Archiv der ‘Predigten’

Predigt zum 3. Advent

Mittwoch, 26. Dezember 2018

Gottesdienst am 3. Advent 2018 in der Apostelkirche in München-Solln

Liebe Gemeinde,

Eine Lehrerin behandelte in einer Schulstunde moderne Erfindungen.

Kann einer von Euch eine wichtige Sache nennen, die es vor 50 Jahren noch nicht gab?“ fragte sie.

Ein heller Kopf in der ersten Reihe meldete sich und sagte:

Ich!“

Stimmt – für mich selbst bin ich am Wichtigsten. Alles, was ist tue, alles was ich unterlasse – ich selbst habe die Konsequenzen zu ertragen. Inwieweit ich mich mir selbst zuwende, inwieweit ich mich von mich abwende, inwieweit ich mit mir nichts zu tun haben will, inwieweit ich mich selbst belüge – stets ist da ein „Ich“ – das so und nicht anders lebt. Vielleicht sagt dieses Ich: „Gerade so will ich leben!“ Vielleicht sagt es aber auch: „Um das, was ich will, ist es noch nie gegangen – aber was bleibt mir übrig. Ich muss halt so leben … Aber eigentlich habe ich das Gefühl, mein Leben wird gelebt.“

Unser heutiger Predigttext lässt sich so auslegen, als ginge es einmal mehr nicht um mich. „Bereitet dem HERRN einen Weg!“ heißt es da. Also wieder: tue was für jemand anderen.

Es sei denn, der HERR, Gott, hat mit mir, mit meinem ureigenen Leben zu tun.

In einer alten chassidischen Geschichte heißt es: Gott wird Rabbi Sussja nicht fragen, ob er Moses gewesen – er wird ihn fragen, ob er Sussja gewesen.

Hier geschieht ein Gott, der sich wirklich für mich interessiert.

Aktualisiert: Gott wird nicht nicht fragen, ob du gute Noten geschrieben hast, ob du gut in der Schule aufgepasst hast, ob du brav gewesen bist und im Gottesdienst nicht geschwätzt hast. Er wird dich auch nicht Fragen, wie hoch du auf deiner Karriereleiter geklettert bist, wie viel Geld du gemacht hast, wie groß dein Haus ist und ob du dir ein eigenes Boot leisten konntest. Auch will er nicht wissen, wie viel du gearbeitet hast, wie sehr du dich für andere „aufgeopfert“ hast …

Er wird dir genau eine Frage stellen: bist du dir selbst nahe gewesen – oder bist du vor dir selbst davon gelaufen? Hast du dich deinen Dunkelheiten angenähert oder hast du sie mit schlauen Worten weg-rationalisiert? Bist du dir selbst treu gewesen oder hast du dich verraten?

Hast du dir die Mühe gegeben, dich selbst kennen zu lernen, oder bist du Anderen hinterher gelaufen? Meintest, cool sein zu müssen, wenn du wie die anderen bist. Meintest toll sein zu müssen, indem du nicht wie die Anderen bist.

Die einzige Frage, die der Mensch gewordene Gott dir stellt, lautet: bist du in Verbindung mit deiner ganz eigenen Wahrheit? Oder folgst du den Stimmen, die dir einreden, wie du sein solltest? Hast du die Kraft, dich von deinen Sehnsüchten nach Harmonie zu trennen und für dich selbst einzustehen?

Sich mit diesen Fragen zu beschäftigen verbinde ich mit dem adventlichen Satz:

„Bereitet dem HERRN einen Weg!“ Er steht im 40. Kapitel des Jesajabuches. Ich lese ihn in seinem Zusammenhang in der Übertragung M. Bubers vor:

Tröstet, tröstet mein Volk spricht euer Gott

redet zum Herzen Jerusalems und rufet ihr zu,

dass vollendet ist ihr Frondienst, dass abgegnadet ist ihre Schuld,

dass gedoppelt von seiner Hand sie empfängt für ihre Sündenbußen.“

Halten wir hier kurz inne: keine Strafpredigt, keine Gerichtsankündigung steht am Beginn dieser Botschaft. Sondern Trost.

Gottes Zuwendung ist eine liebevoll. Und gerade so tröstlich.

Das Wort „Trost“ gehört zu der indogermanischen Wortgruppe „treu“ und bedeutet „innere Festigkeit“, „innere Sicherheit“. Auch das Wort „trauen“ gehört hierher: jemandem „trauen“ zu können, ihn als „zuverlässig“ zu erleben ist „tröstlich“. Denken Sie auch an das englische „true: wahr, richtig, echt“. Und auch in tree, „Baum“. als Sinnbild von Festigkeit, ist der Stamm von Trost enthalten.

Ein Trost, der das ist, was sein Wortstamm verheißt, verleiht „innere Sicherheit“. Davon zu unterscheiden ist das schnelle Trostpflaster, der „billige“ „Es-wird-schon-wieder-Trost“. Gottesdienste, auch Predigten sind gefährdet für den schnellen, scheinbar tröstenden Kick … und schon am Sonntag Nachmittag ist alles wieder beim Alten. Die alten Ängste, die alten Schmerzen, die alte Enttäuschung …

Deshalb lautet die Überschrift des Trostes: „Rede zum Herzen Jerusalems:“ Erst dann kommt der Inhalt des Trostes: „Die Zeit deiner Sklaverei ist vorbei …“

Rede zum Herzen Jerusalems!“ heißt: was mich wirklich und wirksam tröstet ist etwas, das tief in mich hineinkommt, was mir zu Herzen geht. Die dem Trost entgegen kommende Bewegung ist ein sich öffnendes Herz. Ein verschlossenes Herz ist untröstlich. Und ein untröstliches Herz ist unersättlich. Nicht satt zu kriegen.

Der Trost, der „Halt und Sicherheit“ geben kann, geschieht über die Öffnung der „Zwei“ zur „Drei“ – zum Dritten. Der Tröster, so wird im Johannesevangelium der Heilige Geist genannt – ist die dritte Person Gottes, die aus der Katastrophe der Kreuzigung des Sohnes im Angesicht des ohnmächtigen Vaters herausführt – hineinführt in die Lebendigkeit des Lebens. Gesundes Leben spielt sich stets in der Mitte ab, irgendwo dazwischen: weder ohnmächtig noch allmächtig. Gesundes Leben setzt sich und die eigene Meinung nicht absolut. Und es stellt sein Licht nicht unter den Scheffel. Genauso wenig, wie es sich selbst überhöht.

Hören wir weiter auf unseren Text:

Stimme eines Rufers:

In der Wüste bahnt SEINEN Weg,

ebnet in der Steppe eine Straße für unseren Gott.

Alles Tal soll sich heben,

aller Berg und Hügel sich niedern,

das Höckrige werde zur Ebne und das Hügelige zur Senke.

Offenbaren will sich SEIN Ehrenschein, alles Fleisch vereint wird’s sehen.

Ja, geredet hats SEIN Mund.

Stimme eines Sprechers: Rufe!

Er spricht zurück: was soll ich rufen!

Alles Fleisch ist Gras, all seine Anmut der Feldblume gleich!

Verdorrt ist das Gras, verwelkt ist die Blume, da SEIN Windhauch sie angeweht hat.

-Gewiss,

Gras ist das Volk, verdorrt ist das Gras,

verwelkt ist die Blume,

aber für Weltzeit besteht die Rede unseres Gottes.“ (M. Buber)

Für die Weltzeit besteht die Rede unseres Gottes“. Die „Rede unseres Gottes“ ist das Wort, ist die Sprache. Auch die Sprache ist ein Drittes: sie dient als Medium, als Brücke zwischen mir und Ihnen, allgemeiner: zwischen dem Sprecher und der Welt da draußen. Sie vermittelt (Mitte!) gleichsam zwischen innen und außen. Sie vermittelt aber auch zwischen meinen Gefühlen und meinem Verstand, falls ich mich traue, sie dafür zu verwenden. Wenn Sie Reden von totalitären Machthabern hören, merken Sie, dass der eigene Hass sich dieser Sprache bemächtigt hat. Eine Spielart des Hasses ist Zynismus: „sich lustig machen über!“

Die Rede unseres Gottes“ ist eine Sprache des Trostes, des Verständnisses und der Güte. In dieser Haltung und nicht in einer überheblich-maßregelnden sind die 10 Gebote (hebräisch 10 Worte) gesagt. Es sind 10 Worte für gerechtes und friedvolles Zusammenleben.

