Verteidigung der Böcke – oder: vom gespaltenen Denken

Predigt über Offenbarung 2, 8-11 am vorletzten Sonntag im Kirchenjahr 2018

Liebe Gemeinde,

wir müssen alle offenbar werden vor dem Richterstuhl Christi.“

Mit dieser nicht sehr einladenden Sentenz begann unser heutiger Gottesdienst.

Das passt zu einer bestimmten religiösen Erziehung, die manche von uns kennen werden: „Der liebe Gott sieht alles!“ Oder: „Warte nur, wenn der Nikolaus kommt, der weiß alles, was du gemacht hast.“

Es soll Angst machen. Und die Angst soll dazu führen, sich „richtig“ zu benehmen. „Richtig“ heißt dann: so wie man das macht. Und vor allem: wie ich das von dir erwarte. Wie ich das für richtig halte.

Die alte indogermanische Wurzel von „richtig“ lehrt uns, dass dies ursprünglich gar damit nicht gemeint ist. *Reg-: „aufrichten, lenken, recken, gerade richten“. Dann auch: „richten, führen, herrschen“ Lateinisch: „rectus“ gerade, geradlinig, richtig, recht, sittlich gut. Dazu gehört dann auch „rex“ – der König; „regula“ – die Regel usw.

Wenn wir diese Wurzel von ihrem moralischen Beigeschmack befreien, dann bedeutet sie: es gibt eine Instanz, eine Regel, der gegenüber sind wir „offenbar“.

Wir sind „bekannt“.

Anders ausgedrückt: ich kann mir selber lebenslang etwas vormachen, ich kann mich belügen, „in die eigene Tasche lügen“ – das ändert nichts daran, dass es eine Wahrheit gibt, die steht einfach da. Ich glaube, jeder von uns, jeder Mensch hat in der Tiefe eine Ahnung über sich, wer er wirklich ist, was ihn wirklich bewegt und antreibt. Je „peinlicher“ er diese Ahnung empfindet – desto mehr wird er sein Leben danach ausrichten, diese Wahrheit vor sich selbst und natürlich vor anderen zu verstecken.

Dieses Verstecken kostet viel Energie und führt zu Erschöpfung, Müdigkeit bis hin zu psychosomatischen Beschwerden.

Der Gegenspieler ist meine innere „Regel“ oder Einteilung des Lebens in richtig und falsch, gut und böse. Je verständnisloser meine „innere Instanz“ gegenüber meiner Lebendigkeit ist, je grausamer sie mich bestraft für all das, was mir Freude und Spaß macht, desto „verklemmter“ werde ich leben müssen. Desto mehr wandert meine Lust dann in den „Untergrund“. Das ist der Stoff für die Skandale, wenn etwas „auffliegt“: die Pornoseiten, die ein Politiker besuchte, der sexuelle Missbrauch von Abhängigen usw.

Das ist auch der Stoff, aus der die Überheblichkeit der Moralischen, der „Gut-Menschen“ gewoben ist. Indem ich mich mit meinem vermeintlichen Besser-Sein über die Anderen erhebe, habe ich die Verbindung zu Gott, der die Liebe ist, zerstört.

Eine lieblose Moral führt vor allen Dingen zu einem: zu Hass.

Das vorhin gehörte Evangelium (Matthäus 25,31-46), das ich in seiner Spaltung nicht als „Wort Gottes“, jedenfalls nicht als Wort eines barmherzigen, heilsamen, liebevollen Gottes (an)erkennen kann, ist Ausdruck einer Moral, die nicht auf Liebe sondern auf Hass gründet. Dazu gehört die Schuldzuweisung und die grausame Bestrafung derer, die nicht „recht“ sind – das sind die „Linken“ und die „Böcke“. (Nebenbei: Ich bin noch so erzogen worden, dass es hieß: „Gib die schöne Hand!“ Das war natürlich die Rechte. Ironischerweise war meine Mutter, die mir das beibrachte, selbst Linkshänderin.) Und die „Böcke“ – das sind einfach nur die männlichen Tiere – sie kommen zur Linken und werden grausam bestraft. (Heutzutage werden die männlichen Tiere auf Hühnerfarmen nicht bestraft sondern geschreddert. Sie sind nutzlos. Aber es gibt seit einiger Zeit auch die Möglichkeit Eier zu kaufen, die die männlichen Tiere aufziehen, um sie dann als „Landgockel“ zu schlachten. Dies ist ein ungleich wertschätzender Umgang mit Lebewesen. Und es ist ein Ausdruck moralischer Überheblichkeit, sich besser zu finden und zu fühlen, wenn man Eier aus derartigen Betrieben kauft. Aber es ist ein Ausdruck von Liebe für das Leben, für die Lebewesen, wenn man solche Eier kauft.)

