Predigt über Markus 12,41 -44 am Sonntag Okuli in der Jakobuskirche Pullach (2017)

Das Scherflein der Witwe“

Liebe Gemeinde,

„Mein Augenmerk ist auf IHN gerichtet“ so übersetzt M. Buber den Psamvers, nach dem unser heutiger Sonntag benannt ist. Sonntag „Okuli“. Wörtlich: der Augen-Sonntag.

Augenmerk klingt hin zu Aufmerken. Zu Aufmerksamkeit.

Meine Aufmerksamkeit ist auf IHN gerichtet.

„Möge Gott mein Genüge sein!“

sagt Theresa – sagt Rumi.

Was bedeutet das? Und: wichtiger noch – ist das alltagstauglich?

Indem Gott mir genügt – falls ich das erlebe, und nicht nur so daher rede – indem Gott mir genügt, wird es ruhig in mir. Still.

In dieser Stille bin ich ganz bei mir, ganz bei der Sache:

„Wer seine Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geeignet für das Reich Gottes!“ (Unser Wochenspruch)

Klare Aussage. Heißt genau?

Der Bauer zur Zeit Jesu ging mit seiner Pflugschar hinter dem Zugtier her. Um eine gerade Rinne zu pflügen, musste er ganz da sein.

Hierfür ist ein weicher Blick nötig. Sie kennen diesen Blick vom Autofahren: wenn ich auf zu nahe scharf stelle, kann ich nicht mehr gerade fahren. Wenn ich zurück sehe, werde ich sehr schnell im Straßengraben landen.

„Ein weicher Blick“. Das klingt nach träumerisch, verträumt. Stimmt – und stimmt nicht. Beim Autofahren kann ich gerade so fließend, weich – ohne ruckartige Bewegungen fahren.

Dies gilt auch für das zu Fuß gehen.

Ich kann grübelnd Löcher in den Boden bohren. Ich kann abwesend in den Himmel schauen. Beide Male werde ich wenig davon mitkriegen, wo ich gerade bin, was mich umgibt.

Es geht um die Verbindung des weichen Blickes mit Klarheit und Präzision. Ein guter Reiter starrt seinem Pferd keine Löcher in den Rücken. Er schaut aber auch nicht zum Himmel. Sein Blick ist weich im Umfeld dessen, worin er sich bewegt.

Es tut gut, diesen weichen Blick alltäglich zu üben.

Die Verbindung von Klarheit darüber, wohin der Weg geht mit einem träumerischen Sich-anmuten-Lassen von dem, was gerade geschieht.

Es geht um gute Verbindungen. Die andere Art zu sehen ist das Kippbild: ich kippe von dem Einen zum Anderen. Dies ist ein Unvermögen zu sehen. Ich kann keine Ganzheit sehen: nur entweder die Kraniche – oder das Profil.

Die Welt und sich selbst als Kippbild sehen drückt aus: mir fehlt ein inneres Gefäß, das das Eine mit dem Anderen wohlgeordnet verbindet.

Das Leben mit dem Sterben,

die Trauer mit der Freude,

den Schmerz mit der Lust,

das Weiß mit dem Schwarz,

den Hass mit der Liebe …

Ein inneres Gefäß für Ganzheit drückt sich in dem Satz aus: „Möge Gott mein Genüge sein!“

Gerade religiöse Bücher – wie die Bibel oder der Koran – eignen sich jedoch hervorragend dazu, Kippbilder zu erzeugen.

Z.B. unserer heutiger Predigttext aus dem Markusevangelium, Kapitel 12, 41 – 44:

41 Und Jesus setzte sich dem Gotteskasten gegenüber und sah zu, wie das Volk Geld einlegte in den Gotteskasten. Und viele Reiche legten viel ein. 42 Und es kam eine arme Witwe und legte zwei Scherflein ein; das macht zusammen einen Pfennig.

43 Und er rief seine Jünger zu sich und sprach zu ihnen: Wahrlich, ich sage euch: Diese arme Witwe hat mehr in den Gotteskasten gelegt als alle, die etwas eingelegt haben. 44 Denn sie haben alle etwas von ihrem Überfluss eingelegt; diese aber hat von ihrer Armut ihre ganze Habe eingelegt, alles, was sie zum Leben hatte.

Die Botschaft ist schnell und übersichtlich:

was die Witwe macht ist gut, sie ist das Vorbild. Was die Reichen machen ist nicht schlecht, aber irgendwie zu wenig. Die Witwe hat „mehr eingelegt“.

Nun ist es ebenso leicht wie scheinheilig, wenn ich versuche, Ihnen die Witwe als Vorbild zu predigen. Ich gehöre nicht zu den Armen, sondern zu den Reichen. Und ich vermute: die meisten von Ihnen ebenfalls.

