Predigt zum 2. Advent 2018

Predigt über Jesaja 35, 1-10

Liebe Gemeinde,

ich bin nicht dazu da, meine Mitmenschen zu beleben.

Und meine Mitmenschen sind nicht dazu da, mich zu beleben.

Dies ist mein persönlicher Wochenspruch an diesem 2. Advent.

Steht auf und erhebt Eure Häupter, denn Eure Erlösung, Eure Befreiung ist nahe!“

An diesem, dem offiziellen Wochenspruch schließt sich der Predigttext nahtlos an. Um aufzustehen und erhobenen Hauptes in der Welt zu stehen, bedarf es einer inneren Sicherheit, einer inneren Festigkeit, die daraus entspringt, sich dem Fluss des eigenen Lebens überlassen zu können. Der Prophet Jesaja beschreibt diese erlösende Freiheit so:

Stärkt die schlaffen Hände und festigt die wankenden Knie!

Sagt zu denen, die ein ängstliches Herz haben: »Seid stark, fürchtet euch nicht! Seht, da ist euer Gott! Rache kommt, die Vergeltung Gottes. Er selbst kommt und wird euch retten.«

Dann werden die Augen der Blinden aufgetan und die Ohren der Tauben geöffnet werden. Dann werden die Lahmen springen wie ein Hirsch, und die Zunge der Stummen wird frohlocken. Denn es werden Wasser in der Wüste hervorbrechen und

Ströme im dürren Lande. Und wo es zuvor trocken gewesen ist, sollen Teiche stehen, und wo es dürre gewesen ist, sollen Brunnquellen sein. Wo zuvor die Schakale

gelegen haben, soll Gras und Rohr und Schilf stehen.

Und es wird dort eine Straße sein und ein Weg, und er wird der heilige Weg heißen. Kein Unreiner wird darüber hinziehen, sondern er wird für sie sein. ER selbst geht den Weg voran, dass auch Einfältige nicht irre gehen. Es wird da kein Löwe sein und kein reißendes Tier darauf gehen; sie sind dort nicht zu finden, sondern die Erlösten werden dort gehen.

Die Befreiten des HERRN werden wiederkommen und nach Zion kommen mit Jauchzen; ewige Freude wird über ihrem Haupt sein; Freude und Wonne werden

sie ergreifen, und Schmerz und Seufzen wird entfliehen.“

Es geht um Rückkehr. Die Israeliten kehren aus der Fremde, in der sie sich als Gefangene erlebten, zurück in ihr Land, in ihre Stadt, in ihre Freiheit.

Es ist die befreiende Rück-Kehr im Sinne des „Zu-sich-selber-Kommens“. In diesem Geschehen werden die in Fremd-Bestimmung erschlafften Hände wieder fähig zum Handeln. Werden die in stolzer Abweisung versteiften Knie, wieder geschmeidig. Empfangen die in ihrer Einsamkeit ängstlich gewordenen Herzen stärkenden Trost: „Du bist gar nicht allein. Dein Gott ist da!“ Er führt diejenigen nach Hause, die nicht aufgehört haben, auf ihn zu hoffen.

Die sich aber von Gott nichts versprechen, die mit ihm nichts anfangen können – die kann er auch nicht nach Hause bringen. Das ist seine Art der „Rache“. Es ist eine „Rache“ in Trauer – ohne Schadenfreude. Gott wirbt bis zuletzt, den Weg zurück zu gehen. Zu sich selbst. Zu sich selbst nach Hause. Aber er zwingt nicht. Der Weg nach Hause geschieht in radikaler Freiheit. In unserem Text sind die, die nach Hause kommen, die Erlösten, die Befreiten. Sie sind frei dafür, zu sich selbst zu kommen.

Dies ist das einzige Ziel von Therapie und Seelsorge: Menschen zu helfen, sich zu befreien für ihren Weg zu sich selbst. Das hat nichts mit der grandios-egoistischen Freiheit im Sinne von ich kann jederzeit machen, was ich will, zu tun.

Gott ist ein Gott der Freiheit. Der Freiheit für IHN, für die eigene Bestimmung. So steht er immer auf der Seite unser Lebendigkeit, unseres Lebens.

Gott ist allerdings für den gefährlich, der sich selber etwas vormacht.

