Archiv der ‘Predigten’

Predigt über Jesaja 29, 17 – 24 am 12. Sonntag nach Trinitatis 2017

Montag, 4. September 2017

Liebe Gemeinde,

der Abschnitt unseres heutigen Predigttextes, einem Wort aus dem AT, ist in der neuen Lutherbibel überschrieben mit: „Die große Wandlung“.

Die Wortfamilie von „Wandlung“ ist “winden“. Eine Wand war ursprünglich etwas „Gewundenes“ etwas „Geflochtenes“. „Wandeln“ bedeutet ursprünglich, etwas immer wieder hin und her wenden. Wie ein guter Brotteig immer wieder hin und her geknetet werden muss. S. Freud nennt das „Durcharbeiten“. Wandlung setzt also die Fähigkeit voraus, sich geduldig auf einen Prozess einzulassen, in dem etwas immer wieder hin und her bewegt wird. Bis es schließlich „so weit ist“. „So weit“ heißt im Bild des Brotteiges: dass der Teig nunmehr in den Backofen kommt – „so weit“ heißt im übertragenen Sinne, dass eine wohl-überdachte Handlung ausgeführt wird.

Wandlung vollzieht sich in einem eigenen Rhythmus – der viel langsamer ist, als unser Zeitgeist das wahrhaben will. Das Gegenteil zu Wandlung ist ein schneller Reflex. Eine nervlich bedingte Muskelzuckung. Oder auch Entladung. „Das musste jetzt raus“, heißt es dann. Was „raus muss“ ist meist eine Art „Blähung“ – die nichts mit einem ruhigen, besonnenen Gedanken zu tun hat. Durch die neuen Medien finden derartige Blähungen massenhaft Verbreitung und verpesten die Umwelt.

Was ist nun die große Ver-Wandlung, von der der Prophet Jesaja vor über 2500 Jahren spricht?

17 Wohlan, es ist noch eine kleine Weile, so soll der Libanon fruchtbares Land werden, und was jetzt fruchtbares Land ist, soll wie ein Wald (Garten) werden.

18 Zu der Zeit werden die Tauben hören die Worte des Buches, und die Augen der Blinden werden aus Dunkel und Finsternis sehen;

19 und die Elenden (Demütigen) werden wieder Freude haben am HERRN, und die Ärmsten (Dürftigen) unter den Menschen werden fröhlich sein in dem Heiligen Israels.

20 Denn es wird ein Ende haben mit den Tyrannen (Wüterich) und mit den Spöttern aus sein, und es werden vertilgt werden alle, die darauf aus sind, Unheil anzurichten,

21 welche die Leute schuldig sprechen vor Gericht und stellen dem nach, der sie zurechtweist im Tor, und beugen durch Lügen das Recht des Unschuldigen.

22 Darum spricht der HERR, der Abraham erlöst hat, zum Hause Jakob: Jakob soll nicht mehr beschämt (schambleich) dastehen, und sein Antlitz soll nicht mehr erblassen.

23 Denn wenn sie sehen werden die Werke meiner Hände – seine Kinder – in ihrer Mitte, werden sie meinen Namen heiligen; sie werden den Heiligen Jakobs heiligen und den Gott Israels fürchten.

24 Und die, welche irren in ihrem Geist, werden Verstand annehmen, und die, welche murren, werden sich belehren lassen. („Die Geistestaumeligen werden den Sinn erkennen und die Hetzer Vernunft erlernen.“) Kursiv: Übersetzung von Martin Buber

Liebe Gemeinde,

träum‘ weiter!

Das war meine spontane erste Reaktion auf diesen Text.

In Träumen kann ich mir die Welt, mein Leben schön träumen. Es gibt Menschen, die verbringen viel Lebenszeit mit Tagträumen. Meistens kommen sie irgendwie groß raus in ihren Träumen, sind Rächer der Schwachen, ziehen die vermeintlich Bösen zur Rechenschaft. Oder finden einen Retter, der sie aus allem Ungemach erlöst.

Ich vermute, dass gerade in den Religionen viele solcher Tagträume untergebracht sind. Sie stabilisieren den eigenen Wert, geben dem Leben Sinn.

Die Frage ist nur: mit wieviel Bestand?

Für die Frage nach dem Bestand – nach dem was besteht auch und gerade in der Krise, im Zweifel – ist es hilfreich, Tagträume von echten, aus dem Unbewussten stammenden Nachtträumen zu unterscheiden. Tagträume eignen sich nicht für die Realität und ihre Bewältigung. Tagträume zerschellen an der Wirklichkeit wie eine Seifenblase, die unsanft auf dem Boden der Tatsachen landet. Tagträume sind dafür gemacht sich abzulenken. Eine Art Narkotikum. Tagträume eignen sich dazu, sich zu entziehen.

Echte Nachtträume hingegen haben den Charakter völliger Überraschung. War wirklich ich das, der das heute Nacht geträumt hat? Gute Träume sind nicht vorhersehbar. Sie sind verschlüsselt. Deshalb ist es naheliegend, sie als „Non-Sense“, als „sinnlose Entladungen des Gehirns“ einzuordnen.

Die moderne Wissenschaft hat es nämlich nicht gerne, wenn sie etwas nicht versteht.

Liebe Gemeinde,

man hat unseren heutigen Predigttext eine Vision genannt. Vision heißt, jemand sieht in eine Zukunft, die Wirklichkeit werden wird. Diese Zukunft kann angenehm sein, sie kann unangenehm sein. Entscheidend ist: der Visionär ist sich dessen, was er sieht, sicher.

Lassen Sie uns im Einzelnen anschauen, was Jesaja in seiner Vision sieht.

Das Besondere an dem Text Jesajas ist es, dass er Wandlungen beschreibt – ohne zu bewerten. Es gibt keine Strafe, es ist keine Rede vom „Zorn Gottes“, den die „Frevler“ zu spüren bekommen. Nein – die Gedanken Jesajas haben auch etwas sehr Schlichtes: sie beschreiben eine verwandelte Wirklichkeit.

Wohlan, es ist noch eine kleine Weile …“

Wörtlich heißt es: „Ist es nicht nur ein winziges Wenig…“ Also: es steht unmittelbar bevor. Und was?

Zunächst: die Verwandlung der Natur: man hatte den Karmel abgeholzt – und das Holz für den Schiffsbau verwandt, Umweltzerstörung nennen wir das heute –

noch eine kleine Weile, es wird wieder Wald sein, und wo jetzt Wald ist, wird Garten sein. Dies geschieht natürlich nicht von selbst, sondern durch Menschen, die eine neue Haltung zur Natur, zur Schöpfung gefunden haben werden. So ist es schlüssig, dass die nächste Wandlung, die genannt wird, eine Wandlung der Menschen ist:

Die Tauben werden die Worte (der Heiligen Schrift, also Gottes Wort) hören und aus Dunkel und Finsternis hervor werden die Augen der Blinden sehen.“

Wir haben vorhin im Evangelium die Heilung des Taubstummen gehört. Die große (Ver-)Wandlung, um die es geht, ist eine Heilung. Heilen heißt wörtlich: „ganz machen“. Un-heil ist Zerteiltes, Zersplittertes, Fragmentiertes. Wir Menschen, unsere Seele, trägt eine tiefe Sehnsucht nach Ganzheit. Ausdruck der letzten und tiefsten Ganzheit aber ist Gott selbst. So trägt unsere Seele eine tiefe Sehnsucht nach Gott: „ruhelos ist unser Herz, bis es Ruhe findet in dir …“ sagt der Heilige Augustinus in seinen Bekenntnissen.

