Predigt über Matthäus 9, 35 – 10, 1. 5-11.13b am 5. Sonntag nach Trinitatis (2019)

35 Und Jesus zog umher in alle Städte und Dörfer, lehrte in ihren Synagogen und predigte das Evangelium von dem Reich und heilte alle Krankheiten und alle Gebrechen.

36 Und als er das Volk sah, jammerte es ihn; denn sie waren geängstet und zerstreut wie die Schafe, die keinen Hirten haben.

37 Da sprach er zu seinen Jüngern: Die Ernte ist groß, aber wenige sind der Arbeiter.

38 Darum bittet den Herrn der Ernte, dass er Arbeiter in seine Ernte sende.

01 Und er rief seine zwölf Jünger zu sich und gab ihnen Macht über die unreinen Geister, dass sie die austrieben und heilten alle Krankheiten und alle Gebrechen.

5 Diese Zwölf sandte Jesus aus, gebot ihnen und sprach: Geht nicht den Weg zu den Heiden und zieht nicht in eine Stadt der Samariter,

6 sondern geht hin zu den verlorenen Schafen aus dem Hause Israel.

7 Geht aber und predigt und sprecht: Das Himmelreich ist nahe herbeigekommen.

8 Macht Kranke gesund, weckt Tote auf, macht Aussätzige rein, treibt Dämonen aus. Umsonst habt ihr’s empfangen, umsonst gebt es auch.

9 Ihr sollt weder Gold noch Silber noch Kupfer in euren Gürteln haben,

10 auch keine Tasche für den Weg, auch nicht zwei Hemden, keine Schuhe, auch keinen Stecken. Denn ein Arbeiter ist seiner Speise wert.

11 Wenn ihr aber in eine Stadt oder ein Dorf geht, da erkundigt euch, ob jemand darin ist, der es wert ist; bei dem bleibt, bis ihr weiterzieht. …

13b Ist er es aber nicht wert, so wende sich Euer Friede wieder zu Euch.

Liebe Gemeinde,

was ist die Aufgabe eines Jüngers, eines Nachfolgers Jesu?

Darum soll es in meiner heutigen Predigt gehen.

Jesus zog umher“, heißt es zu Beginn. Von Ort zu Ort, in Dörfer und Städte. „Und er predigte das Evangelium des Reiches und heilte jede Krankheit und jedes Gebrechen.“

Sieht man einmal davon ab, dass das „jede“ doch eher übertrieben wirkt – so wird das wohl so stimmen. Predigen: die Gegenwart des Reiches Gottes und Menschen zu heilen: Dies fasst Jesu irdisches Wirken recht gut zusammen. Wir wissen nicht, warum er das machte. Es war offenbar seine „Berufung“. Sie folgte aus seinem tiefen Gottvertrauen heraus. In dem heutigen Textabschnitt erfahren wir noch mehr:

Als er aber die Volkmengen sah, jammerte es ihn, weil sie erschöpft und verschmachtet waren, wie Schafe die keinen Hirten haben.“ Das griechische Wort „splanchizomai“, das M. Luther mit „es jammerte ihn“ übersetzt, heißt wörtlich: „Die Eingeweide umgedreht bekommen vor Mitleid.“ Es scheint mir die Fähigkeit auszudrücken, das „Elend“ der Mitmenschen ganz tief an sich heran, ganz tief in sich hinein zu lassen. Und was ist da so schlimm, so „bejammernswert?“ Sie sind „erschöpft“ und „verschmachtet“: wörtlich, „sie liegen am Boden“.

Sie können nicht mehr, sie sind am Ende.- Wie Schafe, die keinen Hirten haben.“

Das Bild weist auf Desorientierung hin. Schafe ohne Hirten wissen nicht, wo es gutes Weideland und Wasser gibt, wie sie sich vor wilden Tieren schützen sollen. Es fehlt Ihnen die Kraft, die sie zusammen hält und bewahrt. Bildlich ausgedrückt:

Es fehlt der „Gute Hirte“!

Damit ist zugleich die Aufgabe eines guten Pfarrers genannt: Seine Gemeinde zusammen zu halten, sie zu nähren und sie zu beschützen. Dazu bedarf es einer starken, in Gott und gerade so in sich ruhenden Persönlichkeit.

Ein starker Hirte weiß um sich, um seine Schwächen und um seine Stärken. Wer selbst in sich verwirrt, desorientiert ist, der kann Andere nicht führen. So hieß es im Predigttext heute vor einer Woche: „Kann ein Blinder einen Blinden führen? Werden nicht beide in die Grube fallen?“ (Lukas 6, 39b)

Sehend werden aber heißt, lernen, sich selber zu sehen: „… denn so hoch die Seele auch stehen mag, nie wird etwas anderes die Selbsterkenntnis ersetzen können, ob man dies will oder nicht.“1 Leider ist diese Einsicht zu Theresas Zeiten genauso wenig verbreitet gewesen, wie sie es heute ist.

In der Gegenwart fehlt vielen „Hirten“ in Wirtschaft, Kirche und Politik die Hochschätzung der Selbsterkenntnis und damit die Hochschätzung von Wahrheit.

