Predigt über Lukas 1, 26-33.38

Predigt über Lukas 1, 26 – 33. 38 am 4. Advent 2016 in der Jakobuskirche

Vorab: der zu predigende Text ist so komplex, dass ich auswählen musste. Ich habe mich dafür entschieden, exemplarisch in die Tiefe zu gehen, anstatt alles irgendwie zu streifen und damit nichts tiefer zu begreifen.

Und: ich predige den Text nicht historisch, sondern „sinnbildlich“.

Ich versuche ihn so zu lesen, wie ich Träume lese. Für dieses Vorgehen berufe ich mich – neben der Psychoanalyse – auf Psalm 126 Vers 1: „Wenn der Herr die Gefangenen Zions erlösen wird, so werden wir sein wie die Träumenden.“

Die Erlösung keimt in der Traumwelt. Der Traum ist eine Art Probe-Denken. In ihm stellt mir mein Unbewusstes vor Augen, was meine Seele gerade bewegt. Je sicherer mein Blick in meiner Traum-Welt ist, desto gelassener kann ich dem Ungemach des Alltags entgegen treten. So löst sich der Drang, die äußere Welt meinen Wünschen und Sehnsüchten passend zu machen. Dies wiederum stärkt meine Kraft, für mich zu stehen und für mich einzustehen. Darin drückt sich mein Dank aus. Mein Dank an den, der mich befreit hat.

Lukas 1, 26 – 38:

1,26 Im sechsten Monat wurde der Engel Gabriel von Gott gesandt in eine Stadt in Galiläa, die heißt Nazareth, 1,27 zu einer Jungfrau, die verlobt war einem Mann mit Namen Josef vom Hause David; und die Jungfrau hieß Maria.

1,28 Und der Engel kam zu ihr hinein und sprach: Sei gegrüßt, du Begnadete! Der Herr ist mit dir!

1,29 Sie aber erschrak über die Rede und dachte: Welch ein Gruß ist das?

1,30 Und der Engel sprach zu ihr: Fürchte dich nicht, Maria, du hast Gnade bei Gott gefunden. 1,31 Siehe, du wirst schwanger werden und einen Sohn gebären, und du sollst ihm den Namen Jesus geben. 1,32 Der wird groß sein und Sohn des Höchsten

genannt werden; und Gott der Herr wird ihm den Thron seines Vaters David geben,

1,33 und er wird König sein über das Haus Jakob in Ewigkeit, und sein Reich wird kein Ende haben.

Im sechsten Monat: Der sechste Monat im jüdischen Kalender heißt Elul: er geht von Mitte August bis Mitte September. „Elul“ heißt wörtlich Ernte.

Das dazugehörige Tierkreiszeichen ist die „Jungfrau“.

In diesem Monat geschieht die Vor-Ankündigung der Geburt des Messias an die Jungfrau Maria.

Am sechsten Schöpfungstag werden die Tiere geschaffen und der Mensch. In Klammern: von wegen Krone der Schöpfung: Tiere und Menschen werden gemeinsam, am selben Tag geschaffen. Tiere und Menschen sind „Geschwister“.

Der sechste Wochentag, der Freitag, ist im Jüdischen der Venus zugeordnet: im Französischen „Vendredi“ (Venus-Tag) ist dieser Zusammenhang noch erhalten. Venus (griechisch Aphrodite): die Göttin der Liebe. Und die „sechs“ klingt nach „Sex“. Es geht also um Vereinigung. Auch um Erkenntnis: im Hebräischen bedeutet mit einander schlafen auch „sich erkennen“: „und Adam erkannte sein Weib …“

Am sechsten Tag der Woche gedenken wir auch der Kreuzigung des Messias. Dessen Auferstehung am 8. Tag – wenn man die Tage weiter zählt – stattfindet. Friedrich Weinreb, der Kabbalist, weist darauf hin, dass die Ernte, die am sechsten Tag eingeholt wird, für den siebten und achten Tag reichen muss. Das siebte Jahr ist das Sabbatjahr – hier darf nicht gesät und nicht geerntet werden.

Das sechste Jahr hat in seiner Beziehung zum siebten und achten Jahr mit der Kunst des Nicht-Tuns zu tun. Nicht-Tun heißt nicht faul sein. Nicht-Tun heißt, sich nicht zu schnellem Tun, Machen verführen lassen.

Die Kunst des Nicht-Tuns ist die Kunst, die eigenen Tun-Impulse, Tun-Reflexe zu hemmen.

