Archiv der ‘Predigten’

Predigt über Jesaja 50, 4-9 am Palmsonntag 2018

Donnerstag, 5. April 2018

Predigt über Jesaja 50, 4-9 am Palmsonntag in der Apostelkirche München-Solln

Liebe Gemeinde,

wir Menschen sind Lebewesen, die alles, was auf sie einströmt bewerten. Wir teilen unwillkürlich – „ohne es wollen“ – ein in gut oder schlecht, richtig oder falsch, angenehm oder unangenehm, schön oder hässlich, wertvoll oder wertlos, nützlich oder unnütz. Daraus fließt dann oft unser Handeln: wir wenden uns zu – oder wir wenden uns ab, wir lassen etwas/jemanden an uns heran oder schließen, scheiden jemanden oder etwas aus. Wir behalten etwas, nehmen etwas auf, oder geben etwas weg. Zunächst einmal läuft dieser Strom des Bewertens völlig unbewusst mit unserem Leben mit. Es erfordert viel Achtsamkeit und Aufmerksamkeit, sich dieses Geschehens bewusst zu machen. Und es erfordert viel Selbst-Erfahrung, die eigenen Maßstäbe, die Quellen, aus denen heraus ich bewerte, mir bewusst zu machen.

Nun ist Bewertung ja nichts anderes als eine Spezialform des Differenzierens, des Unterscheidens. In der Bewertung schwingt etwas mit, wofür Jugendliche ein extrem feines Sensorium haben. Wenn ich sage: „du sitzt hier herum, hörst Musik und ich spüle ab…“ dann klingt das nach Vorwurf: wie kannst du hier faul herum sitzen, siehst du nicht, dass ich arbeite … du könntest mir auch helfen. …

Oder: was täte ich ohne dich, du bist eine große Hilfe – das ist die Bewertung in Richtung Anerkennung, Lob.

In unserer neuen digitalen Gesellschaft heißen die beiden Bewertungen: like oder dislike. Mag ich – mag ich nicht!

Dass nur die Worte neu – das Geschehen selbst aber uralt ist, sieht man am vorhin gehörten Evangelium zum Palmsonntag:

„Hosianna dem König Davids!“ schreit die Menge. Viele, viele „likes“ hätte Jesus da bekommen,

Und dieselbe Menge schreit fünf Tage später: „Kreuzige ihn!“ Aus den „likes“ wurden „dislikes“. Was lernen wir daraus: Bewertungen können sich innerhalb kürzester Zeit massivst verändern.

From Hero to Zero – vom Helden zur Null“: so hat man Aufstieg und Fall von Martin Schulz jüngst beschrieben.

Vom „Messias“ zum „Verbrecher“ – so könnte man die Bewegung von Palmsonntag zum Karfreitag beschreiben. Wobei wichtig ist: dies ist die Perspektive der „Menge“ – und ganz offensichtlich nicht die Perspektive – ja von wem? Geläufig wäre hier zu sagen: die Perspektive Gottes. Profaner könnte man sagen: das kann jedenfalls nicht alles gewesen sein – ansonsten stünde ich nicht hier, gäbe es mich nicht als Pfarrer der evangelisch-lutherischen Kirche. Ansonsten gäbe es überhaupt keine christliche Kirche. Es muss wiederum irgend etwas passiert sein, wodurch aus dem Verbrecher der „Auferstandene“, der „Sohn Gottes“ geworden ist.

Wenden wir das Gesagte auf uns hier an, so bedeutet dies, dass auch jetzt – während ich hier predige -, unentwegt Bewertungen mitlaufen. Wie ein „Hintergrund-Task“. Bei Ihnen, wie bei mir. Und es gibt innere Zensoren, die einen davon abhalten, etwas öffentlich zu sagen, obwohl man es sich insgeheim denkt. Und dann gibt es immer wieder Menschen, denen es offenbar nur ums eines geht: der Wahrheit selbst zu dienen. Sie versuchen in ihrer Rede und in ihrem öffentlichen Auftreten sich nur von der Wahrheit zensieren zu lassen. Nicht selten haben sie diese Radikalität mit ihrem Leben bezahlt.

Unser heutiger Predigttext, liebe Gemeinde, handelt von so jemandem. Seine Rede, seine Botschaft provozierte, er wurde dafür gefoltert, ins Gefängnis gesperrt und am Ende hingerichtet. Wir kennen seinen Namen nicht – da er im Geiste des Propheten Jesaja redet, hat man ihn den zweiten Jesaja, den Deuterojesaja, genannt. Er lebt und wirkt im babylonischen Exil. Nach der Kapitulation Israels 587 v. Chr. wurde die Oberschicht nach Babylonien deportiert. Selbstverständlich galt hier die Religion Babyloniens: eine polytheistische Religion mit einer Vielfalt von Göttern – und einer ausgeprägten Sternenkunde. (Das uns geläufige Horoskop ist hier vor ein paar tausend Jahren entstanden.) Deuterojesaja nun hielt unbeirrt an seinem Glauben, den Glauben an den EINEN Gott Jahwe fest. Dessen Kraft und Größe so unermesslich war, dass er die Götter der Babylonier als Sterne erschuf. Das musste provozieren. Es musste die Mächtigen provozieren. Und so kam es, dass Deuterojesaja am Ende hingerichtet wurde. Sein Wirken und seine Predigt findet sich niedergeschrieben im Buch Jesaja in den Kapiteln 40 – 55. Innerhalb dieses Buches gibt es vier Gedichte, die in verdichteter Form ausdrücken, was jemand, der sich als Jünger Gottes versteht, ausmacht. Man hat diese Gedichte „Gottesknechtslieder“ genannt – der von Gott Erwählte ist zugleich und in einem sein „Knecht“ (Jes 42,1). Hören Sie selbst: das dritte Gottesknechtslied (Jes 40, 4-9). Ich lese in der Übertragung von Martin Buber.

50,4 Gegeben hat ER, mein Herr mir eine Lehrlingszunge.

Dass ich wisse, den Matten zu ermuntern, weckt er Rede am Morgen.

Am Morgen weckt er mir das Ohr, daß ich wie die Lehrlinge höre.

50,5 Geöffnet hat ER, mein HERR, mir das Ohr. Ich aber, ich bin nicht ungehorsam ich bin nicht zurück gewichen.

50,6 Ich bot meinen Rücken dar denen, die mich schlugen, und meine Wangen denen, die mich rauften. Mein Angesicht verbarg ich nicht vor Schmach und Speichel.

50,7 Mir hilft ER, darum werde ich nicht zuschanden. Darum hab ich mein Angesicht hart gemacht wie einen Kieselstein; denn ich weiß, daß ich nicht zuschanden werde.

50,8 Er ist nahe, der mich gerecht spricht; wer will mit mir rechten? Lasst uns zusammen vortreten! Wer will mein Recht anfechten? Der komme her zu mir!

50,9 Siehe, Gott der HERR hilft mir; wer will mich verdammen? Siehe, sie alle werden wie Kleider zerfallen, Motten werden sie fressen.

Liebe Gemeinde!

Als ich den Text las, dachte ich als erstes: Unsere Zeitgenossen, die derzeit versuchen. in China Opposition zu machen, oder in Russland, oder in Polen … oder auch in Amerika – sie würden sich mit Deuterojesaja sicherlich gut verstehen. Es sind Gesinnungs- und Leidensgenossen. Es sind Menschen, die für Recht und Gerechtigkeit ihr Leben aufs Spiel setzen. Ich empfinde tiefen Respekt vor ihnen. Ich weiß nicht, ob ich über einen derartigen Mut verfügen würde. Und ich bin froh, dass ich (noch?) in einem Land leben darf, in dem die Demokratie – bei aller Anfechtung – Stärke zeigt.

(In Klammern: in diesen Sätzen schwingen ganz viele Bewertungen von mir mit: die „Hochschätzung“ der Werte, die bestimmte Menschen in unserer Gegenwart besonders verkörpern, die Hochschätzung der Demokratie usw. Und es schwingen genauso viele Abwertungen mit gegenüber all jenen Menschen, die ausschließlich in der Ausbreitung ihrer Macht den Wert ihres Lebens erblicken. Wie gesagt: es geht nicht ohne Bewertungen!)

Doch zurück zu unseren Text: was also zeichnet diesen Gottesknecht aus?

Er ist einer, der den Mund aufmacht. „Gegeben hat mir der Herr eine Lehrlingszunge.“ M. Luther übersetzt: „Eine Zunge, wie sie Jünger haben.“

Es ist die Zunge eines Lernenden. Von jemand, der nicht schon alles weiß. Das ist die große Kunst bei einem echten Dialog: dass ich mein Vor-Wissen, meine Vor-Urteile, meine Bewertungen zurückstelle. Nur so bekomme ich ein „offeneres Ohr“ für den Anderen. Und: Sprache ist so unglaublich missverständlich. Deshalb ist es gut, immer wieder nachzufragen: wie meinst du das? Oder zu wiederholen: meinst du das so? Habe ich dich recht verstanden, dass … ?

