Predigt über Matthäus 16, 13 – 20 am Pfingstmontag 2019

Liebe Gemeinde,

das Pfingstfest ist das Fest der Ausgießung des Heiligen Geistes. Die Auswirkung, die irdische Manifestation dieses Geschehens ist die Geburt der christlichen Gemeinde, der Kirche.

In unserem heutigen Predigttext geht geht es um den Geburtstag der Kirche, genauer um ihren beauftragten „Gründer“, dem Felsen, auf dem Jesus seine Kirche bauen will: Petrus.

Hören Sie selbst:

13 Da kam Jesus in die Gegend von Cäsarea Philippi und fragte seine Jünger und sprach: Wer sagen die Leute, dass der Menschensohn sei?

14 Sie sprachen: Einige sagen, du seist Johannes der Täufer, andere, du seist Elia, wieder andere, du seist Jeremia oder einer der Propheten.

15 Er sprach zu ihnen: Wer sagt denn ihr, dass ich sei?

16 Da antwortete Simon Petrus und sprach: Du bist der Christus, des lebendigen Gottes Sohn!

17 Und Jesus antwortete und sprach zu ihm: Selig bist du, Simon, Jonas Sohn; denn Fleisch und Blut haben dir das nicht offenbart, sondern mein Vater im Himmel.

18 Und ich sage dir auch: Du bist Petrus, und auf diesen Felsen will ich meine Gemeinde bauen, und die Pforten der Hölle sollen sie nicht überwältigen.

19 Ich will dir die Schlüssel des Himmelreichs geben: Was du auf Erden binden wirst, soll auch im Himmel gebunden sein, und was du auf Erden lösen wirst, soll auch im Himmel gelöst sein

Liebe Gemeinde,

ich denke, wir alle kennen diese „Du bist … „- Sätze.

Je kleiner wir sind, je abhängiger unsere junge Seele noch ist, desto wuchtiger können sich diese Sätze einbrennen…

Und leider sind es oftmals die negativen Sätze, die mit voller Wucht die junge Seele belasten: „Du bist eine Enttäuschung für mich!“ „Du bist zu nichts nutze!“ „Du bist ein Versager!“ „Du bist hier unerwünscht!“

Es kann Jahrzehnte dauern, bis es möglich wird, diese Zuschreibungen zu überschreiben. Und es kann sein, dass ein Leben lang in der Tiefe die ursprüngliche Zuschreibung vorhanden bleibt – vielleicht blasser geworden wie ein Schriftzug, der Jahre lang der Sonne ausgesetzt worden ist.

Wer sagen die Leute, dass der Menschensohn sei?“ Mit dieser gestelzt anmutenden Frage eröffnet Jesus die Diskussion. Jesus bezeichnet sich selbst als „Menschensohn“ – als „Sohn von Menschen“. Warum sagt er nicht: „Was glaubt Ihr: Für wen halten die Menschen mich?“

Und dann: Was soll man auf so eine Frage antworten. Nahe liegend wäre: Das musst du selbst herausfinden. Ich weiß es nicht. Oder man fragt zurück: Was meinst denn du? Die Jünger sind brav und geben schmeichelhafte Antworten: Wir haben gehört, dass du mit Elia verglichen wirst, oder mit Propheten … Aber das scheint dem Jesus aus Nazareth nicht zu genügen: Er will es direkt wissen. Und Ihr – was sagt Ihr?

Und dann prescht Petrus, der „Sprecher“ der Jünger, einmal mehr vor, sagt ohne Umschweife:

Du bist der Christus, der Sohn des lebendigen Gottes!“

Und er bekommt zu hören: „Da kannst du nicht selbst drauf gekommen sein! „Fleisch und Blut haben dir das nicht offenbart – sondern mein Vater im Himmel.“ Und dann gibt es gleichsam die „Retourkutsche“:

Und ich sage dir auch: Du bist Petrus und auf diesen Felsen will ich meine Kirche/ Gemeinde bauen und die Pforten der Hölle sollen sie nicht überwältigen …“

Wowh, liebe Gemeinde!

