Archiv der ‘Predigten’

Predigt über Deuteronomium 7, 6-12 am 6. Sonntag nach Trinitatis 2020

Montag, 20. Juli 2020

Liebe Gemeinde,

als ich mich mit unserem heute zu predigenden Text aus dem 5. Buch Mose beschäftigte, fiel mir mit einem Mal wie Schuppen von den Augen, warum gerade in evangelikalen Kreisen auch und besonders in Amerika der jetzige Präsident so hoch im Kurs steht. Hören Sie bitte selbst:

7, 1-5:

1 Wenn dich der Herr, dein Gott, ins Land bringt, in das du kommen wirst, es einzunehmen, und er ausrottet viele Völker vor dir her, die Hetiter, Girgaschiter, Amoriter, Kanaaniter, Perisiter, Hiwiter und Jebusiter, sieben Völker, die größer und stärker sind als du,

2 und wenn sie der Herr, dein Gott, vor dir dahingibt, dass du sie schlägst, so sollst du an ihnen den Bann vollstrecken. Du sollst keinen Bund mit ihnen schließen und keine Gnade gegen sie üben

3 und sollst dich mit ihnen nicht verschwägern; eure Töchter sollt ihr nicht geben ihren Söhnen und ihre Töchter sollt ihr nicht nehmen für eure Söhne.

4 Denn sie werden eure Söhne mir abtrünnig machen, dass sie andern Göttern dienen; so wird dann des Herrn Zorn entbrennen über euch und euch bald vertilgen.

5 Sondern so sollt ihr mit ihnen tun: Ihre Altäre sollt ihr einreißen, ihre Steinmale zerbrechen, ihre heiligen Pfähle abhauen und ihre Götzenbilder mit Feuer verbrennen.

Ich denke, dieser Text spricht für sich. Keine Angst: Es ist nicht der heute zu predigende Text. Aber es ist der Text, der unmittelbar vor unserem Predigttext steht. Und ich fand keine einzige Predigt im Internet, in der auf diesen Zusammenhang aufmerksam gemacht wird! In dem eben gelesenen Text wird die Politik der Ausgrenzung, ja der Vernichtung des Anderen, Fremden propagiert: “Ihre Altäre sollt ihr einreißen, ihre Steinmale zerbrechen, ihre heiligen Pfähle abhauen und ihre Götzenbilder mit Feuer verbrennen.” Es ist das Gegenteil von Respekt und Achtung vor dem Anderen, dem Fremden. Was zählt ist das eigene Volk – was nicht zählt, das sind die Anderen.

Auf diesem Hintergrund beginnt der Text, über den ich heute zu predigen habe: “Denn du bist ein heiliges Volk dem Herrn, deinem Gott! Dich hat der Herr, dein Gott erwählt zum Volk des Eigentums, aus allen Völkern, die auf Erden sind.”

Das klingt gut – aber ist nicht gut. Ist nicht gut, solange die Erwählung, die Besonderheit des Einen auf Kosten des Anderen geht. Solange herrscht Zwietracht. Im eigentlichen Sinne des Wortes: Zwei stehen einander unversöhnt ja feindlich gegenüber. Ich/meine Gruppe, meine Religion – und der/die Anderen. Dasselbe Geschehen finden wir schon ganz am Anfang des AT: Das Opfer des einen wird „erwählt“, das Opfer des Anderen abgelehnt. So entsteht der erste Mord: der Brudermord. Das/der eine ist gut – das/der Andere ist böse. Das ist der Preis, den wir Menschen bezahlt haben, als wir vom Baum der Erkenntnis aßen. Damit zerfiel die denkbare Welt in gut und böse.

Auf diesem Hintergrund möchte ich über unseren Predigttext nachdenken, der selbst eine sehr alte Predigt ist – dem Mose in den Mund gelegt, gehalten vor der „Eroberung“ des „Landes, in dem Milch und Honig fließen“. Der Raum, in dem diese Predigt ertönt, ist ein Zwischen-Raum: Die Zeit der Sklaverei, der Fremd-Herrschaft in Ägypten ist vorbei, auch der lange und erschöpfende Marsch durch die Wüste liegt zurück. Das ersehnte Neue Land, die neue Heimat liegt in Sichtweite.

In diese Situation des Dazwischen, des Nicht-Stabilen hinein predigt Moses seinem Volk:

Du bist ein Volk, heilig für Jahwe, deinen Gott, dich hat Jahwe erwählt ihm zu gehören als Eigentumsvolk unter allen Völkern auf der Erde.“

Heilig heißt wörtlich: ganzheitlich. Die Erwählung besteht darin, aus den Fragmenten, Spaltungen und Dualismen etwas „Ganzes“ eben „Heiles“ werden zu lassen. Oder anders: Die Erwählung besteht genau nicht darin, sich selbst toll und die Anderen blöd, schwach oder gar unwert zu finden. Das ist der (verbreitete) Missbrauch des Erwählungs-Gedankens. Du bist nicht erwählt, um dir darauf irgend etwas einzubilden. Denn vor und von Gott ist jedes Lebewesen erwählt. Du bist heilig für Jahwe – d.h. dein Heil, deine Gesundheit, deine Integration, deine Ganzheit bleibt gebunden an deine Beziehung zu Gott. In dieser Verbindung bekommst du eine Idee, eine Wahrnehmung, eine Intuition, wer du in der Tiefe eigentlich bist. Was in der Tiefe dein Eigenes ist. Und Gott „will“, dass du dieser „wahrhaftigen“ Idee von dir selbst nahe kommst. Es ist schade, wenn du dich diesem deinen Weg entziehst. Dann bleibt er ungegangen – denn nur du konntest ihn gehen.

Nicht weil ihr alle Völker an Zahl überträfet, neigte sich Jahwe euch zu und erwählte euch – denn ihr seid das Kleinste von allen Völkern…“

Hier wird noch einmal betont: es geht nicht um das, was unter den Völkern als wichtig gilt: möglichst viel Einfluss haben, expandieren, groß werden. Genau anders herum: Das Schwache in Dir, das, was Du selbst oft missachtest, weil Du es peinlich, unangenehm ja unannehmbar findest – gerade darin wendet sich Gott dir zu. Und warum wendet sich Gott dem „kleinsten“ Volke zu?

Sondern weil Gott Euch liebte und weil er den Schwur hielt, den er euren Vätern geschworen, darum führte Euch Jahwe mit starker Hand heraus und erlöste Dich aus dem Sklavenhaus, dem Hause Pharaos, des Königs von Ägypten!“

Du kannst Dich auf deinen Gott verlassen: versprochen wird nicht gebrochen. Gott ist treu. So bist du eingebettet in einer langen Reihe von Generationen vor dir – und gerade so wird es auch nach dir sein. In unserer Zeit, die meint, alles selbst und neu erschaffen zu müssen, in der Lebenserfahrung wenig zählt, jung sein idealisiert wird, in dieser unserer Zeit beruhigt es (mich), einem Gott anzuhängen, der Tradition hat. Es beruhigt mich, dass ich nicht ganz alleine bin auf dem weglosen Weg durch die Wüste, sondern dass vor mir Menschen ihn gegangen sind und nach mir Menschen ihn gehen werden. Und es gibt mir Trost und Hoffnung, dass die neue Satzung oder Wegweisung gerade auf diesem Weg zu mir kommt. Wir nennen sie die „10 Gebote“, im Hebräischen sind es die 10 Worte, die ein gutes, beschütztes Leben in Freiheit ermöglichen.

So sollst du denn erkennen, dass Jahwe, dein Gott, der wahre Gott ist, der treue Gott, der den Bund und die Huld auf 1000 Geschlechter denen bewahrt, die ihn lieben und seine Gebote halten.

Gott befreit, Gott erlöst über die zu erlebende Erkenntnis, dass Leben ohne gute Ordnung im Chaos versinkt. In einer guten Ordnung ist alles an seinem Platz gekommen, es geht nicht mehr „drunter und drüber“. Die gute Ordnung ist eine dem Leben dienliche Ordnung, sie ist auf gutes Zusammenleben in Freiheit ausgerichtet. Dazu bedarf es der Einsicht, dass meine Freiheit nicht grenzenlos ist. Es bedarf der Bereitschaft und der Fähigkeit, sich selbst, die eignen Impulse zu hemmen und anzupassen. Auch zu verzichten. Das sind Fähigkeiten und Fertigkeiten, die mit sozialem Denken zu tun haben. Soziales Denken bedeutet, es geht nicht nur um mich und um meine Interessen! Und das Ziel ist nicht, dass (mein) Ich sich durchsetzt, sondern dass WIR zu einem bekömmlichen Miteinander kommen. Und ein bekömmliches Miteinander ist wesentlich ein gerechtes Miteinander, in dem ich bei allem, was ich tue und lasse auch die Konsequenzen für meine Umwelt mit berücksichtige.