Zu Ganz-sein oder „heil-sein“ gehört auch eine gute, eine gerechte Gesellschaftsordnung. In ihr haben die verbreiteten Mauscheleien, die Idealisierung von Steuerhinterziehung und Schwarzarbeit, überhaupt das Lügen und Betrügen keinen Platz. In ihr haben auch jene Tyrannen keinen Platz, denen es nicht um eine gute, soziale Gemeinschaft geht, sondern um die Ausbreitung ihrer Macht und ihres Einflusses. Damit verlieren die Spötter ihre Daseinsberechtigung. Die Armen bekommen wieder Freude am Leben: sie sind nicht länger am Rande der Gesellschaft. Und deren Geist verwirrt ist, die „taumeln im Geiste wie Betrunkene“, sie werden Sinn erkennen. Und die, die nur Propaganda machen, „die Hetzer“, sie werden zur Vernunft kommen.

Tja, liebe Gemeinde,

ist das wirklich eine Vision? Was würde Jesaja wohl dazu sagen, wenn er die Geschichte von uns Menschen kennen würde – diese 2500 Jahre nach seiner Vision? Dass er sich leider getäuscht hat, der Wunsch der Vater seiner Gedanken gewesen ist?

Was würde Jesaja zu unserer Wirklichkeit wohl sagen? Dazu, wie die Propagandisten und Populisten wieder Zulauf bekommen, wie die Welt voll Unrecht, Ungerechtigkeit und Lügen ist? Wie selbstverständlich uns der eigene Vorteil ist und damit verbunden das Tricksen und Schummeln? Dazu, wie wir die Natur ausbeuten und weiter das Billigfleisch beim Lidl kaufen? Oder die Kaffee-Tabs aus Aluminium?

Was würde Jesaja zu meinen eigenen Wandlungen und Verwandlungen sagen? Dazu dass mein Körper täglich älter wird, meine Haut faltig, meine Haare grau. Dass ich häufiger müde und erschöpft bin. (Ich vermute, jeder von uns kann mit dieser Aufzählung mühelos fortfahren.)

Nun – Jesaja würde vielleicht sagen: da hast du etwas Wichtiges missverstanden. Mir geht es nicht darum, eine heile Welt zu malen, um damit von dem Leid der Gegenwart abzulenken. Das wäre ein Tagtraum, ein Narkotikum. Dann hätte Karl Marx recht, wenn er sagt: Religion ist Opium für das Volk.

Nein – mir geht es um etwas anderes:

Mir geht es um die Möglichkeit, dass du dich und deine Haltung zur Welt ändern kannst. Ich möchte dir eine andere, verwandelte Blickrichtung aufzeigen. Eine Perspektive, die nicht vom Negativen ausgeht. Ich möchte dir eine Perspektive zeigen, von der ich meine, dass sie heilsam ist: für deinen Körper, für deine Seele und für deinen Geist. Weil sie auf das Ganze ausgerichtet ist – und nicht nur auf Teile.

Meine Perspektive heißt: schau dir an, was möglich ist. Schau dir an, was du alles verändern kannst. Zum Guten, zum Ganzheitlichen hin. Und dann – verwirkliche es! Und zwar heute!

Du kannst jede Minute umkehren.

Du kannst jede Minute dein Denken verwandeln.

Du kannst jede Minute deine Haltung zum Leben verwandeln.

Unter einer Bedingung: dass du genug unter deiner bisherigen Haltung unter deinem bisherigen Denken leidest. Dass du die Nase voll hast von deinen Tricksereien und deinen (Selbst)-Täuschungsmanövern. Dass du keine Lust mehr hast, dir selber dauernd etwas vorzugaukeln.

Ohne Sehnsucht nach Neuem, nach Verwandlung gibt es keine Veränderung.

Wenn du ein Schiff bauen willst, so trommle nicht Menschen zusammen, um Holz zu beschaffen, Werkzeuge vorzubereiten, Aufgaben zu vergeben und die Arbeit einzuteilen, sondern lehre die Menschen die Sehnsucht nach dem weiten, endlosen Meer.“ (Aus: Saint Exupéry „Die Stadt in der Wüste“).

Das gilt im übrigen auch für einen guten Kirchenvorstand, für einen guten Pfarrer: wenn du eine Gemeinde bauen willst, dann trommle nicht die Leute zusammen und verteile Aufgaben – sondern lehre sie die Sehnsucht nach der unendlichen Güte, Liebe und Barmherzigkeit Gottes.

Indem ich die Sehnsucht nach Gott lehre, geschieht eine allmähliche Verwandlung der Herzen.

Die heilsame Bewegung hin zu Ganzheit (zu Gott) ist eine integrative Bewegung. Sie schließt ein – und nicht aus. Und in dieser Bewegung kommt das Verschiedene auf einen guten Platz. Ein guter Platz ist ein solcher, an dem ich dem Anderen nichts wegnehme. Auch nicht dem Staat, der auch sein Teil – genannt Steuern – bekommt. Würde jeder auf seinem eigenen Platz sitzen und damit zufrieden sein, wäre die Verwirklichung der Vision Jesajas zum Greifen nahe.

Die Fähigkeit, wirklich meinen ganz eigenen, einmaligen Platz einzunehmen, bedeutet, dass ich alleine sein kann. Auf meinem Platz kann nur ich sitzen niemand sonst. Meinen Lebensrucksack kann nur ich tragen: niemand sonst.

In der Tiefe sind alle Konflikte, die wir mit unseren Mitmenschen haben, Trennungs-Konflikte. Unsere „Enttäuschungen“ über Andere sind nichts als ein Ausdruck davon, dass wir nicht ertragen können, dass und wie der Andere denkt und lebt. Da ist es gut, sich zu fragen: wofür verwende ich eigentlich gerade den Anderen? Bekämpfe ich gerade etwas in ihm, was eigentlich zu mir gehört? Was ich aber unter gar keinen Umständen bei mir entdecken möchte?

Liebe Gemeinde,

der Weg zu Ganzheit, zu Heilung führt immer tiefer hinein in das Annehmen dessen, was gerade ist. In sein Werden und sein Vergehen. Ohne wenn und aber.

Gebe Gott, dass wir diesen Weg alltäglich suchen, finden und zu gehen lernen – bis schließlich unser Herz zur Ruhe kommt im Frieden Gottes, der höher ist als unser Denken und Predigen, AMEN.

1. Sonntag nach Trinitatis 2017

Donnerstag, 29. Juni 2017

Predigt über Johannes 5,39-47 am 1. Sonntag nach Trinitatis 2017 in der Thomasgemeinde Grünwald

Die Dunkelheit des Vaters, das Licht des Sohnes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit und allen, AMEN.

Liebe Gemeinde,

„5, 39 Ihr sucht in den Schriften, denn ihr meint, ihr habt das ewige Leben darin; und sie sind’s, die von mir zeugen; 5,40 aber ihr wollt nicht zu mir kommen, dass ihr das Leben hättet.“

Mit diesem Satz aus dem Munde des johanneischen Christus beginnt unser Predigttext für den heutigen 1. Sonntag nach Trinitatis.

Vielleicht hat Goethe an diesen Satz gedacht, als er seinen Faust in der Studierstube sagen lässt:

Habe nun, ach! Philosophie,

Juristerei und Medizin,

und leider auch Theologie!

Durchaus studiert, mit heißem Bemühn.

Da steh ich nun ich armer Tor!

Und bin so klug als wie zuvor. …“

Ich fühle mich in diesem Satz sehr persönlich angesprochen. Immer wieder dachte ich, irgendwo muss es doch stehen: es, das mich erlöst, das mich rettet, das mich erleuchtet, das mir Klarheit verschafft.

Ich bekenne: ich bin ein leidenschaftlicher Sucher (gewesen?)

Und ich habe viel gefunden auf meiner Suche: viele kluge Gedanken, die mein Denken geprägt haben und Einfluss auf mein Leben genommen haben. Sie haben mich geweitet und geöffnet. Es gibt so viel Spannendes zu entdecken auf dieser Welt.

Und doch gibt es in alle dem etwas, das mich nicht satt gemacht hat. Und das hat mit diesem merkwürdigen Satz zu tun, den der johanneische Christus sagt:

… ihr wollt nicht zu mir kommen, (auf) dass ihr das Leben hättet.“

Das heißt doch wohl: es gibt etwas, das lässt sich in keinem Buch, in keiner Schrift finden.Und dieses „Etwas“ scheint mit Leben zu tun zu haben. Wobei die feine Unterscheidung zu beachten ist: zwischen „ewigem Leben“ und „Leben“. Christus bietet „Leben“ an. Ob ewig oder nicht – scheint nicht so wichtig zu sein.

