Predigt am 2. Advent 2016 in der Thomaskirche in Grünwald über Matthäus 24,1-14

Liebe Gemeinde,

steht auf und erhebt eure Häupter: weil eure Erlösung naht!“

Damit begann unser Gottesdienst.

Erhobenen Hauptes: ein schönes Bild für selbst-bewusst, selbst-sicher. Für sich seiner selbst bewusst, seiner selbst sicher sein.

„Weil eure Erlösung naht!“

Die Erlösung löst mich, löst meine Verdrehungen, meine Beschränkungen. Sie löst meine Ängste. Sie löst meine Halsstarrigkeit. Das erhobene Haupt ist mit einem weichen Hals verbunden. Ein weicher Hals der in freie Schultern fließt. Das erhobene Haupt ist der Welt, dem draußen zugewandt. Es lässt die Welt in sich hinein.

Ein erhobenes Haupt ist ein befreites Haupt. Es ist befreit von Druck, von einer gefühlten Unterdrückung, die verbunden ist mit Abwehr.

Ein erhobenes Haupt winkt dem Angreifer zu: Komm! (Wie Morpheus in Matrix.)

Weil eure Erlösung naht! Es geht um Hoffnung.

Die beiden Flügel des Glaubens sind Hoffnung und Furcht!“ sagt Rumi. Hätte ich keine Furcht, bedürfte ich keiner Hoffnung.

Hoffnung und Furcht sind auf die Zukunft gerichtet:

O je – was wird da auf mich zukommen, sagt die Furcht.

Es wird schon nicht so schlimm werden, sagt die Hoffnung.

Nun lehrt uns die Geschichte, dass Erlösung, Befreiung oft mit Katastrophe einher geht. Der Befreiung Deutschland für die Demokratie ging die Kapitulation, der Zusammenbruch Deutschlands voraus.

Die Befreiung Westeuropas hin zur Demokratie verlief über die Katastrophe der Französischen Revolution.

Dies gilt nun nicht nur in der äußeren Welt. Es gilt auch für unsere innere Welt. Unser heutiger Predigttext beginnt mit der Ankündigung der Zerstörung des Tempels:

24,1 Und Jesus ging aus dem Tempel fort, und seine Jünger traten zu ihm und zeigten ihm die Gebäude des Tempels. 24,2 Er aber sprach zu ihnen: Seht ihr nicht das alles? Wahrlich, ich sage euch: Es wird hier nicht ein Stein auf dem andern bleiben, der nicht zerbrochen werde.“

Der Tempel: das ist – in der inneren Welt – der Ort, an dem Gott wohnt.

Paulus bezieht diesen Gedanken auf die Existenz von uns Christenmenschen: „Wisst ihr nicht, dass euer Leib ein Tempel des heiligen Geistes ist, der in euch ist und den ihr von Gott habt, und dass ihr nicht euch selbst gehört?“ (1. Kor. 6,19)

Dieser Gedanke kann Gefühle der Katastrophe auslösen: ich gehöre nicht mir selbst? Das würde ja bedeuten, dass ich mein Leben nicht im Griff habe?! Dass ich viel weniger kontrollieren kann, als ich glaube?

Gerade wir Männer leben gerne davon, etwas im Griff zu haben. Das verleiht Sicherheit.

Wie geht’s dir?“ heißt ins Männliche übersetzt: „Alles im Griff?“

Nun ist „alles im Griff“ eine große Illusion. Und das Sich-Klammern an Illusionen kann ziemlich anstrengend werden. „Alles im Griff“ heißt: es darf sich nichts meiner Kontrolle entziehen. Leben aber lässt sich nur bedingt kontrollieren. Oder anders: kontrolliertes Leben ist der Tod der Lebendigkeit.

Der Panther

Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe
so müd geworden, dass er nichts mehr hält.
Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe
und hinter tausend Stäben keine Welt.

Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte,
der sich im allerkleinsten Kreise dreht,
ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,
in der betäubt ein großer Wille steht.

Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille
sich lautlos auf -. Dann geht ein Bild hinein,
geht durch der Glieder angespannte Stille –
und hört im Herzen auf zu sein.“ (Rainer Maria Rilke)

 

Und hört im Herzen auf zu sein …“ – es ist das Bild der Freiheit, das im Herzen aufhört zu sein. Die Freiheit ist zu weit weg von der Wirklichkeit, der Gefangenschaft des Panters … Das Bild der Freiheit zerfällt im Herzen des eingesperrten Panters, der – anders als ein in der Wildnis lebender – in größter Sicherheit lebt.

