Archiv der ‘Predigten’

Predigt über Johannes 5, 1-16 am 19. Sonntag nach Trinitatis 2019

Sonntag, 27. Oktober 2019

Liebe Gemeinde,

heile mich Herr, so werde ich heil, befreie mich, dann bin ich frei.“ (Jer. 17,14)

(M. Luther hatte übersetzt: „… hilf du mir, so ist mir geholfen.“

Dieser Ausruf, ja Appell des Propheten Jeremia, geht mir nahe.

Wer so ruft, wer so bittet, der muss eine Ahnung von Nicht-Heil-Sein haben.

Verbunden mit dem tiefen Vertrauen: „Du kannst mich heilen!“

Und er muss eine Ahnung davon haben, dass sein „Sich-nicht-heil-Fühlen“ zu tun hat mit einem Gefühl, „irgendwie unfrei“ zu sein.

Nicht wenige meiner Patienten sagen sehr früh im Laufe der Zusammenarbeit: „Ich wäre so gerne frei!“

(Fühlt Ihr Euch frei? – Was ist eigentlich „Freiheit“? Tun und Lassen können was man will? Dass einem keiner mehr reinredet?)

Der heutige Predigttext erzählt – wie schon vorher das Evangelium – von einer Heilung – mi Jeremias können wir jetzt auch sagen: Von einer Befreiung.

5, 1 Danach war ein Fest der Juden, und Jesus zog hinauf nach Jerusalem.

Danach“ heißt: Nachdem Jesus einen Todkranken geheilt hatte.

Ein Fest der Juden: Das ist der Rahmen unserer Befreiungsgeschichte. Das ist insofern wichtig, als damit der gesellschaftliche Rahmen genannt wird, innerhalb dessen Jesus handelt. Wir Menschen – völlig egal, was wir machen oder unterlassen – verhalten uns stets zur Gruppe. Auch der Einsiedler, der versucht, alles hinter sich zu lassen, verhält sich zur Gruppe seiner Mitmenschen. So wie es kein Vakuum auf der Erde gibt, so gibt es kein Verhalten/Tun. ohne auf die Gruppe Bezug zu nehmen.

2 Es ist aber in Jerusalem beim Schaftor ein Teich, der heißt auf Hebräisch Betesda. Dort sind fünf Hallen; 3 in denen lagen viele Kranke, Blinde, Lahme, Ausgezehrte.

Die Heilung findet in der Nähe des Schaftores statt, einem der 5 Jerusalemer Stadttore. Dort gibt es einen Teich, Betesda – das heißt auf deutsch „Barmherzigkeit“ -, der Wunder wirken kann. Einer Legende zufolge bewegt ein Engel diesen Teich von Zeit zu Zeit, und wem es als ersten gelingt, in das Wasser zu kommen, der ist geheilt. Auch beim Krank-sein geht es darum, vorne dran – erster zu sein.

Was sind wir Menschen nur für merkwürdige Wesen?

5 Es war aber dort ein Mensch, der war seit achtunddreißig Jahren krank.

Ich habe keine Ahnung, ob die Zahl 38 hier eine tiefere Bedeutung hat. Jedenfalls ist der Mann sehr, sehr lange krank. Wir würden heute sagen: seine Krankheit hat sich chronifiziert.

6 Als Jesus ihn liegen sah und vernahm, dass er schon so lange krank war, spricht er zu ihm: Willst du gesund werden?

Das ist bemerkenswert. „Willst du gesund werden?“ Das griechische Wort für gesund heißt: „hygies“; wir kennen es von dem Fremdwort Hygiene. Wörtlich heißt es: wohl leben im Sinne von munter, lebendig sein.

Offenbar ist es nicht selbstverständlich, dass jemand wohl leben will; das jemand „munter“ sein will.. Sigmund Freud hat dies den „Widerstand“ gegen den therapeutischen Prozess, gegen die „Heilung“ oder „Befreiung“ genannt. Dieser Widerstand hat mit dem „Gewinn“ des Krank-seins zu tun. Eine Leitfrage in der psychotherapeutischen Behandlung lautet: Was wird mit dem augenscheinlichen Leiden vermieden? Was wird als noch schlimmer erlebt als das, worunter ich gerade leide? Oder: Warum vermeiden wir mit aller Macht zu erleben, wie frei wir sind?

7 Der Kranke antwortete ihm: Herr, ich habe keinen Menschen, der mich in den Teich bringt, wenn das Wasser sich bewegt; wenn ich aber hinkomme, so steigt ein anderer vor mir hinein.

Der Kranke sagt, ich habe eine Vorstellung davon, wie ich gesund werden könnte. Diese Vorstellung kann ich aber nicht verwirklichen („realisieren“).

Es ist wichtig, in der therapeutischen Behandlung bzw. im seelsorgerlichen Gespräch genau hinzuhören. Was sagt der Andere und was meint er damit. Und: was meint er nicht. Die allermeisten Menschen haben eine Vorstellung (ein „Konzept“) davon, wie sie gesunden könnten. Verzweiflung stellt sich ein, wenn sie dieses Konzept nicht verwirklichen können. Missmutig, ärgerlich zu werden scheint erträglicher zu sein, als das eigene Konzept, die eigene Vorstellung von Gesundung selbst in Frage zu stellen. Die Vorstellung des Kranken am Teich der Barmherzigkeit ist eine magische: Es müsste ihm nur gelingen, als erster in das Wasser zu kommen. Dazu aber bräuchte er jemanden. Und den gibt es nicht. Oder jetzt vielleicht doch?

8 Jesus spricht zu ihm: Steh auf, nimm dein Bett und geh hin!

Jesus lässt sich auf das Gesundungs-Konzept des Patienten überhaupt nicht ein. Stattdessen provoziert er mit einer Art „paradoxen Intervention“: Einem Gelähmten zu sagen, „steh auf, nimm dein Bett und geh!“ könnte leicht verstärkten Widerstand hervorrufen. „Vielen Dank für Nichts! Genau das ist ja mein Problem, dass ich nicht stehen, geschweige denn gehen kann!“

Der Kranke leidet darunter, nicht auf seinen eigenen Beinen in der Welt stehen zu können. Und er hofft 38 Jahre lang darauf, dass er von außen Hilfe bekommt, dass ihn jemand zu seiner „Erlösung“, zu seiner „Rettung“ trägt. Der Gewinn dieser Haltung ist, selbst klein und abhängig bleiben zu können. Und an der Sehnsucht festzuhalten, es gäbe „da draußen“ einen „Retter“, einen „Erlöser“.

Der Nachteil oder der Preis des Festhaltens an dieser Sehnsucht ist, am Leben nicht wirklich teilnehmen zu können. Irgendwie „draußen“ zu sein. Jesus übergeht dies alles, indem er sagt: „Steh auf, nimm dein Bett und geh hin!“

9a Und sogleich wurde der Mensch gesund und nahm sein Bett und ging hin.

Na ja, als jemand, der sich seit 25 Jahren als Psychotherapeut darum bemüht, Menschen dazu zu bewegen, auf eigenen Beinen zu stehen, kann ich da nur lachen. So einfach wenn es ginge!

Und doch ist die zugrundeliegende Idee wahr: Gesund sein hat damit zu tun, frei zu sein; frei zu sein dafür, auf eigenen Beinen zu stehen, den eigenen Weg zu gehen. Und das eigene Schicksal zu (er-)tragen. So verstehe ich das „Bett“, auf dem der Gelähmte liegt: Es ist die Summe all dessen in seinem Leben, was ihn daran gehindert, seiner Wege zu gehen. Anstatt es selbst zu tragen, hat er sich davon runter ziehen lassen, hat er sich davon tragen lassen. Das ist der Gewinn des Abhängig-Bleibens. Solange ich keine Vorstellung davon habe, wie das gehen soll: in Freiheit meiner Wege zu gehen, solange habe ich keine andere Chance, als liegen zu bleiben. Und es mir so gemütlich, wie möglich, auf diesem Bett einzurichten.

Es ist die Angst vor dem Erleben von Freiheit, die mich lähmt! Freisein für mein Leben im heute heißt nämlich auch: Es gibt keine Entschädigung für Erlittenes, keine Wiedergutmachung.

Frei sein für die Gegenwart heißt anerkennen: Alles, was mir widerfahren ist, ist vorbei! Und alles, was ich anderen und mir selbst angetan habe, ist ebenfalls vorbei.

9b Es war aber Sabbat an diesem Tag.

Damit beginnt der zweite Teil unserer Geschichte: Die Einbettung des heilsam-befreienden Geschehens in sein soziales Umfeld oder die Reaktion des religiösen Establishments.

10 Da sprachen die Juden zu dem, der geheilt worden war: Heute ist Sabbat, es ist dir nicht erlaubt, dein Bett zu tragen.

11 Er aber antwortete ihnen: Der mich gesund gemacht hat, sprach zu mir: Nimm dein Bett und geh hin!

12 Sie fragten ihn: Wer ist der Mensch, der zu dir gesagt hat: Nimm dein Bett und geh hin?

13 Der aber geheilt worden war, wusste nicht, wer es war; denn Jesus war fortgegangen, da so viel Volk an dem Ort war.

14 Danach fand ihn Jesus im Tempel und sprach zu ihm: Siehe, du bist gesund geworden; sündige nicht mehr, dass dir nicht etwas Schlimmeres widerfahre.

