1. Sonntag nach Trinitatis 2017

Predigt über Johannes 5,39-47 am 1. Sonntag nach Trinitatis 2017 in der Thomasgemeinde Grünwald

Die Dunkelheit des Vaters, das Licht des Sohnes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit und allen, AMEN.

Liebe Gemeinde,

„5, 39 Ihr sucht in den Schriften, denn ihr meint, ihr habt das ewige Leben darin; und sie sind’s, die von mir zeugen; 5,40 aber ihr wollt nicht zu mir kommen, dass ihr das Leben hättet.“

Mit diesem Satz aus dem Munde des johanneischen Christus beginnt unser Predigttext für den heutigen 1. Sonntag nach Trinitatis.

Vielleicht hat Goethe an diesen Satz gedacht, als er seinen Faust in der Studierstube sagen lässt:

Habe nun, ach! Philosophie,

Juristerei und Medizin,

und leider auch Theologie!

Durchaus studiert, mit heißem Bemühn.

Da steh ich nun ich armer Tor!

Und bin so klug als wie zuvor. …“

Ich fühle mich in diesem Satz sehr persönlich angesprochen. Immer wieder dachte ich, irgendwo muss es doch stehen: es, das mich erlöst, das mich rettet, das mich erleuchtet, das mir Klarheit verschafft.

Ich bekenne: ich bin ein leidenschaftlicher Sucher (gewesen?)

Und ich habe viel gefunden auf meiner Suche: viele kluge Gedanken, die mein Denken geprägt haben und Einfluss auf mein Leben genommen haben. Sie haben mich geweitet und geöffnet. Es gibt so viel Spannendes zu entdecken auf dieser Welt.

Und doch gibt es in alle dem etwas, das mich nicht satt gemacht hat. Und das hat mit diesem merkwürdigen Satz zu tun, den der johanneische Christus sagt:

… ihr wollt nicht zu mir kommen, (auf) dass ihr das Leben hättet.“

Das heißt doch wohl: es gibt etwas, das lässt sich in keinem Buch, in keiner Schrift finden.Und dieses „Etwas“ scheint mit Leben zu tun zu haben. Wobei die feine Unterscheidung zu beachten ist: zwischen „ewigem Leben“ und „Leben“. Christus bietet „Leben“ an. Ob ewig oder nicht – scheint nicht so wichtig zu sein.

Leben.

Leben, das etwas damit zu tun hat, „zu mir zu kommen.“ Das ist etwas Anderes, als sich etwas zu erlesen. Es geht um Erleben. Solange ich suche, bin ich nicht in der Gegenwart. Bin ich nicht (ganz) da. Und es ist kein Zufall, dass „Suche“ mit „Sucht“ zu tun hat. Die Bedeutung aller Sucht hat damit zu tun, mich aus meinem Da-Sein heraus zu katapultieren. In ein trügerisch „besseres“ Da-Sein. Ein Da-Sein, das näher an meinen Wünschen, Erwartungen, Sehnsüchten ist. Sehn-Süchte: schon wieder haben wir die Suche und die Sucht: Sehnsucht könnte nach „Sehens-Sucht“ klingen, ein Streben danach: „gesehen“, wahrgenommen zu werden. Anderherum: solange ich suche, bin ich nicht einverstanden mit meinem Jetz-ist-es-so-und-nicht-anders!

Und was hält mich davon ab, die Suche zu beenden, sie sein zu lassen?

Da gibt es zum einen das Gefühl: mir ist etwas vor enthalten worden. Ich habe etwas nicht bekommen, was mir zugestanden wäre. Worauf ich ein Recht gehabt hätte.

Die Suche ist also auf Wiedergutmachung gerichtet.

Je drängender dieses Gefühl ist, je mehr es mich und mein ganzes Leben versklavt, desto ausgeschlossener ist es, finden zu dürfen.

Oder wo anzukommen.

Da-Sein.

Je tiefer in mich eingebrannt ein Gefühl ist wie: „das hätte niemals passieren dürfen“ – desto geringer sind meine Chancen auf Zufriedenheit.

Und desto sicherer werde ich nicht loslassen von meiner Suche.

Hinzu kommt, dass ich – solange ich Suchender bin – wenigstens irgendwas in der Hand habe.

Ich bestimme, wo ich suche und wo nicht.

Und das gibt mir Sicherheit. Ein Gefühl von etwas kontrollieren können.

Natürlich hätte ich gerne das Leben: aber so wie ich es mir vorstelle.

Wenn ich zu dir, Christus, komme, liefere ich mich aus.

Weiß ich nicht, was da auf mich zukommt.

Das ist ein extrem unangenehmes Gefühl.

