Predigt über Matthäus 6, 25 – 34 am 14. Sonntag nach Trinitatis

Liebe Gemeinde,

wollte man dem heutigen Sonntag einen Namen geben, könnte man ihn – oberflächlich betrachtet – den „Sorglosigkeits-Sonntag“ nennen.

Alle eure Sorge werft auf ihn, denn er sorgt für euch!“ (1. Petrus 5,7: der Wochenspruch)

Darum sorgt nicht für morgen, denn der morgige Tag wird für das Seine sorgen“ – so hörten wir es im Evangelium.

Nehmen wir noch den Psalm hinzu, der zum heutigen Sonntag gehört: „Es ist umsonst, dass ihr frühe aufsteht, und hernach lange sitzet, und esset eurer Brot mit Sorgen: denn seinen Freunden gibt’s der Herr im Schlaf!“ (Ps. 127, 2)

Gut, hab‘ ich mir gedacht. Wenn das so ist – wozu mir dann Sorgen machen, welche Predigt ich halte, was ich sinnvollerweise sage, wie ich die Gemeinde erreiche. Dann wende ich dieses „Lob der Faulheit“ gleich an – und mache: nichts!

Leider hat das nicht geklappt. Je näher dieser Sonntag kam, desto unruhiger wurde ich. Das mit den Vögeln und den Lilien mag ja stimmen – aber ich bin weder ein Vogel noch eine Lilie. Und niemand hat mir meine Predigt geschrieben.

Hinzu kommt, dass die Botschaft Jesu einmal mehr widersprüchlich ist: hatte nicht derselbe Jesus seine schlafenden Jünger in Gethsemane ermahnt: „Wachet und betet, dass ihr nicht in Versuchung fallet!“ Und vorhin – im 1. Petrusbrief heißt es: „Seid nüchtern und wacht, denn euer Widersacher, der Teufel geht umher wie ein brüllender Löwe und sucht, wen er verschlinge.“

Also: „keine Sorgen machen“ heißt wohl nicht, die Hände in den Schoß legen und gar nichts tun. Es heißt: „Sorgt nicht um euer Leben, was ihr essen und trinken werdet; auch nicht um euren Leib, was ihr anziehen werdet. Ist nicht das Leben mehr als die Nahrung und der Leib mehr als die Kleidung?“

Also die Modemacher und die Feinschmecker haben an diesen Aussagen keine Freude. Jesus war bestimmt kein Franzose! Was hätte er wohl zur „Haute Cuisine“ gesagt? Oder zu „Germanys next Topmodel“?

Aber das sind nur Oberflächlichkeiten. Jesus ging es um etwas anderes. Eigentlich ist seine Botschaft eine sehr einfache: nehmt eure Sorgen nicht so ernst! Vergesst vor lauter Sich-Sorgen und Sich-Plagen nicht zu leben! Denn im Letzten könnt Ihr Euer Leben eh nicht kontrollieren. „Wer ist unter euch, der seines Lebens Länge auch nur eine Spanne hinzufügen könnte, wie sehr er sich auch darum sorgt?“

Die moderne Medizin wird an dieser Stelle aufschreien. „Da sieht man, wie sehr die Bibel veraltet ist. Wir können durchaus Leben verlängern. Und es ist gut, sich Sorgen zu machen. Sorgen führen zu Vorsorge. Vorsorge-Untersuchungen sind lebenswichtig. Je früher eine Krankheit erkannt wird, desto höher die Wahrscheinlichkeit für ihre Heilung.“

Stimmt alles. Aber auch das ist nicht der Punkt. Es geht Jesus – jedenfalls so wie ich ihn verstehe – darum, die Leichtigkeit des Lebens zu entdecken. „Die Dinge“ – „das Leben“ – nicht so schwer zu nehmen.

