Predigt über Hebräer 4, 14 – 16 am Sonntag Invocavit 2019

Liebe Gemeinde,

wir Menschen stellen gerne Zusammenhänge her, wo keine sind. Z.B.: „Weil du eine schlechte Note bekommen hast, nehme ich dir jetzt dein Handy weg.“

Was hat das eine mit dem anderen zu tun?

Oder:

„Weil ich den Text, über den ich zu predigen habe, blöd finde, deswegen kann ich auch keine gute Predigt halten.“ – Aha! –

Oder:

„Wenn ich dir was Leckeres zum Essen koche, dann muss es dir auch schmecken:“

Oder der Name unseres heutigen Sonntags. Er heißt „Invocavit“ – nach Psalm 91,5:

So spricht Gott: „er/der Beter ruft mich an, darum will ich ihn erhören!“

Dieser Art zu denken ist gemeinsam, dass es in Kausalzusammenhängen denkt:

weil – deshalb; wenn – dann.

In Kausalzusammenhängen denken heißt „mechanisch“ denken: weil ein Zahnrad mit einem anderen verbunden ist, deshalb dreht das eine das andere. Auch in der Psychiatrie ist diese Denkart bekannt: „Wenn du deine Medikamente nicht nimmst, wirst du wieder depressiv ….“

Der große Vorteil dieses Denkens besteht darin, dass es Sicherheit vortäuscht. Wenn ich alles richtig mache, dann kann mir nichts passieren, das ist die Verheißung. Und ich weiß immer, was ich zu tun habe.

Eine verbreitete Redewendung, die zu diesem Denken gehört, lautet: das ist jetzt dran! Heute ist der Rasen zu mähen, sind die Fenster zu putzen, ist ein Beschluss im KV zu fällen. „Das ist jetzt dran“ bedeutet: ohne Rücksicht darauf, wonach einem gerade der Sinn steht. Worauf ich gerade Lust habe. Jetzt sind deine Hausaufgaben dran – und sonst nichts, verstanden!

Sie merken: zur Mechanik dieses Denkens gehört die Ausübung von Macht.

Im vorhin gehörten Evangelium, der Versuchungsgeschichte, ist es der Teufel, der mit dieser Wenn-Dann-Logik aufwartet:

Wenn du aus diesen Steinen Brot machst, dann beweist du, dass du wirklich Gottes Sohn bist.

Wenn du mich anbetest, dann mache ich dich groß und mächtig. Dann kannst du sagen: „Me first!“

Wenn du dich von des Tempels Zinne hinabstürzt, dann werden dich die Engel Gottes auffangen – und die Menschen dich noch mehr bewundern.

Es ist dieselbe Logik, die noch einmal dem ohnmächtig am Kreuz Hängenden begegnet: „Wenn du der Sohn Gottes bist, dann steig doch herab vom Kreuz!“

Wobei der Hohn und der Spott dabei nicht zu überhören ist.

Das mechanische Denken ist ein Denken in Macht und Ohnmacht. Die einzige Frage ist: Wer ist oben, wer ist unten, wer gewinnt, wer verliert.

Tertium non datur – ein Drittes gibt es nicht! (In der Psychoanalyse nennt man das eine dyadische Struktur: das Dritte, der Kompromiss ist zerstört.)

Jesus und mit ihm die Mystiker aller Zeiten und jenseits aller Konfessionen, sind der Meinung, dieser Weg sei eine Verführung.

Wider alle Vernunft weigern sie sich, ihn zu gehen.

Und ernteten dafür viel Spott. Laotse sagt: „ …hört ein Unverständiger vom Dao, so lacht er laut auf. Was wäre das für ein Dao, das Unverständige nicht verlachen?“

Jesu Weg beginnt in der Stille. Und in der Leere; da, wo scheinbar nichts ist. Und wo es auch nichts zu tun gibt – außer: die Stille und die Leere „auszuhalten“. Dies alles symbolisiert die „Wüste“. Nach 40 Tagen kommt der „Verführer“ zu Jesus. 40 Tage ist im hebräischen Denken eine unermesslich lange Zeit. Der Verführer kommt, wenn die Kräfte des Wollens und des Durch-Haltens schwinden. „Ich kann nicht mehr!“ (Wenn das Baby überflutet ist von Durst und Hunger und Sehnsucht nach Zuwendung.)