Und ich denke gar nicht daran, alles, was ich habe, herzugeben. Mit dem Hergeben habe ich ohne hin keine guten Erfahrungen:

Eine Geschichte aus meiner Kindheit (ich war höchstens 5 oder 6 Jahre alt): ich bekam von meiner Mutter am Kiosk einen Lutscher geschenkt. Da kam eine Bekannte meiner Mutter und sagte: „hast du einen schönen Lutscher. So einen hätte ich auch gerne!“ Meine Mutter zu mir: „Schenkst du ihn der Tante?“ Ich hatte gelernt, dass es gut ist, das zu machen, was man/Mama von mir will. Und hielt ihn der Frau hin. Daraufhin antwortete diese: „Du bist aber lieb. Nein, nein, du darfst ihn schon selber essen!“

Ich kann mich deshalb so präzise daran erinnern, weil ich mich an ein bestimmtes Gefühl erinnere: das der „Matsche im Kopf“. Ich hatte keine Ahnung, was das jetzt alles bedeuten sollte. Und warum ich „lieb“ war. Und warum ich jetzt doch meinen Lutscher selber essen sollte.

Was in dieser Geschichte fehlt, ist ein Dritter. Eine dritte Ebene, die unterscheidet zwischen mein und dein. Der Weg raus führt über die Anerkenntnis: „das ist dein Lutscher. Und es ist deine Entscheidung, was du damit machst. Du kannst ihn essen, du kannst ihn herschenken, du kannst ihn dir aufbewahren.“ Fehlt die Klarheit von mein und dein, von ich und du, entsteht ein mentaler Nebel. Eben „Matsche im Kopf“. Kinder und Jugendliche brauchen für ihre gesunde seelische Entwicklung einen Entwicklungsraum, in dem sie sich selber kennen lernen und erfahren dürfen. Diesem Entwicklungsraum wird in unserem Schulsystem wenig Rechnung getragen. Benotet wird v.a. die Fähigkeit, sich anzupassen. Das wiederzukäuen, was der Lehrer hören will. Freies, selbstständiges Denken ist unerwünscht, da gefährlich. Es verunsichert.

Jesus – unser Jesus – war nicht als Person gefährlich – seine Gedanken waren so gefährlich: „Lass die Toten die Toten begraben!“ „Wer seine Hand vom Pflug nimmt und sieht zurück …“ Hier weht der kühle Wind eines radikal anderen Denkens – das noch in den Evangelien selbst entschärft worden ist.

Scharf wird es dann, wenn ich das, was Jesus sagt, so ernst nehme, dass ich selbst danach leben will. Bei mir verknüpft sich dann die Botschaft Jesu mit der meiner Mutter: gib‘ alles her, was du hast. Der liebe Gott will das so von dir! Zurück bleibt ein vernebeltes Ich. Übrigens: genauso werben Sekten.

Der neuzeitliche Atheismus stammt aus der Aufklärung. Die Aufklärung hat mit der Erkenntnis der Mündigkeit des Menschen zu tun. Der Mensch hat selbst einen Mund – und ist nicht Sprachrohr für einen fremden Mund. Dass jeder mit seinem eigenen Mund spricht und nicht sich einem König, Zar oder Kaiser unterwirft, ist auch die Geburtsstunde unserer derzeit so umkämpften Demokratie. Und wenn es dem Christentum nicht gelingt, hier Stellung zu beziehen, wird es wohl nicht mehr lange existieren. Die christliche Religion muss ihre Alltagstauglichkeit beweisen!

Das Neue, das ich vorschlage – mit dem ich freilich in der evangelische Landeskirche auf wenig bis keine Resonanz stoße -, ist, unseren Predigttext und überhaupt religiöse Texte zunächst als Beschreibung eines inneren Prozess, eines inneren Geschehens zu lesen. Als eine Dynamik in der menschlichen Seele, die sich dann im Außen auswirkt.

Dann würde die Witwe meine Bedürftigkeit repräsentieren. Witwen waren in der damaligen Zeit arme, sehr arme Frauen. Die Witwe steht für meine Bedürftigkeit. Für meine innere Armut. Das einzige, was sie besitzt sind zwei Scherflein. „Scherflein“ klingt nach „scharf“. Und so ist es auch: es ist eine scharfkantige „Scherbe“ – aus Silber oder Kupfer – mit wenig Wert. Ein Scherf entsprach ungefähr einem halben Pfennig. In der Bedürftigkeit, in der Armut ist es naheliegend, verbittert zu werden. In der Armut ist naheliegend das Statement von B. Brecht: „Zuerst kommt das Fressen, dann die Moral!“ (Sie können das bei sich selbst erleben, wenn Sie hungrig sind, aber kein Essen ist in Sicht. Da ist schnell Schluss mit Geduld und Nächstenliebe. Ähnlich ist es, wenn man Schmerzen erleidet.)