In der grausamen Bestrafung bringt der, der im vermeintlichen „Dienste“ der Moral handelt, seinen eigenen Hass und seine eigene Lust an der Gewalt unter. Wunderschön wird dieser Missbrauch von christlicher Moral in dem Film „Das weiße Band“ dargestellt.

Eine andere Veranschaulichung dieser Moral, deren Quelle Hass ist, sind die Sätze von Herrn Trump: stets gibt es die „Böcke“, das sind die die schuld sind – bei den Waldbränden in Kalifornien sind es die Menschen, die in der Forstverwaltung arbeiten – und stets ist einer völlig unschuldig und macht den besten Job. Und natürlich haben die Waldbrände nichts mit Klimawandel zu tun. …

Nun ist diesem zweifelhaften Evangelium ein Predigttext zugeordnet, der ebenfalls in höchstem Grade missbrauchbar ist. Hören Sie selbst:

Und dem Engel der Gemeinde in Smyrna schreibe: Das sagt der Erste und der Letzte, der tot war und ist lebendig geworden: Ich kenne deine Bedrängnis und deine Armut – du aber bist reich – und die Lästerung von denen, die sagen, sie seien Juden, und sind’s nicht, sondern sind die Versammlung des Satans.

Fürchte dich nicht vor dem, was du leiden wirst! Siehe, der Teufel wird einige von Euch ins Gefängnis werfen, damit ihr versucht werdet, und ihr werdet in Bedrängnis sein zehn Tage.

Sei getreu bis an den Tod, so will ich dir die Krone des Lebens geben.“ (Off. 2, 8-11)

Um gleich mit dem schlimmsten zu beginnen: natürlich ist dieser Text dafür missbraucht worden, den jüdischen Gottesdienst in der Synagoge als „Versammlung des Satans“ zu bezeichnen. Das geht freilich nur, wenn man sich nicht die Mühe macht, den Text genau zu lesen. Nur – wem es darum geht, Hass zu schüren, Propaganda zu machen und zu hetzen – der schaut nicht genau hin. Das erleben wir derzeit von den modernen Propaganda-Machern Tag für Tag. Genau hingeschaut steht da: „die sagen, sie seien Juden, und sind’s nicht, sondern sind die Versammlung des Satans.“ Mit anderen Worten: es sind eben nicht Juden – sondern es sind welche, die sich als Juden ausgeben, das Vorurteil gegenüber den Juden benützen und verwenden für ihre eigenen Hasstiraden. Das ist auch ein verbreitetes Geschehen: um die eigenen Vorurteile zu bestätigen, wird einem Unschuldigen (z.B. Asylbewerber, oder einem Arbeitslosen etc.) die Schuld in die Schuhe geschoben.

Ein aktuelles Beispiel in Pullach: männliche Jugendliche unter 25 Jahren werden derzeit gehäuft aufgehalten und einem Drogentest unterzogen. Mit dem Argument: dass es immer wieder zu Unfällen unter Drogeneinfluss komme. Wenn ich jedoch aufmerksam den Polizeibericht im Isar-Anzeiger lese, bin ich immer wieder überrascht, wie viele alte Menschen schuldhaft in Unfälle verwickelt sind.

Dass deren Fahrtüchtigkeit regelmäßig überprüft wird, ist mir allerdings nicht bekannt.

Aber geht das: ein Denken und Fühlen, bei dem keine „Böcke zur Linken“ entstehen?

