Predigt am 23. Sonntag nach Trinitatis in der Petruskirche über Mt. 5, 33-37

Predigt am 23. Sonntag nach Trinitatis in der Petruskirche über Mt. 5, 33-37

(3. November 2013)

Die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen, AMEN.

Liebe Gemeinde,

Klarheit beruhigt. Sie ordnet ein. In ihr entstehen gute, dem Leben dienende Verbindungen: „Gebt dem Kaiser, was ihm zusteht, gebt Gott, was diesem zusteht.“

So einfach ist das.

Bis heute. Nur anstelle von Kaiser sagen wir heute: „Staat“. Gib dem Staat, was ihm zusteht und gib Gott, was Gott zusteht.

Bleiben wir kurz bei dem ersten Satz: gib dem Staat, was ihm zusteht. Das, was dem Staat zusteht, nennen wir „Steuer“. Die ursprüngliche Bedeutung von „Steuer“ ist laut Duden: „Stütze, Unterstützung, Steuerruder.“ Also eine Vorrichtung, die das „Rudern“ in eine bestimmte Richtung unterstützt. Die vermeidet, plan- und orientierungslos „herum zu dümpeln“ – um eine weiteres Bild aus dem Bereich Schifffahrt zu verwenden. Indem wir unsere Steuern bezahlen, unterstützen wir unseren Staat. Und indem wir dies tun, unterstützen wir letztlich uns selbst und zwar als soziale Gemeinschaft. „Wir sind der Staat!“

Wer Steuern hinterzieht, betrügt an der Oberfläche die Gemeinschaft; in der Tiefe betrügt er sich selbst. Bekannte Ausreden, wie: „Ich sehe nicht ein, dass ich einem Staat, der dies und jenes macht oder unterlässt, mein Geld gebe…“ oder: „Sollen doch die da oben erst einmal anfangen, sich an Ordnungen zu halten…“ sind kindisch. Wer so denkt, weigert sich, Verantwortung zu übernehmen.

Zum zweiten Satz: „Gib Gott, was Gottes ist“. „Was ist Gottes“? Was steht ihm zu. Welche „Steuer“, welche „Unterstützung“?

Darauf gibt es natürlich vielfältige Antworten. Mit einer Antwort haben wir uns heute näher zu beschäftigen: sie steht im heutigen Predigttext, aufgezeichnet bei Matthäus Kapitel 5, Vers 33 bis 37:

33 Ihr habt weiter gehört, dass zu den Alten gesagt ist (3. Mose 19,12; 4. Mose 30,3): ‚Du sollst keinen falschen Eid schwören und sollst dem Herrn deinen Eid halten.’ 34 Ich aber sage euch, dass ihr überhaupt nicht schwören sollt, weder bei dem Himmel, denn er ist Gottes Thron; 35 noch bei der Erde, denn sie ist der Schemel seiner Füße; noch bei Jerusalem, denn sie ist die Stadt des großen Königs, 36 Auch sollst du nicht bei deinem Haupt schwören; denn du vermagst nicht ein einziges Haar weiß oder schwarz zu machen. 37 Eure Rede sei: Ja, ja; nein, nein. Was darüber ist, das ist vom Übel.“

Die Antwort Jesu auf die Frage: „Was ist Gottes, was steht ihm zu?“ ist also eine radikal negative: nichts von dem, auf das du dir etwas einbildest, auf das du stolz bist, nichts von deiner Eitelkeit erfreut Gott. Hier kommt unser Wochenspruch ins Spiel, der auf das radikale „Anders-Sein“ Gottes abhebt: „Dem König aller Könige und dem Herrn aller Herrn, der allein Unsterblichkeit hat, dem sei Ehre und ewige Macht.“ (1. Tim. 6, 15f.)

