Predigt über 2. Korinther 4, 16-18 am Sonntag Jubilate 2012 in Pullach

Predigt über 2. Kor. 4, 16-18 am Sonntag Jubilate 2012 in Pullach

Gott kommt dazwischen!

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen, AMEN.

Liebe Gemeinde,

Jubilate Deo! Sonntag Jubilate! „Jubilieren“, lateinisch „jubilare“ ist ein lautmalerisch entstandenes Wort.
Der Stamm ist dieses „j“, das wir im Deutschen in „jauchzen“, „juchzen“, im Bayrischen in „jodeln“ kennen.

Im Griechischen fehlt dieses Verb – aber es gibt den Ausruf  „iou!“ oder „io!“. Es wird mit „oh!“ ins Deutsche übersetzt und kann beides bedeuten: Ausruf der Freude – und Ausruf des Schmerzes! Bereits im Übergang von der lateinischen zu griechischen Sprache fand also eine Differenzierung statt. Differenzierung heißt: ich unter-scheide. Ich ordne. Und in diesem Geschehen schließe ich ein und schließe aus. „Jubilieren“ ist dann nur noch auf Freude bezogen. Schmerzliches muss sich anderswo einen Platz finden. Im Deutschen bildete sich ebenfalls lautmalerisch „ächzen“ als Ausdruck von Schmerzen empfinden heraus, im Gegenüber zu „juchzen“.

Die Schöpfungsgeschichte ist eine Trennungs-, Ordnungs- und Differenzierungsgeschichte. Am Anfang herrscht Chaos, hebräisch „Tohuwabohu“. Frei übersetzt: es geht drunter und drüber. Buber übersetzt poetisch: „Irrsal und Wirrsal“. Luthers bekanntes „wüst und leer“ gibt den hebräischen Sinn nicht wider. Aber es gibt wider, wie sich Luther den „Zustand“ vor der Schöpfung vorstellte. Wie eine tabula rasa, die dann „angefüllt“ wird. Aber Gott schafft nicht einfach „Dinge“, sondern er schafft gleichzeitig die Struktur, das „Zwischen den Dingen“. Gott schafft nicht nur das Licht, sondern er scheidet zwischen dem Licht und der Finsternis. Indem ich unterscheide, trenne ich. Wenn ich angemessen, „richtig“ trenne, entsteht eine Struktur, die mir Ordnung im Inneren wie im Äußeren gewährt. Durch diese Ordnung lerne ich, mich zu orientieren. Wesentlicher Bestandteil strukturierenden Ordnens ist der Gebrauch der Sprache. Gott nannte das Licht „Tag“ und die Finsternis „Nacht“.

Die Fähigkeit zu ordnen hängt also direkt mit der Fähigkeit etwas zu trennen, etwas auseinander halten zu können, zusammen. Im Chaos ist alles irgendwie miteinander und ineinander verschlungen. „Irrsal und Wirrsal“.

Nun ist das Trennen ein durchaus mühsamer Vorgang. Haben Sie schon einmal im Tierpark Hellabrunn beobachtet hat, wie lange es dauert, bis ein Küken auf die Welt kommt, mit welchem Kraftaufwand es sich mühsam durch die Schale durchgepickt muss? Und das Ganze gelingt nur, wenn die Schale, lange Zeit als Schutz für das Küken dienend sich zerstören lässt; nur so kann das Küken auf die Welt kommen. Auf die Welt kommen, sich trennen von der schützenden Schale bedeutet in diesem Fall: eben diese zu zerstören!

Die Texte an diesem Sonntag Jubilate handeln von Schöpfung, von auf die Welt kommen; mit dem Akzent auf „neu“:  von „neuer Kreatur“, von neuem Geschaffen-Worden-Sein, von Erneuerung ist die Rede. Und auch hier gehört die Zerstörung sofort dazu: „täglich muss der alte Adam ersäuft werden“, sagt Martin Luther, was sich früher in der Taufe sinnenfällig abbildete, wo der Täufling wirklich unter Wasser getaucht und gehalten worden ist, bis er keine Luft mehr bekam. Anders als „das Alte“ lässt sich „das Neue“ nicht besitzen.

„Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden.“ (2. Kor. 5,17) Das Alte ist vergangen. Das ist solange gut, wie man selbst auf der Seite des Neuen steht. Aber wenn man sich selbst als zum Alten gehörig fühlt?

