Archiv der ‘Predigten’

Predigt am Sonntag Kantate in der Thomaskirche in Grünwald

Dienstag, 22. Mai 2018

Predigt über Apostelgeschichte 16, 23-34 am Sonntag Kantate 2018

Liebe Gemeinde,

unser heutiger Predigttext lässt sich als eine nette Geschichte von der Gefangennahme und der wundersamen Befreiung des Paulus und seinen Mitstreitern lesen. Nebenbei wird auch noch der Kerkermeister samt Familie zum rechten Glauben bekehrt. „Nett“ – das ist die kleine Schwester von „besch … eiden“ – habe ich vor kurzem gehört.

Ich möchte versuchen, unseren Text anders zu lesen: als „innere“ Befreiungsgeschichte. Und ich möchte den Text verbinden mit dem vorhin gehörten Evangelium, in dem der ungewöhnliche Satz erklingt: „Mein Joch ist sanft und meine Last ist leicht.“ (Matth. 11, 30) Das sagt derselbe Jesus, der unter der Last seines Kreuzes auf dem Weg nach Golgatha zusammen gebrochen ist!

Um sinnvollerweise von Befreiung reden zu können, muss man von einem Gefängnis reden. Wer sich nicht „gefangen“ fühlt, der hat auch kein Interesse an Befreiung. Befreiung ist dann kein Thema für ihn.

Fühlen Sie sich frei?

Dann ist der heutige Predigttext wahrscheinlich nicht interessant für Sie.

Nun gibt es Menschen, die sagen: was ist nur los? Ich habe alles, bin materiell abgesichert, könnte ein schönes und freies Leben führen – aber ich schlafe schlecht, bin unruhig, nervös. Ich habe keinen rechten Hunger und kann mich nicht wirklich am Leben freuen. Das verstehe ich nicht. Warum kann ich diese Gefühle nicht einfach abschütteln? Und einfach nur mein Leben genießen? Eigentlich habe ich es doch so gut. …

Diese Menschen sind gefangen in Gefühlen, die ihnen das Leben schwer machen. Sie sagen vielleicht: meine Ängste verfolgen mich – oder meine Depression lässt mich einfach nicht los.

Nun ist nicht zu vergessen, dass der sicherste Ort der Welt ein Gefängnis ist. Eingesperrt-Sein und Sicherheit sind Paare.

Und wenn mich etwas nicht los lässt, so kann ich sicher sein, nicht einsam sein zu müssen. Immerhin. Besser eine schlechte Beziehung als gar keine!

Auf der anderen Seite: Frei-Sein ist mit Unsicherheit gepaart. Und all das, was ich wirklich los lasse – das ist dann weg. Dann bin ich ganz allein mit – ja mit wem?

Das ist die große Frage.

Unser Streben nach Sicherheit, nach Vertrautheit, unsere alltägliche Routine kann uns zu Gefangenen unserer selbst machen. Wenn wir in einem Epiphanias-Lied singen: „Jesus ist kommen, nun springen die Bande…“ dann ist die große Frage: was mache ich mit meiner Freiheit? Was mache ich aus meiner Freiheit? Ist es nicht viel beruhigender, sagen zu können: ich kann mich ja gar nicht trennen, oder: ja früher hätte ich das und das machen sollen – aber jetzt: bin ich zu alt dafür.

Und so bleibt alles beim Alten.

Dies gilt für die Botschaft Jesu selbst: „Jesus verkündete das Reich Gottes – gekommen aber ist die Kirche….“

Jesus predigte: „Mein Joch ist sanft …“ – in seinem Namen wurden viel zu viel Menschen vermeintlich „falschen Glaubens“ getötet …

Jesus kritisierte die Pharisäer, das religiöse Establishment seiner Zeit, hart: und ein neues religiöses Establishment kristallisierte sich in seinem Namen heraus.

Ob er das so gewollt hat?

