„Jedermann sei der Demokratie untertan!“

Predigt über Römer 13, 1-7 am 23. Sonntag nach Trinitatis 2018

Liebe Gemeinde,

jedermann sei untertan der Obrigkeit, die Gewalt über ihn hat.“

Mit diesem Appell beginnt unser heutiger Predigttext aus dem Römerbrief.

Warum soll das so sein?

Denn es ist keine Obrigkeit, außer von Gott: wo aber Obrigkeit ist, ist sie von Gott eingesetzt.“

Unter weiter:

Darum: Wer sich der Obrigkeit widersetzt, der widerstrebt Gottes Anordnung; die ihr aber widerstreben, werden ihr Urteil empfangen.“

Und warum dies?

Denn die Gewalt haben, muss man nicht fürchten wegen guter, sondern wegen böser Werke.“

Recht verstanden: die bösen Werke beziehen sich auf die „Untertanen“: sie müssen die Obrigkeit wegen „böser Werke“ fürchten, nicht aber wegen guter Werke.

Dass die Obrigkeit selbst „böse Werke“ tut, das ist für Paulus – jedenfalls in diesem Textabschnitt – undenkbar.

Was ist denn Obrigkeit?

Als Obrigkeit (superioritas) wurden in hierarchisch organisierten Gemeinwesen seit dem späten Mittelalter bis in die Moderne hinein diejenigen Personen oder Institutionen bezeichnet, die rechtmäßig oder auch nur aufgrund eigener Anmaßung (Usurpation) die Herrschaft ausübten und die rechtliche und faktische Gewalt über die Untertanen besaßen. Die Untertanen schuldeten ihrer Obrigkeit Gehorsam.

Historisch unterscheidet man zwischen geistlicher und weltlicher Obrigkeit. Zur Ersteren gehörten die kirchlichen und religiösen Oberen, so etwa der Papst, die Bischöfe und die Äbte, aber auch evangelische Superintendenten. Der Pfarrer galt für seine Gemeinde ebenfalls als vorgesetzte Obrigkeit. Weltliche Obrigkeit waren die Könige, Fürsten, Grundbesitzer usw.“ (Wikipedia)

In diesem Sinne gibt es bei uns keine Obrigkeit mehr: denn der Souverän (der „Inhaber der Staatsgewalt“) das sind Sie und ich: „wir sind das Volk“.

So jedenfalls die Theorie. Von daher kann man sich fragen, inwieweit es überhaupt sinnvoll ist, über einen Text zu predigen, der eine gesellschaftliche Situation voraussetzt, die heute nicht mehr gegeben ist.

Ich möchte den Text als Anregung dafür nehmen, sich Gedanken zu machen über das Thema: Autorität, Macht, Herrschaft und Verführung.

Unser Wochenspruch verweist ja auch auf eine „Obrigkeit“, auf einen König, dessen Reicht nicht in und nicht von dieser Welt ist: „Dem König aller Könige und Herrn aller Herren, der allein Unsterblichkeit hat, dem sei Ehre und ewige Macht.“ (1. Tim. 6, 15-16)

Im Zusammenhang des Timotheusbriefes ist das natürlich Jesus Christus. Sie kennen von romanischen Kirchen die Darstellung Jesu als den „triumphierenden“.

Christus triumphans.

In der Reformation wurde der Christus patiens, der leidende Christus in den Mittelpunkt gerückt.

Triumph und Leiden, Palmsonntag und Karfreitag sind zwei Seiten derselben Medaille. All-Macht (der triumphierenden Christus ist der „Pankreator“) und Ohne-Macht (der einsam am Kreuz sterbende Christus) – auch dies zwei Seiten einer Medaille. Es ist „heilsam“, beide Seiten zusammen zu sehen. Sonst bin ich fixiert,

gefangen in einem „Entweder-oder-Denken“.

Dies ist die Falle, die die Pharisäer Jesus stellen wollten: „nun gingen die Pharisäer und hielten Rat, wie sie ihn bei einem Ausspruch (logos) fangen könnten.“ Es ist die Falle der Zwei. Deshalb hat man die Zwei auch die Zahl des Teufels genannt. Soll ich das, oder das das machen. Ich kann mich nicht entscheiden!

Diese Falle schnappt nur dann zu, wenn es kein Drittes gibt. Das verbreitete Entweder-oder-Denken ist ein Denken in Gefangenschaft: der Durchbruch zum „Dritten“, zum Sowohl-als-Auch führt in die Freiheit. Jesus ist ein Lehrer dieses befreiten Denkens und Erlebens.

Zur Freiheit hat uns Christus befreit“ (Galater 5,1a)!

In der Politik ist das Dritte der zu erringende Kompromiss. „Kompromiss“, lateinisch „compromissum“ „sich gegenseitig versprechen“ bedeutet ursprünglich: „die Entscheidung eines Rechtsstreites einem von beiden Seiten gewählten Schiedsrichter zu überlassen.“ Wie immer im Leben hat auch diese an sich gute Idee einen dunklen Schatten: so entwickelte sich im Französischen das Verbum „compromettre“ – deutsch: „kompromittieren“. Und das bedeutet, dass der Dritte nicht vermittelt, sondern bloß stellt. Und genau darum ging es den Pharisäern: sie wollten Jesus in und mit seinen eigenen Worten fangen und bloßstellen – eben „kompromittieren“.

Jesus antwortet, indem er unterscheidet. Dem Kaiser ist zu geben, was ihm zusteht – und Gott ist zu geben, was diesem zusteht.