Wenn ich mich mit der Schale identifiziere, dann darf ich das Küken nicht auf die Welt kommen lassen, weil sein Leben-Wollen mich zerstört. Die Schale schützt das Leben, solange es sich nicht zeigt. Aber hält sie es auch aus, sich vom Leben zerstören zu lassen? Die Schale ist Schutz und Struktur zugleich – und muss doch für das Leben zerstört werden. Lässt sie sich nicht zerstören, so wird das Leben in ihr, so wird das Küken, zerstört. Ohne Zerstörung keine Geburt.

Die Schale ist das „Außen“ in deren „Innerem“ etwas wächst. In unserem heutigen Predigttext, aus dem 2. Korintherbrief (4, 16-18), spielt genau diese Unterschiedung zwischen außen und innen, zwischen „äußerem“ und „innerem“ Menschen eine große Rolle:

„16 Darum werden wir nicht müde; sondern wenn auch unser äußerer Mensch verfällt, so wird doch der innere von Tag zu Tag erneuert. 17 Denn unsere Trübsal, die zeitlich und leicht ist, schafft eine ewige und über alle Maßen gewichtige Herrlichkeit, 18 uns, die wir nicht sehen auf das Sichtbare, sondern auf das Unsichtbare. Denn was sichtbar ist, das ist zeitlich; was aber unsichtbar ist, das ist ewig.“

Der Vorgang des Unterscheidens und des Ordnung-Findens, haben wir gesagt, gehören zusammen. Indem sich „gute“ Schale von ihrem „Inneren“, dem lebendigen Küken unterscheidet, lässt sich für das Leben des Küken zerstören. Erst damit vollendet sich das auf die Welt-Kommen des Kükens und beginnt sein Wachstum, seine Entwicklung. Damit vollendet sich aber auch die Bestimmung der Schale des „Lebens“: genau das ist ihre Bestimmung, das Leben so zu schützen, dass es schließlich vom Leben für das Leben zerstört wird.

Die ihrer Bestimmung „gemäße“ Schale gibt sich diesem Lebensprozess hin, die ihre Bestimmung verfehlende Schale hasst das Leben des Kükens! Die ihre Bestimmung verfehlende Schale hasst Wachstum und Entwicklung, weil sie genau weiß, dass dies zu ihrer eigenen Zerstörung führt.

„Darum werden wir nicht müde“ sagt Paulus. Darum, weil das so ist, dass das Leben in Formen gerinnt, um diese wieder zu zerstören. Eine dieser Formen ist unser leibhaftes Mensch-Sein. Der „äußere Mensch verfällt“: wie wahr! Das ist die Schale, das ist unser leibliches Leben, zu dessen Entwicklung gehört, älter und schwächer zu werden, graue Haare und Falten zu bekommen. Zu dessen Entwicklung gehört das Sich-zurück-Ziehen unserer Muskeln, ein Nachlassen unserer Leistungskraft, eine Sehnsucht danach, am Morgen liegen bleiben zu können. Zu dessen Entwicklung gehört eine zunehmende Vergesslichkeit, gerade was das sogenannte „Kurzzeitgedächtnis“ angeht. „Was wollte ich jetzt eigentlich gerade machen?“ – ich vermute, viele von Ihnen kennen das.

Das alles ist keine Krankheit, sonder der gesunde und natürliche Prozess sich entwickelnden Alterns. Keine Frage: wir leben auf unseren eigenen körperlichen Verfall hin. Nun unterscheidet Paulus zwischen einem äußeren und einem inneren Menschen. In diesem Geschehen des äußeren Verfalls, sagt Paulus, wird unser „innerer Mensch von Tag zu Tag erneuert.“ Was ist unser innerer Mensch? Für Paulus ist das der Mensch, der untrennbar mit Christus verbunden ist. „Wir tragen allezeit das Sterben Jesu an unserem Leibe, damit auch das Leben Jesu an unserem Leibe offenbar werde“ (2. Korinther 4,10). Sind wir wirklich mit Christus verbunden, leben nicht mehr wir, sondern Christus in uns, und so findet in äußerem Verfall täglich innere Erneuerung statt, sagt Paulus. Der johanneische Christus sagt Ähnliches in seinem Bild vom Weinstock: „Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun.“ (Joh.) Gott Vater als Weingärtner, Christus als Weinstock und wir als Reben. Es ist übrigens kein Zufall, dass die Drei diejenige Zahl ist, die zu diesem Gleichnis gehört. Gott geschieht, vollendet sich im Dritten. Das Dritte ist das Leben. Ist die Schale auf das Leben des Kükens ausgerichtet, so wird sie sich „mit Freuden“ zerstören lassen. Denn in ihrer Zerstörung geschieht Leben. Kreist die Schale ein-sam um sich selber, muss sie sich mit aller Gewalt gegen den Prozess des Lebens sträuben. Die einsame Schale hat die Verbindung zum Leben durchschnitten.

