Predigt am Sonntag Kantate in der Thomaskirche in Grünwald

Predigt über Apostelgeschichte 16, 23-34 am Sonntag Kantate 2018

Liebe Gemeinde,

unser heutiger Predigttext lässt sich als eine nette Geschichte von der Gefangennahme und der wundersamen Befreiung des Paulus und seinen Mitstreitern lesen. Nebenbei wird auch noch der Kerkermeister samt Familie zum rechten Glauben bekehrt. „Nett“ – das ist die kleine Schwester von „besch … eiden“ – habe ich vor kurzem gehört.

Ich möchte versuchen, unseren Text anders zu lesen: als „innere“ Befreiungsgeschichte. Und ich möchte den Text verbinden mit dem vorhin gehörten Evangelium, in dem der ungewöhnliche Satz erklingt: „Mein Joch ist sanft und meine Last ist leicht.“ (Matth. 11, 30) Das sagt derselbe Jesus, der unter der Last seines Kreuzes auf dem Weg nach Golgatha zusammen gebrochen ist!

Um sinnvollerweise von Befreiung reden zu können, muss man von einem Gefängnis reden. Wer sich nicht „gefangen“ fühlt, der hat auch kein Interesse an Befreiung. Befreiung ist dann kein Thema für ihn.

Fühlen Sie sich frei?

Dann ist der heutige Predigttext wahrscheinlich nicht interessant für Sie.

Nun gibt es Menschen, die sagen: was ist nur los? Ich habe alles, bin materiell abgesichert, könnte ein schönes und freies Leben führen – aber ich schlafe schlecht, bin unruhig, nervös. Ich habe keinen rechten Hunger und kann mich nicht wirklich am Leben freuen. Das verstehe ich nicht. Warum kann ich diese Gefühle nicht einfach abschütteln? Und einfach nur mein Leben genießen? Eigentlich habe ich es doch so gut. …

Diese Menschen sind gefangen in Gefühlen, die ihnen das Leben schwer machen. Sie sagen vielleicht: meine Ängste verfolgen mich – oder meine Depression lässt mich einfach nicht los.

Nun ist nicht zu vergessen, dass der sicherste Ort der Welt ein Gefängnis ist. Eingesperrt-Sein und Sicherheit sind Paare.

Und wenn mich etwas nicht los lässt, so kann ich sicher sein, nicht einsam sein zu müssen. Immerhin. Besser eine schlechte Beziehung als gar keine!

Auf der anderen Seite: Frei-Sein ist mit Unsicherheit gepaart. Und all das, was ich wirklich los lasse – das ist dann weg. Dann bin ich ganz allein mit – ja mit wem?

Das ist die große Frage.

Unser Streben nach Sicherheit, nach Vertrautheit, unsere alltägliche Routine kann uns zu Gefangenen unserer selbst machen. Wenn wir in einem Epiphanias-Lied singen: „Jesus ist kommen, nun springen die Bande…“ dann ist die große Frage: was mache ich mit meiner Freiheit? Was mache ich aus meiner Freiheit? Ist es nicht viel beruhigender, sagen zu können: ich kann mich ja gar nicht trennen, oder: ja früher hätte ich das und das machen sollen – aber jetzt: bin ich zu alt dafür.

Und so bleibt alles beim Alten.

Dies gilt für die Botschaft Jesu selbst: „Jesus verkündete das Reich Gottes – gekommen aber ist die Kirche….“

Jesus predigte: „Mein Joch ist sanft …“ – in seinem Namen wurden viel zu viel Menschen vermeintlich „falschen Glaubens“ getötet …

Jesus kritisierte die Pharisäer, das religiöse Establishment seiner Zeit, hart: und ein neues religiöses Establishment kristallisierte sich in seinem Namen heraus.

Ob er das so gewollt hat?