Wenn wir nicht mit dem Blick der „Gläubigen“, der „Wissenden“ auf diese Szene schauen, sondern gleichsam unwissend, von außen, als „distanzierte“ Beobachter des Geschehens, dann ist es naheliegend zu sagen: Da sind zwei ganz schön abgedreht, beweihräuchern sich gegenseitig und haben jeglichen Kontakt zum Boden der Wirklichkeit und zur Gruppe (der Jünger) verloren.

Wenn wir diese Szene als Geburtsstunde der Kirche lesen, dann verwundert es nicht, wenn den Nachfolgern Christi und den Nachfolgern Petri Realitätsverlust, das Schmoren im eigenen Saft und das Sich-selber-Feiern vorgeworfen wird. Die gesunde Reaktion darauf ist, sich davon abzuwenden und sich eine Gruppe zu suchen, der es um gemeinsame Inhalte, um gemeinsames Arbeiten geht – und nicht um sich gegenseitiges Bewundern.

Eine persönliche Zwischenbemerkung:

Meine Enttäuschung über diese Art der Beziehung – das Fachwort dazu lautet: narzisstische Beziehung – hat mich unter dem Einfluss eines ebenfalls über die Kirche Enttäuschten dazu gebracht, meine Ordination zurückzugeben, Psychologie und Psychoanalyse zu studieren – in der Hoffnung, hier Menschen zu finden, die miteinander arbeiten wollen, die um die Wahrheit ringen, die nicht, oder wenigstens nicht an erster Stelle, darauf angewiesen sind, Bewunderung zu bekommen.

Ein zweites Mal hatte ich mich getäuscht.

Und wenn man sich täuscht, dann ist man enttäuscht.

Und dann hat man die Möglichkeit, sich selbst leid zu tun, auf die Anderen und/oder sich selbst wütend zu sein und in diesem Geschehen zu verbittern …

oder etwas anzuerkennen.

Die Realität anzuerkennen. Dass es nämlich offenbar in menschlichen Gruppen so zugeht – und dass es eine schwierige Aufgabe für jede Gruppe ist, sich ihrer „Grundannahmen“ bewusst zu werden. Zunächst einmal, und das ist ganz natürlich so, suche ich in einer Gruppe Halt, Geborgenheit, Sinn. Und je weniger ich davon in mir finde, desto anfälliger bin ich für solche Gruppen und Menschen, die mir Sinn „von außen“ anbieten. Kurzum: Je schwächer, hilfloser, minderwertiger ich mich erlebe, desto anfälliger bin ich für einen „Guru“. Und für Gruppen, die sich darin einig sind, so einen „Guru“ zu verehren.

In einer Arbeitsgruppe ist die Grundannahme eine völlig andere: Der niemals fassbaren, erkennbaren, verfügbaren letzten Realität oder Wahrheit verpflichtet zu sein und ihr zu dienen. Dies bedingt, Abschied genommen zu haben von der Sehnsucht nach einem leibhaften „Meister“ oder „Führer“, der mir sagt, wo es lang geht, wo mich mein Weg hinführt, der im vermeintlichen „Besitz“ dieser Wahrheit ist. Das bedingt auch, Abschied genommen zu haben von Doktrinen, unumstößlichen Lehrsätzen, die nicht in Frage gestellt werden dürfen. Man muss sich fragen, „ob das Hauptproblem beim Umgang unserer Gesellschaft mit Lüge und Wahrheit gar nicht so sehr darin besteht, dass so viel gelogen wird, sondern vielmehr darin, dass sich die Menschen bereitwillig belügen lassen“, sagt Rainer Erlinger. Ein guter Führer – und unsere Kirche bräuchte dringend gute Führer – ist nicht auf Bewunderung angewiesen. Es genügt ihm, ein Diener der Wahrheit, ein Diener Gottes zu sein.