15 Der Mensch ging hin und berichtete den Juden, es sei Jesus, der ihn gesund gemacht habe.

16 Darum verfolgten die Juden Jesus, weil er dies am Sabbat getan hatte.

Das Establishment einer Gesellschaft trägt die Ordnung, die Gesetze, innerhalb derer sich gesellschaftliches Leben bewegt. Seine Aufgabe ist es, für die Einhaltung dieser Ordnung zu sorgen. Es interessiert sich nicht für den Einzelnen, es interessiert sich für die allgemeine Ordnung. Von daher ist der Satz: „Es ist dir nicht erlaubt, am Sabbat dein Bett zu tragen“ völlig korrekt im Sinne dieser Ordnung. Und wenn der Geheilte/Befreite antwortet: „Der mich gesund gemacht hat, der hat mich aufgefordert, mein Bett selbst zu tragen“, dann bleibt das Interesse an der Störung der öffentlichen Ordnung. Das Wunder, dass da einer gesund wurde, interessiert nicht. Ja – es ist gefährlich. Denn offenbar hat da einer zur Unruhestiftung aufgerufen. „Wer ist der Mensch, der zu dir gesagt hat: Nimm dein Bett und geh hin?“ Das interessiert.

Der Befreite hat keine Ahnung. Er ist verschwunden. Jesus legt keinen Wert darauf, sein Ego in den Mittelpunkt zu stellen. Ihm geht es um die Befreiung als solche.

Und dann kommt es zu einer zweiten Begegnung: Zum zweiten Mal findet Jesus den nunmehr Geheilten, und zwar im Tempel – also im „Haus Gottes“ – und sagt zu ihm: „Siehe, du bist gesund geworden; sündige nicht mehr, dass dir nicht Schlimmeres widerfährt!“

Die Sünde des Gelähmten war keine moralische Übertretung. Die Sünde des Gelähmten war seine Unfähigkeit, sein Lebensschicksal selbst zu tragen. Dies ist er sich schuldig geblieben. Sünde bedeutet in der Tiefe: sich selbst verfehlen. Indem ich mich selbst verfehle, lasse ich das, wozu mich Gott in dieser Welt bestimmt hat, liegen. Lasse ich mein Leben, lasse ich mich selbst liegen. Lasse ich meine Kreativität, meine mir anvertrauten Talente brach liegen. Die Sünde richtet sich gegen meine Lebendigkeit – und so gegen Gott. Gott ist kein fern in den Wolken wohnender „Über-Mensch“ – Gott ist das Leben. In der Kabbala heißt es, Gott ist Atem: Er atmet dich jeden Atemzug aufs Neue ein und er atmet dich aus. Hört er damit auf, fällst du auf der Stelle tot um.

Und: Gott ist die Liebe. Die Liebe zu deinem so und nicht anders gewordenen Leben. Du benötigst die Kraft der Liebe, um mit deinem Leben einverstanden zu werden. Und in diesem Einverständnis wirst du frei für dein Leben, so wie es gerade geschieht.

Heile mich Herr, so werde ich heil, befreie mich, dann bin ich frei.“

Martin Luther, der ebenfalls vom Establishment seiner Zeit verfolgt worden ist, hat das so ausgedrückt:

Da mein Gewissen in den Worten Gottes gefangen ist, kann ich und will nichts widerrufen, weil es gefährlich und unmöglich ist, etwas gegen das Gewissen zu tun. Gott helfe mir. Amen.“

Gebe Gott, auch unser Gewissen und unsere Gewissheiten, dass unser Glaube in den Worten Gottes gefangen ist; in jenen Worten, die uns für unsere eigene Lebendigkeit befreien, AMEN.

Predigt über Jesaja 58, 7-12 an Erntedank 2019 in der Apostelkirche Solln

Montag, 7. Oktober 2019

Liebe Gemeinde,

als ich mit der Vorbereitung dieses Erntedankgottesdienstes begann, dachte ich als erstes über Danken nach. Bin ich eigentlich dankbar? Und wofür bin ich dankbar?

Und – was ist das eigentlich: Dankbarkeit?

Als Kind habe ich gelernt: Wenn man etwas geschenkt bekommt, muss man danke sagen. Völlig egal, ob es einem gefällt oder nicht. Ohne Rücksicht auf die eigenen Gefühle. „Das gehört sich so!“

Von meinen Kindern habe ich die Redewendung: „Danke für nichts!“ gelernt. Sie sagt in nicht-depressiver Weise: Darauf hätte ich jetzt gut verzichten können.

Du hast gesagt, dass du mir noch Bescheid gibst, ob wir uns treffen. Seither habe ich nichts mehr von dir gehört. Und ich hänge in einer Warteschleife – Danke für nichts!“

Wahrscheinlich kennen Sie das auch: Es gibt Geschenke, auf die man gut und gerne verzichten kann. Und es ist eine Abwägung zwischen Takt und Höflichkeit auf der einen und Authentizität auf der anderen Seite, wie ich damit umgehe. Es gibt aber auch das Andere: Dass jemand nicht aushält, etwas geschenkt zu bekommen. Man fühlt sich verpflichtet, in der Schuld des anderen, meint, sich „revanchieren“ zu müssen. Es bedarf einer großen Offenheit, ein Geschenk als Geschenk anzunehmen.

Ein ehrliches Danke ist die Antwort auf ein Geschenk, das mich in der Tiefe erreicht, berührt hat. Im ehrlichen Danke habe ich keine Angst, dass der Schenker damit Hintergedanken hat, mich manipulieren möchte. Misstrauen zerstört das Erleben von Dankbarkeit. Das Geschenk selbst kann etwas Materielles sein, es kann eine kleine alltägliche Aufmerksamkeit sein, eine freundliche Geste … Danke heißt: Ich nehme wahr, das, was du mir gerade gibst, ist keineswegs selbstverständlich. Und ich nehme wahr: Du hast mich wahrgenommen. Ich nehme deine Aufmerksamkeit und Achtsamkeit wahr.

Und ich freue mich daran, bin dankbar.

Dieses Danke strahlt aus und kommt zurück: Indem ich mich bedanke, heißt das auch: Ich nehme dich wahr und wertschätze, was ich von dir bekommen habe. Wertschätzend wahrnehmen und wahrgenommen werden tut uns Lebewesen gut. Es ist eine Art emotionale Milch, die wir für unser seelisches Wachstum benötigen. Dies hat wohl auch Meister Eckhart so erlebt haben, wenn er sagt:

Hätte der Mensch nicht mehr mit Gott zu schaffen, als dass er dankbar ist, es wäre genug.“ Und an anderer Stelle: „Wäre das Wort danke das einzige Gebet, das du je sprichst – es würde genügen.“ –

Unser heutiger Predigttext – Sie haben ihn vorhin bereits gehört – ist eine 2500 Jahre alte Predigt von Jesaja. Sie handelt nicht direkt von Dankbarkeit. Und doch predigt Jesaja eine Haltung zum Leben, die ohne Dankbarkeit nicht möglich ist. Er predigt den heilsamen, wohltuenden Zusammenhang von geben und nehmen, von schenken und beschenkt werden. Er predigt, dass eine soziale Lebenshaltung mich heil und gesund macht bzw. erhält. In dieser Haltung wird der Andere, der Fremde, der Nächste in seiner Not wahrgenommen – ohne dass ich mich selbst dabei aufopfere und ohne dass ich dafür eine Gegenleistung erwarte. Jesaja predigt eine Lebenshaltung, die nicht von der eigenen Bedürftigkeit (wenn ich dir das schenke, dann musst du aber auch …) diktiert wird.

Diese Haltung zum Leben lässt sich nicht „machen“. Sie ist ein Geschenk, wie Freude, oder Friede … oder eben Dankbarkeit.

Nun ist es so, dass Sie wahrscheinlich bei dem Anderen oder dem Fremden an andere Menschen außerhalb Ihrer, da draußen denken. An Obdachlose, an Asylbewerber, Arbeitslose oder auch Freunde, denen es gerade schlecht geht usw.

Die Lebenshaltung, die ich meine, bezieht sich zunächst einmal auf den Fremden, den Anderen in mir selbst. Sie bezieht sich auf meinen eigenen Hunger, auf mein eigenes Obdachlos-sein, auf all‘ jene Teile meiner Persönlichkeit, denen ich bei mir keine Unterkunft gewähren will, mit denen ich nichts zu tun haben will. Oder auch, die mir sehr fremd sind. Kurz: Auf mein eigenes Bedürftig-sein, das mir selbst einzugestehen schwer fällt.

In jedem Menschen, in jedem von uns, wohnt ein hungriges Kind. Auch dann und manchmal gerade dann, wenn es an materieller Nahrung nie gefehlt hat. Es gibt einen Hunger und seine Sehnsucht, die in der Welt des Materiellen nicht gestillt werden kann. Es gibt einen Hunger danach, zu sich zu kommen, zu sich nach Hause zu kommen. Erst indem ich meine eigene Bedürftigkeit bei mir finde, kann ich dem Andern, dem Bedürftigen wirklich helfen.

