Predigt über die „anvertrauten Talente“ am 9. Sonntag nach Trinitatis

Predigt am 9. Sonntag nach Trinitatis (Jakobuskirche Pullach)

Matthäus 25,14-30 und Philipper 3,7-11

Die Finsternis des Vaters und das Licht des Sohnes und die lebensspendende Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen, AMEN.

Liebe Gemeinde,

ich kenne jemand, der ist beim Hören des heutigen Evangeliums seelisch zusammengebrochen. Sein Leben war zu diesem Zeitpunkt nicht so gelaufen, wie er es sich erhofft hatte. Er war die große Hoffnung seiner Eltern gewesen, und konnte sie nicht erfüllen. Hilfesuchend wandte er sich an die christliche Religion mit ihrem Verständnis für die Schwachen. Und ausgerechnet in dieser Situation hörte er das Gleichnis von den anvertrauten Talenten. Er war sich sicher, sein Los ist das des dritten Knechtes. Er war sich sicher ein „böser und fauler Knecht“ zu sein. In dieser Haltung versuchte er sich das Leben zu nehmen, was ihm ebenfalls misslang. „Nicht einmal dazu bin ich fähig!“ schalt er sich.

Ich kenne jemand anderen, der aus einfachen Verhältnissen kommt. Als Lehrling angefangen hat er sich hochgearbeitet bis zur Spitze in einem DAX-Konzern. Mit eigenem Chauffeur, eigener Yacht usw. Mein Auto, mein Haus, mein Boot.

Wieder jemand anders sagte mir vor kurzem, er gehe nicht regelmäßig in die Kirche. Auch glaube er nicht sehr. Aber er sei sich sicher, dass es ein Jüngstes Gericht geben wird, und da werde er sich entspannt zurück lehnen. Er habe nämlich eine weiße Weste.

So verschieden sind wir Menschen.

Ich habe heute zwar nicht über das Gleichnis zu predigen – aber es bildet doch den Hintergrund unseres heutigen Gottesdienstes. Auch der Wochenspruch gehört zum Thema: „Wem viel gegeben ist, bei dem wird man auch viel suchen; und wem viel anvertraut ist, von dem wird man um so mehr fordern.“ (Lk 12,48)

Menschen sind verschieden: es gibt die, die Forderungen als Herausforderungen nehmen. Es gibt die, die sich niemals in Frage stellen.

Und es gibt die, die unter der Last der Forderungen zusammenbrechen.

Sie ziehen sich in eine eigene Welt zurück, in der sie sich sicher wähnen. Es ist von großer Bedeutung sowohl in einer psychotherapeutischen Behandlung wie im alltäglichen Leben, die „Orte des seelischen Rückzugs“ (J. Steiner) eines Menschen zu kennen und zu respektieren. Auf der anderen Seite machen genau diese Orte sehr heftige Gefühle – gerade und besonders dann, wenn ich mit einem anderen Menschen zu tun haben will, wenn ich mich für ihn interessiere, wenn ich ihn liebe.

Das, was der Andere als Rückzug erlebt, erlebe ich, der ich an den Anderen herankommen will, als Abweisung. Je tiefer jemand in seine eigene innere Welt versponnen ist, desto schwieriger hat er es, die Welt da draußen überhaupt noch mitzubekommen. Je bedürftiger ich auf der anderen Seite danach bin, vom Anderen wahrgenommen, gesehen zu werden, desto heftiger werden meine Gefühle sein: ich tue mich dann immer schwerer, noch den Anderen zu sehen, kreise um meine Verletzungen, um meinen Ärger, um mein Nicht-Wahrgenommen-Werden.

Kurzum: was für den einen ein Schutz ist, erlebt der Andere als Abweisung.

Zum Konflikt kommt es, wenn die beiden Bedürfnisse aufeinander prallen: das Bedürfnis nach Rückzug und Schutz und das Bedürfnis nach Wahrgenommen und Gesehen-Werden. Erst wenn es Brücken des Dialogs, des liebevollen Austausches darüber gibt, was eigentlich gerade los ist in der Beziehung, kann die Beziehung wachsen. Kann es „weiter gehen“.

Das harte Gleichnis von den anvertrauten Talenten ist eine drastische Aufforderung, die eigenen, selbst gezimmerten Schutzräume aufzugeben.

Die Botschaft lautet: Du kannst deine Lebendigkeit vergraben. Aber wisse: davon hat niemand etwas. Du am allerwenigsten.