Ein markantes Beispiel, das ich aus dem neuen Büchlein von Rainer Erlinger, „Warum die Wahrheit sagen?“ entnehme: Die Washington Post – für D. Trump der Inbegriff von Lügenpresse – hat mit sorgfältiger Recherche nachgewiesen: „In den ersten hundert Tagen seiner Amtszeit hat Trump im Schnitt 4,9 falsche oder irreführende Behauptungen pro Tag aufgestellt,. Mitte 2018 lag der Schnitt seit seines Amtsantritt bereits bei 7,6 … Vor den Midterms, den Kongress und Senatswahlen … steigerte sich der Schnitt auf 30 pro Tag. … Einen Höhepunkt … stellte der 7. September 2018 dar mit sage und schreibe 125 falschen oder irreführenden Aussagen.“ 2 Aber das wirklich Ernüchternde kommt erst: 91 Prozent der „Strong Trump Supports“ (also der starken Trumpbeführworter) vertrauen Trump, dass er korrekt informiert. Freunde und Familie kommt dagegen nur auf 63 Prozent und die üblichen Medien auf 11 Prozent!“

Trump hat eines erkannt und macht kein Hehl daraus, dass dies sein Erfolgsgeheimnis ist. Sein Ghostwriter, Thony Schwartz, hat folgenden Satz Trump in den Mund gelegt: „Ich spiele mit den Phantasien der Menschen. (…) Menschen wollen glauben, dass etwas das Größte, das Großartigste, das Spektakulärste ist. Ich nenne es wahrheitsgemäße Überspitzung. Es ist eine unschuldige Form der Übertreibung – und es ist eine sehr effektive Form von Werbeaktion.“3 Inzwischen, so Erlinger, distanziere sich Schwartz von diesen Sätzen. Seiner Meinung nach sei Täuschung nie „unschuldig“4.

Die Wahrheit bedarf keiner Werbung. Nur die Manipulation und die Lüge müssen beworben werden. Die Wahrheit ist. Nicht mehr – nicht weniger.

Der Verführer muss werben. Sein Erfolg, seine Freude ist nicht das Erkennen von Wahrheit – sondern den Anderen „auf seine Seite gezogen“ zu haben. Einen „guten Deal“ gemacht zu haben. Der Verführer will Macht über den Anderen bekommen, da er es nicht aushält, alleine und auf sich selbst gestellt zu sein. Würde er aufhören, die Anderen zu manipulieren, müsste er sich selbst begegnen, müsste er seine Angst spüren, dass der „schöne Schein“ die Leere seines wirklichen Seins vertuschen soll. Er müsste entdecken, dass er in der Tiefe am allermeisten sich selbst betrogen hat, dass seine „Werbeaktion“ so effektiv gewesen ist, dass er selber darauf hereingefallen ist. Seine vorgespielte und -getäuschte Größe und Großartigkeit soll in Wirklichkeit sein „inneres“ Gefühl von Kleinheit und Wertlosigkeit vertuschen.

Auf dem Weg der Selbsterkenntnis werden diese schmerzhaften Selbstlügen und -Täuschungen aufgedeckt; sie kommen ins Bewusstsein. So wird verständlich, dass dieser Weg nicht verbreitet und keinesfalls beliebt ist. Dies gilt natürlich alles auch für die Kirche und ihre Führer, ihre Hirten.

Ein starker Pfarrer ermutigt seine Gemeinde zu Selbsterkenntnis, weil er selbst aus dieser Quelle heraus lebt. Er weiß, dass bei allen schmerzhaften Einsichten die Wahrheit der einzige Boden ist, der wirklich trägt. Es ist die Wahrheit über das eigene So-und-nicht-anders-Geworden-Sein und die Anerkennung dieser Wahrheit, das Erleben dieser Wahrheit. Dies nährt und heilt. „Wahrheit ist die Milch der Seele“, sagt W. Bion. „Seid wie die neugeborenen Kinder begierig nach der vernünftigen, unverfälschten Milch …“ heißt es im ersten Petrusbrief (2,2)

Wie ist aber dann zu erklären, dass die Schafe lieber dem „Wolf im Schafspelz“ vertrauen, als sich selbst auf die Suche nach ihrer Wahrheit zu machen und sich Hirten danach aussuchen, inwieweit sie der Wahrheit verpflichtet sind? Weil der Mechanismus, den D. Trump genannt hat, wahr ist: Die Verführer nehmen den ihnen Anvertrauten das eigene Denken ab. Sie sagen: Wenn du mir folgst, dann mach ich dich großartig. Das erinnert sehr an die Versuchung des Diabolos, des Durcheinander-Werfers, dem Jesus in seinem Allein-Sein „in der Wüste“ begegnet: „Wenn du dich vor mir nieder kniest und mich anbetest, dann bekommst du die Macht über die Reiche, die du siehst, übertragen.“ Genau betrachtet versucht der Diabolos, Jesus von sich abhängig zu machen. Ein armer Teufel, der sein eigenes Allein-Sein nicht erträgt.