Könnte es so sein, dass wir Menschen keine Freiheit aushalten? Dass wir Freiheit gar nicht wollen? Dass wir für Freiheit nicht erschaffen sind? Das würde den gegenwärtigen Zulauf und die Popularität nicht-demokratisch denkender Politiker erklären. Die Abschaffung der Demokratie im Dienste vermeintlicher Sicherheit. …

Zum Prozess der Befreiung gehören Gefühle von katastrophalem Zusammenbruch. Die Befreiung Europas aus der Herrschaft der absolutistischen Monarchen (Sinnbild: der „Sonnenkönig“ – Ludwig XIV. – „der Staat, das bin ich…“) führte in die Wirren der französischen Revolution. … führte zu einem Napoleon, der sich zum Kaiser krönen ließ und, und, und …

In unserer heutigen Befreiungsgeschichte geht die Befreiung einher mit einer kosmischen Katastrophe – einem Erdbeben. Doch hören Sie selbst:

23 Nachdem man sie (gemeint sind Paulus und sein Begleiter Silas) hart geschlagen hatte, warf man sie ins Gefängnis und befahl dem Aufseher, sie gut zu bewachen. 24 Als er diesen Befehl empfangen hatte, warf er sie in das innerste Gefängnis und legte ihre Füße in den Block. 25 Um Mitternacht aber beteten Paulus und Silas und lobten Gott. Und die Gefangenen hörten sie.

26 Plötzlich aber geschah ein großes Erdbeben, so daß die Grundmauern des Gefängnisses wankten. Und sogleich öffneten sich alle Türen, und von

allen fielen die Fesseln ab.

27 Als aber der Aufseher aus dem Schlaf auffuhr und sah die Türen des Gefängnisses offenstehen, zog er das Schwert und wollte sich selbst töten; denn er meinte, die Gefangenen wären entflohen.

28 Paulus aber rief laut: Tu dir nichts an; denn wir sind alle hier!

29 Da forderte der Aufseher ein Licht und stürzte hinein und fiel zitternd Paulus und Silas zu Füßen. 30 Und er führte sie heraus und sprach: Liebe Herren, was muss ich tun, daß ich gerettet werde?

31 Sie sprachen: Glaube an den Herrn Jesus, so wirst du und dein Haus selig!

32 Und sie sagten ihm das Wort des Herrn und allen, die in seinem Hause waren.

33 Und er nahm sie zu sich in derselben Stunde der Nacht und wusch ihnen die Striemen. Und er ließ sich und alle die Seinen sogleich taufen 34 und führte sie in sein Haus und deckte ihnen den Tisch und freute sich mit seinem ganzen Hause,

daß er zum Glauben an Gott gekommen war.

Wesentliche Elemente der Geschichte, noch einmal zusammengefasst:

Paulus und seine Mitstreiter sind im „innersten Gefängnis“ – im „Hochsicherheitstrakt“ und die Füße sind noch einmal „in einem Block“ eingesperrt. Sicherer geht es nicht.

Zeitgleich mit dem Gebet geschieht ein Erdbeben und die Gefangenen sind „frei“.

Der Aufseher will sich aus Angst vor seinem „Versagen“ selbst töten.

Die Gefangenen sind gar nicht geflohen.

Der Aufseher fragt, wie er gerettet werden kann.

Die Rettung ist der „Glaube an den Herrn Jesus“

Der Aufseher freut sich mit seinem Haus, dass er „zum Glauben an Gott“ gekommen ist.

Liebe Gemeinde,

noch einmal: was ist das mit unserer Freiheit? Für viele Menschen bedeutet Freiheit, jederzeit tun und lassen zu können, was man will. Das ist eine Freiheit von Zwängen, Abhängigkeiten, Anpassungen, Verpflichtungen. Dahinter steckt der Wunsch oder die Gier nach ungebremster Lust: es soll jederzeit so sein, wie ich es haben will. Und ich sehe gar nicht ein, mich an etwas anzupassen, was mich stört. „Freie Fahrt für freie Bürger“ – das war und ist der Slogan, mit dem wider aller Vernunft es in unserem Land nicht möglich, ein Tempolimit auf Autobahnen einzuführen. Wer dies für Freiheit hält, dem hat die Botschaft Jesu nichts zu sagen.