Der reife Petrus aus der Apostelgeschichte, der sich erst zu dieser Erkenntnis hin durcharbeiten, entwickeln musste, sagt es so:

Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen!“ (Apg. 5, 29) Diesen Satz sagt er vor dem damaligen religiösen Establishment seiner Zeit, dem „Hohen Rat“. (Es ist vergleichbar Martin Luthers: „Hier stehe ich. Ich kann nicht anders, Gott helfe mir, AMEN“ – im Angesicht des Kaisers und der Kurfürsten.)

Gott“ verbinde ich mit dieser letzten, uns Menschen unfassbaren, nicht begreifbaren, vielleicht in beseelten Ausnahmemomenten einleuchtenden („visio“) Realität.

Sofort entsteht freilich ein neues Problem: Woher weiß ich, dass ich Gott „höre“, ihm „gehorche“, dass ich mit Gott in Verbindung bin, und nicht mit meiner eigenen Einbildung?

Im Laufe der Entwicklung der Menschheit in den letzten zwei Jahrtausenden hat sich die Erkenntnis durchgesetzt: Was ich mit meinen fünf Sinnen erkennen und was ich mit der Logik meiner Vernunft beweisen kann, das zählt und sonst nichts. Das zählt heißt: Das hat Bestand. Es muss sich experimentell und/oder mathematisch beweisen lassen.

Unter dieser Prämisse ist die moderne Naturwissenschaft entstanden und hat Karriere gemacht. Nur – auch in den naturwissenschaftlichen Gruppen geht es um Bewunderung, um Täuschung, um Einflussnahme, um Manipulation. Oft werden sogenannte „Forschungsprojekte“ von einer Gruppe gefördert, die nicht an „der Wahrheit“, sondern an einem bestimmten Ergebnis interessiert ist, das sich gut vermarkten lässt. Oder Promotionen: Wie sehr geht es bei ihnen um „Wahrheit“ – und wie sehr um die Bestätigung der Denkmuster des jeweiligen „Doktorvaters“?

Vielleicht ist es ja noch einmal anders und noch ernüchternder:

Wir Menschen sind nur sehr bedingt wahrheitsfähig. Was uns viel wichtiger, als das Erkennen von Wahrheit zu sein scheint, das ist das Erlangen eines „Haltes“. Etwas Sicherheit Gebendes, etwas „dass ich weiß, woran ich bin.“

Und warum ist das so wichtig? Weil das unangenehmste und unerträglichste Gefühl, das es gibt, das Gefühl namenloser und sprachloser Angst ist. Der „horror vacui“ – das Grauen im Angesicht der Leere, des Nicht. Und so beginnt der Weg zu sich selbst, der Weg wahrer Selbst-Erkenntnis mit der Ernüchterung des „Nicht“. In einer guten Meditation, in einer guten Psychotherapie, wird absichtlich all das, woran sich unser Geist fest-halten möchte, weggenommen. In diesem „Nicht“ beginnt der Weg in die Wüste, in die „Dürre“, „Öde“ „Langeweile“, „Trockenheit“.

Um Gott zu hören, muss deshalb ein Mensch fest auf seinen Füßen stehen und sich weder mit seinem Gemüt noch mit seinen Sinnen auf irgend etwas stützen.“1 Es bedarf der Fähigkeit der „Selbsthaltung“, um den Weg zu Gott zu gehen. Mit beiden Beinen auf dem Boden der Wirklichkeit, so aufrecht und aufrichtig bin ich offen für Gottes heiligem Geist.

Nun ist es aber so: Die christliche Kirche, deren Geburtstag wir heute feiern, ist zunächst einmal eine Halt gebende Gruppe. Sie verführt dazu, nicht auf eigenen Beinen stehen zu müssen. In ihrem Zentrum steht der Glaube an den „Christus, des lebendigen Gottes Sohn“. Unser heutiger Predigttext schildert die „Weitergabe“ (lateinisch: „traditio“ – „Tradition“) dieses Zentrums an Petrus. Er erhält die Schlüsselgewalt und damit die Macht, „zu binden und zu lösen – im Himmel, wie auf Erden“! Aus dieser Macht heraus sind Menschen in anderen Ländern überfallen worden (Kreuzzüge), Frauen als Hexen verbrannt worden, ist die Unfehlbarkeit des Hauptes der eigenen Arbeitsgruppe postuliert worden.

