Predigt über Lukas 2, 41 – 52

Liebe Gemeinde,

gerade noch haben wir Weihnachten gefeiert, die Geburt des Messias in uns, in unserem Leben. Und schon ist dieser Messias herangewachsen, ist volljährig. Volljährig wurde man als Israelit mit 12 Jahren, also mit Eintritt der Geschlechtsreife. Ab da wurde man auf das Gesetz Mose verpflichtet und galt – auch was die Verfehlungen anging – als Erwachsener!

Sie wissen, liebe Gemeinde, dass mein Anliegen es ist, Tiefendimensionen der biblischen Schriften aufzuzeigen. Ich versuche, die biblischen Texte so zu lesen und auszulegen, dass sie seelische Entwicklungsprozesse abbilden. Ich bin der sicheren Überzeugung, dass dieser Zugang zur Bibel zur Gesundung, zum Heil-Werden unserer Seele beiträgt. (Dies ist übrigens ebenfalls eine alte jüdische Tradition: es ist alter jüdischer Brauch, in Zeiten ernster Gefahr, bei tödlichen Epidemien die Thora – also die ersten fünf Bücher Mose – die sonst im Lehrhaus bleiben muss, durch die Straßen der vom Untergang bedrohten Stadt zu tragen, damit die Plage endet. (Vgl. Weinreb: Schöpfung im Wort)

Also – was bedeutet auf einer tieferen, unbewussten seelischen Ebene das vorhin gehörte Evangelium?

Nehmen wir noch den Wochenspruch dazu: „Wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und voller Wahrheit.“ (Joh. 1,14b). Hierher gehört auch die Epistel aus dem 1. Johannesbrief:

„Gott gab uns das ewige Leben, und eben dieses Leben ist in seinem Sohn. Wer den Sohn in sich hält, der hält das Leben in sich. Wer das Leben nicht in sich hält, der hält auch nicht den Sohn Gottes in sich.“

Es ist also das Sohn-Sein, die „Sohnschaft“, um die es heute geht.

(Das Rechtschreibprogramm von Microsoft Word kennt übrigens den Begriff „Sohnschaft“ nicht; es schlägt stattdessen „Sohnschuft“, oder „Sohnchaot“ oder „Sohnschaf“ vor! Welche Vater-Sohn-Beziehung hat wohl der Programmierer dieses Programms erlebt?)

Sehen Sie: das passiert, wenn man Texte zu wörtlich nimmt. Es entstehen Missverständnisse. Ein weiteres Missverständnis wäre es, den Text als frauenfeindlich abzuwerten: so als ginge es nicht auch um Töchter und Mütter! Dies führt in die Irre: es geht um das Nachdenken darüber, wie der Messias in uns wachsen und sich entwickeln kann – unabhängig von unserem Geschlecht.

Der Messias – das ist unsere innere Weisheit, unsere inne Gelassenheit, unsere innere Sicherheit, unsere innere Ruhe. Es ist auch unsere innere Liebesfähigkeit, unsere Kraft der Einfühlung in Fremdes. Es ist auch unser Mut und unsere Besonnenheit, es ist unsere Liebe und unsere Großzügigkeit.

Wie kann dies alles wachsen und sich in uns entfalten? Das ist die große Frage.

Nun braucht der Messias in uns Eltern. Gute Eltern. Was sind gute Eltern? Gute Eltern sind Eltern, die das Anders-Sein und Anders-Werden ihrer Kinder nicht nur ertragen, sondern liebevoll begleiten. Mit „anders“ meine ich: anders als die (wir) Eltern selbst sind. Die Verzweiflung über unsere „Sprösslinge“ hat stets damit zu tun, dass sie nicht so „geraten“, wie wir uns das wünschen. Die Betonung liegt auf „wir“. Dies gilt nun wiederum nicht nur im außen, in der Welt des Konkreten, sondern ebenso und ganz besonders für unsere innere, für unsere seelische Welt. Unsere Seele ist unser „Sprössling im Inneren“ – sie möchte ebenfalls „sprießen“, sich entwickeln und so gesunden, ganz werden, heil werden.