Dieses „offene Ohr“ erlebt der Gottesknecht als Geschenk, das aus seiner Gottesbeziehung heraus folgt. Es ist ein Geschenk seiner Vertrauens-Beziehung zu seinem Gott. Aus dem Hören auf das Wort Gottes folgt alles weitere: Und so haben wir zu Beginn unseres Gottesdienstes gesungen: „Er weckt mich alle Morgen, er weckt mir selbst das Ohr …“

Nun gibt es immer wieder Störgeräusche, die diese Vertrauens-Beziehung erschüttern, ja unterbrechen. Sie stammen aus unverdauten Gefühlen des Ausgeliefert-Seins, der Hilflosigkeit, des Verzweifelt-Seins. Wer diese Gefühle in sich nicht halten kann, der wird haltlos. Und er wird verführbar. Der Nährboden für die großen Hetz-Redner der Geschichte wie der Gegenwart ist stets die Verzweiflung, die Armut, die Bedürftigkeit der Menschen. Deshalb ist das Auseinanderfallen von arm und reich in unserer westeuropäischen Gesellschaft so gefährlich.

Für unseren Propheten jedoch gibt es einen Halt, der offenbar stärker ist als alle Anfechtung: „Ich bot meinen Rücken dar denen, die mich schlugen, und meine Wangen denen, die mich rauften. Mein Angesicht verbarg ich nicht vor Schmach und Speichel. Mir hilft ER, darum werde ich nicht zuschanden. Darum hab ich mein Angesicht hart gemacht wie einen Kieselstein.“

Und woraus quillt dies alles? Aus seinem unerschütterlichen Gottvertrauen.

Dies ist der Grund, auf dem Jesaja steht. Oder anders: Jesaja ist radikal der Wahrheit verpflichtet. Er glaubt und vertraut, dass es eine Wahrheit gibt, die alleine Bestand hat.

Dieses Vertrauen verknüpfe ich mit unserem Wochenspruch: „Der Menschensohn muss erhöht werden, damit alle, die an ihn glauben, das ewige Leben haben!“ Ich denke dabei nicht an erster Stelle an ein späteres, jenseitiges Leben – ich denke an ein starkes Leben im Hier und Jetzt. Und ich denke dabei an die Bedeutung der vertikalen Achse. „Erhöhung“ – das ist der aufrechte Gang, das ist ein Leben, das mit beiden Beinen auf dem Boden der Realität steht und mit dem Scheitel auf Gott hin sich ausrichtet. Es ist ein aufgespanntes und ausgespanntes Leben – im jeweiligen Alltag der Gegenwart. (Nur in Klammern: Auch dieses Bild hat einen alttestamentlichen Hintergrund: es ist die kupferne Schlange, die Moses machen und an einer Stange anbringen musste: sie war lebensrettend für diejenigen, die von einer Schlange gebissen worden sind. Und noch einmal in Klammern: das hebräische Wort für Schlange: „nachasch“ hat denselben Zahlenwert wie das Wort „Messias“. Damit verbindet sich der homöopathische Gedanke des „Heilens mit Gleichem.“)

Aber zurück:

In meinen Ängsten und Unsicherheiten schrumpft mein Leben – es wächst gleichsam nach unten. So drehe ich mich immer mehr um mich selbst, kann die Weite und Freiheit meiner Lebendigkeit nicht mehr spüren. „Krieche am Boden wie eine Schlange“. Ein Leben, das kräftig ist, spannt sich auf. Eine gute innere Spannung drückt sich sogar im Körperlichen aus. Und in dieser Haltung sage ich zu meinen Feinden wie Morpheus zu Mr. Smith: „Komm!“ Oder mit den Worten Jesajas: „Wer will mein Recht anfechten? Der komme her zu mir!“ Das ist genau der Mut, den wir brauchen. Ein Mut, der aus dem Gott-Vertrauen wächst. Und nur daraus!

Allerdings: dies alles lässt sich nicht machen!!! Hier ist die Macht, das Machbare an ihr Ende gekommen. Dies ist der Grund, dass Jesaja und Jesus und all die bekannten und namenlosen Anderen von den Mächtigen so gehasst worden sind. Und gehasst werden. Sie alle leben der „Macht“ vor, dass sie sich von ihr nicht „bemächtigen“ lassen. Und sogar wenn sie getötet werden – wie Jesaja oder Jesus – so siegt doch die Freiheit des Lebens. Und des Denkens.

Und darauf läuft es einmal mehr hinaus: wird Gott verwendet für Macht und Machbarkeit? Dann landen wir bei einem Missbrauch von Religion, von Gott. An der Stelle der Weite und Freiheit der Wahrheit ist die Enge eines Regimes getreten.

Oder steht Gott für die letzte, unerkennbare, unverfügbare von niemand und niemals in Besitz nehmbare Realität des Seins?

Fühle ich mich dieser Wahrheit, fühle ich mich diesem Gott verpflichtet, dann wird es dunkel in mir. Dann verliere ich alles, woran ich meinte, mich festhalten zu können. Und gerade so werde ich selbst zu Gottes Knecht, „der im Finstern gehen kann, wo ihm kein Strahl ist; er verlässt sich auf SEINEN Namen, er stützt sich auf seinen Gott.“ – und auf sonst nichts, oder mit Theresa von Avila: „solo dios, basta!“ AMEN.

Osterpredigt 2018

Montag, 2. April 2018

Predigt über 1. Samuel 2,1-2. 6-8a an Ostern 2018

Liebe Gemeinde,

je älter ich werde, desto befremdeter bin ich von uns Menschen. Und wenn es mir gar nicht gut geht, möchte ich eigentlich kein Mensch mehr sein.

Der Tod ist ein Meister aus Deutschland“ hat Paul Celan in seiner berühmten Todesfuge 1945 gedichtet.

Zerstörung ist eine Meisterschaft jener Lebewesen, die sich selbst Menschen genannt haben.“

Dieser Satz drängt sich mir auf, wenn ich alltäglich Nachrichten lese. Und ich könnte jetzt unzählige Beispiele aufführen für die Zerstörung von natürlichen Lebensräumen, für die Zerstörung von Lebewesen, für die Zerstörung von freiheitlichen Gedanken, für die Zerstörung von Menschen, die versuchen, konstruktiv Opposition zu machen, sich zu wehren, aufzuklären. Und ich lasse nicht gelten, wenn es heißt: die Dinosaurier sind auch ausgestorben, klimatische Katastrophen wie Vulkanausbrüche oder Meteoriteneinschläge gehören nun mal zu diesem Planeten dazu. Der große Unterschied ist: der Klimawandel, das Artensterben, das Insektensterben der Gegenwart ist Menschen gemacht. Es ist KEIN Schicksal. Es ist die Konsequenz der Blödheit von uns Menschen. Unseres Unvermögens, über den Tellerrand von Gier, Habsucht, Ehrgeiz, Neid, Eitelkeit hinaus zu schauen. Und auch die Armut vieler unserer Mitmenschen mag zwar individuell als Schicksal erlebt werden – aber auch sie ist ebenfalls letztlich von uns Menschen gemacht.

Sie können mich jetzt völlig zu recht darauf hinweisen, dass heute Ostersonntag ist. Und dass meine Aufgabe als evangelischer Pfarrer es ist, eine vernünftige Osterpredigt zu halten. Predigen – lateinisch: „praedicare“: „öffentlich ausrufen, preisen, rühmen“. Meine Aufgabe ist es, die „gute Nachricht“, das Eu-Angelion zu verkünden. Die gute Nachricht, dass dieser Mann aus Nazareth, als Verbrecher hingerichtet, dass der lebendig ist, dass seine Predigt weiterwirkt, dass, wer sein Leben diesem Jesus aus Nazareth anvertraut und versucht, mit ihm durchs Leben zu gehen: dass der ebenfalls lebt! Dass seine Lebendigkeit hinein strahlt in mein Leben.

Und dass mit und durch diese Lebendigkeit die Maßstäbe dieser Welt nachhaltig erschüttert sind.

Nach menschlichem Ermessen ist dieser Jesus tot, sind seine Predigten nicht lebenswert, sind bestenfalls schöne Utopie: „… liebe deine Feinde, wer ohne Schuld ist, werfe den ersten Stein, lass die Toten die Toten begraben, wer sein Leben behalten will, der wird es verlieren… was nützte es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und doch Schaden nähme an seiner Seele …“

Nach menschlichem Ermessen sieht man am Schicksal dieses Jesus aus Nazareth, wo man mit derart subversiven Gedanken landet: am Galgen, in der Gemeinschaft der Verbrecher.

Erste Erkenntnis meiner Osterpredigt: wer ein zufriedenes, gemächliches Leben sucht, dem sei empfohlen, sich von diesem Jesus aus Nazareth fern zu halten. Diesen Rat hat denn auch die christliche Kirche in trauter Ökumene befolgt und aus einem Outlaw jemanden zum Her-Zeigen gemacht, jemanden, auf den man mit Fug und Recht stolz sein kann.