Im Hebräischen heißt das sechste Tierkreiszeichen „betula“ – Jungfrau. Und zwar in dem Sinne, dass sie etwas Neues auf die Welt bringt, das sich radikal vom Denken dieser Welt unterscheidet.

Dieses Neue ist die Ankündigung von Schwangerschaft und Geburt des Messias. Sie geschieht in der Welt des Nichts-Tuns.

Wir feiern heute die Ankündigung seiner „Empfängnis“ – seines Empfangen-werdens im Schoße der Jungfrau. Jungfrau bedeutet: das Gefäß, in welchem der Messias empfangen werden kann, muss ein radikal neues Gefäß sein, um diesen Messias in sich aufnehmen und halten zu können. „Und niemand füllt neuen Wein in alte Schläuche; sonst zerreißt der Wein die Schläuche, und der Wein ist verloren und die Schläuche auch; sondern man füllt den neuen Wein in neue Schläuche.“ (Mk 2,22)

Und so kam es auch in der Realität: die alten Schläuche, Denkgefäße des jüdisch-religiösen Establishments konnten die Radikalität der Gedanken Jesu nicht fassen, nicht aufnehmen. Um sie zu schützen, wurde ihr Denker gekreuzigt.

Die Diskussion darüber, wie eine Jungfrau schwanger werden kann, ist Ausdruck eines alten, geläufigen Denkens: es ist das naturwissenschaftlich-kausale Denken.

Ein neues, sehr anderes Denken ist ein Denken in Verbindungen. Es nimmt wahr, stellt Bezüge und Beziehungen her: ohne zu (be-)werten. Das uns vertraute alte Denken lebt von Bewertungen. Gut gemacht! Schlecht gemacht! Lob ist auch eine Art von Bewertung. Es gibt Lob-Junkies: ich tue das, aber ich will auch gelobt werden dafür. Die Kehrseite des Lob-Junkies ist der Schmeichler: wie schön! Wie gut! Wie wunderbar! Was die beiden miteinander verbindet ist Eitelkeit.

Das neue Denken bewertet nicht; es beschreibt. Ich sage (dir), was ich wahrnehme. Mehr nicht. Du bleibst frei – du kannst meine Wahrnehmung als Unsinn abtun, du kannst dich von ihr erreichen lassen. Du kannst mit mir reden – du kannst es auch bleiben lassen.

Natürlich ist Lob „schön“ – so wie eine Sahnetorte gut schmeckt.

Aber nahrhafter und auf Dauer bekömmlicher ist ein Butterbrot.

Die Empfängnis des Messias geschieht in der Begegnung zwischen Maria und Gabriel. „Gabriel“ heißt: Mann oder Held Gottes. Es drückt eine starke männliche Kraft aus und hat nichts mit unseren „Engelein“ zu tun. Von Gott, vom Himmel her, ist eine männliche Kraft zu Maria gekommen. (Himmel ist übrigens auch männlich.) Maria – hebräisch Miriam – hat die Wurzel: „mar“ – „bitter“. Und „jam“ Meer. Maria bedeutet also wörtlich: ein Meer voller Bitternis. Im AT meistens in Zusammenhang mit der Bitternis des Sterbens angewendet. So begannen wir unseren Gottesdienst mit einem Gesang, wo es unter anderem heißt: „vor Augen steht der ew’ge Tod…“ Es gibt auch die verzweifelte Bitternis des Verrates: so weinte Petrus, nachdem er Jesus verraten hatte, „bitterlich“. Und es gibt die unzähligen Darstellungen der sogenannten Pieta: Maria weint über ihren toten Sohn.

In diese bittere Verzweiflung hinein geschieht das : „Ave Maria!“

Sie aber erschrak!“

Das Neue ist stets das Unvertraute. Sonst wäre es nicht neu! So gehört das Erschrecken wesentlich zum Erleben von Neuen. Und dann hängt alles davon ab, wie es weiter geht. Wer dieses Erschrecken als unerträglich ängstigend erlebt, der zieht sich reflexhaft zurück. Wendet sich ab. Er muss seine Türen verschließen, verriegeln. Verschlossene Türen geben Sicherheit. Die Polizei hat in der Adventszeit dazu aufgerufen, die Türen gut zu verschließen, da wieder Einbrecher aktiv sind. Das klingt sehr vernünftig. Türen verschließen gehört zu der realen Welt unseres Alltags. Es ist unsere Wach-Welt. Wir aber singen: Macht hoch die Tür, die Tor macht weit! Es scheint da um andere Türen zu gehen, als um unsere Haustüren. In der Traum-Welt unseres Textes erscheint ein Engel und sagt:

