Archiv der ‘Predigten’

Predigt an Pfingsten 2020 über Apostelgeschichte 2, 6

Montag, 1. Juni 2020

Liebe Gemeinde,

seit alters her ist das Pfingstfest die Feier der Ausgießung des Heiligen Geistes und in eins damit das des Geburtstages der Kirche.

Ich möchte heute über einen Aspekt der Ausgießung des Heiligen Geistes predigend nachdenken:

Über Verstehen und Verstanden werden. Oder, anders:

Pfingsten, das Fest der Verständigung!

„ … ein jeder hörte sie in seiner eigenen Sprache reden …“ (Vers 6)

Was im übrigen keine Freude oder andere positive Gefühle auslöste – ganz im Gegenteil: „Sie entsetzten sich aber, verwunderten sich und sprachen: Siehe, sind nicht diese alle, die da reden, Galiläer? Wie hören wir sie denn ein jeder in seiner Muttersprache?“ (Vers 7) Gefühle von Entsetzen sind begleitet von Gefühlen der Hilflosigkeit und Ratlosigkeit, gepaart mit Angst, Ärger und Wut, vielleicht sogar Hass. Solche Gefühle mögen wir Menschen, mag unser „ICH“ nicht: Es wehrt sich dagegen. „So ein Blödsinn!“ sagt es. Auch Spott gehört dazu: „Die sind nicht ernst zu nehmen! Sie sind besoffen!“ Und damit ist auch schon die Rechtfertigung ausgestellt, sich davon abzuwenden. Das Ganze zu ignorieren.

Kurzum: Wir Menschen mögen es nicht, erleben zu müssen, nichts, aber auch gar nichts zu verstehen!

Man hat gesagt, das christliche Pfingstfest ist die Aufhebung der babylonischen Sprachverwirrung. Da, wo Verwirrung gewesen ist, tritt durch das Wirken des Heiligen Geistes Verständigung ein.

Wie schön wäre das: Verständigung im Kleinen wie im Großen, in den Familien wie unter den Völkern. Ja – wenn es doch nur so einfach wäre! Denn es ist ja anzuerkennen, dass das eigentliche Problem nicht die Sprache, sondern die Verständigung innerhalb ein und derselben Sprache ist! Das Problem hat mit Interessengegensätzen, Meinungsverschiedenheiten zu tun. Und mit Emotionen wie Neid, Gier, Angst usw.

Dabei steht am Anfang von Verständigung keineswegs „das Wort“ – oder die Sprache. Es gibt eine Verständigung, die auf gesprochene Sprache gar nicht angewiesen ist: Zum Beispiel mit einander Musizieren. Oder Körpersprache … Auch die Kommunikation mit Tieren kommt mehr oder weniger ohne Worte aus.

Am Anfang der Verständigung steht nicht das Wort, sondern das Interesse: Bin ich überhaupt bereit, den Anderen zu verstehen? Und, anders herum: Bin ich bereit, mich verständlich zu machen?

Unsere Welt und unser Alltag lehrt: Es wäre naiv, beide Fragen mit ja zu beantworten. Es ist nämlich leider so, dass sich verständlich machen und den Anderen zu verstehen ein anstrengendes und durchaus mühsames Unterfangen ist. Es bedarf Tugenden, die nicht en vogue sind: Geduld, Warten-Können, sich Zeit nehmen, sich einlassen. Und in alledem auszuhalten, nichts zu verstehen. So sind wir übrigens alle auf die Welt gekommen: Wir haben nicht einmal „Bahnhof“ verstanden! In der Bibel heißt es deshalb so schön: Es war „tohu wa bohu“ – frei übersetzt: Es ging drunter und drüber!

Die Schöpfung ist nichts anderes als die Transformation dieses Ur-Chaos oder dieser Ur-Finsternis. In ihr entsteht Gestalt, Struktur. Es ist der Geist Gottes, der Heilige Geist, der dies vermag. Es ist ein Geist der guten, dem Leben dienenden Ordnung. „Und Gott sah, dass es gut war“, heißt es deshalb am Ende eines jeden der sechs Schöpfungstage. (Nur beim siebten Tag, mit dem der Sabbath in die Welt kommt, fehlt es! Von ihm heißt es, dass Gott an ihn ruhte, ihn segnete und heiligte.)

Der Gegenspieler dieses ordnenden Verstehens ist der Triumph des Chaos. Die Lust am Zerstören. „Wir müssen uns doch nicht an diese blöden Einschränkungen halten …“ Es ist kein Zufall, dass in den Ländern, die von sogenannten populistischen Führern regiert werden, die Zahl der Infektionen und der Toten am höchsten ist. Und es ist auch kein Zufall, dass genau dies vertuscht werden soll. Der Satan, der Diabolos (wörtlich: Durcheinander-Werfer) arbeitet im Verborgenen.

Verstehen und verstanden-werden hat mit der Bereitschaft zu tun, sich an Ordnungen anzupassen, anstatt sich darüber hinwegzusetzen. Dies gilt auch für das Miteinander-Sprechen. Sich an Ordnungen zu halten heißt, Grenzen zu akzeptieren. Heißt aushalten, dass ich begrenzt bin. Spürbar werden meine Grenzen über meinen Körper und seine Endlichkeit und Vergänglichkeit. Er spricht in seiner Körper-Sprache zu mir, in Form von Hunger und Durst, in Form von Müdigkeit, Schmerzen, in Form von Herzklopfen oder Schwitzen usw. Anders kann er sich mir nicht verständlich machen. Auf der anderen Seite meines Körpers steht mein Ich, mit seinen Wünschen, Hoffnungen, Sehnsüchten – auch mit seinen Enttäuschungen, Verbitterungen. Und mit seiner Bereitschaft, den eigenen Körper neugierig-liebevoll kennen zu lernen. Dies ist nicht selbstverständlich. Gelingt es mir, meinem Ich, sich für meinen Körper und für das, was er versucht auszudrücken, zu interessieren? Oder soll er vor allem funktionieren und ansonsten still sein? Vielleicht habe ich mich gerade so als Kind gefühlt: „Kinder soll man sehen, aber nicht hören!“ lautete eine der Regeln der sogenannten schwarzen Pädagogik. Oder ich habe als Kind gelernt, dass das Wichtigste ist, dass ich „gut“ oder „nett“ ausschaue. Dann werde ich viel Energie dafür aufbringen, dass mein Körper diesen Idealen entspricht. Auch dies hat nichts mit wahrhaftigem Interesse für ihn und an ihm zu tun, sondern damit, dass er nicht genügt, so wie er ist. „Inter-esse“ heißt nämlich laut Duden wörtlich: „dazwischen sein, dabei sein, teilnehmen, von Wichtigkeit sein“.

Nehme ich am Leben meines Körpers Anteil? Und zwar liebevoll-neugierig?

Oder verstecke ich mich und meine Körperlichkeit, wozu es im Christentum leider eine lange Tradition gib.

Adam, wo bist du?“ Dies ist die erste Frage Gottes an „Adam“, den „Menschen schlechthin“. Gott ist am Einzelnen interessiert. Gott spricht den Einzelnen direkt an. Und genau davor hat Adam Angst. Der Mensch hat sich versteckt. Er wagt es nicht, für sich selbst einzutreten. Aus Scham und aus Angst. Er wagt es nicht, Gott zum Gegenüber, zum „Du“ zu werden.

Dies ist unsere Situation: Wir verstecken uns – vor Gott und so vor uns selbst. Aus Angst und aus Scham. Wir wagen es nicht, zu uns selbst zu stehen: mit unseren Wünschen, mit unseren Gedanken, mit unseren Handlungen. Wir sind feige. Was hatte Adam gemacht? Er hatte sein Weib erkannt, heißt es: „Und Adam erkannte Eva.“ Erkennen bedeutet im Hebräischen „sich für den anderen interessieren“, am Leben und an der Lebendigkeit des Anderen teilnehmen und Teilhabe gewähren – einschließlich gemeinsamer Sexualität. Von daher geht „erkennen“ fließend in „lieben“ über.

Die Wurzel des Verstehens und der Verständigung liegt in der Bereitschaft zu lieben und sich lieben zu lassen. Dies ist etwas sehr anderes als sich bewundern zu lassen und über Andere zu triumphieren.