Das Markusevangelium ist das älteste der vier in den Kanon aufgenommenen Evangelien. Es endet mit dem (vorhin gehörten) Satz: „„Und sie (die Frauen) gingen hinaus und flohen vor dem Grab; denn Zittern und Entsetzen hatte sie ergriffen. Und sie sagten niemand etwas, denn sie fürchteten sich.“

Zweite Erkenntnis: Furcht und Zittern, ja Entsetzen sind wesentliche Bestandteile wirklichen Glaubens. Glaube, wenn er denn den Namen Glaube als „Vertrauen“ verdient: ist die Kraft in mir, diese entsetzlichen Gefühle der Angst zu halten: und halten heißt zuallererst: aushalten. Ich bewundere unsere Zeitgenossen in China, in Russland, in Tschechien, in Amerika, die es wagen, aufdeckend journalistisch tätig zu sein. Sie sind Leidensgenossen Jesu – selbst dann, wenn sie bekennende Atheisten sind.

So weit – so gut!

Aber zurück zu Ostern: Gab es da nicht noch etwas?

Tod wo ist dein Stachel – Hölle, wo ist dein Sieg?“

Wir Christen sind doch die „Narren in Christus“ (Paulus), die am Ostermorgen den Tod auslachen! Oder etwa nicht?

Ein Prediger auf der Suche nach Osterfreude – so könnte ich meine augenblickliche Situation beschreiben.

An dieser Stelle wende ich mich unserem Predigttext zu. Vielleicht hilft er mir/uns weiter.

Mein Herz ist fröhlich in dem Herrn …“ damit beginnt er. Immerhin!

Wie kam es zu diesem fröhlichen Herzen?

Hören Sie selbst:

2,1 Und Hanna betete und sprach:

Mein Herz springt fröhlich zu DIR, mein Scheitel erhebt sich zu DIR. Weit auf tut sich mein Mund über meinen Feinden, ja, ich freue mich deiner Befreiung.

2,2 Keiner ist heilig wie DU;

ja, keiner ist da ohne dich, keiner ein Felsen wie unser Gott.

2,5 Lasst Euer hochmütiges Reden sein, wie es frech Eurem Mund entfährt. Denn ER ist ein Gott des Wissens; bei ihm werden die Taten abgewogen.

2,6 ER tötet und belebt,

senkt zur Gruft, lässt entsteigen,

2,7 ER enterbt und begütert,

erniedert und hebt auch empor.

2,8 Auf richtet vom Staub er den Armen, den Dürftigen hebt er vom Kot,

sie zu setzen neben die Edlen, übereignet den Ehrenstuhl ihnen.

Ja, SEIN sind die Säulen der Erde, auf sie hat er den Weltkreis gestellt. (Übersetzung von M. Buber)

Liebe Gemeinde,

mein Herz springt fröhlich zu DIR, mein Scheitel erhebt sich zu dir!“ Damit beginnt Hannas Lobgesang. Hanna war die eine der beiden Frauen des Elkana. Sie stand im Schatten der Anderen, der Peninna: die hatte Kinder, Söhne und Töchter – Hanna aber konnte nicht schwanger werden. Dies trug ihr den Spott der Anderen, den Spott der Peninna ein. „Wer der Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen!“

Da tut Hanna ein Gelübde: Falls sie einen Sohn bekommen wird, so betet sie, wird sie ihn Gott weihen! Daraufhin gebiert sie Samuel.

Das schaut nach billiger Freude aus: als wäre ihre Freude nichts weiter als Ausdruck dessen, dass ihr Herzenswunsch in Erfüllung gegangen ist. Sie hat einen Sohn bekommen, einen großen Sohn und Propheten: Samuel mit Namen. Samuel, das heißt „der von Gott Erbetene“ oder auch „der von Gott Erhörte“.

Hannas Freude ist aber keine billige Freude. Hinter Hannas Freude steht ihre Entwicklung. Sie hat erkannt, anerkannt, dass Leben kein Besitz ist.

Dritte Erkenntnis: Leben ist ein Geschenk. Ich kann es mir nicht selbst geben. Alles, was ich kann, ist, es mir zu nehmen. Es zu zerstören.

Die Machthaber können und wollen nicht einsehen, dass es eine Wirklichkeit gibt, da reicht ihre Macht nicht hin. Leben lässt sich nicht „machen“. Das wollen sie nicht wahr haben. Und so müssen sie die ihnen anvertrauten Menschen besitzen. Das ist der Stoff, aus dem die Tragödien innerhalb der Familien und innerhalb von sozialen Gemeinschaften gewebt ist: „du gehörst mir!“ Im Deutschen gibt es das schöne Wort „sich des Anderen bemächtigen.“ Da steckt die Macht drin: „und bist du nicht willig, gebrauch‘ ich Gewalt!“

Demokratie ist die unglaubliche Errungenschaft von uns Menschen, eine Möglichkeit zu finden, diesen Bemächtigungstendenzen Einhalt zu gebieten.

Die Würde des Menschen ist unantastbar!“ Mehr noch: „Die Würde des Lebens ist unantastbar – auch und gerade des nicht-menschlichen Lebens.“ Ich bin kein militanter Vegetarier oder Veganer – aber ich bin der Meinung, dass wenn ich schon Fleisch esse, es in dem Bewusstsein tue, dass jemand sein Leben für mich geopfert hat. Und ich möchte, dass dieses Leben sein Leben in Würde – wir sagen dazu „artgerecht“ – leben durfte. Von daher lehne ich lebensverachtende Massentierhaltung ab.

In Hannas Lobgesang wird auch deutlich, wie schwer es ist, genau da loszulassen, wo ich in der Tiefe verletzt worden bin: „Weit auf tut sich mein Mund über meinen Feinden!“ Natürlich ist das Genugtuung für die vielen Schmähungen und Beleidigungen, die die kinderlose Hanna von ihrer Nebenbuhlerin, der mit Kindern gesegneten Peninna zu ertragen hatte. Genugtuung ist nahe liegendes, ein verständliches Gefühl. Und sie ist gefährlich: ist sie doch eine wesentliche Quelle für den Einsatz von Gewalt. Hinter dem Drang ja Zwang nach Genugtuung steckt die erlittene Verletzung. Und eine gewaltbereite Stimme, die sagt: „das darfst du dir nicht bieten lassen!“ Die sogenannten „Populisten“ der Gegenwart wie der Geschichte fangen ihre Wähler mit genau diesen Parolen. „Lasst Euer hochmütiges Reden, wie es frech Eurem Mund entfährt“ – dieser Satz lässt sich leicht und alltäglich beziehen auf das Gerede und Getwittere derer, die mit ihren Polarisierungen auf Stimmenfang gehen.

Wer in diesen Stimmen, in diesem Denken gefangen ist, für den gibt es kein Verzeihen und keine Vergebung. Für ihn gibt es nur: Genugtuung und Rache. Und ohne verzeihen und vergeben gibt es kein Los-lassen, keine Lösung.

Aber auch wenn Hanna in ihrem Lobgesang gegen ihre Nebenbuhlerin stichelt – eines kann sie: ihr eigenes Kind, ihren Sohn loslassen. Sie muss ihn nicht besitzen, nicht als Trophäe ihres Triumphs gegenüber der anderen Frau verwenden. Sie kann sich einfach nur freuen.

Sie muss ihren Sohn nicht für ihre eigenen ungelösten Probleme missbrauchen. Glücklich das Kind, das in dieser Freiheit mit Eltern aufwachsen darf, das Erleben darf, dass Raum da ist, für seine ganz eigene Entwicklung, für seinen ganz eigenen Weg. Und glücklich die Eltern, die dieses Wagnis eingehen: ihre Kinder wirklich in der Tiefe loszulassen und mit ihrem Vertrauen und ihrer Liebe zu begleiten – und nicht mit ihren Ängsten, Vorwürfen und Misstrauen zu verfolgen.

Khalil Gibran hat dazu gesagt: „Eure Kinder sind nicht Eure Kinder. Sie sind die Töchter und Söhne der Sehnsucht des Lebens nach sich selbst. Sie kommen durch Euch aber nicht aus Euch, und sind sie auch bei Euch, so gehören Sie Euch doch nicht!“

Ich freue mich deiner Befreiung!“ betet Hanna. „… deines Heils“ übersetzt M. Luther. Das ist dasselbe: indem ich mich als „ganz“ als „unversehrt“ als „heil“ auf der Welt erlebe, bin ich befreit von meinen hässlichen Gedanken, von meinem Misstrauen, von meiner Gier, von meiner Eitelkeit …

Ich bin befreit für die liebevolle Hingabe an das, was ist – an die Wirklichkeit. Gott ist ein Gott der Gegenwart, sagt Meister Eckhart – und Ausdruck der Gegenwart ist das, was wirkt, was wirklich ist. Der Weg, sich mit dieser „letzten Wirklichkeit“ zu verbinden führt in die Unterwelt des eigenen Unbewussten, wo die Dämonen der Vergangenheit ihr Unwesen treiben. „Hinab gestiegen in das Reich des Todes“ – heißt: da hinkommen, wo ich so gar nicht hin will: wo meine Verletzungen und meine Enttäuschungen sind, wo meine Trauer wohnt und meine Resignation – aber auch mein Hass und meine Rachsucht.

Vierte Erkenntnis: Der Weg in die eigene Freiheit erfordert viel Mut.

