Predigt über die „Todsünde“ der Lethargie in Zeiten des Corona-Virus

Liebe Gemeinde,

ich habe heute über die Todsünde oder Wurzelsünde der Lethargie zu predigen.

Vorab eine Definition: Unter Sünde verstehe ich die „Entfremdung von mir und von Gott“. Gott ist für mich kein jenseitiges „Wesen“, sondern jene Kraft oder Energie, in der und aus der heraus ich meine Leben leben darf. Er ist eine Chiffre für mein in der Tiefe unerkennbares „Ureigenstes“. Sünde bedeutet: Dieses, mein „Ureigenes“, ist mir fremd.

Zwei griechische Worte stecken in „Lethargie“:

lethe“ und „argos“

Lethe“ bezeichnet in der griechischen Mythologie den „Fluss des Vergessens“, den der Verstorbene zu überqueren hat. Das Substantiv „Lethe“ heißt einfach: das „Vergessen“.

Und „argos“: So hieß der Jagdhund des Odysseus, der untätig auf dem Misthaufen gelegen hatte und von allen vergessen worden ist – während er selbst sein Herrchen in den 20 Jahren des Wartens nicht vergessen hatte. Er ist der Erste, der den zurückkehrenden Odysseus erkannte und schwanzwedelnd begrüßte. Zum Sich-Aufrichten war er zu schwach: – von Ungeziefer zerfressen, starb er im Moment des Wiedersehens.

Im Griechischen heißt „argos“: „untätig, träge, faul“. Sie merken – das gilt für den Hund des Odysseus nur aus der Sicht derer, die ihn vergessen hatten. Argos hatte die Kraft, die verinnerlichte Beziehung zu Odysseus zu halten. Dies ist die Kraft der Liebe.

Verbindet man die beiden Worte, so entsteht ein Gedanke wie:

Im Vergessen untätig werden.“

Ich kenne Menschen, die sagen: „Ich weiß nicht, was ich gemacht habe. Ich glaube gar nichts. Ich saß einfach da und nach vier Stunden habe ich gemerkt, ich sitze immer noch da, nur jetzt ist es vier Stunden später.“ Der Wüstenvater Euagrios Ponticus hat das so beschrieben: „Der Dämon der acedia (wörtlich „Gleichgültigkeit – Sorglosigkeit“), der auch Mittagsdämon genannt wird, ist der beschwerlichste von allen. … Zuerst bewirkt er, dass die Sonne sich nur schwer oder gar nicht zu bewegen und dass der Tag 50 Stunden zu haben scheint. Dann treibt er einen an, ständig zum Fenster hinauszuschauen … Weiter impft er einem die Aversion gegen den Ort ein, an dem man lebt und gegen die Lebensweise selbst …“

Vor kurzem sagte mir jemand: „Ich hatte mir so fest vorgenommen zu arbeiten; aber dann konnte ich mich nicht konzentrieren, dann war ich sauer auf mich, dann habe ich mir einen Porno reingezogen und weil es dann auch schon egal war, habe ich mir mehrere Flaschen Bier genehmigt …“

Die Falle im Umgang mit solchen Menschen ist, sie zu pushen: „Du musst endlich mal deinen A. hoch kriegen; immer darf ich die Sachen für dich erledigen …“ Das, was wie „pushen“ aussieht, ist in Wahrheit aus dem Ärger, aus der Wut geboren!

Und das spürt der Andere ganz genau! Und sitzt es aus. Lethargische Menschen sind Meister im Aussitzen. Um sie zu erreichen und ihnen vielleicht zu helfen, sich selbst zu erreichen, ist es nötig, diese Gefühle der Wut bei sich selber zu spüren und durch zu arbeiten. Erst dann habe ich eine Chance, den Anderen zu erreichen. (Dies gilt im übrigen für jedes ernsthafte Gespräch. Solange ich nur sauer auf den Anderen bin, ist alles, was ich erreiche, dass dieser sich schützt. Und Sich-Schützen ist die Gegenbewegung zu Sich-Öffnen.)

Es geht um liebevolles Verstehen. Was steckt denn hinter der Lethargie?

Der lethargische Mensch hat „sich selbst vergessen“! Daraus folgt seine „Untätigkeit“. Ein typischer Traum eines solchen Menschen ist, dass er sein Auto nicht mehr findet, oder den Schlüssel zu seiner Wohnung nicht mehr findet oder sich in einer fremden Stadt verlaufen hat und nichts bei sich hat: kein Geld, keinen Ausweis … In wieder anderen Träumen wird er ausgeraubt und kann nichts dagegen tun.