Als gute Eltern haben wir zu ertragen, dass diese Entwicklung des Messias in uns mit „Schmerzen“ und Gefühlen tiefer Verunsicherung und Verzweiflung einhergeht. Weshalb?

Weil wir ihn nicht besitzen können. Er ist lebendig – und als Lebendiger nicht verfügbar. Dies erleiden Maria und Josef, als sie plötzlich merken, dass ihr Sohn Jesus nicht da ist, wo sie ihn vermuten. Nämlich irgendwie bei ihnen oder in ihrer Nähe. Die Vermutung ist naheliegend: er muss noch in Jerusalem sein. Aber Maria und Josef sind bereits eine Tagesreise von Jerusalem entfernt! Und es gab kein Handy, kein What’s App … (Aber das wäre schon wieder ins Konkrete gegangen.) Der Messias in uns hat sich verselbständigt.

Vielleicht kennen sie so etwas aus Träumen: dass ihnen etwas oder jemand verloren geht. Und zwar etwas oder jemand, den sie brauchen und lieben, an dem Ihr Herz hängt. Und dass sie verzweifelt suchen und es/ihn nicht mehr finden. Bzw. die Erleichterung, wenn er/es dann doch wieder auftaucht!

Dieses seelische Geschehen bildet sich in unserer Geschichte ab. Nachdem die Suche bei Bekannten und Verwandten erfolglos blieb, kehren Maria und Josef um. Sie gehen zurück nach Jerusalem. Auch dies ist ein wesentliches seelisches Geschehen: die Bewegung zurück. Oftmals muss man in Träumen alte, im konkreten Leben längst vergangene Orte aufsuchen, um noch etwas zu erledigen: eine Prüfung nochmal schreiben, noch mal jemanden, der früher einmal wichtig gewesen ist, begegnen usw. Diese Rückwärtsbewegungen sind oft nötig für weiteres Wachstum. Seelisches Wachstum geschieht nämlich nicht linear fortschreitend, sondern in spiralförmiger Bewegung. Und so entwickelt sich auch unsere Geschichte. Der Messias ist an einem völlig unvermuteten Ort. Er ist der Fremde, der Andere – so kann er nicht bei den Bekannten und Verwandten gefunden werden. Er findet sich im Tempel! Jesus bezeichnet den Tempel als „das, was meines Vaters ist.“ Und vorher heißt es : „Und es begab sich nach drei Tagen, da fanden sie ihn im Tempel sitzen.“ (V. 46b)

Das kann man natürlich als Anspielung auf Tod und Auferstehung Jesu lesen. In der inneren Welt bedeutet es den unweigerlichen Zusammenhang von Opfer und neuer Lebendigkeit. Der Tempel ist der Ort des Opferns. Der Tempel ist der innere Ort, an dem ich all‘ das aufgebe – in diesem Sinne opfere – was mich von meiner Beziehung zum Vater, zu Gott abhält. Was zwischen mir und ihm steht.

Im Tempel bringe ich mich Gott näher. Dafür muss ich das opfern, was mich von Gott entfernt.

Und was ist das?

Es ist die Verführung der Schlange, der ich erlegen bin. Das „Ihr werdet sein wie Gott!“ Es ist das Sich-selbst-Absolut, sich selbst an die Stelle Gottes Setzen. Diese Verführung, der ich als Mensch erlegen bin, weil ich ein Mensch bin – diese Verführung ist rückgängig zu machen. Sie ist zurück zu binden zu Gott. Für diese Rückbindung brauche ich den Messias.

Das hebräische Wort Messias (der „Gesalbte“) hat übrigens denselben Zahlen Wert wie das Wort für „Schlange“. Die Schlange ist gleichsam der Minus-Messias, das Prinzip, das von Gott wegführt. Der Messias führt zu Gott zurück: er ist selbst Gott – er ist die Selbst-Offenbarung Gottes, des Vaters. So ist sein Platz, seine Heimat im Tempel.