Erst dann kann ich schenken ohne Erwartungen zu haben.

Davon handelt die Predigt des Jesaja in der Tiefe.

Brich dem Hungrigen dein Brot – gib ihm von dem, was du hast. Vielleicht wohnt in dir jemand, der sich danach sehnt, einfach da sein zu dürfen. Nicht von einem Termin zum nächsten zu eilen. Der sich wünscht, dass sein Wert nicht nach seiner Leistung, seinem Erfolg bemessen wird. Der in dem, wie er gerade ist, sich willkommen geheißen fühlt. In seinem Geschlecht einschließlich seiner Sexualität, in seiner Herkunft, in seiner Religion.

Und die im Elend ohne Obdach sind führe ins Haus – nimm bei dir auf, nimm zu dir, was du gerne bei den Anderen unterbringst, womit du selbst aber nichts zu tun haben willst. Deine eigenen schwachen Seiten, deine Trostlosigkeit, deine Traurigkeit, deine Angst: Lass sie in deinem Haus wohnen und kleide sie mit deiner Fürsorge und deiner Aufmerksamkeit. Nimm dich ihrer an – wie sich Christus deiner annimmt!

Und in dem du dich darauf einlässt, beginnst du ganz allmählich, ganzheitlicher, heiler zu werden, es wird allmählich etwas geschehen in und mit dir:

Es wird dein Licht hervorbrechen wie die Morgenröte, und deine Heilung wird schnell voranschreiten, und deine Gerechtigkeit (zedeq) wird vor dir hergehen, und die Herrlichkeit (kawod) des HERRN wird deinen Zug beschließen. Dann wirst du rufen und der Herr wird dir antworten. Wenn du schreist wird er sagen: Siehe, hier bin ich.

Das ist der „Lohn“ in Anführungszeichen deiner neuen Lebenshaltung: Keine 72 Huris, kein paradiesisches Leben – sondern ein Leben in Beziehung, in beständiger, sicherer Beziehung zu Gott. Und dieses Leben ist erleuchtet von einem Licht, das zart ist wie die Morgenröte: ein Licht des Neuen Tages, des Aufbruchs in ein ganzheitliches Leben. Und gerade so geschieht deine Heilung, dein Ganz-Werden – schneller als du glaubst. Und gerade so lernst du zu verstehen, dass dein Gott-suchen dich von Gott weggeführt hat. Erst im Loslassen deiner Suche, erst im Durchschauen deiner Täuschung, Gott wäre wo anders – erlebst du: Gott ist immer schon da, er umgibt dich von allen Seiten; er kommt und geht wie dein Atem, er belebt dich – wäre Gott nicht da, würdest du auf der Stelle tot umfallen.

Und wenn du in deiner Mitte niemand unterjochst und nicht mit den Fingern zeigst und nicht übel redest, sondern den Hungrigen dein Herz finden lässt und die gebeugte Seele sättigst, dann wird dein Licht in der Finsternis aufgehen und dein Dunkel wird sein wie der Mittag.

Es ist so verführerisch einfach, mit dem Finger auf die Fehler der Anderen zu zeigen; in der Tiefe zeige ich damit auf meine eigenen Schwächen, die ich unter keinen Umständen bei mir selber wahrhaben will. Das ist meine Selbst-Finsternis. Erst indem ich lerne, mich mit meinen Schwächen zu lieben, indem ich lerne, mir meine Fehler zu vergeben – erst dann kann ich sie mir auch wirklich vergeben lassen. Gottes Gnade, Gottes Vergebung ist vorauseilend: Sie ist immer schon da. Die Frage ist, ob ich den Mut habe, sie mir auch schenken zu lassen. Je tiefer ich Gottes Ja zu meinem so und nicht anders verlaufenen Leben in mich hineinlasse, damit meine Seele nähre, desto leichter und sicherer richtet sich meine gebeugte, bedrückte Seele auf in gesundem Selbst-Bewusstsein: Im Wissen um mich Selbst mit meinen Stärken und Schwächen. Im Wissen um meine Zugehörigkeit als Mensch zu einem unendlich Größeren und Ganzen: zur Schöpfung Gottes.

Und der Herr wird dich immerdar führen und dich sättigen in der Dürre und dein Gebein stärken. Und du wirst sein wie ein bewässerter Garten und wie eine Wasserquelle, der es nie an Wasser fehlt. Und es soll durch dich wieder aufgebaut werden, was lange wüst gelegen hat, und du wirst wieder aufrichten, was vorzeiten gegründet ward; und du sollst heißen: ‚Einer, der die Risse schließt und die Wege ausbessert, dass man da wohnen könne‘.

Gott verlässt dich nie. Es ist umgekehrt: In den Zeiten deiner gefühlten Gottverlassenheit hast du dich von ihm entfernt. Bist du aber in Beziehung mit Gott, so sprudelt deine innere Quelle. Dann spürst du deine Lebendigkeit, deine Kreativität, deine Freude am Leben. Und aus deinem Gesättigt-sein und deiner Lebendigkeit heraus entdeckst du die Freude am Erneuern und am Ausbessern. Das ist die Aufgabe in der zweiten Lebenshälfte: Sich dem zuwenden, was man hat liegen lassen, verloren gegangene Beziehungsfäden wieder aufnehmen, Wege, die noch brauchbar sind, ausbessern. So geschieht im Zug der Befreiung immer auch ein (Zu-)Rück-Zug im Sinne einer Reperatur und Wiederherstellung dessen, was zerstört worden ist. Es ist, als würde man Schritt für Schritt verwandelt dahin zurückkehren, wo man vor langer Zeit aufgebrochen ist und auf diesem Wege Schäden beseitigen und wieder gut, heil machen, was unheil geworden ist. Und was sich nicht mehr reparieren lässt, oder was einfach nur alt geworden ist, das kommt zum Wertstoffhof – im Inneren wie im Außen.

Liebe Gemeinde,

heute, an Erntedank, ist eine gute Gelegenheit, uns bewusst zu machen, wie wenig selbstverständlich dieses unser Leben ist. Und wie großzügig, ja verschwenderisch, unser Gott des Lebens ist. Dieses dankbare Gedenken tut gut, da es in der Routine unseres Alltags leicht verloren geht. Dann vergessen wir, wie wenig selbstverständlich das alles ist. Wie wenig selbstverständlich diese lange Friedenszeit ist, und dass wir täglich satt werden, einen Beruf haben usw. …

Aber es steht uns frei, alltäglich und selbstverständlich auf Gottes Großzügigkeit zu antworten. Mit einem ehrlichen Danke. Das genügt. AMEN.

Predigt über Matthäus 9, 35 – 10, 1. 5-11.13b am 5. Sonntag nach Trinitatis (2019)

Sonntag, 21. Juli 2019

35 Und Jesus zog umher in alle Städte und Dörfer, lehrte in ihren Synagogen und predigte das Evangelium von dem Reich und heilte alle Krankheiten und alle Gebrechen.

36 Und als er das Volk sah, jammerte es ihn; denn sie waren geängstet und zerstreut wie die Schafe, die keinen Hirten haben.

37 Da sprach er zu seinen Jüngern: Die Ernte ist groß, aber wenige sind der Arbeiter.

38 Darum bittet den Herrn der Ernte, dass er Arbeiter in seine Ernte sende.

01 Und er rief seine zwölf Jünger zu sich und gab ihnen Macht über die unreinen Geister, dass sie die austrieben und heilten alle Krankheiten und alle Gebrechen.

5 Diese Zwölf sandte Jesus aus, gebot ihnen und sprach: Geht nicht den Weg zu den Heiden und zieht nicht in eine Stadt der Samariter,

6 sondern geht hin zu den verlorenen Schafen aus dem Hause Israel.

7 Geht aber und predigt und sprecht: Das Himmelreich ist nahe herbeigekommen.

8 Macht Kranke gesund, weckt Tote auf, macht Aussätzige rein, treibt Dämonen aus. Umsonst habt ihr’s empfangen, umsonst gebt es auch.

9 Ihr sollt weder Gold noch Silber noch Kupfer in euren Gürteln haben,

10 auch keine Tasche für den Weg, auch nicht zwei Hemden, keine Schuhe, auch keinen Stecken. Denn ein Arbeiter ist seiner Speise wert.

11 Wenn ihr aber in eine Stadt oder ein Dorf geht, da erkundigt euch, ob jemand darin ist, der es wert ist; bei dem bleibt, bis ihr weiterzieht. …

13b Ist er es aber nicht wert, so wende sich Euer Friede wieder zu Euch.

Liebe Gemeinde,

was ist die Aufgabe eines Jüngers, eines Nachfolgers Jesu?

Darum soll es in meiner heutigen Predigt gehen.