Unsere Herzen zu öffnen für die liebevolle „Rede unseres Gottes“ bedeutet: die eigene Nichtigkeit anzuerkennen. „Alles Fleisch ist Gras, all seine Anmut der Feldblume gleich!“

Das Verrückte ist: der mein Herz öffnende, mein Leben verändernde Trost bedingt das Erleben meiner eigenen Vergänglichkeit. Indem ich meine Vergänglichkeit bejahe, kann ich mich und meine Meinung gar nicht mehr absolut setzen. Die „Rede unseres Gottes“ ist eine Rede des Verständnisses. Aus ihm heraus geschieht Heilung: „Blinde sehen und Lahme gehen, Aussätzige werden rein …“ so heißt es in unserem Evangelium In diesem Verständnis beginne ich in meiner Seele etwas zu erkennen, wofür ich lange Zeit blind gewesen bin. Werde ich beweglich an Stellen, wo ich dachte, ich bin gelähmt. Der Ausschlag meines inneren Druckes mildert sich; für tot Gehaltenes beginnt zu leben. Es wächst in mir zwischen zwischen Up und Down, es entsteht ein Weg, auf dem sich erhobenen Hauptes laufen lässt.

Indem wir Gott den Weg bereiten – und mehr können wir nicht – entstehen Brücken in der zerklüfteten Landschaft unserer Seele. Die eisigen Gipfel meiner Empörung, meiner Überheblichkeit, meines triumphalen Wissensdünkels werden erniedrigt, die schwarzen Jammer-Täler meiner Niedergeschlagenheit werden erhöht. Und so entsteht etwas Mittleres.

Und der Tröster ist der „Mittler“ dieses „Mittleren“.

Die Mitte aber ist das, wo nichts ist. Die Ränder, Pol mit ihren Polarisierungen lassen sich viel leichter in den Griff kriegen.

Wo nichts ist, ist auch nichts zu begreifen.

Und das ist schwer auszuhalten.

Die Mystiker aller Generationen und Religionen haben dieses Nichts ins Zentrum gestellt. Nur ein leeres Gefäß kann etwas anderes aufnehmen, sagen sie.

Deshalb „sollst du schweigen!“ predigt Johannes Tauler. „In diesem mitternächtlichen Schweigen, in dem alle Dinge in tiefster Stille verharren und vollkommene Ruhe herrscht, da hört man das Wort Gottes in Wahrheit. Denn soll Gott sprechen, so musst du schweigen. Soll Gott in dich eingehen, so müssen alle Dinge ihm den Platz räumen.“

Das Fest dieses „mitternächtlichen Schweigens“ ist für mich Weihnachten.

In diesem Sinne – schweige auch ich jetzt – nachdem ich Ihnen vorher noch eine kleine Geschichte erzähle:

„Ein alter Mann konnte stundenlang still in der Kirche sitzen.

Eines Tages frage ihn ein Priester, worüber Gott mit ihm spräche.

Der Mann antwortete: Gott spricht nicht. Er hört nur zu.

Was redest du dann mit ihm? wollte der Priester wissen.

Ich spreche auch nicht, ich höre nur zu.“

AMEN.

Und die Liebe Gottes, die weiter ist als all unser menschliches Reden und Tun, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus AMEN.

Wir wollen jetzt für drei Minuten Gott schweigend zuhören!

Predigt zum 2. Advent 2018

Mittwoch, 26. Dezember 2018

Predigt über Jesaja 35, 1-10

Liebe Gemeinde,

ich bin nicht dazu da, meine Mitmenschen zu beleben.

Und meine Mitmenschen sind nicht dazu da, mich zu beleben.

Dies ist mein persönlicher Wochenspruch an diesem 2. Advent.

Steht auf und erhebt Eure Häupter, denn Eure Erlösung, Eure Befreiung ist nahe!“

An diesem, dem offiziellen Wochenspruch schließt sich der Predigttext nahtlos an. Um aufzustehen und erhobenen Hauptes in der Welt zu stehen, bedarf es einer inneren Sicherheit, einer inneren Festigkeit, die daraus entspringt, sich dem Fluss des eigenen Lebens überlassen zu können. Der Prophet Jesaja beschreibt diese erlösende Freiheit so:

Stärkt die schlaffen Hände und festigt die wankenden Knie!

Sagt zu denen, die ein ängstliches Herz haben: »Seid stark, fürchtet euch nicht! Seht, da ist euer Gott! Rache kommt, die Vergeltung Gottes. Er selbst kommt und wird euch retten.«

Dann werden die Augen der Blinden aufgetan und die Ohren der Tauben geöffnet werden. Dann werden die Lahmen springen wie ein Hirsch, und die Zunge der Stummen wird frohlocken. Denn es werden Wasser in der Wüste hervorbrechen und

Ströme im dürren Lande. Und wo es zuvor trocken gewesen ist, sollen Teiche stehen, und wo es dürre gewesen ist, sollen Brunnquellen sein. Wo zuvor die Schakale

gelegen haben, soll Gras und Rohr und Schilf stehen.

Und es wird dort eine Straße sein und ein Weg, und er wird der heilige Weg heißen. Kein Unreiner wird darüber hinziehen, sondern er wird für sie sein. ER selbst geht den Weg voran, dass auch Einfältige nicht irre gehen. Es wird da kein Löwe sein und kein reißendes Tier darauf gehen; sie sind dort nicht zu finden, sondern die Erlösten werden dort gehen.

Die Befreiten des HERRN werden wiederkommen und nach Zion kommen mit Jauchzen; ewige Freude wird über ihrem Haupt sein; Freude und Wonne werden

sie ergreifen, und Schmerz und Seufzen wird entfliehen.“

Es geht um Rückkehr. Die Israeliten kehren aus der Fremde, in der sie sich als Gefangene erlebten, zurück in ihr Land, in ihre Stadt, in ihre Freiheit.

Es ist die befreiende Rück-Kehr im Sinne des „Zu-sich-selber-Kommens“. In diesem Geschehen werden die in Fremd-Bestimmung erschlafften Hände wieder fähig zum Handeln. Werden die in stolzer Abweisung versteiften Knie, wieder geschmeidig. Empfangen die in ihrer Einsamkeit ängstlich gewordenen Herzen stärkenden Trost: „Du bist gar nicht allein. Dein Gott ist da!“ Er führt diejenigen nach Hause, die nicht aufgehört haben, auf ihn zu hoffen.

Die sich aber von Gott nichts versprechen, die mit ihm nichts anfangen können – die kann er auch nicht nach Hause bringen. Das ist seine Art der „Rache“. Es ist eine „Rache“ in Trauer – ohne Schadenfreude. Gott wirbt bis zuletzt, den Weg zurück zu gehen. Zu sich selbst. Zu sich selbst nach Hause. Aber er zwingt nicht. Der Weg nach Hause geschieht in radikaler Freiheit. In unserem Text sind die, die nach Hause kommen, die Erlösten, die Befreiten. Sie sind frei dafür, zu sich selbst zu kommen.

Dies ist das einzige Ziel von Therapie und Seelsorge: Menschen zu helfen, sich zu befreien für ihren Weg zu sich selbst. Das hat nichts mit der grandios-egoistischen Freiheit im Sinne von ich kann jederzeit machen, was ich will, zu tun.

Gott ist ein Gott der Freiheit. Der Freiheit für IHN, für die eigene Bestimmung. So steht er immer auf der Seite unser Lebendigkeit, unseres Lebens.

Gott ist allerdings für den gefährlich, der sich selber etwas vormacht.

Der in einer Selbst-Täuschung verharrt. Er wird Gott hassen und diejenigen, die auf ihn vertrauen verspotten. Zynismus ist eine starke Waffe des Unglaubens. „Glücklich der Mensch, der nicht … im Kreis der Spötter sitzt!“ (Psalm 1,1) Bei Martin Buber sind die Spötter die „Dreisten“ – die sich erdreisten, über ihre Mitmenschen ein Urteil zu fällen, indem sie sich über deren Haltung lustig machen … Es ist halt viel leichter und macht natürlich auch Spaß, sich über Andere lustig zu machen, anstatt den Anderen kennen und vielleicht sogar verstehen zu lernen … Ganz zu schweigen von der Möglichkeit, sich selber in die Augen zu schauen und sich selbst kennen zu lernen..

