Predigt über 1. Thess. 3, 1-5 am 5. Sonntag nach Tr. in Pullach

Predigt über 1. Thess. 3,1-5 am 5. Sonntag nach Trinitatis (Jakobuskirche)

Die Dunkelheit des Vaters, das Licht des Sohnes und die Liebe des Heiligen Geistes sei mit uns allen, AMEN.“

Als ich des Suchens müde wurde, erlernte ich das Finden!“

Dies, liebe Gemeinde, ist das Motto – nicht nur dieses Gottesdienstes. Es scheint auch mein ganz persönliches Motto zu sein. Es ist nämlich so, dass ich keineswegs diesen Gottesdienst gesucht hätte. Viel mehr anders herum: der Gottesdienst scheint mich gesucht und gefunden zu haben.

Bis Freitag um 11 Uhr wusste ich, was ich an diesem Wochenende machen werde. Das schöne Wetter genießen, faulenzen, mich ein bisschen auf den Familiengottesdienst am kommenden Sonntag vorbereiten. Und dann kam der Anruf von Frau Schmidt, dass Pfarrer Hofmann im Krankenhaus sei, Herr Höhne nicht erreichbar – und ob nicht ich… Ich sagte zu – in dem Wissen: ich werde eine alte Predigt verwenden. Dann hält sich die Vorbereitungszeit in Grenzen.

Doch erstens kommt es anders, zweitens als man denkt.

Es ist ja so, dass jeder Sonntag seinen eigenen Schwerpunkt, seinen eigenen Fokus besitzt. Wochenspruch, Evangelium, Lesung aus einem Brief oder dem AT und Predigttext bilden eine organische Einheit. Bilden etwas ab. Ich merkte schnell, dass ich diese Einheit störe, dass ein Fremdkörper in den heutigen Gottesdienst kommt, wenn ich eine Predigt zu einem Text halte, der nicht hierher gehört. Außerdem – schlimmer noch – alte Predigten sind für mich wie Wein, der bereits ein paar Tage in einer geöffneten Flasche gestanden ist: man kann sich noch daran erinnern, dass er einmal gut geschmeckt hat – aber es ist sinnvoller, ihn zum Kochen zu verwenden.

So wurde es Samstag morgen und ich erzählte meiner Frau mein Dilemma. Ich hoffte, sie würde mir dabei helfen, wie ich eine ältere, in der Thomaskirche gehaltene Predigt zum 4. Sonntag nach Trinitatis gut heute zum 5. Sonntag nach Trinitatis unterbringen könnte. Das sehr kreative Gespräch endete damit, dass ich an meinem Schreibtisch landete, um Ihnen das sagen zu können, was ich Ihnen gerade sage.

Und um eine neue Predigt zu schreiben – die für heute, die zu diesem Gottesdienst gehört. Und so kam es, dass mich mit dem Gottesdienst diese Texte gefunden haben.

Aus Gnade seid ihr selig geworden durch Glauben, und das nicht aus euch: Gottes Gabe ist es.“ (Eph. 2,8)

Das ist der Wochenspruch. Ins Weltliche übersetzt: du kannst Gott nicht finden: alles was du kannst, ist, dich von ihm finden zu lassen. „Als ich des Suchens müde wurde, erlernte ich das Finden …“

Und so kann ich den Petrus und die anderen Fischer verstehen: sie waren des Suchens, des Fischens müde geworden, mit leeren Netzen waren sie zurück gekehrt. Sie wussten aus Erfahrung: am Tag zu Fischen ergibt keinen Sinn, da würde man sicher nichts fangen. Gegen diese Erfahrung rät Jesus, noch einmal hinaus zu fahren. Und siehe da – sie machen einen großen Fang.

So weit – so gut. Aber: lässt sich, – und wenn ja wie? – diese Geschichte in unseren Alltag hinein verstehen? Soll das jetzt mein großer Fang sein, dass ich, anstatt das schöne Wetter zu genießen, eine Predigt schreibe? Um mit ihr Menschen zu fischen, die sich wahrscheinlich gar nicht fischen lassen wollen!