All dies ist außerordentlich Halt gebend – gleicht es doch einem Felsen in der Brandung der verschiedenen Meinungen. Und all dies ist nicht mehr der letzten, unerkennbaren Wahrheit verpflichtet. Denn in ihr und aus ihr lebend gibt es keine Exkommunikationen, keine Ausschlüsse, keine Spaltungen.

Die Wirklichkeit ist, dass Petrus, der Fels, selber ein Wackelpeter ist. Unmittelbar nach unserem Predigttext wird erzählt, wie Jesus den Petrus anfährt: „Weiche hinweg von mir, Satan!“ Als er am See Genezareth droht, abzusaufen, ruft Jesus ihm zu: „Du Kleingläubiger, warum hast du gezweifelt?“ In der Nacht vor Jesu Gefangennahme schläft Petrus und bekommt zu hören: „Simon, schläfst du? Vermochtest du nicht eine Stunde zu wachen?“ Und schließlich: Petrus, der Verräter! Dreimal verrät er Jesus, verrät seine Zugehörigkeit zu ihm. Ich vermute – aus Angst! Petrus, der Fels: ein Angsthase!

Und dann gibt es noch den sogenannten „antiochenischen“ Zwischenfall, von dem Paulus im Galaterbrief schreibt. Hier schildert er Petrus als „heuchlerisch“ – zunächst hält er mit den neu getauften Nicht-Juden Tischgemeinschaft, dann sondert er sich ab und vertritt die Meinung, um Christ werden zu können, müsse man sich vorher beschneiden lassen. Und es gibt Petrus, den Aufbrausenden, der dem Soldaten ein Ohr abschlägt. Es ist auch kein Zufall, dass gerade Petrus seinen Meister fragt: „Herr, wie oft muss ich denn meinem Bruder, der an mir sündigt, vergeben? Ist sieben Mal genug?“ Und er bekommt zur Antwort: „ … siebzig mal sieben mal!“ Dementsprechend gilt für Menschen wie Petrus in besonderer Weise die Bitte: „vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern!“

Und in allem geht Petrus seinen Weg, entwickelt sich bis dahin, dass er sich vom Hohen Rat nicht den Mund verbieten lässt. „Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen!“ – ich habe es bereits zitiert. Das ist der aufrechte, mutige, ja der erlöste Petrus, der „alles verlassen hat“ (Mk. 10,28), weil er vertraute: „Du bist Christus, des lebendigen Gottes Sohn!“

Liebe Pfingstgemeinde,

in der aktuellen Ausgabe der „Zeit“ findet sich auf Seite 1 – überschattet von dem großen rot umrandeten Leitartikel – ein ebenso bescheidener wie klarer und eindeutiger Artikel von Evelyn Finger: „Sturm und Feuer“ hat sie ihn genannt. In ihm spricht sie von der „lauen Konsenskirche“, die sich auch angesichts der Prognose, dass bis 2060 die Mitgliederzahl sich halbieren wird, nicht beunruhigt. „Das liegt daran“, schreibt sie, „dass die Amtskirchen in ihrer Behördenlogik die Kraft des Christentums noch nach Steuereinnahmen berechnen – und die sind bleibend hoch.“ Und sie endet mit dem Satz: „Die Verheißung des Christentums wirkt nicht da, wo der Sonntagsgottesdienst rappelvoll ist, sondern dort, wo sie Menschen ins Herz trifft.“

Das war die Absicht meiner Pfingstpredigt. Vielleicht hat der eine oder andere Gedanke daraus Sie berührt, Sie bewegt, Sie gar ins Herz getroffen. Vielleicht haben Sie bei sich selbst die eine oder andere Petrus-Seite entdeckt. So ging es jedenfalls mir beim Schreiben dieser Predigt. Und man kann über diesen Petrus sagen, was man will, aber eines war er bestimmt nicht: Ein lauer Christen-Mensch! AMEN.

1Johannes vom Kreuz, Die dunkle Nacht, S. 80.