Jesus Christus spricht: ich war tot und siehe ich bin lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit und habe die Schlüssel des Todes und der Hölle.“ Dieses Wort steht über unserem heutigen Ostergottesdienst. In Verbindung mit Christus – und durch die Taufe sind wir untrennbar mit ihm verbunden – haben wir, hat jeder von uns die Schlüssel zu seiner eigenen Hölle in der Hand. Die Hölle – das sind nicht die Anderen – die Hölle, das bin ich selbst, indem ich mich von meinem eigenen so und nicht anders gewordenen, verlaufenen Leben abwende. So gesehen ist der „Herr der Hölle“, der Teufel, ein armer Teufel: hat er doch keine Ahnung davon, was es heißt zu lieben: sich dem, was und wie es ist zuzuwenden. (Diesen wunderschönen Gedanken verdanke ich – wie so Vieles – Theresa von Avila.)

Liebe Gemeinde,

durch Jesus Christus verfügen wir über den Schlüssel zu unserem Tod und zu unserer Hölle. Damit sind wir auch in der Lage, uns aus unserem Gefängnis zu befreien. Hierzu eine alte Geschichte aus der Tradition des Sufis:

Ein Zinnschmied war zu Unrecht ins Gefängnis gesperrt worden und auf scheinbar wunderbare Weise daraus entflohen. Jahre später wurde er gefragt, wie ihm seine Flucht gelungen sei. Er erzählte: Die Befreiung verdanke ich meiner Frau. Sie ist Weberin. Sie hat den Bauplan des Zellenschlosses in den Teppich hinein gewebt, auf dem ich meine Gebete fünf Mal täglich verrichte. Als ich erkannte, dass in dem Teppich das Schloss meines Gefängnisses hinein gewebt ist, traf ich mit meinen Gefängnisaufsehern eine Absprache. Sie sollten mir Werkzeug bringen und ich würde damit kleine Kunstgegenstände anfertigen, die sie mit Gewinn verkaufen könnten. Sie ließen sich darauf ein – und ich machte von den Werkzeugen die Kunstgegenstände aber auch einen Schlüssel für das Schloss meiner Gefängnistüre. Und so wurde ich frei.“

Ich wünsche Ihnen, liebe Gemeinde, dass Sie das heutige Ostern als das Fest Ihrer Befreiung erleben und feiern dürfen. Ich wünsche Ihnen den MUT zu erleben, dass der Auferstandene immer da wirkt, wo die Liebe keimt. Jene Liebe, die auch Sie umfängt und ihren Nachbarn und ihren Nächsten und Über-Nächsten. Und – man sollte es nicht glauben – in dem Licht dieser Liebe des Auferstandenen bleibt auch an meinem Todfeind noch etwas Liebenswertes.

Das alles geht freilich nur, indem ich den Mut in mir finde darauf zu vertrauen, dass ich selbst in meinem kleinen, endlichen, fehlerhaften Leben mit seinen Irrungen und Wirrungen von Gott so gemeint bin, wie ich geworden bin.

Und dass das vor Gott in Ordnung ist. Schwer in Ordnung, AMEN.

Predigt über Jesaja 29, 17 – 24 am 12. Sonntag nach Trinitatis 2017

Montag, 4. September 2017

Liebe Gemeinde,

der Abschnitt unseres heutigen Predigttextes, einem Wort aus dem AT, ist in der neuen Lutherbibel überschrieben mit: „Die große Wandlung“.

Die Wortfamilie von „Wandlung“ ist “winden“. Eine Wand war ursprünglich etwas „Gewundenes“ etwas „Geflochtenes“. „Wandeln“ bedeutet ursprünglich, etwas immer wieder hin und her wenden. Wie ein guter Brotteig immer wieder hin und her geknetet werden muss. S. Freud nennt das „Durcharbeiten“. Wandlung setzt also die Fähigkeit voraus, sich geduldig auf einen Prozess einzulassen, in dem etwas immer wieder hin und her bewegt wird. Bis es schließlich „so weit ist“. „So weit“ heißt im Bild des Brotteiges: dass der Teig nunmehr in den Backofen kommt – „so weit“ heißt im übertragenen Sinne, dass eine wohl-überdachte Handlung ausgeführt wird.

Wandlung vollzieht sich in einem eigenen Rhythmus – der viel langsamer ist, als unser Zeitgeist das wahrhaben will. Das Gegenteil zu Wandlung ist ein schneller Reflex. Eine nervlich bedingte Muskelzuckung. Oder auch Entladung. „Das musste jetzt raus“, heißt es dann. Was „raus muss“ ist meist eine Art „Blähung“ – die nichts mit einem ruhigen, besonnenen Gedanken zu tun hat. Durch die neuen Medien finden derartige Blähungen massenhaft Verbreitung und verpesten die Umwelt.

Was ist nun die große Ver-Wandlung, von der der Prophet Jesaja vor über 2500 Jahren spricht?

17 Wohlan, es ist noch eine kleine Weile, so soll der Libanon fruchtbares Land werden, und was jetzt fruchtbares Land ist, soll wie ein Wald (Garten) werden.

18 Zu der Zeit werden die Tauben hören die Worte des Buches, und die Augen der Blinden werden aus Dunkel und Finsternis sehen;

19 und die Elenden (Demütigen) werden wieder Freude haben am HERRN, und die Ärmsten (Dürftigen) unter den Menschen werden fröhlich sein in dem Heiligen Israels.

20 Denn es wird ein Ende haben mit den Tyrannen (Wüterich) und mit den Spöttern aus sein, und es werden vertilgt werden alle, die darauf aus sind, Unheil anzurichten,

21 welche die Leute schuldig sprechen vor Gericht und stellen dem nach, der sie zurechtweist im Tor, und beugen durch Lügen das Recht des Unschuldigen.

22 Darum spricht der HERR, der Abraham erlöst hat, zum Hause Jakob: Jakob soll nicht mehr beschämt (schambleich) dastehen, und sein Antlitz soll nicht mehr erblassen.

23 Denn wenn sie sehen werden die Werke meiner Hände – seine Kinder – in ihrer Mitte, werden sie meinen Namen heiligen; sie werden den Heiligen Jakobs heiligen und den Gott Israels fürchten.

24 Und die, welche irren in ihrem Geist, werden Verstand annehmen, und die, welche murren, werden sich belehren lassen. („Die Geistestaumeligen werden den Sinn erkennen und die Hetzer Vernunft erlernen.“) Kursiv: Übersetzung von Martin Buber

Liebe Gemeinde,

träum‘ weiter!

Das war meine spontane erste Reaktion auf diesen Text.

In Träumen kann ich mir die Welt, mein Leben schön träumen. Es gibt Menschen, die verbringen viel Lebenszeit mit Tagträumen. Meistens kommen sie irgendwie groß raus in ihren Träumen, sind Rächer der Schwachen, ziehen die vermeintlich Bösen zur Rechenschaft. Oder finden einen Retter, der sie aus allem Ungemach erlöst.

Ich vermute, dass gerade in den Religionen viele solcher Tagträume untergebracht sind. Sie stabilisieren den eigenen Wert, geben dem Leben Sinn.

Die Frage ist nur: mit wieviel Bestand?

Für die Frage nach dem Bestand – nach dem was besteht auch und gerade in der Krise, im Zweifel – ist es hilfreich, Tagträume von echten, aus dem Unbewussten stammenden Nachtträumen zu unterscheiden. Tagträume eignen sich nicht für die Realität und ihre Bewältigung. Tagträume zerschellen an der Wirklichkeit wie eine Seifenblase, die unsanft auf dem Boden der Tatsachen landet. Tagträume sind dafür gemacht sich abzulenken. Eine Art Narkotikum. Tagträume eignen sich dazu, sich zu entziehen.

Echte Nachtträume hingegen haben den Charakter völliger Überraschung. War wirklich ich das, der das heute Nacht geträumt hat? Gute Träume sind nicht vorhersehbar. Sie sind verschlüsselt. Deshalb ist es naheliegend, sie als „Non-Sense“, als „sinnlose Entladungen des Gehirns“ einzuordnen.

Die moderne Wissenschaft hat es nämlich nicht gerne, wenn sie etwas nicht versteht.

Liebe Gemeinde,

man hat unseren heutigen Predigttext eine Vision genannt. Vision heißt, jemand sieht in eine Zukunft, die Wirklichkeit werden wird. Diese Zukunft kann angenehm sein, sie kann unangenehm sein. Entscheidend ist: der Visionär ist sich dessen, was er sieht, sicher.

Lassen Sie uns im Einzelnen anschauen, was Jesaja in seiner Vision sieht.

Das Besondere an dem Text Jesajas ist es, dass er Wandlungen beschreibt – ohne zu bewerten. Es gibt keine Strafe, es ist keine Rede vom „Zorn Gottes“, den die „Frevler“ zu spüren bekommen. Nein – die Gedanken Jesajas haben auch etwas sehr Schlichtes: sie beschreiben eine verwandelte Wirklichkeit.

Wohlan, es ist noch eine kleine Weile …“

Wörtlich heißt es: „Ist es nicht nur ein winziges Wenig…“ Also: es steht unmittelbar bevor. Und was?

