Predigt an Ostern 2019 über Johannes 20, 11-18

Ostern, liebe Gemeinde, das ist der Tag, an dem die Frauen vorne dran sind. Sie sind die ersten am Grab, sie bemerken als erste, dass da etwas nicht stimmt. Und – in der Auferstehungsgeschichte nach Johannes, ist es eine Frau, Maria aus Magdala, die als erste dem Auferstandenen begegnet, oder – anders herum: Der er sich als Erster zu erkennen gibt.

Ganz anders bei Paulus und dann auch bei Lukas und Matthäus: hier begegnet Jesus dem Petrus als Erstem: Petrus, dem Repräsentanten der Kirche, des Establishments, der Macht. Petrus der Fels.

Bei Johannes ist es Maria Magdalena, die Sünderin, die ehemalige Prostituierte: Ihr gibt sich der Auferstandene als Erster zu erkennen. In der Alten Kirche bekam sie deshalb den Ehrentitel „apostola apostolorum“, die „Apostolin der Apostel“. (Hyppolit von Rom)

Doch hören wir uns die Geschichte in ihrer Gänze einmal an: Die Auferstehungsgeschichte aus dem Johannesevangelium im 20. Kapitel:

„Am ersten Tag der Woche (das war damals der Sonntag) kommt Maria Magdalena früh, als es noch finster war, zum Grab und sieht, dass der Stein vom Grab weggenommen war. Da läuft sie zu Simon Petrus und zu dem anderen Jünger, den Jesus lieb hatte, und spricht zu ihnen: Sie haben den Herrn weggenommen aus dem Grab, und wir wissen nicht, wo sie ihn hingelegt haben.“

So sind nicht nur Frauen. So sind wir Menschen. Wir sehen etwas, das uns unangenehme Gefühle bereitet – „Der Stein ist weggenommen.“ – und sofort deuten wir: „Sie haben Jesus, seinen Leichnam, gestohlen!“ Diese schnellen Deutungen kommen aus der Angst, dem Misstrauen, der Paranoia. Ich finde meinen Geldbeutel nicht: Den wird mir jemand geklaut haben. Zu dieser Art schneller Deutung gehört die ebenso schnelle Schuldzuweisung:

Wo hast du meinen Schlüssel, meine Brille, meine Uhr hingelegt?

Patzige Antwort: Ich hab‘ sie überhaupt nicht gesehen …

Jetzt machen sich die Männer auf den Weg, Petrus und Johannes. Man will sich selbst ein Bild von der Lage machen, nicht nur auf Hörensagen (noch dazu einer Frau) vertrauen. Auch so sind wir Menschen. Doch auch sie finden den Leichnam nicht; es liegen nur die Tücher da: die Leinentücher und das Schweißtuch. Da glauben sie, was Maria ihnen gesagt hat und „gehen wieder heim“ (V. 10)

Und jetzt beginnt unser Predigttext:

11 Maria aber stand draußen vor dem Grab und weinte. Als sie nun weinte, beugte sie sich in das Grab hinein 12 und sieht zwei Engel in weißen Gewändern sitzen, einen zu Häupten und den andern zu den Füßen, wo der Leichnam Jesu gelegen hatte.

13 Und die sprachen zu ihr: Frau, was weinst du? Sie spricht zu ihnen: Sie haben meinen Herrn weggenommen, und ich weiß nicht, wo sie ihn hingelegt haben.

14 Und als sie das sagte, wandte sie sich um und sieht Jesus stehen und weiß nicht, dass es Jesus ist. 15 Spricht Jesus zu ihr: Frau, was weinst du? Wen suchst du? Sie meint, es sei der Gärtner, und spricht zu ihm: Herr, hast du ihn weggetragen, so sage mir: Wo hast du ihn hingelegt? Dann will ich ihn holen.

16 Spricht Jesus zu ihr: Maria! Da wandte sie sich um und spricht zu ihm auf Hebräisch: Rabbuni!, das heißt: Meister!

17 Spricht Jesus zu ihr: Rühre mich nicht an! Denn ich bin noch nicht aufgefahren zum Vater. Geh aber hin zu meinen Brüdern und sage ihnen: Ich fahre auf zu meinem Vater und eurem Vater, zu meinem Gott und eurem Gott.