Leben.

Leben, das etwas damit zu tun hat, „zu mir zu kommen.“ Das ist etwas Anderes, als sich etwas zu erlesen. Es geht um Erleben. Solange ich suche, bin ich nicht in der Gegenwart. Bin ich nicht (ganz) da. Und es ist kein Zufall, dass „Suche“ mit „Sucht“ zu tun hat. Die Bedeutung aller Sucht hat damit zu tun, mich aus meinem Da-Sein heraus zu katapultieren. In ein trügerisch „besseres“ Da-Sein. Ein Da-Sein, das näher an meinen Wünschen, Erwartungen, Sehnsüchten ist. Sehn-Süchte: schon wieder haben wir die Suche und die Sucht: Sehnsucht könnte nach „Sehens-Sucht“ klingen, ein Streben danach: „gesehen“, wahrgenommen zu werden. Anderherum: solange ich suche, bin ich nicht einverstanden mit meinem Jetz-ist-es-so-und-nicht-anders!

Und was hält mich davon ab, die Suche zu beenden, sie sein zu lassen?

Da gibt es zum einen das Gefühl: mir ist etwas vor enthalten worden. Ich habe etwas nicht bekommen, was mir zugestanden wäre. Worauf ich ein Recht gehabt hätte.

Die Suche ist also auf Wiedergutmachung gerichtet.

Je drängender dieses Gefühl ist, je mehr es mich und mein ganzes Leben versklavt, desto ausgeschlossener ist es, finden zu dürfen.

Oder wo anzukommen.

Da-Sein.

Je tiefer in mich eingebrannt ein Gefühl ist wie: „das hätte niemals passieren dürfen“ – desto geringer sind meine Chancen auf Zufriedenheit.

Und desto sicherer werde ich nicht loslassen von meiner Suche.

Hinzu kommt, dass ich – solange ich Suchender bin – wenigstens irgendwas in der Hand habe.

Ich bestimme, wo ich suche und wo nicht.

Und das gibt mir Sicherheit. Ein Gefühl von etwas kontrollieren können.

Natürlich hätte ich gerne das Leben: aber so wie ich es mir vorstelle.

Wenn ich zu dir, Christus, komme, liefere ich mich aus.

Weiß ich nicht, was da auf mich zukommt.

Das ist ein extrem unangenehmes Gefühl.

Alles aus der Hand geben … Mit leeren Händen stehe ich vor dir …

5,41 Ich nehme nicht Ehre von Menschen; 5,42 aber ich kenne euch, daß ihr nicht Gottes Liebe in euch habt.“

Jetzt wird es richtig hart: wir sind wahrgenommen, „ich kenne euch!“ Wir sind erkannt, durchschaut: „ihr habt nicht Gottes Liebe in euch!“ Gottes Liebe (Genitiv: die Liebe Gottes – aber auch: die Liebe zu Gott) scheint irgendwie im Gegensatz zu der Ehre von Menschen zu stehen. Ich muss aber doch was spüren. Ich brauche Lob. Die Psychologen sind sich darin einig, wie dringend wir Menschen Lob benötigen. Es gibt uns Kraft und Anerkennung.

Gott spüre ich nicht! Wo – bitte – bekomme ich Lob von Gott?

Das Zu-Christus-Kommen bedeutet, auf die Ehre von Menschen zu verzichten. Jedenfalls steht sie nicht mehr im Mittelpunkt. Erst in und mit diesem Verzicht kann die Liebe Gottes in mich hinein kommen, kann sie aufgehen, aufblühen, wachsen und sich entwickeln. Leider ist es aber nicht so, dass die Liebe Gottes einfach da wäre! Wie in einem wundersamen Tausch: ich gebe mein Streben nach Ehre auf – und bekomme Gottes Liebe geschenkt.

Wer dies verheißt ist ein Trickbetrüger.

Ein Scharlatan.

Es ist genau anders: indem mein Ich auf diese Ehre verzichtet, breitet sich ein äußerst unangenehmes Gefühl in mir aus. Es ist so, als würde ich in einen Abgrund fallen. Oder auch als würde das, wovon ich lebe, mir genommen werden. Die Grundlage, der Boden meines Lebens.

Ich muss anerkennen: ich verwende die Ehre von Menschen dafür, dieses innere Loch zu stopfen, diese innere Leere aufzufüllen. Ich muss anerkennen: ich vertraue der Liebe Gottes nicht!

5,43 Ich bin gekommen in meines Vaters Namen, und ihr nehmt mich nicht an. Wenn ein anderer kommen wird in seinem eigenen Namen, den werdet ihr annehmen.

Stimmt. Das sind die großen Verführer der Geschichte. Ich möchte ihre Namen nicht nennen, sie haben hier nichts verloren. Alle Verführer leben davon, sich selbst an die Stelle Gottes zu setzen. Sie setzen ihr „einfaches“ Denken von gut und böse absolut. An anderer Stelle spricht der Christus des Johannesevangeliums vom „Fürsten dieser Welt“ (Joh 15, 11). Der „Fürst dieser Welt“ kann nur bis zwei zählen – in seinem Denken und Erleben ist das Dritte nicht integrierbar. Der Fürst dieser Welt denkt in „Ich zuerst“ und „nach mir die Sintflut!“ Immer wenn es „rein“ wird: die „reine“ Lehre, der „reine“ Glaube, die „einzig richtige Interpretation …“ – dann ist der Fürst dieser Welt aktiv. Der Fürst dieser Welt baut Mauern gegen das Fremde, fühlt sich parasitär ausgebeutet, erlebt und denkt in Macht und Ohnmacht. In diesem Denken ist der Dritte der Feind: ihm wird der Krieg erklärt. Und so bleibt dieses Denken in Zweiheit erstarrt. Was das schöne deutsche Wort: Ver-Zwei-flung wunderbar wiedergibt. Die Kehrseite der Verzweiflung ist der Triumph. Der Fürst dieser Welt ist „great“ und macht alle, die an ihn glauben „great“!

Die große Frage ist: woran glaube ich. „Woran du dein Herz hängst, das ist dein Gott“, sagt M. Luther.

Der johanneische Christus fährt fort: „5,44 Wie könnt ihr glauben, die ihr Ehre voneinander annehmt, und die Ehre, die von dem alleinigen Gott ist, sucht ihr nicht?“

Ja, möchte ich antworten, die „Ehre, die von dem alleinigen Gott ist“, die zählt in dieser Welt so wenig. Die kann ich mit meinen Sinnen nicht erfassen, mit meinen Gedanken nicht denken. Aber unsere Statussymbole, die kann ich erkennen, mit ihnen kann ich mich schmücken, nach ihnen kann ich mich verzehren.

Was ist das überhaupt: die „Ehre, die von dem alleinigen Gott ist“?

Die „Ehre Gottes“ (hebräisch kawod – griechisch doxa) ist das Leben in Gott hinein und aus Gott heraus. Es ist das, was uns umhüllt, was uns die Luft zum Atmen schenkt. In ihr leuchtet die Wirklichkeit in einem neuen, dreidimensionalen Licht. In ihr wird das Leben lebendig und bunt, in ihr geschieht eine heitere Freiheit.

Wie könnt ihr glauben?

Das Erleben dieser Ehre Gottes ist Ausdruck eines gläubigen Vertrauens.

Ganz wichtig: Jesus sagt nicht: weil ihr nicht glaubt, deshalb werdet ihr verurteilt werden. Ganz im Gegenteil:

5,45 Ihr sollt nicht meinen, daß ich euch vor dem Vater verklagen werde; es ist einer, der euch verklagt: Mose, auf den ihr hofft.

Moses steht hier für das (alttestamentliche) Gesetz, das uns Menschen richtet. Aber nicht nur, denn Christus fährt fort:

5,46 Wenn ihr Mose glaubtet, so glaubtet ihr auch mir; denn er hat von mir geschrieben.