Sei gegrüßt, du Begnadete. Der Herr ist mit dir!“

Sie aber erschrak.“

Und der Engel sprach: „Fürchte dich nicht, Maria. Du hast Gnade bei Gott gefunden.“

Im Erschrecken ziehen wir uns zusammen. Das ist eine instinktiv-natürliche Schutzreaktion. Die Gefühle dabei sind eine Mischung aus Angst und Ärger: Was kommt da auf mich zu? Was willst du?

Wäre Maria in ihrem Schrecken erstarrt, sie hätte die Botschaft des Engels nie erfahren.

Du hast Gnade bei Gott gefunden!“

Es ist ein Geschenk, in sich die Kraft erleben zu dürfen, da zu bleiben. Dazu gehört der Mut und die Bereitschaft, dem vertrauten Fluchtinstinkt nicht nach zu geben. Und es bedarf eines inneren Gefühles, sich auch verändern zu können. Schließlich gehört Zähigkeit und Disziplin dazu: nämlich die Bereitschaft, daran alltäglich zu üben.

Es geht um nicht weniger, als das eigene, unendlich vertraute, tausendmal eingeübte Tun zu hemmen. Das ist der menschliche Beitrag zu Gottes Werk: den instinktiven Reflexen nicht nachzugeben. Indem ich meine instinktiven Reflexe hemme, hemme ich mich selbst. Und dadurch entsteht Raum. Raum für Gottes Gnade. Erst dann kann ich dieses „Der Herr ist mit dir!“ erleben. Solange ich vor Gott davon laufe – kann er mich nicht erreichen.

Das setzt freilich voraus, dass ich mir irgendwie meiner natürlichen Reflexe bewusst werde. Und das setzt wiederum voraus, dass ich mich irgendwie für mich selbst „hinter“ diesen Reflexen interessiere. Wenn ich mit der Frage: „wer ist das eigentlich, der jetzt gerade … dem Anderen schmeichelt, beleidigt ist, gehetzt ist, hier steht und predigt…“ nichts anfangen kann … der hat es schwer.

Diese Frage sich stellen heißt die Kraft zu haben, sich selbst, sein aktuelles Tun in Frage zu stellen. Dies geht Hand in Hand mit der Kraft, sich mit sich selbst aus-einander zu setzen. Sich ein wenig von sich selbst zu trennen. So den inneren Drang nach sofortiger Befridegung zu hemmen. Ich weiß: das ist nicht populär. Und es wird auch nicht populär werden. Es hat mit viel seelischer Arbeit, viel Trauer und viel Verzicht zu tun.

Liebe Gemeinde,

die Fähigkeit sich hemmen zu können ist die Voraussetzung dafür, mit dem Messias, dem radikal Neuen schwanger werden zu können. Sich hemmen ist die Fähigkeit, zum Richtigen Nein und zum Richtigen Ja zu sagen. Wer mit dem Messias schwanger geht, der muss zu allem, was mit schneller, dringender Lust-Befriedigung zu tun hat, nein sagen lernen.

Wer mit dem Messias schwanger geht, der hält sich an den guten Rahmen, der für das gesunde Wachstum des Babys im Mutterleib nötig ist. Die Zerstörer des Rahmens, die Verführer erkennt man u.a. an ihrem Drang. Alles „Dringende“, alles, was „dringend“ noch erledigt werden muss, dringend noch dazwischen geschoben wird, dringend auf die Tagesordnung muss, wird zu etwas Ein-Dringendem. Es wird zu einem Geschoss, das den lebendigen Organismus verletzt, im schlimmen Fall zerstört. Ungehemmtheit führt zu Unpünktlichkeit, Hetze und Getriebenheit und vereitelt wohlüberlegtes und ausgewogenes Handeln. Ich habe an anderer Stelle zwischen hektischem Tun und besonnenem Handeln unterschieden. Tun ist Reflex. Eine unkontrollierte Muskelzuckung.

Handeln geschieht aus der gelassenen Sicherheit einer inneren Mitte heraus. Handeln bedarf Geduld und findet in der Zeit statt. Im reflexhaften Tun ist die Zeit zerstört.

Tun ist schnelles Machen.