Der Weg in die Freiheit würde bedeuten, dass die Gitterstäbe zerbersten, die Mauern fallen, dass nicht ein Stein auf dem anderen stehen bleibt. Der Weg in die Freiheit führt in die Unsicherheit.

Was sagt Jesus zu diesem Weg?

In unserem Predigttext folgt jetzt eine apokalyptische Rede – ähnlich der, die Sie bereits in der Version des Matthäus gehört haben. Ich gestehe, dass ich mich damit schwer tue. Solche Predigten eignen sich dazu, Angst und Hass zu schüren – sie eignen sich nicht dazu, die Gegenwart besser zu verstehen. Sie nähren nicht.

Ich beschränke mich auf ein paar Sätze zu Beginn dieser Rede:

Seht zu, daß euch nicht jemand verführe. Denn es werden viele kommen unter meinem Namen und sagen: Ich bin der Christus, und sie werden viele verführen.“

Die heutige Verführung lautet nicht: „ich bin der Christus“ – sie lautet:

Ich mache unser Land wieder zu einem großartigen Land!“

Die heutige Verführung ist der rechts-populistische Nationalismus. Kaiser Wilhelm II. hatte zu Beginn des I. Weltkrieges gesagt: „Ich führe euch herrlichen Zeiten entgegen!“ Und das Volk jubelte ihm zu. Das Verführerische an diesen Gedanken ist das Andocken am Selbstwert eines ganzen Volkes. An diesem Selbstwert kann aber nur angedockt werden, wenn der im Argen liegt. Solange ich „erhobenen Hauptes“ in meinem Leben stehe, brauche ich keine Selbstwert-Aufbauspritze.

Erhobenen Hauptes ist im übrigen etwas völlig anderes als „überheblichen Hauptes“!

Die großen Ver-Führer der Geschichte waren und sind überheblich. Es war und ist ihnen kein Wert, sie hatten und haben nicht das geringste Interesse daran, sich einzuschränken, zu verzichten, sich zu mäßigen. Das hat damit zu tun, dass die Überheblichkeit nur die anderer Seite unerträglicher Minderwertigkeitsgefühle ist.

Deutschland, Deutschland über alles …“ – das war ein Ausdruck dieser Überheblichkeit. Dies führte und führt in die Feindschaft, in den Krieg. So heißt es auch in unserem Text: „24,6 Ihr werdet hören von Kriegen und Kriegsgeschrei;

seht zu und erschreckt nicht. Denn das muss so geschehen; aber es ist noch nicht das Ende da. 24,7 Denn es wird sich ein Volk gegen das andere erheben und ein Königreich gegen das andere …“

Ich gestehe Angst davor zu haben, nicht dass sich ein Volk gegen das Andere erhebt, sondern dass sich in ein und demselben Volk derartige Spannungen und Polarisierungen bilden, dass sie in Gewalt münden. Es ist noch nie gut gegangen, wenn die Kluft zwischen reich und arm zu weit auseinander liegt. Es muss ein vorrangiges Interesse der Reichen, der Führungsschicht sein, diese Kluft zu mildern und zu mindern. Und zwar auch und gerade im eigenen Interesse. Eine Gemeinschaft, in der soziale Gerechtigkeit herrscht, ist viel weniger anfällig für Verführer, als eine Gemeinschaft, in der die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer werden.

Liebe Gemeinde,

wie schon gesagt: in mir wehrt sich etwas, diesen apokalyptischen Text weiter mit Ihnen durch zu gehen. Er ist auch gar nicht im Geiste Jesu. Er widerspricht nämlich der Grundbotschaft Jesu, dass Gott ein Gott der Gegenwart ist, dass jetzt und hier das Reich Gottes geschieht und dass die Verbindungen und Vernetzungen des Reiches Gottes mit Liebe zu tun haben. Er widerspricht auch den vielfachen Aussagen, die sich dagegen sperren, die Ankunft des Gottesreiches vorherzusagen. „Seid wachsam, denn ihr wisst nicht den Tag, an dem Euer Herr kommt!“ (V. 42)

Seid wachsam!“

Ähneln wir nicht alle dem Mann, von dem der indische Jesuit Anthony de Mello erzählt?

Vor einiger Zeit – sagt er – hörte ich im Radio … von einem Mann, der wieder einmal am Morgen an die Zimmertür seines Sohnes klopft und ruft:

Jim, wach auf!“

Und Jim ruft zurück: „Ich mag nicht aufstehen, Papa.“

Darauf der Vater noch lauter: „Steh auf, du musst

in die Schule!“ „Ich will nicht zur Schule gehen.“

Warum denn nicht? “, fragt der Vater.

