Predigt über Johannes 11,47-53 am Sonntag Judika (17.3.2013)

Liebe Gemeinde,

zu den (jedenfalls für mich) schwierigsten Aussagen der christlichen Religion gehört der Satz: „Jesus hat für deine Sünden gelitten, für dich ist er gestorben.“ Ich möchte ärgerlich antworten: erstens gab es mich zu der Zeit, als Jesus starb, noch gar nicht, zweitens habe ich ihn nicht darum gebeten. Und drittens möchte ich für meine Sünden auch selbst die Verantwortung tragen.

Sind diese Gedanken blasphemisch? Gott lästernd?
Mag sein. Aber das ändert auch nichts daran, dass ich sie habe. Ich kann und will sie nicht abstellen, abschalten wie ein Fernsehprogramm, das mir nicht gefällt.

Ich will verstehen.

Als erstes verstehe ich die Wirkung des Satzes: „Jesus ist für deine Sünden gestorben“: lasse ich den Satz an mich heran, so erzeugt er Schuldgefühle. Und wer Schuldgefühle gemacht bekommt, ohne sich schuldig zu fühlen, der widerspricht. Er sagt: ich bin nicht schuldig, ich habe nichts Unrechtes getan.  Daraufhin wird er ermahnt: du hast nicht zu widersprechen, du hast zu gehorchen. Früher wurde dem Gehorchen mit Prügeln nachgeholfen. Na ja – was heißt früher? Ich vermute, Kinder zu verprügeln gehört auch heute noch zu den Erziehungsmitteln. Was lernt das geprügelte Kind? Es lernt, aus Angst zu gehorchen. Nicht aus innerer Überzeugung. Im Gegenteil: innerlich beginnt man die Autoritäten, Erzieher, Lehrer, Pfarrer und den Gott, in dessen Namen sie sprechen, in dessen Namen sie prügeln, zu hassen. Innerlich heißt: der Hass wandert in den Untergrund, in das Unbewusste. Äußerlich wird man brav, angepasst. Spricht mit gespaltener Zunge. Je größer die Angst wird, desto verzweifelter wird der Anpassungsdruck. Anpassen heißt, in den Aggressor, in den Täter hineinzuschlüpfen. Das schützt. Werde ich selbst zu einem Teil des prügelnden Vaters, der prügelnden Mutter, können sie mich nicht mehr treffen. In dieser Anpassung finde ich meinen gesunden Ärger, meine gesunde, natürliche Wut darauf, über Gewalt und Schuldgefühle manipuliert worden zu sein, selbst als böse. Als weitere Sünde. Die Verzweiflung wächst. Ich wurde gebrochen. Die Gefühle des Gebrochen-Seins schlagen sich nieder in Schwermut – und in Hass. Wir nennen das dann Depression. Depression hat viel mit einzementiertem Hass zu tun. Dies macht ihre Verbindung zu Suizidalität verständlich. (Der Roman „Boot Camp“ von Morton Rhue beschreibt diese Entwicklung hin zu einem gebrochenen Menschen sehr eindrucksvoll.)

Unser heutiger Predigttext handelt vom Sterben Jesu „für“: aber es ist mit keinem Wort von unserer Sünde die Rede. Hören Sie selbst: Johannesevangelium c. 11, 47-53 heißt:

„Da versammelten die Hohenpriester und die Pharisäer den Hohen Rat und sprachen: Was tun wir? Dieser Mensch tut viele Zeichen. Lassen wir ihn so, dann werden alle an ihn glauben, und dann kommen die Römer und nehmen uns Land und Leute. Einer von ihnen, Kaiphas, der in dem Jahr Hoherpriester war, sprach zu ihnen: Ihr wisst nichts; ihr bedenkt auch nicht: Es ist besser für euch, ein Mensch sterbe für das Volk, als dass das ganze Volk verderbe. Das sagte er aber nicht von sich aus, sondern weil er in dem Jahr Hoherpriester war, weissagte er. Denn Jesus sollte sterben für das Volk, und nicht für das Volk allein, sondern auch, um die zerstreuten Kinder Gottes zusammenzubringen. Von dem Tage an war für sie beschlossen, dass sie ihn töteten.“

Im Zentrum steht die mehrmalige Betonung des Todes Jesus „für“: nicht für ein Vergehen, für Sünden, sondern für das Volk, „für“ die zerstreuten Kinder Gottes – um sie zu versammeln.