Liebe entsteht in der Hinwendung zu mir und zu meinem jeweiligen Nächsten. Die Haltung dieser Hinwendung ist freundliche Aufmerksamkeit – ohne schon zu wissen, was der Andere braucht oder was ihm gut tut. Auch ohne zu wissen, was er falsch macht und was er verbessern könnte.

Liebe heißt, sich für den Anderen gerade so wie für mich selbst zu interessieren. Die Haltung ist freundliche Offenheit.

Adam, wo bist du?“ ist Gottes Raum gebende Frage. Und nicht: „Adam, wie konntest du nur, du bist falsch …“ Ich weiß, dass Religion seit es sie gibt für Pädagogik und Moral missbraucht worden ist. Gerade so hat sie ihr Ansehen verloren.

Für mich ist Religion die Hin- und Rückführung des Menschen zu sich selbst: zu seinem Eigenen und zu seinem Eigentlichen.

Oder – wie es in einer chassidischen Geschichte heißt: Als Rabbi Sussja merkte, dass er nicht mehr lange zu leben hatte, sagte er: „In der kommenden Welt wird man mich nicht fragen, warum bist du nicht Moses gewesen. Man wird mich fragen: Warum bist du nicht Sussja gewesen?“

Und in einem indischen Weisheitswort heißt es:

Warum bringt du nicht deinen eigenen Lotus zum Blühen? Die Bienen werden dann von selbst kommen.“

Und Paul Gerhardt hat gedichtet: „Mach in mir deinem Geiste Raum, dass ich dir werd ein guter Baum und lass mich Wurzel treiben. Verleihe, dass zu deinem Ruhm ich deines Gartens schöne Blum und Pflanze möge bleiben.“

Immer wenn dies geschieht – dann ist Pfingsten! AMEN

Predigt über die „Todsünde“ der Lethargie in Zeiten des Corona-Virus

Montag, 16. März 2020

Liebe Gemeinde,

ich habe heute über die Todsünde oder Wurzelsünde der Lethargie zu predigen.

Vorab eine Definition: Unter Sünde verstehe ich die „Entfremdung von mir und von Gott“. Gott ist für mich kein jenseitiges „Wesen“, sondern jene Kraft oder Energie, in der und aus der heraus ich meine Leben leben darf. Er ist eine Chiffre für mein in der Tiefe unerkennbares „Ureigenstes“. Sünde bedeutet: Dieses, mein „Ureigenes“, ist mir fremd.

Zwei griechische Worte stecken in „Lethargie“:

lethe“ und „argos“

Lethe“ bezeichnet in der griechischen Mythologie den „Fluss des Vergessens“, den der Verstorbene zu überqueren hat. Das Substantiv „Lethe“ heißt einfach: das „Vergessen“.

Und „argos“: So hieß der Jagdhund des Odysseus, der untätig auf dem Misthaufen gelegen hatte und von allen vergessen worden ist – während er selbst sein Herrchen in den 20 Jahren des Wartens nicht vergessen hatte. Er ist der Erste, der den zurückkehrenden Odysseus erkannte und schwanzwedelnd begrüßte. Zum Sich-Aufrichten war er zu schwach: – von Ungeziefer zerfressen, starb er im Moment des Wiedersehens.

Im Griechischen heißt „argos“: „untätig, träge, faul“. Sie merken – das gilt für den Hund des Odysseus nur aus der Sicht derer, die ihn vergessen hatten. Argos hatte die Kraft, die verinnerlichte Beziehung zu Odysseus zu halten. Dies ist die Kraft der Liebe.

Verbindet man die beiden Worte, so entsteht ein Gedanke wie:

Im Vergessen untätig werden.“

Ich kenne Menschen, die sagen: „Ich weiß nicht, was ich gemacht habe. Ich glaube gar nichts. Ich saß einfach da und nach vier Stunden habe ich gemerkt, ich sitze immer noch da, nur jetzt ist es vier Stunden später.“ Der Wüstenvater Euagrios Ponticus hat das so beschrieben: „Der Dämon der acedia (wörtlich „Gleichgültigkeit – Sorglosigkeit“), der auch Mittagsdämon genannt wird, ist der beschwerlichste von allen. … Zuerst bewirkt er, dass die Sonne sich nur schwer oder gar nicht zu bewegen und dass der Tag 50 Stunden zu haben scheint. Dann treibt er einen an, ständig zum Fenster hinauszuschauen … Weiter impft er einem die Aversion gegen den Ort ein, an dem man lebt und gegen die Lebensweise selbst …“

Vor kurzem sagte mir jemand: „Ich hatte mir so fest vorgenommen zu arbeiten; aber dann konnte ich mich nicht konzentrieren, dann war ich sauer auf mich, dann habe ich mir einen Porno reingezogen und weil es dann auch schon egal war, habe ich mir mehrere Flaschen Bier genehmigt …“

Die Falle im Umgang mit solchen Menschen ist, sie zu pushen: „Du musst endlich mal deinen A. hoch kriegen; immer darf ich die Sachen für dich erledigen …“ Das, was wie „pushen“ aussieht, ist in Wahrheit aus dem Ärger, aus der Wut geboren!

Und das spürt der Andere ganz genau! Und sitzt es aus. Lethargische Menschen sind Meister im Aussitzen. Um sie zu erreichen und ihnen vielleicht zu helfen, sich selbst zu erreichen, ist es nötig, diese Gefühle der Wut bei sich selber zu spüren und durch zu arbeiten. Erst dann habe ich eine Chance, den Anderen zu erreichen. (Dies gilt im übrigen für jedes ernsthafte Gespräch. Solange ich nur sauer auf den Anderen bin, ist alles, was ich erreiche, dass dieser sich schützt. Und Sich-Schützen ist die Gegenbewegung zu Sich-Öffnen.)

Es geht um liebevolles Verstehen. Was steckt denn hinter der Lethargie?

Der lethargische Mensch hat „sich selbst vergessen“! Daraus folgt seine „Untätigkeit“. Ein typischer Traum eines solchen Menschen ist, dass er sein Auto nicht mehr findet, oder den Schlüssel zu seiner Wohnung nicht mehr findet oder sich in einer fremden Stadt verlaufen hat und nichts bei sich hat: kein Geld, keinen Ausweis … In wieder anderen Träumen wird er ausgeraubt und kann nichts dagegen tun.

Dieses „Vergessen“ schlägt sich nicht nur in der Traumwelt, sondern auch in der äußeren Welt nieder: Schon als Schüler tat er sich schwer, die richtigen Hefte und Bücher mit zu bringen. Zu lernen um gut zu sein oder etwas zu wissen, ist kein erstrebenswertes Ziel. Eher schon, nicht zu funktionieren, sich durch zu mogeln.

Als Erwachsener ist er viel mit Suchen von Dingen beschäftigt, die er vorher „gedankenlos“ verlegt hat: Insbesondere Brillen oder auch Schlüssel eignen sich hierfür bestens. Oder er „vergisst“ einen vereinbarten Termin. Die vermeintliche Rettung lautet dann: Ich muss mir alles aufschreiben. Der Sog des Vergessens kann jedoch bewirken, dass er vergisst, da nachzuschauen, wo er den Termin aufgeschrieben hat. In der Tiefe sind diese Menschen „nicht ganz da“ – sie lieben es, vor sich hin zu träumen. Der Computer, Marihuana oder Alkohol sind beliebte Hilfsmittel, dieses Träumen zu unterstützen.

Die Realität erscheint unwirtlich und hart. Als Kinder haben sie erlebt, dass es wenig um sie ging. Es sind die Kinder, die verinnerlicht haben: „So, wie ich behandelt werde, scheine ich für meine Eltern nicht sehr wichtig zu sein. Sie scheinen keinen Wert darauf zu legen, dass ich etwas kann. Sie scheinen auch nicht stolz auf mich zu sein. Leistung ist nicht so wichtig. So tun sich diese Menschen in unserer Leistungsgesellschaft schwer; man wird sie kaum in Positionen finden, zu denen hin man sich „durcharbeiten“ musste. Oft sind sie als Kinder auch sehr verwöhnt worden: die „harten“ Alltagsarbeiten, wie Zimmer selber aufräumen oder gar selber zu putzen wurden ihnen „erspart“…

Und da wir Menschen unsere Grundüberzeugungen, mit denen wir durchs Leben gehen, unbewusst und selbstverständlich auch auf unsere Mitmenschen anwenden, kommt es vor, sich im Zusammensein mit solchen Menschen auch vergessen und/oder unwichtig zu fühlen. Es ist unwahrscheinlich, eine schnelle Antwort auf eine Nachricht zu bekommen. „Ich bin eh nicht wichtig“ heißt auch: „Ich glaube nicht, dass ich für dich wichtig bin, dass du dich wirklich für meine Meinung, meine Rückmeldung interessierst.“ Im Grunde seiner Seele zweifelt der Lethargische daran, ob es ihn wirklich gibt. Und Menschen, die mit ihm zu tun haben, erleben oft genau dasselbe: Gibt es mich eigentlich für ihn?

