Weihnachtspredigt 2015 über Matthäus 1, 18-25

Liebe Gemeinde,

das soeben gehörte Evangelium, die Geschichte von der Geburt Jesu, so wie sie im Lukasevangelium uns überliefert worden ist, gehört sicher zu einem der bekanntesten Texte der Weltliteratur. In seinem Schatten steht die Version der Geburt Jesu bei Matthäus; sie ist unser heutiger Predigttext.

Ich lese Ihnen diese Geschichte einmal vor:

Die Geburt Jesu geschah aber so: als Maria, seine Mutter, dem Josef verlobt war, fand es sich, ehe er sie heimholte, dass sie schwanger war von dem heiligen Geist. Josef aber, ihr Mann, war fromm und wollte sie nicht in Schande bringen, gedachte aber, sie heimlich zu verlassen.

Als er das noch bei sich bedachte (nämlich Maria zu verlassen) siehe, da erschien ihm der Engel des Herrn im Traum und sprach: Josef, du Sohn Davids, fürchte dich nicht, Maria, deine Frau, zu dir zu nehmen; denn was sie empfangen hat, das ist von dem Heiligen Geist. Und sie wird einen Sohn gebären und den sollst du den Namen Jesus geben, denn er wird sein Volk erretten von seinen Sünden. Das ist aber alles geschehen, damit erfüllt würde, was der Prophet gesagt hat, der da spricht (Jesaja 7,14):

Siehe, eine Jungfrau wird schwanger sein, einen Sohn gebären, und sie werden ihm den Namen Immanuel geben‘, das heißt übersetzt: Gott mit uns.

Als nun Josef vom Schlaf erwachte, tat er, wie ihm der Engel des Herrn befohlen hatte, und nahm seine Frau zu sich. Und er berührte sie nicht, bis sie einen Sohn gebar, und er gab ihm den Namen Jesus.“

 

Ich möchte mit Ihnen zusammen in meditativer Weise dieser Geschichte nachdenken.

Anders als bei Lukas – wo Maria im Zentrum steht – geht es bei Matthäus um Josef. Dem Vater und zugleich Nicht-Vater von Jesus.

Josef – der „Nährende“ – repräsentiert am Beginn unserer Geschichte die uns vertraute Beziehung des Verstandes zur Wirklichkeit. Unser Alltagsverstand bearbeitet permanent die „Fakten“, die unsere Sinne uns „entgegenbringen“. Wir sehen z.B. etwas, und unser Alltagsverstand verleiht dem eine Bedeutung. Josef sieht, dass seine Verlobte schwanger ist. Da er weiß, dass dies mit ihm nichts zu tun haben kann, muss sie fremd gegangen sein. So die „logische“ Deutung. Unser Verstand ernährt uns, indem er unsere Sinneseindrücke interpretiert. Indem wir bzw. unser Verstand es ist, der „etwas“ (einem sinnlichen „Fakt“) eine Bedeutung verleiht, sind wir es auch, die sich täuschen können. Dies ist schwer erträglich. „Lehre mich die wunderbare Weisheit, dass ich mich irren kann“, betet Theresa von Avila in einem ihrer schönsten Gebete. Das Verharren in Täuschungen ist so was wie „fast food“ für unsere Seele. Es geht schnell, verleiht einen kurzen Kick, ist aber nicht wirklich nahrhaft.

Das Verlassen dieser Täuschungen führt zu Ent-Täuschungen. Die dazu gehörigen Gefühle mögen wir Menschen nicht.-

Josef ist einer, der die Kraft hat, sein Konzept von Wirklichkeit radikal in Frage stellen zu lassen. Josefs Kraft hat damit zu tun, sich verunsichern zu lassen. Wirkliche kognitive wie emotionale Stärke hat damit zu tun, Nicht-Wissen zu ertragen. Nicht-Wissen ist ein frontaler Angriff auf unseren Verstand, auf den wir so stolz sind. Da unser Verstand schlau ist, hat er sich im Laufe unseres Lebens viele Tricks und Strategien ausgedacht, die verhindern sollen, dass er verunsichert wird. Eine der verbreitetsten Strategien ist, das, was mich verunsichert, einfach zu ignorieren.

So etwas wie unsere Träume zum Beispiel. Bevor ich mich verunsichern lasse, behaupte ich einfach, dass Träume keinerlei Bedeutung haben. Irgendwelche nächtliche synaptische Entladungen meines Gehirns darstellen. Und schon habe ich Ruhe vor dem Blödsinn, den ich träume.