Schon wieder gerate ich in das Suchen. Jetzt heißt das Suchen: wenn ich mir schon die Mühe mache, eine neue Predigt zu schreiben, dann muss ich aber auch etwas davon haben. Dann sollte die Kirche wenigstens einigermaßen gefüllt sein.

Ich vermute sie kennen das: jetzt habe ich mir solche Mühe gegeben, dann musst du aber auch… (gut gekocht – schmecken; Geschenk – gefallen;

Die Kehrseite davon ist: das darf unter keinen Umständen passieren!

Was passiert denn da, wenn jemand sagt: „Mama, es schmeckt mir nicht…!“

Oder: mit dem Geschenk – kann ich jetzt ehrlich gesagt nicht so viel anfangen.

Es passiert – das Erleben von Trennung.

Es passiert die Erkenntnis: der Andere ist ein Lebewesen, genauso wie ich: und er führt ein Eigenleben, ein eigenes Leben, ein von mir getrenntes Leben.

So ist das von Beginn unseres Lebens an: schon als Embryos führten wir im Mutterleib ein von der Mutter getrenntes Leben: hatten unser eigenes Herz, unsere eigenen Organe, unseren eigenen Blutkreislauf…

Und das kleine Baby hat eine eigene Verdauung, erleidet eigene Schmerzen, hat seine eigene Freude.

Aber nicht allein. Das Baby kann nur in Beziehung überleben.

Als Säugetiere sind wir auf Beziehung angewiesen. Tun wir alles dafür, dass uns Beziehung nicht verloren geht. Dahinter steht die Angst. Die Angst davor, alleine nicht zu überleben. Es ist diese Todesangst, die uns dazu verführt, uns unseres Lebens bemächtigen zu lassen. Es ist dieselbe Todesangst, die uns dazu verführt, uns des Anderen zu bemächtigen. Zu glauben, wir könnten das Leben, den Anderen kontrollieren. Zu glauben, wir hätten alles im Griff. In den Griff gebrachtes Leben ist gewürgtes Leben.

Es ist die Angst, die uns übersehen lässt, dass sich Leben nicht besitzen lässt. Oder anders: dass besessenes Leben Leben im Gefängnis, Leben in der Sklaverei, Leben im Würgegriff der Angst ist.

Es ist die Angst vor dem Erleben unseres Alleinseins, die uns davon abhält, das Land unserer Freiheit zu betreten.

Ich meine mit Freiheit die Fähigkeit des Sich-Einlassens auf. Die Fähigkeit sich finden zu lassen. Es ist der freie Mensch, der in Freude betet: „Dennoch bleibe ich stets an dir , denn du hältst mich an deiner rechten Hand, du leitest mich nach deinem Rat …“ (Psalm 73)

Dennoch – heißt: trotz aller täglichen Anfechtungen, Verführungen, Illusionen, trotz meines vermeintlichen Besser-Wissens etwas im Griff zu haben – lasse ich los, ergebe ich mich in „Deinen Willen“…

Dein Wille geschehe…“ so betet der freie, der befreite (erlöste) Mensch.

In Beziehung frei zu sein – das ist das Geschenk, die Gnadengabe Gottes! Die wir uns nur schenken lassen können. Und wie soll das gehen? In radikalem Vertrauen. Vertrauen worauf? Auf die Kraft des Augenblickes. Die Kraft des Augenblickes ist neutral. Ich habe keinerlei Anspruch darauf, dass irgendetwas „gut“ geht. Es ist ein Missbrauch unserer Geschichte zu meinen, ich muss es also so machen wie Petrus, dann werde ich reich belohnt. Das ist ein Trick – kein wirkliches Loslassen.

