Familiengottesdienst am 6. Sonntag nach Trinitatis zum Thema: „Abschied-Nehmen“ (2014)

Predigt am Familiengottesdienst, 6. Sonntag nach Trinitatis

Thema: „Abschied-Nehmen“

Liebe Kinder, liebe Gemeinde,

kennt ihr das, dass einem so richtig langweilig ist?

Dass man nicht weiß, was man tun soll?

Auf nichts Lust hat?

Die Zeit scheint still zu stehen.

Man kann mit sich, mit dem, was da ist, nichts anfangen.

Man fühlt sich eingehüllt in einen dicken Schleier.

Als wäre man in ein Fass mit dickflüssigem Honig gefallen.

Alles zieht sich, klebt an einem …

Wie kommt man da wieder raus?

Man lenkt sich ab!

Wir Männer stürzen uns in Arbeit. Karriere ist angesagt.

Und in Hobbys.

Jedenfalls machen, tun. Heim-werken.

Frauen stürzen sich auch in Arbeit. Und auf die Kinder.

Die müssen gut sein in der Schule. Und der Haushalt muss gepflegt werden.

Und schön muss man auch sein.

Ab ins Fitness-Studio!

Nur nicht stehen bleiben.

Nicht nach-denken.

Keine Leere erleben.

Immer auf Achse.

Immer weiter.

Sich-Gehetzt-Fühlen ist nichts anderes als die Kehrseite unerträglicher Langeweile.

Unsere Jugendlichen und jüngeren Erwachsenen verwenden ein kleines Ablenkungsgerät. Es ist charmant, ja smart. Daher hat es seinen Namen: „Smartphone“. Das steht für: stets erreichbar sein, stets im Kontakt (mit anderen) sein. Schnell mal schauen, wie der Wetterbericht ist. Oder wie die Aktienkurse stehen. Schnell mal ein Foto schicken, wo ich gerade bin. Was ich gerade esse. Oder eine Nachricht bekommen.

Da gibt es keine Langeweile mehr. Kein Allein-Sein.

Von daher sind die Texte, die wir in diesem Gottesdienst gehört haben ziemlich out!

Sie sind so sehr out, dass sie wahrscheinlich auch unverständlich sind.

Was bedeutet das: „Ich habe dich erkannt, ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein?“

Oder: „Ich bin bei euch alle Tage, bis ans Ende der Welt“?

Was sind das für komische Ideen: man müsse einander zähmen, sich vertraut machen? Und dann tut es auch noch weh! Dann erleidet man auch noch Abschiedsschmerz.

Und genau darum geht es: wir Menschen unterscheiden uns in der Tiefe viel weniger von anderen Lebewesen, als wir uns das gerne einreden. In der Tiefe lieben wir alles, was Lust macht – und vermeiden das, was Unlust macht. Und Schmerz – ist nun mal nicht lustig.

Unsere Texte beschreiben im Grunde ein sehr einfaches Geschehen:

die Schönheit, das Bewegende und Berührende des Sich-Einlassens kostet. Es hat seinen Preis. Den Preis bezahlen wir mit den Gefühlen, die wir beim Abschied-Nehmen erleben.

Aber – warum ist das so? Warum tut scheiden weh? Was ist das für ein Schmerz?

Es ist das Erleben von Vergehen. Von Nicht-Halten-Können. Es ist das Erleben von Ohnmacht. Wir waren alle einmal Kinder. Haben als Kinder gefühlt und gehandelt. Und diese Gefühle sind nicht verschwunden, sind in uns lebendig geblieben, leben in uns – mal bewusster, mal unbewusster. Wir haben als Kinder intensiv erlebt, wie es unseren Eltern geht. Und ich vermute, gar nicht so wenige von uns haben die Verzweiflung ihrer Eltern (oder ihrer Mutter) gespürt, ihre Ohnmacht. Und wir wollten ihnen helfen. Jedes Kind will, dass seine Eltern glücklich sind. Und wir haben nicht verstanden, dass wir unsere Eltern nicht glücklich machen können. Dass wir ihnen das, was ihnen in der Tiefe fehlt, nicht geben können. Und so haben wir uns selbst als ungenügend gefühlt, als diffus schuldig, als welche, die zu wenig geben.

Und so haben wir gelernt, unsere Ohnmacht mit Schuld zu verknüpfen. Als wären wir daran schuld, dass wir unsere Mutter/Eltern nicht „retten“ konnten. (Und später unseren Paterner etc.) Und so plagen wir uns, und überfordern uns. Und so wird es eng, und immer enger, und wir haben das Gefühl, wir kriegen keine Luft mehr.

Und genau hier kommen unsere Texte, kommt Gott ins Spiel. Aber erst, wenn wir ausatmen. Keine Luft kriegen heißt ja, den Atem anhalten. Sich von der verbrauchten Luft in der Lunge nicht trennen zu können. Und dies blockiert, sich auf Neues einzulassen.