5,47 Wenn ihr aber seinen Schriften nicht glaubt, wie werdet ihr meinen Worten glauben?“

Es geht um Glauben! Und Vertrauen!

Selig, wer nicht sieht und doch glaubt!“

Wenn ihr Moses glaubtet, dann würdet ihr erkennen, dass die Gebote für euch gegeben sind. Sie sind nicht Ausdruck eines machthungrigen Gottes, der Unterwerfung will.

Sie sind Ausdruck eines liebenden Gottes, der Leben schützen und bewahren will.

Frei übersetzt bedeuten die 10 Gebote: indem ihr erlebt, dass es eine Kraft gibt, die euch dabei hilft, in eure Freiheit zu kommen, werdet ihr bestimmte Dinge nicht mehr tun. Ihr werdet sie nicht mehr tun, weil ihr sie nicht mehr tun könnt. Euer Herz ist ein anderes geworden, wie Hesekiel (11,19) sagt:

Ich will ihnen ein anderes Herz geben und einen neuen Geist in sie geben und will das steinerne Herz wegnehmen aus ihrem Leibe und ihnen ein fleischernes Herz geben, damit sie in meinen Geboten wandeln …“

Meister Eckhart hat in einer seiner Predigten Jesus dieses Wort in den Mund gelegt: „‚Niemand hört mein Wort noch meine Lehre, er habe denn sich selbst gelassen.'“

Darum geht es. Loslassen bedeutet, sich selbst lassen – auch: „sich selbst in Ruhe lassen, sich selbst sein lassen…“

Sein lassen heißt zunächst einmal: STOP sagen zu den eigenen Angriffen gegen sich selbst: „wie konntest du nur?“ „Warum hast bloß du?“ „Das hast du jetzt davon!“ Dies alles ist Ausdruck einer inneren gehässigen Stimme, die sich gegen das eigene Leben richtet.

Je kräftiger mein STOP wird, desto weniger Chancen hat diese Stimme. Oder mit Martin Luther: hat der „alte Adam“! Luther sagt: täglich muss der alte Adam ersäuft werden. Das ist mühsam, kostet viel Kraft.

Gelassenheit auch dem alten Adam gegenüber wäre ein anderer Weg. Gelassenheit heißt, ihm die Aufmerksamkeit entziehen. Dann erlebe ich, dass ich viel weniger „muss“, als ich immer meine. Dass es gut genug ist, wie es ist. In diesem Geschehen wächst eine neue Kraft in mir: die, mein Leben gerade so, wie es geworden ist, freundlich und liebevoll anzunehmen.

Natürlich bleiben die Herausforderungen: gerade wenn ich müde und erschöpft bin, wenn ich Schmerzen erleide, wenn Menschen, die mir nahe stehen, krank werden, Leid tragen … – dann spüre ich einen Sog, wieder alles in Frage zu stellen.

Auch und gerade meinen Glauben.

Auch und gerade solche Gedanken wie die von der Gelassenheit in Gott.-

Und dann tut der Gedanke gut: dass der Zweifel und das Infragestellen eben auch zu meinem Leben hinzu gehört. Dass auch er seinen guten Platz bekommt. Der Zweifler und der Gläubige: sie sitzen gemeinsam am Tisch.

Dies ist wie ein Brückenschlag, wie ein Regenbogen – hin zur Liebe Gottes.

Und dazu verhelfe uns Gott – dass unser alltägliches Leben geschieht in der Freude, in der Leichtigkeit, in der Heiterkeit eines Lebens, das sich immer müheloser und selbstverständlicher Gott überlassen hat und überlässt, AMEN.

Pfingsten 2017

Donnerstag, 29. Juni 2017

Predigt über Johannes 16, 5- 15 in der Jakobuskirche in Pullach an Pfingsten 2017

Die Dunkelheit des Vaters, das Licht des Sohnes und die liebende Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen, AMEN.

Liebe Gemeinde,

Es soll nicht durch Heer oder Kraft, sondern durch meinen Geist geschehen, spricht der Herr Zebaoth. (Sach 4,6)

Dieses alttestamentliche Wort umrahmt unseren heutigen Pfingstgottesdienst.

Das Evangelium und der Predigttext – beide aus dem Johannesevangelium – geben diesem Rahmen Inhalt. Substanz. Sie veranschaulichen ein Geschehen, das nicht auf Macht aufgebaut ist – sondern auf Erkenntnis. Und Erkenntnis heißt im Hebräischen auch Liebe.

16,5 Jetzt aber gehe ich hin zu dem, der mich gesandt hat; und niemand von euch fragt mich: Wo gehst du hin?“

Der Jesus – besser Christus – des Johannesevangeliums spricht nie nur für sich. Er denkt, lebt und erlebt sich stets in Beziehung zu seinem „Vater“. Dies ist nun nicht so besonders, da wir Menschen als Säugetiere Beziehungstiere sind. Wir konnten nur in Beziehung überleben. Und wir konnten nicht anders als die Art und Weise dieser frühen Beziehung (ihre Qualität) zu verinnerlichen. Mit jedem Schluck Milch, den wir als Babys getrunken haben, haben wir auch einen Schluck des „Geistes“, der „Atmosphäre“ mit getrunken, in dem/der wir gefüttert, gestillt worden sind. Mit Geist meine ich das ganzheitliche Empfinden und auf der Welt-Sein unserer frühen Nahrungsquelle. Wir haben ihre Freude gefühlt oder ihre Trauer, wir haben ihren Schmerz gefühlt und ihre Ängste, wir haben ihre Verzweiflung gespürt und ihren Druck, wir haben ihre Zuwendung gefühlt und ihre Liebe … Und jeder von uns hat wenigsten soviel Zuwendung mit getrunken, dass er ins Leben gekommen ist. Sonst wäre er nicht hier.

Und niemand von euch fragt mich: wo gehst du hin?“

Um eine Frage stellen zu können, muss ich auf eine Idee kommen. Muss ich etwas für denkbar halten. Ganz kleine Babys halten es nicht für denkbar, dass die Mutter(brust) (die Quelle des Lebens) sie verlässt. Sie halten es auch nicht für denkbar, dass sie da ist. Ein „Weg und Da“ ist nicht denkbar. Abstrakter: Zeit und Raum ist nicht denkbar. Erst nach einigen Wochen beginnen Babys zu erahnen, dass es in dieser Welt ein Kommen und ein Gehen gibt. Dabei entsteht die Ahnung von Zeit und von Raum. Dies alles geschieht in heftigsten emotionalen Turbulenzen. Es geht um Sein oder Nicht-Sein, um das verzweifelte Gefühl der Leere verbunden mit verhungern. Und da ich eine rudimentäre Erinnerung daran habe, dass es da etwas gibt, was ich brauche um zu leben, entsteht der Gedanke: da gibt es etwas, das mich vernichtet! Das mich verhungern lässt. Der springende Punkt ist: Abwesenheit ist nicht denkbar. Abwesenheit wird gefüllt mit gedachter Anwesenheit eines zerstörerischen Etwas! Daraus – und nicht aus dem Wohlbehagen: wie schön ist das Leben! – entstehen unsere ersten Gedanken! Diese allerersten Gedanken, aus denen die Vernichtungsangst sich ausdrückt, suchen dringend ein Etwas, ein Jemand, das sie hält und beruhigt. Finden sie dies nicht, wird die Verzweiflung immer verzweifelter, die Einsamkeit immer trostloser. In der Panik vieler Menschen, ein Pflegefall zu werden, bildet sich Erinnerung ab: die Erinnerung daran, wie es gewesen ist, klein, abhängig, fremden Mächten ausgeliefert zu sein.