Ein Denken und Fühlen ohne Sünden-Böcke?

Lassen Sie es uns anhand einiger Gedanken aus unsrem Predigttext versuchen.

Ich kenne deine Bedrängnis und deine Armut …“

Heißt: vor mir musst du dich nicht verstecken in deiner Bedürftigkeit, in deinem Arm-Sein, in all dem, was du nicht kannst. Ich kenne dich – ich sehe dich, ich nehme dich wahr.

Es gibt eine dazu ein wunderschönes Gedicht von Carl Johann Philipp Spitta:

Herzenskündiger, du mein Gott und Herr!

Ach du weißt es, wie ich’s meine,

was ich bin und was ich scheine,

meines Herzens Grund ist dir klar und kund.

Und weiter:

Vor dir hingestellt,

jede Hülle fällt.

Ach vor deinem Angesichte

steh ich erst im rechten Lichte,

was ich bin vor dir,

das bin ich in mir.

Dies ist nur denk- und dichtbar in einer liebvoll-zugewandten Haltung.

Und so heißt die letzte Strophe:

Gib den Kindesgeist,

der dich Vater heißt!

Dass mit kindlichem Vertrauen

ich dir in die Augen schauen

ja, mich freuen kann,

siehest du mich an.

Dieses Vertrauen ist es, das Veränderung ermöglicht. Denn vor aller Veränderung kommt die Wahrnehmung seiner selbst, die Selbsterkenntnis. Genauer: das Erleben seiner selbst. Und dazu bedarf es eines vorauseilenden Vertrauens, dass diese Bewegung hin zu mir gut geht.

Das soll ich sein?“

Alleine sich dieser Frage zu stellen erfordert Kraft und Mut.

Meinem ungeschminkten „nackten Ich“ in’s Auge zu schauen – wenn „jede Hülle“ fällt. Wenn ich aufhöre, mir selbst etwas vor zu machen. Wenn ich aufhöre, in mein Scheinen zu investieren – und anfange, mich auf mein Sein zu besinnen.

Nur im Sein wendet sich Gott mir, wende ich mich Gott zu. Nur im Sein verbinde und verbünde ich mich mit dem Gott, der sich in Jesus Christus einen Namen gemacht hat: als Gott der armen Leute, als Gott der Leidenden und Bedrängten, als Gott derer, die ohne Macht sind.

Und als Gott der „schwarzen Schafe“ und „Sündenböcke“.

Hier gehört übrigens der Satz hin: „Eher geht ein Kamel durch das Nadelöhr als ein Reicher ins Himmelreich!“ Und zu dem reichen Jüngling: „Verkaufe alles, was du hast, und folge mir nach!“ Damit ist nicht das Verkaufen „im außen“ gemeint. Das ist nicht so schwer. Schwer ist das Verkaufen im Inneren. Die Aufgabe eines Denkens, das ich so sehr gewohnt bin. Eines Denkens, das davon lebt, dass es die „schwarzen Schafe“ oder die „Böcke“ von den „Guten“ trennt.

Wisse, dass das äußere Auge der Schatten des inneren Auges ist: Was das innere Auge sieht, dem wendet sich das äußere Auge zu.“ (Rumi)

Wenn mein inneres Auge mich als Versager, als Nichtsnutz als „nutzlosen Bock“ sieht, werde ich alles darauf setzen, mir und der Welt zu beweisen, keiner zu sein. Dann muss ich z.B. Karriere machen, erfolgreich sein usw. Und dann brauche ich andere Menschen, bei denen ich meine eigenen „Bock-Seiten“ unterbringe: das sind dann die Sozial-Schmarotzer, die Asylbewerber, oder auch die SUV-Fahrer, Reichen, „die da oben“. Entscheidend ist – dass ich all das, was ich bei mir nicht anschauen will, bei den Anderen unterbringe.

Wenn mein inneres Auge die Barmherzigkeit Gottes sieht und ausstrahlt, dann wird diese wie von selbst auf mich und meine Mitgeschöpfe zurück und hinaus strahlen.