Liebe Gemeinde,

ich könnte mir gut vorstellen, dass Ihnen beim Zuhören etliche Menschen eingefallen sind, auf die der eine und/oder andere Gedanke dessen, was ich gesagt habe, zutrifft.

Mir ging es beim Schreiben genau so.

Schwieriger ist es, dies alles auf „mich“ – also auf sich selbst anzuwenden.

An welchen Stellen bin ich, sind Sie „im Vergessen untätig“?

Dazu müssen wir uns noch einmal dem „Vergessen“ zuwenden.

Es gibt nämlich zwei Arten von „Vergessen“: Eine kerngesunde und eine ungesunde.

Die kerngesunde Art des Vergessens ist die Fähigkeit des Loslassens. Dass mich etwas, was ich erlebt habe, nicht weiter quält. Was bin ich froh und dankbar, nicht alles, was ich in meinem Leben gedacht, gesagt und getan habe, erinnern zu müssen. Das ist die Wahrheit von: „Glücklich ist, wer vergisst!“

Die ungesunde Art des Vergessens ist ein: „so tun, als ob nichts ist.“ Diese Art des Vergessens hat viel mit Ignoranz zu tun. Sie dient der Abwehr von extrem unangenehmen und belastenden Gefühlen, die sich mit einem ganzheitlichen Blick auf das, was ist bzw. gewesen ist, einstellen würden. Psychologen nennen dieses „Vergessen“ bzw. „Ignorieren“ Verdrängung, auch Verleugnung. Es ist ein wesentlicher Schutz der menschlichen Seele bei Verletzungen. Nun lassen sich Verletzungen aber nicht „vollständig“ verdrängen. Was bleibt sind „Nebenwirkungen“ wie Schlafstörungen, chronische Erschöpfung, Gereiztheit, zu hoher Blutdruck, Infektanfälligkeit, häufige Niedergeschlagenheit usw.. Auch der Ausbruch von schweren Erkrankungen wie Krebs oder Herzinfarkt kann mit schweren unverarbeiteten seelischen Verletzungen einher gehen. Bei diesen Traumata ist die Seele mit ihren Möglichkeiten des Verarbeitens am Ende: Sie benötigt externe professionelle Hilfe.

Wobei es ein verbreitetes Missverständnis ist, Psychotherapie, gerade auch psychoanalytische Therapie, kreise um die Vergangenheit, „stochere“ nach Erlebnissen in der Kindheit. Vor kurzem sagte mir ein Patient: Ich weiß schon so ungefähr, warum ich so bin, wie ich bin. Ich möchte heute etwas ändern.

Das ist völlig richtig. Das „Stochern“ in der Vergangenheit „bringt“ nichts, oder, schlimmer noch: Es bringt die Gefühle eines Opfers. „Was wurde mir nicht alles angetan!“ Dies führt zu Selbst-Mitleid und zur Spaltung des Denkens und Erlebens in Täter und Opfer.

Die entscheidende Frage ist nicht die Warum-Frage.

Die entscheidende Frage ist die Wie-Frage: Wie wirken sich seelische Verletzungen, die ich erlitten habe und die mir so nicht mehr bewusst sind, auf meine Gegenwart aus. Es geht also darum, Verbindungen aus der Vergangenheit mir der Gegenwart herzustellen. Mit dem Ziel: Dann vergessen zu können. Denn alles, was ich wirklich „durchgearbeitet“ habe, kann ich am Ende loslassen. Es ist das emotional nicht Erinnerbare, das uns in der Gegenwart quält.

Und ein Letztes: Ein Lob der Faulheit!

In unserer Leistungsgesellschaft ist schnell von Faulheit die Rede, wo es um Werte geht, die scheinbar nichts mit Leistung zu tun haben: Langsamkeit, Achtsamkeit, Behutsamkeit. Oder wie Argos: „Warten-Können“. Diese Werte haben allesamt mit Nicht-Tun zu tun. Von daher ist die zur Eindämmung des Corona-Virus aufgezwungene Quarantäne unser Guru. Endlich haben wir das, was in unserer Leistungsgesellschaft so sehr fehlt: Zeit!

Und diese Zeit ist keine Tun-Zeit – es ist eine Sein-Zeit. Es ist die Gelegenheit, sich selbst neu kennen zu lernen: im Da-Sein. Die sich dabei möglicherweise einstellenden Gefühl von Öde, Langeweile, vielleicht sogar Sinnlosigkeit sind auszuhalten. Sie sind die Quelle für echte Kreativität!

Dass uns dies alles in der Passionszeit jetzt trifft, könnte (uns) Christen fast heiter stimmen. Der Umgang mit dem Corona-Virus ermöglicht nämlich eine echte Passionszeit – die noch einmal ganz andere Gefühle hochholt, als das Bekannte: Ich verzichte mal sechs Wochen auf Alkohol, Nikotin … Das ist „Passionszeit light“.

Gerade aber ist es ernst geworden. Wir haben neu zu lernen, dass die berühmte „Selbstbestimmung“ und „Selbstverwirklichung“ nicht der einzige und auch nicht der höchste Wert eines guten Miteinanders sein kann. Und es besteht die Hoffnung, dass ein „weiter so“ nicht mehr möglich ist. (Wobei die aktuellen Bilder aus China mit dem Triumph, „wir haben das Virus besiegt“, diese Hoffnung sogleich wieder dämpfen.)

Lass die Toten die Toten begraben; du aber geh hin und verkündige das Reich Gottes!“ Das ist einer der zentralen Sätze unseres heutigen Evangeliums. Das Reich Gottes ist kein jenseitiges: Es ist überall da, wo die Verbindungen geordnet sind: zunächst einmal innerhalb meiner und dann zu meinen Mitmenschen. Wesentliches Kennzeichen dieses Reiches ist ein Grundgefühl der Heiterkeit. Diese erwächst aus einer Grundsicherheit des Gehalten-und Geliebt-Seins. Je tiefer ich dies in mir finde und trage, desto leichter werde ich es auch ausstrahlen. Natürlich gehört dazu auch die Bereitschaft, Verantwortung zu tragen: für das eigene Leben und das Leben der Gemeinschaft. Ein Ausdruck dieser Verantwortung sind die derzeitigen erheblichen Einschränkungen des sozialen Lebens.

Mag sein, dass Menschen all dies können und überzeugt nicht an Gott glauben. Ich kann es so nicht. Mir hilft mein Glaube an, mein Vertrauen auf eine Kraft oder Energie, die „meine Abwehr stärkt“. Die mit den „Eindringlingen“, genannt Viren, schon fertig werden möge. Und wenn nicht: Dann ist es das, was es ist.

In Gottes Namen, Amen.

Predigt über Genesis 3, 1-24 am Sonntag Invocavit 2020

Sonntag, 1. März 2020

Liebe Gemeinde,

er ruft mich und ich antworte ihm“ – dieser Satz aus Psalm 91, 15 hat unserem heutigen Sonntag, dem ersten Sonntag in der Passionszeit seinen Namen gegeben: Sonntag „Invocavit“.

