Pfingsten 2017

Predigt über Johannes 16, 5- 15 in der Jakobuskirche in Pullach an Pfingsten 2017

Die Dunkelheit des Vaters, das Licht des Sohnes und die liebende Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen, AMEN.

Liebe Gemeinde,

Es soll nicht durch Heer oder Kraft, sondern durch meinen Geist geschehen, spricht der Herr Zebaoth. (Sach 4,6)

Dieses alttestamentliche Wort umrahmt unseren heutigen Pfingstgottesdienst.

Das Evangelium und der Predigttext – beide aus dem Johannesevangelium – geben diesem Rahmen Inhalt. Substanz. Sie veranschaulichen ein Geschehen, das nicht auf Macht aufgebaut ist – sondern auf Erkenntnis. Und Erkenntnis heißt im Hebräischen auch Liebe.

16,5 Jetzt aber gehe ich hin zu dem, der mich gesandt hat; und niemand von euch fragt mich: Wo gehst du hin?“

Der Jesus – besser Christus – des Johannesevangeliums spricht nie nur für sich. Er denkt, lebt und erlebt sich stets in Beziehung zu seinem „Vater“. Dies ist nun nicht so besonders, da wir Menschen als Säugetiere Beziehungstiere sind. Wir konnten nur in Beziehung überleben. Und wir konnten nicht anders als die Art und Weise dieser frühen Beziehung (ihre Qualität) zu verinnerlichen. Mit jedem Schluck Milch, den wir als Babys getrunken haben, haben wir auch einen Schluck des „Geistes“, der „Atmosphäre“ mit getrunken, in dem/der wir gefüttert, gestillt worden sind. Mit Geist meine ich das ganzheitliche Empfinden und auf der Welt-Sein unserer frühen Nahrungsquelle. Wir haben ihre Freude gefühlt oder ihre Trauer, wir haben ihren Schmerz gefühlt und ihre Ängste, wir haben ihre Verzweiflung gespürt und ihren Druck, wir haben ihre Zuwendung gefühlt und ihre Liebe … Und jeder von uns hat wenigsten soviel Zuwendung mit getrunken, dass er ins Leben gekommen ist. Sonst wäre er nicht hier.

Und niemand von euch fragt mich: wo gehst du hin?“

Um eine Frage stellen zu können, muss ich auf eine Idee kommen. Muss ich etwas für denkbar halten. Ganz kleine Babys halten es nicht für denkbar, dass die Mutter(brust) (die Quelle des Lebens) sie verlässt. Sie halten es auch nicht für denkbar, dass sie da ist. Ein „Weg und Da“ ist nicht denkbar. Abstrakter: Zeit und Raum ist nicht denkbar. Erst nach einigen Wochen beginnen Babys zu erahnen, dass es in dieser Welt ein Kommen und ein Gehen gibt. Dabei entsteht die Ahnung von Zeit und von Raum. Dies alles geschieht in heftigsten emotionalen Turbulenzen. Es geht um Sein oder Nicht-Sein, um das verzweifelte Gefühl der Leere verbunden mit verhungern. Und da ich eine rudimentäre Erinnerung daran habe, dass es da etwas gibt, was ich brauche um zu leben, entsteht der Gedanke: da gibt es etwas, das mich vernichtet! Das mich verhungern lässt. Der springende Punkt ist: Abwesenheit ist nicht denkbar. Abwesenheit wird gefüllt mit gedachter Anwesenheit eines zerstörerischen Etwas! Daraus – und nicht aus dem Wohlbehagen: wie schön ist das Leben! – entstehen unsere ersten Gedanken! Diese allerersten Gedanken, aus denen die Vernichtungsangst sich ausdrückt, suchen dringend ein Etwas, ein Jemand, das sie hält und beruhigt. Finden sie dies nicht, wird die Verzweiflung immer verzweifelter, die Einsamkeit immer trostloser. In der Panik vieler Menschen, ein Pflegefall zu werden, bildet sich Erinnerung ab: die Erinnerung daran, wie es gewesen ist, klein, abhängig, fremden Mächten ausgeliefert zu sein.