In einer alten chassidischen Geschichte heißt es: Gott wird Rabbi Sussja nicht fragen, ob er Moses gewesen – er wird ihn fragen, ob er Sussja gewesen.

Aktualisiert: Gott wird nicht nicht fragen, ob du gute Noten geschrieben hast, ob du gut in der Schule aufgepasst hast, ob du brav gewesen bist und im Gottesdienst nicht geschwätzt hast. Er wird dich auch nicht Fragen, wie hoch du auf deiner Karriereleiter geklettert bist, wie viel Geld du gemacht hast, wie groß dein Haus ist und ob du dir ein eigenes Boot leisten konntest. Auch will er nicht wissen, wie viel du gearbeitet hast, wie sehr du dich für andere „geopfert“ hast …

Er wird dir genau eine Frage stellen: bist du dir selbst nahe gewesen – oder bist du vor dir selbst davon gelaufen? Hast du dich deinen Dunkelheiten angenähert oder hast du sie mit schlauen Worten weg-rationalisiert? Bist du dir selbst treu gewesen oder hast du dich verraten?

Hast du dir die Mühe gemacht, dich selbst kennen zu lernen, oder bist du Anderen hinterher gelaufen? Meintest, cool sein zu müssen, wenn du wie die anderen bist. Meintest toll sein zu müssen, indem du nicht wie die Anderen bist.

Die einzige Frage ist: bist du in Verbindung mit deiner ganz eigenen Wahrheit? Oder folgst du den Stimmen, die dir einreden, wie du sein sollst? Hast du die Kraft, dich von deinen Sehnsüchten nach Harmonie zu trennen und für dich selbst einzustehen?

Und indem du dich auf diese Frage wirklich einlässt, wirst du dort laufen lernen, wo du dachtest, gelähmt zu sein. Und wirst dort lernen etwas zu sehen, wo du dachtest, du bist blind, Finsternis umgibt dich. Und wirst lernen dort etwas zu hören, wo du meintest, es gibt nichts zu hören.

Rück-Kehr.

Es ist die Bewegung zu sich selbst zurück. Wozu verwende ich eigentlich meine Intelligenz? Um besser da zu stehen als Andere? Um mich schlauer fühlen zu können? Und wenn dem so sein sollte: wieso ist mir das so wichtig?

Wozu verwende ich mein Predigen? Um andere zu überzeugen, dass meine Gedanken die richtigen sind? Um Anerkennung zu bekommen? Um gesehen zu werden? Um meinen Hass unterzubringen – indem ich werte und beurteile und verurteile?

Wozu verwende ich mein Leben? Um mich abzulenken, häufe ich einen Termin an den anderen; hetze stöhnend durch meinen Alltag – und spüre: nur nicht stehen bleiben, nur nicht zur Ruhe kommen. Dann wird es erst richtig gefährlich. Am Ende spüre ich noch etwas von mir selbst.

Sich selbst nahe kommen, Gott nahe kommen, bedeutet, freiwillig in das Fegefeuer der eigenen Schattenseiten hineinzugehen. Das ist ein sehr schmerzhafter Weg. Und ein tränenreicher Weg. Es sind meine Tränen, die das dürre Land, meine innere Wüste bewässern und fruchtbar machen. Die Tränen quellen aus dem Eingeständnis, dass ich in der Tiefe gegen mich selbst und gerade so gegen Gott gelebt habe. Dass ich im Anderen und in meiner Empörung über den/die Andere(n) meine eigenen Schattenseiten so bekämpft habe, dass ich meinen Schatten auf die Anderen geworfen habe.

Noch einmal: Rück-Kehr.

Es gibt einen Weg, zu sich selbst und zu Gott zurück. Diesen Weg kann jeder gehen – auch der Einfältigste. Gott selbst geht ihn voran.

Und wo ist dieser Weg? Wie kann ich ihn finden?

Er wird der heilige Weg genannt werden.“

Heilig bedeutet: ganz(heitlich), ganz, unversehrt.

Bedeutet: mit allem, was mich ausmacht, in gutem Kontakt zu sein. Mit allem: gerade auch mit meinen Schwächen, mit meinem Zorn, mit meinen Ängsten, mit meiner Ungeduld. Bedeutet: mich dafür nicht zu verurteilen.

Keine Löwen und andere wilde Tiere werden auf diesem Weg sein, sagt Jesaja. Das heißt, meine ungehaltene „wilde“ Aggression überfällt mich nicht mehr. Sie ist gezähmt. Und indem sie gezähmt ist, ist sie verwandelt. Aus meiner „gesunden“ Aggression heraus stehe ich im Leben. Bin ich geschützt vor Missbrauch und Ausbeutung. Muss ich nicht mehr alles bieten, muss nicht mehr vor dem kleinsten Konflikt fliehen. Halte ich aus, andere zu enttäuschen – halte ich aus, von anderen enttäuscht zu sein. Enttäuschung bedeutet ja nichts anderes, als den Zustand der Täuschung zu verlassen.

Für die Unreinen ist dieser Weg nicht gangbar; nicht weil sie unerwünscht wären oder weil sie bestraft werden sollen. Ganz und gar nicht. Der Weg lädt jeden ein, ihn zu gehen. Die „Unreinen“ sind „Gefangene der Matrix.“ (im Sinne des grandiosen Filmes „Matrix“) Sie leben in ihrer Schein-Welt, die sie für die wirkliche halten. Hinweise darauf, dass dem so ist, sind unerwünscht. Diejenigen, die die Lüge und den Betrug der Schein-Welt erkennen und aufdecken, sind zu liquidieren. Das war damals so – das ist heute so. (Wobei eine wirkungsvolle Art des Tötens das Exkommunizieren, das Aus-der-Gemeinschaft-Ausschließen ist.)

Der Mehrheit von uns Menschen ist nicht wahrheitsfähig. Die Konsequenzen dessen müssen wir alle ertragen – siehe z.B. Klimawandel, siehe das Erstarken von Fundamentalismus.

Liebe Konfirmanden, liebe Gemeinde,

es ist auch eine Falle, sich in diesen düsteren Gedanken aufzuhalten. Viel besser ist es, den „Heiligen Weg“ einfach zu gehen. Und zwar Schritt für Schritt. Ein Weg ist dazu da, gegangen zu werden; mein Leben ist dazu da, gelebt zu werden. Der Heilige Weg ist kein Besitz. Draußen lauert die Welt auf uns, mit ihren Forderungen und Erwartungen. Wahrscheinlich erwarten Euch noch Schulaufgaben in dieser Woche, die Weihnachtsgeschenke müssen noch vervollständigt werden, ein Christbaum wäre auch schön, und wenn werde ich an Weihnachten treffen und wen nicht, und will ich den und den überhaupt sehen. Und was gibt es zu essen? Und wir mir die Weihnachtsgans auch gelingen? Und so weiter und so fort. Und mit meiner Ungeduld und Unsicherheit verschwindet der Heilige Weg.

Weg ist weg – an seiner Stelle sind die vertrauten Schnellstraßen der Hektik, das bekannte Gereiztsein, die gefühlten Überforderungen getreten. Und der Löwe meines Ärgers und meines Zorns geht wieder auf die Jagd und sucht sich Opfer.

Dagegen bin ich machtlos. Alles, was ich machen kann, ist, mich auch diesen Augenblicken ganz hinzugeben. Sie zu erleben.

In demselben Moment, wo ich mich wieder in Verbindung mit Gott spüre, bin ich schon wieder auf dem Heiligen Weg. Als hätte er auf mich gewartet. So gesehen kann ich jederzeit zu mir – zum Weg zurück-kehren. Wenn das keine gute Nachricht, kein Evangelium ist?! AMEN.

Weihnachtspredigt 2018

Mittwoch, 26. Dezember 2018

Predigt über Johannes 3, 31- 36 für den 1. Weihnachtstag 2018

Liebe Gemeinde,

am Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott und Gott war das Wort.“

Damit begann unser heutiger Gottesdienst.

