Predigt über 2. Petrus 1, 16-19

Predigt über 2. Petrus 1, 16-19 am letzten Sonntag nach Epiphanias 2014

gehalten in der Thomaskirche in Grünwald (9.2.2014)

Gnade sei mit euch und Friede, von Gott unserem Vater und Jesus Christus unserem Herrn, AMEN.“

Liebe Gemeinde,

Unsicherheit ist ein Zustand, den wir Menschenkinder gar nicht gerne haben. Auf körperlicher Ebene drückt sich Unsicherheit in feuchten Händen, Stottern, Schüchternheit, Erröten, Schwitzen usw. aus. Oder auch in ständiger Unruhe, Hektik und Bewegung. Zur-Ruhe-Kommen-Können hat mit dem Ertragen von Unsicherheit und/oder dem Erleben von Sicherheit zu tun. Ich vermute, dass wir auch deshalb am Sonntag in den Gottesdienst gehen, um so etwas wie Sicherheit zu erleben und vielleicht sogar zu bekommen.

Was verleiht uns Sicherheit?

Die NSA würde antworten: Kontrolle verleiht Sicherheit. Deshalb müssen wir abhören, überprüfen, kontrollieren… „Vertrauen ist gut – Kontrolle ist besser!“ – das stammt übrigens nicht aus Amerika, sondern wird Lenin in den Mund gelegt, was nur sinngemäß stimmt.

Ich möchte Ihnen heute eine ganz andere Sicherheitsstrategie vorschlagen:

Sicherheit entsteht durch das Verbunden-Sein mit Wahrheit.

Auf der Seite der Wahrheit stehen heißt, auf der sicheren Seite stehen.

Und was ist Wahrheit?

Die Wahrheit an sich ist unerkennbar. Erkennbar ist (bestenfalls) „der Glanz der Wahrheit“ eines Augenblicks. Von so einem „wahrhaftigen“ Augenblick handelt unser heutiges Evangelium. Jesus wird vor den Augen seiner Freunde verklärt, ein Glanz umhüllt ihn und eine Stimme ertönt: „Dies ist mein Sohn, an dem ich mein Wohlgefallen habe; auf ihn sollt ihr hören.“ (Mt. 17,6)

Nun – falls es diesen Augenblick wirklich gegeben hat – er ist jedenfalls lange vergangen. Fast zwei Jahrtausende liegen zwischen damals und heute. Daran ändert sich auch nichts, wenn es in unserem heutigen Predigttext – einem Brief – heißt: „Denn wir sind nicht ausgeklügelten Fabeln gefolgt, als wir euch kund getan haben die Kraft und das Kommen unseres Herrn Jesus Christus; sondern wir haben seine Herrlichkeit selber gesehen. Denn er empfing von Gott, dem Vater, Ehre und Preis durch eine Stimme, die zu ihm kam von der großen Herrlichkeit: Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe. Und diese Stimme haben wir gehört vom Himmel kommen, als wir mit ihm waren auf dem heiligen Berge.“ (2. Petrusbrief 1, 16-18)

Jetzt ist es so; dass der Autor dieser Sätze sich als Petrus ausgibt, unter diesem Namen den 2. Petrusbrief schreibt – sicherlich aber nicht Petrus ist. Ich verschone sie mit historisch-kritischen Argumenten – nur soviel: seriöse katholische wie evangelische Theologie, die nach Kriterien von Vernunft und historischer Wissenschaft vorgeht, ist zu dem übereinstimmenden Ergebnis gekommen, dass dieser Brief nicht von Petrus selbst geschrieben worden sein kann. Das heißt natürlich auch, dass sein Autor nicht auf dem Berg mit dabei gewesen sein kann.

Warum macht jemand so etwas?

Um Sicherheit zu geben. Vermutlich war er ein überzeugter Christ, der mit diesem Brief der Sache des Christentums weiterhelfen wollte.

Jetzt bekommen wir ein Problem: vorhin haben wir gesagt, Wahrheit gibt Sicherheit. Der Verfasser des 2. Petrusbriefes will Sicherheit geben, indem er etwas vortäuscht: er tut so, als wäre er Petrus.

Und das ist ja wohl der größte Vorwurf an uns Christen: dass wir so tun, als ob wir das glaubten, was wir z.B. im Glaubensbekenntnis gemeinsam gebetet haben. Dass wir uns das vormachen, weil es unser Leben leichter mache. Weil wir die „wahre“ Einsamkeit, die Gottlosigkeit des Lebens nicht ertragen würden.

Das hartnäckige Glauben an eine „Illusion“ verleihe uns Christen – so der Vorwurf – Sicherheit.