Was wir Menschen brauchen, was uns gesund macht, ist irgend etwas, das uns „hält“, das uns „beruhigt“. Viele Menschen setzen hier auf Autarkie: „ich bin mir selbst der Nächste, das muss ich mir selber geben!“ Jedenfalls muss ich das, was ich brauche, „unter Kontrolle haben!“ Am Anfang was das ganz anders: das was ich brauchte konnte ich eben nicht kontrollieren: es kam über mich – mit einem Mal floss etwas Warmes, Süßes, Wohlschmeckendes in mich hinein, das mir ein unendliches Wohlbehagen und Glücksgefühle bescherte.

Daraus verdichtete sich in unserer frühen Zeit allmählich ein Konzept: da gibt es eine Macht, die mich vernichten will und eine Gegen-Macht, die mir Gutes tut, die mich am Leben erhält.

Menschliches Denken entspringt einer radikalen Aufteilung oder Spaltung der Welt!

16,6 Doch weil ich das zu euch geredet habe, ist euer Herz voll Trauer.“

Es geht um das Ertragen von Trauer. Menschen, die auf Macht und Heer setzen, können nicht trauern. Ihnen fehlt das Gefäß, Trauer zu ertragen. Und so können sie sich nicht einfühlen. Sie bleiben kalt und unbarmherzig. Das Gefäß (die Seele) für Trauer entwickelt sich aus den vielen Erlebnissen, mit unseren frühen Nahrungsquellen: mit wieviel Verständnis und Liebe wurden wir gefüttert? Oder ging es in erster Linie darum, einer Norm zu entsprechen, zu funktionieren. Wollten unsere Eltern ein Baby zum Vorzeigen haben, oder richtete sich ihr Augenmerk auf unser ganzheitliches (körperlich-seelisches) Wachstum? Waren wir als Baby überhaupt erwünscht in unserem eigenen Baby-Sein, oder sollten wir möglichst schnell kleine Erwachsene sein: brav, gut angepasst, gut funktionierend. „Mein Baby/Kind ist so brav!“ Mit diesem Satz einer stolzen Mutter verbindet sich zumeist ein depressives Baby oder Kind.

Das seelisch gesund entwickelte Baby erlebt erstmals diese Trauer mit drei Monaten: die Trauer darüber, dass es nicht die Macht hat, die Mama zu halten: dass die Mama kommt und geht. Die Trauer darüber, dass es das „Rein-Gute“ und das „Rein-Böse“ nicht gibt. Diktatorisches Denken ist zu dieser Trauer nicht fähig. Es kennt keine Mitte, kein Mittelmaß. Und so erschafft es die „Rein-Bösen“, die zu vernichten sind – und die „Rein-Guten“, denen alles zusteht. Religionen eignen sich ebenfalls hervorragend für diese Aufteilung: da sind es dann die „Gläubigen“ und die „Ungläubigen“. Wichtig ist, dass Ich – „mein Ich“ – stets auf der Seite der „Rein-Guten“ steht.

In einer gesunden Eltern-Kind-Beziehung stellt sich immer mehr heraus: es ist gut genug – nicht perfekt, aber ausreichend gut. „Es“ heißt: alle Beteiligten sind gut genug. Und: zum Leben gehört Trennung unweigerlich dazu. Wobei ich unterscheide zwischen einer guten Trennung und katastrophalem Verlassen-Werden.

16,7 Aber ich sage euch die Wahrheit: Es ist gut für euch, daß ich weggehe. Denn wenn ich nicht weggehe, kommt der Tröster nicht zu euch. Wenn ich aber gehe, will ich ihn zu euch senden.“

Genau so ist es. Der johanneische Christus beschreibt eine „gute Trennung“. Eine Trennung, die kräftigt. Das Durchleben und Durchleiden dieser Trennung geht nicht ohne die Schmerzen der Trauer, die Schmerzen des Abschied-Nehmens. Dies aber sind gute Schmerzen: es sind Wachstumsschmerzen für der Seele. Auf diesem Weg erhält die Seele ihr Rüstzeug für ein Leben in lebendigen Beziehungen. Denn Beziehungen, in denen man nicht weggehen darf, in denen Trennung Tabu ist, die sind erstarrt. Oder vereist. In dieser Erstarrung bleibt seelische Entwicklung blockiert. In seelischer Erstarrung bleibe ich untröstlich.

Der Tröster, der Heilige Geist, ist nur über den Weg der Trauer und des Abschiedsschmerzes erlebbar.

Es sind meine Tränen, die dazu verhelfen, meine vereisten Seelenteile aufzutauen.

Es sind meine Tränen, die mir helfen, mich dem Tröster zu öffnen.

16,8 Und wenn er kommt, wird er der Welt die Augen auftun über die Sünde und über die Gerechtigkeit und über das Gericht;

16,9 über die Sünde: daß sie nicht an mich glauben;

16,10 über die Gerechtigkeit: daß ich zum Vater gehe und ihr mich hinfort nicht seht;

16,11 über das Gericht: daß der Fürst dieser Welt gerichtet ist.“

Indem ich Trost erlebe, oder – personifiziert – den Tröster erlebe, gehen mir die Augen auf. „Ich erwache“.

Und was sehe ich?

Ich erkenne, dass Sünde keine moralische Verfehlung ist. Sünde ist ein Beziehungsgeschehen: es geht um Ur-Vertrauen oder Ur-Misstrauen. Auch dies ist ein Geschehen, das bereits in unserer Babyzeit sich bildet: mit wie viel Urvertrauen gehe ich in die Welt? Im Urvertrauen bildet sich ab, inwieweit ich mich gehalten gefühlt habe – oder fallen gelassen. Aus dem „ungehaltenen“ Baby wird ein „ungehaltener“ Erwachsener. Er ist ausgeliefert seinen ungehaltenen Impulsen, die er verzweifelt über Macht in den Griff zu kriegen versucht. Der vielfach beklagte Egozentrismus („Ich zuerst!“) ist in der Tiefe ein verzweifelter Versuch, sich selber am Leben zu halten. In dieser Verzweiflung ist kein Raum für Rücksicht, Respekt, Sich-selbst-Zurücknehmen. Und damit sind Vertrauen, Los-Lassen, Sich-Fallen-Lassen unmöglich geworden. Dies drückt sich aus in Verspannungen, Kreuzschmerzen, Schlafstörungen, Süchten, die dies alles betäuben sollen… und nicht zuletzt in Überheblichkeit.

Was sind wir nicht alle „great“ – oder etwa nicht?

Indem ich den Tröster erlebe, gehen mir die Augen auf. Was sehe ich noch?

Ich erkenne Gerechtigkeit. Erkenne, dass Gerechtigkeit nicht Gleichheit ist, sondern dass es eine gute Grundordnung mit wohl geordneten Beziehungen gibt. Erkenne, was wie zusammen gehört. So ist gerecht und notwendig, dass Jesus zu seinem Vater geht: genau da gehört er nämlich hin, da ist sein Platz. Das gesunde Kind erkennt und verinnerlicht, dass die Mutter zum Vater gehört, und der Vater zur Mutter. Und dadurch entsteht eine unglaubliche Freiheit: das gesunde Kind ist frei für sein ganz eigenes Leben; es muss sich nicht um das Wohlergehen seiner Eltern kümmern … In einer gesunden Seele lebt ein lebendiges Dreieck: Vater – Mutter – Kind. Und die Schenkel dieses Dreiecks sind liebevoll miteinander verbunden. (In der Trinitätslehre wird dieses Dreieck spirituell gedeutet: wobei der Heilige Geist das Weibliche, mütterliche Element darstellt: Augustinus bezeichnet ihn als das Band der Liebe zwischen Vater und Sohn.)

Und noch ein Drittes eröffnet der Tröster: dass der „Fürst dieser Welt“ gerichtet ist.

Der „Fürst dieser Welt“ kann nur bis zwei zählen – in seinem Denken und Erleben ist das Dritte nicht integrierbar. Der Fürst dieser Welt denkt in „Ich zuerst“ und „nach mir die Sintflut!“ Immer wenn es „rein“ wird: die „reine“ Lehre, der „reine“ Glaube, die „einzig richtige Interpretation …“ – dann ist der Fürst dieser Welt aktiv. Der Fürst dieser Welt baut Mauern gegen das Fremde, fühlt sich parasitär ausgebeutet, erlebt und denkt in Macht und Ohnmacht. In diesem Denken ist der Dritte der Feind: ihm wird der Krieg erklärt. Und so bleibt dieses Denken in Zweiheit erstarrt. Was das schöne deutsche Wort: Ver-Zwei-flung wunderbar widergibt.