Und – warum würde das Volk verderben, wenn man Jesus so weiter leben ließe, so dass immer mehr Leute an ihn glauben würden? Wäre das nicht viel besser „für das Volk“ – einen Messias, einen Heiland in der Mitte zu haben, der wirklich hilft, der wirklich heilt?

Dann kämen die Römer, heißt es, und nähmen uns Land und Leute.

Stellt euch das bitte so vor: Kaiphas, der Hohepriester, ist Vorsitzender des religiösen Establishments. (Establishment kommt von to establish, das heißt einrichten, herrichten. Es ist eine Gruppe von Menschen, die mächtig ist und die Richtlinien des Denkens „einrichtet“. Jede Gesellschaft braucht ihr Establishment – ähnlich einem Wolfsrudel, das die Alpha-Tiere zu ihrem Schutz und ihrem Überleben benötigt.) Kaiphas ist der „Chef“ der jüdischen Religion. (Im heute: Kaiphas ist so was wie der Papst, oder der Vorsitzende der EKD.) Die Römer auf der anderen Seite sind die herrschende Weltmacht, im Heute mit Amerika oder China vergleichbar. Mit dieser Macht legt man sich vernünftigerweise nicht an, so eine Macht provoziert man nicht.

Das Argument des Kaiphas ist also ein politisches: er hat Angst, dass das Volk sich einen Gegenführer zum weltlichen Establishment, zu Rom erwählt, dem das Volk mehr Vertrauen schenkt als den Römern. Der vielleicht das Volk darin bestätigt: wir brauchen die Römer nicht, wir sind autonom. Wir sehen aktuell am Konflikt zwischen Tibet und China, wie gefährlich es ist, wenn ein kleiner Staat einen charismatischen Führer wie den Dalai Lama hat. Das sehen die Großen nicht gerne. Auch unser Martin Luther war so ein Führer, der den Mächtigen seiner Zeit, den Kardinälen und dem Papst immer mehr zum Dorn im Auge wurde – und zwar gerade deshalb, weil er viel Anerkennung vom einfachen Volk (den „Bauern“) bekam.

Und so sagt Kaiphas, der Realpolitiker, politisch völlig vernünftig: wir müssen ihn töten – und zwar für das gute Weiterleben des Volkes im Schutze und im Rahmen der Weltmacht Rom.
Der Tod Jesu ist in diesen Gedanken eine politische Notwendigkeit. Nicht mehr und nicht weniger.-

Nun heißt es aber in unserem Text: Das sagte aber Kaiphas nicht von sich heraus, sondern er „weissagte“. Weissagen heißt, eine tiefere Weisheit verkünden, die möglicherweise dem Sprecher der Weissagung gar nicht bewusst ist.

Was könnte diese tiefere Weisheit/Wahrheit sein?

Was könnte es auf einer tieferen, unbewussteren Ebene heißen: „Jesus sollte sterben für das Volk, und nicht für das Volk allein, sondern auch, um die zerstreuten Kinder Gottes zusammenzubringen.“ Wörtlich heißt es: „in eins zu versammeln.“
Es geht offenbar um ein Sterben „für“ ein „Zusammenbringen“, für ein „Versammeln“. Es geht um eine Bewegung, in der Zerstreutes („Dis-Parates“) sich zu einem größeren Ganzen verbindet. Es geht um eine Wachstums- um eine Entwicklungsbewegung. Die Gegenbewegung dazu ist das Zerstreuen. In der Zerstreuung wird vereinzelt, gespalten. Teile, noch kleinere Teile, Moleküle, Elemente, Atome, Atom-Spaltungen.  Damit „Ganzheitliches“ sichtbar wird, müssen sich die Teile ihrer „Teilhaftigkeit“ bewusst werden. Ein sich selbst absolut setzendes Teil zerstört das Wachstum zu einer größeren Gemeinschaft hin. Wenn sich ein Teil einer Gruppe absolut setzt, stagniert ihr Wachstum – es gibt keine neue gemeinschaftliche Entwicklung mehr, stattdessen wird die Gemeinschaft zerstört. „Krebs“ ist die medizinische Bezeichnung für dieses Geschehen.

