Predigt über Lukas 2, 15-20 am 1. Weihnachtsfeiertag 2014

Liebe Gemeinde,

„Weihnachten ist wie frisch gefallener Schnee – er deckt alles zu, aber darunter bleibt alles beim Alten!“

Mit diesem Satz begann vor genau 31 Jahren meine erste Weihnachtspredigt. Ich habe sie hier, an diesem Ort gehalten, natürlich nicht am ersten, sondern am zweiten Weihnachtsfeiertag, wie es sich für einen Vikar geziemt.

Und: natürlich war der Satz provozierend. „Wir lassen uns von Ihnen doch Weihnachten nicht versauen“, wurde mir empört gesagt.

Ja – und heute stehe ich wieder da, halte erneut eine Weihnachtspredigt, diesmal aber bereits am ersten Weihnachtsfeiertag. Eindeutig ein Aufstieg!

Nun ist es ja so, dass die Predigtgedanken zuallererst mit dem Prediger selbst zu tun haben. Im Nachhinein war die damalige nicht sehr besinnliche Einleitung meiner Weihnachtspredigt natürlich meinem eigenen Unmut geschuldet, meinem Gefühl, dass wirkliche Veränderung etwas anderes ist, als frisch gefallener Schnee, der nur zudeckt. Heute würde ich dieses Bild so nicht mehr verwenden: immerhin schützt die geschlossene Schneedecke auch, verhindert das Erfrieren frostempfindlicher Pflanzen, erspart das Anhäufeln von Rosen. So hat Schnee – neben seiner Schönheit – auch sein Gutes.

Das ist doch das Schöne am Älterwerden: es findet auch ein Milder-Werden statt!

Das vorhin gehörte Evangelium, das heute zu predigen ist, handelt von den Hirten. Sie sind es, die gemäß des Lukasevangeliums als erste von der Geburt des Messias erfahren. Von den Engeln erhalten sie die frohe Kunde, dass „heute der Heiland geboren ist“. Unser Predigttext setzt da ein, wo die Hirten beschließen, nach Bethlehem zu ziehen, um sich selbst davon zu überzeugen, was da geschehen ist:

„Und als die Engel von ihnen gen Himmel fuhren, sprachen die Hirten untereinander: Lasst uns gehen nach Bethlehem und die Geschichte sehen, die da geschehen ist, die uns der Herr kundgetan hat.“ (Und sie kamen eilend und fanden beide, Maria und Josef, dazu das Kind in der Krippe liegen. Als sie es aber gesehen hatten, breiteten sie das Wort aus, das zu ihnen von diesem Kind gesagt war. Und alle, vor die es kam, wunderten sich über das, was ihnen die Hirten gesagt hatten. Maria aber behielt alle diese Worte in ihrem Herzen. Und die Hirten kehrten wieder um und priesen Gott für alles, was sie gehört und gesehen hatten, wie denn zu ihnen gesagt war.)

Üblicherweise heißt es, die Hirten repräsentieren die Armen: und gerade das sei der Fokus des Lukasevangeliums, dass der Messias den Armen und nicht den Reichen oder den Weisen, dem Establishment zuerst erscheint. Das ist sicher richtig.

Ich möchte aber noch auf etwas anderes hinweisen. Der Hirte ist jemand, der sich in der Natur auskennt. Er lebt in und mit der Natur. Und er ist in erster Linie ein Behüter, ein Bewahrer und Beschützer des Animalischen: seiner Herde.

Ich habe gestern gesagt, dass es die Aufgabe von Josef, der männlich-ernährenden Kraft, ist, die messianische Schwangerschaft von Maria zu beschützen. Er „berührte“ sie in der Zeit der Schwangerschaft nicht, will sagen, er drang nicht ein in die Wachstumsbeziehung in der und aus der heraus der Messias wächst. Ich habe auch gesagt, dass ich die Geschichte von der Geburt des Messias wie einen Traumbericht lese, der von dem seelischen Geschehen der Entwicklung des Messias in uns handelt.