Nun gibt es in der Tat eine Sicherheit des „als ob“, die viele von uns erlebt haben: ein kleines Kind empfängt Sicherheit über sein Stofftier, das unter keinen Umständen vergessen und auch nicht gewaschen werden darf, oder ein Handtuch oder einen Bettzipfel. Es tut so, als ob dies die Brust der Mutter wäre. Und dies beruhigt.

Später kann aus dem Stofftier dann ein lebendiges Tier werden, bei Mädchen ein Hund oder ein Pferd – bei Jungs wird eher etwas Unlebendiges aber ebenso Sicherheit Spendendes daraus: ein Motorrad, ein Auto usw.

Gemeinsam ist dieser Art Sicherheitsstreben das Anhaften an sinnlichen Dingen. An Materiellem. Mein Haus, mein Auto, mein Bankkonto – das alles kann Sicherheit geben.

Die Sicherheit von der die Geschichte der Verklärung Jesu handelt, ist völlig anderer Art: es ist eine Beziehungssicherheit: „Dies ist mein lieber Sohn…“ Wobei es hier nicht um die Vater-Sohn-Beziehung geht. Es könnte genauso heißen: „dies ist meine geliebte Tochter“ – gesprochen von einer Mutter.

Entscheidend ist: es geht um die Sicherheit in der Beziehung. (Das hebräische Wort für “Wahrheit“ – `ämät – heißt übrigens, wörtlich übersetzt: „Sicherheit in Beziehung“.

Und wodurch entsteht diese?

Wenn wir uns in unserem Text auf die Suche nach Elementen machen, die diese Sicherheit verleihen, so sind das:

  • das öffentliche Bekenntnis: „dies ist mein lieber Sohn“

  • die Art der Beziehung: sie ist getragen von Liebe: „mein lieber Sohn“

  • der Glanz, der Jesus umgibt

  • das Allein-Sein: „sie sahen niemand, als Jesus allein“

Zu den Elementen im einzelnen:

– das öffentliche Bekenntnis. Wir Menschen brauchen offenbar das Bekenntnis unserer Eltern zu uns. Es löst katastrophale Gefühle von Scham über Neid bis Hass aus, wenn dieses Bekenntnis fehlt. Das Unheil von Ödipus gründet darin, dass er sein Herkommen, seine Abstammung nicht wusste. Dies ist sicherlich ein Extremfall. Häufiger, geläufiger ist das Schicksal, dass der Sohn oder die Tochter zwar sicher ist, wer seine Eltern sind, aber unsicher, ob er/sie etwas wert ist, etwas kann. Ob er/sie eine Existenzberechtigung hat, ohne zu etwas zunutze zu sein. Ob er/sie einfach da sein darf – und bereits in seinem/ihrem Dasein willkommen ist. Dies war das große Problem Martin Luthers: wie bekomme ich einen gnädigen Gott? D.h., wie bekomme ich in mir „innere Elternfiguren“, die mir wohlgesonnen sind – vor aller Leistung, vor allem mich über „Werke rechtfertigen müssen“? Kinder und Jugendliche spüren genau, ob es um sie geht oder um Eltern, die sich in ihren Leistungen sonnen wollen. Um Eltern, die in Gegenwart ihres Kindes ihm seine Fehler vorwerfen und in seiner Abwesenheit sich mit seinen Leistungen schmücken. Schlaue Kinder verhindern dies durch vorsätzliche Erfolglosigkeit: sie vermeiden es, ihren Eltern „Stoff“ zu geben, den diese zum Angeben missbrauchen könnten.

– „Mein lieber Sohn!“ „Meine liebe Tochter!“ Glücklich wer in einer Beziehung aufwachsen darf, die getragen ist von Liebe. Mit Liebe meine ich nicht Romantik. Häufig wird Liebe verwechselt mit romantischen Gefühlen. Mit Schmetterlingen im Bauch und Kerzenlicht und Sonnenuntergang. Das ist alles sehr schön, hat was mit Verliebt-Sein zu tun – aber nicht mit Liebe. Eine weitere Gefahr ist, lieben mit brauchen zu verwechseln. Ich brauche dich so sehr, ich kann ohne dich nicht leben – auch dies drückt nicht Liebe aus, sondern – Besitzansprüche. Liebe ist etwas sehr Feines, materiell nicht fassbar, nicht greifbar. Petrus, der Realistische, schlägt vor, Hütten zu bauen – aber darum geht es nicht. Die Architektur der Liebe ist nicht von dieser materiellen Welt, ist aus dem Material dieser Welt nicht baubar. Sie lässt sich nicht „dingfest machen“ oder „in Stein meißeln“. Liebe ist etwas Scheues; wird sie eingesperrt entzieht sie sich.