Bei diesem „König aller Könige“ zu schwören ist schlicht – unmöglich. Gott zu geben, was Gottes ist, bedeutet: sein radikales Anders-Sein zu ertragen und nicht zu versuchen, es in unsere eigenen, selbstgestrickten Machenschaften hinein zu verwickeln. Abgesehen davon, dass wir es gar nicht können: es steht uns Menschen auch nicht zu, der Ehrlichkeit unserer Rede durch einen Schwur bei Gott zusätzliches Gewicht zu verleihen. „Hier stehe ich, ich kann nicht anders, Gott helfe mir, Amen“, soll Martin Luther seinem Kaiser auf dem Reichstag zu Worms gesagt haben. Das ist ebenso klar wie bescheiden. Nicht: „ich schwöre bei Gott, dass meine Rechtfertigungslehre richtig ist“ – nein: „ich kann nicht anders – Gott helfe mir…“ Das ist nahe bei: „In deine Hände befehle ich meinen Geist…“

Noch tiefsinniger hat es Rabbi Michal von Zlotschow in einer chassidischen Geschichte ausgedrückt. Er deutet eine Stelle aus dem 5. Buch Mose, wo Moses sagt: „Ich stand zwischen IHM, den Herrn und euch…“ (um die 10 Gebote zu empfangen) so um: „Nur das Ich, das Empfinden des eigenen Ich, ist die Scheidewand zwischen uns und Gott. Denn Gottes Herrlichkeit ruht nur auf demjenigen, der sich für nichts hält. Das Wort ‚Ich’ darf Gott allein sagen.“ (Bloch S. 75)

Das ist (nicht nur) für unsere Zeit und unsere Gesellschaft schwer erträglich. „Unter’m Strich zähl ich“, heißt der Slogan einer großen Bank. Damit wird ein Lebensgefühl ausgedrückt. Unser Lebensgefühl. Und stimmt es nicht wirklich: brauchen wir nicht ein starkes Ich, das Verantwortung tragen, das sich hinstellen kann. „Hier stehe ich…“

Keine Frage: Ein spirituelles Ich ist ein starkes Ich. Denn nur ein starkes Ich kann sich loslassen. Nur ein starkes Ich ist ein Ich, das sich selbst nicht in den Mittelpunkt stellen muss. Es ist gerade nicht ego-zentrisch. Es kreist gerade nicht um sich. Es weiß sich vielmehr als Teil eines größeren Ganzen. Und darin weiß es um seine Grenzen. Wir können zwar Haare färben – aber wir können nicht ein einziges weißes Haar in ein schwarzes Haar verwandeln. Der Slogan eines spirituellen Ich lautet: „Unter’m Strich zählt – es“ Es – das ist im jüdischen Glauben ER, der unerkennbare Gott, es, das ist im Zen-Buddhismus die Kraft des „es ist nichts“.

Ein starkes Ich ist ein demütiges Ich. Es weiß, wie wenig es wirklich weiß. „Ich weiß, dass ich nichts weiß“, hat einer der großen Denker, Sokrates, am Ende seines Lebens bekannt. Ein starkes Ich hält sein eigenes Unwissen aus und versinkt darob nicht in Depression. Im Gegenteil: indem es lernt, sich zurück zu stellen, Rück-Sicht zu nehmen, gelangt es zu einer inneren Ruhe, die es vorher nicht kannte. Alte, wohl-vertraute Hektik und Getriebenheit lösen sich „in Nichts“ auf: die Zeiten, in denen „Ich mich selbst beweisen musste“ verlieren an Bedeutung.

Heitere Gelassenheit beginnt zu wachsen. Dies alles geht freilich nicht so schnell und einfach, wie ich das hier im Zeitraffer zusammenfasse. Es ist ein langer Entwicklungsprozess der – wenn wir Glück haben und Gott uns gnädig ist – zu einer Weisheit des Alters führt, die dann in Sätze münden kann, wie der von Herrmann Hesse: „Je älter ich werde, desto mehr freue ich mich.“ Oder der von Johann Heermann: „… vor Sünd’ und Schanden mich bewahr, dass ich mit Ehren trag all’ meine grauen Haar.“

Zu schwören ist Ausdruck von Unsicherheit. Im Schwur wird nicht „der Wahrheit die Ehre gegeben“; stattdessen wird die Wahrheit an ein „beteuerndes Ich“ gefesselt. Schwören ist Ausdruck von „so glaube mir doch!“ – und nicht: „lass uns gemeinsam unsere Knie vor der Wahrheit beugen“. Das Schwören versucht den Anderen zu meinen Beteuerungen „herüber zu ziehen“. Dies aber ist Ausdruck eines schwachen Ich, das sich nach „Verschmelzung“ sehnt.

