Sonntag Judika 2012

Predigt über 4. Mose 21,4-9 am Sonntag Judika 2012
in der Thomaskirche in Grünwald
Von Lothar Malkwitz

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen, AMEN.

Liebe Konfirmanden, liebe Gemeinde,

offenbar tun wir Menschen uns schwer mit dem Allein-Sein. Wenn man den Geschichten der Bibel glauben kann, so sind die schlimmsten „Verfehlungen“ in Situationen des Allein-Seins, genauer des Allein-gelassen-worden-Seins entstanden. Schon im Paradies findet die erfolgreiche Verführung durch die Schlange zu einer Zeit statt, als Adam und Eva sich selbst überlassen waren – also in der Abwesenheit Gottes. Kain ermordet seinen Bruder Abel ebenfalls gleichsam „hinter dem Rücken Gottes“. Und das goldene Kalb entsteht, als das Volk das Warten auf Moses nicht mehr aushält. Jesus wird vom Satan verführt am Ende seiner 40tägigen Fastenzeit in der Wüste – auch da ist er ganz allein.

Unser heutiger Predigttext ist auch so eine Wüstengeschichte. Sie steht im 4. Buch Mose, das in der jüdischen Tradition „in der Wüste“ heißt. Es handelt von dem langen Weg des Volkes Israel durch die Wüste, aus Ägypten von den „Fleischtöpfen“ und der „Sklaverei“ kommend, in das gelobte Land, wo Milch und Honig fließen, ziehend. Ihr Führer ist – so wollte es Gott – der Mann Moses. Er stirbt – das „Gelobte Land“ vor Augen, ohne es je betreten zu haben. Große Führer können und dürfen nicht sich nieder lassen, sich zur Ruhe begeben: „Die Füchse haben Gruben, und die Vögel unter dem Himmel haben Nester; aber der Menschensohn hat nichts, wo er sein Haupt hinlege“ (Matth. 8,20).

Aber auch vor ihrem eigenen Volk haben große Führer selten Ruhe. Das Volk Israel jedenfalls benimmt sich wie ein quengelndes, unzufriedenes Kind, dem man es einfach nicht recht machen kann.

„Wären wir doch bloß in Ägypten geblieben. Da hatten wir jedenfalls genug zum Essen und Trinken. Warum musstest du uns hierher führen?“ murren sie immer wieder. Und murren sie besonders, wenn sie sich allein und hilflos fühlen.

Das hat man dann davon: man setzt sein Leben dafür ein, die eigenen Leute aus der Sklaverei heraus zu führen, und was bekommt man als Dank? Jammern, klagen, murren. Eben noch hatten sie mit Gottes Hilfe gegen die Kanaaniter gesiegt – aber statt Dank und Freude „ward das Volk verdrossen“ – wie Luther so schön übersetzt. „und redete wider Gott und wider Mose: Warum hast du uns aus Ägypten heraus geführt, dass wir sterben in der Wüste? Denn es ist kein Wasser und Brot hier und das Brotzeug hier widert unsere Seele an.

Da sandte ER gegen das Volk die Vipern, die Brandnattern aus, die bissen das Volk und viel Volk von Israel starb. Da kamen sie zu Mose, sprachen: wir haben gesündigt, dass wir gegen IHN und gegen dich geredet haben; setze dich bei IHM ein, dass er die Viper von uns nehme.

Mose setzte sich ein für das Volk. ER sprach zu Moses: Mache dir eine Brandnatter und tue sie an eine Bannerstange. So sei es: jeder Gebissene sehe sie an und er wird leben bleiben.

Mose machte die Viper von Kupfer, er tat sie an eine Bannerstange.
Es geschah: hatte die Viper einen Mann gebissen, blickte er auf die Viper von Kupfer und er blieb am Leben.“ (4. Mose 21,4b-9)

Folgen wir dem vertrauten Spuren, so wie wir das alle gelernt haben, dann ist die Geschichte schnell erklärt: das Volk ist ungehorsam, undankbar, redet gegen Moses und Gott. Schlimmer noch: es findet die göttliche Wüstennahrung, das Manna „widerlich“. So viel Eigensinn scheint grausam bestraft werden zu müssen: wer „Widerworte gibt“, wem das Essen nicht schmeckt, der wird mit dem Tod bestraft. Erst als das Volk bekennt: „Wir haben gesündigt, wir waren böse“, versucht Moses sich bei Gott für das Volk einzusetzen. Daraufhin gewährt Gott einen Ausweg: wer nämlich die kupferne Schlange ansieht, für den ist der Schlangenbiss nicht tödlich.