Handeln ist langsames (er-)zeugen. Und Handeln ist wesentlich sozial: es nimmt den Anderen, die Gruppe wahr und ernst. Tun ist egozentrisch: im Zentrum steht ein schwaches getriebenes Ich, das über Eindringen versucht, sich einen Platz zu erzwingen. Der Andere, die Gruppe dienen dabei vor allem nur als Platz-Beschaffer – sie werden in ihrem Eigen- und Anders-Sein nicht wahrgenommen.

Handeln ist Leben und Er-Leben im Sein.

Tun ist Leben und Er-Leben im Machen.

Gottes Sohn ist gezeugt – nicht gemacht, nicht geschaffen.

Der Messias ist Sohn des lebendigen Gottes – und kein Fake! (Fake kommt von lateinisch facere: machen.)

Unser heutiger Predigttext gibt uns Anteil an dem allerersten Keimen dieser Zeugung.

Am Ende sagt Maria: „mir geschehe, wie du gesagt hast.“

Das ist bedingungsloser Glaube. Das ist aber auch schutzloser Glaube: ich liefere mich freiwillig deinem Wort aus, überlasse deinem Wort die Macht über mein Leben. Das kann ich nur im tiefen Vertrauen in die Güte des Anderen. In sein Mir-wohlgesonnen-sein. Wenn ich angefüllt bin mit schlechten Erfahrungen mit Autoritäten, wenn ich mich von ihnen ausgenutzt und missbraucht fühle, wenn ich in der Tiefe jede Art von Autorität zu hassen gelernt habe, weil ich nicht erleben durfte, von ihnen wahrgenommen worden zu sein – dann werde ich auch jeden Rahmen zerstören. Ich kann nämlich gar nicht glauben, dass es einen Rahmen, dass es Grenzen geben soll, die mich schützen. Einen Rahmen, dem es um meine Lebendigkeit, um meine Entwicklung geht. Reflexhaft verbinde ich Rahmen mit Gängelung, Bevormundung und Vorwurf.

Ich weiß schon, ich habe es wieder einmal falsch gemacht. Bin falsch.“ In diesem beleidigten Gefühl kann ich nichts lernen, kann nichts von dem, was an mich heran getragen wird, aufnehmen, in mich hinein lassen. Ich kann nur mich zurück ziehen. „Red‘ du nur!“ Und ich kann mich entziehen: ich verschwinde einfach. Und da ich im Rückzug immer hungriger, immer gieriger werde, wird mein Bedürfnis etwas zu kriegen, immer dringender. Ich muss – um zu überleben – schnelle Beute machen. So verwandelt sich der Andere/ die Gruppe zu etwas, von dem, von denen ich „haben“ will. Die Kehrseite dieses Empfindens ist: „ich ertrage nicht, wenn du anders bist, als so, wie ich dich brauche!“ Dies ist im übrigen ein großes Thema im Umgang mit pubertierenden Kindern, die zu ihrem Eigenen finden müssen. Und das Eigene ist wesentlich etwas Anderes als das Eigene der Eltern!

Das Entscheidende ist, dass es einen festen und sicheren Rahmen gibt, der der Hemmungslosigkeit Einhalt gebietet. Der starke Führer oder die starke Führung einer Gemeinschaft (und die Keimzelle von Gemeinschaft ist das Elternhaus) ist mit einem starken Rahmen verbunden. Wenn die Führung selbst hemmungslos ist, besessen von Gier und Neid, dann werden die dieser Führung Anvertrauten Schaden nehmen.

Liebe Gemeinde,

ich weiß, das ist alles ziemlich nüchtern und herb. Möglicherweise auch ein wenig unverständlich. Und es steht natürlich jedem frei, das Gehörte möglichst schnell wieder zu vergessen.

Meine eigene Erfahrung ist, dass der Weg der Begegnung mit dem Messias ziemlich nüchtern und herb ist. Meine eigene Erfahrung ist aber auch, dass dieser Weg aus der Bitternis heraus führt und immer tiefer in das hinein führt, womit wir den Gottesdienst heute begonnen haben:

„Freut euch in dem Herr allewege und abermals sage ich: freuet euch, der Herr ist nah!“ (Phil. 4, 4-5)

Gebe Gott, dass sich in uns und unserem Alltag diese „Freue dich!“ ausbreite; gebe Gott, dass wir eine Weihnachtsfreude ausstrahlen die ansteckend wirkt.

Und dies alles getragen von einem einfachen:

Mir geschehe, wie du gesagt hast“, AMEN.