Predigt an Pfingsten 2020 über Apostelgeschichte 2, 6

Liebe Gemeinde,

seit alters her ist das Pfingstfest die Feier der Ausgießung des Heiligen Geistes und in eins damit das des Geburtstages der Kirche.

Ich möchte heute über einen Aspekt der Ausgießung des Heiligen Geistes predigend nachdenken:

Über Verstehen und Verstanden werden. Oder, anders:

Pfingsten, das Fest der Verständigung!

„ … ein jeder hörte sie in seiner eigenen Sprache reden …“ (Vers 6)

Was im übrigen keine Freude oder andere positive Gefühle auslöste – ganz im Gegenteil: „Sie entsetzten sich aber, verwunderten sich und sprachen: Siehe, sind nicht diese alle, die da reden, Galiläer? Wie hören wir sie denn ein jeder in seiner Muttersprache?“ (Vers 7) Gefühle von Entsetzen sind begleitet von Gefühlen der Hilflosigkeit und Ratlosigkeit, gepaart mit Angst, Ärger und Wut, vielleicht sogar Hass. Solche Gefühle mögen wir Menschen, mag unser „ICH“ nicht: Es wehrt sich dagegen. „So ein Blödsinn!“ sagt es. Auch Spott gehört dazu: „Die sind nicht ernst zu nehmen! Sie sind besoffen!“ Und damit ist auch schon die Rechtfertigung ausgestellt, sich davon abzuwenden. Das Ganze zu ignorieren.

Kurzum: Wir Menschen mögen es nicht, erleben zu müssen, nichts, aber auch gar nichts zu verstehen!

Man hat gesagt, das christliche Pfingstfest ist die Aufhebung der babylonischen Sprachverwirrung. Da, wo Verwirrung gewesen ist, tritt durch das Wirken des Heiligen Geistes Verständigung ein.

Wie schön wäre das: Verständigung im Kleinen wie im Großen, in den Familien wie unter den Völkern. Ja – wenn es doch nur so einfach wäre! Denn es ist ja anzuerkennen, dass das eigentliche Problem nicht die Sprache, sondern die Verständigung innerhalb ein und derselben Sprache ist! Das Problem hat mit Interessengegensätzen, Meinungsverschiedenheiten zu tun. Und mit Emotionen wie Neid, Gier, Angst usw.

Dabei steht am Anfang von Verständigung keineswegs „das Wort“ – oder die Sprache. Es gibt eine Verständigung, die auf gesprochene Sprache gar nicht angewiesen ist: Zum Beispiel mit einander Musizieren. Oder Körpersprache … Auch die Kommunikation mit Tieren kommt mehr oder weniger ohne Worte aus.

Am Anfang der Verständigung steht nicht das Wort, sondern das Interesse: Bin ich überhaupt bereit, den Anderen zu verstehen? Und, anders herum: Bin ich bereit, mich verständlich zu machen?

Unsere Welt und unser Alltag lehrt: Es wäre naiv, beide Fragen mit ja zu beantworten. Es ist nämlich leider so, dass sich verständlich machen und den Anderen zu verstehen ein anstrengendes und durchaus mühsames Unterfangen ist. Es bedarf Tugenden, die nicht en vogue sind: Geduld, Warten-Können, sich Zeit nehmen, sich einlassen. Und in alledem auszuhalten, nichts zu verstehen. So sind wir übrigens alle auf die Welt gekommen: Wir haben nicht einmal „Bahnhof“ verstanden! In der Bibel heißt es deshalb so schön: Es war „tohu wa bohu“ – frei übersetzt: Es ging drunter und drüber!

Die Schöpfung ist nichts anderes als die Transformation dieses Ur-Chaos oder dieser Ur-Finsternis. In ihr entsteht Gestalt, Struktur. Es ist der Geist Gottes, der Heilige Geist, der dies vermag. Es ist ein Geist der guten, dem Leben dienenden Ordnung. „Und Gott sah, dass es gut war“, heißt es deshalb am Ende eines jeden der sechs Schöpfungstage. (Nur beim siebten Tag, mit dem der Sabbath in die Welt kommt, fehlt es! Von ihm heißt es, dass Gott an ihn ruhte, ihn segnete und heiligte.)

Der Gegenspieler dieses ordnenden Verstehens ist der Triumph des Chaos. Die Lust am Zerstören. „Wir müssen uns doch nicht an diese blöden Einschränkungen halten …“ Es ist kein Zufall, dass in den Ländern, die von sogenannten populistischen Führern regiert werden, die Zahl der Infektionen und der Toten am höchsten ist. Und es ist auch kein Zufall, dass genau dies vertuscht werden soll. Der Satan, der Diabolos (wörtlich: Durcheinander-Werfer) arbeitet im Verborgenen.

