Predigt über Matthäus 4, 12-17 am 1. Sonntag nach Epiphanias (8.1.2017) in der Petruskirche in München-Solln

Liebe Gemeinde,

„Welche der Geist Gottes treibt, die sind Gottes Kinder!“ (Röm 8,14)

Mit diesem einfachen Statement aus dem Römerbrief begann unser Gottesdienst.

Das klingt schlüssig. Die einzige Frage, die noch offen bleibt, lautet: Und woran erkenne ich, dass mich der Geist Gottes treibt – und nicht der Geist des – Teufels?

Ich erzähle ihnen eine wahre Begegnung:

Ich habe in meinen jungen Jahren an Gott geglaubt. Dann wurde ich schwanger und bin jeden Sonntag in die Kirche gegangen. Ich habe immer darum gebetet, ein gesundes Kind zu bekommen. Als mein Sohn auf die Welt kam, war sein linker Arm gelähmt. Seither glaube ich nicht mehr an Gott. Und ich war auch nicht mehr in der Kirche“. Dies erzählte mir eine ältere Dame anlässlich eines Beerdigungsgesprächs.

Welche der Geist Gottes treibt, die sind Gottes Kinder.

Die Frage ist: wofür verwende ich Gott? Als Wunsch-Erfüllungs-Maschine? Und wenn sie versagt, wende ich mich von ihr ab. So wie wir das kennen, wie wir das alle gelernt haben: „Wenn du nicht so tust, wie ich dich haben will, dann will ich mit dir nichts mehr zu tun haben.“

Worum sollten wir mit Gott anders umgehen? Ich bin ihm gehorsam, aber dann muss er auch meine Wünsche erfüllen. So kennen wir das doch auch aus unserer Kindheit – und geben es weiter: wenn du brav ist, wirst du belohnt, wenn nicht, dann kommst du in dein Zimmer. Wenn Gott nicht brav ist, will ich mit ihm nichts mehr zu tun haben!So sind wir Menschen: anstatt unsere Meinung über den Anderen, in diesem Fall über Gott zu überprüfen und entsprechend der Realität zu verändern, brechen wir den Kontakt ab. Schließlich haben wir doch Recht und müssen uns das nicht bieten lassen. Wo sind wir denn? Wer sind wir denn?

… manche Leute wollen Gott mit den Augen ansehen, mit denen sie eine Kuh ansehen, und wollen Gott lieben, wie sie eine Kuh lieben. Die liebst du wegen der Milch und des Käses und deines eigenen Nutzens. So halten’s alle jene Leute, die Gott um äußeren Reichtums oder inneren Trostes willen lieben; die aber lieben Gott nicht recht, sondern sie lieben ihren Eigennutz.“ (Meister Eckhart) Es ist gut, sich ehrliche Rechenschaft darüber zu geben, wofür ich „Gott“ in meinem eigenen Leben verwende. Eckhart weist in seinem deftigen Bild darauf hin, dass „manche Leute“ Gott für ihren Egoismus verwenden. Die Frage ist nicht, was gebe ich Gott, sondern was kriege ich von ihm. Die genannte Dame war ein Stück weiter: sie „fütterte“ Gott mit ihrem Gehorsam, und erwartete dafür die Erfüllung ihrer Wünsche. Im bäuerlichen Denken ist dies völlig in Ordnung: wenn ich meine Kuh gut füttere, erwarte ich „zurecht“, dass sie viel und gute Milch gibt. Wenn sie dies nicht tut, wird sie verkauft oder geschlachtet.