Dies alles aber geschieht nur in dem unerschütterlichen Vertrauen darein, dass alles, was mir widerfährt „in Ordnung“ ist. „Richtig“ ist.

Dass ich richtig bin.

Ich weiß aus meinem Alltag: Ich kann das viel leichter predigen als leben.

Alles, was ich kann, ist, mich bei allem, was mir entgegen kommt, möglichst nicht „aus der Liebe raus bringen“ zu lassen. Der Macht der Liebe zu vertrauen und nicht der Macht der Mächtigen. So verstehe ich den Satz: „Sei getreu bis an den Tod, so will ich dir die Krone des Lebens geben.“

Diese liebevollen Gedanken sind Balsam für meine Wunden. In ihnen finde ich Möglichkeiten, nicht mehr die Welt und alles, was ich erlebe, in Täter und Opfer aus einander zu reißen. Mit einem Mal stehen die Böcke auf der linken Seite genauso „aufrichtig“ vor Gott wie die Schafe auf der rechten Seite. Beide, Schafe und Böcke gehören zu mir. Aus dieser Liebe heraus speise ich den Hungrigen in mir und im außen, reiche ich Wasser dem Durstigen. Ohne mich deshalb besser, moralisch „hochwertiger“ zu fühlen. In der Liebe bleibe ich gelassen, auch wenn ich mich sehr ungerecht behandelt fühle. Auch wenn ich verspottet werde. Jesus ist auch verspottet worden.

In dieser Liebe lege ich mein Sinnen auf Rache beiseite. Lasse ich meinen Hass auf die Egoisten dieser Welt ins Leere laufen.

In der Liebe ertrage ich alles – und bleibe frei, indem ich den Anderen nicht mehr verändern muss.

Und dies alles nicht, um einen vorderen Platz im Reich Gottes zu erhalten.

Warum dann?

Weiß ich auch nicht.

Einfach so.

Weil ich so leben will, weil ich gerade so spüre, dass Gott mir nahe ist.

Es mag für viele idiotisch sein.

Es gibt auch eine Stimme in mir, die mich für einen Idioten hält.

Das kann ich nicht ändern.

Ich habe genug damit zu tun, alltäglich ein wenig davon zu leben.

Und jeden Abend zu beten: „Gott sei mir Sünder gnädig!“ AMEN.

Zum Nachklingen der Predigt noch eine Geschichte:

Die Weißen oder die Schwarzen? (Nach A. De Mello)

Ein Schäfer weidete seine Schafe, als ihn ein Spaziergänger ansprach. „Sie haben aber eine schöne Schafherde. Darf ich Sie in Bezug auf die Schafe etwas fragen?“ – „Natürlich“, sagte der Schäfer. Sagte der Mann: „Wie weit laufen Ihre Schafe ungefähr am Tag?“ – „Welche, die weißen oder die schwarzen?“ „Die weißen.“ – „Die weißen laufen ungefähr vier Meilen täglich.“ – „Und die schwarzen?“ „Die schwarzen genauso viel.“ „Und wieviel Gras fressen sie täglich?“ – „Welche, die weißen oder die schwarzen?“ – „Die weißen.“ – „Die weißen fressen ungefähr vier Pfund Gras täglich.“ – „Und die schwarzen?“ – „Die schwarzen auch.“ „Und wieviel Wolle geben sie ungefähr jedes Jahr?“ – „Welche, die weißen oder die schwarzen?“ – „Die weißen.“ – „Nun ja, ich würde sagen, die weißen geben jedes Jahr ungefähr sechs Pfund Wolle zur Schurzeit.“ – „Und die schwarzen?“ – „Die schwarzen genauso viel.“

Der Spaziergägner war erstaunt.

„Darf ich Sie fragen, warum Sie die eigenartige Gewohnheit haben, Ihre Schafe bei jeder Frage in schwarze und weiße aufzuteinel?“

„Das ist doch ganz natürlich“, erwiderte der Schäfer, „die weißen gehören mir, müssen Sie wissen!“ – „Ach so! Und die schwarzen?“ – „Die schwarzen auch“, sagte der Schäfer.