Es gibt eine Geschichte in der jüdischen Mystik, derzufolge die Sünde von Adam und Eva nicht im Essen des Apfels vom Baum der Erkenntnis bestand, sondern dass dadurch die unterirdische Verbindung zwischen dem Baum der Erkenntnis und dem Baum des Lebens abgeschnitten, durchtrennt worden ist. Dahinter steht der tiefsinnige Gedanke, dass der Baum des Lebens und der Baum der Erkenntnis in einem unterirdischen Wurzelwerk mit- und ineinander verflochten sind. Das hebräische Verbum „jadah“, das „erkennen“ und „sich lieben“ auch im sexuellen Sinne bedeutet („und Adam erkannte sein Weib Eva“) verweist auf der sprachlichen Ebene auf diese Verflochtenheit zwischen erkennen und lieben, zwischen denken und leben. Das um sich selbst kreisende Erkennen („ich denke, also bin ich“) hat sich vom Baum des Lebens los gesagt. Und so hat es seinen Sinn, dem Leben zu dienen verloren. In einsamer Sinnlosigkeit versucht es sich selbst zu erschaffen, sich selbst sinnvolle Existenz zu geben und lügt sich mit dem Satz: „ich denke, also bin ich“ in die eigene Tasche. Die Wahrheit ist: „Ich wurde (geschaffen), also darf ich (eine kleine Weile) sein!“ Die Schale, die sich weigert, ihr Küken auf die Welt zu bringen, hat sich selbst ihres Lebens beraubt. Erkennen, das sich weigert, dem Leben zu dienen, führt zu seelischem Tod, weil es sich seiner eigenen Lebendigkeit beraubt. Der Modebegriff für dieses Geschehen lautet „burn out“: er beschreibt nichts anderes als das Schicksal einer Seele, die als Brennholz für Karriere, Ansehen, Status verwendet, eben „verbrannt“ worden ist. Es ist die Gegenbewegung zum auf die Welt kommenden Küken: im „burn out“ bleibt eine perfekte, überaus erfolgreiche Schale übrig, aber in ihr, innen drin, ist Leben erstorben: wo keimendes Leben war, ist es „wüst und leer“ geworden.

Liebe Gemeinde,

ich denke, jeder von hat ein Gefühl dafür, wie viel Wert er auf seine Schale, auf seinen „äußeren Menschen“ legt und welche Bedeutung demgegenüber inneres, seelisches Wachstum für ihn hat. Und es steht auch jedem von uns frei, wie er sich an dieser zentralen Stelle seinem Leben und dem Leben überhaupt gegenüber verhält. Es ist ein großes Missverständnis zu meinen, man könne jemand irgendwie dazu bringen, sich mit sich selbst zu beschäftigen. Es kommt vor, dass mir Menschen nach meiner Predigt sagen: Herr Pfarrer, Sie haben das so schön gesagt, wenn sich das nur der oder die SoundSo zu Herzen nehmen würde. Ich predige nicht für die oder den Soundso, sondern ich  versuche, aus meinem Herzen heraus zu predigen und freue mich, falls es dem einen oder anderen Gedanken gelingt, zu Herzen zu gehen.

In diesem Sinne bitte ich Sie, sich noch einen weiteren Gedanken anzuhören.

Ist Ihnen vorhin aufgefallen, dass der Schöpfungsbericht nicht mit dem sechsten Tage endet? Die „Vollendung“ der Schöpfung findet am siebten Tag statt, der Tag, an dem Gott nichts tut! „Und also vollendete Gott am siebten Tag seine Werke, die er machte, und ruhte am siebten Tag von allen seinen Werken, die er machte. Und Gott segnete und heiligte den siebten Tag…“ (1. Mose, 2, 2-3a). Die Vollendung der Schöpfung geschieht nicht im Machen, ihre Vollendung geschieht im Nicht-Tun.

Die Diskussion um die Abschaffung des Sonntags ist auf dem Hintergrund der Bedeutung des Nicht-Tuns zu führen! Die Bedeutung des Nicht-Tun aber liegt in dem, was Paulus „die Erneuerung des inneren Menschen“ bezeichnet.