Dies wird Gott nicht gerecht, da Gott nicht „etwas unter anderem ist“. So fährt Eckhart fort: „Alles, worauf du dein Streben richtest, was nicht Gott in sich selbst ist, das kann niemals so gut sein, dass es dir nicht ein Hindernis für die höchste Wahrheit ist.“

Was aber ist „Gott in sich selbst“? „Gott in sich selbst“ ist unerkennbar, die Metapher hierfür ist „Dunkelheit“. Gott geschieht „im Dunklen“. Deshalb beginnt mein Kanzelgruß mit der „Dunkelheit des Vaters.“ Deshalb ist jede Art kausalen Denkens („wenn – dann“) der Versuch einer Bemächtigung Gottes. Deshalb sagt Meister Eckhart an anderer Stelle, dass die einzige, Gott angemessene Art zu beten die ist, „danke zu sagen.“ Jenes „danke“, aus dem heraus ein Denken strömt, das in Danken eingebunden ist. Dieses Denken ist ein bescheidenes. Es erkennt an, dass es sich nicht selbst geschaffen hat. Für die Selbstsetzung des Ich, für ein „ich denke, also bin ich“, eignet sich diese Art des Denkens nicht. „Die Lüge setzt einen denkenden Denker voraus. Die Wahrheit oder wahres Denken setzt keinen Denker voraus – er ist nicht logisch erforderlich.“ (W. Bion)

Es ist die Lüge, die für ein Sein außerhalb Gottes steht, der die Wahrheit „in sich selbst“ ist. Die Reaktion der Dame darauf, dass ihr dringender Wunsch nicht erfüllt worden ist, war kein In-Frage-Stellen ihrer eigenen Annahmen über „Gott und die Welt“, sondern das Ausscheiden Gottes. Sie konnte aus dieser Erfahrung nicht lernen. Und so kann nichts Neues werden. Das Alte, Vertraute hat die Möglichkeit für Neues getötet: „denn wenn ihr nach dem Fleisch lebt, werdet ihr sterben müssen; wenn ihr aber durch den Geist die Taten des Fleisches tötet, so werdet ihr leben.“ (Römer 8)

Welche der Geist Gottes treibt, die sind Gottes Kinder!“

Hören wir auf diesem Hintergrund unseren heutigen Predigttext:

Mt 04, 12-17

4,12 Als nun Jesus hörte, daß Johannes gefangengesetzt

worden war, zog er sich nach Galiläa zurück.

4,13 Und er verließ Nazareth, kam und wohnte in

Kapernaum, das am See liegt im Gebiet von Sebulon

und Naftali,

4,14 damit erfüllt würde, was gesagt ist durch

den Propheten Jesaja, der da spricht (Jesaja 8,23;

9,1):

4,15 »Das Land Sebulon und das Land Naftali, das

Land am Meer, das Land jenseits des Jordans, das

heidnische Galiläa,

4,16 das Volk, das in Finsternis saß, hat ein

großes Licht gesehen; und denen, die saßen am Ort

und im Schatten des Todes, ist ein Licht aufgegangen.«

4,17 Seit der Zeit fing Jesus an zu predigen:

Tut Buße, denn das Himmelreich ist nahe herbeigekommen!

Jesus zieht sich zurück. Wir wissen nicht warum. Es steht im Zusammenhang mit der Festnahme von Johannes dem Täufer. Vielleicht will er sich schützen.

Rückzug muss nichts mit Feigheit zu tun haben. Es kann ein Gebot der Stunde sein. Es hat auch nichts mit Mut zu tun, sich leichtfertig in Gefahr zu bringen. Im Rückzug geschieht oft Neues. Auch die Natur hat sich jetzt zurückgezogen. Sie sammelt Kraft für ein neues Jahr.

Vor dem öffentlichen Wirken Jesu hatte er sich in die Wüste zurück gezogen. Um Klarheit zu erlangen darüber, wie sein Weg weiter gehen könnte. Er hat dort mit den bekannten Verführungen gerungen: dem Hunger, der Gier nach Macht und der Eitelkeit. Und seine Antwort war eindeutig:

Möge Gott dein Genüge sein!“

Damit verliert der Verführer seinen Einfluss.

Der Verführer versucht zu täuschen: als wären Sattheit, Macht und Selbst-Verliebtheit das Zentrum des Lebens. Sie mögen reizvoll sein: aber sie befrieden nicht. (Es geht nicht um Befriedigung, es geht um Befriedung!)