Die Witwe gibt mit ihrem „Scherflein“ auch ihr „Scharfes“ weg. Und es sind zwei Scherflein, die sie weg gibt: die Zwei weist häufig auf Ambivalenz, auf entweder oder hin. Die Witwe opfert ihr Entweder-Oder-Denken.

Ein „Scherf“ ist eine „Scherbe“. Unser Entweder-Oder-Denken ist ein Denken in Scherben: wir sehen immer nur Teile der ganzen Wirklichkeit. Paulus: „jetzt erkenne ich stückweise, dann aber werde ich erkennen, gleich wie ich erkannt bin“ (1. Kor. 13,12).

Die ganze Wirklichkeit ist unerkennbar. Diese Einsicht, dass wir etwas nicht erkennen können, mögen wir nicht.

Die Witwe steht für eine radikal neue Art des Denkens, das die Sicherheit von falsch und richtig losgelassen hat.

Indem ich dies versuche, wird meine Bedürftigkeit leer. Meine Wünsche, meine Sehnsüchte, meine Erwartungen, meine Hoffnungen, mein Verstehen … alles, was mir aus mir heraus Sicherheit gibt, lasse ich los.

Meine Urteile und Verurteilungen, meine Vorurteile und Bewertungen. All das gebe ich dahin.

Und dann wird es still.

Dann stehe ich mit nichts mehr da.

Der Menschensohn hat nichts, wo er sein Haupt hinlege.“

Mit leeren Händen stehe ich da.

Nichts: worauf mich berufen kann.

Nichts: was ich vorweisen könnte.

Nicht einmal Gott kann ich vorweisen – denn Gott selbst ist auch zu jenem Nichts geworden. Auch ihn habe ich dahin gegeben. Das ist die schwerste der drei dunklen Nächte, sagt Johannes vom Kreuz: die Nacht, in der Gott selbst in der Dunkelheit verschwindet.

Jemand hat mir einmal gesagt: als ich schwer krank war und nicht sicher, ob ich wieder auf die Beine komme, da hätte ich mir so gewünscht, Gott zu spüren. Aber da war nichts. Es klang enttäuscht.

Es ist verständlich, aus dieser Enttäuschung heraus – „da ist ja nichts!“ – den Weg abzubrechen. Und sich dem zuzuwenden, wo was ist.

So kam es zum Triumph der Naturwissenschaften über die Geisteswissenschaften. In diesem Triumph ist das Denken und Erleben im Bereich des Nicht-Sichtbaren, Nicht-Greifbaren verarmt. Und verarmt laufend weiter. Welch eine Ironie: wir reichen Westeuropäer sind verarmt! Wir haben keine Zeit mehr, unser Kopf muss ständig irgend einen Gedanken denken, wir brauchen Handy, Fernseher, Radio, wir müssen reisen, von einem Ort zum nächsten, und fotografieren, und Eindrücke sammeln, irgendwas ist immer los, irgendwas ist immer an, brauchen wir, um abgelenkt zu sein, um nicht spüren zu müssen:

es ist nichts!

Vielleicht gibt es ja auch eine Renaissance der Geisteswissenschaften. So wie es eine Renaissance des guten alten Schallplattenspielers gibt – wie in der SZ am Wochenende zu lesen ist.

Merken Sie es: indem ich „guter alter Schallplattenspieler“ sage, werte ich schon wieder. So schnell und so unvermeidbar bewerten wir. Als ich in der Woche mit ein paar Konfirmanden zusammen saß, stellten wir fest: wir werten unentwegt: das war cool, das besch … eiden, das ätzend, das geil, das krass usw. usw. …

In den Bewertungen richten wir uns ein. Unentwegt strömen sie auf uns ein.

Aber indem wir ein klein bisschen dahinter schauen, sind wir ihnen schon nicht mehr so ganz und gar ausgeliefert. Und ab und zu erscheint eine Witwe in uns, die hat die Kraft, dies alles los zu lassen.

Und woran erkennen wir, dass dieses Loslassen ein echtes Loslassen ist – tief aus dem Innern kommend, nicht gemacht, nicht schielend auf Lob, Anerkennung …

Es gibt Augenblicke, da lacht die Seele. Da werden wir durchströmt von einer inneren Heiterkeit. Unsere Augen leuchten und das Leben fühlt sich leicht an. „Mein Joch ist sanft“, sagt Jesus. In diesen Augenblicken haben wir unsere Scherflein des Recht-Habens geopfert. Und stehen lachend mit leeren Händen da.

In diesen Augenblicken ist alles gut.

Möge Gott mein Genüge sein!“ AMEN