; als die Sterbenden und siehe, wir leben; als die Gezüchtigten, und doch nicht getötet; 10 als die Traurigen, aber allzeit fröhlich; als die Armen, aber die doch viele reich machen; als die nichts haben, und doch alles haben.“

„Als Mitarbeiter ermahnen wir euch…“ parakaleo im griechischen hat etwas freundliches, liebevolles: herbeirufen, ermuntern, freundlich auffordern, einladen … ohne Gewalt, ohne Zwang.

„Wir ermuntern euch, damit ihr die Gnade Gottes nicht vergeblich empfangt.“ Das scheint deine Sorge zu sein, dass Gemeindeglieder, obwohl formal zum Christentum bekehrt, die „Gnade“ vergeblich empfangen. Was das heißt, sagst du nicht so genau, aber es hat natürlich schon Schärfe, dem Anderen zu sagen, er hätte die Gnade Gottes vergeblich empfangen. Zugleich betonst du: „Siehe, jetzt ist der Tag des Heils, jetzt ist die Stunde der Gnade.“ Und diese Betonung wird untermauert mit dem Hinweis auf den Propheten Jesaja: „Ich habe dich zur Zeit der Gnade erhört und habe dir am Tag des Heils geholfen“ (Jes. 49,8). Du rufst uns in die Gegenwart. Und das tut gut. „Die wichtigste Stunde ist immer die Gegenwart“, sagt Meister Eckhart. Wir haben letzte Woche, als wir zusammen in dem Predigtvorbereitungskreis diesen Text heftig und kontrovers diskutierten, dieses „jetzt“ erleben dürfen. Zeit der Gnade heißt nicht: langweilige Harmonie. Zeit der Gnade heißt lebendige Auseinandersetzung, aber in Liebe zu einander; heißt sich am Ende wieder die Hand geben können, heißt sich im Gebet zusammen finden und sich auf die unsichtbare Mitte zurück zu besinnen.

„Und wir geben in nichts irgendeinen Anstoß, damit unser Amt nicht verlästert wird.“ Das glaube ich dir sofort, lieber Paulus, und es macht dich recht menschlich, dass du das so betonst. Man möchte dich beinahe trösten und sagen: ja, ja, beruhige dich doch, du bist ein bedeutender Apostel, ein Kämpfer des Glaubens für den Glauben an Jesus Christus. Aber so leicht bist du nicht zu beruhigen. Wenn du einmal in Fahrt bist, dann bricht deine Leidenschaft mit dir durch:

„…sondern in allem erweisen wir uns als Diener Gottes: in großer Geduld, in Trübsalen, in Nöten, in Ängsten, 5 in Schlägen, in Gefängnissen, in Verfolgungen, in Mühen, im Wachen, im Fasten, 6 in Lauterkeit, in Erkenntnis, in Langmut, in Freundlichkeit, in heiligem Geist, in ungefärbter Liebe, 7 in dem Wort der Wahrheit, in der Kraft Gottes, mit den Waffen der Gerechtigkeit zur Rechten und zur Linken, 8 in Ehre und Schande; in bösen Gerüchten und guten Gerüchten, als Verführer und doch wahrhaftig; 9 als die Unbekannten, und doch bekannt; als die Sterbenden und siehe, wir leben; als die Gezüchtigten, und doch nicht getötet; 10 als die Traurigen, aber allzeit fröhlich; als die Armen, aber die doch viele reich machen; als die nichts haben, und doch alles haben.“

Im Laufe des Predigtvorbereitungskreises habe ich erfahren können, lieber Paulus, was mein Problem mit dir ist: dass ich so misstrauisch bin, ob du mit erhobenem Zeigefinger hier hinter mir stehst. Dann kommt dein Satz so bei mir an, als würdest du dich dessen brüsten, was du für ein herausragender Diener Gottes du bist. Und dann fühle ich mich klein gemacht, und dann beginne ich mich zu ärgern. Und dann kann ich dir nicht mehr offen zuhören. Das ist das Problem von Strafpredigten: sie bleiben so wirkungslos, weil sie den Anderen in der Tiefe nicht erreichen, und gar nicht erreichen wollen. Strafpredigten führen nicht zu einer Veränderung aus dem Herzen heraus, sondern zu einer Veränderung aus Angst. Der Glaube aber, der dir und mir so wichtig ist, Paulus, geschieht gerade nicht aus Angst heraus. Das ist ja doch eine deiner Kernideen, dass wir nicht vor Gott rechtfertigt sind, indem wir ängstlich seine Gesetze erfüllen. Aus Glauben, aus dem tiefen Vertrauen auf Jesus Christus und seine Botschaft von der Liebe und Barmherzigkeit Gottes werden wir rechtfertigt. Und niemals können wir uns selbst rechtfertigen!