Möge Gott dein Genüge sein!“ Indem ich aus diesem Satz heraus lebe, indem ich diesen Satz erlebe … werde ich getrieben vom Geist Gottes. Und so werde ich zu einem Kind Gottes.

Dein Genüge sein“: das bedeutet: gutes Leben geschieht in der Anerkennung und Aufrechterhaltung eines mich und mein Leben begrenzenden Rahmens.

Sebulon und Naftali: das sind die beiden jüdischen Staaten, die (historisch) als erste vernichtet worden sind. Sie stehen für finstere Verzweiflung, für Gottlosigkeit. Hier beginnt die Verkündigung des Evangeliums: der frohen Botschaft von der Güte und Barmherzigkeit Gottes.

Gottlosigkeit bedeutet die Herrschaft der Willkür. „Alles ist möglich.“ Es gibt keine Werte, keine Moral. Es geht drunter und drüber: tohu wa bohu. Gottlosigkeit ist das Geschehen vor der Schöpfung. Und dann geschieht die erste Schöpfungstat im ersten Schöpfungswort: „Es werde Licht!“

In der Dunkelheit beginnt etwas zu leuchten. Das ist etwas Anderes, als die Dunkelheit mit unseren 1000 Watt starken Suchscheinwerfern, genannt Bewusstsein, zu vertreiben. Es ist der dunkle Strahl des dunklen Schauens in der Dunkelheit des Unbewussten.

Dieser dunkle Strahl ist das Licht des Sohnes. Das Licht des Sohnes kann nur ein dunkler Strahl sein, da es aus der Dunkelheit des Vaters heraus gezeugt (nicht geschaffen) wird. Das Schauen mit den Augen des Sohnes führt zu einem erschreckenden: „Ach Gott – wahrhaftig – das bin ja ich!“ „So hat sich also mein Leben entwickelt…“ „So hängt das alles zusammen …“ „Das ist also mein Anteil an dem Geschehen, in dem ich gerade stecke …“

Die Verzweiflung und Gottlosigkeit geschieht an einem Ort, an dem der „Schatten des Todes“ das Leben und die Freude am Leben verdunkelt.

Hier leiden wir die größte Not, vor Augen steht der ewig Tod.“ So heißt es in der 5. Strophe des bekannten Adventsliedes „O Heiland reiß die Himmel auf!“

… die saßen am Ort und im Schatten des Todes, ihnen ist ein Licht aufgegangen …“

Ein Licht ist aufgegangen: es heißt nicht, sie haben sich ein Licht geholt, oder haben sich ein Licht entzündet. Kein Prometheus, der das Feuer von den Göttern stiehlt, um es seinen Geschöpfen, den Menschen, zu bringen.

Das Licht, das da aufgeht, ist nicht so herstellbar, machbar, wie wir das gerne hätten. Es geht auf – wie ein Stern aufgeht. Es geschieht.-

Der zur Verzweiflung führende Schatten des Todes drückt sich aus in einem fehlenden Verständnis für sich selbst. Der Schatten des Todes ist zusammengesetzt aus dem Erleben von Sinnlosigkeit, Verständnislosigkeit, Sprachlosigkeit.

Das erste Licht, das hier aufgeht, ist nichts anderes als der „Logos“, das „Wort“ (Johannesevangelium). Und zwar nicht als beliebiges Wort unter Wörtern, sondern als das Bedeutung, als das Sinn stiftende Wort. Es ist das „gute“ Schöpfungs-Wort. So heißt es nach jedem der 10 Schöpfungsworte: und siehe, es war gut!

Die Gefangennahme von Johannes dem Täufer ist der Versuch, das schöpferische Wort zu entmachten. Genau an dieser Stelle beginnt das Wirken Jesu mit seiner Botschaft: „Tut Buße, denn das Himmelreich ist nahe herbeigekommen!“

Das ist wörtlich die Botschaft von Johannes, dem Lehrer Jesu.

