Predigt am 11. Sonntag nach Trinitatis 2016

Predigt am 11. Sonntag nach Trinitatis 2016

(Epheser 2, 4-10)

Die Dunkelheit des Vaters und das Licht des Sohnes und die lebensstiftende Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen, AMEN.

Liebe Gemeinde,

Gott widersteht den Hochmütigen, den Demütigen aber gibt er Gnade.“ (1. Petrus 5,5) Mit diesem Wort haben wir unseren Gottesdienst heute begonnen.

Meine Oma hat gesagt: „Bescheidenheit ist eine Zier, doch weiter kommt man ohne ihr.“ Das ist so was wie der Minus-Wochenspruch. In dieser Welt, nach den Maßstäben dieser Welt hatte mein Oma Recht.

Nach den Maßstäben dieser Welt hatte auch jene Dame Recht, die bei einem Beerdigungsgespräch mir sagte:

Ich habe in meinen jungen Jahren an Gott geglaubt. Dann wurde ich schwanger und bin jeden Sonntag in die Kirche gegangen. Ich habe immer darum gebetet, ein gesundes Kind zu bekommen. Als mein Sohn auf die Welt kam, war sein linker Arm gelähmt. Seither glaube ich nicht mehr an Gott. Und ich war auch nicht mehr in der Kirche“.

Hätte ich damals den heutigen Predigttext parat gehabt, hätte ich sagen können: „Aus Gnade seid ihr selig geworden durch Glauben und das nicht aus euch: Gottes Gabe ist es …“ (Eph. 2, 8)

Aber: erstens: hätte, hätte. Fahrradkette …

Zweitens: es hätte auch nichts genutzt.

Jene Dame war sich absolut sicher, dass ihre Enttäuschung ihr zustand. Dass sie recht hatte. Sie war sich sicher, alles richtig gemacht zu haben. Der, der falsch war, der versagt hatte, das war nicht sie, sondern Gott. In ihrer Enttäuschung wandte sie sich von Gott ab. Vielleicht konnte sie so einigermaßen weiterleben, da sie ihre Enttäuschung bei Gott unterbringen konnte. Andere Menschen, die dies nicht können, bringen ihre Enttäuschungen bei ihrem Partner unter, oder bei ihren Kindern, oder wenden sie gegen sich selbst und werden suizidal.

Nun spricht nichts dagegen, Gott als eine allmächtige Instanz zu verwenden, die meine Wünsche dann erfüllt, wenn ich gehorsam bin. Wahrscheinlich hatte die Dame oft und oft als Kind erlebt: wenn sie brav ist, bekommt sie etwas, wenn nicht, will man mit ihr nichts mehr zu tun haben. Da Gott in ihren Augen nicht brav gewesen ist, will sie nun mit ihm nichts mehr zu tun haben. Dies machen wir Menschen gerne und häufig: anstatt unsere Meinung über den Anderen, in diesem Fall über Gott zu überprüfen und in darin sich mit dem Anderen auseinander zu setzen, brechen wir den Kontakt ab. Das ist natürlich einfacher, weniger in Frage stellend, weniger verunsichernd.

Ich bin enttäuscht über dich …“ – das ist ein Satz, den Väter gerne zu ihren Söhnen, Mütter gerne zu ihren Töchtern sagen. Vielleicht noch hinzufügend: „ich habe es dir nur gut gemeint!“

Meister Eckhart hat einen anderen Satz geprägt, der gut hierher passt:

… manche Leute wollen Gott mit den Augen ansehen, mit denen sie eine Kuh ansehen, und wollen Gott lieben, wie sie eine Kuh lieben. Die liebst du wegen der Milch und des Käses und deines eigenen Nutzens. So halten’s alle jene Leute, die Gott um äußeren Reichtums oder inneren Trostes willen lieben; die aber lieben Gott nicht recht, sondern sie lieben ihren Eigennutz.“ Es ist gut, sich ehrliche Rechenschaft darüber zu geben, wofür ich „Gott“ (und meine Mitmenschen) in meinem eigenen Leben verwende. Eckhart weist in seinem deftigen Bild darauf hin, dass „manche Leute“ Gott für ihren Egoismus verwenden. Die Frage ist nicht, was gebe ich Gott, sondern was kriege ich von ihm. Die genannte Dame war ein Stück weiter: sie „fütterte“ Gott mit ihrem Gehorsam, und erwartete dafür die Erfüllung ihrer Wünsche. Im bäuerlichen Denken ist dies völlig in Ordnung: wenn ich meine Kuh gut füttere, erwarte ich „zurecht“, dass sie viel und gute Milch gibt. Wenn sie dies nicht tut, wird sie verkauft oder geschlachtet.