Wenn ich deinen langen Satz von deiner Rechtfertigungslehre her lese, wenn ich ihn ohne erhobenen Zeigefinder hören kann, dann klingt er ganz anders. Dann klingt er für mich so: wer Mitarbeiter Gottes sein will, der sei ein Diener Gottes: und er möge sich von vorne herein darüber im Klaren sein, dass dies keine  Freikarte in das Paradies immerwährender Glückseligkeit ist. Diener Gottes sein heißt: Geduld aufbringen können, Trübsale, Nöte, Ängste ertragen, heißt Schläge, Rück-Schläge hinnehmen, heißt im Gefängnis (auch der eigenen Ängste, des eigenen Unvermögens) eingesperrt sein, heißt verfolgt werden (auch von hässlichen Gedanken und bedrückenden Gefühlen),  heißt sich abmühen, heißt wachsam sein gegenüber teuflischen Verführungen, heißt Fasten im Sinne von sich zurückhalten können, heißt ehrlich sein, heißt sich offen halten dafür, Neues zu  erkennen, heißt langmütig und nicht gleich gereizt sein, heißt freundlich und so im Heiligen Geist bleiben, heißt zu lieben ohne Partei zu ergreifen, heißt sich bemühen, die wahren, gerade passenden Worte zu finden, heißt nicht aus eigener sondern in der Kraft Gottes zu leben und keine anderen Waffen als die der Gerechtigkeit zu verwenden; und in alledem geschieht dem Diener Gottes Ehre ebenso wie Schande und beides erträgt er genauso wie die guten und die bösen Gerüchte über ihn; und natürlich verführt er auch, aber so, dass er hinführt zu einem Leben in Wahrhaftigkeit vor seinem Gewissen, seinem Nächsten und vor Gott; der Diener Gottes lebt davon, sich überflüssig zu machen, er verschwindet hinter seiner Botschaft – so ist er unbekannt, bekannt nur als der, der für die Botschaft eintritt, und natürlich ist er ein Sterbender und Sterblicher, wie alle anderen Menschen auch – aber immer wieder: „und siehe wir leben“ wird er erleuchtet und gekräftigt vom Gott des Lebens, in dessen Dienst er steht und bleibt, auch wenn er sich gezüchtigt und ungerecht behandelt fühlt, und so setzt sich doch seine lebendige Beziehung zum lebendigen Gott über alle diese Widrigkeiten hinweg. Und natürlich sind die Diener Gottes traurig, eine Trauer, die aber getragen ist von einer noch tieferen Fröhlichkeit – „mich wundert, dass ich so fröhlich bin“ – und natürlich sind die Diener Gottes „arm“ – jedenfalls arm im Herzen, weil sie versuchen leer zu sein, um sich so von Gott füllen zu lassen und mit dieser Fülle auch andere reich machen können. Sie haben nichts in Händen und haben doch alles, was sie zum Leben brauchen: „Ich glaube“, bekennt ein Diener Gottes, D. Bonhoeffer, „dass Gott uns in jeder Notlage soviel Widerstandskraft geben will, wie wir brauchen, aber er gibt sie nicht im voraus, damit wir uns nicht auf uns selbst, sondern allein auf IHN verlassen.“

Es ist für mich selbst völlig überraschend, welche anderen, neuen Gedanken mir kommen, wenn ich die Freiheit verspüre, mich auf deinen Briefausschnitt einzulassen können, mein lieber Paulus. An dieser Stelle möchte ich dem Predigtvorbereitungskreis Danke sagen, da mir im Laufe des Abends diese Freiheit begann zu dämmern. Ich glaube, diese Freiheit ist viel viel wirkmächtiger als jeder eifernde Zwang. Und der rechtfertigende, barmherzige Gott bedarf keiner Eiferer. Im Gegenteil: die Eiferer, die Fanatiker machen die Botschaft der Barmherzigkeit Gott unglaubwürdig. Es ist ein unglaubwürdiger Gott, in dessen Namen Gewalt ausgeübt wird, Bomben geworfen werden. Es ist ein Gott, der in seinem eigenen Hass stecken geblieben ist. Dies gilt auch für die Prediger des Zornes.