Liebe Gemeinde,

das war jetzt ziemlich viel. Und einmal mehr werde ich am Ausgang zu hören bekommen: bei Ihnen muss man immer soviel nachdenken!

Was soll ich dazu sagen?

Dass Denken vor Demenz schützt?

Dass es jedem frei steht, ob der nach-denken will, oder eben nicht?

Oder:

16,12 Ich habe euch noch viel zu sagen; aber ihr könnt es jetzt nicht ertragen.“

(Das kam jetzt nicht von mir, unser Predigttext geht nämlich noch weiter!!!)

16,13 Wenn aber jener, der Geist der Wahrheit, kommen wird, wird er euch in alle Wahrheit leiten. Denn er wird nicht aus sich selber reden; sondern was er hören wird, das wird er reden, und was zukünftig ist, wird er euch verkündigen.

16,14 Er wird mich verherrlichen; denn von dem Meinen wird er’s nehmen und euch verkündigen. 16,15 Alles, was der Vater hat, das ist mein. Darum habe ich gesagt: Er wird’s von dem Meinen nehmen und euch verkündigen.“

Meister Eckhart beendet seine Predigt über Matthäus 5,3: „Selig sind die Armen im Geiste“ mit folgendem Gedanken:

Wer diese Rede nicht versteht, der bekümmere sein Herz nicht damit. Denn, solange der Mensch dieser Wahrheit nicht gleicht, solange wird er diese Rede nicht verstehen; denn diese ist eine unverhüllte Wahrheit, die da gekommen ist aus dem Herzen Gottes unmittelbar.“ (Predigt 52)

Und andersherum: je stärker der Mensch dieser Wahrheit gleicht, desto inniger verwandelt sich sein konkreter Glaube an einen konkreten Menschen in die unglaubliche Freiheit des Erlebens, selbst Gottes Tochter oder Sohn zu sein. Zu sein!!Indem ich durch die Taufe diesen Glauben geschenkt bekomme, lebe ich in der Freiheit des dreifaltigen Gottes. Diese Freiheit hat nichts mit Wahl-Freiheit zu tun: es ist „die Freiheit eines Christenmenschen“, befreit zum freudigen Mitwirken im Schöpfungshandeln Gottes. Damit dies möglich wird, muss Jesus zum Vater zurückkehren. Und wir müssen durch den Abschiedsschmerz hindurch gehen.

Dass wir zu Gottes Wahrheit kommen mögen, dass wir Gottes Wahrheit gleichen mögen, dass wir aus Gottes Wahrheit heraus leben mögen – dazu verhelfe uns der dreieinige Gott, der Vater und der Sohn und der Heilige Geist, AMEN.

Und die Liebe des dreieinigen Gottes schütze und erhalte unsere Seele, AMEN.

Predigt zum Ostermorgen in der Jakobuskirche in Pullach (16.04.2017)

Sonntag, 16. April 2017

Liebe Gemeinde,

die Auferstehung von Jesus Christus ist eine einzige Katastrophe.

Nichts ist mehr, wie es war.

Dementsprechend endet die gute Nachricht, das Evangelium des ältesten Evangelisten (Markus) mit folgendem Statement:

„Und sie (die Frauen) gingen hinaus und flohen vor dem Grab; denn Zittern und Entsetzen hatte sie ergriffen. Und sie sagten niemand etwas, denn sie fürchteten sich.“

Was war da wohl so ängstigend?

Christ ist erstanden!

Das ist doch eine Jubelbotschaft!

Jubilate deo!

„Tod wo ist dein Stachel, Hölle, wo ist dein Sieg?“

… denn sie fürchteten sich!“

Sollten wir Angst vor dem Leben haben?

Sollten wir Angst vor der Lebendigkeit des Lebens haben?

Sollte es so sein, dass es viel beruhigender, sicherer ist, den Toten in seiner Grabhöhle zu balsamieren – als den horror vacui, als das Entsetzen des Nichts zu erleben und zu erleiden: „Was sucht Ihr den Lebendigen bei den Toten? Er ist nicht hier!?“

Hier ist – Nichts!

Lass die Toten die Toten begraben“, hatte er gesagt. „Du aber folge mir nach.“

Und: „Wer sein Leben behalten will, der wird es verlieren. Wer es aber verliert um meinetwillen, der wird es erhalten!“

Was nützte es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und doch Schaden nähme an seiner Seele!“

Dunkle Sätze. Wäre es da nicht besser, beruhigender, er wäre tot. Tot geblieben?

Für mich hat das heutige Osterfeuer in ganz persönlicher Weise mit Tod zu tun. In ihm werden etliche der Hölzer verbrannt, die zu Beginn der 80er hier hinter dem Altar standen. Drei nackte, harte Holzkreuze. Ich hatte mich damals sehr leidenschaftlich für diese Kreuze eingesetzt. Sie waren für mich das unbequeme Mahnmal dafür, dass Jesus Christus als Verbrecher hingerichtet worden ist. Sie waren Ausdruck meiner Empörung. Über so Vieles, was ich in meinem Leben und auf der Welt als ungerecht empfand. Und natürlich brachte ich darin auch meine jugendliche Abneigung gegen jegliche Form von „Herrschaft, Macht und Establishment“ unter.

Und heute wurden sie, die Balken auch meines Denkens, wurde sie (die Empörung) dem Osterfeuer übergeben. Sie verbrennen. Und das ist gut so.

Im Leben lässt sich nichts festhalten. Nicht einmal das Leben selbst lässt sich festhalten. Wer sein Leben behalten will, der wird es verlieren. Das einzige, woran ich festhalten kann, ist meine eigene Täuschung über die Wirklichkeit.

So ist es auch eine Verführung, Jesus Christus als den neuen Anker, den neuen Fest-Halter zu benutzen.

Was sucht Ihr den Lebendigen bei den Toten? ER ist nicht hier!“

Jesus Christus lässt sich auch nicht finden in historischen Nachweisen oder gar Beweisen.

Jesus Christus lässt sich finden im Fließen des Lebens selbst.

Als ich des Suchens müde ward, erlernte ich das Finden …“

Indem ich damit aufhöre, Gott verzweifelt zu suchen .. erst da öffnet sich eine neue Möglichkeit: nämlich die, mich von Gott finden zu lassen …“

Mich von Gott finden lassen, heißt nicht: ab jetzt wird alles gut. Heißt nicht: es gibt keine Schmerzen mehr, keine Krankheiten, keinen Tod.

Mich von Gott finden lassen heißt für mich:

meinem so und nicht anders verlaufenen Leben ein tiefes „Einverstandensein“, ein „Ja, in Gottes Namen, so war es … so ist es “ mit zu geben.

In diesem „Ja, in Gottes Namen“ verbrennen die Kreuze meiner Empörung, meines Haderns, meines Nicht-Einverstanden-Seins.

Und darin wächst meine Kraft, Leben hinzunehmen. Zu ertragen.

Und darin wächst die Kraft des mich Hingebens. Mich überlassen an mein Leben, so wie es (geworden) ist und wie es ist und wie es geschehen wird. Mit Angst und Zittern. Mit der Klage: „Herr, lass diesen Kelch an mir vorüber gehen!“ Und doch: „dein Wille geschehe!“

Und daraus erwächst die Kraft, mein Leben, das Leben zu lieben: in seiner Endlichkeit, Vergänglichkeit, Schmerzlichkeit, Ungerechtigkeit.

Und ganz am Ende schimmert eine Hoffnung, vielleicht bei allen Zweifeln selbst liebenswert zu sein. Liebenswert heißt nicht: toll sein. Oder berühmt sein. Oder vorne dran sein. Nichts dergleichen.