Verstehen und verstanden-werden hat mit der Bereitschaft zu tun, sich an Ordnungen anzupassen, anstatt sich darüber hinwegzusetzen. Dies gilt auch für das Miteinander-Sprechen. Sich an Ordnungen zu halten heißt, Grenzen zu akzeptieren. Heißt aushalten, dass ich begrenzt bin. Spürbar werden meine Grenzen über meinen Körper und seine Endlichkeit und Vergänglichkeit. Er spricht in seiner Körper-Sprache zu mir, in Form von Hunger und Durst, in Form von Müdigkeit, Schmerzen, in Form von Herzklopfen oder Schwitzen usw. Anders kann er sich mir nicht verständlich machen. Auf der anderen Seite meines Körpers steht mein Ich, mit seinen Wünschen, Hoffnungen, Sehnsüchten – auch mit seinen Enttäuschungen, Verbitterungen. Und mit seiner Bereitschaft, den eigenen Körper neugierig-liebevoll kennen zu lernen. Dies ist nicht selbstverständlich. Gelingt es mir, meinem Ich, sich für meinen Körper und für das, was er versucht auszudrücken, zu interessieren? Oder soll er vor allem funktionieren und ansonsten still sein? Vielleicht habe ich mich gerade so als Kind gefühlt: „Kinder soll man sehen, aber nicht hören!“ lautete eine der Regeln der sogenannten schwarzen Pädagogik. Oder ich habe als Kind gelernt, dass das Wichtigste ist, dass ich „gut“ oder „nett“ ausschaue. Dann werde ich viel Energie dafür aufbringen, dass mein Körper diesen Idealen entspricht. Auch dies hat nichts mit wahrhaftigem Interesse für ihn und an ihm zu tun, sondern damit, dass er nicht genügt, so wie er ist. „Inter-esse“ heißt nämlich laut Duden wörtlich: „dazwischen sein, dabei sein, teilnehmen, von Wichtigkeit sein“.

Nehme ich am Leben meines Körpers Anteil? Und zwar liebevoll-neugierig?

Oder verstecke ich mich und meine Körperlichkeit, wozu es im Christentum leider eine lange Tradition gib.

Adam, wo bist du?“ Dies ist die erste Frage Gottes an „Adam“, den „Menschen schlechthin“. Gott ist am Einzelnen interessiert. Gott spricht den Einzelnen direkt an. Und genau davor hat Adam Angst. Der Mensch hat sich versteckt. Er wagt es nicht, für sich selbst einzutreten. Aus Scham und aus Angst. Er wagt es nicht, Gott zum Gegenüber, zum „Du“ zu werden.

Dies ist unsere Situation: Wir verstecken uns – vor Gott und so vor uns selbst. Aus Angst und aus Scham. Wir wagen es nicht, zu uns selbst zu stehen: mit unseren Wünschen, mit unseren Gedanken, mit unseren Handlungen. Wir sind feige. Was hatte Adam gemacht? Er hatte sein Weib erkannt, heißt es: „Und Adam erkannte Eva.“ Erkennen bedeutet im Hebräischen „sich für den anderen interessieren“, am Leben und an der Lebendigkeit des Anderen teilnehmen und Teilhabe gewähren – einschließlich gemeinsamer Sexualität. Von daher geht „erkennen“ fließend in „lieben“ über.

Die Wurzel des Verstehens und der Verständigung liegt in der Bereitschaft zu lieben und sich lieben zu lassen. Dies ist etwas sehr anderes als sich bewundern zu lassen und über Andere zu triumphieren.

Liebe entsteht in der Hinwendung zu mir und zu meinem jeweiligen Nächsten. Die Haltung dieser Hinwendung ist freundliche Aufmerksamkeit – ohne schon zu wissen, was der Andere braucht oder was ihm gut tut. Auch ohne zu wissen, was er falsch macht und was er verbessern könnte.

Liebe heißt, sich für den Anderen gerade so wie für mich selbst zu interessieren. Die Haltung ist freundliche Offenheit.

Adam, wo bist du?“ ist Gottes Raum gebende Frage. Und nicht: „Adam, wie konntest du nur, du bist falsch …“ Ich weiß, dass Religion seit es sie gibt für Pädagogik und Moral missbraucht worden ist. Gerade so hat sie ihr Ansehen verloren.

Für mich ist Religion die Hin- und Rückführung des Menschen zu sich selbst: zu seinem Eigenen und zu seinem Eigentlichen.

Oder – wie es in einer chassidischen Geschichte heißt: Als Rabbi Sussja merkte, dass er nicht mehr lange zu leben hatte, sagte er: „In der kommenden Welt wird man mich nicht fragen, warum bist du nicht Moses gewesen. Man wird mich fragen: Warum bist du nicht Sussja gewesen?“

Und in einem indischen Weisheitswort heißt es:

Warum bringt du nicht deinen eigenen Lotus zum Blühen? Die Bienen werden dann von selbst kommen.“

Und Paul Gerhardt hat gedichtet: „Mach in mir deinem Geiste Raum, dass ich dir werd ein guter Baum und lass mich Wurzel treiben. Verleihe, dass zu deinem Ruhm ich deines Gartens schöne Blum und Pflanze möge bleiben.“

Immer wenn dies geschieht – dann ist Pfingsten! AMEN