Könnte es so sein, dass wir Menschen keine Freiheit aushalten? Dass wir Freiheit gar nicht wollen? Dass wir für Freiheit nicht erschaffen sind? Das würde den gegenwärtigen Zulauf und die Popularität nicht-demokratisch denkender Politiker erklären. Die Abschaffung der Demokratie im Dienste vermeintlicher Sicherheit. …

Zum Prozess der Befreiung gehören Gefühle von katastrophalem Zusammenbruch. Die Befreiung Europas aus der Herrschaft der absolutistischen Monarchen (Sinnbild: der „Sonnenkönig“ – Ludwig XIV. – „der Staat, das bin ich…“) führte in die Wirren der französischen Revolution. … führte zu einem Napoleon, der sich zum Kaiser krönen ließ und, und, und …

In unserer heutigen Befreiungsgeschichte geht die Befreiung einher mit einer kosmischen Katastrophe – einem Erdbeben. Doch hören Sie selbst:

23 Nachdem man sie (gemeint sind Paulus und sein Begleiter Silas) hart geschlagen hatte, warf man sie ins Gefängnis und befahl dem Aufseher, sie gut zu bewachen. 24 Als er diesen Befehl empfangen hatte, warf er sie in das innerste Gefängnis und legte ihre Füße in den Block. 25 Um Mitternacht aber beteten Paulus und Silas und lobten Gott. Und die Gefangenen hörten sie.

26 Plötzlich aber geschah ein großes Erdbeben, so daß die Grundmauern des Gefängnisses wankten. Und sogleich öffneten sich alle Türen, und von

allen fielen die Fesseln ab.

27 Als aber der Aufseher aus dem Schlaf auffuhr und sah die Türen des Gefängnisses offenstehen, zog er das Schwert und wollte sich selbst töten; denn er meinte, die Gefangenen wären entflohen.

28 Paulus aber rief laut: Tu dir nichts an; denn wir sind alle hier!

29 Da forderte der Aufseher ein Licht und stürzte hinein und fiel zitternd Paulus und Silas zu Füßen. 30 Und er führte sie heraus und sprach: Liebe Herren, was muss ich tun, daß ich gerettet werde?

31 Sie sprachen: Glaube an den Herrn Jesus, so wirst du und dein Haus selig!

32 Und sie sagten ihm das Wort des Herrn und allen, die in seinem Hause waren.

33 Und er nahm sie zu sich in derselben Stunde der Nacht und wusch ihnen die Striemen. Und er ließ sich und alle die Seinen sogleich taufen 34 und führte sie in sein Haus und deckte ihnen den Tisch und freute sich mit seinem ganzen Hause,

daß er zum Glauben an Gott gekommen war.

Wesentliche Elemente der Geschichte, noch einmal zusammengefasst:

Paulus und seine Mitstreiter sind im „innersten Gefängnis“ – im „Hochsicherheitstrakt“ und die Füße sind noch einmal „in einem Block“ eingesperrt. Sicherer geht es nicht.

Zeitgleich mit dem Gebet geschieht ein Erdbeben und die Gefangenen sind „frei“.

Der Aufseher will sich aus Angst vor seinem „Versagen“ selbst töten.

Die Gefangenen sind gar nicht geflohen.

Der Aufseher fragt, wie er gerettet werden kann.

Die Rettung ist der „Glaube an den Herrn Jesus“

Der Aufseher freut sich mit seinem Haus, dass er „zum Glauben an Gott“ gekommen ist.

Liebe Gemeinde,

noch einmal: was ist das mit unserer Freiheit? Für viele Menschen bedeutet Freiheit, jederzeit tun und lassen zu können, was man will. Das ist eine Freiheit von Zwängen, Abhängigkeiten, Anpassungen, Verpflichtungen. Dahinter steckt der Wunsch oder die Gier nach ungebremster Lust: es soll jederzeit so sein, wie ich es haben will. Und ich sehe gar nicht ein, mich an etwas anzupassen, was mich stört. „Freie Fahrt für freie Bürger“ – das war und ist der Slogan, mit dem wider aller Vernunft es in unserem Land nicht möglich, ein Tempolimit auf Autobahnen einzuführen. Wer dies für Freiheit hält, dem hat die Botschaft Jesu nichts zu sagen.