Liebe Gemeinde,

sie haben mein volles Verständnis, wenn sie das alles nicht so recht verstehen. Mir geht es genauso. Und Josef und Maria ging es ebenso: „Und sie verstanden das Wort nicht, das er zu ihnen sagte.“

Es ist auch nicht nötig, dass wir das alles verstehen. Viel wichtiger ist unsere Haltung, die wir dazu einnehmen. Hier ist Maria für mich vorbildlich: sie „behielt alle diese Worte in ihrem Herzen.“ (Dasselbe hieß es übrigens schon einmal: als die Hirten den erstaunten Eltern die Botschaft der Engel kundtaten.) Wir Menschen neigen dazu, das, was wir nicht verstehen, auszuscheiden, von uns zu weisen, damit nichts zu tun haben zu wollen. Das ist völlig in Ordnung – es hat nur den Preis, dass wir wenig Neues an uns heran lassen. Wenig Neues erleben werden.

Die Worte des Anderen „im Herzen behalten“ – auch und gerade wenn ich sie nicht verstehe: ohne gleich etwas zu erwidern. Ohne gleich ein „Ja, aber…“ hinterher zu setzen. Das eh meist nur zu Verhärtungen führt: das ist eine Haltung, die ich mir für 2015 vornehmen möchte. Es ist die Haltung der Achtsamkeit und Aufmerksamkeit – gerade für das Fremde, Neue, Ungewohnte.

Das sich oft im ganz gewöhnlichen Alltag abspielt. Hierzu gibt es eine schöne Geschichte von Anthony de Mello:

Es ist Morgen. Ein Vater klopft an der Tür seines Sohnes und ruft: ‚Wach auf.‘ Der Sohn antwortet: ‚Ich möchte nicht aufstehen, Papa.‘ Der Vater ruft daraufhin laut: ‚Steh auf, du musst zur Schule.‘ Der Sohn antwortet: ‚Ich möchte aber nicht zur Schule.‘ ‚Warum denn nicht?‘, fragt der Vater. ‚Aus drei Gründen‘, sagt sein Sohn. ‚Einmal, weil es doof ist, dann, dann weil die Kinder mich aufziehen, und schließlich, weil ich die Schule hasse.‘ Darauf der Vater: ‚Ich nenne dir drei Gründe, warum du zur Schule gehen musst. Zum einen, weil es deine Pflicht ist. Dann: du bist 45 Jahre alt; und schließlich: du bist der Klassenlehrer.‘

Auch eine Vater-Sohn-Geschichte. Und eine Geschichte für ins Leben kommen. Und dieses ins Leben kommen ist gar nichts Großes. Es geht nicht um die ultimative Reise, das ganz tolle Hotel, das wahnsinnige Auto oder was sonst noch. Ins Leben kommen heißt: „tue, was deine Pflicht ist.“ Oder anders ausgedrückt: „Du bist frei für, was du tun musst.“ Würde jeder Mensch an der Stelle, an der er steht, das tun, was zu tun ist, was seine Aufgabe ist – es würde genügen. Aber dazu müssten wir das eigene Leben akzeptieren, so wie es ist, mit allen Licht- und Schattenseiten. Dazu müssten wir unser So-geworden-Sein akzeptieren und unser Nicht-anders-Geworden-Sein. Dazu müssten wir die Ordnungen, Regeln und Gesetze akzeptieren und uns daran halten, die in unserer Gesellschaft gelten. Und dann wäre Schluss mit den Redewendungen: „das sehe ich gar nicht ein, weil … Sollen doch erst mal die Anderen! Oder: Das muss man doch ausnützen!“ Das sind Sätze, in denen die Verführung, die Schlange aus uns heraus spricht. Indem ich mich zu Gott zurückbinden lasse, verliert diese Verführung ihre Macht über mich. Ich will dann gar nicht mehr so sein wie Gott – sondern freue mich daran, in tiefer inniger Beziehung zu Gott leben zu dürfen. Und so geschieht, was im 1. Johannesbrief formuliert worden ist: „Wer den Sohn in sich hält, der hält das Leben in sich.“ Ich wünsche Ihnen und mir, dass dieser Sohn, dieser Messias in diesem Neuen Jahr in uns weiter wachsen darf und dass wir alltäglich in Beziehung mit ihm bleiben dürfen und er in uns zunimmt an „Weisheit, Alter und Gnade bei Gott und den Menschen“, AMEN.