Er ruft mich, und ich antworte ihm!“ dies ist Gottes einfache Antwort auf den Ruf des Psalmsängers: „Meine Zuversicht und meine Burg, mein Gott, auf den ich vertraue!“

In dem heutigen Evangelium hörten wir von einem anderen „Rufer“, von einem verführerischen Ruf: „Wenn du Gottes Sohn bist, ….“ hatte er zweimal gesagt – dann kannst du aus Steinen Brot machen, kannst dich einfach in die Tiefe stürzen – wenn du Gottes Sohn bist, dann bist du doch allmächtig, dann kann dir doch nichts passieren. Und Jesu Antwort entspricht dem Ruf des Psalmsängers: „Meine Zuversicht und meine Burg, mein Gott, auf den ich traue!“ Die innige, vertrauensvolle Beziehung zu Gott schützt am Wirksamsten vor der Versuchung, sich selbst für allmächtig zu halten: „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von einem jeden Wort, das aus dem Mund Gottes geht“ – „Du sollst den Herrn, deinen Gott, nicht versuchen“ -. In der dritten Versuchung outet sich der Satan – jetzt wird deutlich, worum es wirklich geht: „Alle diese Reiche will ich dir geben, wenn du vor mir niederfällst und mich anbetest!“ Und Jesu Antwort – wiederum sehr schlicht aus seinem Gottvertrauen heraus: „Du sollst anbeten den Herrn, deinen Gott, und ihm allein dienen.“

Wer sich für sich selber, für seinen Lebensweg und für sein Geworden-Sein interessiert, für den ist es wichtig unterscheiden zu lernen zwischen dem Ruf der Ver-Führung und der Führung hin zu Gott. In der Verführung wird Gott ignoriert und es geht um das eigene Können, die eigene (All-)Macht. Der Verführer rät dazu, sich selbst, den eigenen Standpunkt „absolut“ zu setzen. „Absolut“ heißt wörtlich: Losgelöst von allem Anderen, losgelöst von der Gemeinschaft, losgelöst von dem Eingebunden-Sein in die Schöpfung. Nicht Gott als Inbegriff des Anders-Seins, des Fremden, des Unverfügbaren ist das Zentrum, sondern das eigene Ego. Egozentrisch heißt: Mein Ego ist zum Fixstern geworden – um ihn kreist mein Denken und Handeln. (Wer danach strebt, möglichst mächtig, erfolgreich, berühmt und reich zu sein, dem werden meine heutigen Predigt-Gedanken nicht interessieren.)

Unser heutiger Predigttext gibt eine mythologische Antwort auf die Frage nach der Entstehung des Menschen als desjenigen Lebewesens, das um sich selbst weiß, das sich seiner selbst bewusst ist. Sie alle kennen die berühmte Geschichte von der „Vertreibung Adams und Evas aus dem Paradies“ (Genesis 3)

Als „der Sündenfall“ ist sie lapidar überschrieben, und ich vermute, genau so haben wir sie im Religionsunterricht kennen gelernt, so wurde und wird sie gepredigt, so hat sie sich in zahllosen Kirchenliedern niedergeschlagen: Sie handelt von dem Ungehorsam Adams und Evas und von einem zornigen, fluchenden und verfluchenden Gott. Seinem „Fluch“ entspricht die „ungeheuerlich große Sünde“ auf unserer, auf menschlicher Seite, die nur von Gott selbst wieder gut gemacht werden kann. „Wir (Menschen) haben nichts als Zorn verdient …“ – das ist die Botschaft vieler Passionslieder.

Diese moralische Deutung der Geschichte vom sogenannten „Sündenfall“ hat viel Unheil und viel Elend angerichtet. Hinzu kommt die Engführung mit Sexualität, was dazu geführt hat, lebendige, liebevolle Sexualität zu „verteufeln“. Wer den Film „Das weiße Band“ gesehen hat, weiß, was ich meine. Er zeigt die Auswüchse dieses Denkens innerhalb eines protestantischen Pfarrhauses kurz vor Ausbruch des I. Weltkrieges.

Ich schlage einen nicht-moralischen Zugang zu dieser Geschichte vor: Dann handelt sie davon, wie der Mensch die selbstverständliche Gemeinschaft mit der Schöpfung verloren hat und zu dem geworden ist, was er bis heute ist:

Ein Tier, das „ich“ sagen kann!

Und damit ist das „Paradies unbeschwert-selbstverständlichen Lebens“ verlassen. Es ist keine Strafe für ein Vergehen, sondern Folge einer natürlichen Entwicklung. Der Kabbalist Friedrich Weinreb bezeichnet den „Baum der Erkenntnis“ als den Baum der Zweiheit: Von ihm essen, das heißt seine Frucht „verinnerlichen“, führt notwendig in die Zweiheit, in das „Entweder-Oder-Denken“. Indem ich mir meiner Selbst gewahr werde, werde ich meiner Getrenntheit von allem Anderen gewahr. Im Entstehen des Ich entsteht das Du. Und dies ist nicht verbunden mit einem Glücksgefühl, sondern mit einem Gefühl der Scham: „Da wurden ihnen beiden die Augen aufgetan und sie wurden gewahr, dass sie nackt waren, und flochten Feigenblätter zusammen und machten sich Schurze.“ (Vers 7) Und als Gott am Abend die berühmte Frage stellt:

Adam, wo bist du?“ bekommt er als Antwort:

Ich hörte dich im Garten und fürchtete mich; denn ich bin nackt, darum versteckte ich mich.“

Sie wurden gewahr, dass sie nackt waren“ – dies ist der Beginn des langen Weges der Selbst-Erkenntnis. Ein Weg, auf dem es kein direktes Zurück mehr gibt. Der Zugang zum Paradies ist für immer verschlossen; er wird bewacht von den Cherubim mit einem „flammenden, blitzenden Schwert.“

Und am Beginn des Weges steht die Scham und die Furcht. Ich glaube im übrigen, dass Angst, Scham und Schuldgefühle die größten Stolpersteine auf dem Weg der Selbst-Erkenntnis sind. Die Macht des Verführers gründet genau hier: Er sagt, wenn du dich an das hältst, was ich dir sage, dann bist du nie mehr ohnmächtig, musst dich nie mehr schämen. Im Gegenteil, du wirst dafür geliebt, dass du Steine in Brot verwandeln kannst, du wirst dafür bewundert, welchen Mut du hast, was du dich alles traust, und du wirst über einen unermesslichen Reichtum verfügen.

Wer so antworten kann, wie Jesus, der benötigt ein tiefes Vertrauen in die Gegenwart Gottes. Dieses Vertrauen gründet darauf, dass Gott mit geht. Dass er mich nicht alleine, nicht im Stich lässt. Das ganze Alte Testament ist voll von Geschichten, wie Gott in und mit der Geschichte seines Volkes in das Geschehen dieser Welt hinein kommt. In allem Leiden, in aller Zerstörung und doch in unzerstörbarer Hoffnung. Für uns Christen geht eben dieser Gott des Alten Testamentes noch einmal in ganz besonderer Weise diesen unseren Weg in Jesus aus Nazareth mit, an dessen vorläufigem Ende das Scheitern, die sogenannte „Torheit“ und Ohnmacht des Kreuzes steht. Und auch dies hat Jesus nicht in seinem Vertrauen zu Gott beirrt. So wurde er für uns der Christus, der „Gesalbte“ Gottes. In ihm vollzieht sich die Verwandlung des „Alten Adams“ und so die Rückkehr zu Gott. In ihm verwandelt sich das Kreuz des Geächtet-, des Ausgeschlossen-Worden-Seins zum Baum des Lebens, des neuen Lebens in Gott. Dieses „Neue Leben“ ist ein „Leben von der Auferstehung her“, wie Dietrich Bonhoeffer sagt. In ihm hat sich die Zweiheit verwandelt: Sie ist nicht länger hermetisch abgeriegelt, vielmehr konnte sie sich öffnen hin zur Drei. Es ist der Dritte, der Heilige Geist, der die Ohnmacht des Vaters im Angesicht des toten Sohnes in Lebendigkeit verwandelt. In vielen künstlerischen Darstellungen wird der Heilige Geist im übrigen als Frau dargestellt. Es ist die Kraft der Weiblichkeit Gottes, die Kraft des Aushaltens und Empfangens, die „neues Leben“, neue Lebendigkeit mit sich bringt. Die Personifizierung dieser Kraft geschieht in Maria. So passt es gut, dass dieser Gottesdienst von Stücken aus Monteverdis Marienvesper umrahmt wird.