Jesus zog umher“, heißt es zu Beginn. Von Ort zu Ort, in Dörfer und Städte. „Und er predigte das Evangelium des Reiches und heilte jede Krankheit und jedes Gebrechen.“

Sieht man einmal davon ab, dass das „jede“ doch eher übertrieben wirkt – so wird das wohl so stimmen. Predigen: die Gegenwart des Reiches Gottes und Menschen zu heilen: Dies fasst Jesu irdisches Wirken recht gut zusammen. Wir wissen nicht, warum er das machte. Es war offenbar seine „Berufung“. Sie folgte aus seinem tiefen Gottvertrauen heraus. In dem heutigen Textabschnitt erfahren wir noch mehr:

Als er aber die Volkmengen sah, jammerte es ihn, weil sie erschöpft und verschmachtet waren, wie Schafe die keinen Hirten haben.“ Das griechische Wort „splanchizomai“, das M. Luther mit „es jammerte ihn“ übersetzt, heißt wörtlich: „Die Eingeweide umgedreht bekommen vor Mitleid.“ Es scheint mir die Fähigkeit auszudrücken, das „Elend“ der Mitmenschen ganz tief an sich heran, ganz tief in sich hinein zu lassen. Und was ist da so schlimm, so „bejammernswert?“ Sie sind „erschöpft“ und „verschmachtet“: wörtlich, „sie liegen am Boden“.

Sie können nicht mehr, sie sind am Ende.- Wie Schafe, die keinen Hirten haben.“

Das Bild weist auf Desorientierung hin. Schafe ohne Hirten wissen nicht, wo es gutes Weideland und Wasser gibt, wie sie sich vor wilden Tieren schützen sollen. Es fehlt Ihnen die Kraft, die sie zusammen hält und bewahrt. Bildlich ausgedrückt:

Es fehlt der „Gute Hirte“!

Damit ist zugleich die Aufgabe eines guten Pfarrers genannt: Seine Gemeinde zusammen zu halten, sie zu nähren und sie zu beschützen. Dazu bedarf es einer starken, in Gott und gerade so in sich ruhenden Persönlichkeit.

Ein starker Hirte weiß um sich, um seine Schwächen und um seine Stärken. Wer selbst in sich verwirrt, desorientiert ist, der kann Andere nicht führen. So hieß es im Predigttext heute vor einer Woche: „Kann ein Blinder einen Blinden führen? Werden nicht beide in die Grube fallen?“ (Lukas 6, 39b)

Sehend werden aber heißt, lernen, sich selber zu sehen: „… denn so hoch die Seele auch stehen mag, nie wird etwas anderes die Selbsterkenntnis ersetzen können, ob man dies will oder nicht.“1 Leider ist diese Einsicht zu Theresas Zeiten genauso wenig verbreitet gewesen, wie sie es heute ist.

In der Gegenwart fehlt vielen „Hirten“ in Wirtschaft, Kirche und Politik die Hochschätzung der Selbsterkenntnis und damit die Hochschätzung von Wahrheit.

Ein markantes Beispiel, das ich aus dem neuen Büchlein von Rainer Erlinger, „Warum die Wahrheit sagen?“ entnehme: Die Washington Post – für D. Trump der Inbegriff von Lügenpresse – hat mit sorgfältiger Recherche nachgewiesen: „In den ersten hundert Tagen seiner Amtszeit hat Trump im Schnitt 4,9 falsche oder irreführende Behauptungen pro Tag aufgestellt,. Mitte 2018 lag der Schnitt seit seines Amtsantritt bereits bei 7,6 … Vor den Midterms, den Kongress und Senatswahlen … steigerte sich der Schnitt auf 30 pro Tag. … Einen Höhepunkt … stellte der 7. September 2018 dar mit sage und schreibe 125 falschen oder irreführenden Aussagen.“ 2 Aber das wirklich Ernüchternde kommt erst: 91 Prozent der „Strong Trump Supports“ (also der starken Trumpbeführworter) vertrauen Trump, dass er korrekt informiert. Freunde und Familie kommt dagegen nur auf 63 Prozent und die üblichen Medien auf 11 Prozent!“

Trump hat eines erkannt und macht kein Hehl daraus, dass dies sein Erfolgsgeheimnis ist. Sein Ghostwriter, Thony Schwartz, hat folgenden Satz Trump in den Mund gelegt: „Ich spiele mit den Phantasien der Menschen. (…) Menschen wollen glauben, dass etwas das Größte, das Großartigste, das Spektakulärste ist. Ich nenne es wahrheitsgemäße Überspitzung. Es ist eine unschuldige Form der Übertreibung – und es ist eine sehr effektive Form von Werbeaktion.“3 Inzwischen, so Erlinger, distanziere sich Schwartz von diesen Sätzen. Seiner Meinung nach sei Täuschung nie „unschuldig“4.

Die Wahrheit bedarf keiner Werbung. Nur die Manipulation und die Lüge müssen beworben werden. Die Wahrheit ist. Nicht mehr – nicht weniger.

Der Verführer muss werben. Sein Erfolg, seine Freude ist nicht das Erkennen von Wahrheit – sondern den Anderen „auf seine Seite gezogen“ zu haben. Einen „guten Deal“ gemacht zu haben. Der Verführer will Macht über den Anderen bekommen, da er es nicht aushält, alleine und auf sich selbst gestellt zu sein. Würde er aufhören, die Anderen zu manipulieren, müsste er sich selbst begegnen, müsste er seine Angst spüren, dass der „schöne Schein“ die Leere seines wirklichen Seins vertuschen soll. Er müsste entdecken, dass er in der Tiefe am allermeisten sich selbst betrogen hat, dass seine „Werbeaktion“ so effektiv gewesen ist, dass er selber darauf hereingefallen ist. Seine vorgespielte und -getäuschte Größe und Großartigkeit soll in Wirklichkeit sein „inneres“ Gefühl von Kleinheit und Wertlosigkeit vertuschen.

Auf dem Weg der Selbsterkenntnis werden diese schmerzhaften Selbstlügen und -Täuschungen aufgedeckt; sie kommen ins Bewusstsein. So wird verständlich, dass dieser Weg nicht verbreitet und keinesfalls beliebt ist. Dies gilt natürlich alles auch für die Kirche und ihre Führer, ihre Hirten.

Ein starker Pfarrer ermutigt seine Gemeinde zu Selbsterkenntnis, weil er selbst aus dieser Quelle heraus lebt. Er weiß, dass bei allen schmerzhaften Einsichten die Wahrheit der einzige Boden ist, der wirklich trägt. Es ist die Wahrheit über das eigene So-und-nicht-anders-Geworden-Sein und die Anerkennung dieser Wahrheit, das Erleben dieser Wahrheit. Dies nährt und heilt. „Wahrheit ist die Milch der Seele“, sagt W. Bion. „Seid wie die neugeborenen Kinder begierig nach der vernünftigen, unverfälschten Milch …“ heißt es im ersten Petrusbrief (2,2)

Wie ist aber dann zu erklären, dass die Schafe lieber dem „Wolf im Schafspelz“ vertrauen, als sich selbst auf die Suche nach ihrer Wahrheit zu machen und sich Hirten danach aussuchen, inwieweit sie der Wahrheit verpflichtet sind? Weil der Mechanismus, den D. Trump genannt hat, wahr ist: Die Verführer nehmen den ihnen Anvertrauten das eigene Denken ab. Sie sagen: Wenn du mir folgst, dann mach ich dich großartig. Das erinnert sehr an die Versuchung des Diabolos, des Durcheinander-Werfers, dem Jesus in seinem Allein-Sein „in der Wüste“ begegnet: „Wenn du dich vor mir nieder kniest und mich anbetest, dann bekommst du die Macht über die Reiche, die du siehst, übertragen.“ Genau betrachtet versucht der Diabolos, Jesus von sich abhängig zu machen. Ein armer Teufel, der sein eigenes Allein-Sein nicht erträgt.

Es gibt noch einen kleinen Satz in unserem Predigttext, den ich als Pfarrer im Ehrenamt ganz besonders stark erlebe: „Umsonst habt ihr empfangen, umsonst gebt! Verschafft euch nicht Gold noch Silber noch Kupfer in eure Gürtel …“

Und dann heißt es – scheinbar im Widerspruch dazu:

Denn der Arbeiter ist seine Nahrung wert.“

Der Widerspruch löst sich auf, indem man diese beiden Gedanken auf die Motivation, auf den inneren Antrieb des Hirten anwendet: Seine Leidenschaft möge sich nicht darauf richten, mit seiner Tätigkeit, seinem „Amt“ des Predigens und Heilens möglichst viel für sich selbst heraus zu schlagen: Sei es materielle Gewinne, sei es Status, Berühmtheit oder eben auch Abhängigkeit. Seine Leidenschaft soll sich ausschließlich auf „seinen Job“ richten – und nicht auf die Bestätigung oder gar Herstellung seines eigenen Wertes.