Die aber, die Gott hassen, denen vergilt er an ihrer eigenen Person und lässt sie umkommen; nicht zögert er gegenüber dem, der ihn hasst, an seiner eigenen Person vergilt er ihm.

Das klingt sehr hart – und ist doch die nüchterne Wahrheit. Wer Gott hasst, der hasst in der Tiefe sich selbst und sein eigenes Leben. Dies führt zu destruktivem Verhalten: sowohl sich selbst als auch seinen Mitgeschöpfen gegenüber. Die 10 Worte Gottes, die „Gebote“, grenzen den Hass ein und ermöglichen seine Verwandlung in Liebe. Darum gilt:

Darum sollst du die Gesetzesweisungen, die Bestimmungen und Rechtssatzungen halten, welche ich dir heute zu befolgen anbefehle. Und dafür, dass ihr diese Rechtssatzungen anhört, sie haltet und befolgt, wird Jahwe, dein Gott, dir den Bund und die Güte bewahren, welche er deinen Vätern geschworen hat.

Nicht um dich zu knechten, nicht um dich zu unterdrücken, sondern um dich zu schützen und zu bewahren, für deine lebendige Freiheit, gibt es eine gute Ordnung. Und dafür, dass ein gerechtes, ausgewogenes Miteinander möglich wird. Die gute Ordnung, das gute Gesetz ist nicht in sich selbst verliebt, es dient der Gemeinschaft. Es ist ein „Ministerium“, ein „Amt des Dienstes“ an der Gemeinschaft. (So wie ein guter Minister ein guter Diener an der Gemeinschaft ist.) Das gute Gesetz weiß um den inneren Zusammenhang der Beziehung zu Gott und der Beziehung zueinander. Deshalb handelt es von gegenseitigem Respekt, Achtung und Fürsorge. Wer ausgrenzen, spalten, rassistisch denken will, stellt sich außerhalb der Rechtssatzungen Gottes!

Die zehn Worte, in denen sich die zehn Schöpfungstaten abbilden, sind Ausdruck des tiefen Wissens darüber, wie destruktiv es ist, lebensdienliche, dem Leben dienende Grenzen zu durchbrechen. In dieser Tiefe sind sie vor aller Moral. Wir leben in einer Zeit – und ich vermute, dies gilt für jede Zeit – in der das Sich-halten-an-Grenzen nicht beliebt ist. Es ist in der Tat mühsamer, bewusst und verantwortungsvoll zu leben, als ungehemmt „raus zu schreien“ und „raus zu hauen“, wonach einem gerade ist. Sich-halten an Grenzen heißt, den eigenen, inneren Triebimpulsen streng und liebevoll Einhalt zu gebieten. Auch dies gilt nicht erst seit heute. Jesus wurde nicht müde zu predigen und vorzuleben, dass Gesetz und Leben zusammengehören. Jesus hat nicht das Gesetz zerstört, sondern es mit Leben gefüllt. „Der Mensch ist nicht um das Sabbats willen, sondern der Sabbat um des Menschen willen!“ Das war das „Unerhörte“ an diesem Mann aus Nazareth. Wer sich auf diesen Weg einlässt, dem bleibt nicht erspart, zu erleben und zu erleiden, dass er sich unbeliebt macht. Er hat aufgehört, darauf zu schielen, wie viele „Follower“ er gerade hat, wie gut er ankommt. Ihm genügt ein einziger Satz: „Ich habe dich erkannt, ich habe dich erlöst, ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du gehörst dazu und zu mir – du bist frei geworden für dich und dein einmaliges Leben!“

Und darauf gibt es eine einfache Antwort: „Gott sei Dank!“ AMEN

Predigt über Römer 12, 17 -21 am 4. Sonntag nach Trinitatis

Freitag, 10. Juli 2020

“Überwinde Böses mit Gutem!”

Liebe Gemeinde,

vermutlich kennen das die meisten von uns: So ein Gefühl diffusen Gereizt-Seins. „Ich bin gestresst!“ sagt man dann. Oder „Ich bin nicht in meiner Mitte!“ Wer es wagt, genauer dahin zu spüren merkt: Ich bin ziemlich aggressiv. Aber warum eigentlich? Es ist ein Gefühl, als würde nichts passen. „Knatschig“, sagt man bei kleinen Kindern. Vielleicht ist es das Wetter. Oder der Mond. Oder beides.

Gibt man diesen Gefühlen mehr Raum, stellt sich oft heraus, dass die Möglichkeit fehlt, die Wirklichkeit, wie sie gerade ist und auf mich einwirkt zu akzeptieren. Die Sonne ist zu heiß, der Wind zu kalt, die Frisur passt auch nicht. Und überhaupt. „Ich fühle mich nicht wohl in meiner Haut!“ Was gänzlich fehlt ist die Freude am Dasein – ein kräftiges, heiteres „Ja – so ist es – und es ist gar nicht so schlecht, wie es ist!“

Die Texte unseres heutigen Sonntags handeln davon, wie Freude ins Leben kommen kann. Allerdings erst auf den zweiten Blick. Auf den ersten Blick sind sie typische fordernde Vorwurfs-Texte:

Seid barmherzig, wie Euer Vater barmherzig ist!“

Geht barmherzig mit Euch selber um!“

Richtet nicht!“

Lernt Euch kennen – schaut auf den Balken im eigenen Auge!“

Dies Kunst ist, das alles ohne auch nur den Hauch eines Vorwurfs zu erleben. Mit liebevollem Blick. Barmherzig eben.

Das klingt gut – und ist viel leichter zu predigen als zu leben.

Und noch leichter ist es, dies dem Anderen zu predigen – und sich selbst dabei wegzulassen. Das sind die Sätze, die irgendwie mit „sei doch so oder so …“ angehen.

Oder auch: „Wenn du anders wärst, dann könnte ich auch …“

Oder: „Ich verstehe nicht, dass du …“

In diesen Sätzen bleibe ich an den Anderen gebunden, halte an der Abhängigkeit zu ihm fest. Sie entstammen dem Gefühl, den Anderen in einer bestimmten Weise für mich zu gebrauchen. Es wäre doch schön, wenn der Andere genauso denkt und lebt wie ich. Es ist die Sehnsucht nach Harmonie oder gar Gleichklang. In der Gregorianik galt als vollendeter Ton die „Prim“. Das heißt, das Intervall, der Zwischenraum ist aufgelöst. Es gibt keinen Unterschied zwischen dem Einen und dem Anderen. „Wir sind alle eins!“ Oder: „Wir sprechen mit einer Zunge.“ Oder: Wir sind völlig im Einklang. Wer Kammermusik macht, im Chor singt oder vierhändig spielt, weiß, was ich meine. Nur – wie ist das mit dem Einklang im Alltag des Lebens? In einer Partnerschaft, mit Kindern, im Kirchenvorstand, in der Schule, im Beruf?

Es gibt Eltern, die meinen, sie täten ihren Kindern etwas Gutes, wenn sie „mit einer Zunge redeten.“ Wer als Kind so aufwächst, kann nicht lernen, dass Unterschiedlichkeit, Meinungsvielfalt nichts Böses ist, nicht zum beleidigenden Streit führen muss. Sondern zu lebendiger Diskussion, gegenseitigem Austausch in aller Verschiedenheit. Politisch ausgedrückt: Je größer die Sehnsucht nach Einheitlichkeit, desto unwichtiger sind jene Tugenden, auf denen Demokratie aufgebaut ist. Und desto unerbittlicher wird der/die „verfolgt“, der die Sehnsucht nach Harmonie stört. Er/sie gilt als „Störenfried“ – als Störer des Friedens. Dies gilt auch für religiöse Institutionen. Da heißen die Störenfriede „Ketzer“.