Die Verführung ist eine scheinbare Klarheit des Wissens. Die Wenn-Dann-Klarheit. Wenn du das tust, wirst du belohnt werden. Erschaffe dir selbst dein Brot – anstelle von: „Unser täglich Brot gib uns heute!“ Bete das Materielle an, dein Auto, dein Haus, dein Kapital, deinen Status – anstelle von: „Der HERR gibt es, der HERR nimmt es, gepriesen sei der Name des HERRN!“ Verschaffe dir selber den Kick: spring vom 10-Meter-Brett, oder mit einem Fallschirm, oder mach Bungeejumping, anstelle von: „Man kann nicht tiefer fallen als in die Arme Gottes!“

Jetzt wird das Diabolische an der „Wenn-Dann-Logik“ deutlich: du hast es selbst in der Hand. Wenn du gute Noten schreibst, bekommst du dein Handy und zum Einser-Abitur einen schönen Mini … Und dann machst du eine Weltreise: das kommt gut in deinem Lebenslauf. Und dann studierst du, und wenn du dann gut bist, dann machst du Karriere …

Wenn … dann …

Die scheinbare Klarheit dieses Denkens hat den schon erwähnten Preis: Es bildet nicht die Wirklichkeit ab, sondern ist aufgebaut auf einer Täuschung. Anders ausgedrückt: Dieses Denken kann nicht bis drei zählen. Wenn-dann heißt: das Eine bedingt das Andere. Ein Drittes gibt es nicht. Der Diabolos, der Zweifler (zwei!) versucht Jesus, in der Zwei einzufangen.

Und die Stärke der Antworten Jesu besteht darin, dass er gelassen-freundlich auf den „Dritten“ verweist:

Der Mensch lebt nicht vom Brot allein …

Du sollst Gott, deinen Herrn nicht versuchen …

Du sollst Gott, deinen Herrn anbeten und ihm allein dienen …

So zu denken und zu leben macht stark; es lebt und denkt in einer unerschütterlichen Vertrauensbeziehung, die ich selbst, die mein Ich nicht machen kann! Es ist genau diese Beziehung, die von den Fesseln des dyadischen Denkens erlöst.

Nun gibt es eine ebenso verbreitete wie faule Ausrede, mit der man mühelos alles beim Alten lassen kann: Das ist nichts für mich – oder: „Bin ich etwa Jesus?“

Unser heutiger Predigttext entzieht dieser Ausrede seine Grundlage.

Im Hebräerbrief, Kapitel 4, 14-16 heißt es:

„Da wir nun einen großen Hohenpriester haben, der durch die Himmel gegangen ist, Jesus, der Sohn Gottes, so lasst uns das Bekenntnis festhalten!

Denn wir haben nicht einen Hohenpriester, der nicht Mitleid haben könnte mit unseren Schwachheiten, sondern der in allem in gleicher Weise versucht worden ist (wie wir), doch ohne Sünde.

Lasst uns nun mit Freimütigkeit hinzutreten zum Thron der Gnade, damit wir Barmherzigkeit empfangen und Gnade finden zur rechtzeitigen Hilfe.“

Das klingt ein wenig kompliziert. Ist es aber nicht.

Jesus als „Hohepriester“ heißt nichts anderes als: Der, der uns alltäglich dabei hilft, nicht den Fallen der Zwei, des Zweifelns zu erliegen. Und seine Glaubwürdigkeit strömt aus seinem eigenen Leben: Er ist selber „in gleicher Weise versucht worden …, wie wir!“

Die Annahme, es gäbe ein Leben ohne Versuchungen, spielt dem Zweifler, dem Diabolos in die Karten. So bedeutet: „Führe uns nicht in Versuchung“ zugleich:

Führe uns aus der Versuchung!“ Und zwar jeden Tag.

Meine persönliche Lebenserfahrung ist, dass sich die Art der Versuchungen im Laufe des Älter-Werdens verändern, nicht aber ihre Macht. Oder ihr Sog.