Die Kabbala lehrt, dass der direkte Rückweg in das Paradies von Gott verhindert wurde, damit der Mensch nicht auch noch vom Baum des Lebens esse. Vers 24: „Und er trieb den Menschen hinaus und ließ lagern vor dem Garten Eden die Cherubim mit dem flammenden, blitzenden Schwert, zu bewachen den Weg zu dem Baum des Lebens.“

Der neue und einzige Weg hin zum Baum des Lebens führt aus der Engführung der Zwei heraus – hinein in die Lebendigkeit des „Zu-Dritt-Seins“. Hier ist keiner mehr ausgeschlossen, weil die Verbindungen der „Drei“ von Liebe durchdrungen sind. Im Grunde genommen lebt die Verführungskunst des Verführers davon, den abwesenden Dritten schlecht zu reden, um ihn auszuschließen, zu exkommunizieren. Wir sind umso weniger verführbar, je sicherer die Beziehung mit und zu dem, der gerade nicht da ist, in uns verankert ist. Die Verführung greift nämlich nur in der Abwesenheit des Dritten – niemals in seiner Anwesenheit. Das gilt für Adam und Eva im Paradies, das gilt für das Machen das Goldenen Kalbes, das gilt für die Versuchung Jesu in der Wüste. „Es merkt doch keiner“, oder: „was ist denn dabei“, oder „das muss er oder sie doch nicht erfahren“ – dies sind die Einfallstore für die List des Verführers.

Gebe Gott, dass wir seine starke und liebevolle Begleitung in unserem Leben spüren, so dass wir selbst stark und liebevoll werden und die listigen Einflüsterungen der vielen Verführerinnen und Verführer heiter erkennen, sie benennen und damit entmachten AMEN.

3, 1 Und die Schlange war listiger als alle Tiere auf dem Felde, die Gott der Herr gemacht hatte, und sprach zu der Frau: Ja, sollte Gott gesagt haben: Ihr sollt nicht essen von allen Bäumen im Garten?

2 Da sprach die Frau zu der Schlange: Wir essen von den Früchten der Bäume im Garten;

3 aber von den Früchten des Baumes mitten im Garten hat Gott gesagt: Esset nicht davon, rühret sie auch nicht an, dass ihr nicht sterbet!

4 Da sprach die Schlange zur Frau: Ihr werdet keineswegs des Todes sterben,

5 sondern Gott weiß: an dem Tage, da ihr davon esst, werden eure Augen aufgetan, und ihr werdet sein wie Gott und wissen, was gut und böse ist.

6 Und die Frau sah, dass von dem Baum gut zu essen wäre und dass er eine Lust für die Augen wäre und verlockend, weil er klug machte. Und sie nahm von seiner Frucht und aß und gab ihrem Mann, der bei ihr war, auch davon und er aß.

7 Da wurden ihnen beiden die Augen aufgetan und sie wurden gewahr, dass sie nackt waren, und flochten Feigenblätter zusammen und machten sich Schurze.

8 Und sie hörten Gott den Herrn, wie er im Garten ging, als der Tag kühl geworden war. Und Adam versteckte sich mit seiner Frau vor dem Angesicht Gottes des Herrn zwischen den Bäumen im Garten.

9 Und Gott der Herr rief Adam und sprach zu ihm: Wo bist du?

10 Und er sprach: Ich hörte dich im Garten und fürchtete mich; denn ich bin nackt, darum versteckte ich mich.

11 Und er sprach: Wer hat dir gesagt, dass du nackt bist? Hast du gegessen von dem Baum, von dem ich dir gebot, du solltest nicht davon essen?

12 Da sprach Adam: Die Frau, die du mir zugesellt hast, gab mir von dem Baum und ich aß.

13 Da sprach Gott der Herr zur Frau: Warum hast du das getan? Die Frau sprach: Die Schlange betrog mich, sodass ich aß.

14 Da sprach Gott der Herr zu der Schlange: Weil du das getan hast, seist du verflucht vor allem Vieh und allen Tieren auf dem Felde. Auf deinem Bauche sollst du kriechen und Staub fressen dein Leben lang.

15 Und ich will Feindschaft setzen zwischen dir und der Frau und zwischen deinem Samen und ihrem Samen; er wird dir den Kopf zertreten, und du wirst ihn in die Ferse stechen.

16 Und zur Frau sprach er: Ich will dir viel Mühsal schaffen, wenn du schwanger wirst; unter Mühen sollst du Kinder gebären. Und dein Verlangen soll nach deinem Mann sein, aber er soll dein Herr sein.

17 Und zum Mann sprach er: Weil du gehorcht hast der Stimme deiner Frau und gegessen von dem Baum, von dem ich dir gebot und sprach: Du sollst nicht davon essen –, verflucht sei der Acker um deinetwillen! Mit Mühsal sollst du dich von ihm nähren dein Leben lang.

18 Dornen und Disteln soll er dir tragen, und du sollst das Kraut auf dem Felde essen.

19 Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen, bis du wieder zu Erde wirst, davon du genommen bist. Denn Staub bist du und zum Staub kehrst du zurück.„20 Und Adam nannte seine Frau Eva; denn sie wurde die Mutter aller, die da leben.

21 Und Gott der Herr machte Adam und seiner Frau Röcke von Fellen und zog sie ihnen an.

22 Und Gott der Herr sprach: Siehe, der Mensch ist geworden wie unsereiner und weiß, was gut und böse ist. Nun aber, dass er nur nicht ausstrecke seine Hand und nehme auch von dem Baum des Lebens und esse und lebe ewiglich!

23 Da wies ihn Gott der Herr aus dem Garten Eden, dass er die Erde bebaute, von der er genommen war.

24 Und er trieb den Menschen hinaus und ließ lagern vor dem Garten Eden die Cherubim mit dem flammenden, blitzenden Schwert, zu bewachen den Weg zu dem Baum des Lebens.

Predigt über Matthäus 20, 1- 16 am Sonntag Septuagesimä 2020

Montag, 10. Februar 2020

Liebe Gemeinde,

Mensch ist das ungerecht!“

Ich vermute, jedem von uns würde schnell eine Geschichte einfallen, in der er sich ungerecht behandelt gefühlt hat.

Auch die „Arbeiter im Weinberg“, über die heute zu predigen ist, beschweren sich: „Da haben wir uns den ganzen Tag in der Hitze für dich geplagt und bekommen genauso viel Lohn wie jene, die gerade mal eine Stunde gearbeitet haben.

Mensch, ist das ungerecht!“

Und die nüchterne Antwort: „Mein Freund, ich tu dir nicht Unrecht. Bist du nicht mit mir einig geworden über einen Silbergroschen? Nimm, was dein ist, und geh! Ich will aber diesem Letzten dasselbe geben wie dir. Oder habe ich nicht Macht zu tun, was ich will, mit dem, was mein ist? Siehst du darum scheel, weil ich so gütig bin?“

Ein „Silbergroschen“ entsprach damals ungefähr dem Geld, das eine vierköpfige Familie benötigt, um zufrieden leben zu können. Also ein fairer Preis.

Nun ist es eine Verführung, das Gleichnis dafür zu verwenden, um über Gerechtigkeit

nachzudenken. Es geht nur vordergründig um die Frage, ob Gott gerecht ist.

Im Hintergrund steht ein anderes Thema, über das selten laut gesprochen wird. Ein Thema, das umrankt ist von Schamgefühlen. Weshalb es auch so schwer ist, sich, dass es auch mich betrifft: Es geht um NEID!

