Predigt an Trinitatis 2013 über 4. Buch Mose, 6, 22-27

“Mein Freund, die Kunst ist alt und neu.
Es war die Art zu allen Zeiten,
Durch Drei und Eins und Eins und Drei,
Irrtum statt Wahrheit zu verbreiten.
So schwätzt und lehrt man ungestört;
Wer will sich mit den Narrn befassen?
Gewöhnlich glaubt der Mensch, wenn er nur Worte hört,
Es müsse sich dabei doch auch was denken lassen.“

Mit diesen Mephisto in der Hexenküche in den Mund gelegten Worten macht sich Goethe über die christliche Trinitätslehre lustig.

Sind wir heute die „Narrn“, liebe Gemeinde, die an diesem Sonntag „Trinitatis“ in die Kirche gehen und über „drei und eins“ klug schwätzen? Dass wir Worte aussprechen, ohne ihre Bedeutung zu verstehen?

Nun ist die Trinitätslehre in der Gemeindefrömmigkeit von untergeordneter Bedeutung – zwar werden die kommenden Sonntage bis zum Ende des Kirchenjahres „nach Trinitatis“ genannt, doch das Trinitatisfest als Fest findet wenig Zuspruch. Hinzu kommt: in der Bibel gibt es keine Trinitätslehre – sie ist ein von Theologen entwickeltes „Konstrukt“, um ein Kernproblem der christlichen Religion zu lösen: wie es sein kann, dass es in dem einen und einzigen Gott einen Anderen, einen „Sohn Gottes“ gibt. Durch diesen Gedanken war eine bis dahin unvorstellbare Zweiheit in Gott hineingekommen.

Nun ist eine Zweiheit stets eine unaufgelöste Spannung: fehlt die Idee von etwas Drittem, so führt die Zweiheit in die Ver-Zweiflung. Die Zwei ist nur denkbar von der Drei her. Von der Drei her entsteht „Raum“ – für die Zwei oder für die „Beiden“. In der Zwei selbst gibt es nur „entweder – oder“, links oder rechts, gut oder böse, schwarz oder weiß. In der Zwei selbst gibt es keine Perspektive: die zwei an sich ist flach.

Emotional ist die Zwei voller Turbulenzen, voller Zwei-fel auf der einen, voller Triumph auf der anderen Seite. In der Zwei herrscht Kampf: der Eine greift den Anderen an. Ich oder Du, das Eine gegen das Andere  ist das Motto des ver-zweifelten Kampfes. Versöhnung ist in der Zwei undenkbar: die Zwei ist hart, es geht um Macht, um oben oder unten, um Sieg oder Niederlage. Der Sieger ist der manisch Triumphierende, der Unterlegene der depressiv am Boden Liegende. Die Welt des Sportes ist eine Domäne der Zwei. (Stellen Sie sich vor, Borussia Dortmund und der FC Bayern hätten gestern Abend in einem konstruktiven Gespräch beschlossen, dass es keinen Sieger und keinen Verlierer gibt, und die Einnahmen werden für karitative Projekte in der dritten Welt verwendet. Wobei es auch bei einem Fußballspiel Denk-Ansätze in Richtung „drei“ gibt: z.B. in dem Wunsch, ein schönes Spiel zu sehen.)

„Trinitatis“ ist das Fest der Kraft des Dritten. Die Kraft des Dritten ist die Kraft des Wachstums, der Entwicklung, des Fruchtbar-Werdens, des „Kindes“. Das Dritte verbindet das Eine mit dem Anderen, und zwar so, dass es das Neue, das Dritte eben „zwischen“ dem Einen und dem Anderen ist. Im „Entweder – Oder“ kann kein „Drittes“ entstehen.