18 Maria Magdalena geht und verkündigt den Jüngern: »Ich habe den Herrn gesehen«, und was er zu ihr gesagt habe.

Maria „stand draußen vor dem Grab stand und weinte“. Die Fähigkeit zu Weinen hebt uns aus unserem bloßen Da-Sein heraus. H. Plessner bezeichnet es als „exzentrische Position“: Im Weinen – wie im Lachen – sind wir nicht eins mit uns selbst. Wir werden von uns gleichsam „distanziert“, aus unserem vermeintlichen Zentrum herausgeworfen. Dies ist ein Geschehen, das ist unserer Machbarkeit entzogen. Echte Tränen, seien es solche das Lachens oder des Weinens, lassen sich nicht machen.

„Maria stand draußen“ – sie war „außer sich“, denn sie wähnte, ihr Geliebter, ihr Heiland, sei tot. Und doch „stand“ sie, und „saß“ nicht in Depression versunken. Sie stand auf dem Boden der (vermeintlichen) Tatsachen. Anders als die beiden Jünger, Johannes und Petrus, lief sie auch nicht davon. Sie blieb stehen. Sie hielt Stand.

Meister Eckhart sagt in seiner Predigt: „Sie war innerlich so ganz mit allen Kräften auf Gott hin gerichtet; darum stand sie äußerlich“. Wenn das stimmt – dann fragt man sich: Warum sieht sie dann Jesus nicht?

Sie kann Jesus nicht sehen, sagt Meister Eckhart, weil für Maria Gott Einer ist und nicht zwei. Sie sah aber zwei Engel, einen am Fußende, einen am Kopfende – „da, wo der Leichnam Jesu gelegen hatte“.

Im Alten Wissen stehen am Bett des Kranken zwei Engel: am Kopfende die Schechina, am Fußende der Todesengel. Die Schechina, so heißt es in der Kabbala, ist die Frau, in der Gott auf Erden wohnt. Er wohnt im Exil und leidet darunter, dass die Menschen ihre Endlichkeit und Vergänglichkeit nicht einsehen wollen.

Die beiden Engel verweisen auf den Einen Gott. Sie umhüllen, umrahmen den Ort des Verlustes: da, wo der Leichnam gelegen hatte. Und sie nehmen Anteil am Schmerz Marias. Wenn Trauer und Schmerz, wenn Verzweiflung einen Rahmen bekommen, gehalten werden können, sind sie nicht mehr „bodenlos“, nicht mehr „grenzenlos“. Die zwei Engel sind dabei, Maria zu dem Einen zu führen. Und Maria erzählt den Engeln ihren Kummer: sie lässt sie an ihrem Schmerz teilhaben. Wer im Schmerz erstarrt ist, der ist unberührbar geworden. Er kann weder Anteil geben noch Anteil nehmen. Der Schmerz dominiert alles andere. Das ist eines der Probleme bei der Behandlung von Depression.

Im Geschehen des Teilnehmens taucht nun Jesus auf. Und Maria erkennt ihn nicht – sie hält ihn für den Gärtner.-

In sehr feiner Weise lässt das Johannesevangelium hier die Schöpfungsgeschichte anklingen: Im „zweiten“ Schöpfungsbericht ist Gott der Gärtner im Garten Eden. Aber auch Gott, der die „Zwei“ erschafft, im ersten Schöpfungsbericht: Hier wimmelt es nur so von Zweiheit: Himmel und Erde, Licht und Finsternis, Erde und Meer, Mann und Frau …

Schöpfung, leben in der Welt heißt: sich in der Zweiheit, in der Ambivalenz wiederfinden. Und die einzige Aufgabe, die wir Menschen in unserem Leben haben, ist: Zur Eins, zur Einheit, zum Ganzen zurückzukehren. Das ist das, was unsere Vorfahren mit „heilig“ meinten. Und das ist es, was sie unter „Eins-Werden mit Gott“, der „visio beatifica“, der „beglückenden Schau“ Gottes verstanden. Der Weg dort hin führt über den Schmerz der Anerkennung der Flüchtigkeit unseres Daseins.

Die Abkürzung dieses „Weges zurück“ ist der Weg, den die Schlange vorschlägt: Du kannst dir das alles selber „machen“! Setze dich einfach an Gottes Stelle: „Wenn ihr von diesem Baum esst, werdet ihr sein wie Gott!“ Und ihr werdet wissen, „was gut und böse ist“. Dieser Vorschlag führt zu der verbreiteten Haltung: „Ich brauche nichts!“ „Ich mache das alles selber!“ „Ich bilde mir selbst ein Urteil!“

Dieser Weg ist nicht zu verurteilen: Er gehört zur Entwicklung von uns Menschen unabdingbar dazu. Es gibt dazu keine Alternative. Die Frage ist nicht, das Essen des Apfels zu vermeiden. Die Frage ist: Wie es dann weiter geht.