Ich weiß nicht, wer von Ihnen den Film „Das weiße Band“ angesehen hat – ein Film, der die grausame Erziehungsmethode eines evangelischen Pastors in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts schildert. Mühelos könnte sich dieser Pastor auf unsere Geschichte berufen. Gott ist zum Repräsentanten eines kalten Macht-Vaters geworden, dem Widerworte zu geben vernichtend bestraft wird. Mit Prügeln, mit Einsperren, mit tagelangem Schweigen. Moses wäre in diesem System die Mutter und Ehefrau, die sich der väterlichen Tyrannei unterworfen hat. Ab und zu – je nach Laune des Diktators, kann sie ein gutes Wort bei ihm für die Kinder einlegen. Natürlich nur, wenn die Kinder vorher ihre „Verfehlung“ zugegeben und um Entschuldigung gebeten haben. Alles, was sie dabei erreicht, ist eine Begrenzung der Todesstrafe: wer sich selbst demütigt, „hinauf“ zu dem Bild blickt, wer sich vor dem Diktator in den Staub wirft und seine Hoheit bedingungslos anerkennt, der kommt mit dem Leben davon. Ich vermute, unter uns sind noch Menschen, die Nachwirkungen dieser Erziehungsmethode am eigenen Leibe erlebt haben. Im 5. Buch Mose heißt es übrigens wörtlich: „So erkennst du in deinem Herzen, dass der Herr, dein Gott, dich erzogen hat, wie ein Mann seinen Sohn erzieht.“ Erziehung über Demütigung und Prügel, mit dem Ziel, den anderen in seinem Eigenwillen zu brechen: man nennt diese Erziehungsmethode „schwarze Pädagogik“. Leider gehört sie nur bedingt der Vergangenheit an.

Aber ist das alles, was zu unserem Text zu sagen ist?

Mich befriedigt diese Erklärung, in der Gott zu einem beleidigten Vater wird, der in seinem Zorn seine quengelnden Kinder vernichtet, nicht. Was muss das für ein in sich selbst verliebter Gott/Vater sein, der keinen Widerspruch duldet? Der unfähig ist, seinen eigenen Herrschaftsstandpunkt zu reflektieren, der gar nicht auf die Idee kommt, so etwas wie Mitgefühl mit seinen Kindern, mit seinem Volk zu entwickeln? Ich glaube nicht an einen Diktator-Gott, dessen Macht darin besteht, den anderen Angst zu machen, ihn einzuschüchtern und zu vernichten. Und ist es – nebenbei – nicht sehr verständlich, dass solch eine Erziehungsmethode vor allem eines schürt: Hass und Verachtung. Natürlich kann und darf aus Angst vor dem Macht-Vater dieser Hass sich nicht auf ihn selbst richten; so wird er umgelenkt, so richtet er sich auf die oder das „andere“, was nicht konform ist, was ein Eigen-Leben führt.

Ich bin auf der Suche nach einem Gott, der mich, der mein Eigenleben und der auch meine Schattenseiten aushält. Der mir beisteht durch die Wüstenwanderungen meines Lebens, der mich hält, wenn ich zu fallen drohe, der mich begleitet und ermuntert, anstatt mich auch noch zu schlagen, wenn es mir ohnehin schon schlecht genug geht.

Auf der anderen Seite: es gibt ein Quengeln, ein Jammern, ein Zetern, das einen in den Wahnsinn treiben kann. Das Gefühl zu haben, alles was ich dem Anderen anbiete, gebe, hilft nichts, macht ihn nicht zufrieden, kann einen zu einer Mischung aus Weißglut und Verzweiflung bringen. In der Weißglut explodiert das Ganze – dann fliegen die Teller an die Wand, dann werden die Türen geschmissen, die Gebotstafeln zertrümmert. Dann geschieht Mord und Totschlag. Oder es kommt zu einer Implosion. Dann bricht die Seele innerlich zusammen. Die Gefühle dazu sind tiefe Resignation und Suizidalität.

Gibt es einen Weg, der aus diesem Dilemma herausführt?
Einen Weg in die Freiheit?