Es geht nicht darum, wie der, der hier steht „rüber kommt“. Es geht darum, ob der, der hier steht, ein brauchbares Medium ist dafür, mit etwas Größerem, Ganzheitlichem, Wahrem in Verbindung zu kommen. Ein guter Hirte (wie übrigens auch ein guter Künstler) ist ein durchlässiger Hirte – durchlässig für das Wort Gottes, für den Atem des Heiligen Geistes. Darin besteht sein Wert. Macht er einen guten Job, so ist er „seiner Speise wert.“ Auch ein Hirte muss von etwas leben. Das ist es aber dann auch. Kein Platz für Selbstbedienung, für Selbstbereicherung.

Liebe Gemeinde,

es gibt noch viele weitere Aspekte unseres Predigttextes, auf die ich aus Zeitgründen – mir wurde gesagt, spätestens um 10 Uhr muss der Gottesdienst beendet sein – nicht eingehen werde.

Nur einen letzten Gedanken noch und zwar zu dem Satz: „Wenn ihr aber in eine Stadt oder in ein Dorf einkehrt, da erkundigt euch, ob jemand darin ist, der es wert ist; bei dem bleibt, bis ihr weiterzieht. … Ist er es aber nicht wert, so wende Euer Friede sich wieder zu Euch.“

Dieser Satz schafft Raum für „dazwischen“. Es ist auch eine Falle zu meinen, man könnte jeden erreichen. Das ist Ausdruck von Größenwahn und führt zu Überforderung. Und es übersieht, dass ich, mein Ich, es ohnehin nicht im Griff hat, jemand zu erreichen, wirklich zu berühren. Alles was ich kann, ist, mir Mühe zu geben, einen guten Rahmen herzustellen, mich gewissenhaft vorzubereiten. Alles, was dann geschieht, ist Wirken des Heiligen Geistes. Dies gilt auch im Alltäglichen. Es ist wichtig für die Hygiene der eigenen Seele, darauf zu achten, wie der Andere mit dem, was er von mir bekommt, umgeht: wertschätzend oder entwertend. Es gibt das schöne Bild, die eigenen Perlen nicht vor die Säue zu werfen: Dies geht freilich nur, wenn ich mir des Wertes meines Eigenen bewusst bin und bleibe. So bleibe ich gegenüber der Bewertung durch den Anderen frei und muss mich für Abwertungen nicht rächen. „Ich bleibe in meinem Frieden.“

Das war’s, liebe Gemeinde.

Ich glaube, meine Predigt ist ziemlich nüchtern geworden. Dies entspricht meiner eigenen Ernüchterung in den letzten 15 Jahren meiner Tätigkeit als Pfarrer im Ehrenamt. Wobei: Eine Ernüchterung ist ja nichts Schlechtes. Im Gegenteil: Sie ist das Beenden eines Rausches, in dem man sich die Wirklichkeit schön getrunken hat. Erst dann kann man die wirkliche Schönheit dessen, was ist, erkennen und sie von schönem Schein unterscheiden. Und das tut ernüchternd gut! AMEN.

Anmerkungen

1 Die innere Burg, S. 30.

2 R. Erlinger, War um die Wahrheit sagen? S.92 Weitere Quellenhinweise finden sich hier.

3 Ebd. S. 106

4 Ich habe vor kurzem in anderem Zusammenhang in einer Predigt kritisiert, wenn Pfarrer ihre Predigten aus dem Internet „abkupfern“ und sie als ihre eigenen ausgeben. Ein erboster Kollege bezichtigte mich, „unkollegial“ und „unbarmherzig“ zu sein. Schließlich sei es besser, der Gemeinde ein „gutes Plagiat“ vorzusetzen, als etwas „Halbgares“. Hier wird deulich, wie sehr der Betrüger von seiner eigenen Wertlosigkeit überzeugt ist und seine Rettung darin sieht, „sich mit fremden Federn zu schmücken.“ Meiner Meinung nach gibt es kein „gutes Plagiat“. Plagiat stammt von dem Lateinischen Wort „plagium“, was „Menschenraub, Seelenverkauf“ bedeutet. (Vgl. Duden, Das Herkinftwörterbuch, 2. Auflage 1997)

Predigt über Lukas 6, 36-42 am 4. Sonntag nach Trinitatis (2019)

Sonntag, 14. Juli 2019

Liebe Gemeinde,

seid barmherzig, wie Euer Vater barmherzig ist.

Mit diesem einfachen Satz beginnt unser heutiger Predigttext.

Zunächst: Was heißt barmherzig sein?

Nehmen wir ein konkretes, relativ harmloses Beispiel: In der Nacht vom 30. April zum 1. Mai, der sogenannten „Walpurgisnacht“ wurde das Wort „Rache“ an unsere Kirche geschrieben, besser: geschmiert. Es zu beseitigen ist aufwändig und kostet Geld. Es ist ein echter Schaden entstanden.

So ein Geschehen macht Gefühle. Aus den Gefühlen heraus folgen Gedanken: „So etwas kann man sich nicht bieten lassen, das ist ja unmöglich, noch dazu derart feige, weil anonym. Sollen der oder die wenigstens die Verantwortung dafür tragen …“

Diese Gedanken sind allesamt gespeist aus einem sehr verständlichen Gefühl von Ärger.

Und wer kennt solche Gedanken/Gefühle nicht? Sie sind menschlich – allzu menschlich.

Aber was genau ist es denn, was einen da so ärgerlich macht?

Ich denke, es ist das Erleben der eigenen Ohnmacht. In Verbindung mit einem hohen eigenen moralischen Anspruch: „Ich würde so etwas niemals tun!“ Der Ärger, ja die Wut über das Erlebte begnügen sich ungern damit, dass das jetzt so ist. Sie wollen etwas machen. Sie sinnen auf etwas aus den Bereichen „Rache“, „Vergeltung“, „Genugtuung“, „Wiedergutmachung“.

Barmherzigkeit hat hier nichts verloren. Sie ist störend. Verurteilung schon eher. Oft schaukeln sich in Gruppen solche Gefühle hoch. „Das ist nicht hinnehmbar“ heißt es dann in Verlautbarungen. „Oder: Der/die Täter werden entsprechend zur Rechenschaft gezogen werden!“

Die seit Jahrzehnten erfolgreiche Sendung „Aktenzeichen XY ungelöst“ drückt die Stimmung und das Denken, das ich meine, besonders gut aus.

Saubermänner und -frauen auf Verbrecherjagd. Das Böse sind die Anderen. Die Asylbewerber, die Muslime. Aber auch: Die großen Firmen wie Google oder Facebook. Oder überhaupt: Die Politiker … Was wir brauchen ist eine Alternative. Eine Alternative für Deutschland … Erschreckend viele Menschen sind dieser Meinung.

Richtet nicht, so werdet auch ihr nicht gerichtet. Verdammt nicht, so werdet auch ihr nicht verdammt.“

So fährt unser Text fort.

Das ist doch eine Überforderung. Ich soll mir kein Urteil bilden?

Ich finde es unmöglich, dass jemand – auch noch feige-anonym – unsere schöne Kirche beschmiert. Und das ist nur ein kleines Urteil. Ein kleines „Unmöglich“! Wenn ich Nachrichten höre – wie oft beurteile, verurteile ich Mitmenschen? Bleiben wir in der Kirche: die Missbrauchsfälle in katholischen Institutionen. Müssen die Verantwortlichen nicht verurteilt werden? Zum Schutze und zur Genugtuung der Opfer!

Wie „barmherzig“ kann/darf man denn gegenüber den Tätern fühlen? Darf man überhaupt bei jemand, der sein Amt in dieser Weise „missbraucht“, Barmherzigkeit anwenden? Ist das nicht eine Missachtung des Leidens der Opfer? Dem entspricht, dass Sie Fürbittgebete für die Opfer zuhauf finden werden. Aber wenige für die Täter.

Vergebt, so wird Euch vergeben!“ Wörtlich: „Lasst los, und ihr werdet losgelassen werden.“

Das hilft vielleicht weiter: Im Urteilen, Verurteilen, Richten halte ich fest. Ich halte an meinem inneren, mir vertrauten Maßstab fest. Mit dem ich alles messe, was mir begegnet: das ist richtig und gut, das ist schlecht – oder gar böse. „Die Guten ins Töpfchen, die Schlechten ins Kröpfchen!“

Nun hat Jesus – 2000 Jahre vor Freud – erkannt, dass der Maßstab, mit dem ich Andere messe, auf mich selbst zurück fällt. Je ungnädiger ich mit anderen bin, desto ungnädiger bin ich auch mit mir selbst! Dieser notwendige Zusammenhang ist verdichtet in dem berühmten Liebesgebot: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.“ Wer sich selbst nicht lieben kann, der kann auch andere Menschen, der kann auch seinen Nächsten nicht lieben.

So weit, so gut liebe Gemeinde! Das mag alles ganz plausibel klingen – aber das ist doch nicht alltagstauglich – oder?

Darf ich also nicht mehr empört sein über all das, was ich alltäglich sehe?

Über den Arzt-Kollegen, der Leistungen abrechnet, die er gar nicht erbracht hat?

Über den Pfarrer, der seine Predigten aus dem Internet abkupfert und sie als seine eigenen ausgibt?

Über den Psychotherapeuten, der mit seiner Patientin schläft, anstatt mit ihr therapeutisch zu arbeiten?