Jesus spricht uns nämlich nicht in dem Sinne frei, dass er sagt: „ihr könnt tun und lassen was ihr wollt.“ Jesus sagt: „Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir; denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen. Denn mein Joch ist sanft und meine Last ist leicht.“ (Mt. 11, 29-30)

Das Joch – übrigens vom Wort her stammverwandt mit Yoga – ist üblicherweise verbunden mit „hart“, „geknechtet“ usw. Es wurde den Ochsen aufgesetzt, um eine optimale Kraftübertragung vom Pflug oder dem zu ziehenden Wagen z.B. zu erreichen. Freiheit heißt hier, befreit sein von diesem Joch, befreit aus dieser Knechtschaft zu sein. Jesus selbst kennt – wie gesagt – das harte Joch des Kreuzes. Unter dem er sogar gebrochen ist. Aber das Joch, von dem Jesus hier spricht, ist etwas ganz anderes: es ist seine innige, vertrauensvolle, liebevolle Beziehung zu seinem (himmlischen) Vater: „niemand kennt den Sohn als nur der Vater und niemand kennt den Vater als nur der Sohn …“

Diese Beziehung ist „leicht“ – denn sie geschieht in Liebe. Und da und nur da, wo die Liebe herrscht – da ist wirkliche Freiheit. Jede Form von Kontrolle, Gängelung, Bemächtigung des Anderen hat nichts mit Liebe zu tun. Es gibt Menschen die sagen: wenn ich mich nützlich mache, werde ich geliebt. Wenn mich der andere braucht, werde ich geliebt. Das ist ein verhängnisvoller Irrtum. Wenn ich mich nützlich mache, dann bin ich nützlich – nicht mehr und nicht weniger. Liebe hat damit nichts zu tun. Liebe lässt sich nicht machen, nicht herstellen. Liebe gibt es nur geschenkt – genauso wie Freude, Dankbarkeit, echte Reue etc. …

Wer die Freiheit dieser Liebe erlebt, wer in der Freiheit dieser Liebe leben darf – der hat das Joch Jesu auf sich genommen. Aus dieser Freiheit heraus nützen Paulus und Silas ihre Befreiung nicht aus, laufen nicht davon. Das ist das eigentliche Wunder der Geschichte: die befreiten Gefangenen bleiben da. Offenbar ist es das, was den Kerkermeister erreicht: „Ihr Herren, was muss ich tun, dass ich gerettet werde?“ Etwas freier übersetzt heißt das für mich: „was muss ich tun, dass ich so frei werde, wie ich euch erlebe?“ Befreit werde von meinem alten Denken des Misstrauens, der Absicherung, der Kontrolle. Die Antwort ist einfach: „nimm Jesu Joch auf dich – glaube an Jesus Christus!“ Das Tun, das alltägliche Leben dieser Antwort ist freilich nicht so einfach.

Bleibt noch eine Frage offen, liebe Gemeinde:

wieso eigentlich soll dieser Text gerade heute, an Sonntag Kantate, gepredigt werden? Diese Frage ist mir tatsächlich erst hier – am Ende einer Predigt gekommen.

Und ich habe gespickt: im Internet mir Predigt von Kollegen zu unserem Text durchgelesen. Und siehe da – die Antwort ist einfach: Paulus und Silas sangen im Gefängnis. Sie „lobten“ Gott heißt nämlich eigentlich: sie sangen Hymnen, Loblieder auf Gott. Und unser heutiges Evangelium ist auch ein Loblied: das Loblied Jesu auf die Beziehung zu seine Vater. „Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde …“

In diesem Sinne – lassen Sie uns jetzt singen, lassen Sie uns ein Loblied singen, in dem wir Jesus loben und danken für die Freiheit, die denen geschenkt wird, die den Mut haben, das vertraute Joch liegen zu lassen und Jesu Joch auf sich zu nehmen.

Jesus ist kommen, Grund ewiger Freude…“ heißt es da, und in der zweiten Strophe:

Jesus ist kommen, nun springen die Bande, Stricke des Todes, sie reißen entzwei …“

AMEN.