Der heutige Predigttext aus dem 2. Brief an die Thessalonicher (3,1-5) fügt sich hier ein: Paulus bittet um das Gebet der Gemeinde nicht für sich selbst, wohl aber dafür, dass sein eigenes Tun der Wahrheit dient:

Er schreibt: „“…betet für uns, liebe Brüder, dass das Wort des Herrn sich ausbreite und gepriesen werde wie bei euch und dass wir erlöst werden von den falschen und bösen Menschen; denn der Glaube ist nicht jedermanns Ding. Aber der Herr ist treu; der wird euch stärken und bewahren vor dem Bösen. Wir haben aber das Vertrauen zu euch in dem Herrn, dass ihr tun werdet, was wir gebieten. Der Herr aber richte eure Herzen aus auf die Liebe Gottes und auf die Geduld Christi.“

Kleine Kinder beten: Lieber Gott, bitte mach‘ dass …

Karikatur im Heute Journal: der deutsche Papst – der argentinische Papst:

Der in Gott erwachsen Gewordene betet um die Verbreitung des Wortes Gottes. Was ist das?

Das Wort Gottes ist das Erleben eines ganz tiefen Ja zu meinem So-geworden-Sein. In diesem Ja, so bin ich, ja „das ist mein ganz Eigenes … Fühlen, Denken, Empfinden…“ in diesem Ja geschieht die Erlösung von den falschen und bösen Menschen in mir. Das ist so wichtig, das Falsche und Böse in mir anzuerkennen – ansonsten bin ich einer, der den Splitter stets im Auge des Anderen sucht.

Das Falsche und Böse in mir schaut freilich so aus wie das Unmoralische, das, „was man nicht tut“. In Wirklichkeit, und auf dem Grunde – ist es all das, was mich versklavt, mich von meinem eigentlichen Geworden-Sein abhält, was mich stört als der zu leben, als der ich von Gott her wahrhaftig gemeint bin.

Böse heißt im Griechischen „poneros“: wörtlich ist es das „Schwere“, das, was mich „runter zieht“. Und falsch heißt im Griechischen „atopos“, wörtlich das, was am falschen Ort sich befindet. Wenn ich mich schwer („depressiv“) fühle, und daran etwas ändern möchte, ist es notwendig zu schauen, was in meinem Inneren an einem falschen Ort steht. Dies fühlt sich so an, wie es den Fischern am See Genezareth gegangen ist: absolut strange! Verrückt! Wenn ich mich schwer fühle, heißt das doch, dass der Andere, das Leben, mein Schicksal daran schuld ist. Heißt das doch: im außen muss sich etwas ändern. Und genau das ist der Irrtum!

Das Einzige, was (s)ich ändern kann, das bin ich selbst. Und genau das lässt sich nicht machen. „Als ich des Suchens müde wurde, erlernte ich das Finden.“ Noch genauer: ließ ich mich finden. Ließ ich mich von einer Kraft, die ich Gott nenne, finden. Diese Kraft fühlt sich nach Liebe an und nach Strenge, nach Freiheit und nach Verantwortung. Und in dieser Kraft fühle ich mich gemeint: gemeint als den von Gott und vor Gott Befreiten: befreit zur liebevollen Verantwortung für das eigene Leben und das Leben meiner Mitgeschöpfe.

In der Freiheit dieser Verantwortung habe ich diese Predigt geschrieben!

In dieser Freiheit gibt es kein Jammern und Murren – das Wetter ist so schön, warum tust du dir das an. In dieser Freiheit gibt es kein: warum tust du mir das an, warum tut das Leben mir das an, warum muss ich so etwas überhaupt erleben.

In dieser Freiheit bleiben auch Sie frei: sie können mit dem Gehörten umgehen, wie es Ihnen beliebt: es aufnehmen, es liegen lassen, es für Blödsinn halten.

In dieser Freiheit gebiete ich meinen eigenen schweren und ungeordneten Strebungen Einhalt.

Und in dieser Freiheit ertrage ich in Geduld und Liebe, was das Leben mit mir vorhat – heute und an jedem neuen Tag bis zum Ende meines Lebens. AMEN.

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere menschliche Vernunft, bewahre unsere Herzen und unsere Sinne in Christus Jesus, AMEN.