Die irdene Grundlage der Trinitätslehre ist die Beziehung Vater – Mutter – Kind. Ich meine jetzt nicht das Retortenbaby, sondern das aus der liebenden Vereinigung von Mann und Frau entstehende Kind. Das heißt in Theologie übersetzt: aus der liebenden Beziehung zwischen Gott als Vater und Gott als Sohn geht der Heilige Geist hervor; zugleich ist diese liebende Beziehung das „Werk“ des Heiligen Geistes. In ihm, dem „Dritten im Bunde“, geschieht die Ver-Söhnung zwischen den „Beiden“ und in dieser Ver-Söhnung sind wir, ist die ganze Welt mit eingeschlossen. „In Christus wurde diese Welt mit Gott versöhnt“. Ausdruck unseres Hinein-Bezogen-Seins ist die Ausgießung des Heiligen Geistes, jener dritten Person in Gott, die Augustinus als „vinculum caritatis“, als „Band der Liebe“ zwischen Vater und Sohn bezeichnet. Dies haben wir letzten Sonntag als Pfingstfest gefeiert. Heute an Trinitatis stehen wir staunend vor dem großen Bogen der heilsamen Entwicklung Gottes in diese unsere Welt hinein.

Unser heutiger Predigttext aus dem 4. Buch Mose benennt diesen Bogen, benennt unser Hineingenommen werden in diesen großen Wachstumsbogen des dreieinigen Gottes als „Segen“.

„ER redete zu Mosche, sprechend:
Rede zu Aharon und zu seinen Söhnen, sprechend:
So sollt ihr die Söhne Israels segnen:
Sprecht zu ihnen:
Segne dich ER und bewahre dich,
lichte ER sein Antlitz dir zu und sei dir günstig,
hebe ER sein Antlitz dir zu und setze dir Frieden.
Sie sollen meinen Namen auf die Söhne Israels setzen,
ich aber werde sie segnen.“  (Kapitel 6, 22-27)

„Segnen“ im Hebräischen bedeutet: „mit heilsamer Kraft ausstatten“, auch „loben, preisen, danken“. Auch „niederknien“.

Trinitatis ist also das Fest, in der „die heilsame Kraft“ des trinitarischen Gottes uns durchströmt: zu unserem eigenen wie zum Wohle unserer Mitmenschen.
Schauen wir uns an, wie diese „heilsame Kraft“ in den Segens-Worten ihren Ausdruck findet.

„Der Herr segne dich und behüte dich“ – wörtlich: „Segne dich ER und bewahre dich.“

ER. Nicht ICH segne dich. Es ist keine Ich-Du-Beziehung. Es ist eine „ER segnet“ Beziehung.
ER – das ist Personalpronomen der 3. Person.
Es ist die heilsame Kraft des Dritten, von dem hier die Rede ist. Nicht romantische Ich-Du-Verschmelzung, romantisches Schmachten nach der/dem fernen Geliebten. ER ist nüchtern. ER ist, der ER ist. ER ist die Wirklichkeit.

„ER behüte dich“: hebräisch samar: „bewachen, beobachten Acht haben, bewahren, sorgfältig tun, den Bund bewahren.“

Die heilsame Kraft des Segens fließt hinein in die Achtsamkeit für den Augenblick. Für das, was gerade „Not tut“. Achtsamkeit hat mit nüchterner Beob-„acht“ung zu tun: und der Fähigkeit, ernst zu nehmen, was ich sehe und wahrnehme. Ernst-Nehmen als Wahr-Nehmen bedeutet: „nichts machen“. Dem Impuls des Tuns zu widerstehen. Das ist das Schwierigste: ES geschehen lassen. „Der Wind bläst, wo er will, und du hörst sein Sausen wohl; aber du weißt nicht, woher er kommt und wohin er fährt. So ist es bei jedem, der aus dem Geist geboren ist.“ (Joh. 3,8) – haben wir vorhin im Evangelium gehört. Das Blasen des Windes, das Wehen des Geistes entzieht sich unserer Machbarkeitsfantasien. „Wer hat des Herrn Sinn erkannt, oder wer ist sein Ratgeber gewesen?“ (Jesaja 40,13) Indem wir alles loslassen, was uns Halt gibt: die Fragen nach Sinn, die Urteile und Bewertungen, die Welt des links oder rechts, die Welt der Zwei – tauchen wir in die Leere des Nichts hinein. Dieses Hineintauchen (Taufe!) ist unweigerlich verbunden mit höchst unangenehmen Gefühlen von Verwirrung (confusion) und Selbst-Auflösung. Dieser nicht ungefährliche Weg ist nur gehbar in einem Grundgefühl des Gehalten-Seins: eben jenes Segens, der „behütet“ und „bewahrt“.