Während Josefs Alltagsverstand schläft, erlebt er Neues. Dieses Neue spricht zu ihm wie in einem Traum. Als er erwacht, ist er ein Anderer. Er nimmt das Geträumte ernster als seine ursprüngliche Interpretation der Wirklichkeit. Dazu bedarf es eines tiefen Vertrauens. Von diesem Vertrauen rät uns unser Alltagsverstand dringend ab. Er sagt: Vertrauen ist gut – Kontrolle ist besser.

Erst in der Bewegung des Vertrauens kann Josef eine Stimme hören, die aus einer anderen Wirklichkeit zu ihm spricht. Dies ist die Stimme Gottes, bzw. seines Engels oder Boten. Und indem Josef sich von dieser Stimme berühren lässt, übernimmt er Verantwortung. „Ver-Antwortung“ heißt ja wörtlich: eine angemessene Antwort geben auf diese „andere“ „ungewohnte“ Stimme in meinem Innern. Die Antwort, die Josef gibt, die Verantwortung, die Josef nunmehr trägt, ist die, für Maria und Jesus zu sorgen. Aus seiner Verantwortung entspringt seine Für-Sorge. Fürsorge ist nichts Großes: es genügt, da zu sein und da zu bleiben: als Mann und Vater. Die Gegenbewegung, der erste Impuls von Josef war die Flucht, war der Beziehungsabbruch. „Mit mir nicht!“ Wir Menschen neigen dazu, Wirklichkeit so zu interpretieren, dass wir uns nicht auf sie einlassen, keine Verantwortung und keine Fürsorge übernehmen. Die Gründe hierfür sind unterschiedlich. Josef geht es um die „Schande“. „Schande“ ist mit „Scham“ konnotiert – und sich schämen ist ein so ekelhaftes Gefühl, dass es sehr verständlich ist, alles daran zu setzen, sich dem nicht aussetzen zu müssen. Unser Verstand hilft uns dabei.

Josef lässt sich auf das Neue und Unbekannte ein. –

Josef ist auch ein männliches Prinzip, die männliche Kraft in unserer Geschichte. (In Klammer: sie merken schon: ich lese die Geschichte viel eher wie einen Traum, denn wie eine historische Begebenheit.) Seine nährende Sorge (jasaf heißt im Hebräischen „ernähren“) ist gerichtet auf das weibliche Prinzip in unserer Geschichte: auf Maria. Maria ist das Wachstums-Gefäß: in ihr kann sich der Messias entwickeln und schließlich auf die Welt kommen.

So handelt unsere Geschichte in der Tiefe davon, wie ein Retter, ein Messias in unserem seelischen Erleben auf die Welt kommt. All dies geschieht in uns – all dies sind Traumgedanken eines seelischen Wachstumsprozesses. Hierzu gehört auch die Jungfrauenschaft Marias – natürlich nicht im biologisch-historischen Sinne, sondern im übertragenen: das Gefäß, in dem die Kraft unseres neuen Denkens und Empfindens wächst, muss frei sein von Kontaminierungen des Alten, muss wirklich „neu“ und „unberührt“ sein – und in diesem Sinne jungfräulich. Der männliche Verstand darf hier nicht eindringen; seine Aufgabe ist es vielmehr, diesen Prozess zu bewachen, zu behüten und so zu nähren. Und in diesem Geschehen wächst ein „Gott mit uns“, ein Immanuel, einer, der sein Volk retten wird von seinen Sünden.

Das Volk, das sind die vielen unsortierten und ungeordneten Gedanken in uns, die uns, unser Denken nötigen, gedacht zu werden. Es sind Gedanken, die aus der Todes-Angst des Alleine-Seins quellen. Wir Menschen sind Säugetiere: ohne den Anderen konnten wir in der frühen Zeit unseres Lebens nicht überleben. So entwickeln wir Gedanken, die uns von dieser Angst ablenken. Das Zentrum dieser Gedanken ist die Idee: ich muss unabhängig werden, autark sein. Ich darf niemanden brauchen. (So gesehen ist es kein Zufall, dass das Automobil in kürzester Zeit die Welt eroberte: ist es doch sinnfälliger Ausdruck eines „genialen“ Lebensgefühls: ich bin selbst mobil, kann selbst bestimmen, wohin ich fahre und wohin nicht. (Es sei denn ich stehe im Stau! Oder jemand nimmt mir die Vorfahrt… An den Gefühlen, die kann kommen, lässt sich ablesen, wie wichtig die Auto-Mobilität ist!)