Ein Nachdenken oder gar Verständnis für die Motivation dessen, der das Geld vergräbt, findet allerdings nicht statt. Na ja: wir Menschen mögen es nicht, die Wahrheit über uns und unser Leben zu erfahren. Das ist zu kränkend. Hierin gründet, dass Selbsterkenntnis, seit es Menschen gibt, nicht beliebt ist. Leichter und moderner ist es, ungehemmt dem eigenen Hass Raum zu geben. Nicht genug damit, sich selbst das Leben zu nehmen, am besten auch noch Andere, Unschuldige, mit in den Tod zu reißen.

Welch ein Triumph – welch eine Macht: einen Augenblick lang selbst Herr über Leben und Tod zu sein!

Es geht also um Hass. Und darum, ob es Möglichkeiten gibt, Hass zu verwandeln. Die Idee, die Todesstrafe wieder einzuführen, ist eine Kapitulation gegenüber der Hoffnung, dass sich Hass verstehen und verwandeln lässt. Sie beantwortet Hass mit Vernichtung.

Hass ist soviel einfacher als Liebe. Zerstören ist soviel einfacher als wachsen lassen. Sie merken schon: wachsen lassen. Das heißt, so direkt kann ich nichts machen. So direkt habe ich nichts im Griff.

Liebe hat mit Aushalten zu tun. In der Liebe bleiben heißt, fähig sein, die Impulse, die aus dem Hass stammen, nicht auszuleben. Auch die Worte, die aus dem Hass stammen, nicht auszusprechen. Die Worte des Meckerns, des Jammerns, des Sich- lustig-Machens. Natürlich hinter dem Rücken des Anderen. Liebe erfordert Mut. Hass nicht.

In der Liebe bleiben heißt also zunächst einmal: die Klappe halten. „Was siehst du den Splitter im Auge deines Bruders, den Balken im eigenen siehst du nicht.“

Zur Zeit werden (wieder) Menschen zu Führern, die unfähig sind, sich selbst in Frage zu stellen. Das Verführerische an diesen Führern sind die einfachen Lösungen, die sie anbieten. Die einfachen Lösungen sind die Lösungen der Macht.

Ich mache das, weil ich es kann!“

Das ist die Position der Macht. Die Kehrseite der Macht ist die Ohnmacht.

Der christliche Glaube, der mich berührt, der Gott, mit dem ich mich verbunden fühle, hat viel mit Ohnmacht zu tun. Und dem Ertragen von Ohnmacht. Und der Stärke, die aus diesem Ertragen erwächst.

Hiervon handelt der heutige Predigttext aus dem Philipperbrief, in dem Paulus über seine Kehrtwende hin zu Christus nachdenkt und sagt:

„ … was mir Gewinn war, das habe ich um Christi willen für Schaden erachtet. Ja, ich erachte es noch alles für Schaden gegenüber der überschwänglichen Erkenntnis Christi Jesu, meines Herrn. Um seinetwillen ist mir das alles ein Schaden geworden, und ich erachte es für Dreck, damit ich Christus gewinne und in ihm gefunden werde, daß ich nicht habe meine Gerechtigkeit, die aus dem Gesetz kommt, sondern die durch den Glauben an Christus kommt, nämlich die Gerechtigkeit, die von Gott dem Glauben zugerechnet wird.“

Das Problem ist das Einverstanden-sein mit der eigenen Ohnmacht. Dass ich nichts tun kann. Nicht einmal der Glaube ist mein Werk, mein Verdienst: auch er geschieht durch Gott, ist „Gottes Gabe“, wie es im Epheserbrief heißt. Und nicht ich verdiene, erarbeite mir meine Gerechtigkeit, meine Zufriedenheit – sie kommt zu mir, aus dem Glauben an Jesus Christus.

Das mag der moderne Mensch schon gleich gar nicht. Alles mein Verdienst, sagt er. Mein Haus, mein Auto, mein Boot!

Unser Gleichnis von den anvertrauten Talenten legt diese Haltung nahe. Damit wird man ihm aber nicht gerecht. Allerdings darf man dieses Gleichnis nicht kurzschlüssig auf das Leben beziehen. Sonst müssten wir die Milliardäre als besonders vorbildliche, von Gott auserwählte Menschen ansehen.

Geld hat mit Talent, mit Kreativität, mit Lebendigkeit nichts zu tun.

Geld ist Geld und bleibt Geld. Ein Tauschmittel – mehr nicht.

Und: Geld steht für Möglichkeiten. Ich kann mein Geld für Sinnvolles und weniger Sinnvolles verwenden. Und genauso ist es auch mit meinen Talenten. Geld und Talent (Talent war im Griechischen ein Zahlungsmittel) eröffnen Möglichkeiten. Das verbindet sie.

Es hat Vorteile, sich darüber Rechenschaft zu geben, wofür ich mein Geld, meine Begabungen verwende. Für meinen Geiz? Für meinen Neid? Für meine Gier?