Es gibt noch einen kleinen Satz in unserem Predigttext, den ich als Pfarrer im Ehrenamt ganz besonders stark erlebe: „Umsonst habt ihr empfangen, umsonst gebt! Verschafft euch nicht Gold noch Silber noch Kupfer in eure Gürtel …“

Und dann heißt es – scheinbar im Widerspruch dazu:

Denn der Arbeiter ist seine Nahrung wert.“

Der Widerspruch löst sich auf, indem man diese beiden Gedanken auf die Motivation, auf den inneren Antrieb des Hirten anwendet: Seine Leidenschaft möge sich nicht darauf richten, mit seiner Tätigkeit, seinem „Amt“ des Predigens und Heilens möglichst viel für sich selbst heraus zu schlagen: Sei es materielle Gewinne, sei es Status, Berühmtheit oder eben auch Abhängigkeit. Seine Leidenschaft soll sich ausschließlich auf „seinen Job“ richten – und nicht auf die Bestätigung oder gar Herstellung seines eigenen Wertes.

Es geht nicht darum, wie der, der hier steht „rüber kommt“. Es geht darum, ob der, der hier steht, ein brauchbares Medium ist dafür, mit etwas Größerem, Ganzheitlichem, Wahrem in Verbindung zu kommen. Ein guter Hirte (wie übrigens auch ein guter Künstler) ist ein durchlässiger Hirte – durchlässig für das Wort Gottes, für den Atem des Heiligen Geistes. Darin besteht sein Wert. Macht er einen guten Job, so ist er „seiner Speise wert.“ Auch ein Hirte muss von etwas leben. Das ist es aber dann auch. Kein Platz für Selbstbedienung, für Selbstbereicherung.

Liebe Gemeinde,

es gibt noch viele weitere Aspekte unseres Predigttextes, auf die ich aus Zeitgründen – mir wurde gesagt, spätestens um 10 Uhr muss der Gottesdienst beendet sein – nicht eingehen werde.

Nur einen letzten Gedanken noch und zwar zu dem Satz: „Wenn ihr aber in eine Stadt oder in ein Dorf einkehrt, da erkundigt euch, ob jemand darin ist, der es wert ist; bei dem bleibt, bis ihr weiterzieht. … Ist er es aber nicht wert, so wende Euer Friede sich wieder zu Euch.“

Dieser Satz schafft Raum für „dazwischen“. Es ist auch eine Falle zu meinen, man könnte jeden erreichen. Das ist Ausdruck von Größenwahn und führt zu Überforderung. Und es übersieht, dass ich, mein Ich, es ohnehin nicht im Griff hat, jemand zu erreichen, wirklich zu berühren. Alles was ich kann, ist, mir Mühe zu geben, einen guten Rahmen herzustellen, mich gewissenhaft vorzubereiten. Alles, was dann geschieht, ist Wirken des Heiligen Geistes. Dies gilt auch im Alltäglichen. Es ist wichtig für die Hygiene der eigenen Seele, darauf zu achten, wie der Andere mit dem, was er von mir bekommt, umgeht: wertschätzend oder entwertend. Es gibt das schöne Bild, die eigenen Perlen nicht vor die Säue zu werfen: Dies geht freilich nur, wenn ich mir des Wertes meines Eigenen bewusst bin und bleibe. So bleibe ich gegenüber der Bewertung durch den Anderen frei und muss mich für Abwertungen nicht rächen. „Ich bleibe in meinem Frieden.“

Das war’s, liebe Gemeinde.

Ich glaube, meine Predigt ist ziemlich nüchtern geworden. Dies entspricht meiner eigenen Ernüchterung in den letzten 15 Jahren meiner Tätigkeit als Pfarrer im Ehrenamt. Wobei: Eine Ernüchterung ist ja nichts Schlechtes. Im Gegenteil: Sie ist das Beenden eines Rausches, in dem man sich die Wirklichkeit schön getrunken hat. Erst dann kann man die wirkliche Schönheit dessen, was ist, erkennen und sie von schönem Schein unterscheiden. Und das tut ernüchternd gut! AMEN.

Anmerkungen

1 Die innere Burg, S. 30.

2 R. Erlinger, War um die Wahrheit sagen? S.92 Weitere Quellenhinweise finden sich hier.

3 Ebd. S. 106

4 Ich habe vor kurzem in anderem Zusammenhang in einer Predigt kritisiert, wenn Pfarrer ihre Predigten aus dem Internet „abkupfern“ und sie als ihre eigenen ausgeben. Ein erboster Kollege bezichtigte mich, „unkollegial“ und „unbarmherzig“ zu sein. Schließlich sei es besser, der Gemeinde ein „gutes Plagiat“ vorzusetzen, als etwas „Halbgares“. Hier wird deulich, wie sehr der Betrüger von seiner eigenen Wertlosigkeit überzeugt ist und seine Rettung darin sieht, „sich mit fremden Federn zu schmücken.“ Meiner Meinung nach gibt es kein „gutes Plagiat“. Plagiat stammt von dem Lateinischen Wort „plagium“, was „Menschenraub, Seelenverkauf“ bedeutet. (Vgl. Duden, Das Herkinftwörterbuch, 2. Auflage 1997)