Jesus spricht uns nämlich nicht in dem Sinne frei, dass er sagt: „ihr könnt tun und lassen was ihr wollt.“ Jesus sagt: „Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir; denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen. Denn mein Joch ist sanft und meine Last ist leicht.“ (Mt. 11, 29-30)

Das Joch – übrigens vom Wort her stammverwandt mit Yoga – ist üblicherweise verbunden mit „hart“, „geknechtet“ usw. Es wurde den Ochsen aufgesetzt, um eine optimale Kraftübertragung vom Pflug oder dem zu ziehenden Wagen z.B. zu erreichen. Freiheit heißt hier, befreit sein von diesem Joch, befreit aus dieser Knechtschaft zu sein. Jesus selbst kennt – wie gesagt – das harte Joch des Kreuzes. Unter dem er sogar gebrochen ist. Aber das Joch, von dem Jesus hier spricht, ist etwas ganz anderes: es ist seine innige, vertrauensvolle, liebevolle Beziehung zu seinem (himmlischen) Vater: „niemand kennt den Sohn als nur der Vater und niemand kennt den Vater als nur der Sohn …“

Diese Beziehung ist „leicht“ – denn sie geschieht in Liebe. Und da und nur da, wo die Liebe herrscht – da ist wirkliche Freiheit. Jede Form von Kontrolle, Gängelung, Bemächtigung des Anderen hat nichts mit Liebe zu tun. Es gibt Menschen die sagen: wenn ich mich nützlich mache, werde ich geliebt. Wenn mich der andere braucht, werde ich geliebt. Das ist ein verhängnisvoller Irrtum. Wenn ich mich nützlich mache, dann bin ich nützlich – nicht mehr und nicht weniger. Liebe hat damit nichts zu tun. Liebe lässt sich nicht machen, nicht herstellen. Liebe gibt es nur geschenkt – genauso wie Freude, Dankbarkeit, echte Reue etc. …

Wer die Freiheit dieser Liebe erlebt, wer in der Freiheit dieser Liebe leben darf – der hat das Joch Jesu auf sich genommen. Aus dieser Freiheit heraus nützen Paulus und Silas ihre Befreiung nicht aus, laufen nicht davon. Das ist das eigentliche Wunder der Geschichte: die befreiten Gefangenen bleiben da. Offenbar ist es das, was den Kerkermeister erreicht: „Ihr Herren, was muss ich tun, dass ich gerettet werde?“ Etwas freier übersetzt heißt das für mich: „was muss ich tun, dass ich so frei werde, wie ich euch erlebe?“ Befreit werde von meinem alten Denken des Misstrauens, der Absicherung, der Kontrolle. Die Antwort ist einfach: „nimm Jesu Joch auf dich – glaube an Jesus Christus!“ Das Tun, das alltägliche Leben dieser Antwort ist freilich nicht so einfach.

Bleibt noch eine Frage offen, liebe Gemeinde:

wieso eigentlich soll dieser Text gerade heute, an Sonntag Kantate, gepredigt werden? Diese Frage ist mir tatsächlich erst hier – am Ende einer Predigt gekommen.

Und ich habe gespickt: im Internet mir Predigt von Kollegen zu unserem Text durchgelesen. Und siehe da – die Antwort ist einfach: Paulus und Silas sangen im Gefängnis. Sie „lobten“ Gott heißt nämlich eigentlich: sie sangen Hymnen, Loblieder auf Gott. Und unser heutiges Evangelium ist auch ein Loblied: das Loblied Jesu auf die Beziehung zu seine Vater. „Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde …“

In diesem Sinne – lassen Sie uns jetzt singen, lassen Sie uns ein Loblied singen, in dem wir Jesus loben und danken für die Freiheit, die denen geschenkt wird, die den Mut haben, das vertraute Joch liegen zu lassen und Jesu Joch auf sich zu nehmen.