Was wir Menschen brauchen, was uns gesund macht, ist irgend etwas, das uns „hält“, das uns „beruhigt“. Viele Menschen setzen hier auf Autarkie: „ich bin mir selbst der Nächste, das muss ich mir selber geben!“ Jedenfalls muss ich das, was ich brauche, „unter Kontrolle haben!“ Am Anfang was das ganz anders: das was ich brauchte konnte ich eben nicht kontrollieren: es kam über mich – mit einem Mal floss etwas Warmes, Süßes, Wohlschmeckendes in mich hinein, das mir ein unendliches Wohlbehagen und Glücksgefühle bescherte.

Daraus verdichtete sich in unserer frühen Zeit allmählich ein Konzept: da gibt es eine Macht, die mich vernichten will und eine Gegen-Macht, die mir Gutes tut, die mich am Leben erhält.

Menschliches Denken entspringt einer radikalen Aufteilung oder Spaltung der Welt!

16,6 Doch weil ich das zu euch geredet habe, ist euer Herz voll Trauer.“

Es geht um das Ertragen von Trauer. Menschen, die auf Macht und Heer setzen, können nicht trauern. Ihnen fehlt das Gefäß, Trauer zu ertragen. Und so können sie sich nicht einfühlen. Sie bleiben kalt und unbarmherzig. Das Gefäß (die Seele) für Trauer entwickelt sich aus den vielen Erlebnissen, mit unseren frühen Nahrungsquellen: mit wieviel Verständnis und Liebe wurden wir gefüttert? Oder ging es in erster Linie darum, einer Norm zu entsprechen, zu funktionieren. Wollten unsere Eltern ein Baby zum Vorzeigen haben, oder richtete sich ihr Augenmerk auf unser ganzheitliches (körperlich-seelisches) Wachstum? Waren wir als Baby überhaupt erwünscht in unserem eigenen Baby-Sein, oder sollten wir möglichst schnell kleine Erwachsene sein: brav, gut angepasst, gut funktionierend. „Mein Baby/Kind ist so brav!“ Mit diesem Satz einer stolzen Mutter verbindet sich zumeist ein depressives Baby oder Kind.

Das seelisch gesund entwickelte Baby erlebt erstmals diese Trauer mit drei Monaten: die Trauer darüber, dass es nicht die Macht hat, die Mama zu halten: dass die Mama kommt und geht. Die Trauer darüber, dass es das „Rein-Gute“ und das „Rein-Böse“ nicht gibt. Diktatorisches Denken ist zu dieser Trauer nicht fähig. Es kennt keine Mitte, kein Mittelmaß. Und so erschafft es die „Rein-Bösen“, die zu vernichten sind – und die „Rein-Guten“, denen alles zusteht. Religionen eignen sich ebenfalls hervorragend für diese Aufteilung: da sind es dann die „Gläubigen“ und die „Ungläubigen“. Wichtig ist, dass Ich – „mein Ich“ – stets auf der Seite der „Rein-Guten“ steht.

In einer gesunden Eltern-Kind-Beziehung stellt sich immer mehr heraus: es ist gut genug – nicht perfekt, aber ausreichend gut. „Es“ heißt: alle Beteiligten sind gut genug. Und: zum Leben gehört Trennung unweigerlich dazu. Wobei ich unterscheide zwischen einer guten Trennung und katastrophalem Verlassen-Werden.