Zunächst: die Verwandlung der Natur: man hatte den Karmel abgeholzt – und das Holz für den Schiffsbau verwandt, Umweltzerstörung nennen wir das heute –

noch eine kleine Weile, es wird wieder Wald sein, und wo jetzt Wald ist, wird Garten sein. Dies geschieht natürlich nicht von selbst, sondern durch Menschen, die eine neue Haltung zur Natur, zur Schöpfung gefunden haben werden. So ist es schlüssig, dass die nächste Wandlung, die genannt wird, eine Wandlung der Menschen ist:

Die Tauben werden die Worte (der Heiligen Schrift, also Gottes Wort) hören und aus Dunkel und Finsternis hervor werden die Augen der Blinden sehen.“

Wir haben vorhin im Evangelium die Heilung des Taubstummen gehört. Die große (Ver-)Wandlung, um die es geht, ist eine Heilung. Heilen heißt wörtlich: „ganz machen“. Un-heil ist Zerteiltes, Zersplittertes, Fragmentiertes. Wir Menschen, unsere Seele, trägt eine tiefe Sehnsucht nach Ganzheit. Ausdruck der letzten und tiefsten Ganzheit aber ist Gott selbst. So trägt unsere Seele eine tiefe Sehnsucht nach Gott: „ruhelos ist unser Herz, bis es Ruhe findet in dir …“ sagt der Heilige Augustinus in seinen Bekenntnissen.

Zu Ganz-sein oder „heil-sein“ gehört auch eine gute, eine gerechte Gesellschaftsordnung. In ihr haben die verbreiteten Mauscheleien, die Idealisierung von Steuerhinterziehung und Schwarzarbeit, überhaupt das Lügen und Betrügen keinen Platz. In ihr haben auch jene Tyrannen keinen Platz, denen es nicht um eine gute, soziale Gemeinschaft geht, sondern um die Ausbreitung ihrer Macht und ihres Einflusses. Damit verlieren die Spötter ihre Daseinsberechtigung. Die Armen bekommen wieder Freude am Leben: sie sind nicht länger am Rande der Gesellschaft. Und deren Geist verwirrt ist, die „taumeln im Geiste wie Betrunkene“, sie werden Sinn erkennen. Und die, die nur Propaganda machen, „die Hetzer“, sie werden zur Vernunft kommen.

Tja, liebe Gemeinde,

ist das wirklich eine Vision? Was würde Jesaja wohl dazu sagen, wenn er die Geschichte von uns Menschen kennen würde – diese 2500 Jahre nach seiner Vision? Dass er sich leider getäuscht hat, der Wunsch der Vater seiner Gedanken gewesen ist?

Was würde Jesaja zu unserer Wirklichkeit wohl sagen? Dazu, wie die Propagandisten und Populisten wieder Zulauf bekommen, wie die Welt voll Unrecht, Ungerechtigkeit und Lügen ist? Wie selbstverständlich uns der eigene Vorteil ist und damit verbunden das Tricksen und Schummeln? Dazu, wie wir die Natur ausbeuten und weiter das Billigfleisch beim Lidl kaufen? Oder die Kaffee-Tabs aus Aluminium?

Was würde Jesaja zu meinen eigenen Wandlungen und Verwandlungen sagen? Dazu dass mein Körper täglich älter wird, meine Haut faltig, meine Haare grau. Dass ich häufiger müde und erschöpft bin. (Ich vermute, jeder von uns kann mit dieser Aufzählung mühelos fortfahren.)

Nun – Jesaja würde vielleicht sagen: da hast du etwas Wichtiges missverstanden. Mir geht es nicht darum, eine heile Welt zu malen, um damit von dem Leid der Gegenwart abzulenken. Das wäre ein Tagtraum, ein Narkotikum. Dann hätte Karl Marx recht, wenn er sagt: Religion ist Opium für das Volk.

Nein – mir geht es um etwas anderes:

Mir geht es um die Möglichkeit, dass du dich und deine Haltung zur Welt ändern kannst. Ich möchte dir eine andere, verwandelte Blickrichtung aufzeigen. Eine Perspektive, die nicht vom Negativen ausgeht. Ich möchte dir eine Perspektive zeigen, von der ich meine, dass sie heilsam ist: für deinen Körper, für deine Seele und für deinen Geist. Weil sie auf das Ganze ausgerichtet ist – und nicht nur auf Teile.

Meine Perspektive heißt: schau dir an, was möglich ist. Schau dir an, was du alles verändern kannst. Zum Guten, zum Ganzheitlichen hin. Und dann – verwirkliche es! Und zwar heute!

Du kannst jede Minute umkehren.

Du kannst jede Minute dein Denken verwandeln.

Du kannst jede Minute deine Haltung zum Leben verwandeln.

Unter einer Bedingung: dass du genug unter deiner bisherigen Haltung unter deinem bisherigen Denken leidest. Dass du die Nase voll hast von deinen Tricksereien und deinen (Selbst)-Täuschungsmanövern. Dass du keine Lust mehr hast, dir selber dauernd etwas vorzugaukeln.

Ohne Sehnsucht nach Neuem, nach Verwandlung gibt es keine Veränderung.

Wenn du ein Schiff bauen willst, so trommle nicht Menschen zusammen, um Holz zu beschaffen, Werkzeuge vorzubereiten, Aufgaben zu vergeben und die Arbeit einzuteilen, sondern lehre die Menschen die Sehnsucht nach dem weiten, endlosen Meer.“ (Aus: Saint Exupéry „Die Stadt in der Wüste“).

Das gilt im übrigen auch für einen guten Kirchenvorstand, für einen guten Pfarrer: wenn du eine Gemeinde bauen willst, dann trommle nicht die Leute zusammen und verteile Aufgaben – sondern lehre sie die Sehnsucht nach der unendlichen Güte, Liebe und Barmherzigkeit Gottes.

Indem ich die Sehnsucht nach Gott lehre, geschieht eine allmähliche Verwandlung der Herzen.

Die heilsame Bewegung hin zu Ganzheit (zu Gott) ist eine integrative Bewegung. Sie schließt ein – und nicht aus. Und in dieser Bewegung kommt das Verschiedene auf einen guten Platz. Ein guter Platz ist ein solcher, an dem ich dem Anderen nichts wegnehme. Auch nicht dem Staat, der auch sein Teil – genannt Steuern – bekommt. Würde jeder auf seinem eigenen Platz sitzen und damit zufrieden sein, wäre die Verwirklichung der Vision Jesajas zum Greifen nahe.

Die Fähigkeit, wirklich meinen ganz eigenen, einmaligen Platz einzunehmen, bedeutet, dass ich alleine sein kann. Auf meinem Platz kann nur ich sitzen niemand sonst. Meinen Lebensrucksack kann nur ich tragen: niemand sonst.

In der Tiefe sind alle Konflikte, die wir mit unseren Mitmenschen haben, Trennungs-Konflikte. Unsere „Enttäuschungen“ über Andere sind nichts als ein Ausdruck davon, dass wir nicht ertragen können, dass und wie der Andere denkt und lebt. Da ist es gut, sich zu fragen: wofür verwende ich eigentlich gerade den Anderen? Bekämpfe ich gerade etwas in ihm, was eigentlich zu mir gehört? Was ich aber unter gar keinen Umständen bei mir entdecken möchte?

Liebe Gemeinde,

der Weg zu Ganzheit, zu Heilung führt immer tiefer hinein in das Annehmen dessen, was gerade ist. In sein Werden und sein Vergehen. Ohne wenn und aber.

Gebe Gott, dass wir diesen Weg alltäglich suchen, finden und zu gehen lernen – bis schließlich unser Herz zur Ruhe kommt im Frieden Gottes, der höher ist als unser Denken und Predigen, AMEN.

1. Sonntag nach Trinitatis 2017

Donnerstag, 29. Juni 2017

Predigt über Johannes 5,39-47 am 1. Sonntag nach Trinitatis 2017 in der Thomasgemeinde Grünwald

Die Dunkelheit des Vaters, das Licht des Sohnes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit und allen, AMEN.

Liebe Gemeinde,

„5, 39 Ihr sucht in den Schriften, denn ihr meint, ihr habt das ewige Leben darin; und sie sind’s, die von mir zeugen; 5,40 aber ihr wollt nicht zu mir kommen, dass ihr das Leben hättet.“

Mit diesem Satz aus dem Munde des johanneischen Christus beginnt unser Predigttext für den heutigen 1. Sonntag nach Trinitatis.

Vielleicht hat Goethe an diesen Satz gedacht, als er seinen Faust in der Studierstube sagen lässt:

Habe nun, ach! Philosophie,

Juristerei und Medizin,

und leider auch Theologie!

Durchaus studiert, mit heißem Bemühn.

Da steh ich nun ich armer Tor!

Und bin so klug als wie zuvor. …“

Ich fühle mich in diesem Satz sehr persönlich angesprochen. Immer wieder dachte ich, irgendwo muss es doch stehen: es, das mich erlöst, das mich rettet, das mich erleuchtet, das mir Klarheit verschafft.

Ich bekenne: ich bin ein leidenschaftlicher Sucher (gewesen?)

Und ich habe viel gefunden auf meiner Suche: viele kluge Gedanken, die mein Denken geprägt haben und Einfluss auf mein Leben genommen haben. Sie haben mich geweitet und geöffnet. Es gibt so viel Spannendes zu entdecken auf dieser Welt.