Liebenswert-Sein – da schwingt mit: schon in Ordnung zu sein. Oder: gut genug sein. Vielleicht auch: recht sein.

Dass es keinen Grund gibt, ausgeschlossen zu werden.

Die Welt hat versucht, diesen merkwürdigen Jesus aus Nazareth auszuschließen. Er, seine Rede, seine Predigt, seine Person waren unerwünscht.

Vor Gott ist die Welt damit nicht durchgekommen.

Vor Gott und von Gott her heißt es: „Siehe, das ist mein Sohn!“ Wenn ihr euch für mich interessiert, dann wendet euch an ihn. Hört und merkt euch, was er gesagt und getan hat.

Was sucht ihr den Lebendigen bei den Toten? Er ist nicht hier.“

Der Auferstandene ist immer da, wo die Liebe keimt.

Es ist so erstaunlich: könnte ich glauben, liebenswert zu sein, könnte ich glauben, von dem lebendigen Gott geliebt zu werden – dann würde diese Liebe natürlich auch auf meine Mitmenschen ausstrahlen. Und mehr noch: auf meine Mit-Tiere, Mit-Pflanzen, auf alles um mich herum.

Dann erstrahlt das Leben in einem neuen Licht. Nichts ist mehr selbstverständlich: alles wird zu einem Geschenk. Sei es nachher der erste Schluck Kaffee, oder das Osterei, oder der Osterschinken.

Und dann wäre und bliebe der Andere auch irgendwo liebenswert. Auch wenn ich mich gerade so sehr über ihn ärgern muss.

Daran wird jedermann erkennen, dass Ihr meine Jünger seid, wenn ihr Liebe untereinander habt.“

Das hat er auch gesagt, dieser merkwürdige Mensch aus Nazareth.

Dessen Botschaft bis heute nicht tot zu kriegen ist.

Von dem es heißt: „Was sucht ihr den Lebendigen bei den Toten? Er ist nicht hier!“ AMEN.

Predigt über Markus 12,41 -44 am Sonntag Okuli in der Jakobuskirche Pullach (2017)

Dienstag, 11. April 2017

Das Scherflein der Witwe“

Liebe Gemeinde,

„Mein Augenmerk ist auf IHN gerichtet“ so übersetzt M. Buber den Psamvers, nach dem unser heutiger Sonntag benannt ist. Sonntag „Okuli“. Wörtlich: der Augen-Sonntag.

Augenmerk klingt hin zu Aufmerken. Zu Aufmerksamkeit.

Meine Aufmerksamkeit ist auf IHN gerichtet.

„Möge Gott mein Genüge sein!“

sagt Theresa – sagt Rumi.

Was bedeutet das? Und: wichtiger noch – ist das alltagstauglich?

Indem Gott mir genügt – falls ich das erlebe, und nicht nur so daher rede – indem Gott mir genügt, wird es ruhig in mir. Still.

In dieser Stille bin ich ganz bei mir, ganz bei der Sache:

„Wer seine Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geeignet für das Reich Gottes!“ (Unser Wochenspruch)

Klare Aussage. Heißt genau?

Der Bauer zur Zeit Jesu ging mit seiner Pflugschar hinter dem Zugtier her. Um eine gerade Rinne zu pflügen, musste er ganz da sein.

Hierfür ist ein weicher Blick nötig. Sie kennen diesen Blick vom Autofahren: wenn ich auf zu nahe scharf stelle, kann ich nicht mehr gerade fahren. Wenn ich zurück sehe, werde ich sehr schnell im Straßengraben landen.

„Ein weicher Blick“. Das klingt nach träumerisch, verträumt. Stimmt – und stimmt nicht. Beim Autofahren kann ich gerade so fließend, weich – ohne ruckartige Bewegungen fahren.

Dies gilt auch für das zu Fuß gehen.

Ich kann grübelnd Löcher in den Boden bohren. Ich kann abwesend in den Himmel schauen. Beide Male werde ich wenig davon mitkriegen, wo ich gerade bin, was mich umgibt.

Es geht um die Verbindung des weichen Blickes mit Klarheit und Präzision. Ein guter Reiter starrt seinem Pferd keine Löcher in den Rücken. Er schaut aber auch nicht zum Himmel. Sein Blick ist weich im Umfeld dessen, worin er sich bewegt.

Es tut gut, diesen weichen Blick alltäglich zu üben.

Die Verbindung von Klarheit darüber, wohin der Weg geht mit einem träumerischen Sich-anmuten-Lassen von dem, was gerade geschieht.

Es geht um gute Verbindungen. Die andere Art zu sehen ist das Kippbild: ich kippe von dem Einen zum Anderen. Dies ist ein Unvermögen zu sehen. Ich kann keine Ganzheit sehen: nur entweder die Kraniche – oder das Profil.

Die Welt und sich selbst als Kippbild sehen drückt aus: mir fehlt ein inneres Gefäß, das das Eine mit dem Anderen wohlgeordnet verbindet.

Das Leben mit dem Sterben,

die Trauer mit der Freude,

den Schmerz mit der Lust,

das Weiß mit dem Schwarz,

den Hass mit der Liebe …

Ein inneres Gefäß für Ganzheit drückt sich in dem Satz aus: „Möge Gott mein Genüge sein!“

Gerade religiöse Bücher – wie die Bibel oder der Koran – eignen sich jedoch hervorragend dazu, Kippbilder zu erzeugen.

Z.B. unserer heutiger Predigttext aus dem Markusevangelium, Kapitel 12, 41 – 44:

41 Und Jesus setzte sich dem Gotteskasten gegenüber und sah zu, wie das Volk Geld einlegte in den Gotteskasten. Und viele Reiche legten viel ein. 42 Und es kam eine arme Witwe und legte zwei Scherflein ein; das macht zusammen einen Pfennig.

43 Und er rief seine Jünger zu sich und sprach zu ihnen: Wahrlich, ich sage euch: Diese arme Witwe hat mehr in den Gotteskasten gelegt als alle, die etwas eingelegt haben. 44 Denn sie haben alle etwas von ihrem Überfluss eingelegt; diese aber hat von ihrer Armut ihre ganze Habe eingelegt, alles, was sie zum Leben hatte.

Die Botschaft ist schnell und übersichtlich:

was die Witwe macht ist gut, sie ist das Vorbild. Was die Reichen machen ist nicht schlecht, aber irgendwie zu wenig. Die Witwe hat „mehr eingelegt“.

Nun ist es ebenso leicht wie scheinheilig, wenn ich versuche, Ihnen die Witwe als Vorbild zu predigen. Ich gehöre nicht zu den Armen, sondern zu den Reichen. Und ich vermute: die meisten von Ihnen ebenfalls.

Und ich denke gar nicht daran, alles, was ich habe, herzugeben. Mit dem Hergeben habe ich ohne hin keine guten Erfahrungen:

Eine Geschichte aus meiner Kindheit (ich war höchstens 5 oder 6 Jahre alt): ich bekam von meiner Mutter am Kiosk einen Lutscher geschenkt. Da kam eine Bekannte meiner Mutter und sagte: „hast du einen schönen Lutscher. So einen hätte ich auch gerne!“ Meine Mutter zu mir: „Schenkst du ihn der Tante?“ Ich hatte gelernt, dass es gut ist, das zu machen, was man/Mama von mir will. Und hielt ihn der Frau hin. Daraufhin antwortete diese: „Du bist aber lieb. Nein, nein, du darfst ihn schon selber essen!“

Ich kann mich deshalb so präzise daran erinnern, weil ich mich an ein bestimmtes Gefühl erinnere: das der „Matsche im Kopf“. Ich hatte keine Ahnung, was das jetzt alles bedeuten sollte. Und warum ich „lieb“ war. Und warum ich jetzt doch meinen Lutscher selber essen sollte.