Der in einer Selbst-Täuschung verharrt. Er wird Gott hassen und diejenigen, die auf ihn vertrauen verspotten. Zynismus ist eine starke Waffe des Unglaubens. „Glücklich der Mensch, der nicht … im Kreis der Spötter sitzt!“ (Psalm 1,1) Bei Martin Buber sind die Spötter die „Dreisten“ – die sich erdreisten, über ihre Mitmenschen ein Urteil zu fällen, indem sie sich über deren Haltung lustig machen … Es ist halt viel leichter und macht natürlich auch Spaß, sich über Andere lustig zu machen, anstatt den Anderen kennen und vielleicht sogar verstehen zu lernen … Ganz zu schweigen von der Möglichkeit, sich selber in die Augen zu schauen und sich selbst kennen zu lernen..

In einer alten chassidischen Geschichte heißt es: Gott wird Rabbi Sussja nicht fragen, ob er Moses gewesen – er wird ihn fragen, ob er Sussja gewesen.

Aktualisiert: Gott wird nicht nicht fragen, ob du gute Noten geschrieben hast, ob du gut in der Schule aufgepasst hast, ob du brav gewesen bist und im Gottesdienst nicht geschwätzt hast. Er wird dich auch nicht Fragen, wie hoch du auf deiner Karriereleiter geklettert bist, wie viel Geld du gemacht hast, wie groß dein Haus ist und ob du dir ein eigenes Boot leisten konntest. Auch will er nicht wissen, wie viel du gearbeitet hast, wie sehr du dich für andere „geopfert“ hast …

Er wird dir genau eine Frage stellen: bist du dir selbst nahe gewesen – oder bist du vor dir selbst davon gelaufen? Hast du dich deinen Dunkelheiten angenähert oder hast du sie mit schlauen Worten weg-rationalisiert? Bist du dir selbst treu gewesen oder hast du dich verraten?

Hast du dir die Mühe gemacht, dich selbst kennen zu lernen, oder bist du Anderen hinterher gelaufen? Meintest, cool sein zu müssen, wenn du wie die anderen bist. Meintest toll sein zu müssen, indem du nicht wie die Anderen bist.

Die einzige Frage ist: bist du in Verbindung mit deiner ganz eigenen Wahrheit? Oder folgst du den Stimmen, die dir einreden, wie du sein sollst? Hast du die Kraft, dich von deinen Sehnsüchten nach Harmonie zu trennen und für dich selbst einzustehen?

Und indem du dich auf diese Frage wirklich einlässt, wirst du dort laufen lernen, wo du dachtest, gelähmt zu sein. Und wirst dort lernen etwas zu sehen, wo du dachtest, du bist blind, Finsternis umgibt dich. Und wirst lernen dort etwas zu hören, wo du meintest, es gibt nichts zu hören.

Rück-Kehr.

Es ist die Bewegung zu sich selbst zurück. Wozu verwende ich eigentlich meine Intelligenz? Um besser da zu stehen als Andere? Um mich schlauer fühlen zu können? Und wenn dem so sein sollte: wieso ist mir das so wichtig?

Wozu verwende ich mein Predigen? Um andere zu überzeugen, dass meine Gedanken die richtigen sind? Um Anerkennung zu bekommen? Um gesehen zu werden? Um meinen Hass unterzubringen – indem ich werte und beurteile und verurteile?

Wozu verwende ich mein Leben? Um mich abzulenken, häufe ich einen Termin an den anderen; hetze stöhnend durch meinen Alltag – und spüre: nur nicht stehen bleiben, nur nicht zur Ruhe kommen. Dann wird es erst richtig gefährlich. Am Ende spüre ich noch etwas von mir selbst.

Sich selbst nahe kommen, Gott nahe kommen, bedeutet, freiwillig in das Fegefeuer der eigenen Schattenseiten hineinzugehen. Das ist ein sehr schmerzhafter Weg. Und ein tränenreicher Weg. Es sind meine Tränen, die das dürre Land, meine innere Wüste bewässern und fruchtbar machen. Die Tränen quellen aus dem Eingeständnis, dass ich in der Tiefe gegen mich selbst und gerade so gegen Gott gelebt habe. Dass ich im Anderen und in meiner Empörung über den/die Andere(n) meine eigenen Schattenseiten so bekämpft habe, dass ich meinen Schatten auf die Anderen geworfen habe.