Und doch gibt es in alle dem etwas, das mich nicht satt gemacht hat. Und das hat mit diesem merkwürdigen Satz zu tun, den der johanneische Christus sagt:

… ihr wollt nicht zu mir kommen, (auf) dass ihr das Leben hättet.“

Das heißt doch wohl: es gibt etwas, das lässt sich in keinem Buch, in keiner Schrift finden.Und dieses „Etwas“ scheint mit Leben zu tun zu haben. Wobei die feine Unterscheidung zu beachten ist: zwischen „ewigem Leben“ und „Leben“. Christus bietet „Leben“ an. Ob ewig oder nicht – scheint nicht so wichtig zu sein.

Leben.

Leben, das etwas damit zu tun hat, „zu mir zu kommen.“ Das ist etwas Anderes, als sich etwas zu erlesen. Es geht um Erleben. Solange ich suche, bin ich nicht in der Gegenwart. Bin ich nicht (ganz) da. Und es ist kein Zufall, dass „Suche“ mit „Sucht“ zu tun hat. Die Bedeutung aller Sucht hat damit zu tun, mich aus meinem Da-Sein heraus zu katapultieren. In ein trügerisch „besseres“ Da-Sein. Ein Da-Sein, das näher an meinen Wünschen, Erwartungen, Sehnsüchten ist. Sehn-Süchte: schon wieder haben wir die Suche und die Sucht: Sehnsucht könnte nach „Sehens-Sucht“ klingen, ein Streben danach: „gesehen“, wahrgenommen zu werden. Anderherum: solange ich suche, bin ich nicht einverstanden mit meinem Jetz-ist-es-so-und-nicht-anders!

Und was hält mich davon ab, die Suche zu beenden, sie sein zu lassen?

Da gibt es zum einen das Gefühl: mir ist etwas vor enthalten worden. Ich habe etwas nicht bekommen, was mir zugestanden wäre. Worauf ich ein Recht gehabt hätte.

Die Suche ist also auf Wiedergutmachung gerichtet.

Je drängender dieses Gefühl ist, je mehr es mich und mein ganzes Leben versklavt, desto ausgeschlossener ist es, finden zu dürfen.

Oder wo anzukommen.

Da-Sein.

Je tiefer in mich eingebrannt ein Gefühl ist wie: „das hätte niemals passieren dürfen“ – desto geringer sind meine Chancen auf Zufriedenheit.

Und desto sicherer werde ich nicht loslassen von meiner Suche.

Hinzu kommt, dass ich – solange ich Suchender bin – wenigstens irgendwas in der Hand habe.

Ich bestimme, wo ich suche und wo nicht.

Und das gibt mir Sicherheit. Ein Gefühl von etwas kontrollieren können.

Natürlich hätte ich gerne das Leben: aber so wie ich es mir vorstelle.

Wenn ich zu dir, Christus, komme, liefere ich mich aus.

Weiß ich nicht, was da auf mich zukommt.

Das ist ein extrem unangenehmes Gefühl.

Alles aus der Hand geben … Mit leeren Händen stehe ich vor dir …

5,41 Ich nehme nicht Ehre von Menschen; 5,42 aber ich kenne euch, daß ihr nicht Gottes Liebe in euch habt.“

Jetzt wird es richtig hart: wir sind wahrgenommen, „ich kenne euch!“ Wir sind erkannt, durchschaut: „ihr habt nicht Gottes Liebe in euch!“ Gottes Liebe (Genitiv: die Liebe Gottes – aber auch: die Liebe zu Gott) scheint irgendwie im Gegensatz zu der Ehre von Menschen zu stehen. Ich muss aber doch was spüren. Ich brauche Lob. Die Psychologen sind sich darin einig, wie dringend wir Menschen Lob benötigen. Es gibt uns Kraft und Anerkennung.

Gott spüre ich nicht! Wo – bitte – bekomme ich Lob von Gott?

Das Zu-Christus-Kommen bedeutet, auf die Ehre von Menschen zu verzichten. Jedenfalls steht sie nicht mehr im Mittelpunkt. Erst in und mit diesem Verzicht kann die Liebe Gottes in mich hinein kommen, kann sie aufgehen, aufblühen, wachsen und sich entwickeln. Leider ist es aber nicht so, dass die Liebe Gottes einfach da wäre! Wie in einem wundersamen Tausch: ich gebe mein Streben nach Ehre auf – und bekomme Gottes Liebe geschenkt.

Wer dies verheißt ist ein Trickbetrüger.

Ein Scharlatan.

Es ist genau anders: indem mein Ich auf diese Ehre verzichtet, breitet sich ein äußerst unangenehmes Gefühl in mir aus. Es ist so, als würde ich in einen Abgrund fallen. Oder auch als würde das, wovon ich lebe, mir genommen werden. Die Grundlage, der Boden meines Lebens.

Ich muss anerkennen: ich verwende die Ehre von Menschen dafür, dieses innere Loch zu stopfen, diese innere Leere aufzufüllen. Ich muss anerkennen: ich vertraue der Liebe Gottes nicht!

5,43 Ich bin gekommen in meines Vaters Namen, und ihr nehmt mich nicht an. Wenn ein anderer kommen wird in seinem eigenen Namen, den werdet ihr annehmen.

Stimmt. Das sind die großen Verführer der Geschichte. Ich möchte ihre Namen nicht nennen, sie haben hier nichts verloren. Alle Verführer leben davon, sich selbst an die Stelle Gottes zu setzen. Sie setzen ihr „einfaches“ Denken von gut und böse absolut. An anderer Stelle spricht der Christus des Johannesevangeliums vom „Fürsten dieser Welt“ (Joh 15, 11). Der „Fürst dieser Welt“ kann nur bis zwei zählen – in seinem Denken und Erleben ist das Dritte nicht integrierbar. Der Fürst dieser Welt denkt in „Ich zuerst“ und „nach mir die Sintflut!“ Immer wenn es „rein“ wird: die „reine“ Lehre, der „reine“ Glaube, die „einzig richtige Interpretation …“ – dann ist der Fürst dieser Welt aktiv. Der Fürst dieser Welt baut Mauern gegen das Fremde, fühlt sich parasitär ausgebeutet, erlebt und denkt in Macht und Ohnmacht. In diesem Denken ist der Dritte der Feind: ihm wird der Krieg erklärt. Und so bleibt dieses Denken in Zweiheit erstarrt. Was das schöne deutsche Wort: Ver-Zwei-flung wunderbar wiedergibt. Die Kehrseite der Verzweiflung ist der Triumph. Der Fürst dieser Welt ist „great“ und macht alle, die an ihn glauben „great“!

Die große Frage ist: woran glaube ich. „Woran du dein Herz hängst, das ist dein Gott“, sagt M. Luther.

Der johanneische Christus fährt fort: „5,44 Wie könnt ihr glauben, die ihr Ehre voneinander annehmt, und die Ehre, die von dem alleinigen Gott ist, sucht ihr nicht?“

Ja, möchte ich antworten, die „Ehre, die von dem alleinigen Gott ist“, die zählt in dieser Welt so wenig. Die kann ich mit meinen Sinnen nicht erfassen, mit meinen Gedanken nicht denken. Aber unsere Statussymbole, die kann ich erkennen, mit ihnen kann ich mich schmücken, nach ihnen kann ich mich verzehren.

Was ist das überhaupt: die „Ehre, die von dem alleinigen Gott ist“?

Die „Ehre Gottes“ (hebräisch kawod – griechisch doxa) ist das Leben in Gott hinein und aus Gott heraus. Es ist das, was uns umhüllt, was uns die Luft zum Atmen schenkt. In ihr leuchtet die Wirklichkeit in einem neuen, dreidimensionalen Licht. In ihr wird das Leben lebendig und bunt, in ihr geschieht eine heitere Freiheit.

Wie könnt ihr glauben?

Das Erleben dieser Ehre Gottes ist Ausdruck eines gläubigen Vertrauens.

Ganz wichtig: Jesus sagt nicht: weil ihr nicht glaubt, deshalb werdet ihr verurteilt werden. Ganz im Gegenteil:

5,45 Ihr sollt nicht meinen, daß ich euch vor dem Vater verklagen werde; es ist einer, der euch verklagt: Mose, auf den ihr hofft.

Moses steht hier für das (alttestamentliche) Gesetz, das uns Menschen richtet. Aber nicht nur, denn Christus fährt fort:

5,46 Wenn ihr Mose glaubtet, so glaubtet ihr auch mir; denn er hat von mir geschrieben.

5,47 Wenn ihr aber seinen Schriften nicht glaubt, wie werdet ihr meinen Worten glauben?“

Es geht um Glauben! Und Vertrauen!

Selig, wer nicht sieht und doch glaubt!“

Wenn ihr Moses glaubtet, dann würdet ihr erkennen, dass die Gebote für euch gegeben sind. Sie sind nicht Ausdruck eines machthungrigen Gottes, der Unterwerfung will.

Sie sind Ausdruck eines liebenden Gottes, der Leben schützen und bewahren will.