Über den Anbieter von Schwarzarbeit, weil er sich angeblich legale Arbeit nicht leisten kann?

Wie barmherzig darf man sein zu einem Trump, der alltäglich versucht, die Fakten so zu verdrehen, dass es seinem Vorteil dient? Zu einem Erdogan, der Unschuldige einsperren und foltern lässt?

Wie barmherzig zu jenen, die so leben, als gäbe es keine Umwelt, keinen Klimawandel, keine Armut?

Nicht Barmherzigkeit ist hier angemessen, sondern Empörung. Oder etwas nicht?

Was ist denn das: „Empörung“?

In der Empörung hebe ich mich „empor“, stelle mich über den/die Anderen. „Ich danke dir, Gott, dass ich nicht bin wie die anderen Leute, Räuber, Ungerechte, Ehebrecher, oder auch wie dieser Zöllner. Ich faste zweimal in der Woche und gebe den Zehnten von allem, was ich einnehme.“ Das ist das Gebet des Pharisäers – der auf der Empore seiner vermeintlichen Rechtschaffenheit auf die Anderen herab blickt.

Jesu Kommentar dazu: „… wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt werden …“ (Lukas 18, 11-14 partim).

Empörung dient der „Selbsterhöhung“! In ihr stelle ich mich über den Anderen. Und richte von meiner „überheblichen Warte“ aus meine Mitmenschen. Ich vermute, es ist ein Versuch unserer Seele, das Unerträgliche, das ich beim Anderen sehe, oder besser meine zu sehen, von mir fern zu halten. Meine Empörung, meine Überheblichkeit soll mich vor den unerträglichen Gefühlen, die (vermeintlich) der Andere in mir auslöst, schützen.

Wenn Jesus in diesem Zusammenhang sagt: „Den Splitter im Auge deines Nächsten siehst du, den Balken im eigenen nicht“, dann weist er darauf hin, dass es eine große Täuschung ist zu meinen, das, worüber ich mich empöre, wäre im Außen. In Wahrheit bin ich es selber, über den ich mich empöre! Mir dies einzugestehen, dass ich selber eine Seite habe, die bei weitem nicht so weiß und rein gewaschen ist, die ich es gerne hätte und mir und Anderen versuche einzureden, ist äußerst unangenehm.

Erst indem ich durchschaue, wie sehr ich mich in der Tiefe über mich selbst empöre, nähere ich mich einem ganzheitlicherem Sehen an. Oder lerne, mit zwei Augen zu sehen. So wie es am Ende unseres Textes heißt: „Zieh zuerst den Balken aus deinem Auge, dann kannst du sehen und den Splitter aus deines Bruders Auge ziehen.“ Hierin gründet, dass verantwortungsvolle Lehrer, Therapeuten, Pfarrer wissen, dass die Basis ihrer Tätigkeit die Selbsterkenntnis ist. „… denn so hoch die Seele auch stehen mag, nie wird etwas anderes die Selbsterkenntnis ersetzen können, ob man dies will oder nicht.“1 Leider ist diese Einsicht zu Theresas Zeiten genauso wenig verbreitet gewesen, wie sie es heute ist. Statt an Selbst-Erkenntnis zu arbeiten, versuchen Blinde anderen Blinden den Weg zu weisen. Um sich dann zu wundern, dass es nicht mehr weiter geht, weil sie in ein Loch hinein gefallen sind. Das ist der Stoff für gescheiterte Beziehungen, gescheiterte Therapien, gescheiterte Lebensentwürfe. Und ich gestehe: Das Fehlen des Interesses an Selbsterkenntnis bei Menschen, denen andere Menschen anvertraut sind, empört mich. Seien es Eltern, seien es Lehrer, seien es im sozialen Bereich Tätige. Ich finde es empörend, wie viel Ignoranz, Lieb- und Gedankenlosigkeit hier zu finden ist. Aber zurück zu unserem Predigttext, wo sich noch ein ganz anderer Gedanke findet (ziemlich in der Mitte):

Gebt, so wird euch gegeben. Ein volles, gedrücktes, gerütteltes und überfließendes Maß wird man in euren Schoß geben; denn eben mit dem Maß, mit dem ihr messt, wird man euch zu messen.

Das Verrückte ist: Großzügigkeit wird mit Großzügigkeit belohnt. Die vorhin genannten Beispiele, die sich beliebig vermehren lassen, drücken Enge aus. Als könnte man es sich nicht leisten, gegenüber dem Finanzamt ehrlich zu sein („gebt dem Staat, was des Staates ist“), oder ehrlich abzurechnen. Oder einfach nur sich an einen Rahmen zu halten: dem nämlich, dass sich Therapie und Liebesbeziehung gegenseitig ausschließen. Oder ehrlich zu seinen Predigt-Gedanken zu stehen – ohne dass sie gleich herausragend sind. Ich glaube, jeder Mensch hat etwas zu sagen, wenn er mit sich, mit seiner inneren Wahrheit in Verbindung kommt, sich mit ihr verbündet.

Noch einmal anders ausgedrückt: Barmherzig entsteht in einem Gefühl der Weite, der Leichtigkeit, der Heiterkeit. Dazu passt, was dieses: „Seid barmherzig!“ im Altgriechischen bedeutet: „Ginesthe oiktirmones!“ – Wörtlich: „Lasst Mitgefühl (in Euch) entstehen.“ Oder: „Lasst Einfühlung in Euch entstehen.“

Einfühlung in mich, in meine Seele, Einfühlung in den Anderen, in dessen Seele. Dies ist ein Geschehen, das sich nicht „machen“ lässt. Es ist ein Wachstumsgeschehen. Wachsen lässt sich nicht machen – wohl aber das Zerstören von Wachstum. Mit einer Kettensäge können wir 100 Jahre Wachstum in wenigen Minuten beenden. Und mit ein paar Bomben können wir einen Großteil des Lebens auf unserem Planeten auslöschen.

Dies gilt auch im individuellen Leben. Ich kann mich um meine Seele und ihr Wachstum kümmern und ich kann dies auch hindern. Ich muss nur alle Gefühle, die in Richtung Verständnis Sich-Einfühlen, die eigenen Gefühle und Empfindungen wahr- und ernstnehmen gehen, absägen.

Wenn ich mich einfühle, werde ich schwach. Und schwach sein will ich nicht: Diesen Satz bekomme ich oft zu hören, wenn nach einiger therapeutischer Arbeit es klar wird, was der nächste Schritt wäre.

Nun ist es aber auch so – was Jesus schon wusste: Wer sich nicht in selbst einfühlen kann und will, wer keinen Zugang zu sich selbst hat, der hat auch keinen Zugang zu Anderen. Er ist blind für sich und die Anderen. Da, wo die Einfühlung wachsen sollte, wohnen sollte, haben sich Missmut, Empörung, Zorn, Ärger, Verzweiflung und Depression eingenistet. Sie haben die Wohnung meiner Einfühlung, meines Einfühlungsvermögens besetzt. Und: Sie bedienen sich meines Intellektes. Es ist letztlich der (Selbst-)Hass, der das Regiment übernommen und die Liebe exkommuniziert hat. Im christlichen Kontext wird der Hass Teufel oder Satan genannt. Der Teufel hat kein Interesse an Einfühlung, sondern daran, sich durchzusetzen – und zwar mit Macht!

Wer den Weg der Barmherzigkeit gehen will, dem bleibt nichts anderes übrig, als seine eigene innere Wohnung aufzuräumen, und die Hausbesetzer vor die Türe zu setzen.

Das können wir nicht alleine. Dazu brauchen wir eine gute Kraft, die Jesus „Abba“, Vater nennt. Jesus bezog seine Kraft aus der sicheren Verbindung mit seinem Vater. Daraus erwuchs seine Selbstsicherheit, sein Selbstvertrauen, seine Standfestigkeit. Und daraus oder in einem damit „entsteht“ Barmherzigkeit. „Seid barmherzig, wie Euer Vater barmherzig ist“ – das geht erst dann, wenn ich mich in sicherer Beziehung weiß. So ist es nur logisch, dass der Zeitgeist der Gottlosigkeit mit dem Fehlen von Einfühlung einhergeht.

Und was ist jetzt mit unserer Empörung?

Jesus hat sich auch empört – er hat die Händler aus dem Tempel geworfen. Es gibt eine durchaus gesunde Empörung, die mit Einfühlung Hand in Hand geht. Nämlich die Einfühlung in die Betroffenen. Gott sei Dank gibt es eine Empörung gegenüber denjenigen, die versuchen, unsere Demokratie zu zerstören. Gott sei Dank gibt es Gesetze, die Betrüger bestrafen. Gott sei Dank gibt es aufdeckenden Journalismus und mutige Journalisten – der große Feind all jener, die in ihre selbstgemachten Zerrbilder der Wirklichkeit verliebt sind.