Das deutsche Wort „Sorge“ bedeutet zum, einen: „Kummer, Gram“. (Im Russischen ist ein „soroga“ ein „mürrischer Mensch“.) Die Sorge kann selber zum brüllenden Löwen werden, der die Freude am Leben, am auf der Welt sein, auffrisst. So verstehe ich auch den Satz Jesu, dass niemand sein Leben verlängern kann: es geht um die Ungeheuerlichkeit, dass es uns überhaupt gibt, um das Unglaubliche, was alles hat passieren müssen und hat nicht passieren dürfen, dass jeder Einzelne von uns auf der Welt ist. Haben Sie sich das klar gemacht: Ihre Vorfahren mussten irgendwie durch die vielen Kriege durchkommen, die vielen Seuchen und Widrigkeiten überleben, bis es schließlich zu Ihrer Geburt gekommen ist. Und vorher noch: wenn sich das Leben wirklich aus den Einzellern entwickelt hat – welch‘ eine Kette musste da „funktionieren“, durfte nicht abreißen, an deren vorläufigen Ende Sie und ich stehen. Und natürlich wird diese Kette nach uns weitergehen – wie auch immer – und wir verschwinden wieder, sind eben auch nur ein winziges Glied der unendlichen Kette – genannt Leben.

Und so ist es ganz richtig, wenn der 1. Petrusbrief betont: „Haltet fest an der Demut!“ – im Grunde genommen fließen nämlich unsere Sorgen, die uns mürrisch machen und unser Leben vermiesen, aus dem quälenden Anspruch, ein anderes, ein besseres Leben haben zu wollen. Damit verbindet sich die Weigerung, sich ganz auf dieses mein einmaliges Leben einzulassen, mich ihm ganz und gar hinzugeben! Und die Konsequenzen all‘ meiner Entscheidungen und meiner Nicht-Entscheidungen zu tragen, die mich dahin geführt haben, wo ich heute stehe. Der Preis dieser Weigerung ist ein chronisches Gefühl der Unzufriedenheit.

Auch dies ist ein ziemlich nüchterner Gedanke: dass ich es vorziehe, unzufrieden zu sein, zu klagen und zu jammern. Der „Gewinn“ ist, die Sehnsucht nach etwas „Besserem“ aufrecht zu erhalten – der Preis ist die Abwertung der Gegenwart – dessen, was gerade ist.

Mich hat diese Botschaft Jesu zu einem Experiment inspiriert, zu dem ich Sie gerne einladen möchte. Es ist ganz einfach: ich will versuchen, in allem, was ich tue, mitzudenken: „es ist gut genug!“ Und: „Falls jemand anders oder ich selbst (!) enttäuscht ist/bin über mich/ über das was mir gerade möglich ist, ja – dann kann ich das auch nicht ändern.“

Was heißt das konkret? D.h, wenn ich eine Predigt vorbereite, gebe ich mir Mühe, dass mir etwas einfällt, von dem ich hoffe, dass es den Texten gerecht wird und dass die Menschen, denen ich die Predigt halte, etwas damit anfangen können. Aber ich bin nicht allwissend und nicht allmächtig – und es kann gut sein, dass sich etliche enttäuscht abwenden. Das kann ich dann auch nicht ändern. Es sei denn, es ist möglich, mit der Enttäuschung selbst in Kontakt zu kommen.

Wenn Sie mögen, können Sie dies auf Ihren Alltag übertragen: sei es dass Sie kochen, dass Sie putzen, dass Sie ein Gespräch führen … es geht um die Verbindung, dass ich mir Mühe gebe und dass es auch gut genug ist. Mehr noch: dass ich gut genug bin. Und dass ich Enttäuschungen nicht vorbeugend verhindern kann. Es macht mich und den Anderen im übrigen viel freier, wenn auch die Enttäuschung „sein“ darf – Platz bekommt im Miteinander.