16,7 Aber ich sage euch die Wahrheit: Es ist gut für euch, daß ich weggehe. Denn wenn ich nicht weggehe, kommt der Tröster nicht zu euch. Wenn ich aber gehe, will ich ihn zu euch senden.“

Genau so ist es. Der johanneische Christus beschreibt eine „gute Trennung“. Eine Trennung, die kräftigt. Das Durchleben und Durchleiden dieser Trennung geht nicht ohne die Schmerzen der Trauer, die Schmerzen des Abschied-Nehmens. Dies aber sind gute Schmerzen: es sind Wachstumsschmerzen für der Seele. Auf diesem Weg erhält die Seele ihr Rüstzeug für ein Leben in lebendigen Beziehungen. Denn Beziehungen, in denen man nicht weggehen darf, in denen Trennung Tabu ist, die sind erstarrt. Oder vereist. In dieser Erstarrung bleibt seelische Entwicklung blockiert. In seelischer Erstarrung bleibe ich untröstlich.

Der Tröster, der Heilige Geist, ist nur über den Weg der Trauer und des Abschiedsschmerzes erlebbar.

Es sind meine Tränen, die dazu verhelfen, meine vereisten Seelenteile aufzutauen.

Es sind meine Tränen, die mir helfen, mich dem Tröster zu öffnen.

16,8 Und wenn er kommt, wird er der Welt die Augen auftun über die Sünde und über die Gerechtigkeit und über das Gericht;

16,9 über die Sünde: daß sie nicht an mich glauben;

16,10 über die Gerechtigkeit: daß ich zum Vater gehe und ihr mich hinfort nicht seht;

16,11 über das Gericht: daß der Fürst dieser Welt gerichtet ist.“

Indem ich Trost erlebe, oder – personifiziert – den Tröster erlebe, gehen mir die Augen auf. „Ich erwache“.

Und was sehe ich?

Ich erkenne, dass Sünde keine moralische Verfehlung ist. Sünde ist ein Beziehungsgeschehen: es geht um Ur-Vertrauen oder Ur-Misstrauen. Auch dies ist ein Geschehen, das bereits in unserer Babyzeit sich bildet: mit wie viel Urvertrauen gehe ich in die Welt? Im Urvertrauen bildet sich ab, inwieweit ich mich gehalten gefühlt habe – oder fallen gelassen. Aus dem „ungehaltenen“ Baby wird ein „ungehaltener“ Erwachsener. Er ist ausgeliefert seinen ungehaltenen Impulsen, die er verzweifelt über Macht in den Griff zu kriegen versucht. Der vielfach beklagte Egozentrismus („Ich zuerst!“) ist in der Tiefe ein verzweifelter Versuch, sich selber am Leben zu halten. In dieser Verzweiflung ist kein Raum für Rücksicht, Respekt, Sich-selbst-Zurücknehmen. Und damit sind Vertrauen, Los-Lassen, Sich-Fallen-Lassen unmöglich geworden. Dies drückt sich aus in Verspannungen, Kreuzschmerzen, Schlafstörungen, Süchten, die dies alles betäuben sollen… und nicht zuletzt in Überheblichkeit.

Was sind wir nicht alle „great“ – oder etwa nicht?

Indem ich den Tröster erlebe, gehen mir die Augen auf. Was sehe ich noch?

Ich erkenne Gerechtigkeit. Erkenne, dass Gerechtigkeit nicht Gleichheit ist, sondern dass es eine gute Grundordnung mit wohl geordneten Beziehungen gibt. Erkenne, was wie zusammen gehört. So ist gerecht und notwendig, dass Jesus zu seinem Vater geht: genau da gehört er nämlich hin, da ist sein Platz. Das gesunde Kind erkennt und verinnerlicht, dass die Mutter zum Vater gehört, und der Vater zur Mutter. Und dadurch entsteht eine unglaubliche Freiheit: das gesunde Kind ist frei für sein ganz eigenes Leben; es muss sich nicht um das Wohlergehen seiner Eltern kümmern … In einer gesunden Seele lebt ein lebendiges Dreieck: Vater – Mutter – Kind. Und die Schenkel dieses Dreiecks sind liebevoll miteinander verbunden. (In der Trinitätslehre wird dieses Dreieck spirituell gedeutet: wobei der Heilige Geist das Weibliche, mütterliche Element darstellt: Augustinus bezeichnet ihn als das Band der Liebe zwischen Vater und Sohn.)