Alles aus der Hand geben … Mit leeren Händen stehe ich vor dir …

5,41 Ich nehme nicht Ehre von Menschen; 5,42 aber ich kenne euch, daß ihr nicht Gottes Liebe in euch habt.“

Jetzt wird es richtig hart: wir sind wahrgenommen, „ich kenne euch!“ Wir sind erkannt, durchschaut: „ihr habt nicht Gottes Liebe in euch!“ Gottes Liebe (Genitiv: die Liebe Gottes – aber auch: die Liebe zu Gott) scheint irgendwie im Gegensatz zu der Ehre von Menschen zu stehen. Ich muss aber doch was spüren. Ich brauche Lob. Die Psychologen sind sich darin einig, wie dringend wir Menschen Lob benötigen. Es gibt uns Kraft und Anerkennung.

Gott spüre ich nicht! Wo – bitte – bekomme ich Lob von Gott?

Das Zu-Christus-Kommen bedeutet, auf die Ehre von Menschen zu verzichten. Jedenfalls steht sie nicht mehr im Mittelpunkt. Erst in und mit diesem Verzicht kann die Liebe Gottes in mich hinein kommen, kann sie aufgehen, aufblühen, wachsen und sich entwickeln. Leider ist es aber nicht so, dass die Liebe Gottes einfach da wäre! Wie in einem wundersamen Tausch: ich gebe mein Streben nach Ehre auf – und bekomme Gottes Liebe geschenkt.

Wer dies verheißt ist ein Trickbetrüger.

Ein Scharlatan.

Es ist genau anders: indem mein Ich auf diese Ehre verzichtet, breitet sich ein äußerst unangenehmes Gefühl in mir aus. Es ist so, als würde ich in einen Abgrund fallen. Oder auch als würde das, wovon ich lebe, mir genommen werden. Die Grundlage, der Boden meines Lebens.

Ich muss anerkennen: ich verwende die Ehre von Menschen dafür, dieses innere Loch zu stopfen, diese innere Leere aufzufüllen. Ich muss anerkennen: ich vertraue der Liebe Gottes nicht!

5,43 Ich bin gekommen in meines Vaters Namen, und ihr nehmt mich nicht an. Wenn ein anderer kommen wird in seinem eigenen Namen, den werdet ihr annehmen.

Stimmt. Das sind die großen Verführer der Geschichte. Ich möchte ihre Namen nicht nennen, sie haben hier nichts verloren. Alle Verführer leben davon, sich selbst an die Stelle Gottes zu setzen. Sie setzen ihr „einfaches“ Denken von gut und böse absolut. An anderer Stelle spricht der Christus des Johannesevangeliums vom „Fürsten dieser Welt“ (Joh 15, 11). Der „Fürst dieser Welt“ kann nur bis zwei zählen – in seinem Denken und Erleben ist das Dritte nicht integrierbar. Der Fürst dieser Welt denkt in „Ich zuerst“ und „nach mir die Sintflut!“ Immer wenn es „rein“ wird: die „reine“ Lehre, der „reine“ Glaube, die „einzig richtige Interpretation …“ – dann ist der Fürst dieser Welt aktiv. Der Fürst dieser Welt baut Mauern gegen das Fremde, fühlt sich parasitär ausgebeutet, erlebt und denkt in Macht und Ohnmacht. In diesem Denken ist der Dritte der Feind: ihm wird der Krieg erklärt. Und so bleibt dieses Denken in Zweiheit erstarrt. Was das schöne deutsche Wort: Ver-Zwei-flung wunderbar wiedergibt. Die Kehrseite der Verzweiflung ist der Triumph. Der Fürst dieser Welt ist „great“ und macht alle, die an ihn glauben „great“!

Die große Frage ist: woran glaube ich. „Woran du dein Herz hängst, das ist dein Gott“, sagt M. Luther.

Der johanneische Christus fährt fort: „5,44 Wie könnt ihr glauben, die ihr Ehre voneinander annehmt, und die Ehre, die von dem alleinigen Gott ist, sucht ihr nicht?“

Ja, möchte ich antworten, die „Ehre, die von dem alleinigen Gott ist“, die zählt in dieser Welt so wenig. Die kann ich mit meinen Sinnen nicht erfassen, mit meinen Gedanken nicht denken. Aber unsere Statussymbole, die kann ich erkennen, mit ihnen kann ich mich schmücken, nach ihnen kann ich mich verzehren.

Was ist das überhaupt: die „Ehre, die von dem alleinigen Gott ist“?