Wir können dieses Experiment auch im Umgang mit uns selbst ausprobieren. Im Umgang mit uns selbst geht es um die Enttäuschungen über uns selbst: das zur Kenntnis-Nehmen meines älter werdenden Körpers, meines langsamer arbeitenden Verstandes, meiner fortschreitenden Vergesslichkeit, meiner sich ausbreitenden Müdigkeit. „Es ist gut genug!“ Dies darf alles so sein. Es ist kein Grund, sich darüber zu grämen. Es ist einfach nur der natürliche Lauf der Dinge.

Der „brüllende Löwe“ in uns empört sich darüber: er möchte ewige Jugend, ewige Fitness. Er hasst die Anzeichen des Alters ebenso, wie er Schwäche ablehnt. Ihm gegenüber ist unsere Wachsamkeit gefragt. Nicht mit dem Ziel, den Löwen zu verjagen – das ist ohnehin sinnlos! Wohl aber mit dem Ziel, ihn zu „zähmen“. Zähmen – das haben wir vom kleinen Prinzen gelernt – heißt: „sich vertraut machen“.

Der brüllende Löwe ist zunächst einmal ein hungriger Löwe. Und die Frage ist, ob und wie ihn satt bekommen. Unzufriedenheit könnte man auch als chronischen Hunger nach mehr bezeichnen. Oder eben als die Unfähigkeit, satt zu werden.

Und was sättigt? Die Wahrheit. W. Bion spricht von der „Milch der Wahrheit“, die das Baby benötigt, damit seine Seele wachsen kann. Aber dies gilt nicht nur für das Baby: dies gilt ein Leben lang. Diese Sättigung verbindet sich mit einem Gefühl, zufrieden zu werden. Zufrieden im Sinne von: „es reicht mir – mehr brauche ich nicht.“ Das ist etwas Anderes als eine Befriedigung: die Befriedigung ist ein kurzer Kick und schon fängt das „Sehnen“ wieder an. Befriedigung gehört zu Sucht – Zufriedenheit gehört zu Sättigung. In der Sucht gibt es kein „genug“. Es ist sogar andersherum: je mehr ich versuche, meine Wünsche und/oder die Erwartungen anderer zu befriedigen, desto unzufriedener werde ich. Und desto mürrischer werde ich, weil ich spüre, dass es kein Ende gibt. Es ist so sinnlos wie der Versuch, auf der Autobahn erster zu sein. Auch wenn ich noch so schnell fahre – bei jeder Einfahrt kommen neue Autos dazu.

Nein – es geht nicht darum den brüllenden Löwen zu verjagen: es geht darum, ihn zu befrieden! Und dies lässt sich genauso wenig „machen“, wie sich Wahrheit oder Freiheit, oder Sinn oder gar Liebe „machen“ lässt.

Wir Menschen sind aber „Macher“. Wir wollen wo hin kommen. Immer ein Ziel vor Augen. Wir müssen vorwärts schauen. Vor lauter Vorwärts schauen vergessen wir, Rück-Sicht zu nehmen.

Der große Vorteil von den Sorgen ist, dass mein „Ich“ sie sich machen kann. Und ein Ziel haben wir auch gleich: nämlich, wie kriege ich die Sorgen wieder los.

Der morgige Tag wird für das Seine sorgen. Es ist genug, dass jeder Tag seine eigene Plage hat.“ Und seine eigene Schönheit möchte ich hinzufügen. Die sich mir genau dann eröffnet, wenn ich aufhöre, mir Sorgen zu machen.

Der sorglose Blick sieht die Schönheit des Augen-Blickes. In und mit ihm beginnt das Alltägliche zu leuchten: die Schönheit eines Regentropfens, die Schönheit eines Sonnenstrahls, die Schönheit eines faltig gewordenen Gesichtes, die Schönheit eines Kindes … schauen Sie sich um und lassen Sie zu, dass Ihre Augen weich werden – und Sie werden die Schönheit entdecken, die Sie umgibt. Die immer schon da ist und nur darauf wartet, entdeckt zu werden …. Und in dieser Entdeckung geschieht das, was Jesus „Reich Gottes“ nennt, was immer schon da ist und immer aufs Neue entdeckt werden will, AMEN