„Der Herr lasse leuchten sein Angesicht über dir und sei dir gnädig“ – wörtlich: „Lichte ER sein Antlitz dir zu und sei dir günstig.“

Das Lichten SEINES Antlitzes ist das Werk oder die Wirkung des „Sohnes“. Der Vater, hebräisch „aw“, „wohnt im Dunklen“ (siehe oben). Nur der Mystiker – wenn überhaupt – erträgt es, ihn zu sehen. Unser Johannisevangelium hat die Metapher des „Lichtes“ aufgegriffen und sie auf Jesus Christus bezogen: „Und das Licht scheint in der Finsternis und die Finsternis hat’s nicht ergriffen.“  Die Finsternis hat es nicht ergriffen, die Finsternis kann das Licht nicht „erfassen“. Die Finsternis ist die Matrix, der Hintergrund, auf dem sich etwas „zeigt“, auf dem mir „ein Licht aufgeht“. Wieder: ES geht auf – nicht Ich zünde es an. Wir stellen uns gerne dieses Licht als leuchtende Fackel, als starken Scheinwerfer vor, der die Finsternis erhellt. Das ist wieder unser haus-gemachtes Licht: es erhellt nicht die Finsternis, es vertreibt die Finsternis. Das Licht des Segens ist ein Abglanz der Dunkelheit selbst: in ihm leuchtet die Dunkelheit aus sich heraus. Unseren Augen wird dieses Leuchten erst zugänglich, wenn sie sich an die Dunkelheit gewöhnt haben. Dann weiten sich die Pupillen und es wird sichtbar, was im hellen Licht der Sonne oder im grellen Schein der Scheinwerfer überblendet wird.

„… und sei dir günstig (gnädig)“

Wir kommen alle als Babys auf die Welt. Nicht wir sehen, sondern wir werden gesehen. Und irgendwann, um das dritte Lebensmonat, schauen wir zurück, erkennen wir das „Antlitz“ der Mutter, des Vaters, der Geschwister usw. Es ist nicht gesagt, dass dieses Antlitz uns „günstig“ zugeneigt ist. Das ist ein Geschenk. Wenn wir Pech haben, schauen wir in müde, oder gar tote Augen einer depressiven Mutter, die sich angesichts ihres Babys völlig überfordert fühlt. Wenn wir Pech haben, schauen wir in enttäuschte Augen, weil wir nicht der ersehnte Junge oder das ersehnte Mädchen sind, weil wir jemandem ähnlich sehen, der in die Familie abgelehnt wird. Wenn wir Pech haben, sehen wir nur selten Antlitze, bleiben uns selbst und unserer Einsamkeit überlassen. Wenn wir Pech haben, erblicken wir Augen voller Panik davor, ob das Baby überhaupt die Kraft hat zu leben  … Das Problem ist: wir können als Baby gar nicht anders als wahrnehmen, aufnehmen, in uns hinein lassen. Alles fließt in das Baby hinein, das Entwicklungsfördernde wie das Entwicklungshemmende, die Trauer der Mutter wie ihre Freude, der Streit der Eltern wie ihre Liebe. Und glücklich das Baby, das in die gegenseitige Liebe der Eltern hineinwachsen darf. Es bekommt einen unschätzbaren Rückhalt, genannt „Urvertrauen“ (Erikson) für sein ganzes Leben.

In dieser frühen Zeit entstehen die Grundgefühle, die emotionalen Basics unseres Lebens, aus denen heraus sich unser Unbewusstes bildet. Je älter wir werden, desto stärker „überblendet“ das helle Licht unseres Verstandes die dunklen Grundgefühle unserer Herkunft, die doch unser ganzes Leben so wirksam prägen.