Die Hirten stellen in diesem träumerischen Blick auf Weihnachten ebenfalls Kräfte des Behütens in uns dar. Bei vielen von uns sind diese Kräfte in der Regel schwach entwickelt, da wir verlernt haben, in und mit der Natur zu leben. Die Natur ist ein guter Lehrmeister für Fähigkeiten, von denen wir gefährlicherweise meinen, sie hätten sich erübrigt. Bewahren, behüten, wachsen-lassen – und das Aushalten von Vergänglichkeit! – dies ist viel anstrengender und herausfordernder als Lebensmittel im Supermarkt einzukaufen. Dazu gehört auch das Schlachten der Tiere. Wer von uns würde noch Fleisch essen, wenn er vorher das Tier, von dem das Fleisch stammt, eigenhändig töten müsste?

(Nebenbei: dem AT zufolge ist der erste Mörder der Menschheit, Kain, ein Ackerbauer, der seinen Bruder Abel, den Hirten, erschlägt. Hintergrund ist: dass Gott gnädig auf das Tieropfer blickt – das vegetarische Opfer des Ackerbauers aber ignoriert. Diese Kränkung führt zu dem Mord. Und zugleich wird Kain von Gott behütet und mit dem berühmten Kainsmal „geschützt“! Aber diese Gedanken gehören in eine andere Predigt.)

Wir haben gesagt: die herausragende Kraft der Hirten ist die des Behütens. Hierzu gehört eine weitere Fähigkeit, die ebenfalls recht anstrengend ist: Ab-Warten zu können. Diese Fähigkeit verbindet und entfaltet sich in dem Gefäß der Geduld. Geduld – das „Dulden“ steckt darin, heißt vor allem Anderen: aushalten, dass es so ist, wie es ist, dass ich so bin, wie ich bin, dass der Andere so ist, wie er ist. Dies ist umso schwieriger, je turbulenter es in mir oder im Außen zugeht. Je heftiger die Emotionen, desto herausfordernder ist es, geduldig zu bleiben.

Starke Emotionen verunsichern. Und ängstigen. Unsere Sinne und unser Verstand verleihen uns vermeintliche Sicherheit. Das Erleben von Neuem, das Erleben Gottes, ist nur möglich, indem wir diese Sicherheit im Stich lassen. Der Heilige Johannes vom Kreuz nennt dies die beiden dunklen Nächte: die der Sinne und die des Verstandes.

Von daher stimmt es genau, wenn es heißt: Die Hirten hüteten des Nachts ihre Herde. In der Nacht legen sich unsere Sinne und unser Verstand zur Ruhe. Dadurch sind wir freier für eine andere Art der Wahrnehmung. Die unweigerlich mit Angst einhergeht: „Und der Engel des Herrn trat zu ihnen, und die Klarheit des Herrn leuchtete um sie und sie fürchteten sich sehr.“

Man könnte meinen, dass es eigentlich doch etwas sehr Schönes ist, wenn die „Klarheit des Herrn“ um mich leuchtet. „Er lasse sein Angesicht leuchten über uns…“ Ja, das ist der Unterschied zwischen Wunsch und Wirklichkeit.

Wir brauchen starke Hirten in uns, die unsere Ängste und unsere Unsicherheiten ertragen, um die „Frohe Botschaft“ überhaupt hören zu können. Solange unsere Sinne und unser Verstand uns dominieren, sind wir taub für die Botschaft, dass „uns der Heiland geboren ist“.

Die Hirten in uns sind die Führer und Bewahrer unserer inneren Herde. Sie sind noch wach, während „der Rest, die Herde unserer Gedanken und Empfindungen“ in uns bereits schläft. So stehen sie „zwischen“ unserem Verstand und unseren Sinnen auf der einen Seite und der Botschaft der Engel auf der anderen.

Und während die Herde weiter schläft, setzen sich die Hirten in Bewegung. Sie vertrauen der Botschaft, die da von oben kam, so sehr, dass sie kurzzeitig sogar ihre Herde alleine lassen. Sie beschließen nach Bethlehem zu gehen, „und die Geschichte zu sehen, die da geschehen ist, die uns der Herr kundgetan hat“.