Die große Frage ist: Handelt es sich um einen echten Frieden, oder um einen faulen? Im Sinne von: „Friede, Freude, Eierkuchen!“ Im Sinne von: „Wir sind uns darin einig, dass alles gut ist. Und dem gnade Gott, der Widersprüchlichkeiten aufdeckt, der uns in unserer Sehnsucht nach Harmonie verunsichert!“ So entstehen die „geschlossenen Gesellschaften“. Anders-Denkende, diese Harmonie in Frage Stellende, sind unerwünscht! Werden ausgeschlossen – früher durchaus auch mal gekreuzigt, oder wenigstens verbrannt. Heute werden sie exkommuniziert – oder ganz einfach ignoriert. Manchmal auch erschossen. Jedenfalls gilt: Weg damit! In Beziehungen heißt das: „Wenn du so bist, will ich nichts mit dir zu tun haben! Du hast so zu sein, wie ich dich brauche!“

Natürlich macht sich einer nicht beliebt, der zu so einer geschlossenen Gesellschaft sagt: „Kann denn ein Blinder einem Blinden den Weg weisen? Werden sie nicht alle beide in die Grube fallen?“ (Lukas 6, 39) Aus der Sicht der Gruppe ist das eine einzige Unverschämtheit! Sie will festhalten, bewahren. Gruppen, Institutionen sind wesentlich konservativ: Es gehört zu ihrem Wesen zu bewahren. Aus der Sicht der Gruppe ist der, der es wagt, ihre Werte, ihre Axiome in Frage zu stellen, böse. Wenn einer aufsteht und den Mut hat, laut zu sagen: Wie könnt Ihr nur so einem Führer hinterher laufen – der kann auch schon mal sein Leben riskieren. (Von daher unterlasse ich es an dieser Stelle, Namen zu nennen.)

In unserem heutigen Predigttext – ein Abschnitt aus dem Römerbrief – spitzt Paulus diese Gedanken zu auf die Frage: Was soll ich denn als Christ machen, wenn ich Unrecht und Unterdrückung sehe, oder wenn ich mich selbst unterdrückt und ungerecht behandelt fühle?

17 Vergeltet niemandem Böses mit Bösem. Seid auf Gutes bedacht gegenüber jedermann. 18 Ist’s möglich, soviel an euch liegt, so habt mit allen Menschen Frieden. 19 Rächt euch nicht selbst, meine Lieben, sondern gebt Raum dem Zorn Gottes; denn es steht geschrieben (5.Mose 32,35): »Die Rache ist mein; ich will vergelten, spricht der Herr.«20 Vielmehr, »wenn deinen Fend hungert, so gib ihm zu essen; dürstet ihn, so gib ihm zu trinken. Wenn du das tust, so wirst du feurige Kohlen auf sein Haupt sammeln« (Sprüche 25,21-22). 21 Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.

Ich glaube, wer sich ernsthaft mit diesen Gedanken beschäftigt, der wird schnell zu der Einsicht kommen: Was für mich „gut“ und was für mich „böse“ ist – das gilt nur für mich, ist also höchst subjektiv. Es hängt von meinem Weltbild, meiner Haltung zur Welt ab. Für den Löwen ist die erbeutete Gazelle gut: Sie sichert sein Weiterleben. Für die Gazelle ist der Löwe „böse“ – er nimmt ihr nämlich ihr Leben.

Freilich: Das sind meine menschlichen Gedanken. Es ist meine menschliche Haltung, oder mein menschlicher Blickwinkel. In der Natur geht es anders zu. Da gilt: Es ist, was es ist. Der Löwe muss sein Löwe-Sein leben und die Gazelle ihr Gazelle-Sein. Der Traum vom Paradies, in dem Löwe und Lamm nebeneinander liegen, ist Ausdruck jener starken Sehnsucht nach Harmonie, von der ich vorhin sprach. Diese Sehnsucht ist eine spezifisch menschliche!

Für die jeweilige Gruppe ist der Störenfried ein Böser. Er stört ihren Zusammenhalt, ihren Wunsch nach harmonischem Beieinandersein. Je mehr er versucht aufzudecken, Defizite zu benennen, desto größer wird der Widerstand der Gruppe sein. Sie wird versuchen, ihn „einzufrieden“ (Martin Luther wurde das Amt eines Kardinals angeboten) – oder ihn „auszuscheiden“. (Früher hieß das, jemand ist „vogelfrei“ – das heißt, wer ihn tötet, muss keine Konsequenzen befürchten.) Die Gruppen, die ich persönlich kennen gelernt habe, sei es in der Psychotherapie, sei es in der Kirche, hatten wenig bis kein Interesse daran, sich selbst ernsthaft in Frage zu stellen. Es gab und gibt einen unhinterfragten Gruppenkonsens. (Bei psychoanalytischen Therapeuten wird bereits das Wort „Spiritualität“ vermieden. Sie scheinen es zu fürchten, wie der Teufel das Weihwasser. In kirchlichen Gruppen wiederum ist ernsthafte Selbsterfahrung, die notwendig schmerzhaft ist und Ängste erzeugt, nicht sehr hoch im Kurs.)

Es ist nämlich so: Jede Art des In-Frage-Stellens verunsichert, macht Angst: Und wer die Fundamente, die Basics einer Gruppe in Frage stellt, macht sehr große Angst.

Aktuelles aber harmloses Beispiel: In Pullach gibt es die Gruppe der Hundehalter. Für sie ist das Zusammenleben mit dem eigenen Hund schön. Für den oder die, die zur Zeit in Pullach giftige Köder auslegen, sind Hunde und wahrscheinlich insbesondere ihre Hinterlassenschaften eine ärgerliche Störung. Da sie offenbar vor Gewalt nicht zurück schrecken, legen sie giftige Köder aus, um die Quelle des Ärgernisses zu beseitigen. Wer dies tut, ist zum Untertan seines Hasses geworden. Der Hass will, dass die Störung verschwindet. Diesen Hass verbreiten die populistischen Führer. Sie und ihre Anhänger sind im Hass auf das Störende, Fremde verbunden. „Das darf man sich nicht bieten lassen!“ heißt es. „Vergebung – niemals!“ Vergebung, Nachsicht, Barmherzigkeit macht mich schwach. Es macht ihnen zu viel Angst, diese Haltung in Frage zu stellen. Es ist kaum zu glauben, aber es ist so: In den Propagandisten der Macht wohnen völlig verunsicherte, eingeschüchterte Kinder!

Und genau da kommt der Gedanke von Paulus ins Spiel: „Das Böse mit Gutem zu überwinden.“ Das heißt nämlich, darauf zu verzichten, die nahe liegenden Impulse der Rache und Strafe auszuleben. Das heißt nicht: Danach zu trachten, das Böse aus der Welt zu schaffen, zu vernichten. Das ist die Falle der moralisch anständig Lebenden: Ihre hohe Moral für Empörung und Hass auf die in ihren Augen Nicht-Moralischen zu verwenden. Ich habe mich bei der Fantasie ertappt, wenn man den erwischt, der die Giftköder ausgelegt hat, dann sollte man ihn zwingen, einen seiner Köder – es sind wohl vergiftete Toastbrote – selber zu essen. Diese Fantasie bereitet mir Genugtuung – und wahrscheinlich erlebe ich dabei ganz ähnliche Gefühle, wie sie derjenige hatte, als er die Köder ausgelegt hat. Anders ausgedrückt: Ich werde selber zu einem, der den Anderen vergiften möchte. Ich habe mich mit Hass infizieren lassen.

Nüchterne Erkenntnis: Indem ich versuche, den Hass zu vernichten, bleibe ich sein Untertan! Dies gilt auch für Paulus, der einen anderen Weg des Umgangs mit Hass, Rache und Vergeltung vorschlägt: Überlasse das Gott. Indem er das AT zitiert mit dem Satz: „Die Rache ist mein spricht der Herr …“ verschiebt er den Rache-Gedanken auf Gott. So entsteht ein strafender, richtender Gott. So entstehen Gedanken wie: „Den Corona-Virus hat uns Gott geschickt in seinem Zorn über die gottlose Party-Kultur.“ Oder, noch schlimmer: „Das Leiden der Juden ist eine Strafe Gottes dafür, weil sie seinen Sohn hingerichtet haben.“ In diesen Gedanken wirkt der Hass. Sie werden dann richtig gefährlich, wenn sich Menschen dazu aufgerufen fühlen, „im Namen dieses rächenden Gottes“ zu handeln. Diese Menschen haben Religion in Misskredit gebracht – ähnlich den Hundehaltern, die nicht bereit sind, den Kot ihrer Vierbeiner zu entsorgen!

Heißt das: Es ist zwar ein schöner Gedanke, das Böse mit Gutem zu überwinden, aber leider ist er unrealistisch? Ich glaube, was wirklich unrealistisch ist, das ist die Idee, das „Böse“ abschaffen zu wollen.

Es ist schon sehr viel erreicht, wenn es gehalten wird. Oder eingedämmt. Dazu ist im ersten Schritt nötig, das Böse als Böses zu benennen: Es ist ein Verbrechen, Hunde zu vergiften. Es ist ein Verbrechen, Gewalt gegen Kinder und Jugendliche anzuwenden: Sei es sexuelle Gewalt, sei es körperliche Gewalt. Ja – das ist böse. Vor kurzem hörte ich in den Nachrichten, dass jedem zweiten Kind Gewalt angetan wird. Und dass neun von zehn Kindern in Ländern leben, in denen dies nicht verboten ist. Es also nicht als ein Verbrechen gilt, Kindern Gewalt anzutun. So wie es Länder gibt, in denen sogenannte „Straßenhunde“ einfach erschossen werden!