Die „Ehre Gottes“ (hebräisch kawod – griechisch doxa) ist das Leben in Gott hinein und aus Gott heraus. Es ist das, was uns umhüllt, was uns die Luft zum Atmen schenkt. In ihr leuchtet die Wirklichkeit in einem neuen, dreidimensionalen Licht. In ihr wird das Leben lebendig und bunt, in ihr geschieht eine heitere Freiheit.

Wie könnt ihr glauben?

Das Erleben dieser Ehre Gottes ist Ausdruck eines gläubigen Vertrauens.

Ganz wichtig: Jesus sagt nicht: weil ihr nicht glaubt, deshalb werdet ihr verurteilt werden. Ganz im Gegenteil:

5,45 Ihr sollt nicht meinen, daß ich euch vor dem Vater verklagen werde; es ist einer, der euch verklagt: Mose, auf den ihr hofft.

Moses steht hier für das (alttestamentliche) Gesetz, das uns Menschen richtet. Aber nicht nur, denn Christus fährt fort:

5,46 Wenn ihr Mose glaubtet, so glaubtet ihr auch mir; denn er hat von mir geschrieben.

5,47 Wenn ihr aber seinen Schriften nicht glaubt, wie werdet ihr meinen Worten glauben?“

Es geht um Glauben! Und Vertrauen!

Selig, wer nicht sieht und doch glaubt!“

Wenn ihr Moses glaubtet, dann würdet ihr erkennen, dass die Gebote für euch gegeben sind. Sie sind nicht Ausdruck eines machthungrigen Gottes, der Unterwerfung will.

Sie sind Ausdruck eines liebenden Gottes, der Leben schützen und bewahren will.

Frei übersetzt bedeuten die 10 Gebote: indem ihr erlebt, dass es eine Kraft gibt, die euch dabei hilft, in eure Freiheit zu kommen, werdet ihr bestimmte Dinge nicht mehr tun. Ihr werdet sie nicht mehr tun, weil ihr sie nicht mehr tun könnt. Euer Herz ist ein anderes geworden, wie Hesekiel (11,19) sagt:

Ich will ihnen ein anderes Herz geben und einen neuen Geist in sie geben und will das steinerne Herz wegnehmen aus ihrem Leibe und ihnen ein fleischernes Herz geben, damit sie in meinen Geboten wandeln …“

Meister Eckhart hat in einer seiner Predigten Jesus dieses Wort in den Mund gelegt: „‚Niemand hört mein Wort noch meine Lehre, er habe denn sich selbst gelassen.'“

Darum geht es. Loslassen bedeutet, sich selbst lassen – auch: „sich selbst in Ruhe lassen, sich selbst sein lassen…“

Sein lassen heißt zunächst einmal: STOP sagen zu den eigenen Angriffen gegen sich selbst: „wie konntest du nur?“ „Warum hast bloß du?“ „Das hast du jetzt davon!“ Dies alles ist Ausdruck einer inneren gehässigen Stimme, die sich gegen das eigene Leben richtet.

Je kräftiger mein STOP wird, desto weniger Chancen hat diese Stimme. Oder mit Martin Luther: hat der „alte Adam“! Luther sagt: täglich muss der alte Adam ersäuft werden. Das ist mühsam, kostet viel Kraft.

Gelassenheit auch dem alten Adam gegenüber wäre ein anderer Weg. Gelassenheit heißt, ihm die Aufmerksamkeit entziehen. Dann erlebe ich, dass ich viel weniger „muss“, als ich immer meine. Dass es gut genug ist, wie es ist. In diesem Geschehen wächst eine neue Kraft in mir: die, mein Leben gerade so, wie es geworden ist, freundlich und liebevoll anzunehmen.

Natürlich bleiben die Herausforderungen: gerade wenn ich müde und erschöpft bin, wenn ich Schmerzen erleide, wenn Menschen, die mir nahe stehen, krank werden, Leid tragen … – dann spüre ich einen Sog, wieder alles in Frage zu stellen.

Auch und gerade meinen Glauben.

Auch und gerade solche Gedanken wie die von der Gelassenheit in Gott.-

Und dann tut der Gedanke gut: dass der Zweifel und das Infragestellen eben auch zu meinem Leben hinzu gehört. Dass auch er seinen guten Platz bekommt. Der Zweifler und der Gläubige: sie sitzen gemeinsam am Tisch.

Dies ist wie ein Brückenschlag, wie ein Regenbogen – hin zur Liebe Gottes.

Und dazu verhelfe uns Gott – dass unser alltägliches Leben geschieht in der Freude, in der Leichtigkeit, in der Heiterkeit eines Lebens, das sich immer müheloser und selbstverständlicher Gott überlassen hat und überlässt, AMEN.