Aus drei Gründen“, sagt Jim. „Erstens ist es so langweilig, zweitens ärgern mich die Kinder, und drittens kann ich die Schule nicht ausstehen.“

Der Vater erwidert: „So, dann sag ich dir drei Gründe, wieso du in die Schule musst: Erstens ist es deine Pflicht, zweitens bist du 45 Jahre alt, und drittens bist du

der Klassenlehrer.“

(Wer Kinder, insbesondere Jugendliche zuhause herumliegen hat, der weiß, wie mühsam es sein kann, diese in der Frühe wach zu kriegen!)

Darum geht es: in der Gegenwart des eigenen Lebens anzukommen. Weder mit müßigen Gedanken sich eine dunkle Zukunft ausmalen, noch mit sentimentalen Gedanken der Vergangenheit hinterher zu trauern. „Früher war es besser, in der Zeit, wo es noch kein Handy gab und kein Internet …“ Man kann sich auch mit Gedanken, die sich auf die Vergangenheit richten, quälen. „wie konnte ich nur?“ „warum habe ich mich damals nur so entschieden?“ „Warum ist mir das und das passiert?“ hält genau so vom Leben in der Gegenwart ab wie: „ich habe so Angst davor, dass … ich dement werde, mein Kind keinen vernünftigen Beruf ergreift, mein Partner stirbt usw.“

Liebe Gemeinde,

Theresa von Avila hat das Wort geprägt: „möge Gott dein Genüge sein!“ Ein paar Jahrhunderte vor ihr hat der islamische Mystiker Rumi genau denselben Gedanken geäußert.

Möge Gott dein Genüge sein!“

Damit ausgerüstet, brauchen wir keine Angst vor einem wie auch immer gearteten Gericht haben. Damit ausgerüstet stehen wir – obzwar Sünder – auf der Seite Gottes.

Es gibt eine chassidische Geschichte von Rabbi Sussja, die veranschaulicht, was es bedeutet, wenn Gott mein Genüge ist: „Vor seinem Tod sagte Rabbi Sussja: ‚In der kommenden Welt wird man mich nicht fragen: Warum bist du nicht Moses gewesen. Man wird mich fragen: Warum bist du nicht Sussja gewesen?’“

Das ist der Punkt.

Die Verführung ist zu glauben, ich könne und müsse mir meinen Wert selbst geben. Wiederum ins Männliche übersetzt heißt das: „mein Auto, mein Haus, mein Boot!“

Die Betonung liegt dabei auf MEIN. Von mir selbst geschaffen. Von mir selbst hart erarbeitet. Im Weiblichen ist es wohl mehr: meine Kinder, meine Familie, mein soziales Engagement.

In der kommenden Welt werde ich nicht gefragt werden, ob ich einen Doktortitel habe, ein Haus in Pullach, ein großes Auto. Ich werde auch nicht gefragt werden, wie viele Preise ich gewonnen habe, wie berühmt ich war, wie viele Bücher ich verkauft habe. Die einzige Frage lautet: hast du DEIN Leben gelebt?

Und je sicherer ich antworten kann: ich bin der gewesen, als der ich mich im Laufe meines Lebens entwickelt habe mit allen Täuschungen und Enttäuschungen, mit allem Scheitern und allem Gelingen. Und als der stehe ich jetzt zu mir und vor dir, meinem Gott, wissend, dass ich deiner Liebe und deiner Barmherzigkeit bedarf, um überhaupt leben zu können … indem ich dies erhobenen Hauptes antworte: erlebe ich meinen Advent, meine Ankunft in die grenzenlose Liebe Gottes und die frohe Botschaft von der Geburt des Messias wird mit mir und in mir lebendig.

Dass wir in diese frohe Botschaft hineinwachsen dürfen und dass der Advent des Mensch und menschlich gewordenen Gottes alltäglich uns umhülle und aus uns heraus strahle – das verleihe Gott uns allen, AMEN.

Dass wir in diese frohe Botschaft hineinwachsen dürfen und dass der Advent des Mensch und menschlich gewordenen Gottes alltäglich uns umhülle und aus uns heraus strahle – das verleihe Gott uns allen, AMEN.

Dass wir in diese frohe Botschaft hineinwachsen dürfen und dass der Advent des Mensch und menschlich gewordenen Gottes alltäglich uns umhülle und aus uns heraus strahle – das verleihe Gott uns allen, AMEN.