Dies wird Gott nicht gerecht, da Gott nicht „etwas unter anderem ist“. So fährt Eckhart fort: „Alles, worauf du dein Streben richtest, was nicht Gott in sich selbst ist, das kann niemals so gut sein, dass es dir nicht ein Hindernis für die höchste Wahrheit ist.“

Was aber ist „Gott in sich selbst“? „Gott in sich selbst“ ist unerkennbar, die Metapher hierfür ist „Dunkelheit“. Gott geschieht „im Dunklen“. Deshalb ist jede Art kausalen Denkens („wenn – dann“) eine Bemächtigung Gottes. So sagt Meister Eckhart an anderer Stelle, dass die einzig angemessene Art zu beten die ist, „danke zu sagen.“ Jenes „danke“, aus dem heraus ein Denken strömt, das in Danken eingebunden ist. Dieses Denken ist ein bescheidenes. Es erkennt an, dass es sich nicht selbst geschaffen hat. Es erkennt an, dass es auch die Wirklichkeit nicht selbst schaffen kann. Und es erkennt an, dass es nicht ums Recht haben geht.

Die Reaktion der Dame darauf, dass ihr dringender Wunsch nicht erfüllt worden ist, war kein In-Frage-Stellen ihrer eigenen Annahmen über „Gott und die Welt“, sondern das Ausscheiden, das Exkommunizieren Gottes. Sie konnte aus dieser Erfahrung nicht lernen. Sie konnte sich nur abwenden.

Und so kann nichts Neues werden. Das Alte, Vertraute, die (Sehn-)Sucht nach Erfüllung der eigenen Wünsche, hat die Möglichkeit für Neues getötet.

Uns, die wir tot waren in den Sünden“, sagt Paulus im heutigen Predigttext, hat „Gott, der reich ist an Barmherzigkeit … mit seiner großen Liebe, mit der er uns geliebt hat … mit Christus lebendig gemacht.“ (4-5) : „denn wenn ihr nach dem Fleisch lebt, werdet ihr sterben müssen; wenn ihr aber durch den Geist die Taten des Fleisches tötet, so werdet ihr leben.“

Die Taten des Fleisches sind in unserem Evangelium zusammengefasst in dem Gebet des selbstgerechten Pharisäers.

Ich habe was aus meinem Leben gemacht, sagt der Pharisäer. Nicht so wie die Zöllner, die Betrüger, die Ehebrecher. Gott sei Dank, dass ich nicht so bin wie die.

Ich lebe Gott wohlgefällig.

Ich kümmere mich um die Armen.

Ich zahle meine Kirchensteuer, und das nicht wenig.

An Weihnachten gehe ich in die Kirche.

Weil das einfach dazu gehört.

Ich habe mir nichts vorzuwerfen.

Ich muss keine Angst vor dem jüngsten Gericht haben.

Wenn alle Menschen so lebten wie ich, dann sähe diese Welt anders aus.

Ich werfe meinen Müll nicht achtlos auf die Straße.

Aber das mit den Flüchtlingen ist wirklich übertrieben.

Mir wurde auch nichts geschenkt.

Und man sieht ja, was da alles in unser Land herein kommt. Nirgends ist man mehr sicher.

Ich könnte mühelos die Gedanken des Pharisäers weiterspinnen.

Sie merken, die sind mir sehr nahe.

Das liegt daran, dass ich selbst in mir so eine Pharisäer-Seite habe. Die kann auch ganz versteckt sein. Indem ich stolz darauf bin, dass ich nicht so bin wie der Pharisäer.

Die Taten des Geistes geschehen. Ich kann sie nicht machen. Es gibt kein „Ich mache das!“ „Ich schaffe das!“ Dieses Ich ist im Wirken-lassen des Geistes entmachtet.

Das fühlt sich an wie sterben. Das „Lebendig-Werden“ im Geiste („in Christus“, wie Paulus sagt) ist ein „Gleichgestaltet-Werden mit seinem Tod.“ Der Tod ist das Aufgeben der eigenen Wünsche, Erwartungen, Forderungen an das Leben. Was stirbt, das sind meine Illusionen und Täuschungen darüber, ich hätte mein Leben im Griff, hätte es in der Hand. Nichts habe ich in der Hand. Gott begegnen heißt mit leeren Händen da stehen.