Damit beginnt das Evangelium nach Johannes.

Keine Krippe, keine Engel, keine Hirten.

Der von oben her kommt, ist über allen.“

Damit beginnt unser heutiger weihnachtlicher Predigttext, ebenfalls aus dem Johannesevangelium.

Das klingt „hochnäsig“!

Da steht jemand „über den Dingen!“

Das lasse ich doch gar nicht an mich ran kommen!“

Auf solche Niederungen, wie Gefühle, lasse ich mich doch gar nicht ein!“

Diese Haltung beschreibt nicht das im Johannesevangelium gemeinte „Wort“. Es beschreibt eine unter uns Menschen verbreitete Haltung, der man das Adjektiv „arrogant“ geben könnte. Sie ist verbreitet bei Menschen, die in der Tiefe ihrer Seele schwer verletzt worden sind. Die Miteinander-in-Beziehung-Sein, gar vom Anderen etwas zu brauchen, als demütigend erleben. „Arroganz“ kommt aus dem Lateinischen: „ad-rogare“ – „etwas Fremdes für sich beanspruchen.“ In der Arroganz wird alles als Eigenes ausgegeben und so das Fremde (der Andere) vernichtet.

Es gibt keine Möglichkeit, den Anderen gerade in seinem Anders-Sein anzuerkennen.

Lehre mich, an anderen Menschen unerwartete Talente zu entdecken, und verleihe mir, o Herr, die schöne Gabe, sie auch zu erwähnen“ betet Theresa von Avila.

Dem „von oben herab“ lebenden Menschen ist dies unmöglich. Er kann sich und dem Anderen auch nicht eingestehen, was er alles anderen Menschen verdankt. Es gibt auch keine Möglichkeit zu sagen: „Das weiß ich nicht.“ Oder gar: „Da habe ich mich getäuscht.“

Lehre mich die wunderbare Weisheit, dass ich mich irren kann.“ Auch eine Fürbitte der Heiligen Theresa.

Der Arrogante weiß immer schon alles und ist unfehlbar. Es gibt Patienten, wenn ich ihnen etwas sage, was ich für wesentlich halte, schweigen sie, so dass unklar bleibt, ob sie etwas damit anfangen können. Etwas später und an anderer Stelle sagen sie dasselbe, nur jetzt so, dass es so klingt, als wäre es ihre eigene Erkenntnis.

Das ursprünglich Fremde wird so als ihr eigenes ausgegeben.

(So sind auch Plagiate Ausdruck von Arroganz.)

Arrogantes Denken ist ein Denken in extremen Bewertungen und Beurteilungen: die Welt zerfällt in „zu bewundern“ und „abzulehnen“, stärker noch: „auszuscheiden“. Lateinisch: zu „exkommunizieren“. Oder gar auch: zu „liquidieren“.

Wer von der Erde ist, der ist von der Erde und redet von der Erde. Der vom Himmel kommt, ist über allen.“

Da stehe ich drüber“, sagt der Überhebliche. Oder: „So was kratzt mich doch nicht.“

Als Adams Kinder aber sind wir Menschen von der Erde. Geschaffen aus Ton.

Ich bin tausend Stufen hinabgestiegen, bis ich an den Punkt kam, an dem ich den Erdenkloß, der ich bin, sehen und berühren konnte,“ sagt der Psychoanalytiker C.G. Jung.

In diese Paradoxie hinein sind wir aufgespannt. Unser Leben findet „dazwischen“ statt: „zwischen Himmel und Erde.“ Wer die „Bodenhaftung“ verliert, droht im Weltall verloren zu gehen. Verschollen in den unendlichen Weiten des Weltalls.

Wer in sich selbst gekrümmt in seinem Schlammloch sitzt, droht in seinem eigenen Sumpf zu versinken, darin zu ersticken.

Es geht um die Energie, die von dem Wort, das da Fleisch wurde und alltäglich Fleisch wird, ausgeht. Verwende ich es für meine eigene Arroganz? Oder verwende ich es als Hilfe dafür, in der Spannung des „Dazwischen“, in der mein Leben aufgespannt ist, zu leben. Kippe ich zwischen den beiden Polen hin und her – oder verwende ich es als Kraft, die Widersprüche meines Lebens zu ertragen.

Weder arrogant abzuheben noch depressiv zu versinken.

Was er gesehen und gehört hat, das bezeugt er; und sein Zeugnis nimmt niemand an.“

Der Eine, der „Hochnäsige“, fühlt sich viel zu überlegen, um irgend etwas anzunehmen. Annehmen im Sinne von: an mich heran lassen. Alles, was er an sich heran lässt, wird sofort zu seinem Eigenen. Alles wird bemächtigt.

Und wenn er mit etwas gescheitert ist, dann sagt er: „Ich muss mich neu erfinden.“

Der Andere, der „In sich selbst Gekrümmte“ fühlt sich viel zu „klein und schwach“, um irgend etwas an sich heran zu lassen. Dessen bin ich nicht wert, sagt er.

Die beiden sind Brüder. Sie sind nur verschiedene Seiten derselben Medaille. Sie können nichts annehmen, nichts in sich hinein lassen. Wer aber nichts nehmen kann, der kann auch nichts geben. Sie sind „erstarrt“. Unersättlich auf der Suche nach „mehr“.

Nicht Viel-Wissen sättigt die Seele und gewährt ihr Frieden (wörtlich: Befriedigung), sondern das das Verkosten der Dinge von innen her“, sagt Ignatius von Loyola.

Wer aber sein Zeugnis annimmt, der besiegelt, dass Gott wahrhaftig ist.“

Besiegeln“ ist ein altes Wort: es bedeutet, als jemandes Eigentum zu markieren. Man sagt noch: darauf gebe ich dir „Brief und Siegel“: der „Siegel“ – ein Abdruck aus Wachs – bestätigt, dass der Brief echt ist. Es ist eine Art definitive „Beglaubigung“.

Der Satz heißt also: wer das Zeugnis des Wortes von innen her verkostet, der gibt Brief und Siegel darauf, dass Gott wahrhaftig ist. „Von innen her verkosten“ heißt: nicht nur an sich ran lassen, sondern in sich hinein lassen.

Der Arrogante ist ein emotionaler Anorektiker.

Er verwendet Nahrung nicht für Wachstum sondern dafür, sich und der Welt zu beweisen, dass er „darüber steht“ – dass er keine Nahrung braucht.

Von innen her verkosten“ geschieht mit einem sich öffnenden Magen. Sich öffnen heißt, die Kontrolle darüber, was in mich hinein kommt, aufzugeben. Nur: was einmal in mir „drinnen“ ist, das führt ein Eigenleben. Das kann ich nicht mehr kontrollieren. Im schlimmsten Fall zerstört es mich, wenn es Gift ist.

Es ist mein Schutz, den ich mir über Jahrzehnte zugelegt habe, der mich davon abhält, den Anderen, das Fremde, Gott in mich hinein zu lassen.

Denn der, den Gott gesandt hat, redet Gottes Worte; denn Gott gibt den Geist ohne Maß.“

Wer von Gott selbst ausgesandt ist, der kann nicht anders als Gottes Worte reden. In ihm und über ihn und mit ihm ist Gottes Heiliger Geist.

Der Vater hat den Sohn lieb und hat ihm alles in seine Hand gegeben.“

Es ist der Sohn, von dem hier die Rede ist. Er kommt von oben her, er ist über allen, er bezeugt, was er alles gesehen hat, er hat den Geist ohne Maß.

Und er ist es, den der Vater lieb hat.

Und er ist es, der den Vater lieb hat.

Der Sohn ist nichts weiter als die Hingabe an die Wirklichkeit.

Es ist, was es ist“, sagt die Liebe.

Der Weg des Sich-Öffnens geschieht ausschließlich über Liebe.

In der Liebe ist die Arroganz vernichtet.

Wer an den Sohn glaubt, der hat das ewige Leben.“

Im Glauben, im Vertrauen auf den Sohn des Vaters erlange ich Anteil am Geist des Sohnes und so Anteil an der Liebe des Vaters. Nur über das Vertrauen, dass die Nahrung, die ich bekomme, mich nährt und mich nicht zerstört, kann ich sie in mich aufnehmen. Sie schenkt mir ein Leben, das Bestand hat. Meine geistliche Nahrung ist die liebevolle Beziehung zwischen Vater und Sohn.

