Predigt über Deuteronomium 7, 6-12 am 6. Sonntag nach Trinitatis 2020

Liebe Gemeinde,

als ich mich mit unserem heute zu predigenden Text aus dem 5. Buch Mose beschäftigte, fiel mir mit einem Mal wie Schuppen von den Augen, warum gerade in evangelikalen Kreisen auch und besonders in Amerika der jetzige Präsident so hoch im Kurs steht. Hören Sie bitte selbst:

7, 1-5:

1 Wenn dich der Herr, dein Gott, ins Land bringt, in das du kommen wirst, es einzunehmen, und er ausrottet viele Völker vor dir her, die Hetiter, Girgaschiter, Amoriter, Kanaaniter, Perisiter, Hiwiter und Jebusiter, sieben Völker, die größer und stärker sind als du,

2 und wenn sie der Herr, dein Gott, vor dir dahingibt, dass du sie schlägst, so sollst du an ihnen den Bann vollstrecken. Du sollst keinen Bund mit ihnen schließen und keine Gnade gegen sie üben

3 und sollst dich mit ihnen nicht verschwägern; eure Töchter sollt ihr nicht geben ihren Söhnen und ihre Töchter sollt ihr nicht nehmen für eure Söhne.

4 Denn sie werden eure Söhne mir abtrünnig machen, dass sie andern Göttern dienen; so wird dann des Herrn Zorn entbrennen über euch und euch bald vertilgen.

5 Sondern so sollt ihr mit ihnen tun: Ihre Altäre sollt ihr einreißen, ihre Steinmale zerbrechen, ihre heiligen Pfähle abhauen und ihre Götzenbilder mit Feuer verbrennen.

Ich denke, dieser Text spricht für sich. Keine Angst: Es ist nicht der heute zu predigende Text. Aber es ist der Text, der unmittelbar vor unserem Predigttext steht. Und ich fand keine einzige Predigt im Internet, in der auf diesen Zusammenhang aufmerksam gemacht wird! In dem eben gelesenen Text wird die Politik der Ausgrenzung, ja der Vernichtung des Anderen, Fremden propagiert: “Ihre Altäre sollt ihr einreißen, ihre Steinmale zerbrechen, ihre heiligen Pfähle abhauen und ihre Götzenbilder mit Feuer verbrennen.” Es ist das Gegenteil von Respekt und Achtung vor dem Anderen, dem Fremden. Was zählt ist das eigene Volk – was nicht zählt, das sind die Anderen.

Auf diesem Hintergrund beginnt der Text, über den ich heute zu predigen habe: “Denn du bist ein heiliges Volk dem Herrn, deinem Gott! Dich hat der Herr, dein Gott erwählt zum Volk des Eigentums, aus allen Völkern, die auf Erden sind.”

Das klingt gut – aber ist nicht gut. Ist nicht gut, solange die Erwählung, die Besonderheit des Einen auf Kosten des Anderen geht. Solange herrscht Zwietracht. Im eigentlichen Sinne des Wortes: Zwei stehen einander unversöhnt ja feindlich gegenüber. Ich/meine Gruppe, meine Religion – und der/die Anderen. Dasselbe Geschehen finden wir schon ganz am Anfang des AT: Das Opfer des einen wird „erwählt“, das Opfer des Anderen abgelehnt. So entsteht der erste Mord: der Brudermord. Das/der eine ist gut – das/der Andere ist böse. Das ist der Preis, den wir Menschen bezahlt haben, als wir vom Baum der Erkenntnis aßen. Damit zerfiel die denkbare Welt in gut und böse.

Auf diesem Hintergrund möchte ich über unseren Predigttext nachdenken, der selbst eine sehr alte Predigt ist – dem Mose in den Mund gelegt, gehalten vor der „Eroberung“ des „Landes, in dem Milch und Honig fließen“. Der Raum, in dem diese Predigt ertönt, ist ein Zwischen-Raum: Die Zeit der Sklaverei, der Fremd-Herrschaft in Ägypten ist vorbei, auch der lange und erschöpfende Marsch durch die Wüste liegt zurück. Das ersehnte Neue Land, die neue Heimat liegt in Sichtweite.