So ist das. So sind wir Menschen.

Barmherzigkeit, Güte, Einfühlung muss man sich leisten können!

Das gilt auch für die Hundehalter, die keine Verantwortung für ihre Tiere übernehmen. Auch ich ärgere mich, wenn ich auf dem Weg zu meinem Auto in einen Hundehaufen trete. Das geht gar nicht anders.

Die Frage ist: Was folgt aus meinem Ärger?

Es bedarf einer starken Seele, mit dem Täter, genauer mit der „Täter-Seite“ des Täters in Kontakt zu kommen. Dies geht nämlich nur indem ich bereit bin, auch meine eigenen Täter-Seiten kennen zu lernen. Das wiederum kann ich nur, wenn ich differenziert genug bin. Wenn ich anerkennen kann, dass niemand nur Täter und niemand nur Opfer ist. Es sind vielmehr Beziehungen, die in eine Täter- und eine Opfer-Seite zerfallen sind. Man könnte auch sagen: Es sind Beziehungen, in denen Macht und Ohnmacht, Liebe und Hass, entmischt worden sind. Es sind Beziehungen, die in Dualität zerfallen sind.

Indem ich mich dem „Guten“ so zuwende, indem ich versuche, Böses mit Gutem zu überwinden, versuche ich, den „Zerfall“ in gut und böse gleichsam wieder rückgängig zu machen. Versuche ich zu „verbinden“, was auseinander gebrochen ist. Dies ist ein mühsamer und anstrengender Weg. Viel leichter ist es, sich in die Opfer einzufühlen und die Täter zu exkommunizieren. Damit aber werde ich selbst zum Täter. Leider fehlen diese weiterführenden Gedanken gänzlich in der Diskussion über sexuellen Missbrauch in der katholischen wie evangelischen Kirche. Es ist scheint zu gefährlich zu sein, auch Verständnis für die Täter-Seite aufzubringen – müsste ich mich doch unweigerlich dann auch mit meiner eigenen Täter-Seite beschäftigen.

Das Verleugnen der eigenen Täter-Seite führt bei Paulus zu einer ganz besonders raffinierten Variante der Rache: »Wenn deinen Feind hungert, so gib ihm zu essen; dürstet ihn, so gib ihm zu trinken. Wenn du das tust, so wirst du feurige Kohlen auf sein Haupt sammeln« (Sprüche 25,21-22). Übersetzt heißt das: „Du wirst den Anderen durch Freundlichkeit beschämen.“ Auch dieser Gedanke dient dazu, den eigenen Hass unterzubringen. Indem ich den Anderen mit meiner Freundlichkeit beschämen will, missbrauche ich diese für Vergeltung.

Der Weg raus, der Weg in die Freiheit, lautet: Sich des eigenen Bösen, des eigenen Hasses bewusst zu werden. Erst dann kann ich ihm Einhalt gebieten, ihn quasi einfrieden. Und erst dann habe ich die Chance, frei zu werden!

Für einen freien Mensch gilt: „Wenn deinen Feind hungert, so gib ihm zu essen; wenn ihn dürstet, so gib ihm zu trinken – ganz einfach deshalb, weil du einer bist, der so und nicht anders leben will! Weil du aus deiner Freundlichkeit und deiner Liebe heraus so – und nicht anders – mit deinem Nächsten umgehen möchtest!“

Für mich ist das die Haltung eines freien, besser befreiten Christen-Menschen. Um sie zu erlangen, benötigen wir die innere Verbindung mit einem starken, freien und liebevollen Gott – der es gerade nicht nötig hat, etwas zu vergelten oder gar, sich zu rächen. In diesen Gott sind wir hinein getauft, in diesem Gott verbinden und verbünden wir uns in der Feier des Heiligen Abendmahles. Und dieser Gott wirkt in uns immer dann, wenn wir uns unserer Fähigkeit zu lieben, zuwenden. Böses mit Gutem überwinden ist nichts weiter als eine mögliche Handlungsanweisung des Doppelgebotes der Liebe: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüt und mit all deiner Kraft. Und: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“ (Mk 12, 29)

Gebe Gott, dass wir täglich stärker und freier dafür werden, unseren Alltag nach diesen Worten auszurichten – so dass es immer selbstverständlicher und leichter wird, „Böses mit Gutem zu überwinden“, AMEN.

Predigt an Pfingsten 2020 über Apostelgeschichte 2, 6

Montag, 1. Juni 2020

Liebe Gemeinde,

seit alters her ist das Pfingstfest die Feier der Ausgießung des Heiligen Geistes und in eins damit das des Geburtstages der Kirche.

Ich möchte heute über einen Aspekt der Ausgießung des Heiligen Geistes predigend nachdenken:

Über Verstehen und Verstanden werden. Oder, anders:

Pfingsten, das Fest der Verständigung!

„ … ein jeder hörte sie in seiner eigenen Sprache reden …“ (Vers 6)

Was im übrigen keine Freude oder andere positive Gefühle auslöste – ganz im Gegenteil: „Sie entsetzten sich aber, verwunderten sich und sprachen: Siehe, sind nicht diese alle, die da reden, Galiläer? Wie hören wir sie denn ein jeder in seiner Muttersprache?“ (Vers 7) Gefühle von Entsetzen sind begleitet von Gefühlen der Hilflosigkeit und Ratlosigkeit, gepaart mit Angst, Ärger und Wut, vielleicht sogar Hass. Solche Gefühle mögen wir Menschen, mag unser „ICH“ nicht: Es wehrt sich dagegen. „So ein Blödsinn!“ sagt es. Auch Spott gehört dazu: „Die sind nicht ernst zu nehmen! Sie sind besoffen!“ Und damit ist auch schon die Rechtfertigung ausgestellt, sich davon abzuwenden. Das Ganze zu ignorieren.

Kurzum: Wir Menschen mögen es nicht, erleben zu müssen, nichts, aber auch gar nichts zu verstehen!

Man hat gesagt, das christliche Pfingstfest ist die Aufhebung der babylonischen Sprachverwirrung. Da, wo Verwirrung gewesen ist, tritt durch das Wirken des Heiligen Geistes Verständigung ein.

Wie schön wäre das: Verständigung im Kleinen wie im Großen, in den Familien wie unter den Völkern. Ja – wenn es doch nur so einfach wäre! Denn es ist ja anzuerkennen, dass das eigentliche Problem nicht die Sprache, sondern die Verständigung innerhalb ein und derselben Sprache ist! Das Problem hat mit Interessengegensätzen, Meinungsverschiedenheiten zu tun. Und mit Emotionen wie Neid, Gier, Angst usw.

Dabei steht am Anfang von Verständigung keineswegs „das Wort“ – oder die Sprache. Es gibt eine Verständigung, die auf gesprochene Sprache gar nicht angewiesen ist: Zum Beispiel mit einander Musizieren. Oder Körpersprache … Auch die Kommunikation mit Tieren kommt mehr oder weniger ohne Worte aus.

Am Anfang der Verständigung steht nicht das Wort, sondern das Interesse: Bin ich überhaupt bereit, den Anderen zu verstehen? Und, anders herum: Bin ich bereit, mich verständlich zu machen?

Unsere Welt und unser Alltag lehrt: Es wäre naiv, beide Fragen mit ja zu beantworten. Es ist nämlich leider so, dass sich verständlich machen und den Anderen zu verstehen ein anstrengendes und durchaus mühsames Unterfangen ist. Es bedarf Tugenden, die nicht en vogue sind: Geduld, Warten-Können, sich Zeit nehmen, sich einlassen. Und in alledem auszuhalten, nichts zu verstehen. So sind wir übrigens alle auf die Welt gekommen: Wir haben nicht einmal „Bahnhof“ verstanden! In der Bibel heißt es deshalb so schön: Es war „tohu wa bohu“ – frei übersetzt: Es ging drunter und drüber!

Die Schöpfung ist nichts anderes als die Transformation dieses Ur-Chaos oder dieser Ur-Finsternis. In ihr entsteht Gestalt, Struktur. Es ist der Geist Gottes, der Heilige Geist, der dies vermag. Es ist ein Geist der guten, dem Leben dienenden Ordnung. „Und Gott sah, dass es gut war“, heißt es deshalb am Ende eines jeden der sechs Schöpfungstage. (Nur beim siebten Tag, mit dem der Sabbath in die Welt kommt, fehlt es! Von ihm heißt es, dass Gott an ihn ruhte, ihn segnete und heiligte.)