Sie geistlich in dem Sinne, in dem der Heilige Geist das Band der Liebe zwischen Vater und Sohn ist.

So gesehen geht die Liebe wirklich durch den Magen.

Liebevolles Vertrauen ist nicht zerstörbar. Und: es ist kein Besitz. Genauso wenig wie Nahrung ein Besitz ist. Es gibt kein „Für-immer-gesättig-Sein“.

Wer aber dem Sohn nicht gehorsam ist, der wird das Leben nicht sehen, sondern der Zorn Gottes bleibt über ihm!“

Das Griechische Wort für „nicht gehorsam sein“ heißt wörtlich: „nicht überzeugt sein.“ Es ist der Wankelmütige, der im zweiten Satz den ersten aufhebt, der verstrickt ist in seine inneren Ambivalenzen, in sein inneres „Hin-und-her-gerissen-Sein“. Er täuscht Sich-einlassen vor. In Diskussionen sagt er: „Ja, aber …“

Er hat es schwer, da nichts Bestand hat. Es täte ihm gut, an seinem Zweifel zu zweifeln. Aber, da er ins Zweifeln verliebt ist, müsste er sich von dieser Art Liebe trennen.

Er steht „im Zorn Gottes“ – das klingt dramatischer als es ist. Es ist nicht so, dass ein beleidigter Gott ihm zürnt. Es ist vielmehr so, dass er selber sich von Gott abgewendet hat. Der Zorn Gottes ist „bloß“ seine Abwesenheit. Da wir Menschen in Beziehung leben und denken müssen, bedeutet die Abwesenheit einer liebevollen Beziehung die Anwesenheit einer zornigen Beziehung.

Wenn ich mit Wut im Bauch esse, ist die Gefahr groß, Magengeschwüre oder Schlimmeres zu bekommen. Daran der Nahrung die schuld zu geben ist ebenso kindlich wie falsch.

Es gibt eine Geschichte, die sehr unaufdringlich zeigt, wie wirksam die Anwesenheit einer liebevollen Beziehung sein kann. Und wie Liebe und Vertrauen Geschwister sind:

Es war einmal ein alter Mann, der zur Zeit Lao Tses in einem kleinen chinesischen Dorf lebte. Der Mann lebte zusammen mit seinem einzigen Sohn in einer kleinen Hütte am Rande des Dorfes. Ihr einziger Besitz war ein wunderschöner Hengst, um den sie von allen im Dorf beneidet wurden. Es gab schon unzählige Kaufangebote, diese wurden jedoch immer strickt abgelehnt. Das Pferd wurde bei der Erntearbeit gebraucht und es gehörte zur Familie, fast wie ein Freund.

Eines Tages war der Hengst verschwunden. Nachbarn kamen und sagten: „Du Dummkopf, warum hast du das Pferd nicht verkauft? Nun ist es weg, die Ernte ist einzubringen und du hast gar nichts mehr, weder Pferd noch Geld für einen Helfer. Was für ein Unglück!“ Der alte Mann schaute sie an und sagte nur: „Unglück – Mal sehen, denn wer weiß? Das Leben geht seinen eigenen Weg, man soll nicht urteilen und kann nur vertrauen.“

Das Leben musste jetzt ohne Pferd weitergehen und da gerade Erntezeit war, bedeutete das unheimliche Anstrengungen für Vater und Sohn. Es war fraglich ob sie es schaffen würden, die ganze Ernte einzubringen.

Ein paar Tage später, war der Hengst wieder da und mit ihm war ein Wildpferd gekommen, das sich dem Hengst angeschlossen hatte. Jetzt waren die Leute im Dorf begeistert. „Du hast Recht gehabt“, sagten sie zu dem alten Mann. Das Unglück war in Wirklichkeit ein Glück. Dieses herrliche Wildpferd als Geschenk des Himmels, nun bist du ein reicher Mann…“ Der Alte sagte nur: „Glück – Mal sehen, denn wer weiß? Das Leben geht seinen eigenen Weg, man soll nicht urteilen und kann nur vertrauen.“

Die Dorfbewohner schüttelten den Kopf über den wunderlichen Alten. Warum konnte er nicht sehen, was für ein unglaubliches Glück ihm widerfahren war? Am nächsten Tag begann der Sohn des alten Mannes, das neue Wildpferd zu zähmen und zuzureiten. Beim ersten Ausritt warf ihn dieses so heftig ab, dass er sich beide Beine brach. Die Nachbarn im Dorf versammelten sich und sagten zu dem alten Mann: „Du hast Recht gehabt. Das Glück hat sich als Unglück erwiesen, dein einziger Sohn ist jetzt ein Krüppel. Und wer soll nun auf deine alten Tage für dich sorgen?‘ Aber der Alte blieb gelassen und sagte zu den Leuten im Dorf: „Unglück – Mal sehen, denn wer weiß? Das Leben geht seinen eigenen Weg, man soll nicht urteilen und kann nur vertrauen.“

Es war jetzt alleine am alten Mann die restliche Ernte einzubringen. Zumindest war das neue Pferd soweit gezähmt, dass er es als zweites Zugtier für den Pflug nutzen konnte. Mit viel Schweiß und Arbeit bis in die Dunkelheit sicherte er das Auskommen für sich und seinen Sohn. Ein paar Wochen später begann ein Krieg. Der König brauchte Soldaten, und alle wehrpflichtigen jungen Männer im Dorf wurden in die Armee gezwungen. Nur den Sohn des alten Mannes holten sie nicht ab, denn den konnten sie an seinen Krücken nicht gebrauchen. „Ach, was hast du wieder für ein Glück gehabt!“‚ riefen die Leute im Dorf. Der Alte sagte: “ Mal sehen, denn wer weiß? Aber ich vertraue darauf, dass das Glück am Ende bei dem ist, der vertrauen kann.“ AMEN.

Verteidigung der Böcke – oder: vom gespaltenen Denken

Sonntag, 18. November 2018

Predigt über Offenbarung 2, 8-11 am vorletzten Sonntag im Kirchenjahr 2018

Liebe Gemeinde,

wir müssen alle offenbar werden vor dem Richterstuhl Christi.“

Mit dieser nicht sehr einladenden Sentenz begann unser heutiger Gottesdienst.

Das passt zu einer bestimmten religiösen Erziehung, die manche von uns kennen werden: „Der liebe Gott sieht alles!“ Oder: „Warte nur, wenn der Nikolaus kommt, der weiß alles, was du gemacht hast.“

Es soll Angst machen. Und die Angst soll dazu führen, sich „richtig“ zu benehmen. „Richtig“ heißt dann: so wie man das macht. Und vor allem: wie ich das von dir erwarte. Wie ich das für richtig halte.

Die alte indogermanische Wurzel von „richtig“ lehrt uns, dass dies ursprünglich gar damit nicht gemeint ist. *Reg-: „aufrichten, lenken, recken, gerade richten“. Dann auch: „richten, führen, herrschen“ Lateinisch: „rectus“ gerade, geradlinig, richtig, recht, sittlich gut. Dazu gehört dann auch „rex“ – der König; „regula“ – die Regel usw.

Wenn wir diese Wurzel von ihrem moralischen Beigeschmack befreien, dann bedeutet sie: es gibt eine Instanz, eine Regel, der gegenüber sind wir „offenbar“.

Wir sind „bekannt“.

Anders ausgedrückt: ich kann mir selber lebenslang etwas vormachen, ich kann mich belügen, „in die eigene Tasche lügen“ – das ändert nichts daran, dass es eine Wahrheit gibt, die steht einfach da. Ich glaube, jeder von uns, jeder Mensch hat in der Tiefe eine Ahnung über sich, wer er wirklich ist, was ihn wirklich bewegt und antreibt. Je „peinlicher“ er diese Ahnung empfindet – desto mehr wird er sein Leben danach ausrichten, diese Wahrheit vor sich selbst und natürlich vor anderen zu verstecken.

Dieses Verstecken kostet viel Energie und führt zu Erschöpfung, Müdigkeit bis hin zu psychosomatischen Beschwerden.