In diese Situation des Dazwischen, des Nicht-Stabilen hinein predigt Moses seinem Volk:

Du bist ein Volk, heilig für Jahwe, deinen Gott, dich hat Jahwe erwählt ihm zu gehören als Eigentumsvolk unter allen Völkern auf der Erde.“

Heilig heißt wörtlich: ganzheitlich. Die Erwählung besteht darin, aus den Fragmenten, Spaltungen und Dualismen etwas „Ganzes“ eben „Heiles“ werden zu lassen. Oder anders: Die Erwählung besteht genau nicht darin, sich selbst toll und die Anderen blöd, schwach oder gar unwert zu finden. Das ist der (verbreitete) Missbrauch des Erwählungs-Gedankens. Du bist nicht erwählt, um dir darauf irgend etwas einzubilden. Denn vor und von Gott ist jedes Lebewesen erwählt. Du bist heilig für Jahwe – d.h. dein Heil, deine Gesundheit, deine Integration, deine Ganzheit bleibt gebunden an deine Beziehung zu Gott. In dieser Verbindung bekommst du eine Idee, eine Wahrnehmung, eine Intuition, wer du in der Tiefe eigentlich bist. Was in der Tiefe dein Eigenes ist. Und Gott „will“, dass du dieser „wahrhaftigen“ Idee von dir selbst nahe kommst. Es ist schade, wenn du dich diesem deinen Weg entziehst. Dann bleibt er ungegangen – denn nur du konntest ihn gehen.

Nicht weil ihr alle Völker an Zahl überträfet, neigte sich Jahwe euch zu und erwählte euch – denn ihr seid das Kleinste von allen Völkern…“

Hier wird noch einmal betont: es geht nicht um das, was unter den Völkern als wichtig gilt: möglichst viel Einfluss haben, expandieren, groß werden. Genau anders herum: Das Schwache in Dir, das, was Du selbst oft missachtest, weil Du es peinlich, unangenehm ja unannehmbar findest – gerade darin wendet sich Gott dir zu. Und warum wendet sich Gott dem „kleinsten“ Volke zu?

Sondern weil Gott Euch liebte und weil er den Schwur hielt, den er euren Vätern geschworen, darum führte Euch Jahwe mit starker Hand heraus und erlöste Dich aus dem Sklavenhaus, dem Hause Pharaos, des Königs von Ägypten!“

Du kannst Dich auf deinen Gott verlassen: versprochen wird nicht gebrochen. Gott ist treu. So bist du eingebettet in einer langen Reihe von Generationen vor dir – und gerade so wird es auch nach dir sein. In unserer Zeit, die meint, alles selbst und neu erschaffen zu müssen, in der Lebenserfahrung wenig zählt, jung sein idealisiert wird, in dieser unserer Zeit beruhigt es (mich), einem Gott anzuhängen, der Tradition hat. Es beruhigt mich, dass ich nicht ganz alleine bin auf dem weglosen Weg durch die Wüste, sondern dass vor mir Menschen ihn gegangen sind und nach mir Menschen ihn gehen werden. Und es gibt mir Trost und Hoffnung, dass die neue Satzung oder Wegweisung gerade auf diesem Weg zu mir kommt. Wir nennen sie die „10 Gebote“, im Hebräischen sind es die 10 Worte, die ein gutes, beschütztes Leben in Freiheit ermöglichen.

So sollst du denn erkennen, dass Jahwe, dein Gott, der wahre Gott ist, der treue Gott, der den Bund und die Huld auf 1000 Geschlechter denen bewahrt, die ihn lieben und seine Gebote halten.

Gott befreit, Gott erlöst über die zu erlebende Erkenntnis, dass Leben ohne gute Ordnung im Chaos versinkt. In einer guten Ordnung ist alles an seinem Platz gekommen, es geht nicht mehr „drunter und drüber“. Die gute Ordnung ist eine dem Leben dienliche Ordnung, sie ist auf gutes Zusammenleben in Freiheit ausgerichtet. Dazu bedarf es der Einsicht, dass meine Freiheit nicht grenzenlos ist. Es bedarf der Bereitschaft und der Fähigkeit, sich selbst, die eignen Impulse zu hemmen und anzupassen. Auch zu verzichten. Das sind Fähigkeiten und Fertigkeiten, die mit sozialem Denken zu tun haben. Soziales Denken bedeutet, es geht nicht nur um mich und um meine Interessen! Und das Ziel ist nicht, dass (mein) Ich sich durchsetzt, sondern dass WIR zu einem bekömmlichen Miteinander kommen. Und ein bekömmliches Miteinander ist wesentlich ein gerechtes Miteinander, in dem ich bei allem, was ich tue und lasse auch die Konsequenzen für meine Umwelt mit berücksichtige.