Oder für Großzügigkeit, für Dankbarkeit, für die Unterstützung von Projekten, die mir sinnvoll erscheinen. Dieses „Sich-vor-sich-selbst-ehrliche-Rechenschaft-abgeben“, ist nicht sehr beliebt. Ich will gar nicht so genau wissen, was mit mir los ist. Zum Schluss entdecke ich auch noch Leichen im Keller! Das kann sein. Dann weiß ich halt wenig über mich, lebe halb blind durchs Leben.

Die Haltung des dritten Knechtes ist im übrigen die Haltung des depressiven Menschen. Er ist getrieben von seiner Angst und von seinem Hass. „Herr, ich wusste, dass du ein harter Mann bist; dass du erntest, wo du nicht gesät hast, und sammelst ein, wo du nicht ausgestreut hast …“

Woher wusste er das? Davon ist keine Rede im Text. Es ist die innere Überzeugung des Knechtes; es ist sein Vorurteil, das er dem Anderen überstülpt. Aus ihm heraus hat er gehandelt. Aus ihm heraus hat er sich selbst gerichtet. Im Grunde genommen ist der ein armer Hund, wer seine Talente aus Hass und Angst vergräbt. Angst und Hass, die aus seinen eigenen Vorurteilen entstanden sind. Er muss gar nirgends hingeworfen werden: er hat sich selbst in die Finsternis katapultiert, wo Heulen und Zähneklappern herrscht. Die Explosionen von Gewalt, die wir derzeit erleben, hängen mit der Haltung des dritten Knechtes zusammen. Es sind Menschen, die nicht mehr erreichbar sind für das Leben, für das Geschenk des Lebens. Am Ende steht ihre Zerstörung: sei es von außen, sei es, dass sie sich selbst richten.

Paulus hat in seiner Kehrtwendung die Lebendigkeit des Lebens erlebt. Er verbindet Leben unmittelbar mit Christus.

Sein Ziel ist es, diesen befreienden Christus zu erkennen:

Ihn möchte ich erkennen und die Kraft seiner Auferstehung und die Gemeinschaft seiner Leiden und so seinem Tode gleich gestaltet werden, damit ich gelange zur Auferstehung von den Toten.“ (10-11)

Leben aus dem Evangelium Jesus Christi heraus bedeutet: es geht nicht mehr darum, irgendwelche Forderungen zu erfüllen. Es geht ausschließlich darum, Christus zu erkennen. Und „erkennen“ heißt im Hebräischen: „lieben“. In Klammer: wer Christus in der Tiefe liebt, der kann den Anderen nicht mehr verteufeln. Auch wenn der statt Christus Mohammed oder Buddha oder Maria in das Zentrum seines Glaubens stellt.

In der Liebe zu Christus lerne ich ein Leben zu leben, das nicht mehr angetrieben ist davon, irgendwelchen Terminen, Pflichten, Erwartungen, Forderungen hinterher zu hetzen. Immer mit der bangen Frage im Hinterkopf: bin ich gut genug? Reicht das, was ich zu geben habe? Die Liebe ist auch die einzige Chance, den depressiven Menschen zu erreichen. Der Gott der Liebe sagt übrigens nicht: „Du böser und fauler Knecht!“ Der Gott der Liebe sagt: „wie schade, dass du mit deinem Leben nichts anfängst. … Wie schade, dass dir deine Verweigerungshaltung so wichtig ist … “ Meine Erfahrung mit mir selbst als dem drittem Knecht ist: nicht Drohung oder Bestrafung hilft weiter, auch nicht Überzeugen oder Locken, sondern: aufmerksames Dasein. Und das Eingeständnis: ich kann dir nur bis zu einem gewissen Grad weiter helfen: aus deinem Versteck musst du ganz alleine herauskommen.

In der Liebe zu Christus geschieht die Erleuchtung, dass alles, was zählt, mein Hier-Sein ist. In und mit meiner ganzen Lebendigkeit. Die überschwängliche Erkenntnis Christi ist das überschwängliche Erleben meines Hier-auf-dieser-Welt-Seins. Das so unwahrscheinlich ist und so unvorhersehbar war. Je tiefer ich dies erleben darf, desto wirksamer geschieht Gottes Kraft der Auferstehung von den Toten. Und zwar hier und jetzt – und nicht in einem fernen Jenseits.

Hier an diesem Sonntag, in dieser Kirche, in diesem Augenblick hat jeder von uns – egal ob Frau oder Mann, groß oder klein, alt oder jung, die Möglichkeit, die überschwängliche Erkenntnis Christi zu erleben. Sie wollen wissen wie? Sie wollen wissen, was Sie dann erleben? Ja, genau das ist das Problem.

Lassen Sie sich überraschen! AMEN

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Sinne in Christus Jesus, AMEN.