Der Gegenspieler ist meine innere „Regel“ oder Einteilung des Lebens in richtig und falsch, gut und böse. Je verständnisloser meine „innere Instanz“ gegenüber meiner Lebendigkeit ist, je grausamer sie mich bestraft für all das, was mir Freude und Spaß macht, desto „verklemmter“ werde ich leben müssen. Desto mehr wandert meine Lust dann in den „Untergrund“. Das ist der Stoff für die Skandale, wenn etwas „auffliegt“: die Pornoseiten, die ein Politiker besuchte, der sexuelle Missbrauch von Abhängigen usw.

Das ist auch der Stoff, aus der die Überheblichkeit der Moralischen, der „Gut-Menschen“ gewoben ist. Indem ich mich mit meinem vermeintlichen Besser-Sein über die Anderen erhebe, habe ich die Verbindung zu Gott, der die Liebe ist, zerstört.

Eine lieblose Moral führt vor allen Dingen zu einem: zu Hass.

Das vorhin gehörte Evangelium (Matthäus 25,31-46), das ich in seiner Spaltung nicht als „Wort Gottes“, jedenfalls nicht als Wort eines barmherzigen, heilsamen, liebevollen Gottes (an)erkennen kann, ist Ausdruck einer Moral, die nicht auf Liebe sondern auf Hass gründet. Dazu gehört die Schuldzuweisung und die grausame Bestrafung derer, die nicht „recht“ sind – das sind die „Linken“ und die „Böcke“. (Nebenbei: Ich bin noch so erzogen worden, dass es hieß: „Gib die schöne Hand!“ Das war natürlich die Rechte. Ironischerweise war meine Mutter, die mir das beibrachte, selbst Linkshänderin.) Und die „Böcke“ – das sind einfach nur die männlichen Tiere – sie kommen zur Linken und werden grausam bestraft. (Heutzutage werden die männlichen Tiere auf Hühnerfarmen nicht bestraft sondern geschreddert. Sie sind nutzlos. Aber es gibt seit einiger Zeit auch die Möglichkeit Eier zu kaufen, die die männlichen Tiere aufziehen, um sie dann als „Landgockel“ zu schlachten. Dies ist ein ungleich wertschätzender Umgang mit Lebewesen. Und es ist ein Ausdruck moralischer Überheblichkeit, sich besser zu finden und zu fühlen, wenn man Eier aus derartigen Betrieben kauft. Aber es ist ein Ausdruck von Liebe für das Leben, für die Lebewesen, wenn man solche Eier kauft.)

In der grausamen Bestrafung bringt der, der im vermeintlichen „Dienste“ der Moral handelt, seinen eigenen Hass und seine eigene Lust an der Gewalt unter. Wunderschön wird dieser Missbrauch von christlicher Moral in dem Film „Das weiße Band“ dargestellt.

Eine andere Veranschaulichung dieser Moral, deren Quelle Hass ist, sind die Sätze von Herrn Trump: stets gibt es die „Böcke“, das sind die die schuld sind – bei den Waldbränden in Kalifornien sind es die Menschen, die in der Forstverwaltung arbeiten – und stets ist einer völlig unschuldig und macht den besten Job. Und natürlich haben die Waldbrände nichts mit Klimawandel zu tun. …

Nun ist diesem zweifelhaften Evangelium ein Predigttext zugeordnet, der ebenfalls in höchstem Grade missbrauchbar ist. Hören Sie selbst:

Und dem Engel der Gemeinde in Smyrna schreibe: Das sagt der Erste und der Letzte, der tot war und ist lebendig geworden: Ich kenne deine Bedrängnis und deine Armut – du aber bist reich – und die Lästerung von denen, die sagen, sie seien Juden, und sind’s nicht, sondern sind die Versammlung des Satans.

Fürchte dich nicht vor dem, was du leiden wirst! Siehe, der Teufel wird einige von Euch ins Gefängnis werfen, damit ihr versucht werdet, und ihr werdet in Bedrängnis sein zehn Tage.

Sei getreu bis an den Tod, so will ich dir die Krone des Lebens geben.“ (Off. 2, 8-11)

Um gleich mit dem schlimmsten zu beginnen: natürlich ist dieser Text dafür missbraucht worden, den jüdischen Gottesdienst in der Synagoge als „Versammlung des Satans“ zu bezeichnen. Das geht freilich nur, wenn man sich nicht die Mühe macht, den Text genau zu lesen. Nur – wem es darum geht, Hass zu schüren, Propaganda zu machen und zu hetzen – der schaut nicht genau hin. Das erleben wir derzeit von den modernen Propaganda-Machern Tag für Tag. Genau hingeschaut steht da: „die sagen, sie seien Juden, und sind’s nicht, sondern sind die Versammlung des Satans.“ Mit anderen Worten: es sind eben nicht Juden – sondern es sind welche, die sich als Juden ausgeben, das Vorurteil gegenüber den Juden benützen und verwenden für ihre eigenen Hasstiraden. Das ist auch ein verbreitetes Geschehen: um die eigenen Vorurteile zu bestätigen, wird einem Unschuldigen (z.B. Asylbewerber, oder einem Arbeitslosen etc.) die Schuld in die Schuhe geschoben.

Ein aktuelles Beispiel in Pullach: männliche Jugendliche unter 25 Jahren werden derzeit gehäuft aufgehalten und einem Drogentest unterzogen. Mit dem Argument: dass es immer wieder zu Unfällen unter Drogeneinfluss komme. Wenn ich jedoch aufmerksam den Polizeibericht im Isar-Anzeiger lese, bin ich immer wieder überrascht, wie viele alte Menschen schuldhaft in Unfälle verwickelt sind.

Dass deren Fahrtüchtigkeit regelmäßig überprüft wird, ist mir allerdings nicht bekannt.

Aber geht das: ein Denken und Fühlen, bei dem keine „Böcke zur Linken“ entstehen?

Ein Denken und Fühlen ohne Sünden-Böcke?

Lassen Sie es uns anhand einiger Gedanken aus unsrem Predigttext versuchen.

Ich kenne deine Bedrängnis und deine Armut …“

Heißt: vor mir musst du dich nicht verstecken in deiner Bedürftigkeit, in deinem Arm-Sein, in all dem, was du nicht kannst. Ich kenne dich – ich sehe dich, ich nehme dich wahr.

Es gibt eine dazu ein wunderschönes Gedicht von Carl Johann Philipp Spitta:

Herzenskündiger, du mein Gott und Herr!

Ach du weißt es, wie ich’s meine,

was ich bin und was ich scheine,

meines Herzens Grund ist dir klar und kund.

Und weiter:

Vor dir hingestellt,

jede Hülle fällt.

Ach vor deinem Angesichte

steh ich erst im rechten Lichte,

was ich bin vor dir,

das bin ich in mir.

Dies ist nur denk- und dichtbar in einer liebvoll-zugewandten Haltung.

Und so heißt die letzte Strophe:

Gib den Kindesgeist,

der dich Vater heißt!

Dass mit kindlichem Vertrauen

ich dir in die Augen schauen

ja, mich freuen kann,

siehest du mich an.

Dieses Vertrauen ist es, das Veränderung ermöglicht. Denn vor aller Veränderung kommt die Wahrnehmung seiner selbst, die Selbsterkenntnis. Genauer: das Erleben seiner selbst. Und dazu bedarf es eines vorauseilenden Vertrauens, dass diese Bewegung hin zu mir gut geht.

Das soll ich sein?“

Alleine sich dieser Frage zu stellen erfordert Kraft und Mut.

Meinem ungeschminkten „nackten Ich“ in’s Auge zu schauen – wenn „jede Hülle“ fällt. Wenn ich aufhöre, mir selbst etwas vor zu machen. Wenn ich aufhöre, in mein Scheinen zu investieren – und anfange, mich auf mein Sein zu besinnen.

Nur im Sein wendet sich Gott mir, wende ich mich Gott zu. Nur im Sein verbinde und verbünde ich mich mit dem Gott, der sich in Jesus Christus einen Namen gemacht hat: als Gott der armen Leute, als Gott der Leidenden und Bedrängten, als Gott derer, die ohne Macht sind.

Und als Gott der „schwarzen Schafe“ und „Sündenböcke“.