Für mich ist es z.B. eine täglich wiederkehrende Versuchung, mit meinen eigenen Fehlern und den Fehlern anderer Menschen kalt und unbarmherzig umzugehen. Die dahinter stehende Täuschung meint: es muss doch ein Leben, eine Beziehung, eine Predigt ohne Fehler geben. Ohne Schwächen …

So ist für mich der letzte Satz unseres Predigttextes besonders wichtig: „Lasst uns nun mit Freimütigkeit hinzutreten zum Thron der Gnade, damit wir Barmherzigkeit empfangen und Gnade finden zur rechtzeitigen Hilfe.“

Aus der Barmherzigkeit und der Gnade Gottes heraus zu leben ist (für mich) das größte Geschenk. Und ich tue mich sehr schwer damit, es in der Tiefe anzunehmen. Den Thron der Gnade und der Barmherzigkeit zu finden bedeutet nämlich, den Thron der Selbstgerechtigkeit, des Rechthabens und des Besser-Wissens zu verlassen. Bedeutet die Vielfalt des Lebendigen anzuerkennen und sich selbst als winzigen Teil dieser Vielfalt zu erleben. Bedeutet, das eigene Nicht-Wissen und Nicht-Verstehen zu akzeptieren und sich daran zu erfreuen, falls sich etwas erschließt.

Es erschließt sich mir etwas“ – das fühlt sich im übrigen ganz anders an, als: „ich habe erkannt.“

Jede Erkenntnis ist in der Tiefe ein Gnadengeschenk – und keine Leistung meines Intellektes. All dies will mein stolzes Ich mit seinem scharfen Verstand nicht wahrhaben. So hat es sich seine eigene kausale Logik erfunden, die in Bezug auf unbelebte Gegenstände auch hervorragend funktioniert.

So hervorragend, dass wir Menschen dabei sind, mit diesem mechanischen Denken das Lebendige und damit unsere eigenen Lebensgrundlagen zu zerstören.

Der Thron der Barmherzigkeit ist von uns nicht „machbar“. Und so ist er niemals ein Besitz; er bleibt ein lebendiges Geschehen, das nur in „Freimütigkeit“ also in „Freiwilligkeit“ sich ereignen kann. Und dass er etwas nicht „machen“ kann damit auch nicht „kontrollieren“ kann – das hasst unser Verstand und mit ihm unser Ich!

Auch dies ist eine Versuchung, die wahrscheinlich viele Menschen gerade in sozialen Berufen gut kennen: zu meinen, man könne den Anderen von etwas „überzeugen“, oder gar, man müsse ihn „bekehren“. Der gefürchtete Satz dazu lautet: „Ich meine es doch nur gut mit dir…“ Die Wahrheit ist: „Ich meine es nur gut mit mir, weil ich dringend brauche, dass du so und so bist und weil ich nicht aushalte, das du anders bist …“

Die Logik dazu lautet: „wenn du so bist, wie ich dich brauche – dann wird es mir gut gehen!“ Wenn-dann …

Wenn der Verfasser des Hebräerbriefes schreibt: „Lasst uns nun mit Freimütigkeit hinzutreten zum Thron der Gnade …“ dann appelliert er an seine Gemeinde. Er meint es bestimmt gut mit ihr. Und doch ist es eine Verführung, da sie die Radikalität der Freiheit und Freiwilligkeit des Einzelnen übergeht.

Ich würde mich diesem Appell gerne anschließen. „Lasst uns alle gemeinsam zum Thron der Gnade hinzutreten….“ Das macht so ein kuscheliges Gemeinschaftsgefühl. Die Wirklichkeit ist dem gegenüber ziemlich nüchtern, ja ernüchternd.

Die Wirklichkeit ist, dass jeder von uns seinen ganz eigenen Weg zu gehen hat. Vielleicht führt er zum Thron der Gnade, vielleicht auch nicht.

So lasse ich Sie am Ende dieser Predigt – wie im übrigen nach jeder Predigt – wieder allein. Und ich freue mich, wenn sich Sie sich von dem einen oder anderen Gedanken, die hier aufgetaucht sind, angesprochen fühlen, AMEN.