„Siehst du darum scheel, weil ich so gütig bin?“ „Scheel“ ist ein altes Wort und bedeutet so etwas wie: ‚Eine auf Missgunst, Neid, Misstrauen oder Geringschätzung beruhende Ablehnung; sie drückt Feindseligkeit aus.‘

Neid und Gier gesellt sich gerne. So ist man sich nicht selten darin einig, wie „ungerecht das hier alles ist“. „Wie ungerecht man selbst behandelt wurde, behandelt wird. Und dass man gar nicht einsieht, die Steuern zu zahlen, die zu zahlen sind, Und dass Schwarzarbeit doch jeder macht … Und überhaupt: Sollen doch erst mal die Anderen!“

Ich behaupte, diese verbreitete Haltung ist Ausdruck einer Lebens-Haltung. Dahinter steht ein Grund-Gefühl des Zu-kurz-gekommen-Seins. Dieses verschärft sich im Vergleich mit Anderen. Wer mit Geschwistern aufgewachsen ist, oder Eltern von mehreren Kindern ist, weiß wovon ich spreche. Immer soll (abräumen, mit dem Hund spazieren gehen …)

Die pflichtbewussten, -eifrigen Arbeiter (zumeist Erstgeborene) vergönnen ihren Kollegen nicht, dass diese so mühelos und leicht dasselbe bekommen, wie sie, die so lange und hart gearbeitet haben. Der ältere Bruder im „Gleichnis vom verlorenen Sohn“ missgönnt seinem Bruder die liebevolle Begrüßung durch den gemeinsamen Vater. Dahinter steht eine bestimmte Form der Selbst-Gerechtigkeit: „Ich bin der Meinung, dass ich, der ich dies und dies gemacht habe, mich eingesetzt habe usw. was anderes verdient habe. Und zwar etwas Besseres. Mehr Anerkennung, mehr Zuspruch, mehr Geld etc.“ Dieses Gefühl wird „schärfer“ im Sinne von Aggression, wenn ich erlebe, dass ein Anderer, der in meinen Augen weniger „drauf hat als ich“, mir auch noch vorgezogen wird. Das wird dann als „bodenlos“ erlebt.

Wer sich nicht auf den Weg der Selbsterkenntnis macht, fällt in die Falle des „Sich-selber-leid-Tuns“. Es ist unglaublich, wie begabt manche Menschen darin sind, etwas zu finden, wodurch sie sich selbst bemitleiden können. Und wie ärgerlich sie werden, wenn man sie darauf anspricht. Auch des „verkannte Genie“ gehört hierher. Es ist der Meinung, dass ihm grundsätzlich zu wenig Wertschätzung entgegen gebracht wird. Dies führt neben depressiven Gefühlen zu einer inneren Gereiztheit, die dann unschuldige Mitmenschen abbekommen.

Mir steht mehr, Anderes und Besseres zu!“ sagen sie.

Nein, steht dir nicht“, sagt der Weinbergbesitzer, der in unserem Gleichnis natürlich Gott repräsentiert. „Mit deinem selbstgerechten Verdienst-Denken erreichst du bei mir gar nichts.“-

Wir liegen vor dir mit unserm Gebet und vertrauen nicht auf unsere Gerechtigkeit, sondern auf deine große Barmherzigkeit“ heißt es im heutigen Wochenspruch aus dem Buch Daniel. Die mürrischen Arbeiter in unserem Gleichnis vertrauen nicht auf Barmherzigkeit. Sie denken: „Ich weiß doch, was mir zusteht. Und daran hast du dich gefälligst zu halten!“ Solche Gedanken sind Ausdruck eines inneren Gefängnisses.

Meistens ist der erste Schritt beim Verlassen eines Gefängnisses der schwierigste. Der erste Schritt ist die Anerkennung: Meine Wünsche, Erwartungen, Vorstellungen von Gerechtigkeit entsprechen nicht der Wirklichkeit. Indem ich dies anerkenne, kann ich von meinen Vorstellungen und Vor-Urteilen ablassen. Kann aufhören damit, den Anderen/die Wirklichkeit mir so zu „schnitzen“, wie ich meine, ihn/sie zu brauchen.

So und nur so kann sich allmählich mein Gefängnis öffnen. So und nur so entdecke ich in mir die Freiheit, mich um mich selbst zu kümmern. Wenn ich beim Essen das Gefühl habe, mein Tischnachbar hat mehr bekommen als ich und das „voll ungerecht“ finde, dann werde ich mich schwer tun damit, das, was ich bekommen habe, mein Eigenes nämlich, aus vollen Zügen zu genießen. Geschweige denn dankbar darüber zu sein, dass ich überhaupt etwas bekommen habe. Der Neid auf die Anderen frisst meine Fähigkeit zu Dankbarkeit, Zuneigung, Freude am Leben auf.

Dankbarkeit lässt sich nicht herstellen: Sie entsteht von selbst – und zwar, wenn ich aufhöre, auf die Anderen zu „schielen“. („Scheel“ und „schiel“ sind derselbe Wortstamm!) Erst dann wird mir vielleicht bewusst, wie wenig selbstverständlich es ist, dass ich überhaupt lebe, dass ich bis heute überlebt habe.

Die uns vertraute und naheliegende Art zu denken ist kausal: Wenn ich den ganzen Tag gearbeitet habe, dann will ich auch einen anderen Lohn bekommen als jemand, der nur eine Stunde gearbeitet hat. Das ist doch logisch!

Das Gleichnis von Jesus hebelt diese Kausallogik völlig aus.

Darum geht es nicht, sagt der Weinbergbesitzer. Es geht um meine Barmherzigkeit. „Hältst du nicht aus, dass ich so gütig bin?“

Das ist die Frage: Wie viel Großzügigkeit, die mir entgegen gebracht wird, halte ich aus? Oder denke mir schnell: Was will der/die mit seiner Großzügigkeit erreichen? Wo und wie will er mich manipulieren?

Das selbe gilt umgekehrt: Was will ich mit meiner Großzügigkeit erreichen? Jetzt hast du so viel von mir bekommen – dann könntest du aber auch … Sie kennen das.

Also – gibt es so etwas überhaupt: eine zweckfreie Barmherzigkeit?

Der Weinbergbesitzer gibt jedem einen Silberling. „Wie ausgemacht!“ Er denkt in anderen Kategorien als wir Menschen. Er denkt nicht im Verdienst. Dass die, die zuletzt kommen, denselben Silberling bekommen, ist Ausdruck seiner Barmherzigkeit, heißt es. Das Thema ist nicht: Wie gerecht ist Gott – sondern wie viel Barmherzigkeit halten wir aus? Für die „harten Arbeiter“ unter uns ist es eine ganz besondere Herausforderung, eine „Barmherzigkeit“ zu akzeptieren, die sich nicht am Verdienst orientiert. Die „einfach so“ ist. Die keinen Nutzen und keinen Zweck kennt. Die Ausdruck von Freude über die Rückkehr des verloren geglaubten Sohnes ist, die Ausdruck von Großzügigkeit gegenüber jenen Arbeitern ist, die erst später dazu stoßen.

Gott ist kein Arbeitgeber, der nach Leistung und Verdienst abrechnet.

Es geht um die Liebe Gottes, die jedem zuteil werden kann, der sie annehmen kann. Der sie sich schenken lassen kann. Das ist das Paradoxe: Es bedarf auch einer Kraft, sich etwas schenken zu lassen. Das ist die Kraft des Annehmen-Könnens. Ohne Schuldgefühle, ohne das Bedürfnis, sich zu „revanchieren“. Nur wer sich etwas schenken lassen kann, der kann auch geben. Ohne Hintergedanken. Der kann sich mit freuen mit den Anderen: „Wie schön, dass wir alle gemeinsam einen barmherzigen Weinbergbesitzer haben – wir freuen uns für Euch mit!“

Geteilte Freude ist doppelte Freude!“ weiß der Volksmund.

Und das könnte auch unsere Haltung gegenüber Asylbewerben sein: „Wir gut, dass wir in einem Land leben, das sich die barmherzige Zuwendung zu diesen armen Menschen leisten kann!“

Das berühmte „Wir schaffen das!“ entspringt unserer Leistungsgesellschaft. Wie wäre es, wenn wir sagen können: „Wir können uns das erlauben!“

Wir können es uns leisten, großzügig zu sein!

Das Gleichnis endet bei Matthäus mit dem Satz: „Die Letzten werden die Ersten sein!“ Dieses Satz verführt dazu, dass sich genau nichts Grundlegendes ändert. Mein Neid, meine Gier, mein Konkurrenzdenken bleibt erhalten – nur das Ziel hat sich gedreht: Nicht Erster sondern Letzter sein, das ist jetzt „großartig“, das ist das neue „great“. Theresa von Avila hat schärfste Kritik an einem „asketischen Leistungsdenken“ geübt. Der Schlüssel zu diesem Satz ist das „so“: „So werden die Letzten die Ersten und die Ersten die Letzten sein.“ Heißt: Die eifrigen, fleißigen Arbeiter, die als Erste da sind, zerstören ihr eigenes Tun, indem sie selbstgerecht, neidisch und missgünstig werden. Sie haben nicht für Gott, sondern dafür gearbeitet, selber gut da zu stehen. Das ist das Traurige. Und noch eines – darauf hat mich ein aufmerksamer Predigthörer hingewiesen: Es heißt nicht, dass die zuletzt verdingten Arbeiter den ganzen Tag lang faul herumgelungert sind. Sie sagen: „Es hat uns niemand angeworben.“ Das heißt, sie hatten keine Chance, früher zu arbeiten!