Hier gehört übrigens der Satz hin: „Eher geht ein Kamel durch das Nadelöhr als ein Reicher ins Himmelreich!“ Und zu dem reichen Jüngling: „Verkaufe alles, was du hast, und folge mir nach!“ Damit ist nicht das Verkaufen „im außen“ gemeint. Das ist nicht so schwer. Schwer ist das Verkaufen im Inneren. Die Aufgabe eines Denkens, das ich so sehr gewohnt bin. Eines Denkens, das davon lebt, dass es die „schwarzen Schafe“ oder die „Böcke“ von den „Guten“ trennt.

Wisse, dass das äußere Auge der Schatten des inneren Auges ist: Was das innere Auge sieht, dem wendet sich das äußere Auge zu.“ (Rumi)

Wenn mein inneres Auge mich als Versager, als Nichtsnutz als „nutzlosen Bock“ sieht, werde ich alles darauf setzen, mir und der Welt zu beweisen, keiner zu sein. Dann muss ich z.B. Karriere machen, erfolgreich sein usw. Und dann brauche ich andere Menschen, bei denen ich meine eigenen „Bock-Seiten“ unterbringe: das sind dann die Sozial-Schmarotzer, die Asylbewerber, oder auch die SUV-Fahrer, Reichen, „die da oben“. Entscheidend ist – dass ich all das, was ich bei mir nicht anschauen will, bei den Anderen unterbringe.

Wenn mein inneres Auge die Barmherzigkeit Gottes sieht und ausstrahlt, dann wird diese wie von selbst auf mich und meine Mitgeschöpfe zurück und hinaus strahlen.

Dies alles aber geschieht nur in dem unerschütterlichen Vertrauen darein, dass alles, was mir widerfährt „in Ordnung“ ist. „Richtig“ ist.

Dass ich richtig bin.

Ich weiß aus meinem Alltag: Ich kann das viel leichter predigen als leben.

Alles, was ich kann, ist, mich bei allem, was mir entgegen kommt, möglichst nicht „aus der Liebe raus bringen“ zu lassen. Der Macht der Liebe zu vertrauen und nicht der Macht der Mächtigen. So verstehe ich den Satz: „Sei getreu bis an den Tod, so will ich dir die Krone des Lebens geben.“

Diese liebevollen Gedanken sind Balsam für meine Wunden. In ihnen finde ich Möglichkeiten, nicht mehr die Welt und alles, was ich erlebe, in Täter und Opfer aus einander zu reißen. Mit einem Mal stehen die Böcke auf der linken Seite genauso „aufrichtig“ vor Gott wie die Schafe auf der rechten Seite. Beide, Schafe und Böcke gehören zu mir. Aus dieser Liebe heraus speise ich den Hungrigen in mir und im außen, reiche ich Wasser dem Durstigen. Ohne mich deshalb besser, moralisch „hochwertiger“ zu fühlen. In der Liebe bleibe ich gelassen, auch wenn ich mich sehr ungerecht behandelt fühle. Auch wenn ich verspottet werde. Jesus ist auch verspottet worden.

In dieser Liebe lege ich mein Sinnen auf Rache beiseite. Lasse ich meinen Hass auf die Egoisten dieser Welt ins Leere laufen.

In der Liebe ertrage ich alles – und bleibe frei, indem ich den Anderen nicht mehr verändern muss.

Und dies alles nicht, um einen vorderen Platz im Reich Gottes zu erhalten.

Warum dann?

Weiß ich auch nicht.

Einfach so.

Weil ich so leben will, weil ich gerade so spüre, dass Gott mir nahe ist.

Es mag für viele idiotisch sein.

Es gibt auch eine Stimme in mir, die mich für einen Idioten hält.

Das kann ich nicht ändern.

Ich habe genug damit zu tun, alltäglich ein wenig davon zu leben.

Und jeden Abend zu beten: „Gott sei mir Sünder gnädig!“ AMEN.

Zum Nachklingen der Predigt noch eine Geschichte:

Die Weißen oder die Schwarzen? (Nach A. De Mello)

Ein Schäfer weidete seine Schafe, als ihn ein Spaziergänger ansprach. „Sie haben aber eine schöne Schafherde. Darf ich Sie in Bezug auf die Schafe etwas fragen?“ – „Natürlich“, sagte der Schäfer. Sagte der Mann: „Wie weit laufen Ihre Schafe ungefähr am Tag?“ – „Welche, die weißen oder die schwarzen?“ „Die weißen.“ – „Die weißen laufen ungefähr vier Meilen täglich.“ – „Und die schwarzen?“ „Die schwarzen genauso viel.“ „Und wieviel Gras fressen sie täglich?“ – „Welche, die weißen oder die schwarzen?“ – „Die weißen.“ – „Die weißen fressen ungefähr vier Pfund Gras täglich.“ – „Und die schwarzen?“ – „Die schwarzen auch.“ „Und wieviel Wolle geben sie ungefähr jedes Jahr?“ – „Welche, die weißen oder die schwarzen?“ – „Die weißen.“ – „Nun ja, ich würde sagen, die weißen geben jedes Jahr ungefähr sechs Pfund Wolle zur Schurzeit.“ – „Und die schwarzen?“ – „Die schwarzen genauso viel.“

Der Spaziergägner war erstaunt.

„Darf ich Sie fragen, warum Sie die eigenartige Gewohnheit haben, Ihre Schafe bei jeder Frage in schwarze und weiße aufzuteinel?“

„Das ist doch ganz natürlich“, erwiderte der Schäfer, „die weißen gehören mir, müssen Sie wissen!“ – „Ach so! Und die schwarzen?“ – „Die schwarzen auch“, sagte der Schäfer.

„Jedermann sei der Demokratie untertan!“

Sonntag, 4. November 2018

Predigt über Römer 13, 1-7 am 23. Sonntag nach Trinitatis 2018

Liebe Gemeinde,

jedermann sei untertan der Obrigkeit, die Gewalt über ihn hat.“

Mit diesem Appell beginnt unser heutiger Predigttext aus dem Römerbrief.

Warum soll das so sein?

Denn es ist keine Obrigkeit, außer von Gott: wo aber Obrigkeit ist, ist sie von Gott eingesetzt.“

Unter weiter:

Darum: Wer sich der Obrigkeit widersetzt, der widerstrebt Gottes Anordnung; die ihr aber widerstreben, werden ihr Urteil empfangen.“

Und warum dies?

Denn die Gewalt haben, muss man nicht fürchten wegen guter, sondern wegen böser Werke.“

Recht verstanden: die bösen Werke beziehen sich auf die „Untertanen“: sie müssen die Obrigkeit wegen „böser Werke“ fürchten, nicht aber wegen guter Werke.

Dass die Obrigkeit selbst „böse Werke“ tut, das ist für Paulus – jedenfalls in diesem Textabschnitt – undenkbar.

Was ist denn Obrigkeit?

Als Obrigkeit (superioritas) wurden in hierarchisch organisierten Gemeinwesen seit dem späten Mittelalter bis in die Moderne hinein diejenigen Personen oder Institutionen bezeichnet, die rechtmäßig oder auch nur aufgrund eigener Anmaßung (Usurpation) die Herrschaft ausübten und die rechtliche und faktische Gewalt über die Untertanen besaßen. Die Untertanen schuldeten ihrer Obrigkeit Gehorsam.

Historisch unterscheidet man zwischen geistlicher und weltlicher Obrigkeit. Zur Ersteren gehörten die kirchlichen und religiösen Oberen, so etwa der Papst, die Bischöfe und die Äbte, aber auch evangelische Superintendenten. Der Pfarrer galt für seine Gemeinde ebenfalls als vorgesetzte Obrigkeit. Weltliche Obrigkeit waren die Könige, Fürsten, Grundbesitzer usw.“ (Wikipedia)

In diesem Sinne gibt es bei uns keine Obrigkeit mehr: denn der Souverän (der „Inhaber der Staatsgewalt“) das sind Sie und ich: „wir sind das Volk“.

So jedenfalls die Theorie. Von daher kann man sich fragen, inwieweit es überhaupt sinnvoll ist, über einen Text zu predigen, der eine gesellschaftliche Situation voraussetzt, die heute nicht mehr gegeben ist.