Auch dies geschieht in der Stille der Nacht.

Und dann sehen sie diese Drei, die wir in unseren Krippen nachbilden und nachspielen. Die Keimzelle der Familie: Papa-Mama-Baby – Josef-Maria-und das Christkind.

Und nu? Eine ganz gewöhnliche Familie, könnte man sagen. Wo bitte ist das Besondere?

Oftmals ist das Besondere gerade das Alltägliche, das scheinbar Normale. Erlösung, Gesundung, Heilung geschieht nicht in Superlativen. Jesus Christus ist von Anfang an kein Superheld, kein Herkules, der im zarten Alter von acht Monaten zwei Schlangen erwürgt. Jesus Christus ist einer von uns – wie sollte es auch anders sein, wenn wir ernst nehmen, dass Gott Mensch geworden ist.

Und doch ist er auch der, der uns retten kann, der Messias. Er kann uns retten, indem wir diesen Messias in unser eigenes Leben hinein lassen. Indem wir mit ihm schwanger gehen.

Dazu muss viel Altes zur Ruhe gebracht werden. Die Geburt des Messias geschieht in der Stille, in der tiefen Dunkelheit der Nacht unseres seelischen Erlebens. Und damit geschieht echte Veränderung. Die dunkle Nacht ist der Zeit-Raum für Veränderung, ähnlich der weißem Schneedecke, in und unter deren Schutz neues Wachstum geschieht.

Und so ist es auch stimmig, dass die Hirten es sind, die als Erste die die Botschaft von der Menschwerdung Gottes ausbreiten. Nicht die Mächtigen, nicht das religiöse oder politische Establishment erfahren als erste, was da im Gang ist.

Es sind die Hirten.

Die Mächtigen – Repräsentant König Herodes – reagieren mit Angst und Schrecken. Sie fürchten um den Verlust ihrer Macht.

Auch das stimmt: je inniger und sicherer der Messias in uns geboren wird, desto weniger Einfluss haben die alten Machthaber auf unser Leben. Die alten Machthaber, die uns einreden wollen, wir könnten das Leben kontrollieren, in den Griff nehmen. Herodes veranlasst, alle männlichen Kinder, die nicht älter als zwei Jahre sind töten zu lassen. Macht, Gewalt, Kontrolle – dies sind Geschwister. Dahinter steht Angst, nackte Existenz-Angst.

Und alle, vor die das Wort (der Hirten) kam, wunderten sich über das, was die Hirten gesagt hatten“ heißt es weiter. Das ist sehr neutral formuliert. Sich wundern geht von „so ein Blödsinn!“ bis zu einem neugierigen Erstaunen und Weiterwirken- Lassen. Maria ist die Repräsentantin für Letzteres: „Sie behielt alle diese Worte und bewegte sie in ihrem Herzen.“

Und dann kehren die Hirten zurück zu ihrer Herde, zu ihrem Leben. Aber als Verwandelte. Sie preisen und loben Gott „für alles, was sie gehört und gesehen hatten, wie denn zu ihnen gesagt war.“

Liebe weihnachtliche Gemeinde,

im Grunde genommen ist das eine sehr bescheidene Geschichte. Gerade so, wie es zu den Hirten passt. Eine Geschichte, die nicht groß etwas her macht. Am nächsten Morgen ist wieder Alltag. Auch der Alltag eines Hirten macht nicht viel her. Das ist alles wenig spektakulär. So wenig, wie die Geburt eines Kindes.

Und doch haben die Hirten in dieser Nacht etwas erlebt, was sie nie mehr vergessen werden.

Gebe Gott, dass auch wir so eine Nacht erleben dürfen. Eine Nacht, die uns einen Zugang gewährt zu einem Be-Reich, der nicht von dieser Welt ist. Eine Nacht, in der wir erleben dürfen, dass unsere Sinne und unser Verstand nicht das letzte Wort in unserem Leben haben. Dass es etwas gibt, dass etwas geschieht, was dies alles in Frage stellt. Gebe Gott, dass in dieser Nacht in uns der Messias geboren werde, AMEN.