Dieses „Vergessen“ schlägt sich nicht nur in der Traumwelt, sondern auch in der äußeren Welt nieder: Schon als Schüler tat er sich schwer, die richtigen Hefte und Bücher mit zu bringen. Zu lernen um gut zu sein oder etwas zu wissen, ist kein erstrebenswertes Ziel. Eher schon, nicht zu funktionieren, sich durch zu mogeln.

Als Erwachsener ist er viel mit Suchen von Dingen beschäftigt, die er vorher „gedankenlos“ verlegt hat: Insbesondere Brillen oder auch Schlüssel eignen sich hierfür bestens. Oder er „vergisst“ einen vereinbarten Termin. Die vermeintliche Rettung lautet dann: Ich muss mir alles aufschreiben. Der Sog des Vergessens kann jedoch bewirken, dass er vergisst, da nachzuschauen, wo er den Termin aufgeschrieben hat. In der Tiefe sind diese Menschen „nicht ganz da“ – sie lieben es, vor sich hin zu träumen. Der Computer, Marihuana oder Alkohol sind beliebte Hilfsmittel, dieses Träumen zu unterstützen.

Die Realität erscheint unwirtlich und hart. Als Kinder haben sie erlebt, dass es wenig um sie ging. Es sind die Kinder, die verinnerlicht haben: „So, wie ich behandelt werde, scheine ich für meine Eltern nicht sehr wichtig zu sein. Sie scheinen keinen Wert darauf zu legen, dass ich etwas kann. Sie scheinen auch nicht stolz auf mich zu sein. Leistung ist nicht so wichtig. So tun sich diese Menschen in unserer Leistungsgesellschaft schwer; man wird sie kaum in Positionen finden, zu denen hin man sich „durcharbeiten“ musste. Oft sind sie als Kinder auch sehr verwöhnt worden: die „harten“ Alltagsarbeiten, wie Zimmer selber aufräumen oder gar selber zu putzen wurden ihnen „erspart“…

Und da wir Menschen unsere Grundüberzeugungen, mit denen wir durchs Leben gehen, unbewusst und selbstverständlich auch auf unsere Mitmenschen anwenden, kommt es vor, sich im Zusammensein mit solchen Menschen auch vergessen und/oder unwichtig zu fühlen. Es ist unwahrscheinlich, eine schnelle Antwort auf eine Nachricht zu bekommen. „Ich bin eh nicht wichtig“ heißt auch: „Ich glaube nicht, dass ich für dich wichtig bin, dass du dich wirklich für meine Meinung, meine Rückmeldung interessierst.“ Im Grunde seiner Seele zweifelt der Lethargische daran, ob es ihn wirklich gibt. Und Menschen, die mit ihm zu tun haben, erleben oft genau dasselbe: Gibt es mich eigentlich für ihn?

Liebe Gemeinde,

ich könnte mir gut vorstellen, dass Ihnen beim Zuhören etliche Menschen eingefallen sind, auf die der eine und/oder andere Gedanke dessen, was ich gesagt habe, zutrifft.

Mir ging es beim Schreiben genau so.

Schwieriger ist es, dies alles auf „mich“ – also auf sich selbst anzuwenden.

An welchen Stellen bin ich, sind Sie „im Vergessen untätig“?

Dazu müssen wir uns noch einmal dem „Vergessen“ zuwenden.

Es gibt nämlich zwei Arten von „Vergessen“: Eine kerngesunde und eine ungesunde.

Die kerngesunde Art des Vergessens ist die Fähigkeit des Loslassens. Dass mich etwas, was ich erlebt habe, nicht weiter quält. Was bin ich froh und dankbar, nicht alles, was ich in meinem Leben gedacht, gesagt und getan habe, erinnern zu müssen. Das ist die Wahrheit von: „Glücklich ist, wer vergisst!“

Die ungesunde Art des Vergessens ist ein: „so tun, als ob nichts ist.“ Diese Art des Vergessens hat viel mit Ignoranz zu tun. Sie dient der Abwehr von extrem unangenehmen und belastenden Gefühlen, die sich mit einem ganzheitlichen Blick auf das, was ist bzw. gewesen ist, einstellen würden. Psychologen nennen dieses „Vergessen“ bzw. „Ignorieren“ Verdrängung, auch Verleugnung. Es ist ein wesentlicher Schutz der menschlichen Seele bei Verletzungen. Nun lassen sich Verletzungen aber nicht „vollständig“ verdrängen. Was bleibt sind „Nebenwirkungen“ wie Schlafstörungen, chronische Erschöpfung, Gereiztheit, zu hoher Blutdruck, Infektanfälligkeit, häufige Niedergeschlagenheit usw.. Auch der Ausbruch von schweren Erkrankungen wie Krebs oder Herzinfarkt kann mit schweren unverarbeiteten seelischen Verletzungen einher gehen. Bei diesen Traumata ist die Seele mit ihren Möglichkeiten des Verarbeitens am Ende: Sie benötigt externe professionelle Hilfe.