Jesu Tod als Opfer für unsere Sünden zu deuten, ergibt erst und genau auf diesem Hintergrund Sinn: indem ich Sünde definiere als das Sich-selbst-Absolut-Setzens eines Teiles auf Kosten der Gesamtheit, der Gemeinschaft. In der Sünde die soziale Beziehung zerstört. Der wirkliche Sünder setzt sich selbst absolut. Er denkt und handelt selbst-gerecht!
Unser heutiger Sonntag „Judika“ ist nach einem Psalmwort benannt. In der Übersetzung M. Luthers heißt es im 7. Psalm Vers 9: „Richte mich Gott, nach meiner Gerechtigkeit, nach meiner Frömmigkeit, die an mir ist.“ „Gerechtigkeit“ und „Frömmigkeit“ sind die beiden „Scheitelpunkte“, an denen der Beter dieses Psalms gemessen werden möchte. Die vielen Tage und Jahre meines gelebten Lebens sollen auf diesen Maßstab bezogen werden: war ich „gerecht“? war ich „fromm“?

Es gab und gibt Menschen, die haben mit der Beantwortung dieser Frage überhaupt keine Schwierigkeiten: „Lieber Gott, ich danke dir, dass ich nicht so bin wie die Sünder!“ Das ist das Gebet des Pharisäers, des Selbst-Gerechten. Das ist das Gebet des wirklichen Sünders!

Moderne Sätze für Selbstgerechtigkeit sind Sätze wie diese: „Ich habe so viel für den Staat getan, da sehe ich überhaupt nicht ein, mich an die Steuergesetze zu halten!“ Oder von der anderen Seite: „Ich verdiene so wenig, warum soll ich das auch noch versteuern. Sollen erst mal die Reichen ihre Steuern bezahlen.“ Hemmungslos selbstgerecht ist die Redewendung: „Man gönnt sich ja sonst nichts!“ Der Standpunkt des Selbst-Gerechten ist letztlich: ich habe es überhaupt nicht nötig, mich an Regeln zu halten, Gesetze anzuerkennen, die mir nicht einleuchten, oder auch nur nicht gefallen. Der Selbstgerechte lebt nach seinem eigenen Gutdünken, nach seiner eigenen Willkür. Er hat seine eigene Zeitrechnung, kommt wann es ihm passt, geht wann es ihm passt. Sich an Vereinbarungen zu halten erscheint ihm „kleinkariert“. Der Selbst-Gerechte ist verliebt in einen recht einfachen Grundsatz: „Ich mache zu jeder Zeit das, wozu ich gerade Lust habe!“ Nicht selten ist diese Lust als Arbeit getarnt.

Kurzum: die selbstgerechte Position kreist ausschließlich um das eigene Ich – die „Anderen“ dienen höchstens als Publikum – für Bewunderung. Der Selbst-Gerechte setzt sein „Ich“ absolut, das Du verschwindet.

Das ist übrigens exakt die Kehrseite des traditionellen Verständnisses von: „Jesus ist für deine Sünden gestorben“. Hier wird ein Du absolut gesetzt, demgegenüber mein Ich in lauter Schuld und Sünden verschwindet.

Beide Gedanken zerschneiden die gute Verbindung von Ich und Du. Einmal erhebt sich das Ich über das Du (das ist der Selbstgerechte) – einmal unterwirft sich das Ich dem Du (das ist der ewige Sünder). Beide Male ist Beziehung als gemeinsames Wachstumsgeschehen zerstört.

(Dies drückt sich übrigens auch im Evangelium für diesen Sonntag aus, in der Bitte von Jakobus und Johannes, neben Jesus im Reiche Gottes sitzen zu Sie sind Repräsentanten eines selbstbezogenen Denkens und nicht eines dem Wachstum der Gruppe sich zuwendenden Denken. Die Folge dieses Denkens ist Rivalisieren: „Als die Jünger dies hörten, wurden sie unwillig über Jakobus und Johannes.“ Natürlich: die beiden wollten eine Extrawurst, wollten sich über die anderen stellen.