Die „Sünde“ dieses Volkes, dieser Gedanken ist keine moralische Verfehlung. Auto-Fahren ist nicht unmoralisch. Selbst-bestimmt leben genauso wenig. Die Sünde ist genau genommen eine Täuschung: so zu tun, als könnte ich mich und mein Leben aus mir selbst heraus erschaffen. Die Sünde hat damit zu tun, dass ich den Ruf, der an mich geht, der einzig und allein mir gilt, nicht hören kann oder hören will.

Indem der Messias in uns wächst, wächst – bildlich ausgedrückt – ein neues Sinnesorgan in uns. Es ist das Organ der Achtsamkeit, der Verantwortung und der Liebe. Und indem sich dieses neue, messianische Organ in uns vernetzt, nimmt es Einfluss auf unsere Gedanken und in Folge davon auf unser Tun. Mit dem Messias in mir verändert sich mein Leben radikal, von der Wurzel her. Und zwar so, dass ich mich als Teil der großen Gemeinschaft der Lebewesen erlebe. Das Wachsen des Messias in uns macht uns zu sozialen Lebewesen, die die Kraft bekommen, sich, ihr Ego, zurück zu stellen, sich einzugliedern in die Gemeinschaft des Lebendigen.

Leider ist es nun so, dass dieses Wachstum nicht reibungslos und glatt von statten geht. Er geht notwendig einher mit Gefühlen der Verwirrung und des Ver-rückt-Werdens. Diese (unangenehmen) Gefühle sind ein sicheres Zeichen dafür, dass wir mit dem Messias schwanger gehen. Der Messias in uns „ver-rückt“ unsere vertrauten Gedanken, stellt sie in eine ganz neue Ordnung. Und viele uns lieb gewordene Gedanken, die von den Fehlern der Anderen handeln, landen dabei im Papierkorb.

Um dieses Verrückt-Werden und die damit verbundenen Ängste zu überleben bedarf es eines starken Vertrauens in etwas, wofür es keine empirische Beweise gibt. Es bedarf des Vertrauens, einen Weg zu gehen, den ich, den „mein Ich“ nicht sieht.

Dies ist die eigentliche Herausforderung.

Der Heilige Johannes vom Kreuz nennt dies die „dunkle Nacht des Verstandes“.

In dieser dunklen Nacht geschieht unsere Befreiung: in ihr wird unsere Gottferne allmählich verwandelt; zuerst folgen wir Ahnungen, vagen Sternen, die sich allmählich zu einem „Gott mit uns“ verdichten. „Jesus“ heißt wörtlich: „Gott rettet“. Gott rettet, indem er sich verwandelt in einen „Gott mit uns“ (Immanuel). Und je tiefer wir diesem „Gott mit uns“ vertrauen, umso leichter wird unser Weg. Denn wir werden immer tiefer hinein gestaltet, hinein gestaltet in ein „wir in Gott“, bis wir schließlich den Unterschied zwischen uns und Gott nicht mehr erkennen können. „Hier ist es, wie wenn Wasser vom Himmel in einem Fluss oder eine Quelle fällt, wo alles nichts als Wasser ist, so dass man nicht weder teilen noch sondern kann, was nun das Wasser des Flusses ist und was Wasser, das vom Himmel gefallen.“ (Theresa von Avila)

Und hier ist es dann auch, wo wir fröhlichen Herzens sagen können:

Gott ist Mensch geworden! Er will in mir auf die Welt kommen, in dir und in dir und in jedem von uns.

Und genau dies und nichts anderes bedeutet Weihnachten.

Und so ist es auch kein Zufall, dass wir Weihnachten genau da feiern, wo die Nacht am längsten ist.

Gebe Gott, dass wir diese dunkle Nacht von Weihnachten in unserem Leben erleben können, jene Nacht, in der unser Vertrauen und unsere Liebe wachsen und kräftig werden dürfen, in der wir nicht nur heute, sondern auch morgen und übermorgen und an jedem Tag ein Leben führen dürfen, das in der Tiefe getragen ist von einem „Gott mit uns und wir in Gott“, AMEN.