Wobei es ein verbreitetes Missverständnis ist, Psychotherapie, gerade auch psychoanalytische Therapie, kreise um die Vergangenheit, „stochere“ nach Erlebnissen in der Kindheit. Vor kurzem sagte mir ein Patient: Ich weiß schon so ungefähr, warum ich so bin, wie ich bin. Ich möchte heute etwas ändern.

Das ist völlig richtig. Das „Stochern“ in der Vergangenheit „bringt“ nichts, oder, schlimmer noch: Es bringt die Gefühle eines Opfers. „Was wurde mir nicht alles angetan!“ Dies führt zu Selbst-Mitleid und zur Spaltung des Denkens und Erlebens in Täter und Opfer.

Die entscheidende Frage ist nicht die Warum-Frage.

Die entscheidende Frage ist die Wie-Frage: Wie wirken sich seelische Verletzungen, die ich erlitten habe und die mir so nicht mehr bewusst sind, auf meine Gegenwart aus. Es geht also darum, Verbindungen aus der Vergangenheit mir der Gegenwart herzustellen. Mit dem Ziel: Dann vergessen zu können. Denn alles, was ich wirklich „durchgearbeitet“ habe, kann ich am Ende loslassen. Es ist das emotional nicht Erinnerbare, das uns in der Gegenwart quält.

Und ein Letztes: Ein Lob der Faulheit!

In unserer Leistungsgesellschaft ist schnell von Faulheit die Rede, wo es um Werte geht, die scheinbar nichts mit Leistung zu tun haben: Langsamkeit, Achtsamkeit, Behutsamkeit. Oder wie Argos: „Warten-Können“. Diese Werte haben allesamt mit Nicht-Tun zu tun. Von daher ist die zur Eindämmung des Corona-Virus aufgezwungene Quarantäne unser Guru. Endlich haben wir das, was in unserer Leistungsgesellschaft so sehr fehlt: Zeit!

Und diese Zeit ist keine Tun-Zeit – es ist eine Sein-Zeit. Es ist die Gelegenheit, sich selbst neu kennen zu lernen: im Da-Sein. Die sich dabei möglicherweise einstellenden Gefühl von Öde, Langeweile, vielleicht sogar Sinnlosigkeit sind auszuhalten. Sie sind die Quelle für echte Kreativität!

Dass uns dies alles in der Passionszeit jetzt trifft, könnte (uns) Christen fast heiter stimmen. Der Umgang mit dem Corona-Virus ermöglicht nämlich eine echte Passionszeit – die noch einmal ganz andere Gefühle hochholt, als das Bekannte: Ich verzichte mal sechs Wochen auf Alkohol, Nikotin … Das ist „Passionszeit light“.

Gerade aber ist es ernst geworden. Wir haben neu zu lernen, dass die berühmte „Selbstbestimmung“ und „Selbstverwirklichung“ nicht der einzige und auch nicht der höchste Wert eines guten Miteinanders sein kann. Und es besteht die Hoffnung, dass ein „weiter so“ nicht mehr möglich ist. (Wobei die aktuellen Bilder aus China mit dem Triumph, „wir haben das Virus besiegt“, diese Hoffnung sogleich wieder dämpfen.)

Lass die Toten die Toten begraben; du aber geh hin und verkündige das Reich Gottes!“ Das ist einer der zentralen Sätze unseres heutigen Evangeliums. Das Reich Gottes ist kein jenseitiges: Es ist überall da, wo die Verbindungen geordnet sind: zunächst einmal innerhalb meiner und dann zu meinen Mitmenschen. Wesentliches Kennzeichen dieses Reiches ist ein Grundgefühl der Heiterkeit. Diese erwächst aus einer Grundsicherheit des Gehalten-und Geliebt-Seins. Je tiefer ich dies in mir finde und trage, desto leichter werde ich es auch ausstrahlen. Natürlich gehört dazu auch die Bereitschaft, Verantwortung zu tragen: für das eigene Leben und das Leben der Gemeinschaft. Ein Ausdruck dieser Verantwortung sind die derzeitigen erheblichen Einschränkungen des sozialen Lebens.

Mag sein, dass Menschen all dies können und überzeugt nicht an Gott glauben. Ich kann es so nicht. Mir hilft mein Glaube an, mein Vertrauen auf eine Kraft oder Energie, die „meine Abwehr stärkt“. Die mit den „Eindringlingen“, genannt Viren, schon fertig werden möge. Und wenn nicht: Dann ist es das, was es ist.

In Gottes Namen, Amen.