Den gibt es wohl. Und zwar für jeden von uns. Es ist der Weg des Loslassens, des Sich-Trennens. Er-Lösung hat mit Los-Lassen, los-lösen zu tun. Und genau diesen Weg geht das Volk Israel: es ist der Weg, der aus der Abhängigkeit der „Fleischtöpfe Ägyptens“ („Hotel Mama“) „durch die Wüste“ in das eigene Land führt. So gesehen ist das Zetern und Quengeln des Volkes Israel nichts anderes als das Durchleben der Gefühle einer echten Pubertät: jeder Jugendliche ist mit den Problemen konfrontiert, groß und selbständig sein zu wollen und gleichzeitig klein und abhängig bleiben zu wollen. Letzteres wird natürlich gerne durch zur Schau getragene „Coolness“ überdeckt. Und – seien wir mal ehrlich: das Elternhaus als „kostenloses Vier-Stern-Hotel“ – wäre doch genial, oder?

Das Problem ist: erwachsen und selbstständig sein zu wollen.
Das Problem ist: sich den Gefühlen des erwachsen und selbstständig Werdens nicht auszusetzen. Unser Schulsystem verführt dazu, so zu tun, als wäre man schon erwachsen. Unser Schulsystem, besonders am Gymnasium, steht in der Gefahr, riesige Köpfe heranzuziehen, die nicht lernen, auf beiden Beinen zu stehen. Ich habe gehört, dass an der UNI München vor dem Raum, in dem die Immatrikulation stattfindet, ein großes Schild mit der Aufschrift steht: „Hier müssen Papa und Mama leider draußen bleiben!“

Was die Jugendlichen, was Ihr braucht, das sind Erzieher, die euere Entwicklung, euer ganzheitliches Wachstum freundlich begleiten und unterstützen. Was wir alle brauchen, ist ein Gott, dessen Anliegen unsere Entwicklung, unser seelisch-mentales Wachstum ist – und nicht unsere Unterwerfung unter ihm! Die Voraussetzung dafür ist die Fähigkeit, sich in den Anderen als einen Anderen, als einen mir Fremden einfühlen zu können. Je verletzter meine Seele ist, desto weniger finde ich „Spiel-Raum“ in mir, mich und meine Bedürfnisse zurückzustellen. In den Anderen einfühlen bedeutet nämlich, mich und meinen Stolz zurück zu stellen. Sich in den Anderen einfühlen zu können, muss man „sich leisten“ können. Das Gefühl, das sich auf dem Weg der Einfühlung schnell einstellt, lautet: wenn ich soviel Verständnis für den anderen aufbringe, dann gebe ich mich selbst ja ganz auf! Und genau das ist der Irrtum. Beim Einfühlen stimmt der alte Satz: Geben ist seliger als Nehmen!

Der Weg raus, der Weg der echten Trennung, der Weg der Erlösung führt über die Einfühlung in den Anderen, und nur über die Einfühlung. Einfühlung in den Anderen ist etwas grundsätzlich anderes, als mit dem Anderen zu verschmelzen, mit dem Anderen eins zu werden. Wirkliche Einfühlung beginnt mit einem Verzicht: ich stelle meine Wünsche an den Anderen zurück. Heißt: alles, was ich denke, mache, mache ich zuerst einmal für mich. Und es ist eine Überforderung und Überschätzung zu erwarten, dem anderen muss das, was ich gerade denke gefallen, er muss zu dem, was mir gerade wichtig ist, auch Lust haben. In dieser Erwartung an den Anderen mache ich mich von ihm abhängig und versuche ihn mir gleich zu machen. Das ist Verschmelzung!

Einfühlung konkret heißt: ich kann total verstehen, wenn ihr jetzt lieber mit Freunden in Facebook chatten würdet, als euch hier meine langweilige Predigt anzutun. Und ich predige zunächst einmal für mich: weil ich mich entschieden habe, heute hier zu stehen. Einfühlung heißt: ich finde in mir die Stärke und die Kraft, dass der Andere so anders sein darf, wie er eben gerade ist – ohne dass ich beleidigt und gekränkt reagieren muss.

Die Brandnattern, die vernichtenden Schlangen entstehen aus meinem eigenen Hass, aus meiner Kränkung, aus meinem Beleidigt-Sein, dass der Andere gerade nicht so ist, wie ich meine, ihn zu brauchen. In der Liebe, in der einfühlenden Annahme des Anderen lösen sich die Giftschlangen auf – wie Nebel in der Sonne verdunstet.