Maria steckt in ihrer Trauer. In ihrer Trauer sieht sie nicht, was da ist. Sie sieht die ganze Wirklichkeit nicht. So hält sie Jesus für den Gärtner. Auch Jesus fragt Maria nach ihrer Trauer und auch ihm gibt Maria Anteil. Und sie bittet ihn: „Falls du ihn weggetragen hast, sage mir doch, wo du ihn hingelegt hast.“

Und Jesus antwortet: „Maria!“

Da wendet sie sich um.

Mit dem Nennen ihres Namens wird ihr Blick, ihr Erleben frei für die wirkliche Wirklichkeit. Indem die Seele sich in der Tiefe ihres Seins erkannt, benannt, angerufen fühlt – antwortet sie. Der Träger dieses Angerufen-Seins ist der Name.

Dieses eine Wort: „Maria“ – bringt ihre Seele zum Schwingen, so wie der Schlegel die Klangschale schwingen lässt.

Maria antwortet nicht mit „Jesus“; sie antwortet mit: „Rabbuni“ – „mein Meister“. „Rabbuni“ drückt „allerhöchste Ehrerbietung“ aus.

Jetzt ist alles gut – könnte man meinen. Maria, voll Glück und Dankbarkeit, möchte sie ihren „geliebten Meister“ einfach nur in die Arme nehmen, ihn wieder körperlich spüren. So wie noch vor kurzem, als sie seine Füße salbte und sie mit ihrem Haar trocknete (Joh. 12, 3) Doch Jesus sagt diesen merkwürdig-abweisenden Satz:

Rühre mich nicht an!“ – „Noli me tangere!“

Wie das?

Er ist nicht mehr identisch mit dem Jesus, den Maria kennen und lieben gelernt hat: Der Jesus, der Maria sieben Dämonen ausgetrieben hatte, für dessen Unterhalt Maria zusammen mit anderen Frauen aufgekommen ist, dem sie die Füße salbte …

Mit einem Wort: Es ist nicht mehr der Meister, der „Rabbuni“, zu dem Maria aufschauen soll.

Und wer ist es dann?

Es ist der Auferstandene.

Es ist derjenige, der sein eigenes Kreuz getragen und ertragen hat, der sich bei allem Spott und Hohn nicht hat beirren lassen, der auch nach seinem Zusammenbruch auf diesem seinen Weg weiter gegangen ist. Es ist derjenige, der hinabgestiegen ist in das Reich der lebendigen Toten, der Abgestumpften und Tauben, der süchtig um sich selbst Kreisenden. Und in all‘ dem verwandelte er sich allmählich und wurde verwandelt, hinein verwandelt in den wahrhaften Sohn seines Vaters. Und natürlich auch in die wahrhafte Tochter seiner Mutter. Und in dieser Verwandlung verwandelt sich auch die Beziehung zu ihm. „Rühr mich nicht an!“ heißt: die alte Beziehung, die wir hatten, gibt es nicht mehr. „Ich bin nicht länger dein Meister; ich bin dein Bruder geworden.“

So ist auch zu verstehen, wenn Jesus fort:fährt: „Gehe hin zu meinen Brüdern (und Schwestern) und sage ihnen: Ich fahre auf zu meinem Vater und eurem Vater, zu meinem Gott und eurem Gott.“

Das ist (für mich) die eigentliche, die letzte Verwandlung Jesu und die tiefste Bedeutung seiner Auferstehung: Dass wir Befreite für unseren Weg zu seinem Vater sind, der in eins damit unser Vater ist. Das idealisierende Festhalten an ihm als „Meister“ hält ihn in der Gruft des Todes gefangen und macht mich klein.

Und überheblich: als hätte nur ich den wahren Meister! Solange ich einen Meister anbete, vermeide ich, selbst Meister zu werden. Wobei Meister-Werden nichts mit Größenwahn zu tun hat. Die Meisterschaft, um die es hier geht, ist eine Meisterschaft der Hingabe: an das Leben.

Töte Buddha, wenn du ihn triffst!“ – diese derbe buddhistische Aufforderung verstehe ich ganz im Sinne des abweisenden: „Rühr mich nicht an!“ Höre auf, mich zu verherrlichen – stattdessen geh‘ deinen eigenen Weg: in Bescheidenheit und Liebe!

Gebe Gott, dass wir stetig tiefer hineinwachsen in diese Meisterschaft der Hingabe, des Sich-Überlassens an das, was gerade ist. Gebe Gott, dass dieser Christus nicht umsonst gestorben ist, dass er aufersteht in jedem von uns und lebt und wirkt aus jedem von uns, AMEN.