Die aber, die Gott hassen, denen vergilt er an ihrer eigenen Person und lässt sie umkommen; nicht zögert er gegenüber dem, der ihn hasst, an seiner eigenen Person vergilt er ihm.

Das klingt sehr hart – und ist doch die nüchterne Wahrheit. Wer Gott hasst, der hasst in der Tiefe sich selbst und sein eigenes Leben. Dies führt zu destruktivem Verhalten: sowohl sich selbst als auch seinen Mitgeschöpfen gegenüber. Die 10 Worte Gottes, die „Gebote“, grenzen den Hass ein und ermöglichen seine Verwandlung in Liebe. Darum gilt:

Darum sollst du die Gesetzesweisungen, die Bestimmungen und Rechtssatzungen halten, welche ich dir heute zu befolgen anbefehle. Und dafür, dass ihr diese Rechtssatzungen anhört, sie haltet und befolgt, wird Jahwe, dein Gott, dir den Bund und die Güte bewahren, welche er deinen Vätern geschworen hat.

Nicht um dich zu knechten, nicht um dich zu unterdrücken, sondern um dich zu schützen und zu bewahren, für deine lebendige Freiheit, gibt es eine gute Ordnung. Und dafür, dass ein gerechtes, ausgewogenes Miteinander möglich wird. Die gute Ordnung, das gute Gesetz ist nicht in sich selbst verliebt, es dient der Gemeinschaft. Es ist ein „Ministerium“, ein „Amt des Dienstes“ an der Gemeinschaft. (So wie ein guter Minister ein guter Diener an der Gemeinschaft ist.) Das gute Gesetz weiß um den inneren Zusammenhang der Beziehung zu Gott und der Beziehung zueinander. Deshalb handelt es von gegenseitigem Respekt, Achtung und Fürsorge. Wer ausgrenzen, spalten, rassistisch denken will, stellt sich außerhalb der Rechtssatzungen Gottes!

Die zehn Worte, in denen sich die zehn Schöpfungstaten abbilden, sind Ausdruck des tiefen Wissens darüber, wie destruktiv es ist, lebensdienliche, dem Leben dienende Grenzen zu durchbrechen. In dieser Tiefe sind sie vor aller Moral. Wir leben in einer Zeit – und ich vermute, dies gilt für jede Zeit – in der das Sich-halten-an-Grenzen nicht beliebt ist. Es ist in der Tat mühsamer, bewusst und verantwortungsvoll zu leben, als ungehemmt „raus zu schreien“ und „raus zu hauen“, wonach einem gerade ist. Sich-halten an Grenzen heißt, den eigenen, inneren Triebimpulsen streng und liebevoll Einhalt zu gebieten. Auch dies gilt nicht erst seit heute. Jesus wurde nicht müde zu predigen und vorzuleben, dass Gesetz und Leben zusammengehören. Jesus hat nicht das Gesetz zerstört, sondern es mit Leben gefüllt. „Der Mensch ist nicht um das Sabbats willen, sondern der Sabbat um des Menschen willen!“ Das war das „Unerhörte“ an diesem Mann aus Nazareth. Wer sich auf diesen Weg einlässt, dem bleibt nicht erspart, zu erleben und zu erleiden, dass er sich unbeliebt macht. Er hat aufgehört, darauf zu schielen, wie viele „Follower“ er gerade hat, wie gut er ankommt. Ihm genügt ein einziger Satz: „Ich habe dich erkannt, ich habe dich erlöst, ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du gehörst dazu und zu mir – du bist frei geworden für dich und dein einmaliges Leben!“

Und darauf gibt es eine einfache Antwort: „Gott sei Dank!“ AMEN