„Der Herr erhebe sein Angesicht auf dich und schenke dir Frieden“ – wörtlich: „hebe ER sein Antlitz dir zu und setze dir Frieden.“

Das Problem ist, dass echtes Wahrgenommen-werden heftige Gefühle auslöst. Sie merken es schon bei der Begrüßung: es gibt Menschen, die vermeiden den Blick-Kontakt. Wahrgenommen-Werden bedeutet Gesehen-Werden. Und Gesehen-Werden ist gefährlich. Je schlechtere Erfahrungen wir in unserem Leben mit Gesehen-Werden gemacht haben, desto reflexhafter werden wir Situationen des Gesehen-Werdens vermeiden. Das Problem ist die Verlinkung von Gesehen-Werden mit Beschämt-Werden. Die dazu gehörigen Schamgefühle kreisen allesamt um ein Verschwinden-Wollen: „Ich könnte in den Boden versinken – so habe ich mich geschämt“. Ich vermute, die meisten von uns erinnern sich  mühelos an derartige Erlebnisse aus dem eigenen Leben.

In unserer Segensformel wird Gesehen-Werden verbunden mit „Frieden geschenkt bekommen“. Und das hebräische Wort für Frieden, „Schalom“ meint nicht nur den Frieden als Abwesenheit von Krieg, sondern einen Frieden als ein tiefes inneres und äußeres Wohlbefinden, ein Genug-haben und Genug-Sein. Der in diesem Frieden gesegnet lebende Mensch würde der berühmten Fee, die ihm sagt, er habe drei Wünsche frei, lächelnd antworten:

„Ich bin zufrieden.“

Und im selben Moment würden Stimmen in ihm auf den Plan treten, die ihn des Wahnsinns bezichtigen würden. Reichtum, Macht, Ansehen, Status, Einfluss: all’ dies, wofür und worum wir Menschen so kämpfen – wie kann jemand so blöd sein, darauf zu verzichten?

Und der in diesem Frieden Gesegnete würde antworten: „mir genügt das Geld, das ich verdiene, mir genügt die Macht, die es mir ermöglicht, mich an die Gebote und die Gesetze zu halten, mir genügt das Ansehen, das ich bei denen genieße, mit denen ich zusammen bin, mir genügt der Status, der mir ermöglicht, mit beiden Beinen auf der Erde zu stehen, mir genügt der Einfluss, mit dem ich mein Leben zum Guten für mich und hoffentlich für meine Mitmenschen gestalten kann.“

Und die Stimmen würden sagen: Und was ist mit deinem Alt-Werden, mit deinen alltäglichen Schmerzen, mit deiner Müdigkeit und deinem Erschöpft-Sein? Du hättest dir wenigstens ewige Jugend wünschen können.

Und der in diesem Frieden Gesegnete würde antworten: „Ja, ich werde schneller müde als früher, mein Kräfte schwinden, mal zieht es da, mal dort. Na und? Es gibt kein Leben ohne Vergehen, Leben ist Wandel, ist Veränderung. Es wäre töricht, sich etwas zu wünschen, was dem Grundsatz des Lebens entgegen läuft. Das kann nur unglücklich machen!“

„Und noch eines“ würde der in diesem Frieden Gesegnete antworten:

„Friede und Freiheit und Freude und Freund gehören zusammen. Man kann es noch hören. Sie stammen alle von ein- und demselben Wortstamm ab. Die Verwechslung von Freiheit mit Maßlosigkeit, mit: ‚Ich mache jederzeit, was mir gefällt’, führt in die Sklaverei. (Diese Verwechslung ist freilich unvermeidlich auf dem Weg des Erwachsen-Werdens.)

Die freiwillige Rück-Bindung des Sohnes an den Vater ist eine Rückkehr (re-ligio) im Dienste des Wachstums und der Entwicklung. Es ist auch eine Wiedergutmachung, eine erneuernde Wieder-Herstellung („Restauration“) des Eingebettet-Seins in die liebevolle Beziehung zwischen Vater und Mutter, Gott-Vater und Gott-Sohn. Und in dieser Erneuerung geschieht ‚das neue Geboren-Werden aus Wasser und Geist’. Und so werden alle, die in diesem Vertrauen leben, zu Kindern der Liebe, umhüllt und gehalten von dem Segen des dreieinigen Gottes, des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes.“

Gebe dieser dreieinige Gott, dass wir es wagen, uns als Kinder seiner Liebe zu fühlen, dass wir es wagen zu glauben, wir seien so erwünscht, wie wir sind, dass wir es wagen zu hoffen, dass das, was wir tun und was wir unterlassen und wie wir alltäglich versuchen zu leben und zu überleben:  – dass es genug sei! AMEN.