Frei übersetzt bedeuten die 10 Gebote: indem ihr erlebt, dass es eine Kraft gibt, die euch dabei hilft, in eure Freiheit zu kommen, werdet ihr bestimmte Dinge nicht mehr tun. Ihr werdet sie nicht mehr tun, weil ihr sie nicht mehr tun könnt. Euer Herz ist ein anderes geworden, wie Hesekiel (11,19) sagt:

Ich will ihnen ein anderes Herz geben und einen neuen Geist in sie geben und will das steinerne Herz wegnehmen aus ihrem Leibe und ihnen ein fleischernes Herz geben, damit sie in meinen Geboten wandeln …“

Meister Eckhart hat in einer seiner Predigten Jesus dieses Wort in den Mund gelegt: „‚Niemand hört mein Wort noch meine Lehre, er habe denn sich selbst gelassen.'“

Darum geht es. Loslassen bedeutet, sich selbst lassen – auch: „sich selbst in Ruhe lassen, sich selbst sein lassen…“

Sein lassen heißt zunächst einmal: STOP sagen zu den eigenen Angriffen gegen sich selbst: „wie konntest du nur?“ „Warum hast bloß du?“ „Das hast du jetzt davon!“ Dies alles ist Ausdruck einer inneren gehässigen Stimme, die sich gegen das eigene Leben richtet.

Je kräftiger mein STOP wird, desto weniger Chancen hat diese Stimme. Oder mit Martin Luther: hat der „alte Adam“! Luther sagt: täglich muss der alte Adam ersäuft werden. Das ist mühsam, kostet viel Kraft.

Gelassenheit auch dem alten Adam gegenüber wäre ein anderer Weg. Gelassenheit heißt, ihm die Aufmerksamkeit entziehen. Dann erlebe ich, dass ich viel weniger „muss“, als ich immer meine. Dass es gut genug ist, wie es ist. In diesem Geschehen wächst eine neue Kraft in mir: die, mein Leben gerade so, wie es geworden ist, freundlich und liebevoll anzunehmen.

Natürlich bleiben die Herausforderungen: gerade wenn ich müde und erschöpft bin, wenn ich Schmerzen erleide, wenn Menschen, die mir nahe stehen, krank werden, Leid tragen … – dann spüre ich einen Sog, wieder alles in Frage zu stellen.

Auch und gerade meinen Glauben.

Auch und gerade solche Gedanken wie die von der Gelassenheit in Gott.-

Und dann tut der Gedanke gut: dass der Zweifel und das Infragestellen eben auch zu meinem Leben hinzu gehört. Dass auch er seinen guten Platz bekommt. Der Zweifler und der Gläubige: sie sitzen gemeinsam am Tisch.

Dies ist wie ein Brückenschlag, wie ein Regenbogen – hin zur Liebe Gottes.

Und dazu verhelfe uns Gott – dass unser alltägliches Leben geschieht in der Freude, in der Leichtigkeit, in der Heiterkeit eines Lebens, das sich immer müheloser und selbstverständlicher Gott überlassen hat und überlässt, AMEN.

Pfingsten 2017

Donnerstag, 29. Juni 2017

Predigt über Johannes 16, 5- 15 in der Jakobuskirche in Pullach an Pfingsten 2017

Die Dunkelheit des Vaters, das Licht des Sohnes und die liebende Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen, AMEN.

Liebe Gemeinde,

Es soll nicht durch Heer oder Kraft, sondern durch meinen Geist geschehen, spricht der Herr Zebaoth. (Sach 4,6)

Dieses alttestamentliche Wort umrahmt unseren heutigen Pfingstgottesdienst.

Das Evangelium und der Predigttext – beide aus dem Johannesevangelium – geben diesem Rahmen Inhalt. Substanz. Sie veranschaulichen ein Geschehen, das nicht auf Macht aufgebaut ist – sondern auf Erkenntnis. Und Erkenntnis heißt im Hebräischen auch Liebe.

16,5 Jetzt aber gehe ich hin zu dem, der mich gesandt hat; und niemand von euch fragt mich: Wo gehst du hin?“

Der Jesus – besser Christus – des Johannesevangeliums spricht nie nur für sich. Er denkt, lebt und erlebt sich stets in Beziehung zu seinem „Vater“. Dies ist nun nicht so besonders, da wir Menschen als Säugetiere Beziehungstiere sind. Wir konnten nur in Beziehung überleben. Und wir konnten nicht anders als die Art und Weise dieser frühen Beziehung (ihre Qualität) zu verinnerlichen. Mit jedem Schluck Milch, den wir als Babys getrunken haben, haben wir auch einen Schluck des „Geistes“, der „Atmosphäre“ mit getrunken, in dem/der wir gefüttert, gestillt worden sind. Mit Geist meine ich das ganzheitliche Empfinden und auf der Welt-Sein unserer frühen Nahrungsquelle. Wir haben ihre Freude gefühlt oder ihre Trauer, wir haben ihren Schmerz gefühlt und ihre Ängste, wir haben ihre Verzweiflung gespürt und ihren Druck, wir haben ihre Zuwendung gefühlt und ihre Liebe … Und jeder von uns hat wenigsten soviel Zuwendung mit getrunken, dass er ins Leben gekommen ist. Sonst wäre er nicht hier.

Und niemand von euch fragt mich: wo gehst du hin?“

Um eine Frage stellen zu können, muss ich auf eine Idee kommen. Muss ich etwas für denkbar halten. Ganz kleine Babys halten es nicht für denkbar, dass die Mutter(brust) (die Quelle des Lebens) sie verlässt. Sie halten es auch nicht für denkbar, dass sie da ist. Ein „Weg und Da“ ist nicht denkbar. Abstrakter: Zeit und Raum ist nicht denkbar. Erst nach einigen Wochen beginnen Babys zu erahnen, dass es in dieser Welt ein Kommen und ein Gehen gibt. Dabei entsteht die Ahnung von Zeit und von Raum. Dies alles geschieht in heftigsten emotionalen Turbulenzen. Es geht um Sein oder Nicht-Sein, um das verzweifelte Gefühl der Leere verbunden mit verhungern. Und da ich eine rudimentäre Erinnerung daran habe, dass es da etwas gibt, was ich brauche um zu leben, entsteht der Gedanke: da gibt es etwas, das mich vernichtet! Das mich verhungern lässt. Der springende Punkt ist: Abwesenheit ist nicht denkbar. Abwesenheit wird gefüllt mit gedachter Anwesenheit eines zerstörerischen Etwas! Daraus – und nicht aus dem Wohlbehagen: wie schön ist das Leben! – entstehen unsere ersten Gedanken! Diese allerersten Gedanken, aus denen die Vernichtungsangst sich ausdrückt, suchen dringend ein Etwas, ein Jemand, das sie hält und beruhigt. Finden sie dies nicht, wird die Verzweiflung immer verzweifelter, die Einsamkeit immer trostloser. In der Panik vieler Menschen, ein Pflegefall zu werden, bildet sich Erinnerung ab: die Erinnerung daran, wie es gewesen ist, klein, abhängig, fremden Mächten ausgeliefert zu sein.

Was wir Menschen brauchen, was uns gesund macht, ist irgend etwas, das uns „hält“, das uns „beruhigt“. Viele Menschen setzen hier auf Autarkie: „ich bin mir selbst der Nächste, das muss ich mir selber geben!“ Jedenfalls muss ich das, was ich brauche, „unter Kontrolle haben!“ Am Anfang was das ganz anders: das was ich brauchte konnte ich eben nicht kontrollieren: es kam über mich – mit einem Mal floss etwas Warmes, Süßes, Wohlschmeckendes in mich hinein, das mir ein unendliches Wohlbehagen und Glücksgefühle bescherte.

Daraus verdichtete sich in unserer frühen Zeit allmählich ein Konzept: da gibt es eine Macht, die mich vernichten will und eine Gegen-Macht, die mir Gutes tut, die mich am Leben erhält.

Menschliches Denken entspringt einer radikalen Aufteilung oder Spaltung der Welt!

16,6 Doch weil ich das zu euch geredet habe, ist euer Herz voll Trauer.“

Es geht um das Ertragen von Trauer. Menschen, die auf Macht und Heer setzen, können nicht trauern. Ihnen fehlt das Gefäß, Trauer zu ertragen. Und so können sie sich nicht einfühlen. Sie bleiben kalt und unbarmherzig. Das Gefäß (die Seele) für Trauer entwickelt sich aus den vielen Erlebnissen, mit unseren frühen Nahrungsquellen: mit wieviel Verständnis und Liebe wurden wir gefüttert? Oder ging es in erster Linie darum, einer Norm zu entsprechen, zu funktionieren. Wollten unsere Eltern ein Baby zum Vorzeigen haben, oder richtete sich ihr Augenmerk auf unser ganzheitliches (körperlich-seelisches) Wachstum? Waren wir als Baby überhaupt erwünscht in unserem eigenen Baby-Sein, oder sollten wir möglichst schnell kleine Erwachsene sein: brav, gut angepasst, gut funktionierend. „Mein Baby/Kind ist so brav!“ Mit diesem Satz einer stolzen Mutter verbindet sich zumeist ein depressives Baby oder Kind.