Jesus antwortet: „Wer groß sein will unter euch, der soll euer Diener sein; und wer unter euch der Erste sein will, der soll aller Knecht sein. Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene und sein Leben gebe als Lösegeld für viel.“

Diese Antwort hat zwei Aspekte. „Die Letzten werden die Ersten sein.“ Dies dreht das geläufige Denken nur um. Ändert aber nichts an der Struktur: es bleibt ein Denken in oben und unten, in erster und letzter, in gut und böse, in richtig und falsch. Es gibt auch einen Hochmut im Demütig-Sein: ein bei religiösen Menschen gar nicht so seltenes Phänomen. Die radikale Veränderung des Denkens drückt sich in dem Gedanken aus: „der Menschensohn ist gekommen, dass er diene“. „Der Menschensohn ist gekommen, der Wahrheit zu dienen. Für die Wahrhaftigkeit des Mensch-Seins hat er gelebt. Dafür hat er die ‚zerstreuten Kinder’ geeint, ihnen einen Rahmen, eine Heimat gegeben, die nicht „von dieser Welt ist“. Diese Heimat hat er Reich Gottes genannt.

Beziehung als gemeinsames Wachstumsgeschehen ist das Geschenk des sich entwickelnden Gottesreich. Es lässt sich nicht machen. Voraussetzung ist die Fähigkeit, dass die Mitglieder einer Gruppe in der Lage sind, sich auf ein Drittes, auf die Wahrheit dessen, was sich gerade zeigt zu beziehen. M. Buber übersetzt Gerechtigkeit mit „Wahrhaftigkeit“ und „Frömmigkeit“ mit „Schlichtheit“. Der „Wahrhaftige“ ist auf „Wahrheit“ bezogen – und diese Bezogenheit sieht man ihm an: es geht etwas „Schlichtes“ Unspektakuläres von ihm aus.
Auch etwas Gefährliches, denn er verschweigt die unangenehmen Seiten von Wahrheit nicht. In meiner Wahrhaftigkeit mute ich mich mir und meinen Mitmenschen zu: mit dem, was ich bei mir und bei anderen wahrnehme. Ohne zu bewerten, zu beurteilen. Und das ist gar nicht so leicht!

Jenseits von Selbstgerechtigkeit und Schuldgefühlen versuche mich leiten zu lassen von ehrlichem Verstehen: was bedeutet das, was ich wahrnehme?

Die auf Entwicklung gerichteten Fragen sind keine Warum-Fragen. Sie dienen nicht als Geschosse („Vor-Würfe“); ihr Sinn und Zweck ist es, gemeinsam die Bedeutung dessen, was ist, aufzudecken. (Im Griechischen heißt ja Wahrheit auch „nur“ das „Nicht-mehr-Verborgene“, das „Aufgedeckte“.)

Diese Fragen zu formulieren erfordert Mut: erstens den Mut wahrzunehmen, zweitens den Mut, das, was ich wahrnehme, auch auszusprechen. Dieser Mut fließt aus dem Vertrauen, dass es „jemand“ gibt, der „sich vor mich stellt“. Der mit mir und für mich ist – der in meiner Wahrhaftigkeit seine Stärke entfaltet. Hierfür brauche ich einen starken Gott: und einen menschlichen, einen Mensch gewordenen Gott. Einen Gott „für mich“ oder „für uns“. Einen in „Christus“ als Barmherzigkeit offenbaren Gott.

Gebe Gott, dass wir alltäglich in unsere Wahrhaftigkeit hineinwachsen, dass unsere Wahrhaftigkeit unsere Gedanken formt und unser Tun und Lassen prägt.  Gebe Gott, dass wir seine Stärke alltäglich in uns spüren: die Kraft der Wahrheit, die Kraft der Schlichtheit, die Kraft der Freiheit und die Kraft der Liebe, AMEN.