Wir vertrauen auf Gottes Barmherzigkeit – das heißt: Mir ist es egal geworden, ob ich Erster oder Letzter oder Mittlerer bin. Mir ist es auch egal geworden, wie ich im Verhältnis zu den Anderen da stehe. Mir ist auch egal geworden, ob ich mich mit dem, was ich sage und predige, beliebt oder unbeliebt mache.

Entscheidend ist nur Eines: Immer tiefer die Liebe und die Barmherzigkeit Gottes in mir zu spüren und aus ihr heraus zu leben. Denn das gilt: Nur was ich in mir spüre, aus dem heraus kann ich auch leben. Wenn ich in mir keine Großzügigkeit, keine Dankbarkeit, keine Barmherzigkeit verspüre, kann ich sie auch nicht ausstrahlen. Da kann ich predigen, soviel ich will!

Politisch entspricht diesem Gleichnis übrigens die Idee einer Grundversorgung oder auch Grundrente – unabhängig von Leistung und Verdienst. Und da unser Gleichnis ein „Reich Gottes“ – Gleichnis ist – „Denn das Himmelreich gleicht einem Hausherrn, der früh am Morgen ausging, um Arbeiter für den Weinberg zu suchen …“ wird jetzt auch klar, wenn Jesus an anderer Stelle sagt: „Eher geht ein Kamel durch das Nadelöhr, denn ein Reicher in das Reich Gottes.“

Wie bedrohlich diese Gedanken des Mannes aus Nazareth waren, wird an seinem Schicksal deutlich. Er hat sich damit nicht beliebt gemacht. AMEN.

„1 Denn das Himmelreich gleicht einem Hausherrn, der früh am Morgen ausging, um Arbeiter anzuwerben für seinen Weinberg.

2 Und als er mit den Arbeitern einig wurde über einen Silbergroschen als Tagelohn, sandte er sie in seinen Weinberg.

3 Und er ging aus um die dritte Stunde und sah andere auf dem Markt müßig stehen

4 und sprach zu ihnen: Geht ihr auch hin in den Weinberg; ich will euch geben, was recht ist.

5 Und sie gingen hin. Abermals ging er aus um die sechste und um die neunte Stunde und tat dasselbe.

6 Um die elfte Stunde aber ging er aus und fand andere stehen und sprach zu ihnen: Was steht ihr den ganzen Tag müßig da?

7 Sie sprachen zu ihm: Es hat uns niemand angeworben. Er sprach zu ihnen: Geht ihr auch hin in den Weinberg.

8 Als es nun Abend wurde, sprach der Herr des Weinbergs zu seinem Verwalter: Ruf die Arbeiter und gib ihnen den Lohn und fang an bei den letzten bis zu den ersten.

9 Da kamen, die um die elfte Stunde angeworben waren, und jeder empfing seinen Silbergroschen.

10 Als aber die Ersten kamen, meinten sie, sie würden mehr empfangen; und sie empfingen auch ein jeder seinen Silbergroschen.

11 Und als sie den empfingen, murrten sie gegen den Hausherrn

12 und sprachen: Diese Letzten haben nur eine Stunde gearbeitet, doch du hast sie uns gleichgestellt, die wir des Tages Last und die Hitze getragen haben.

13 Er antwortete aber und sagte zu einem von ihnen: Mein Freund, ich tu dir nicht Unrecht. Bist du nicht mit mir einig geworden über einen Silbergroschen?

14 Nimm, was dein ist, und geh! Ich will aber diesem Letzten dasselbe geben wie dir.

15 Oder habe ich nicht Macht zu tun, was ich will, mit dem, was mein ist? Siehst du darum scheel, weil ich so gütig bin?

16 So werden die Letzten die Ersten und die Ersten die Letzten sein.

Predigt über Matthäus 3, 13-17 am 1. Sonntag nach Epiphanias 2020

Montag, 13. Januar 2020

Liebe Gemeinde,

welche der Geist Gottes treibt, die sind Gottes Kinder.“ (Röm 8,14)

Mit dieser einfachen und einprägsamen Aussage aus dem Römerbrief begann unser heutiger Gottesdienst. Ich halte diesen Satz für wahr. Ich bin ein Kind, und das heißt ein Abkömmling dessen, was mich (an-)treibt.

Was mich treibt, antreibt, ist das, was mich in der Tiefe bewegt. Es ist die Quelle meiner Lebensenergie. Ist sie versiegt, bin ich „antriebslos“.

Was mich antreibt führt zu einem Gefühl derart: „Ich muss das machen. Ob ich will oder nicht.“ Dieser Satz gilt für alle wahrhaft schöpferischen Menschen: „Ich muss … schreiben … komponieren … erforschen … gestalten … malen …“

Dieser Satz gilt auch für alle Formen von Zwang: Ich muss Ordnung schaffen, ich muss mir die Hände waschen … Was mich antreibt, zwingt mich.

Wenn Sie mögen, können Sie in einer stillen Stunde darüber nachdenken, oder auch sich mit Ihnen nahe stehenden Menschen darüber austauschen: „Was treibt mich eigentlich an?“

Ich finde, es hat etwas Befreiendes, einen Blick „hinter“ das, was mich antreibt zu werfen. Ich weiß aber auch, dass dies nicht „common sense“ – allgemeine Meinung ist. Viele Menschen haben Angst davor, sich so ganz ehrlich kennen zu lernen. Sollte mich meine Geiz antreiben? Oder meine Neid? Oder mein Bedürfnis, bewundert zu werden? Das wären durchaus unangenehme Einsichten.

Und wieder könnte man fragen: Und was steckt dahinter? Warum meine ich, dass ich das und das tun muss? Was würde denn passieren, wenn ich es nicht täte? Welche Art der Verbindung ist das: zwischen mir und dem, was mich antreibt?

Eine Art der Verbindung ist: Ich muss das machen, um Schlimmeres zu vermeiden. Hinter dieser Form des Angetrieben-Werdens steckt pure Angst. Ich hasse z.B. Zahnarzt-Besuche. Aber meine Vernunft sagt mir: Mache eine regelmäßige Vorsorge, damit kannst du Schlimmeres vermeiden. Hier treibt mich meine Angst an. Und meine Fürsorge für meinen eigenen Körper.

Dass jetzt vielleicht doch einige wenige Maßnahmen eingeleitet werden, um der fortschreitenden Erderwärmung Einhalt zu gebieten: Dahinter steht Angst vor dem, was passiert, wenn sich das Klima der Erde weiterhin „erhitzt“. Ich glaube, es ist nicht zu unterschätzen, wie sehr Angst und Furcht das Tun von uns Menschenkindern antreiben.

Nun heißt es aber: Der Geist Gottes ist kein Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit“ (2. Timotheus 1,7) Offensichtlich gibt es eine „gesunde, vernünftige Furcht“, die nicht zu Panik, sondern zu besonnenem Handeln führt.

Diesen Geist benötigen wir Menschen zu jeder Zeit!

Und um diesen Geist geht es, wenn es in unserem Wochenspruch heißt: „Welche der Geist Gottes treibt, die sind Gottes Kinder.“

An diesem Sonntag wurde dieser Spruch spannenderweise mit der Taufe verknüpft.

Und zwar nicht mit unserer Taufe, sondern mit der Taufe Jesu. (Es ist das vorhin gehörte Evangelium.)

13 Zu der Zeit kam Jesus aus Galiläa an den Jordan zu Johannes, dass er sich von ihm taufen ließe.

14 Aber Johannes wehrte ihm und sprach: Ich bedarf dessen, dass ich von dir getauft werde, und du kommst zu mir?

15 Jesus aber antwortete und sprach zu ihm: Lass es jetzt zu! Denn so gebührt es uns, alle Gerechtigkeit zu erfüllen. Da ließ er’s ihm zu.

16 Und als Jesus getauft war, stieg er alsbald herauf aus dem Wasser. Und siehe, da tat sich ihm der Himmel auf, und er sah den Geist Gottes wie eine Taube herabfahren und über sich kommen.