Aus Gnade seid ihr selig geworden durch Glauben: und das nicht aus euch: Gottes Gabe ist es. Nicht aus Werken, damit sich nicht jemand rühme.“

Ja – wenn das so ist, dann lege ich meine Hände in den Schoß. Dann werden die Andern schon merken, wie weit sie ohne mich kommen.

Warum bin ich eigentlich so blöd und arbeite so viel. Und halse mir auch noch Ehrenämter auf. Krieg‘ ja eh nichts dafür.

Von wegen Dankbarkeit.

Dass es läuft, ist selbstverständlich.

Und wenn mal was nicht läuft, dann wird gemotzt.

Dann verkauf‘ ich mein Hab und Gut und ziehe auf die kanarischen Inseln.

Und lass den lieben Gott einen guten Mann sein!

Das klingt nach Änderung des Lebens. Ist es aber nicht.

Viele Menschen meinen, Veränderung ist, wenn ich etwas anderes tue. Das ist meistens eine Täuschung.

Veränderung geschieht, indem ich meine Haltung zum Leben, zu mir und zu dem Leben, das um mich herum ist, verändere. Damit dies möglich ist, muss ich mir erst mal meiner Haltung zum Leben bewusst werden.

Dieses berühmte „erkenne dich selbst!“ ist leicht gesagt, schwer gelebt und nicht sehr verbreitet. Wir erkennen lieber den Anderen, beschäftigen uns mit seinen Splittern in den Augen. Das ist leichter und angenehmer.

Wahrhaftige Selbsterkenntnis beginnt mit der Einsicht, dass wir hier mit leeren Händen stehen. Dass wir uns unser Leben nicht selbst geben konnten, dass wir lange Jahre davon abhängig waren, gut genug leiblich und seelisch ernährt zu werden. Je kränkender und beschämender wir dieses Abhängig-sein erlebten, desto intensiver entstand der Wunsch, frei, unabhängig, autonom zu sein.

Das habe ich mir alles selbst geschaffen, sagt der Pharisäer.

Mein Auto, mein Haus …

Das ist wichtig, denn der Pharisäer will unter keinen Umständen danke sagen müssen. Echtes Danke. Erlebtes Danke.

Danke untergräbt die Täuschung der Autonomie.

Danke hieße – ich bin auf jemand Anderen angewiesen.

Danke hieße – ich kann das gar nicht alles alleine.

Danke erinnert mich an den Horror des Ausgeliefert-seins.

Der Pharisäer sagt: „Danke, Gott, dass ich nicht so bin wie die Anderen.“ Und er meint damit: „Ich bedanke mich bei mir, dass ich aus meinem Leben was gemacht habe. Deshalb bin ich nicht so wie die Anderen.“

Paulus, der Sohn eines Pharisäers, selbst zunächst Pharisäer geworden, beschließt unseren Predigttext mit dem Satz: „… wir sind sein (Gottes) Werk geschaffen in Christus Jesus zu guten Werken, die Gott zuvor bereitet hat, dass wir darin wandeln sollen.“ (Vers 10)

Wir sind Gottes Werk …“

Selig sind die, die arm sind“, sagt Jesus,

selig sind die, die nicht satt sind,

selig sind die, die nicht schon alles wissen,

selig sind die, die nicht schon am Ziel sind,

selig sind die, die nicht Recht haben,

…“

sie leben auf meine Kosten, sagen die Reichen,

auf meine auch, sagen die Macher.

Wir sind doch die, die anpacken, sagen die Anpacker.

Aus nichts wird nichts sagen sie:

du musst lösungsorientiert denken, sagen die Lösungsorientierten,

außerdem haben wir Recht, sagen die Recht-Haber.

Selig, wer in Verbundenheit und Freundschaft mit seiner Seele leben darf.

Selig wer dankbar sein Leben in den barmherzigen Schoß Gottes zu legen wagt.

Selig, wer es wagt, sich den Fremden zuzuwenden und sich von Gewalt nicht abschrecken lässt.

Aus Gnade seid ihr selig geworden durch Glauben: und das nicht aus euch: Gottes Gabe ist es.“ AMEN.

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, AMEN