Barmherzig sein heißt, aus einer inneren Weite und Gelassenheit heraus zu leben. In ihr habe ich mich selbst und meine Ängste ein wenig erkannt. In ihr habe ich gelernt, meine nächtlichen Träume ansatzweise zu verstehen. In ihr interessiere ich mich dafür, wofür ich meine Gedanken verwende. Dies ist besonders wichtig, wenn ich mich öffentlich äußere. Was habe ich zu sagen? Habe ich überhaupt etwas zu sagen? Und ist das, was ich zu sagen habe, von allgemeinerem Interesse? Oder ist es nur für mich relevant? Biete ich in meinen Predigten etwas Nährendes an – oder verwende ich sie als Ventil dafür, inneren Druck abzubauen.

Fehlt noch ein letzter Satz aus unserem Predigttext: Ein Jünger ist nicht über dem Lehrer. Jeder aber, der vollendet ist, wird sein wie sein Lehrer. Dieser Satz ist so bemerkenswert, weil Jesus hier ganz offen die Möglichkeit benennt, dass es ein Ende der Meister-Jünger-Beziehung gibt. Dann stehen beide einander gegenüber – auf einer Ebene – von Angesicht zu Angesicht. „Wenn der Jünger vollendet ist …“ Das griechische Verbum „katartizo“ heißt zunächst einmal: „in die richtige Ordnung bringen“, aber auch: „versöhnt sein ohne Abspaltungen, gut zusammen gefügt sein“ (1. Kor 1,10) So wird es auch verwendet für das Einrenken eines ausgerenkten Körperteils.

In der Weite der Barmherzigkeit ist auch die Lehrer-Schüler oder die Meister-Jünger-Beziehung aufgelöst. Es gibt kein oben oder unten mehr – nur mehr Menschen, deren gemeinsame Gesinnung es ist, der unerkennbaren Wahrheit oder Gott entsprechend zu leben – in heiterer Gelassenheit und fröhlicher Liebe. In dieser Weite hat endlich die Barmherzigkeit über die Kaltherzigkeit, die Gnade über das Gericht, die Liebe über die Gehässigkeit gesiegt.

Und dann ist geschehen, was Paulus unermüdlich predigt: „Lasst Euch versöhnen mit Gott!“ (2. Kor 5,20).

Sollte diese Predigt ein kleiner Beitrag zu diesem großen Werk der Versöhnung gewesen sein – dann bin ich dankbar und zufrieden. AMEN

1 Die innere Burg, S. 30.

Predigt über Matthäus 16, 13 – 20 am Pfingstmontag 2019

Montag, 10. Juni 2019

Liebe Gemeinde,

das Pfingstfest ist das Fest der Ausgießung des Heiligen Geistes. Die Auswirkung, die irdische Manifestation dieses Geschehens ist die Geburt der christlichen Gemeinde, der Kirche.

In unserem heutigen Predigttext geht geht es um den Geburtstag der Kirche, genauer um ihren beauftragten „Gründer“, dem Felsen, auf dem Jesus seine Kirche bauen will: Petrus.

Hören Sie selbst:

13 Da kam Jesus in die Gegend von Cäsarea Philippi und fragte seine Jünger und sprach: Wer sagen die Leute, dass der Menschensohn sei?

14 Sie sprachen: Einige sagen, du seist Johannes der Täufer, andere, du seist Elia, wieder andere, du seist Jeremia oder einer der Propheten.

15 Er sprach zu ihnen: Wer sagt denn ihr, dass ich sei?

16 Da antwortete Simon Petrus und sprach: Du bist der Christus, des lebendigen Gottes Sohn!

17 Und Jesus antwortete und sprach zu ihm: Selig bist du, Simon, Jonas Sohn; denn Fleisch und Blut haben dir das nicht offenbart, sondern mein Vater im Himmel.

18 Und ich sage dir auch: Du bist Petrus, und auf diesen Felsen will ich meine Gemeinde bauen, und die Pforten der Hölle sollen sie nicht überwältigen.

19 Ich will dir die Schlüssel des Himmelreichs geben: Was du auf Erden binden wirst, soll auch im Himmel gebunden sein, und was du auf Erden lösen wirst, soll auch im Himmel gelöst sein

Liebe Gemeinde,

ich denke, wir alle kennen diese „Du bist … „- Sätze.

Je kleiner wir sind, je abhängiger unsere junge Seele noch ist, desto wuchtiger können sich diese Sätze einbrennen…

Und leider sind es oftmals die negativen Sätze, die mit voller Wucht die junge Seele belasten: „Du bist eine Enttäuschung für mich!“ „Du bist zu nichts nutze!“ „Du bist ein Versager!“ „Du bist hier unerwünscht!“

Es kann Jahrzehnte dauern, bis es möglich wird, diese Zuschreibungen zu überschreiben. Und es kann sein, dass ein Leben lang in der Tiefe die ursprüngliche Zuschreibung vorhanden bleibt – vielleicht blasser geworden wie ein Schriftzug, der Jahre lang der Sonne ausgesetzt worden ist.

Wer sagen die Leute, dass der Menschensohn sei?“ Mit dieser gestelzt anmutenden Frage eröffnet Jesus die Diskussion. Jesus bezeichnet sich selbst als „Menschensohn“ – als „Sohn von Menschen“. Warum sagt er nicht: „Was glaubt Ihr: Für wen halten die Menschen mich?“

Und dann: Was soll man auf so eine Frage antworten. Nahe liegend wäre: Das musst du selbst herausfinden. Ich weiß es nicht. Oder man fragt zurück: Was meinst denn du? Die Jünger sind brav und geben schmeichelhafte Antworten: Wir haben gehört, dass du mit Elia verglichen wirst, oder mit Propheten … Aber das scheint dem Jesus aus Nazareth nicht zu genügen: Er will es direkt wissen. Und Ihr – was sagt Ihr?

Und dann prescht Petrus, der „Sprecher“ der Jünger, einmal mehr vor, sagt ohne Umschweife:

Du bist der Christus, der Sohn des lebendigen Gottes!“

Und er bekommt zu hören: „Da kannst du nicht selbst drauf gekommen sein! „Fleisch und Blut haben dir das nicht offenbart – sondern mein Vater im Himmel.“ Und dann gibt es gleichsam die „Retourkutsche“:

Und ich sage dir auch: Du bist Petrus und auf diesen Felsen will ich meine Kirche/ Gemeinde bauen und die Pforten der Hölle sollen sie nicht überwältigen …“

Wowh, liebe Gemeinde!

Wenn wir nicht mit dem Blick der „Gläubigen“, der „Wissenden“ auf diese Szene schauen, sondern gleichsam unwissend, von außen, als „distanzierte“ Beobachter des Geschehens, dann ist es naheliegend zu sagen: Da sind zwei ganz schön abgedreht, beweihräuchern sich gegenseitig und haben jeglichen Kontakt zum Boden der Wirklichkeit und zur Gruppe (der Jünger) verloren.

Wenn wir diese Szene als Geburtsstunde der Kirche lesen, dann verwundert es nicht, wenn den Nachfolgern Christi und den Nachfolgern Petri Realitätsverlust, das Schmoren im eigenen Saft und das Sich-selber-Feiern vorgeworfen wird. Die gesunde Reaktion darauf ist, sich davon abzuwenden und sich eine Gruppe zu suchen, der es um gemeinsame Inhalte, um gemeinsames Arbeiten geht – und nicht um sich gegenseitiges Bewundern.

Eine persönliche Zwischenbemerkung:

Meine Enttäuschung über diese Art der Beziehung – das Fachwort dazu lautet: narzisstische Beziehung – hat mich unter dem Einfluss eines ebenfalls über die Kirche Enttäuschten dazu gebracht, meine Ordination zurückzugeben, Psychologie und Psychoanalyse zu studieren – in der Hoffnung, hier Menschen zu finden, die miteinander arbeiten wollen, die um die Wahrheit ringen, die nicht, oder wenigstens nicht an erster Stelle, darauf angewiesen sind, Bewunderung zu bekommen.

Ein zweites Mal hatte ich mich getäuscht.

Und wenn man sich täuscht, dann ist man enttäuscht.

Und dann hat man die Möglichkeit, sich selbst leid zu tun, auf die Anderen und/oder sich selbst wütend zu sein und in diesem Geschehen zu verbittern …

oder etwas anzuerkennen.

Die Realität anzuerkennen. Dass es nämlich offenbar in menschlichen Gruppen so zugeht – und dass es eine schwierige Aufgabe für jede Gruppe ist, sich ihrer „Grundannahmen“ bewusst zu werden. Zunächst einmal, und das ist ganz natürlich so, suche ich in einer Gruppe Halt, Geborgenheit, Sinn. Und je weniger ich davon in mir finde, desto anfälliger bin ich für solche Gruppen und Menschen, die mir Sinn „von außen“ anbieten. Kurzum: Je schwächer, hilfloser, minderwertiger ich mich erlebe, desto anfälliger bin ich für einen „Guru“. Und für Gruppen, die sich darin einig sind, so einen „Guru“ zu verehren.