17 Und siehe, eine Stimme aus dem Himmel sprach: Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe.

Tut Buße, denn das Himmelreich ist nahe herbei gekommen!“ Dies war die zentrale Botschaft von Johannes dem Täufer. Was von M. Luther mit „Buße tun“ übersetzt wurde, und damit in einen moralischen Kontext eingeordnet wurde, heißt wörtlich: „Ändert die Art Eures Denkens!“ Und dieser Botschaft, dieser Predigt „unterwirft“ sich Jesus, wenn er sagt: „Lass es jetzt zu! Denn so gebührt es uns, alle Gerechtigkeit zu erfüllen.“ (V. 15) Johannes wollte Jesus nicht taufen – er meinte, dies stünde ihm nicht zu. Doch, sagt Jesus, „so machen wir das!“ „Denn so gehört es sich, dass Gerechtigkeit voll und ganz auf die Welt kommt.“ Dies ist das erste Wort, der erste Satz, den Jesus im Matthäusevangelium spricht. Bis dahin handelte Matthäus nur über ihn, von seiner Geburt, der Flucht nach Ägypten usw. Jetzt spricht Jesus erstmalig selbst. Von daher ist zu vermuten, dass dieser Satz für Matthäus etwas Programmatisches zum Leben und Wirken Jesu aussagen soll. Und was?

Gerechtigkeit“ (dikaiosyne) ist ein matthäischer Zentralbegriff. Der dem Willen Gottes entsprechend lebende Mensch ist für Matthäus gerecht. Und Jesus Christus, Gottes Sohn, ist Urbild dieser Gerechtigkeit: er ist der, der Gott gehorsam war, gehorsam bis zum Tod am Kreuz. Und gehorsam heißt wörtlich: Der auf Gott hörte – bis zuletzt.

Es ist diese „Gerechtigkeit“, dieses Leben in einer unverbrüchlichen Beziehung, die Jesus so besonders macht, die Jesus zum Sohn macht. Für Matthäus ist Jesus von Anfang dieser gehorsame Sohn seines Vaters. Jesus verbindet sich von vorne herein mit dem Willen des Vaters und erfüllt ihn. „Weil es sich so gehört!“ könnte man sagen. Es ist das In-Beziehung-mit-seinem-Vaters-Sein, es ist sein Sohn-Sein, das Jesus antreibt. Sein Gegenspieler, der im nächsten Kapitel auftaucht, ist der Satan: Dieser versucht, Jesus aus dieser „vertrauensvollen Verbindung“ mit dem Vater „heraus-führen“, eben zu „ver-führen“. Ihm gegenüber argumentiert Jesus mit dem Deuteronomium, dem „zweiten Gesetzbuch“. (Das fünfte Buch Mose.)

Jesu Gehorsam ist ein „inwendiger“ – ein „identifikatorischer“ Gehorsam. Jesus lebt voll und ganz in seiner Beziehung zu seinem „Vater“. So sehr ist er damit in Einklang, dass er „der Sohn (geworden) ist“. Sätze wie: „Niemand kommt zum Vater, als durch mich“ (Joh 14, 6), oder: „Ich und der Vater sind eins“ (Joh 10, 30) werden von hier aus verständlich.

Inwendiger Gehorsam heißt: Er ist nicht länger „äußerlich“. Er ist zu „meinem Eigenen“ geworden. Ich gehorche nicht aus Angst vor Strafe, sondern weil ich gerade so und nicht anders leben will. Und damit kommt auf die Welt, was Matthäus „Gerechtigkeit“ nennt. Gerechtigkeit hat nichts mit „Gleichmacherei“ zu tun. Sie entsteht nicht durch Nachahmung (Imitation), sondern durch Aneignung (Identifikation). Es gehört zur Tragik vieler Lebensgeschichten gerade auch von Künstlern, dass das, was sie „angetrieben“ hat, bei ihren Eltern/Schwiegereltern auf schärfsten Widerstand gestoßen ist. Denken Sie an Robert Schumann oder an die qualvolle Beziehung von Franz Kafka zu seinem Vater.

Unser heutiges Evangelium handelt von einer völlig anderen Vater-Sohn-Beziehung: Das Eigen-Sein des Sohnes wird von seinem Vater bestätigt. Und seht, die Himmel öffneten sich, und er sah die Geistkraft Gottes wie eine Taube herabschweben und auf sich kommen. 17 Und seht, eine Stimme sprach aus den Himmeln: »Dieses ist mein geliebtes Kind, ihm gehört meine Zuneigung.« (Vers 16a – 17: Übersetzung nach „Bibel in gerechter Sprache“).

Ich habe diesem Gottesdienst die Überschrift gegeben: „Ich bin getauft – ja und?“ Jetzt wissen Sie, was hinter dem „ – ja und?“ steckt. Unsere Taufe versinnbildlicht eine Beziehung, in der wir als die, die wir wirklich oder wahrhaftig sind, willkommen und gemeint sind. Deshalb hat Taufe mit „Hinabsteigen“, mit „Tod“ zu tun: Es ist das Ende, der Tod all jener Beziehungsformen, bei denen „in der Tiefe“ nicht wir gemeint sind, sondern die Wünsche und Erwartungen an uns, die wir erfüllen sollen, um eine Daseinsberechtigung zu erlangen. Das Symbol dieses Erlebens ist die Friedenstaube, die „Geistkraft Gottes.“ Es ist dieselbe Kraft, die am Anfang der Schöpfung „über den Wassern schwebte.“

Der Geist „der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit“ ist selbstverständlich auch der Geist des Friedens. Mit ihm in immer innigerer Verbindung zu kommen und zu bleiben – ist Sinn und Zweck christlicher Existenz, jedenfalls meinem Verständnis nach.

So – nach all dem könnte ich mich jetzt auch fragen:

Was hat dich eigentlich angetrieben, diese Predigt so und nicht anders zu schreiben? Sind deine Gedanken in Verbindung mit dem Geist Gottes – oder in Verbindung mit dem „Verführer“?

Zwei Antworten:

Erstens: Ich weiß es nicht.

Zweitens: Ich meine, mich im Laufe der Zeit ein wenig kennen gelernt zu haben.

Die Verbindung mit Gottes Geist fühlt sich langsam, bedächtig, besonnen, liebevoll, heiter und gelassen an. Und in allem sehr wach.

Es ist ein Gefühl von Raum da und Weite.

Und die Dinge der Welt sind eingehüllt in einen wunderbaren Glanz.

Schönheit liegt offen.

In der Verbindung mit dem „Verführer“ spüre ich vor allem Hektik und Hetze. Ich fühle mich eingeengt und will, dass sich die Menschen ändern. Die Welt ist flach geworden und stumpf. Und ich teile ein in falsch und richtig, gut und böse.

Einfacher ausgedrückt: In Verbindung mit dem Verführer hat mein Ich Gottes Platz besetzt. Und dieses Ich weiß ganz genau, wie „es“ ist und „es“ zu sein hat. Und selbstverständlich hat es auch immer recht! „Immer bist du so …“ solche Sätze gehören zu dem Verführer. Oder auch: „Nie machst du das oder das …“

Die Macht des Verführers liegt in seiner Verheißung von Sicherheit. Dass es so und nicht anders ist. Als „Kind Gottes“ habe ich mit meinem Nicht-Wissen und mit meiner Unsicherheit zu leben. Auch bezüglich der Antwort auf die Frage, was mich angetrieben hat, diese Predigt so zu halten. Das mit dem sich öffnenden Himmel und der daraus ertönenden Stimme – diese Bestätigung ist mir als einfachem Menschen nicht gegeben;)! Stimmt auch nicht ganz: Es gibt ein tiefes Gefühl des mit mir im Einklang Seins. Und das ist dann so, als würde jemand Anderer zu mir: „Ja!“ sagen.

Ein „Ja“, das sich nicht halten und nicht besitzen lässt. Gerade so wie der Geist Gottes „weht, wo er will!“ Und ich habe den Eindruck: Je tiefer ich lerne zu akzeptieren, dass dem so ist, dass Gottes Geist „unverfügbar“ ist – desto leichter bleibe ich in der Beziehung zu Gott und zu seinem Geist: der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit, AMEN.