So brauchen wir uns nicht über die Abwendung von Gott und die Hinwendung zur Vernunft bei uns in Westeuropa wundern. Es steckt so tief die Erfahrung in uns, dass wegen des sogenannten „richtigen“ Glaubens an Gott sich die Menschen die Köpfe eingeschlagen haben! Dabei ist der wahre Gott seinem Wesen nach unerkennbar, jenseits und höher als all’ unsere menschliche Vernunft, unverfügbar und von niemandem in Besitz zu nehmen. „Gott wohnt in einem Lichte, zu dem niemand kommen kann…“ (1. Tim 6,16b) So dass angemessenes Reden von Gott dem Stammeln eines kleinen Kindes gleicht, so unfassbar, so gewaltig so über unseren kleinen Verstand erhaben ist er.

Und auf der anderen Seite ist echtes Reden von Gott wieder so einfach: „Gott ist die Liebe. Und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm“ (1. Joh. 4, 16b). Im Grunde genommen lässt sich das, was du uns heute alles aufgezählt hast, was das Leben eines Mitarbeiter Gottes ausmacht, zusammenfassen zu der einfachen Botschaft: „in der Liebe bleiben – und zwar gerade angesichts der Widrigkeiten und Schicksalsschläge des Lebens“. Und: nicht irgendwann, sondern heute: „Heute ist die Zeit der Gnade, jetzt ist die Stunde des Heils.“

Du sagst an anderer Stelle, wenn Jesus nicht von den Toten auferstanden ist, dann ist unser Glaube nichtig. Ich finde, wir sollten dem nicht so viel Gewicht geben, unseren Glauben nicht so leicht aufs Spiel setzen. Viel wichtiger ist doch, ein auf dem Fundament unseres Glaubens heraus verantwortungsvolles Leben in der Gegenwart zu führen. Unser Glaube hängt doch nicht an einem historischen Faktum; unser Glaube hängt an der Wahrheit der Barmherzigkeit Gottes. Und Gott braucht keine Beweise. Alles was Gott braucht, ist unser Vertrauen. Unser Glaube vertraut, dass es möglich ist, ein Leben in innerer wie äußerer liebevoller Begleitung, ein Leben in hinein und aus Gott heraus zu führen. Unser Glaube ist sich sicher, dass Gott nur eines will: uns lieben. Und unser Glaube erkennt an, dass nicht wir es sind, die unser Leben im Griff haben, sondern dass wir von IHM oder ES gelebt werden. Ich darf dich noch einmal zitieren: ‚Leben wir, so leben wir dem Herrn, sterben, wir so sterben wir dem Herrn; ob wir also leben oder sterben, wir sind des Herrn.’ (Röm 14,7) Mir ist das genug. Ich lasse mir an deiner Gnade genügen.

Lieber Paulus,

da ich nicht weiß, ob du mich hören kannst, kann ich jetzt auch keine direkte Antwort von dir erwarten. Du hast so viele kluge und schöne Gedanken entwickelt, die weitergetragen werden wollen. In Freiheit und Liebe. Ich bin mir nämlich sicher, dass, falls unsere Welt noch zu retten ist, dann nur über die Liebe zum Leben. Die Liebe, die allein die Kraft hat, das Leben in seinem Werden und Vergehen anzuerkennen, die Liebe, die die eigene Schwäche und Vergänglichkeit erträgt, und die Liebe, die nichts mehr braucht, nichts mehr will, nichts mehr sucht, weil sie angekommen ist in IHM, den unendlichen, barmherzigen, liebevollen Gott.

Mögen wir in ihn uns immer tiefer hineinbilden, mögen wir in ihm unserer eigenen Wahrheit begegnen und so zu einem Frieden finden, der höher ist als all’ unsere menschliche Vernunft AMEN.

Schlagworte: