Predigt über Hebräerbrief 13, 15- 16 an Erntedank 2014

Die Dunkelheit des Vaters, das Licht des Sohnes und die verbindende Liebe des Heiligen Geistes sei mit uns allen, AMEN.

Liebe Gemeinde,

es ist eine Tatsache, dass es der menschlichen Gemeinschaft nicht gelingt, ihre Mitglieder satt zu machen. Anders ausgedrückt: es ist uns offensichtlich nicht möglich, eine weltweit gültige Wirtschaftsordnung zu etablieren, die insoweit „gerecht“ ist, dass eine Befriedigung basaler menschlicher Bedürfnisse gewährleistet ist: ein Dach über den Kopf und genügend zum Essen und zum Trinken.

In Anbetracht der Hungernden und an Hunger Sterbenden ist der Psalmvers: „Aller Augen warten auf dich, ihre Nahrung gibst du ihnen zu ihrer Frist“ offen für Spott und Hohn. In ihm scheint sich die Wirklichkeit unserer Welt nicht abzubilden. Es scheint niemanden zu geben, der die Gesamtheit der Menschenkinder gut ernährt. So, dass niemand verhungern muss.

Inmitten dieser Wirklichkeit feiern wir Entedank. Singen Lieder wie: „Herr die Erde ist gesegnet von dem Wohltun deiner Hand…“

Hören uns Texte an, die von der Schönheit der Lilien auf dem Felde handeln. Da müssen wir uns nicht wundern, wenn wir als harmlose „Naivlinge“ belächelt werden.

Da ergeht es uns ganz ähnlich wie der Maus Frederik. „Warum sammelst du nicht mit uns?“ beschweren sich die Mäuse. „Du bist faul. Von deinen Sonnenstrahlen und deinen Liedern können wir uns nichts runter beißen.“

Stimmt. Nach diesem Gottesdienst haben wir ganz bestimmt keine gerechte Weltwirtschaftsordnung gefunden.

Wir haben „nur“ einen Gottesdienst gefeiert. Mehr nicht.

Ist das nicht ein bisschen wenig?

Wenn es alles ist, wenn es nur das ist, dann ist es wirklich wenig. Zu wenig. „Seid aber Täter des Wortes…“ steht unter den Orgelpfeifen.

Und: Hätten die Mäuse keine Nüsse etc. gesammelt, dann wären sie allesamt verhungert. Dann hätten auch die schönsten Geschichten nichts genützt.

Es kann also nicht um ein entweder – oder gehen. Wir sollten über das „und“ nachdenken. Martha und Maria. Tätig sein und kontemplativ sein. Sonnenstrahlen sammeln und Nüsse. Arbeiten und Inne-Halten, die Dinge tun und Warten-Können, eingreifen und loslassen. Einatmen und ausatmen.

Auch unser heutiger Predigttext, ein kurzer Abschnitt aus dem Hebräerbrief, stellt diese Verbindung her: In c. 13 heißt es: „So lasst uns nun durch ihn – gemeint ist Jesus Christus – Gott allezeit das Lobopfer bringen: das ist Frucht der Lippen, die seinen Namen bekennen. Gutes zu tun und mit Anderen zu teilen, vergesst nicht! Denn solche Opfer gefallen Gott.“

Es geht um beides, sagt der Autor des Briefes: Lobopfer bringen und Gutes tun. Und Gutes tun heißt: „mit Anderen teilen“ (Wörtlich heißt es koinonia: „Gemeinsinn“!)

Im „Lobopfer“ geschieht das Sich-Lösen. Das Loslassen. Das Loslassen von allem, was nicht so ist, wie ich es mir wünsche. Wie mein Ich es sich wünscht. Mein Ich hat nämlich genaue Vorstellungen davon, wie „es sein sollte“. Und wie der Andere sein sollte, dass er zu meinem Ich passt. Dass mein Ich zufrieden ist.

Das „Lobopfer bringen“ bedeutet, diese Vorstellungen meines Ichs aufzugeben. Zu opfern. Dies ist viel leichter gesagt als getan. Mein Ich ist nämlich ego-istisch. Was soll es auch sonst sein? Es kennt keine „koinonia“, keinen „Gemeinsinn“! Gemeinsinn heißt nämlich, dass das eigene Ich nicht der Mittelpunkt des Geschehens ist. Dass sich nicht alles „um mich“ dreht. Das mag mein Ich gar nicht. Es mag nicht Teil eines größeren Ganzen sein. Es mag sich nicht ein-ordnen – oder gar unter-ordnen.

So verstehe ich Rabbi Michals Auslegung des Wortes von Moses: „Ich stehe zwischen euch und Gott.“: „Nur das Ich, das Empfinden des eigenen Ich, ist die Scheidewand zwischen uns und Gott. Denn Gottes Herrlichkeit ruht nur auf demjenigen, der sich für nichts hält. Das Wort Ich darf Gott allein sagen.“

Und so ist es sehr verständlich, wenn unser Ich diesem ganzen Geschwätz von Gott den Krieg erklärt hat. Und da unser Ich über eine hohe Intelligenz verfügt, gießt es Spott und Hohn über die sogenannten „Gläubigen“.

Nur – was dieses Ich nicht durchschaut, ist, dass es Gott mit einem egoistischen Machthaber verwechselt. Mit einer Art Superman, der alles können muss. Der eine Welt schaffen muss, in der es kein Leid und kein Unrecht gibt. Und da es diese Welt nicht gibt, kann es auch keinen Gott geben. Das gehört auch zu diesem Ich-Denken: was meinem Ich nicht einleuchtet, das gibt es nicht. So einfach ist das. Gerechterweise muss man hinzufügen, dass auch in religiösen Kreisen selbst oftmals Gott mit einer allmächtigen Wunscherfüllungsmaschine verwechselt wird.

Hier ist Meister Eckhart heilsam: „Manche Leute wollen Gott mit den Augen ansehen, mit denen sie eine Kuh ansehen, und wollen Gott lieben, wie sie eine Kuh lieben,“ sagt er. „Die liebst du wegen der Milch und des Käses und wegen deines eigenen Nutzens. So halten es alle Menschen, die Gott äußeren Reichtums oder inneren Trostes willen lieben; die aber lieben Gott nicht recht, sondern lieben ihren Eigennutz.“

Man könne auch sagen: diese Menschen lieben in Gott ihr eigenes Ich.

Nun ist größte Vorsicht geboten, wenn ich „diese Menschen“ sagen. Eine große Gefahr des Predigens ist, mit dem Zeigefinger auf andere zu zeigen und von sich selbst abzulenken. „Koinonia“, „Gemeinsinn“ bedeutet, dass sich auch das Ich des Predigers in die Gemeinschaft hinein begibt. Auch das Ich des Predigers trennt ihn von Gott.

Es geht um das Loslassen vom eigenen Ich.

Und es gibt sogar einige Gradmesser, die anzeigen, ob und wie jemand auf dem Weg des Loslassens unterwegs ist.

Einer dieses Gradmesser gibt dem heutigen Gottesdienst seinen Namen: er heißt „Dankbarkeit“.

Dankbar sein heißt nämlich anerkennen, dass ich mich nicht selbst erschaffen habe. Dass mir mein Leben geschenkt worden ist. Mein Ich sagt: „Ich wüsste nicht, warum ich für etwas dankbar sein sollte, was mir einfach gegeben worden ist. Was ich vielleicht gar nicht wollte! Oder, das ich so nicht wollte. Über Dankbarkeit können wir reden, wenn etwas so ist, wie ich das auch will.“ Mein Ich sagt: „Hätte ich die Pflanzen nicht gegossen, gedüngt usw., wären sie eingegangen.“

Das ist natürlich ein Trick. Denn wenn etwas so ist, wie mein Ich das will, dann ist es nicht dankbar, sondern sagt: „Tja – das habe ich mir auch verdient. Lange genug habe ich dafür gerackert. Oder: das ist ja das Wenigste, was man erwarten kann…“ Mein Ich sagt: „Das Wachsen und Gedeihen ist in meiner Hand. Ich bin der Gärtner.“ So hat sich mein Ich an die Stelle Gottes gesetzt.

Und was kann man da machen? Nichts.

Das Wunderbare am Dankbar sein ist, dass es sich jedem Machen-Können entzieht. Es ist radikal freiwillig. Wir können uns noch so sehr bemühen, dass unsere Kinder auch schön „danke“ sagen. Danke sagen ist leicht. Und ist weit weg davon, Dankbarkeit zu empfinden, zu fühlen, dankbar zu sein.

Dankbarkeit lässt sich nicht herbei reden und nicht herbei predigen. Und das ist gut so. Dankbarkeit entzieht sich auch unserem verbreiteten „Nützlichkeitsdenken“.

Die verbreitete Frage: „Was bringt mir das? Was habe ich davon?“ läuft hier einfach ins Leere.

Die heiter gelassene Antwort ist: „Nichts hast du davon!“ „Überhaupt nichts!“

Auch das ist eine Versuchung des Predigers, des Ich des Predigers: überzeugen zu wollen. Etwas erreichen zu wollen. „Seht doch ein, dass es besser ist, so und so … (dankbar) zu sein!“ Dahinter steht: „seht doch ein, dass es besser ist so zu leben, wie ich lebe…“

Bei genauerer Betrachtung gibt es kein „besser“ oder „schlechter“. Es gibt im Letzten nur eines: so ist es – und darin sind die Konsequenzen zu ertragen.

Sonnenstrahlen sammeln ist nicht besser als Nüsse sammeln. Beides hat seinen Platz, beides ist wichtig.

Schön ist es, wenn beides in die Koinonia, in die Gemeinschaft eingeht. Das bereichert dann die Gemeinschaft, macht sie stark. Dies geht aber erst, wenn das „Ich“ sich eingliedern kann in eine größere Ganzheit. Wenn es sich selbst nicht mehr absolut, an die Stelle Gottes setzen muss.

Dies alles gilt nicht nur im Außen, sondern auch im Innen. Wer über eine starke innere Gemeinschaft verfügt, der ist nicht gefährdet, sich von einem Diktator (im Innen wie im Außen) verführen zu lassen. Seine Lippen bekennen und preisen den Namen, der das Leben selbst ist. Wir Christen sagen dazu Jesus Christus. Und indem wir dies sagen und wirklich meinen, könnte es sein, dass wir danke sagen und nicht nur sagen, sondern auch spüren. AMEN.

Und der Friede Gottes, der höher ist als unsere menschliche Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, AMEN.