Das seelisch gesund entwickelte Baby erlebt erstmals diese Trauer mit drei Monaten: die Trauer darüber, dass es nicht die Macht hat, die Mama zu halten: dass die Mama kommt und geht. Die Trauer darüber, dass es das „Rein-Gute“ und das „Rein-Böse“ nicht gibt. Diktatorisches Denken ist zu dieser Trauer nicht fähig. Es kennt keine Mitte, kein Mittelmaß. Und so erschafft es die „Rein-Bösen“, die zu vernichten sind – und die „Rein-Guten“, denen alles zusteht. Religionen eignen sich ebenfalls hervorragend für diese Aufteilung: da sind es dann die „Gläubigen“ und die „Ungläubigen“. Wichtig ist, dass Ich – „mein Ich“ – stets auf der Seite der „Rein-Guten“ steht.

In einer gesunden Eltern-Kind-Beziehung stellt sich immer mehr heraus: es ist gut genug – nicht perfekt, aber ausreichend gut. „Es“ heißt: alle Beteiligten sind gut genug. Und: zum Leben gehört Trennung unweigerlich dazu. Wobei ich unterscheide zwischen einer guten Trennung und katastrophalem Verlassen-Werden.

16,7 Aber ich sage euch die Wahrheit: Es ist gut für euch, daß ich weggehe. Denn wenn ich nicht weggehe, kommt der Tröster nicht zu euch. Wenn ich aber gehe, will ich ihn zu euch senden.“

Genau so ist es. Der johanneische Christus beschreibt eine „gute Trennung“. Eine Trennung, die kräftigt. Das Durchleben und Durchleiden dieser Trennung geht nicht ohne die Schmerzen der Trauer, die Schmerzen des Abschied-Nehmens. Dies aber sind gute Schmerzen: es sind Wachstumsschmerzen für der Seele. Auf diesem Weg erhält die Seele ihr Rüstzeug für ein Leben in lebendigen Beziehungen. Denn Beziehungen, in denen man nicht weggehen darf, in denen Trennung Tabu ist, die sind erstarrt. Oder vereist. In dieser Erstarrung bleibt seelische Entwicklung blockiert. In seelischer Erstarrung bleibe ich untröstlich.

Der Tröster, der Heilige Geist, ist nur über den Weg der Trauer und des Abschiedsschmerzes erlebbar.

Es sind meine Tränen, die dazu verhelfen, meine vereisten Seelenteile aufzutauen.

Es sind meine Tränen, die mir helfen, mich dem Tröster zu öffnen.

16,8 Und wenn er kommt, wird er der Welt die Augen auftun über die Sünde und über die Gerechtigkeit und über das Gericht;

16,9 über die Sünde: daß sie nicht an mich glauben;

16,10 über die Gerechtigkeit: daß ich zum Vater gehe und ihr mich hinfort nicht seht;

16,11 über das Gericht: daß der Fürst dieser Welt gerichtet ist.“

Indem ich Trost erlebe, oder – personifiziert – den Tröster erlebe, gehen mir die Augen auf. „Ich erwache“.

Und was sehe ich?

Ich erkenne, dass Sünde keine moralische Verfehlung ist. Sünde ist ein Beziehungsgeschehen: es geht um Ur-Vertrauen oder Ur-Misstrauen. Auch dies ist ein Geschehen, das bereits in unserer Babyzeit sich bildet: mit wie viel Urvertrauen gehe ich in die Welt? Im Urvertrauen bildet sich ab, inwieweit ich mich gehalten gefühlt habe – oder fallen gelassen. Aus dem „ungehaltenen“ Baby wird ein „ungehaltener“ Erwachsener. Er ist ausgeliefert seinen ungehaltenen Impulsen, die er verzweifelt über Macht in den Griff zu kriegen versucht. Der vielfach beklagte Egozentrismus („Ich zuerst!“) ist in der Tiefe ein verzweifelter Versuch, sich selber am Leben zu halten. In dieser Verzweiflung ist kein Raum für Rücksicht, Respekt, Sich-selbst-Zurücknehmen. Und damit sind Vertrauen, Los-Lassen, Sich-Fallen-Lassen unmöglich geworden. Dies drückt sich aus in Verspannungen, Kreuzschmerzen, Schlafstörungen, Süchten, die dies alles betäuben sollen… und nicht zuletzt in Überheblichkeit.

Was sind wir nicht alle „great“ – oder etwa nicht?

Indem ich den Tröster erlebe, gehen mir die Augen auf. Was sehe ich noch?

Ich erkenne Gerechtigkeit. Erkenne, dass Gerechtigkeit nicht Gleichheit ist, sondern dass es eine gute Grundordnung mit wohl geordneten Beziehungen gibt. Erkenne, was wie zusammen gehört. So ist gerecht und notwendig, dass Jesus zu seinem Vater geht: genau da gehört er nämlich hin, da ist sein Platz. Das gesunde Kind erkennt und verinnerlicht, dass die Mutter zum Vater gehört, und der Vater zur Mutter. Und dadurch entsteht eine unglaubliche Freiheit: das gesunde Kind ist frei für sein ganz eigenes Leben; es muss sich nicht um das Wohlergehen seiner Eltern kümmern … In einer gesunden Seele lebt ein lebendiges Dreieck: Vater – Mutter – Kind. Und die Schenkel dieses Dreiecks sind liebevoll miteinander verbunden. (In der Trinitätslehre wird dieses Dreieck spirituell gedeutet: wobei der Heilige Geist das Weibliche, mütterliche Element darstellt: Augustinus bezeichnet ihn als das Band der Liebe zwischen Vater und Sohn.)

Und noch ein Drittes eröffnet der Tröster: dass der „Fürst dieser Welt“ gerichtet ist.

Der „Fürst dieser Welt“ kann nur bis zwei zählen – in seinem Denken und Erleben ist das Dritte nicht integrierbar. Der Fürst dieser Welt denkt in „Ich zuerst“ und „nach mir die Sintflut!“ Immer wenn es „rein“ wird: die „reine“ Lehre, der „reine“ Glaube, die „einzig richtige Interpretation …“ – dann ist der Fürst dieser Welt aktiv. Der Fürst dieser Welt baut Mauern gegen das Fremde, fühlt sich parasitär ausgebeutet, erlebt und denkt in Macht und Ohnmacht. In diesem Denken ist der Dritte der Feind: ihm wird der Krieg erklärt. Und so bleibt dieses Denken in Zweiheit erstarrt. Was das schöne deutsche Wort: Ver-Zwei-flung wunderbar widergibt.

Liebe Gemeinde,

das war jetzt ziemlich viel. Und einmal mehr werde ich am Ausgang zu hören bekommen: bei Ihnen muss man immer soviel nachdenken!

Was soll ich dazu sagen?

Dass Denken vor Demenz schützt?

Dass es jedem frei steht, ob der nach-denken will, oder eben nicht?

Oder:

16,12 Ich habe euch noch viel zu sagen; aber ihr könnt es jetzt nicht ertragen.“

(Das kam jetzt nicht von mir, unser Predigttext geht nämlich noch weiter!!!)

16,13 Wenn aber jener, der Geist der Wahrheit, kommen wird, wird er euch in alle Wahrheit leiten. Denn er wird nicht aus sich selber reden; sondern was er hören wird, das wird er reden, und was zukünftig ist, wird er euch verkündigen.

16,14 Er wird mich verherrlichen; denn von dem Meinen wird er’s nehmen und euch verkündigen. 16,15 Alles, was der Vater hat, das ist mein. Darum habe ich gesagt: Er wird’s von dem Meinen nehmen und euch verkündigen.“

Meister Eckhart beendet seine Predigt über Matthäus 5,3: „Selig sind die Armen im Geiste“ mit folgendem Gedanken:

Wer diese Rede nicht versteht, der bekümmere sein Herz nicht damit. Denn, solange der Mensch dieser Wahrheit nicht gleicht, solange wird er diese Rede nicht verstehen; denn diese ist eine unverhüllte Wahrheit, die da gekommen ist aus dem Herzen Gottes unmittelbar.“ (Predigt 52)

Und andersherum: je stärker der Mensch dieser Wahrheit gleicht, desto inniger verwandelt sich sein konkreter Glaube an einen konkreten Menschen in die unglaubliche Freiheit des Erlebens, selbst Gottes Tochter oder Sohn zu sein. Zu sein!!Indem ich durch die Taufe diesen Glauben geschenkt bekomme, lebe ich in der Freiheit des dreifaltigen Gottes. Diese Freiheit hat nichts mit Wahl-Freiheit zu tun: es ist „die Freiheit eines Christenmenschen“, befreit zum freudigen Mitwirken im Schöpfungshandeln Gottes. Damit dies möglich wird, muss Jesus zum Vater zurückkehren. Und wir müssen durch den Abschiedsschmerz hindurch gehen.

Dass wir zu Gottes Wahrheit kommen mögen, dass wir Gottes Wahrheit gleichen mögen, dass wir aus Gottes Wahrheit heraus leben mögen – dazu verhelfe uns der dreieinige Gott, der Vater und der Sohn und der Heilige Geist, AMEN.

Und die Liebe des dreieinigen Gottes schütze und erhalte unsere Seele, AMEN.