Gier, Geiz, Neid und die dazugehörigen Beteuerungen und Schwüre, dass alles ganz anders war, niemand abgehört worden ist, und wenn, dann dies ein großes Versehen war … all’ dies sind Ausdrücke eines schwachen Ich. Ein schwaches Ich ist ein ängstliches Ich, das sich von seiner Umgebung bedroht fühlt.

Ein schwaches Ich denkt in Misstrauen, Angst und Kontrolle, ein starkes Ich denkt in Vertrauen und Sicherheit.

Nun ist es auch eine Täuschung zu meinen, Misstrauen und Angst ließen sich so überwinden, dass es sie nicht mehr gibt. Misstrauen, Angst, Kontrollstreben und die daraus sich ergebenden Strebungen von Neid, Gier und Egozentrik gehören zum Leben dazu. Sie haben mit unserer Triebnatur, unserem Leben und Überleben-Wollen zu tun. Die Geschichte ist voll von Schwüren und Ehrenwörtern, die nicht der Wahrheit entsprachen. Dahinter steht ein Ich, das der Wahrheit ausweicht. Es bedarf eines starken Ich, um der Wahrheit gewachsen zu sein. Ein schwaches Ich kommt um vor Schuld und Scham, wenn „die Wahrheit ans Licht“ kommt.

Wir haben vorhin gesagt: Klarheit beruhigt. „Gebt dem Staat, was des Staates ist, gebt Gott, was Gottes ist.“

Jetzt haben wir auch eine Ahnung davon bekommen, wie beunruhigend das ist, was hinter dem Satz: „Gebt Gott, was Gottes ist“, steckt.

Es bedeutet das Loslassen unserer vertrauten Muster und Gewohnheiten. Es bedeutet das Loslassen von einem Ich, das in der Täuschung lebt, es hätte alles im Griff, könnte das eigene Leben kontrollieren und das der Mitmenschen auch noch.

Von wegen! Was wir als Katastrophe erleben, was unser Ich als Katastrophe erlebt, ist ja nichts anderes als die Anerkenntnis, dass etwas geschehen ist, mit dem „ich“ überhaupt nicht gerechnet habe. Das mir vor Augen führt: Unterm Strich zählt, was ich zu erleben habe. Ob es meinem Ich gefällt oder nicht.

Das Gesagte gilt natürlich auch und gerade für uns, die wir Kirchgänger sind.

Die große Frage ist: mit welcher Haltung besucht mein Ich den Gottesdienst?

Hierzu gibt es eine kleine Geschichte von Baalschem – dem Gründer der chassidischen Bewegung:

Der Baalschem blieb einst an der Schwelle eines Bethauses stehen und weigerte sich, es zu betreten. ‚Ich kann nicht hinein’, sagte er. ‚Es ist ja von Wand zu Wand und vom Boden bis zur Decke übervoll der Lehre und des Gebets, wo wäre da noch Raum für mich?’ Und als merkte, dass die Umstehenden ihn anstarrten, ohne ihn zu verstehen, fügte er hinzu: ‚Die Worte, die über die Lippen der Lehrer und Beter gehen, kommen nicht aus einem auf den Himmel ausgerichteten Herzen, steigen nicht zur Höhe auf, sondern füllen das Haus von Wand zu Wand und vom Boden zur Decke.’“

Gebt Gott was Gottes ist:

Ein auf den Himmel gerichtetes Herz, Füße, die sich vom Boden der Wirklichkeit tragen lassen, Knie, die sich vor der zu erlebenden Wahrheit beugen, in Ehren getragene graue Haare und ein Ich, das dafür Sorge trägt, dass dies alles in guter Gemeinschaft geschieht, AMEN.

Und die Liebe Gottes, die höher ist als unser menschliches Reden und Denken bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, AMEN.