Der Gegenspieler dieses ordnenden Verstehens ist der Triumph des Chaos. Die Lust am Zerstören. „Wir müssen uns doch nicht an diese blöden Einschränkungen halten …“ Es ist kein Zufall, dass in den Ländern, die von sogenannten populistischen Führern regiert werden, die Zahl der Infektionen und der Toten am höchsten ist. Und es ist auch kein Zufall, dass genau dies vertuscht werden soll. Der Satan, der Diabolos (wörtlich: Durcheinander-Werfer) arbeitet im Verborgenen.

Verstehen und verstanden-werden hat mit der Bereitschaft zu tun, sich an Ordnungen anzupassen, anstatt sich darüber hinwegzusetzen. Dies gilt auch für das Miteinander-Sprechen. Sich an Ordnungen zu halten heißt, Grenzen zu akzeptieren. Heißt aushalten, dass ich begrenzt bin. Spürbar werden meine Grenzen über meinen Körper und seine Endlichkeit und Vergänglichkeit. Er spricht in seiner Körper-Sprache zu mir, in Form von Hunger und Durst, in Form von Müdigkeit, Schmerzen, in Form von Herzklopfen oder Schwitzen usw. Anders kann er sich mir nicht verständlich machen. Auf der anderen Seite meines Körpers steht mein Ich, mit seinen Wünschen, Hoffnungen, Sehnsüchten – auch mit seinen Enttäuschungen, Verbitterungen. Und mit seiner Bereitschaft, den eigenen Körper neugierig-liebevoll kennen zu lernen. Dies ist nicht selbstverständlich. Gelingt es mir, meinem Ich, sich für meinen Körper und für das, was er versucht auszudrücken, zu interessieren? Oder soll er vor allem funktionieren und ansonsten still sein? Vielleicht habe ich mich gerade so als Kind gefühlt: „Kinder soll man sehen, aber nicht hören!“ lautete eine der Regeln der sogenannten schwarzen Pädagogik. Oder ich habe als Kind gelernt, dass das Wichtigste ist, dass ich „gut“ oder „nett“ ausschaue. Dann werde ich viel Energie dafür aufbringen, dass mein Körper diesen Idealen entspricht. Auch dies hat nichts mit wahrhaftigem Interesse für ihn und an ihm zu tun, sondern damit, dass er nicht genügt, so wie er ist. „Inter-esse“ heißt nämlich laut Duden wörtlich: „dazwischen sein, dabei sein, teilnehmen, von Wichtigkeit sein“.

Nehme ich am Leben meines Körpers Anteil? Und zwar liebevoll-neugierig?

Oder verstecke ich mich und meine Körperlichkeit, wozu es im Christentum leider eine lange Tradition gib.

Adam, wo bist du?“ Dies ist die erste Frage Gottes an „Adam“, den „Menschen schlechthin“. Gott ist am Einzelnen interessiert. Gott spricht den Einzelnen direkt an. Und genau davor hat Adam Angst. Der Mensch hat sich versteckt. Er wagt es nicht, für sich selbst einzutreten. Aus Scham und aus Angst. Er wagt es nicht, Gott zum Gegenüber, zum „Du“ zu werden.

Dies ist unsere Situation: Wir verstecken uns – vor Gott und so vor uns selbst. Aus Angst und aus Scham. Wir wagen es nicht, zu uns selbst zu stehen: mit unseren Wünschen, mit unseren Gedanken, mit unseren Handlungen. Wir sind feige. Was hatte Adam gemacht? Er hatte sein Weib erkannt, heißt es: „Und Adam erkannte Eva.“ Erkennen bedeutet im Hebräischen „sich für den anderen interessieren“, am Leben und an der Lebendigkeit des Anderen teilnehmen und Teilhabe gewähren – einschließlich gemeinsamer Sexualität. Von daher geht „erkennen“ fließend in „lieben“ über.

Die Wurzel des Verstehens und der Verständigung liegt in der Bereitschaft zu lieben und sich lieben zu lassen. Dies ist etwas sehr anderes als sich bewundern zu lassen und über Andere zu triumphieren.

Liebe entsteht in der Hinwendung zu mir und zu meinem jeweiligen Nächsten. Die Haltung dieser Hinwendung ist freundliche Aufmerksamkeit – ohne schon zu wissen, was der Andere braucht oder was ihm gut tut. Auch ohne zu wissen, was er falsch macht und was er verbessern könnte.

Liebe heißt, sich für den Anderen gerade so wie für mich selbst zu interessieren. Die Haltung ist freundliche Offenheit.

Adam, wo bist du?“ ist Gottes Raum gebende Frage. Und nicht: „Adam, wie konntest du nur, du bist falsch …“ Ich weiß, dass Religion seit es sie gibt für Pädagogik und Moral missbraucht worden ist. Gerade so hat sie ihr Ansehen verloren.

Für mich ist Religion die Hin- und Rückführung des Menschen zu sich selbst: zu seinem Eigenen und zu seinem Eigentlichen.

Oder – wie es in einer chassidischen Geschichte heißt: Als Rabbi Sussja merkte, dass er nicht mehr lange zu leben hatte, sagte er: „In der kommenden Welt wird man mich nicht fragen, warum bist du nicht Moses gewesen. Man wird mich fragen: Warum bist du nicht Sussja gewesen?“

Und in einem indischen Weisheitswort heißt es:

Warum bringt du nicht deinen eigenen Lotus zum Blühen? Die Bienen werden dann von selbst kommen.“

Und Paul Gerhardt hat gedichtet: „Mach in mir deinem Geiste Raum, dass ich dir werd ein guter Baum und lass mich Wurzel treiben. Verleihe, dass zu deinem Ruhm ich deines Gartens schöne Blum und Pflanze möge bleiben.“

Immer wenn dies geschieht – dann ist Pfingsten! AMEN

Predigt über die “Todsünde” der Lethargie in Zeiten des Corona-Virus

Montag, 16. März 2020

Liebe Gemeinde,

ich habe heute über die Todsünde oder Wurzelsünde der Lethargie zu predigen.

Vorab eine Definition: Unter Sünde verstehe ich die „Entfremdung von mir und von Gott“. Gott ist für mich kein jenseitiges „Wesen“, sondern jene Kraft oder Energie, in der und aus der heraus ich meine Leben leben darf. Er ist eine Chiffre für mein in der Tiefe unerkennbares „Ureigenstes“. Sünde bedeutet: Dieses, mein „Ureigenes“, ist mir fremd.

Zwei griechische Worte stecken in „Lethargie“:

lethe“ und „argos“

Lethe“ bezeichnet in der griechischen Mythologie den „Fluss des Vergessens“, den der Verstorbene zu überqueren hat. Das Substantiv „Lethe“ heißt einfach: das „Vergessen“.

Und „argos“: So hieß der Jagdhund des Odysseus, der untätig auf dem Misthaufen gelegen hatte und von allen vergessen worden ist – während er selbst sein Herrchen in den 20 Jahren des Wartens nicht vergessen hatte. Er ist der Erste, der den zurückkehrenden Odysseus erkannte und schwanzwedelnd begrüßte. Zum Sich-Aufrichten war er zu schwach: – von Ungeziefer zerfressen, starb er im Moment des Wiedersehens.

Im Griechischen heißt „argos“: „untätig, träge, faul“. Sie merken – das gilt für den Hund des Odysseus nur aus der Sicht derer, die ihn vergessen hatten. Argos hatte die Kraft, die verinnerlichte Beziehung zu Odysseus zu halten. Dies ist die Kraft der Liebe.

Verbindet man die beiden Worte, so entsteht ein Gedanke wie:

Im Vergessen untätig werden.“

Ich kenne Menschen, die sagen: „Ich weiß nicht, was ich gemacht habe. Ich glaube gar nichts. Ich saß einfach da und nach vier Stunden habe ich gemerkt, ich sitze immer noch da, nur jetzt ist es vier Stunden später.“ Der Wüstenvater Euagrios Ponticus hat das so beschrieben: „Der Dämon der acedia (wörtlich „Gleichgültigkeit – Sorglosigkeit“), der auch Mittagsdämon genannt wird, ist der beschwerlichste von allen. … Zuerst bewirkt er, dass die Sonne sich nur schwer oder gar nicht zu bewegen und dass der Tag 50 Stunden zu haben scheint. Dann treibt er einen an, ständig zum Fenster hinauszuschauen … Weiter impft er einem die Aversion gegen den Ort ein, an dem man lebt und gegen die Lebensweise selbst …“

Vor kurzem sagte mir jemand: „Ich hatte mir so fest vorgenommen zu arbeiten; aber dann konnte ich mich nicht konzentrieren, dann war ich sauer auf mich, dann habe ich mir einen Porno reingezogen und weil es dann auch schon egal war, habe ich mir mehrere Flaschen Bier genehmigt …“

Die Falle im Umgang mit solchen Menschen ist, sie zu pushen: „Du musst endlich mal deinen A. hoch kriegen; immer darf ich die Sachen für dich erledigen …“ Das, was wie „pushen“ aussieht, ist in Wahrheit aus dem Ärger, aus der Wut geboren!