Ich möchte den Text als Anregung dafür nehmen, sich Gedanken zu machen über das Thema: Autorität, Macht, Herrschaft und Verführung.

Unser Wochenspruch verweist ja auch auf eine „Obrigkeit“, auf einen König, dessen Reicht nicht in und nicht von dieser Welt ist: „Dem König aller Könige und Herrn aller Herren, der allein Unsterblichkeit hat, dem sei Ehre und ewige Macht.“ (1. Tim. 6, 15-16)

Im Zusammenhang des Timotheusbriefes ist das natürlich Jesus Christus. Sie kennen von romanischen Kirchen die Darstellung Jesu als den „triumphierenden“.

Christus triumphans.

In der Reformation wurde der Christus patiens, der leidende Christus in den Mittelpunkt gerückt.

Triumph und Leiden, Palmsonntag und Karfreitag sind zwei Seiten derselben Medaille. All-Macht (der triumphierenden Christus ist der „Pankreator“) und Ohne-Macht (der einsam am Kreuz sterbende Christus) – auch dies zwei Seiten einer Medaille. Es ist „heilsam“, beide Seiten zusammen zu sehen. Sonst bin ich fixiert,

gefangen in einem „Entweder-oder-Denken“.

Dies ist die Falle, die die Pharisäer Jesus stellen wollten: „nun gingen die Pharisäer und hielten Rat, wie sie ihn bei einem Ausspruch (logos) fangen könnten.“ Es ist die Falle der Zwei. Deshalb hat man die Zwei auch die Zahl des Teufels genannt. Soll ich das, oder das das machen. Ich kann mich nicht entscheiden!

Diese Falle schnappt nur dann zu, wenn es kein Drittes gibt. Das verbreitete Entweder-oder-Denken ist ein Denken in Gefangenschaft: der Durchbruch zum „Dritten“, zum Sowohl-als-Auch führt in die Freiheit. Jesus ist ein Lehrer dieses befreiten Denkens und Erlebens.

Zur Freiheit hat uns Christus befreit“ (Galater 5,1a)!

In der Politik ist das Dritte der zu erringende Kompromiss. „Kompromiss“, lateinisch „compromissum“ „sich gegenseitig versprechen“ bedeutet ursprünglich: „die Entscheidung eines Rechtsstreites einem von beiden Seiten gewählten Schiedsrichter zu überlassen.“ Wie immer im Leben hat auch diese an sich gute Idee einen dunklen Schatten: so entwickelte sich im Französischen das Verbum „compromettre“ – deutsch: „kompromittieren“. Und das bedeutet, dass der Dritte nicht vermittelt, sondern bloß stellt. Und genau darum ging es den Pharisäern: sie wollten Jesus in und mit seinen eigenen Worten fangen und bloßstellen – eben „kompromittieren“.

Jesus antwortet, indem er unterscheidet. Dem Kaiser ist zu geben, was ihm zusteht – und Gott ist zu geben, was diesem zusteht.

Theresa von Avila hatte ähnlich geantwortet, als sie gerade fastete und in eine Tafelrunde kam, wo es leckeren Fasan gab. Man sagte ihr, dass sie wohl nicht mit essen würde, da sie ja fastete. Und sie antwortete heiter: „Fasten ist fasten und Fasan ist Fasan!“ Und ließ es sich schmecken.

Das Entweder-oder-Denken hingegen führt zu dogmatischer Erstarrung und Humorlosigkeit. Das Sowohl-als-auch-Denken entspringt einer heiteren Mitte. Die sogenannten „Populisten“, die zur Zeit soviel Zulauf genießen, sind ausgesprochen humorlose Zeitgenossen. Vielleicht erklärt dies, dass in totalitären Regimen die besten Witze erfunden wurden. Der Witz als Ventil!

Aber zurück zu unserem Predigttext: ich denke es wird ihnen nicht entgangen sein, wie meine Gedanken um den Text des Paulus „mäandern“ – ähnlich der renaturierten Isar. Daran ändert auch der zweite Abschnitt des Textes nichts:

„Willst du dich aber nicht fürchten vor der Obrigkeit, so tue Gutes; so wirst du Lob von ihr erhalten. Denn sie ist Gottes Dienerin, dir zugut. Tust du aber Böses, so fürchte dich; denn sie trägt das Schwert nicht umsonst: sie ist Gottes Dienerin und vollzieht das Strafgericht an dem, der Böses tut. Darum ist es notwendig, sich unterzuordnen, nicht allein um der Strafe, sondern auch um des Gewissens willen. Deshalb zahlt ihr ja auch Steuer; denn sie sind Gottes Diener, auf diesen Dienst beständig bedacht. So gebt nun jedem, was ihr schuldig seid: Steuer, dem die Steuer gebührt; Zoll, dem der Zoll gebührt; Furcht, dem die Furcht gebührt; Ehre, dem die Ehre gebührt.“

Abgesehen vom letzten Satz: „so gebt nun jedem, was ihr schuldig seid“, kann ich dem Text wenig Nahrhaftes abgewinnen. Er lässt sich mühelos für falsche Anpassung und Duckmäusertum missbrauchen. Der Gedanke, dass eine Obrigkeit selbst korrupt geworden ist, dass ein Führer nicht dem Wohl seines Volkes, sondern der Entfaltung seiner eigenen selbstherrlichen Machtgelüste verpflichtet ist, ist nicht denkbar.

Es sei denn, man überschreibt den Text mit unser Gesellschaftsordnung. Dann muss er heißen:

Jedermann sei untertan der Demokratie. Die demokratische Gesinnung habe Gewalt über ihn. Sie ist von Gott eingesetzt. Wer sich der Demokratie widersetzt, der widerstrebt Gottes Anordnung. Die ihr aber widerstreben, werden ihr Urteil empfangen.“ ( … und die Konsequenzen zu tragen haben…)

Jetzt klingt es mit einem Mal sehr aktuell. Wir erleben eine Zeit, in der es eine verbreitete Wollust gibt, Unordnung zu schaffen. Eine gefährliche Wollust, nein zur guten sich bewährten aber eben auch mühsamen demokratischen Ordnung zu sagen. Es ist die Lust an der Unordnung, die derzeit mehrheitsfähig wird, verbunden mit allzu einfachen Pseudo-Lösungen und der propagandistischen Hetze gegen alles, was sich diesen sogenannten „Lösungen“ in den Weg stellt.

Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit dem Gutem.“ Dieser Satz steht gleichsam vor der Klammer unseres Textes.

Etwas freier übersetzt heißt der Satz für mich: „Nimm dich bei deiner eigenen Nase!“

Denke an deine eigenen Tricks, wenn du deine Steuererklärung machst. Und so gar keine Lust hast, dem Staat zu geben, was des Staates ist. Denke an diese verführerische Stimme in deinem Ohr, die dir zu flüstert: „Merkt doch keiner!“

Denke an deine scheinheilige Rechtfertigung, wenn du sagst: „Sollen doch erst mal die da oben aufhören zu betrügen!“

Oder: „das machen doch alle!“

Lass dich nicht von Bösem überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem!“

Für diese lebenslange Aufgabe hilft unser Wochenspruch:

es gibt einen „Führer“, einen „König“, einen „Herrscher“, dem darf ich wirklich vertrauen; er ist nicht korrupt und nicht korrumpierbar. Er ist Ausdruck jener Wahrheit, die unzerstörbar („unsterblich“) ist. Die der einzig sichere Boden allen Da-Seins ist.

Seinem Weg nachfolgen heißt, den Boden nicht mehr unter den Füßen zu verlieren. Heißt auch: Abschied nehmen von meiner Sehnsucht danach, dass ich „im außen“, in dieser Welt einen Führer finde, der mir meinen Weg weist. Indem ich den Schmerz und die Trauer dieses Abschieds ertrage, wende ich mich dem König zu, dessen Reich nicht in dieser Welt und nicht von dieser Welt ist. Diesem König und nur ihm will ich untertan sein. Je tiefer und fester ich mit ihm verbunden bin, desto freier und sicherer werde ich meinen ganz einmaligen Weg in dieser Welt gehen.

Einen Weg, der mit jedem Schritt aufs Neue entsteht.

Dem König aller Könige und Herrn aller Herren, der allein Unsterblichkeit hat, dem sei Ehre und Macht“, AMEN.