Theresa von Avila hatte ähnlich geantwortet, als sie gerade fastete und in eine Tafelrunde kam, wo es leckeren Fasan gab. Man sagte ihr, dass sie wohl nicht mit essen würde, da sie ja fastete. Und sie antwortete heiter: „Fasten ist fasten und Fasan ist Fasan!“ Und ließ es sich schmecken.

Das Entweder-oder-Denken hingegen führt zu dogmatischer Erstarrung und Humorlosigkeit. Das Sowohl-als-auch-Denken entspringt einer heiteren Mitte. Die sogenannten „Populisten“, die zur Zeit soviel Zulauf genießen, sind ausgesprochen humorlose Zeitgenossen. Vielleicht erklärt dies, dass in totalitären Regimen die besten Witze erfunden wurden. Der Witz als Ventil!

Aber zurück zu unserem Predigttext: ich denke es wird ihnen nicht entgangen sein, wie meine Gedanken um den Text des Paulus „mäandern“ – ähnlich der renaturierten Isar. Daran ändert auch der zweite Abschnitt des Textes nichts:

„Willst du dich aber nicht fürchten vor der Obrigkeit, so tue Gutes; so wirst du Lob von ihr erhalten. Denn sie ist Gottes Dienerin, dir zugut. Tust du aber Böses, so fürchte dich; denn sie trägt das Schwert nicht umsonst: sie ist Gottes Dienerin und vollzieht das Strafgericht an dem, der Böses tut. Darum ist es notwendig, sich unterzuordnen, nicht allein um der Strafe, sondern auch um des Gewissens willen. Deshalb zahlt ihr ja auch Steuer; denn sie sind Gottes Diener, auf diesen Dienst beständig bedacht. So gebt nun jedem, was ihr schuldig seid: Steuer, dem die Steuer gebührt; Zoll, dem der Zoll gebührt; Furcht, dem die Furcht gebührt; Ehre, dem die Ehre gebührt.“

Abgesehen vom letzten Satz: „so gebt nun jedem, was ihr schuldig seid“, kann ich dem Text wenig Nahrhaftes abgewinnen. Er lässt sich mühelos für falsche Anpassung und Duckmäusertum missbrauchen. Der Gedanke, dass eine Obrigkeit selbst korrupt geworden ist, dass ein Führer nicht dem Wohl seines Volkes, sondern der Entfaltung seiner eigenen selbstherrlichen Machtgelüste verpflichtet ist, ist nicht denkbar.

Es sei denn, man überschreibt den Text mit unser Gesellschaftsordnung. Dann muss er heißen:

Jedermann sei untertan der Demokratie. Die demokratische Gesinnung habe Gewalt über ihn. Sie ist von Gott eingesetzt. Wer sich der Demokratie widersetzt, der widerstrebt Gottes Anordnung. Die ihr aber widerstreben, werden ihr Urteil empfangen.“ ( … und die Konsequenzen zu tragen haben…)

Jetzt klingt es mit einem Mal sehr aktuell. Wir erleben eine Zeit, in der es eine verbreitete Wollust gibt, Unordnung zu schaffen. Eine gefährliche Wollust, nein zur guten sich bewährten aber eben auch mühsamen demokratischen Ordnung zu sagen. Es ist die Lust an der Unordnung, die derzeit mehrheitsfähig wird, verbunden mit allzu einfachen Pseudo-Lösungen und der propagandistischen Hetze gegen alles, was sich diesen sogenannten „Lösungen“ in den Weg stellt.

Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit dem Gutem.“ Dieser Satz steht gleichsam vor der Klammer unseres Textes.

Etwas freier übersetzt heißt der Satz für mich: „Nimm dich bei deiner eigenen Nase!“

Denke an deine eigenen Tricks, wenn du deine Steuererklärung machst. Und so gar keine Lust hast, dem Staat zu geben, was des Staates ist. Denke an diese verführerische Stimme in deinem Ohr, die dir zu flüstert: „Merkt doch keiner!“

Denke an deine scheinheilige Rechtfertigung, wenn du sagst: „Sollen doch erst mal die da oben aufhören zu betrügen!“

Oder: „das machen doch alle!“

Lass dich nicht von Bösem überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem!“

Für diese lebenslange Aufgabe hilft unser Wochenspruch:

es gibt einen „Führer“, einen „König“, einen „Herrscher“, dem darf ich wirklich vertrauen; er ist nicht korrupt und nicht korrumpierbar. Er ist Ausdruck jener Wahrheit, die unzerstörbar („unsterblich“) ist. Die der einzig sichere Boden allen Da-Seins ist.

Seinem Weg nachfolgen heißt, den Boden nicht mehr unter den Füßen zu verlieren. Heißt auch: Abschied nehmen von meiner Sehnsucht danach, dass ich „im außen“, in dieser Welt einen Führer finde, der mir meinen Weg weist. Indem ich den Schmerz und die Trauer dieses Abschieds ertrage, wende ich mich dem König zu, dessen Reich nicht in dieser Welt und nicht von dieser Welt ist. Diesem König und nur ihm will ich untertan sein. Je tiefer und fester ich mit ihm verbunden bin, desto freier und sicherer werde ich meinen ganz einmaligen Weg in dieser Welt gehen.

Einen Weg, der mit jedem Schritt aufs Neue entsteht.

Dem König aller Könige und Herrn aller Herren, der allein Unsterblichkeit hat, dem sei Ehre und Macht“, AMEN.