Und noch ein Drittes eröffnet der Tröster: dass der „Fürst dieser Welt“ gerichtet ist.

Der „Fürst dieser Welt“ kann nur bis zwei zählen – in seinem Denken und Erleben ist das Dritte nicht integrierbar. Der Fürst dieser Welt denkt in „Ich zuerst“ und „nach mir die Sintflut!“ Immer wenn es „rein“ wird: die „reine“ Lehre, der „reine“ Glaube, die „einzig richtige Interpretation …“ – dann ist der Fürst dieser Welt aktiv. Der Fürst dieser Welt baut Mauern gegen das Fremde, fühlt sich parasitär ausgebeutet, erlebt und denkt in Macht und Ohnmacht. In diesem Denken ist der Dritte der Feind: ihm wird der Krieg erklärt. Und so bleibt dieses Denken in Zweiheit erstarrt. Was das schöne deutsche Wort: Ver-Zwei-flung wunderbar widergibt.

Liebe Gemeinde,

das war jetzt ziemlich viel. Und einmal mehr werde ich am Ausgang zu hören bekommen: bei Ihnen muss man immer soviel nachdenken!

Was soll ich dazu sagen?

Dass Denken vor Demenz schützt?

Dass es jedem frei steht, ob der nach-denken will, oder eben nicht?

Oder:

16,12 Ich habe euch noch viel zu sagen; aber ihr könnt es jetzt nicht ertragen.“

(Das kam jetzt nicht von mir, unser Predigttext geht nämlich noch weiter!!!)

16,13 Wenn aber jener, der Geist der Wahrheit, kommen wird, wird er euch in alle Wahrheit leiten. Denn er wird nicht aus sich selber reden; sondern was er hören wird, das wird er reden, und was zukünftig ist, wird er euch verkündigen.

16,14 Er wird mich verherrlichen; denn von dem Meinen wird er’s nehmen und euch verkündigen. 16,15 Alles, was der Vater hat, das ist mein. Darum habe ich gesagt: Er wird’s von dem Meinen nehmen und euch verkündigen.“

Meister Eckhart beendet seine Predigt über Matthäus 5,3: „Selig sind die Armen im Geiste“ mit folgendem Gedanken:

Wer diese Rede nicht versteht, der bekümmere sein Herz nicht damit. Denn, solange der Mensch dieser Wahrheit nicht gleicht, solange wird er diese Rede nicht verstehen; denn diese ist eine unverhüllte Wahrheit, die da gekommen ist aus dem Herzen Gottes unmittelbar.“ (Predigt 52)

Und andersherum: je stärker der Mensch dieser Wahrheit gleicht, desto inniger verwandelt sich sein konkreter Glaube an einen konkreten Menschen in die unglaubliche Freiheit des Erlebens, selbst Gottes Tochter oder Sohn zu sein. Zu sein!!Indem ich durch die Taufe diesen Glauben geschenkt bekomme, lebe ich in der Freiheit des dreifaltigen Gottes. Diese Freiheit hat nichts mit Wahl-Freiheit zu tun: es ist „die Freiheit eines Christenmenschen“, befreit zum freudigen Mitwirken im Schöpfungshandeln Gottes. Damit dies möglich wird, muss Jesus zum Vater zurückkehren. Und wir müssen durch den Abschiedsschmerz hindurch gehen.

Dass wir zu Gottes Wahrheit kommen mögen, dass wir Gottes Wahrheit gleichen mögen, dass wir aus Gottes Wahrheit heraus leben mögen – dazu verhelfe uns der dreieinige Gott, der Vater und der Sohn und der Heilige Geist, AMEN.

Und die Liebe des dreieinigen Gottes schütze und erhalte unsere Seele, AMEN.