In einer Arbeitsgruppe ist die Grundannahme eine völlig andere: Der niemals fassbaren, erkennbaren, verfügbaren letzten Realität oder Wahrheit verpflichtet zu sein und ihr zu dienen. Dies bedingt, Abschied genommen zu haben von der Sehnsucht nach einem leibhaften „Meister“ oder „Führer“, der mir sagt, wo es lang geht, wo mich mein Weg hinführt, der im vermeintlichen „Besitz“ dieser Wahrheit ist. Das bedingt auch, Abschied genommen zu haben von Doktrinen, unumstößlichen Lehrsätzen, die nicht in Frage gestellt werden dürfen. Man muss sich fragen, „ob das Hauptproblem beim Umgang unserer Gesellschaft mit Lüge und Wahrheit gar nicht so sehr darin besteht, dass so viel gelogen wird, sondern vielmehr darin, dass sich die Menschen bereitwillig belügen lassen“, sagt Rainer Erlinger. Ein guter Führer – und unsere Kirche bräuchte dringend gute Führer – ist nicht auf Bewunderung angewiesen. Es genügt ihm, ein Diener der Wahrheit, ein Diener Gottes zu sein.

Der reife Petrus aus der Apostelgeschichte, der sich erst zu dieser Erkenntnis hin durcharbeiten, entwickeln musste, sagt es so:

Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen!“ (Apg. 5, 29) Diesen Satz sagt er vor dem damaligen religiösen Establishment seiner Zeit, dem „Hohen Rat“. (Es ist vergleichbar Martin Luthers: „Hier stehe ich. Ich kann nicht anders, Gott helfe mir, AMEN“ – im Angesicht des Kaisers und der Kurfürsten.)

Gott“ verbinde ich mit dieser letzten, uns Menschen unfassbaren, nicht begreifbaren, vielleicht in beseelten Ausnahmemomenten einleuchtenden („visio“) Realität.

Sofort entsteht freilich ein neues Problem: Woher weiß ich, dass ich Gott „höre“, ihm „gehorche“, dass ich mit Gott in Verbindung bin, und nicht mit meiner eigenen Einbildung?

Im Laufe der Entwicklung der Menschheit in den letzten zwei Jahrtausenden hat sich die Erkenntnis durchgesetzt: Was ich mit meinen fünf Sinnen erkennen und was ich mit der Logik meiner Vernunft beweisen kann, das zählt und sonst nichts. Das zählt heißt: Das hat Bestand. Es muss sich experimentell und/oder mathematisch beweisen lassen.

Unter dieser Prämisse ist die moderne Naturwissenschaft entstanden und hat Karriere gemacht. Nur – auch in den naturwissenschaftlichen Gruppen geht es um Bewunderung, um Täuschung, um Einflussnahme, um Manipulation. Oft werden sogenannte „Forschungsprojekte“ von einer Gruppe gefördert, die nicht an „der Wahrheit“, sondern an einem bestimmten Ergebnis interessiert ist, das sich gut vermarkten lässt. Oder Promotionen: Wie sehr geht es bei ihnen um „Wahrheit“ – und wie sehr um die Bestätigung der Denkmuster des jeweiligen „Doktorvaters“?

Vielleicht ist es ja noch einmal anders und noch ernüchternder:

Wir Menschen sind nur sehr bedingt wahrheitsfähig. Was uns viel wichtiger, als das Erkennen von Wahrheit zu sein scheint, das ist das Erlangen eines „Haltes“. Etwas Sicherheit Gebendes, etwas „dass ich weiß, woran ich bin.“

Und warum ist das so wichtig? Weil das unangenehmste und unerträglichste Gefühl, das es gibt, das Gefühl namenloser und sprachloser Angst ist. Der „horror vacui“ – das Grauen im Angesicht der Leere, des Nicht. Und so beginnt der Weg zu sich selbst, der Weg wahrer Selbst-Erkenntnis mit der Ernüchterung des „Nicht“. In einer guten Meditation, in einer guten Psychotherapie, wird absichtlich all das, woran sich unser Geist fest-halten möchte, weggenommen. In diesem „Nicht“ beginnt der Weg in die Wüste, in die „Dürre“, „Öde“ „Langeweile“, „Trockenheit“.

Um Gott zu hören, muss deshalb ein Mensch fest auf seinen Füßen stehen und sich weder mit seinem Gemüt noch mit seinen Sinnen auf irgend etwas stützen.“1 Es bedarf der Fähigkeit der „Selbsthaltung“, um den Weg zu Gott zu gehen. Mit beiden Beinen auf dem Boden der Wirklichkeit, so aufrecht und aufrichtig bin ich offen für Gottes heiligem Geist.

Nun ist es aber so: Die christliche Kirche, deren Geburtstag wir heute feiern, ist zunächst einmal eine Halt gebende Gruppe. Sie verführt dazu, nicht auf eigenen Beinen stehen zu müssen. In ihrem Zentrum steht der Glaube an den „Christus, des lebendigen Gottes Sohn“. Unser heutiger Predigttext schildert die „Weitergabe“ (lateinisch: „traditio“ – „Tradition“) dieses Zentrums an Petrus. Er erhält die Schlüsselgewalt und damit die Macht, „zu binden und zu lösen – im Himmel, wie auf Erden“! Aus dieser Macht heraus sind Menschen in anderen Ländern überfallen worden (Kreuzzüge), Frauen als Hexen verbrannt worden, ist die Unfehlbarkeit des Hauptes der eigenen Arbeitsgruppe postuliert worden.

All dies ist außerordentlich Halt gebend – gleicht es doch einem Felsen in der Brandung der verschiedenen Meinungen. Und all dies ist nicht mehr der letzten, unerkennbaren Wahrheit verpflichtet. Denn in ihr und aus ihr lebend gibt es keine Exkommunikationen, keine Ausschlüsse, keine Spaltungen.

Die Wirklichkeit ist, dass Petrus, der Fels, selber ein Wackelpeter ist. Unmittelbar nach unserem Predigttext wird erzählt, wie Jesus den Petrus anfährt: „Weiche hinweg von mir, Satan!“ Als er am See Genezareth droht, abzusaufen, ruft Jesus ihm zu: „Du Kleingläubiger, warum hast du gezweifelt?“ In der Nacht vor Jesu Gefangennahme schläft Petrus und bekommt zu hören: „Simon, schläfst du? Vermochtest du nicht eine Stunde zu wachen?“ Und schließlich: Petrus, der Verräter! Dreimal verrät er Jesus, verrät seine Zugehörigkeit zu ihm. Ich vermute – aus Angst! Petrus, der Fels: ein Angsthase!

Und dann gibt es noch den sogenannten „antiochenischen“ Zwischenfall, von dem Paulus im Galaterbrief schreibt. Hier schildert er Petrus als „heuchlerisch“ – zunächst hält er mit den neu getauften Nicht-Juden Tischgemeinschaft, dann sondert er sich ab und vertritt die Meinung, um Christ werden zu können, müsse man sich vorher beschneiden lassen. Und es gibt Petrus, den Aufbrausenden, der dem Soldaten ein Ohr abschlägt. Es ist auch kein Zufall, dass gerade Petrus seinen Meister fragt: „Herr, wie oft muss ich denn meinem Bruder, der an mir sündigt, vergeben? Ist sieben Mal genug?“ Und er bekommt zur Antwort: „ … siebzig mal sieben mal!“ Dementsprechend gilt für Menschen wie Petrus in besonderer Weise die Bitte: „vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern!“

Und in allem geht Petrus seinen Weg, entwickelt sich bis dahin, dass er sich vom Hohen Rat nicht den Mund verbieten lässt. „Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen!“ – ich habe es bereits zitiert. Das ist der aufrechte, mutige, ja der erlöste Petrus, der „alles verlassen hat“ (Mk. 10,28), weil er vertraute: „Du bist Christus, des lebendigen Gottes Sohn!“

Liebe Pfingstgemeinde,

in der aktuellen Ausgabe der „Zeit“ findet sich auf Seite 1 – überschattet von dem großen rot umrandeten Leitartikel – ein ebenso bescheidener wie klarer und eindeutiger Artikel von Evelyn Finger: „Sturm und Feuer“ hat sie ihn genannt. In ihm spricht sie von der „lauen Konsenskirche“, die sich auch angesichts der Prognose, dass bis 2060 die Mitgliederzahl sich halbieren wird, nicht beunruhigt. „Das liegt daran“, schreibt sie, „dass die Amtskirchen in ihrer Behördenlogik die Kraft des Christentums noch nach Steuereinnahmen berechnen – und die sind bleibend hoch.“ Und sie endet mit dem Satz: „Die Verheißung des Christentums wirkt nicht da, wo der Sonntagsgottesdienst rappelvoll ist, sondern dort, wo sie Menschen ins Herz trifft.“

Das war die Absicht meiner Pfingstpredigt. Vielleicht hat der eine oder andere Gedanke daraus Sie berührt, Sie bewegt, Sie gar ins Herz getroffen. Vielleicht haben Sie bei sich selbst die eine oder andere Petrus-Seite entdeckt. So ging es jedenfalls mir beim Schreiben dieser Predigt. Und man kann über diesen Petrus sagen, was man will, aber eines war er bestimmt nicht: Ein lauer Christen-Mensch! AMEN.

1Johannes vom Kreuz, Die dunkle Nacht, S. 80.