Was in dieser Geschichte fehlt, ist ein Dritter. Eine dritte Ebene, die unterscheidet zwischen mein und dein. Der Weg raus führt über die Anerkenntnis: „das ist dein Lutscher. Und es ist deine Entscheidung, was du damit machst. Du kannst ihn essen, du kannst ihn herschenken, du kannst ihn dir aufbewahren.“ Fehlt die Klarheit von mein und dein, von ich und du, entsteht ein mentaler Nebel. Eben „Matsche im Kopf“. Kinder und Jugendliche brauchen für ihre gesunde seelische Entwicklung einen Entwicklungsraum, in dem sie sich selber kennen lernen und erfahren dürfen. Diesem Entwicklungsraum wird in unserem Schulsystem wenig Rechnung getragen. Benotet wird v.a. die Fähigkeit, sich anzupassen. Das wiederzukäuen, was der Lehrer hören will. Freies, selbstständiges Denken ist unerwünscht, da gefährlich. Es verunsichert.

Jesus – unser Jesus – war nicht als Person gefährlich – seine Gedanken waren so gefährlich: „Lass die Toten die Toten begraben!“ „Wer seine Hand vom Pflug nimmt und sieht zurück …“ Hier weht der kühle Wind eines radikal anderen Denkens – das noch in den Evangelien selbst entschärft worden ist.

Scharf wird es dann, wenn ich das, was Jesus sagt, so ernst nehme, dass ich selbst danach leben will. Bei mir verknüpft sich dann die Botschaft Jesu mit der meiner Mutter: gib‘ alles her, was du hast. Der liebe Gott will das so von dir! Zurück bleibt ein vernebeltes Ich. Übrigens: genauso werben Sekten.

Der neuzeitliche Atheismus stammt aus der Aufklärung. Die Aufklärung hat mit der Erkenntnis der Mündigkeit des Menschen zu tun. Der Mensch hat selbst einen Mund – und ist nicht Sprachrohr für einen fremden Mund. Dass jeder mit seinem eigenen Mund spricht und nicht sich einem König, Zar oder Kaiser unterwirft, ist auch die Geburtsstunde unserer derzeit so umkämpften Demokratie. Und wenn es dem Christentum nicht gelingt, hier Stellung zu beziehen, wird es wohl nicht mehr lange existieren. Die christliche Religion muss ihre Alltagstauglichkeit beweisen!

Das Neue, das ich vorschlage – mit dem ich freilich in der evangelische Landeskirche auf wenig bis keine Resonanz stoße -, ist, unseren Predigttext und überhaupt religiöse Texte zunächst als Beschreibung eines inneren Prozess, eines inneren Geschehens zu lesen. Als eine Dynamik in der menschlichen Seele, die sich dann im Außen auswirkt.

Dann würde die Witwe meine Bedürftigkeit repräsentieren. Witwen waren in der damaligen Zeit arme, sehr arme Frauen. Die Witwe steht für meine Bedürftigkeit. Für meine innere Armut. Das einzige, was sie besitzt sind zwei Scherflein. „Scherflein“ klingt nach „scharf“. Und so ist es auch: es ist eine scharfkantige „Scherbe“ – aus Silber oder Kupfer – mit wenig Wert. Ein Scherf entsprach ungefähr einem halben Pfennig. In der Bedürftigkeit, in der Armut ist es naheliegend, verbittert zu werden. In der Armut ist naheliegend das Statement von B. Brecht: „Zuerst kommt das Fressen, dann die Moral!“ (Sie können das bei sich selbst erleben, wenn Sie hungrig sind, aber kein Essen ist in Sicht. Da ist schnell Schluss mit Geduld und Nächstenliebe. Ähnlich ist es, wenn man Schmerzen erleidet.)

Die Witwe gibt mit ihrem „Scherflein“ auch ihr „Scharfes“ weg. Und es sind zwei Scherflein, die sie weg gibt: die Zwei weist häufig auf Ambivalenz, auf entweder oder hin. Die Witwe opfert ihr Entweder-Oder-Denken.

Ein „Scherf“ ist eine „Scherbe“. Unser Entweder-Oder-Denken ist ein Denken in Scherben: wir sehen immer nur Teile der ganzen Wirklichkeit. Paulus: „jetzt erkenne ich stückweise, dann aber werde ich erkennen, gleich wie ich erkannt bin“ (1. Kor. 13,12).

Die ganze Wirklichkeit ist unerkennbar. Diese Einsicht, dass wir etwas nicht erkennen können, mögen wir nicht.

Die Witwe steht für eine radikal neue Art des Denkens, das die Sicherheit von falsch und richtig losgelassen hat.

Indem ich dies versuche, wird meine Bedürftigkeit leer. Meine Wünsche, meine Sehnsüchte, meine Erwartungen, meine Hoffnungen, mein Verstehen … alles, was mir aus mir heraus Sicherheit gibt, lasse ich los.

Meine Urteile und Verurteilungen, meine Vorurteile und Bewertungen. All das gebe ich dahin.

Und dann wird es still.

Dann stehe ich mit nichts mehr da.

Der Menschensohn hat nichts, wo er sein Haupt hinlege.“

Mit leeren Händen stehe ich da.

Nichts: worauf mich berufen kann.

Nichts: was ich vorweisen könnte.

Nicht einmal Gott kann ich vorweisen – denn Gott selbst ist auch zu jenem Nichts geworden. Auch ihn habe ich dahin gegeben. Das ist die schwerste der drei dunklen Nächte, sagt Johannes vom Kreuz: die Nacht, in der Gott selbst in der Dunkelheit verschwindet.

Jemand hat mir einmal gesagt: als ich schwer krank war und nicht sicher, ob ich wieder auf die Beine komme, da hätte ich mir so gewünscht, Gott zu spüren. Aber da war nichts. Es klang enttäuscht.

Es ist verständlich, aus dieser Enttäuschung heraus – „da ist ja nichts!“ – den Weg abzubrechen. Und sich dem zuzuwenden, wo was ist.

So kam es zum Triumph der Naturwissenschaften über die Geisteswissenschaften. In diesem Triumph ist das Denken und Erleben im Bereich des Nicht-Sichtbaren, Nicht-Greifbaren verarmt. Und verarmt laufend weiter. Welch eine Ironie: wir reichen Westeuropäer sind verarmt! Wir haben keine Zeit mehr, unser Kopf muss ständig irgend einen Gedanken denken, wir brauchen Handy, Fernseher, Radio, wir müssen reisen, von einem Ort zum nächsten, und fotografieren, und Eindrücke sammeln, irgendwas ist immer los, irgendwas ist immer an, brauchen wir, um abgelenkt zu sein, um nicht spüren zu müssen:

es ist nichts!

Vielleicht gibt es ja auch eine Renaissance der Geisteswissenschaften. So wie es eine Renaissance des guten alten Schallplattenspielers gibt – wie in der SZ am Wochenende zu lesen ist.

Merken Sie es: indem ich „guter alter Schallplattenspieler“ sage, werte ich schon wieder. So schnell und so unvermeidbar bewerten wir. Als ich in der Woche mit ein paar Konfirmanden zusammen saß, stellten wir fest: wir werten unentwegt: das war cool, das besch … eiden, das ätzend, das geil, das krass usw. usw. …

In den Bewertungen richten wir uns ein. Unentwegt strömen sie auf uns ein.

Aber indem wir ein klein bisschen dahinter schauen, sind wir ihnen schon nicht mehr so ganz und gar ausgeliefert. Und ab und zu erscheint eine Witwe in uns, die hat die Kraft, dies alles los zu lassen.

Und woran erkennen wir, dass dieses Loslassen ein echtes Loslassen ist – tief aus dem Innern kommend, nicht gemacht, nicht schielend auf Lob, Anerkennung …

Es gibt Augenblicke, da lacht die Seele. Da werden wir durchströmt von einer inneren Heiterkeit. Unsere Augen leuchten und das Leben fühlt sich leicht an. „Mein Joch ist sanft“, sagt Jesus. In diesen Augenblicken haben wir unsere Scherflein des Recht-Habens geopfert. Und stehen lachend mit leeren Händen da.

In diesen Augenblicken ist alles gut.

Möge Gott mein Genüge sein!“ AMEN