Nicht-Tun ist Innehalten. Auch im Denken. Nicht-Tun geschieht in den kleinen Ritzen und Spalten zwischen unseren Gedanken. In der Musik stehen die Pausen für das Nicht-Tun. Nicht-Tun geschieht zwischen Einatmen und Ausatmen. Nicht-Tun geschieht „dazwischen“. Die verzweifelt sich an ihre Existenz klammernde Schale hält nicht aus, dass es sie „im dazwischen“ gibt. In diesem Dazwischen ist sie für das Leben des Küken von größter Bedeutung. Ja, ihre Bedeutung ist das „Dazwischen-Sein“. Und so ist es mit uns Menschen auch: der Sinn unseres Lebens ist es nicht, ewig zu leben: der Sinn unseres Lebens ist, „dazwischen“ zu leben. Das heißt, das uns geschenkte Leben voller Freuden anzunehmen und es in den Dienst von Wachstum und Entwicklung – im Inneren wie im Äußeren zu stellen.

Bei jeder Entscheidung, die wir treffen, geht es um die Frage: diene ich damit dem Leben, oder der Verweigerung des Lebens. Entscheidungen, die der Verweigerung von Leben dienen, fühlen sich grandios und euphorisch an. Ihre Kehrseite sind Niedergeschlagenheit, Sinnlosigkeit, Lustlosigkeit. Im Gefühl der Grandiosität erliegt man der Verführung, man könne Leben aus sich selbst heraus schaffen. Im Gefühl der Leere und Sinnlosigkeit erlebt man das Scheitern dieser Vorstellung.

Der Weg „dazwischen“ führt notwendig über die Zerstörung des Konzeptes, ich muss mein Leben aus mir selbst heraus schaffen können. (Das ist übrigens die Schwierigkeit der Behandlung von „burn out“: Oft lautet nämlich der Behandlungsauftrag, „Ich möchte einfach wieder der oder die Alte sein!“ Also: gerade keine Erneuerung!)

Der Weg „dazwischen“ ist der dritte Weg. So ist er der Weg des Lebens. Es ist der Weg des Schauens auf „das Unsichtbare“: und das Unsichtbare, das sind die guten, wohlgeordneten Verbindungen zwischen den Dingen und zwischen den Lebewesen. Die gute, freundliche und liebevolle Verbindung zwischen Weingärtner Weinstock und Reben. Sie geschieht im Unsichtbaren, aber ihre Auswirkungen sind eminent sichtbar: ihre Auswirkungen dienen lebendigem Wachstum und geordneter Entwicklung. Und in diesem Geschehen ist Tun und Nicht-Tun, ist Leben und Zerstörung in lebendiger Weise aufeinander bezogen. Wenn wir dies aushalten, dass auch unsere Bestimmung eine des „Dazwischen-Seins“ ist,  so werden wir eingebunden in das nie endende Schöpferhandeln des lebendigen Gottes. Als Christen dürfen wir dieses Eingebunden-Sein als ein „in Christus sein“ bezeichnen. Und „in Christus“ geschieht die „neue Schöpfung“, in ihm ist die Verbindung zwischen dem Baum des Lebens und dem Baum der Erkenntnis wiederhergestellt. Deshalb sagt Paulus: „Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur“ () Und unmittelbar vorher heißt es: „… auch wenn wir Christus gekannt haben nach dem Fleisch, so kennen wir ihn doch jetzt so nicht mehr.“ (2. Kor. 5, 16) Auch Christus muss für uns zum Nichts, zur Wirklichkeit „dazwischen“ werden, um so neu in uns geboren zu werden. Es gilt also nicht nur: „Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur.“  Es gilt im selben Atemzug: Nur wer es wagt, mit Christus zum Nichts zu werden, nur wer es wagt, sein altes Denken, das sich vom Baum des Lebens abgewandt hat, zu zerstören, in dem wächst Christus. Gestalt werden, Gestalt verlieren, ins Chaos des Nichts sinkend, um neu Gestalt werdend – das ist die Kontraktion des Lebens. Und wir dürfen – indem wir uns dem Leben hingeben – Tag für Tag an diesem ewigen Prozess teilnehmen. Noch einmal in christlicher Terminologie: in der Teilnahme an diesem Wachstums- und Zerstörungsprozess geschieht Reich Gottes. Im hier und jetzt.

Das ist alles ist kein Anlass zu Euphorie und Überheblichkeit. Und es ist kein Anlass, niedergeschlagen zu sein. Es ist Anlass zur Freude: zur ausgelassenen Freude an meinem mir von Gott geschenkten Leben. In dieser Freude stimmt das Griechische „io!“ Ist es doch eine Freude, die Schmerz nicht mehr exkommuniziert sondern integriert.

Und in dieser Freude wollen wir jetzt den Kanon singen:
„Jubilate deo, omnis terra, servite in laetitia!“

Zu deutsch: „Alle Welt preise Gott und diene ihm in Freude!“

Dass dies Wirklichkeit werde, daran lasst uns arbeiten! AMEN.

Und der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft und tiefer als unser Sich-Abmühen, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus,  AMEN.