Auf diesem Boden steht alles Predigen von Jesus. Das „Himmelreich“ ist aber nichts anderes als die Freiheit des Evangeliums gegenüber einem pervertierten Gesetz. Die Dunkelheit des Gesetzes ist seine Lebensfeindlichkeit. Das pervertierte Gesetz stiftet keinen Sinn, sondern setzt sich selbst absolut.

Darin ist es tödlich! Es zerstört Lebendigkeit, Spontaneität, Kreativität.

Jeder religiöser Fanatismus lebt von einem überheblich und selbstgerecht gewordenen gesetzlichen Denken. Das war bei Calvin, der in Genf „seinen“ Gottesstaat errichtete, nicht anders wie es heute bei der IS ist. IS heißt ja: Islamischer Staat – ist also ein Gottesstaat.

Die Freiheit des Evangeliums bringt Licht in dieses Dunkle. An erster Stelle steht der Mensch: nicht als Krone der Schöpfung, sondern als ein Lebewesen unter anderen Lebewesen. An erster Stelle steht die lebendige liebevolle Beziehung zueinander und zwischen einander. An erster Stelle steht die Gemeinschaft des Lebens! „Nicht der Mensch ist um des Sabbats willen – umgekehrt: der Sabbat ist um des Menschen willen!“

Der Weg, der in diese unglaubliche Freiheit hinein führt, verläuft über die „Umkehr“, über das „Tut „Buße!“. Wörtlich heißt das: „verwandelt euer Denken.“ Dies gilt auch für unser westlich-zivilisiertes Denken. Die viel gepriesene Aufklärung ist Ausdruck der Überheblichkeit eines denkenden Ich. Eines denkenden Ich, das sich selbst in die Tasche lügt, indem es meint, es könne sich mit seinem Denken selbst erschaffen.

Es ist die Zeit gekommen, von dieser Überheblichkeit Abschied zu nehmen. „Ich weiß, dass ich nichts weiß“ – dieser bescheidene Gedanke bildet Wahrheit ab. Wissen wird hier für die Selbst-Zurücknahme des eigenen Intellekts verwendet. Sich zurück ziehen, sich hemmen, sich in Bescheidenheit üben: das sind die Tugenden der Stunde – und nicht ein verbissenes, leistungsorientiertes „wir schaffen das!“ Menschlichkeit, Humanität ist nichts zu Schaffendes. Es ist eine Haltung des Sich-öffnens für das Leben.

Darin sehe ich die Bedeutung von Religion in unserer Zeit: den tiefen Respekt für das Leben zu lehren und vorzuleben. Es geht nicht darum, welche Religion „recht hat“, wer den „wahren“ Gott verkündet. Und es geht schon gar nicht darum, Ungläubige zu vernichten. Es geht darum, nährende Gedanken zu denken, zu predigen und zu leben. Dies allein kann Religion glaubwürdig machen.

Und: wer Gott erlebt, wer wirklich Gott erlebt, der kann gar nicht mehr von „seinem“ Gott im Gegenüber zu dem Gott der Anderen reden. Gott ist eins und einer.

Er eignet sich nicht für Betrug, Hass und Gewalt.

Und er eignet sich nicht für Spaltung.

Er eignet sich wohl für Güte, Barmherzigkeit und Liebe – gerade dem Fremden, Unbekanntem gegenüber.

Liebe Gemeinde,
„Welche der Geist Gottes treibt, die sind Kinder Gottes!“

Ich wünsche Ihnen und mir, dass sich in diesem Neuen Jahr der Geist Gottes in unser Leben immer tiefer einnisten möge. Ihn brauchen wir, auf dass uns ein Licht aufgehe. In diesem Licht mögen Worte der Güte und der Wahrhaftigkeit aus unserem Munde strömen. Und dies alles getragen und verbunden mit der tiefen Anerkenntnis:

„Möge Gott mein, möge Gott dein Genüge sein!“ AMEN.