Unsere Texte sagen: wer ausatmet, bekommt frische Luft. Wer sich einlässt, bekommt Neues dazu. Einlassen bereichert. Über das Einlassen entstehen neue Verbindungen, neue Synapsen werden verschaltet: auf einmal verbindet sich das Weizenfeld mit der Haarfarbe des kleinen Prinzen. Aus einer Rose unter vielen wird „meine“ Rose. Aus vielen Hunden aus dem Tierheim wird „unser“ Hund. Aus einer Frau unter vielen wird „meine Frau“.

Aus einer Religionspädagogin wurdest du unsere Melitta. Und wir wurden „deine“ Jakobusgemeinde. Und jetzt nehmen wir wieder Abschied von einander. Das tut weh. Aber es tut auch gut, dass es weh tut. Heißt es doch: da ist etwas passiert zwischen uns. Wir sind uns nicht gleichgültig geblieben. Wir haben uns einander vertraut gemacht. Und dieses Geschehen verändert alles! Es gibt kein „zurück“ mehr. Es gibt keine Jakobuskirche mehr ohne Melitta Bordon. Völlig egal, ob du leibhaftig noch da bist oder nicht.

Das ist das Unglaubliche an dem Sich-Einlassen: es ist wie Vater oder Mutter werden: ist man es einmal geworden, kann man es nie mehr nicht sein!

So verstehe ich den Satz: „Ich bin bei euch, alle Tage bis an der Welt Ende!“ in der Tiefe. Gott hat sich eingelassen: auf unser Menschsein, unser Lebendig-Sein, auf unser Lebewesen-Sein. Dahinter gibt es kein zurück mehr! Und die Botschaft, das Geschenk dabei ist: es ist gut so – du bist (gut) genug. Du musst nicht etwas können, was dich überfordert! An unserer Vergänglichkeit, daran dass Leben kommt und vergeht, können wir alle nichts ändern.

Aber genau das macht natürlich auch Angst. Indem ich spüre, dass es kein Zurück mehr gibt, spüre ich auch, dass meine große Freiheit des „Alles ist möglich“ vorbei ist. Indem diese „eine“ Rose zu „meiner“ Rose wird, verzichte ich auf alle anderen Rosen. Der Weg des Einlassens ist ein Weg des Verzichtes. „Ich hätte schon gerne einen Hund, aber dann bin ich ja so angehängt!“ Genau so ist es. Sich-einlassen heißt sich kümmern, Verantwortung tragen. Sich freiwillig „anzuhängen“. Und das ist weit weg von der Lust des „alles ist möglich – ich mache was ich will!“ Sich-Einlassen bildet unser Leben ab: vom Anfang bis zum Ende. Im „Möglichkeitsraum“ gibt es kein Sterben!

Und so ist Sich-einlassen notwendig verbunden mit heftigen Gefühlen von Un-Lust, ja von Hass auf das „Angebunden-sein!“ Indem ich mich einlasse, muss ich ertragen, dass ich den Anderen nicht besitzen kann. Sich-Einlassen ist etwas völlig Freiwilliges. Und dann ist auszuhalten, dass er/sie ein Eigenleben führt – und letztlich seinen eigenen Tod stirbt.

So erinnert uns jeder wirkliche Abschied auch daran, dass lebendige Beziehungen sich nicht besitzen lassen. Nur Totes lässt sich besitzen!

Alles Lebendige ist ein Geschehen, ist ein Geschenk!

Und alles Lebendige ist vergänglich.

Unvergänglich ist das Leben selbst. Ist das, aus dem heraus alles Lebendige war und wird und sein wird. In unserer Tradition nennen wir dies Gott.

Und so gilt beides: wir haben dich, liebe Melitta, als Geschenk zu deinem Mann dazubekommen. Quasi als „donum superadditum“. Und jetzt nehmen wir wieder Abschied. Und sagen danke für all das, was wir von dir bekommen haben. Und wie der Fuchs das Weizenfeld mit dem kleinen Prinzen verbindet, so verbinde ich selbstgemachte Leberpastete mit dir. Und Apfel-Zwiebel-Chutney. Und deine unnachahmliche Art, Geschichten zu erzählen. Und deinen Humor. Und jeder von uns, der sich auf dich eingelassen hat, wird etwas mit dir verbinden. Und so bleibst du da, auch wenn du gehst. Und umgekehrt hoffe ich, dass wir auch bei dir bleiben – auch wenn du hier nicht mehr bist.

Und das ist alles so und das ist alles gut so.

Und so bleiben wir gemeinsam in dem, der da war und der da ist und der da sein wird. Der, von dem wir erkannt sind, der, dem wir gehören, der, von dem gilt:

Denn siehe: ich bin bei euch alle Tage, bis an der Welt Ende. AMEN.