Noch einmal: Rück-Kehr.

Es gibt einen Weg, zu sich selbst und zu Gott zurück. Diesen Weg kann jeder gehen – auch der Einfältigste. Gott selbst geht ihn voran.

Und wo ist dieser Weg? Wie kann ich ihn finden?

Er wird der heilige Weg genannt werden.“

Heilig bedeutet: ganz(heitlich), ganz, unversehrt.

Bedeutet: mit allem, was mich ausmacht, in gutem Kontakt zu sein. Mit allem: gerade auch mit meinen Schwächen, mit meinem Zorn, mit meinen Ängsten, mit meiner Ungeduld. Bedeutet: mich dafür nicht zu verurteilen.

Keine Löwen und andere wilde Tiere werden auf diesem Weg sein, sagt Jesaja. Das heißt, meine ungehaltene „wilde“ Aggression überfällt mich nicht mehr. Sie ist gezähmt. Und indem sie gezähmt ist, ist sie verwandelt. Aus meiner „gesunden“ Aggression heraus stehe ich im Leben. Bin ich geschützt vor Missbrauch und Ausbeutung. Muss ich nicht mehr alles bieten, muss nicht mehr vor dem kleinsten Konflikt fliehen. Halte ich aus, andere zu enttäuschen – halte ich aus, von anderen enttäuscht zu sein. Enttäuschung bedeutet ja nichts anderes, als den Zustand der Täuschung zu verlassen.

Für die Unreinen ist dieser Weg nicht gangbar; nicht weil sie unerwünscht wären oder weil sie bestraft werden sollen. Ganz und gar nicht. Der Weg lädt jeden ein, ihn zu gehen. Die „Unreinen“ sind „Gefangene der Matrix.“ (im Sinne des grandiosen Filmes „Matrix“) Sie leben in ihrer Schein-Welt, die sie für die wirkliche halten. Hinweise darauf, dass dem so ist, sind unerwünscht. Diejenigen, die die Lüge und den Betrug der Schein-Welt erkennen und aufdecken, sind zu liquidieren. Das war damals so – das ist heute so. (Wobei eine wirkungsvolle Art des Tötens das Exkommunizieren, das Aus-der-Gemeinschaft-Ausschließen ist.)

Der Mehrheit von uns Menschen ist nicht wahrheitsfähig. Die Konsequenzen dessen müssen wir alle ertragen – siehe z.B. Klimawandel, siehe das Erstarken von Fundamentalismus.

Liebe Konfirmanden, liebe Gemeinde,

es ist auch eine Falle, sich in diesen düsteren Gedanken aufzuhalten. Viel besser ist es, den „Heiligen Weg“ einfach zu gehen. Und zwar Schritt für Schritt. Ein Weg ist dazu da, gegangen zu werden; mein Leben ist dazu da, gelebt zu werden. Der Heilige Weg ist kein Besitz. Draußen lauert die Welt auf uns, mit ihren Forderungen und Erwartungen. Wahrscheinlich erwarten Euch noch Schulaufgaben in dieser Woche, die Weihnachtsgeschenke müssen noch vervollständigt werden, ein Christbaum wäre auch schön, und wenn werde ich an Weihnachten treffen und wen nicht, und will ich den und den überhaupt sehen. Und was gibt es zu essen? Und wir mir die Weihnachtsgans auch gelingen? Und so weiter und so fort. Und mit meiner Ungeduld und Unsicherheit verschwindet der Heilige Weg.

Weg ist weg – an seiner Stelle sind die vertrauten Schnellstraßen der Hektik, das bekannte Gereiztsein, die gefühlten Überforderungen getreten. Und der Löwe meines Ärgers und meines Zorns geht wieder auf die Jagd und sucht sich Opfer.

Dagegen bin ich machtlos. Alles, was ich machen kann, ist, mich auch diesen Augenblicken ganz hinzugeben. Sie zu erleben.

In demselben Moment, wo ich mich wieder in Verbindung mit Gott spüre, bin ich schon wieder auf dem Heiligen Weg. Als hätte er auf mich gewartet. So gesehen kann ich jederzeit zu mir – zum Weg zurück-kehren. Wenn das keine gute Nachricht, kein Evangelium ist?! AMEN.