Und das spürt der Andere ganz genau! Und sitzt es aus. Lethargische Menschen sind Meister im Aussitzen. Um sie zu erreichen und ihnen vielleicht zu helfen, sich selbst zu erreichen, ist es nötig, diese Gefühle der Wut bei sich selber zu spüren und durch zu arbeiten. Erst dann habe ich eine Chance, den Anderen zu erreichen. (Dies gilt im übrigen für jedes ernsthafte Gespräch. Solange ich nur sauer auf den Anderen bin, ist alles, was ich erreiche, dass dieser sich schützt. Und Sich-Schützen ist die Gegenbewegung zu Sich-Öffnen.)

Es geht um liebevolles Verstehen. Was steckt denn hinter der Lethargie?

Der lethargische Mensch hat „sich selbst vergessen“! Daraus folgt seine „Untätigkeit“. Ein typischer Traum eines solchen Menschen ist, dass er sein Auto nicht mehr findet, oder den Schlüssel zu seiner Wohnung nicht mehr findet oder sich in einer fremden Stadt verlaufen hat und nichts bei sich hat: kein Geld, keinen Ausweis … In wieder anderen Träumen wird er ausgeraubt und kann nichts dagegen tun.

Dieses „Vergessen“ schlägt sich nicht nur in der Traumwelt, sondern auch in der äußeren Welt nieder: Schon als Schüler tat er sich schwer, die richtigen Hefte und Bücher mit zu bringen. Zu lernen um gut zu sein oder etwas zu wissen, ist kein erstrebenswertes Ziel. Eher schon, nicht zu funktionieren, sich durch zu mogeln.

Als Erwachsener ist er viel mit Suchen von Dingen beschäftigt, die er vorher „gedankenlos“ verlegt hat: Insbesondere Brillen oder auch Schlüssel eignen sich hierfür bestens. Oder er „vergisst“ einen vereinbarten Termin. Die vermeintliche Rettung lautet dann: Ich muss mir alles aufschreiben. Der Sog des Vergessens kann jedoch bewirken, dass er vergisst, da nachzuschauen, wo er den Termin aufgeschrieben hat. In der Tiefe sind diese Menschen „nicht ganz da“ – sie lieben es, vor sich hin zu träumen. Der Computer, Marihuana oder Alkohol sind beliebte Hilfsmittel, dieses Träumen zu unterstützen.

Die Realität erscheint unwirtlich und hart. Als Kinder haben sie erlebt, dass es wenig um sie ging. Es sind die Kinder, die verinnerlicht haben: „So, wie ich behandelt werde, scheine ich für meine Eltern nicht sehr wichtig zu sein. Sie scheinen keinen Wert darauf zu legen, dass ich etwas kann. Sie scheinen auch nicht stolz auf mich zu sein. Leistung ist nicht so wichtig. So tun sich diese Menschen in unserer Leistungsgesellschaft schwer; man wird sie kaum in Positionen finden, zu denen hin man sich „durcharbeiten“ musste. Oft sind sie als Kinder auch sehr verwöhnt worden: die „harten“ Alltagsarbeiten, wie Zimmer selber aufräumen oder gar selber zu putzen wurden ihnen „erspart“…

Und da wir Menschen unsere Grundüberzeugungen, mit denen wir durchs Leben gehen, unbewusst und selbstverständlich auch auf unsere Mitmenschen anwenden, kommt es vor, sich im Zusammensein mit solchen Menschen auch vergessen und/oder unwichtig zu fühlen. Es ist unwahrscheinlich, eine schnelle Antwort auf eine Nachricht zu bekommen. „Ich bin eh nicht wichtig“ heißt auch: „Ich glaube nicht, dass ich für dich wichtig bin, dass du dich wirklich für meine Meinung, meine Rückmeldung interessierst.“ Im Grunde seiner Seele zweifelt der Lethargische daran, ob es ihn wirklich gibt. Und Menschen, die mit ihm zu tun haben, erleben oft genau dasselbe: Gibt es mich eigentlich für ihn?

Liebe Gemeinde,

ich könnte mir gut vorstellen, dass Ihnen beim Zuhören etliche Menschen eingefallen sind, auf die der eine und/oder andere Gedanke dessen, was ich gesagt habe, zutrifft.

Mir ging es beim Schreiben genau so.

Schwieriger ist es, dies alles auf „mich“ – also auf sich selbst anzuwenden.

An welchen Stellen bin ich, sind Sie „im Vergessen untätig“?

Dazu müssen wir uns noch einmal dem „Vergessen“ zuwenden.

Es gibt nämlich zwei Arten von „Vergessen“: Eine kerngesunde und eine ungesunde.

Die kerngesunde Art des Vergessens ist die Fähigkeit des Loslassens. Dass mich etwas, was ich erlebt habe, nicht weiter quält. Was bin ich froh und dankbar, nicht alles, was ich in meinem Leben gedacht, gesagt und getan habe, erinnern zu müssen. Das ist die Wahrheit von: „Glücklich ist, wer vergisst!“

Die ungesunde Art des Vergessens ist ein: „so tun, als ob nichts ist.“ Diese Art des Vergessens hat viel mit Ignoranz zu tun. Sie dient der Abwehr von extrem unangenehmen und belastenden Gefühlen, die sich mit einem ganzheitlichen Blick auf das, was ist bzw. gewesen ist, einstellen würden. Psychologen nennen dieses „Vergessen“ bzw. „Ignorieren“ Verdrängung, auch Verleugnung. Es ist ein wesentlicher Schutz der menschlichen Seele bei Verletzungen. Nun lassen sich Verletzungen aber nicht „vollständig“ verdrängen. Was bleibt sind „Nebenwirkungen“ wie Schlafstörungen, chronische Erschöpfung, Gereiztheit, zu hoher Blutdruck, Infektanfälligkeit, häufige Niedergeschlagenheit usw.. Auch der Ausbruch von schweren Erkrankungen wie Krebs oder Herzinfarkt kann mit schweren unverarbeiteten seelischen Verletzungen einher gehen. Bei diesen Traumata ist die Seele mit ihren Möglichkeiten des Verarbeitens am Ende: Sie benötigt externe professionelle Hilfe.

Wobei es ein verbreitetes Missverständnis ist, Psychotherapie, gerade auch psychoanalytische Therapie, kreise um die Vergangenheit, „stochere“ nach Erlebnissen in der Kindheit. Vor kurzem sagte mir ein Patient: Ich weiß schon so ungefähr, warum ich so bin, wie ich bin. Ich möchte heute etwas ändern.

Das ist völlig richtig. Das „Stochern“ in der Vergangenheit „bringt“ nichts, oder, schlimmer noch: Es bringt die Gefühle eines Opfers. „Was wurde mir nicht alles angetan!“ Dies führt zu Selbst-Mitleid und zur Spaltung des Denkens und Erlebens in Täter und Opfer.

Die entscheidende Frage ist nicht die Warum-Frage.

Die entscheidende Frage ist die Wie-Frage: Wie wirken sich seelische Verletzungen, die ich erlitten habe und die mir so nicht mehr bewusst sind, auf meine Gegenwart aus. Es geht also darum, Verbindungen aus der Vergangenheit mir der Gegenwart herzustellen. Mit dem Ziel: Dann vergessen zu können. Denn alles, was ich wirklich „durchgearbeitet“ habe, kann ich am Ende loslassen. Es ist das emotional nicht Erinnerbare, das uns in der Gegenwart quält.

Und ein Letztes: Ein Lob der Faulheit!

In unserer Leistungsgesellschaft ist schnell von Faulheit die Rede, wo es um Werte geht, die scheinbar nichts mit Leistung zu tun haben: Langsamkeit, Achtsamkeit, Behutsamkeit. Oder wie Argos: „Warten-Können“. Diese Werte haben allesamt mit Nicht-Tun zu tun. Von daher ist die zur Eindämmung des Corona-Virus aufgezwungene Quarantäne unser Guru. Endlich haben wir das, was in unserer Leistungsgesellschaft so sehr fehlt: Zeit!