– So ist es auch mit dem „Glanz“, der Jesus umgibt. Dies ist der sichtbare Ausdruck des sich geliebt Fühlens. Menschen, die sich geliebt fühlen, strahlen Liebe aus – und geben sie weiter. In der Psychologie spricht man vom „Glanz im Auge der Mutter“, wenn sie sich ihres Kindes erfreut. Das ist etwas Ähnliches. Wie schön wäre es, wenn wir Christen diesen Glanz in unseren Augen trügen, um ihn in die Welt hinein zu strahlen. Viel wichtiger, als alles Reden, Predigen, Diskutieren ist unsere Ausstrahlung: sie ist es, die beim Anderen ankommt, die uns glaub-würdig oder eben unglaub-würdig macht.

– „Und dann war Jesus wieder allein.“ Die Fähigkeit allein zu sein ist direkter Ausdruck von innerer Sicherheit. Allein-sein ist etwas ganz anderes als einsam sein. Im Allein-sein wird alles mit einander verbunden, es gibt keine Exkommunikationen mehr. Und im Allein-Sein bleibt alles in guter Ordnung von einander getrennt: es gibt keine Verschmelzung (Konfusionen) mehr. Und in diesem guten Verbunden- und Getrennt-Sein sein wird die Finsternis der Einsamkeit verwandelt in in den dunklen Glanz eines gestirnten Himmels.

Als Wegweiser dieser Verwandlung (Transformation) benennt unser Predigttext das prophetische Wort. Es möge Sicherheit geben im Angesicht der Flüchtigkeit und Nichtigkeit des Augenblickes. So lautet der letzte Satz: „Um so fester haben wir das prophetische Wort, und ihr tut gut daran, dass ihr darauf achtet als auf ein Licht, das da scheint an einem dunklen Ort, bis der Tag anbreche und der Morgenstern aufgehe in euren Herzen.“

Dies ist die poetische Formulierung für einen nüchternen Sachverhalt: es bedarf eines Führers in Anbetracht der völligen Dunkelheit des Weges zu Gott. Dieser Führer ist das „prophetische Wort“: es ist ein Wort, das in die dunkle Tiefe der unbewussten Bedeutung dessen weist, was „sich gerade zeigt“, was im Zeigen selbst unsichtbar bleibt. Das prophetische Wort ist der Wegweiser hinein in die Wahrhaftigkeit des Augenblickes. Wir stehen in der Gefahr, uns von dem Sichtbaren „ver-führen“ zu lassen: zu meinen, das Sichtbare, das den Sinnen sich Aufdrängende wäre „alles“. So wird die Welt zweidimensional: es entsteht eine flache Welt – eine Welt ohne Schatten, ohne Tiefe, ohne Geheimnisse.

Die Sterne leuchten um so mehr, je abgedunkelter der Himmel ist. Und wenn schon der Morgenstern den nahenden Morgen ankündigt, so kündigt derselbe Stern als Abendstern die heraufziehende Nacht an. Der Morgenstern ist der Abendstern! Der Abendstern ist der Morgenstern!

Eine Gefahr christlichen Glaubens ist es, zu sehr auf das „Licht“ zu blicken. So sehr, dass wir gar nichts mehr sehen – weil unsere Augen geblendet sind.

Die Bewegung des Lebens ist eine ganzheitliche: am Morgen verschwindet die Nacht, am Abend verschwindet der Tag. Beides gehört wesentlich dazu: sonst bleiben wir „im Morgenglanz der Ewigkeit“ stecken. Dann weiß unsere innere Dunkelheit nicht mehr, wohin mit ihr. Dann werden wir rechthaberisch und besserwisserisch. Und sind enttäuscht, dass es auch einen Abend unseres Lebens gibt, an dem sich unser Ich, das wir mit soviel Mühe aufgebaut und kultiviert haben, von uns wieder verabschiedet.

Gebe Gott, dass wir diesen „Werdegang des Lebens“ immer tiefer in uns hineinlassen, mehr noch: dass wir selbst zu diesem Werden und Vergehen werden. Gebe Gott, dass wir die Sicherheit und Leichtigkeit eines Lebens spüren dürfen, das von innen heraus leuchtet: in starker Verbundenheit mit jenem Gott, der dein Leben trägt, der dich in deinem So-Sein willkommen heißt, der nur darauf wartet, die milde Sonne seiner Barmherzigkeit in deinem Leben erstrahlen zu lassen, AMEN.

Und die Liebe Gottes, die unsere Vernunft übersteigt und unsere Sinne in Dunkelheit hüllt, bewahre unser Sehnen und Denken, in Christus Jesus, AMEN.