Aber woher nehme ich die Kraft, den Anderen so auszuhalten wie er ist? Indem ich vom Anderen getrennt bleibe. Indem ich nicht mit Haut und Haaren darauf angewiesen bin, wie der andere meine Gedanken, mich findet. Wenn Sie meine Predigt schlecht finden dürfen, ohne Angst haben zu müssen, dass ich Sie dann mit Giftschlagen verfolge, kommen wir in eine freie Beziehung. Andersherum gilt natürlich genauso: erst wenn ich meine Gedanken Ihnen zumuten darf, ohne Angst haben zu müssen, dass Sie mit Ihren Giftschlangen dann hinter mir her sind, kann ich wirklich mein Eigenes hier vortragen. Und dann, und erst dann geht ein echte Diskussion in Freiheit an. Erst dann werden wir zu einer Arbeitsgruppe, die sich um die Wahrheit bemüht. Nebenbei: Wenn ich in der Kirchenleitung etwas zu sagen hätte, dann wäre es dieses: ihr müsst euch darum bemühen, eine Arbeitsgruppe zu werden, in deren Zentrum nicht das Rechthaben einer Gruppe, sondern die Offenbarung der Wahrheit Gottes als eines annehmenden und barmherzigen Gottes steht. Eines Gottes, der Toleranz aufbringt für das Fremde, Unbekannte, Offene. Eines Gottes, der sich nicht mit Unterwürfigkeit bedienen lassen will, sondern gekommen ist, zu dienen: der Wahrheit, der Freiheit, der Liebe.

Wir sollten übrigens jeden Tag dankbar sein, dass wir weitgehend in demokratischer Freiheit leben dürfen. Die Geschichte lehrt uns, wie wenig selbstverständlich dies ist: denken wir an Sokrates, der wegen seiner Gedanken real vergiftet worden ist, denken wir an Solschenizyn, der ob seiner Gedanken in das Straflager (Archipel Gulag) verbannt worden ist. Denken wir an Jesus aus Nazareth, der wegen seiner Predigt von der Gegenwart des Reiches Gottes und von der Barmherzigkeit Gottes als Verbrecher hingerichtet worden ist.

Und unser Text? Wie können wir ihn bei diesen Gedanken verwenden? Können wir ihn anders lesen denn als Ausdruck eines totalitären, absolutistischen Gottesbildes? Ich sehe es so: unser Text zeigt, wie ein verbreitetes Zerrbild Gottes, eine Gottesvergiftung entstanden ist. Der giftige Gott schickt die Brandnattern – nicht der barmherzige! Wie aber wird Gott giftig? Es sind wir selbst, die Gott vergiften, nämlich dann, wenn uns die Kraft zum Annehmen der Wirklichkeit fehlt. Das Bild des vernichtenden, strafenden Gottes ist eine Projektion unserer eigenen Vernichtungswünsche, unseres Hasses auf Gott. In dieser Projektion wird die göttliche „Nahrung“, das Manna, widerlich, ekelhaft. Es ist unser eigener Hass auf die Wirklichkeit, der Gott so sehr vergiftet hat. Dieser Hass speist sich aus dem Alleingelassen worden sein. In diesem Hass vergessen wir die Güte Gottes und verwandeln ihn in ein uns vernichtendes gewalttätiges Monster. Diesem Monster können und müssen wir Einhalt gebieten, indem wir lernen, Gottes Abwesenheit in Liebe zu ertragen! Diese Fähigkeit bedarf eines tiefen inneren Gottvertrauens, einer unerschütterlichen  Liebesbeziehung zu Gott. In ihr geschieht die Wandlung des Hasses in Vertrauen: aus dem verzweifelten „mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen“(Ps. 22,2) wird ein „ich will deinen Namen predigen meinen Brüdern…“(PS. 22. 23). Das Banner der ehernen Schlange ist eine Vorwegnahme des Kreuzes: beide, das Banner wie das Kreuz können das Gebissen-Werden von den Giftschlagen nicht ungeschehen machen – aber beide stehen für den Scheitelpunkt, den Wendepunkt der Abwesenheit Gottes! Die Wendung zur Auferstehung der Liebe, des Lebens. Und in dieser Wende müssen wir den Anderen nicht mehr mit unserem Hass kreuzigen, stattdessen lernen wir unser eigenes Kreuz zu tragen … und so stark zu werden. Ein starker Rücken kennt durchaus Schmerzen, aber ein starker Rücken trägt sein eigenes Lebenskreuz, sein eigenes Lebensschicksal – ohne Jammern und Murren.

Dass uns Gott jeden Tag aufs Neue unseren Rücken stärke, dass wir mit Rückgrat und erhobenen Hauptes durch unser Leben gehen und gerade so uns in die Menschen, die unsere Nächsten sind, einfühlen können, darum bitten wir den allmächtigen und barmherzigen Gott, durch Jesus Christus seinen Sohn, unseren Herrn, AMEN.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere menschliche Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, AMEN.