Und diese Zeit ist keine Tun-Zeit – es ist eine Sein-Zeit. Es ist die Gelegenheit, sich selbst neu kennen zu lernen: im Da-Sein. Die sich dabei möglicherweise einstellenden Gefühl von Öde, Langeweile, vielleicht sogar Sinnlosigkeit sind auszuhalten. Sie sind die Quelle für echte Kreativität!

Dass uns dies alles in der Passionszeit jetzt trifft, könnte (uns) Christen fast heiter stimmen. Der Umgang mit dem Corona-Virus ermöglicht nämlich eine echte Passionszeit – die noch einmal ganz andere Gefühle hochholt, als das Bekannte: Ich verzichte mal sechs Wochen auf Alkohol, Nikotin … Das ist „Passionszeit light“.

Gerade aber ist es ernst geworden. Wir haben neu zu lernen, dass die berühmte „Selbstbestimmung“ und „Selbstverwirklichung“ nicht der einzige und auch nicht der höchste Wert eines guten Miteinanders sein kann. Und es besteht die Hoffnung, dass ein „weiter so“ nicht mehr möglich ist. (Wobei die aktuellen Bilder aus China mit dem Triumph, „wir haben das Virus besiegt“, diese Hoffnung sogleich wieder dämpfen.)

Lass die Toten die Toten begraben; du aber geh hin und verkündige das Reich Gottes!“ Das ist einer der zentralen Sätze unseres heutigen Evangeliums. Das Reich Gottes ist kein jenseitiges: Es ist überall da, wo die Verbindungen geordnet sind: zunächst einmal innerhalb meiner und dann zu meinen Mitmenschen. Wesentliches Kennzeichen dieses Reiches ist ein Grundgefühl der Heiterkeit. Diese erwächst aus einer Grundsicherheit des Gehalten-und Geliebt-Seins. Je tiefer ich dies in mir finde und trage, desto leichter werde ich es auch ausstrahlen. Natürlich gehört dazu auch die Bereitschaft, Verantwortung zu tragen: für das eigene Leben und das Leben der Gemeinschaft. Ein Ausdruck dieser Verantwortung sind die derzeitigen erheblichen Einschränkungen des sozialen Lebens.

Mag sein, dass Menschen all dies können und überzeugt nicht an Gott glauben. Ich kann es so nicht. Mir hilft mein Glaube an, mein Vertrauen auf eine Kraft oder Energie, die „meine Abwehr stärkt“. Die mit den „Eindringlingen“, genannt Viren, schon fertig werden möge. Und wenn nicht: Dann ist es das, was es ist.

In Gottes Namen, Amen.

Predigt über Genesis 3, 1-24 am Sonntag Invocavit 2020

Sonntag, 1. März 2020

Liebe Gemeinde,

er ruft mich und ich antworte ihm“ – dieser Satz aus Psalm 91, 15 hat unserem heutigen Sonntag, dem ersten Sonntag in der Passionszeit seinen Namen gegeben: Sonntag „Invocavit“.

Er ruft mich, und ich antworte ihm!“ dies ist Gottes einfache Antwort auf den Ruf des Psalmsängers: „Meine Zuversicht und meine Burg, mein Gott, auf den ich vertraue!“

In dem heutigen Evangelium hörten wir von einem anderen „Rufer“, von einem verführerischen Ruf: „Wenn du Gottes Sohn bist, ….“ hatte er zweimal gesagt – dann kannst du aus Steinen Brot machen, kannst dich einfach in die Tiefe stürzen – wenn du Gottes Sohn bist, dann bist du doch allmächtig, dann kann dir doch nichts passieren. Und Jesu Antwort entspricht dem Ruf des Psalmsängers: „Meine Zuversicht und meine Burg, mein Gott, auf den ich traue!“ Die innige, vertrauensvolle Beziehung zu Gott schützt am Wirksamsten vor der Versuchung, sich selbst für allmächtig zu halten: „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von einem jeden Wort, das aus dem Mund Gottes geht“ – „Du sollst den Herrn, deinen Gott, nicht versuchen“ -. In der dritten Versuchung outet sich der Satan – jetzt wird deutlich, worum es wirklich geht: „Alle diese Reiche will ich dir geben, wenn du vor mir niederfällst und mich anbetest!“ Und Jesu Antwort – wiederum sehr schlicht aus seinem Gottvertrauen heraus: „Du sollst anbeten den Herrn, deinen Gott, und ihm allein dienen.“

Wer sich für sich selber, für seinen Lebensweg und für sein Geworden-Sein interessiert, für den ist es wichtig unterscheiden zu lernen zwischen dem Ruf der Ver-Führung und der Führung hin zu Gott. In der Verführung wird Gott ignoriert und es geht um das eigene Können, die eigene (All-)Macht. Der Verführer rät dazu, sich selbst, den eigenen Standpunkt „absolut“ zu setzen. „Absolut“ heißt wörtlich: Losgelöst von allem Anderen, losgelöst von der Gemeinschaft, losgelöst von dem Eingebunden-Sein in die Schöpfung. Nicht Gott als Inbegriff des Anders-Seins, des Fremden, des Unverfügbaren ist das Zentrum, sondern das eigene Ego. Egozentrisch heißt: Mein Ego ist zum Fixstern geworden – um ihn kreist mein Denken und Handeln. (Wer danach strebt, möglichst mächtig, erfolgreich, berühmt und reich zu sein, dem werden meine heutigen Predigt-Gedanken nicht interessieren.)

Unser heutiger Predigttext gibt eine mythologische Antwort auf die Frage nach der Entstehung des Menschen als desjenigen Lebewesens, das um sich selbst weiß, das sich seiner selbst bewusst ist. Sie alle kennen die berühmte Geschichte von der „Vertreibung Adams und Evas aus dem Paradies“ (Genesis 3)

Als „der Sündenfall“ ist sie lapidar überschrieben, und ich vermute, genau so haben wir sie im Religionsunterricht kennen gelernt, so wurde und wird sie gepredigt, so hat sie sich in zahllosen Kirchenliedern niedergeschlagen: Sie handelt von dem Ungehorsam Adams und Evas und von einem zornigen, fluchenden und verfluchenden Gott. Seinem „Fluch“ entspricht die „ungeheuerlich große Sünde“ auf unserer, auf menschlicher Seite, die nur von Gott selbst wieder gut gemacht werden kann. „Wir (Menschen) haben nichts als Zorn verdient …“ – das ist die Botschaft vieler Passionslieder.

Diese moralische Deutung der Geschichte vom sogenannten „Sündenfall“ hat viel Unheil und viel Elend angerichtet. Hinzu kommt die Engführung mit Sexualität, was dazu geführt hat, lebendige, liebevolle Sexualität zu „verteufeln“. Wer den Film „Das weiße Band“ gesehen hat, weiß, was ich meine. Er zeigt die Auswüchse dieses Denkens innerhalb eines protestantischen Pfarrhauses kurz vor Ausbruch des I. Weltkrieges.

Ich schlage einen nicht-moralischen Zugang zu dieser Geschichte vor: Dann handelt sie davon, wie der Mensch die selbstverständliche Gemeinschaft mit der Schöpfung verloren hat und zu dem geworden ist, was er bis heute ist:

Ein Tier, das „ich“ sagen kann!

Und damit ist das „Paradies unbeschwert-selbstverständlichen Lebens“ verlassen. Es ist keine Strafe für ein Vergehen, sondern Folge einer natürlichen Entwicklung. Der Kabbalist Friedrich Weinreb bezeichnet den „Baum der Erkenntnis“ als den Baum der Zweiheit: Von ihm essen, das heißt seine Frucht „verinnerlichen“, führt notwendig in die Zweiheit, in das „Entweder-Oder-Denken“. Indem ich mir meiner Selbst gewahr werde, werde ich meiner Getrenntheit von allem Anderen gewahr. Im Entstehen des Ich entsteht das Du. Und dies ist nicht verbunden mit einem Glücksgefühl, sondern mit einem Gefühl der Scham: „Da wurden ihnen beiden die Augen aufgetan und sie wurden gewahr, dass sie nackt waren, und flochten Feigenblätter zusammen und machten sich Schurze.“ (Vers 7) Und als Gott am Abend die berühmte Frage stellt:

Adam, wo bist du?“ bekommt er als Antwort:

Ich hörte dich im Garten und fürchtete mich; denn ich bin nackt, darum versteckte ich mich.“

Sie wurden gewahr, dass sie nackt waren“ – dies ist der Beginn des langen Weges der Selbst-Erkenntnis. Ein Weg, auf dem es kein direktes Zurück mehr gibt. Der Zugang zum Paradies ist für immer verschlossen; er wird bewacht von den Cherubim mit einem „flammenden, blitzenden Schwert.“

Und am Beginn des Weges steht die Scham und die Furcht. Ich glaube im übrigen, dass Angst, Scham und Schuldgefühle die größten Stolpersteine auf dem Weg der Selbst-Erkenntnis sind. Die Macht des Verführers gründet genau hier: Er sagt, wenn du dich an das hältst, was ich dir sage, dann bist du nie mehr ohnmächtig, musst dich nie mehr schämen. Im Gegenteil, du wirst dafür geliebt, dass du Steine in Brot verwandeln kannst, du wirst dafür bewundert, welchen Mut du hast, was du dich alles traust, und du wirst über einen unermesslichen Reichtum verfügen.

Wer so antworten kann, wie Jesus, der benötigt ein tiefes Vertrauen in die Gegenwart Gottes. Dieses Vertrauen gründet darauf, dass Gott mit geht. Dass er mich nicht alleine, nicht im Stich lässt. Das ganze Alte Testament ist voll von Geschichten, wie Gott in und mit der Geschichte seines Volkes in das Geschehen dieser Welt hinein kommt. In allem Leiden, in aller Zerstörung und doch in unzerstörbarer Hoffnung. Für uns Christen geht eben dieser Gott des Alten Testamentes noch einmal in ganz besonderer Weise diesen unseren Weg in Jesus aus Nazareth mit, an dessen vorläufigem Ende das Scheitern, die sogenannte „Torheit“ und Ohnmacht des Kreuzes steht. Und auch dies hat Jesus nicht in seinem Vertrauen zu Gott beirrt. So wurde er für uns der Christus, der „Gesalbte“ Gottes. In ihm vollzieht sich die Verwandlung des „Alten Adams“ und so die Rückkehr zu Gott. In ihm verwandelt sich das Kreuz des Geächtet-, des Ausgeschlossen-Worden-Seins zum Baum des Lebens, des neuen Lebens in Gott. Dieses „Neue Leben“ ist ein „Leben von der Auferstehung her“, wie Dietrich Bonhoeffer sagt. In ihm hat sich die Zweiheit verwandelt: Sie ist nicht länger hermetisch abgeriegelt, vielmehr konnte sie sich öffnen hin zur Drei. Es ist der Dritte, der Heilige Geist, der die Ohnmacht des Vaters im Angesicht des toten Sohnes in Lebendigkeit verwandelt. In vielen künstlerischen Darstellungen wird der Heilige Geist im übrigen als Frau dargestellt. Es ist die Kraft der Weiblichkeit Gottes, die Kraft des Aushaltens und Empfangens, die „neues Leben“, neue Lebendigkeit mit sich bringt. Die Personifizierung dieser Kraft geschieht in Maria. So passt es gut, dass dieser Gottesdienst von Stücken aus Monteverdis Marienvesper umrahmt wird.

Die Kabbala lehrt, dass der direkte Rückweg in das Paradies von Gott verhindert wurde, damit der Mensch nicht auch noch vom Baum des Lebens esse. Vers 24: „Und er trieb den Menschen hinaus und ließ lagern vor dem Garten Eden die Cherubim mit dem flammenden, blitzenden Schwert, zu bewachen den Weg zu dem Baum des Lebens.“

Der neue und einzige Weg hin zum Baum des Lebens führt aus der Engführung der Zwei heraus – hinein in die Lebendigkeit des „Zu-Dritt-Seins“. Hier ist keiner mehr ausgeschlossen, weil die Verbindungen der „Drei“ von Liebe durchdrungen sind. Im Grunde genommen lebt die Verführungskunst des Verführers davon, den abwesenden Dritten schlecht zu reden, um ihn auszuschließen, zu exkommunizieren. Wir sind umso weniger verführbar, je sicherer die Beziehung mit und zu dem, der gerade nicht da ist, in uns verankert ist. Die Verführung greift nämlich nur in der Abwesenheit des Dritten – niemals in seiner Anwesenheit. Das gilt für Adam und Eva im Paradies, das gilt für das Machen das Goldenen Kalbes, das gilt für die Versuchung Jesu in der Wüste. „Es merkt doch keiner“, oder: „was ist denn dabei“, oder „das muss er oder sie doch nicht erfahren“ – dies sind die Einfallstore für die List des Verführers.

Gebe Gott, dass wir seine starke und liebevolle Begleitung in unserem Leben spüren, so dass wir selbst stark und liebevoll werden und die listigen Einflüsterungen der vielen Verführerinnen und Verführer heiter erkennen, sie benennen und damit entmachten AMEN.

3, 1 Und die Schlange war listiger als alle Tiere auf dem Felde, die Gott der Herr gemacht hatte, und sprach zu der Frau: Ja, sollte Gott gesagt haben: Ihr sollt nicht essen von allen Bäumen im Garten?

2 Da sprach die Frau zu der Schlange: Wir essen von den Früchten der Bäume im Garten;

3 aber von den Früchten des Baumes mitten im Garten hat Gott gesagt: Esset nicht davon, rühret sie auch nicht an, dass ihr nicht sterbet!

4 Da sprach die Schlange zur Frau: Ihr werdet keineswegs des Todes sterben,

5 sondern Gott weiß: an dem Tage, da ihr davon esst, werden eure Augen aufgetan, und ihr werdet sein wie Gott und wissen, was gut und böse ist.

6 Und die Frau sah, dass von dem Baum gut zu essen wäre und dass er eine Lust für die Augen wäre und verlockend, weil er klug machte. Und sie nahm von seiner Frucht und aß und gab ihrem Mann, der bei ihr war, auch davon und er aß.

7 Da wurden ihnen beiden die Augen aufgetan und sie wurden gewahr, dass sie nackt waren, und flochten Feigenblätter zusammen und machten sich Schurze.

8 Und sie hörten Gott den Herrn, wie er im Garten ging, als der Tag kühl geworden war. Und Adam versteckte sich mit seiner Frau vor dem Angesicht Gottes des Herrn zwischen den Bäumen im Garten.

9 Und Gott der Herr rief Adam und sprach zu ihm: Wo bist du?

10 Und er sprach: Ich hörte dich im Garten und fürchtete mich; denn ich bin nackt, darum versteckte ich mich.

11 Und er sprach: Wer hat dir gesagt, dass du nackt bist? Hast du gegessen von dem Baum, von dem ich dir gebot, du solltest nicht davon essen?

12 Da sprach Adam: Die Frau, die du mir zugesellt hast, gab mir von dem Baum und ich aß.

13 Da sprach Gott der Herr zur Frau: Warum hast du das getan? Die Frau sprach: Die Schlange betrog mich, sodass ich aß.

14 Da sprach Gott der Herr zu der Schlange: Weil du das getan hast, seist du verflucht vor allem Vieh und allen Tieren auf dem Felde. Auf deinem Bauche sollst du kriechen und Staub fressen dein Leben lang.

15 Und ich will Feindschaft setzen zwischen dir und der Frau und zwischen deinem Samen und ihrem Samen; er wird dir den Kopf zertreten, und du wirst ihn in die Ferse stechen.

16 Und zur Frau sprach er: Ich will dir viel Mühsal schaffen, wenn du schwanger wirst; unter Mühen sollst du Kinder gebären. Und dein Verlangen soll nach deinem Mann sein, aber er soll dein Herr sein.

17 Und zum Mann sprach er: Weil du gehorcht hast der Stimme deiner Frau und gegessen von dem Baum, von dem ich dir gebot und sprach: Du sollst nicht davon essen –, verflucht sei der Acker um deinetwillen! Mit Mühsal sollst du dich von ihm nähren dein Leben lang.

18 Dornen und Disteln soll er dir tragen, und du sollst das Kraut auf dem Felde essen.

19 Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen, bis du wieder zu Erde wirst, davon du genommen bist. Denn Staub bist du und zum Staub kehrst du zurück.„20 Und Adam nannte seine Frau Eva; denn sie wurde die Mutter aller, die da leben.

21 Und Gott der Herr machte Adam und seiner Frau Röcke von Fellen und zog sie ihnen an.

22 Und Gott der Herr sprach: Siehe, der Mensch ist geworden wie unsereiner und weiß, was gut und böse ist. Nun aber, dass er nur nicht ausstrecke seine Hand und nehme auch von dem Baum des Lebens und esse und lebe ewiglich!

23 Da wies ihn Gott der Herr aus dem Garten Eden, dass er die Erde bebaute, von der er genommen war.

24 Und er trieb den Menschen hinaus und ließ lagern vor dem Garten Eden die Cherubim mit dem flammenden, blitzenden Schwert, zu bewachen den Weg zu dem Baum des Lebens.