Jesus ist kommen, Grund ewiger Freude…“ heißt es da, und in der zweiten Strophe:

Jesus ist kommen, nun springen die Bande, Stricke des Todes, sie reißen entzwei …“

AMEN.

Predigt zu Pfingsten 2018 in der Jakobus- und in der Petruskirche

Dienstag, 22. Mai 2018

Predigt über 1. Korinther 2, 12-16 an Pfingsten 2018

Liebe Gemeinde,

es würde das Miteinander-Reden (den „Dialog“) erheblich erleichtern, wenn jeder Sprechende sich die Mühe machte, kurz darüber nachzudenken, wofür er das, was er gerade sagen will, verwendet. Und zwar bevor er den Mund aufmacht.

Wofür eignet sich der Gedanke, den ich gerade äußern will?

Viele Äußerungen eignen sich insbesondere dafür, den eigenen Hass unterzubringen. Schadenfreude – im Volksmund gilt sie als „die schönste Freude“ – lässt sich in Sätzen wie: „das hast du jetzt davon…!“ oder: „Das hätte ich dir gleich sagen können…!“ Oder: „warum hast du nicht … , dann wäre dir das nicht passiert…“ gut unterbringen. Und natürlich auch das dazugehörige Gefühl von Ärger – mit dem inneren Gedanken: „so ein Idiot!“

Auf den ersten Blick nicht gleich sichtbar ist in solchen Gedanken eine Haltung versteckt: die Haltung der Überheblichkeit. Ein unausgesprochenes: „mir wäre so was nicht passiert …“

Unser heutiger Predigttext, ein Abschnitt aus dem 1. Korintherbrief von Paulus, bietet sich für Selbstsicherheit, Selbst-Befriedigt-Sein und Überheblichkeit an. Er bietet sich aber auch dafür an, über dieses nur allzu menschliche und verbreitete Geschehen nachzudenken.

12 Wir aber haben nicht empfangen den Geist der Welt, sondern den Geist aus Gott, daß wir wissen können, was uns von Gott geschenkt ist.

13 Und davon reden wir auch nicht mit Worten, wie sie menschliche Weisheit lehren kann, sondern mit Worten, die der Geist lehrt, und deuten geistliche Dinge für geistliche Menschen.

14 Der natürliche Mensch aber vernimmt nichts vom Geist Gottes; es ist ihm eine Torheit, und er kann es nicht erkennen; denn es muss geistlich beurteilt werden.

15 Der geistliche Mensch aber beurteilt alles und wird doch selber von niemandem beurteilt.

16 Denn »wer hat des Herrn Sinn erkannt, oder wer will ihn unterweisen« (Jesaja 40,13)? Wir aber haben Christi Sinn.“

Aha! So ist das also.

Etwas salopp, etwas verkürzt zusammengefasst heißt das: die „Deppen“ sind die Anderen – wir hingegen wissen, wie es ist, wie es geht. „Wir haben Christi Sinn!“

Wir haben den Geist!!!

Klasse. Wenn ich uns so anschaue, dann merke ich auch gleich, wie recht Paulus hat:

„We are the Champions … No time for losers – cause we are the champions of the world“

Keine Zeit für Verlierer – weil: wir sind die Champions der Welt!

Champion – ein Wort aus dem Sport – heißt: derjenige sein, der alle anderen aus dem Rennen geworfen hat – schlicht: „der Beste“.

(Nebenbemerkung: Je ehrgeiziger der Champion, desto narzisstisch bedürftiger ist er. Anders ausgedrückt: ist er einmal kein „Champion“, zieht er sich voller Scham und Enttäuschung zurück. So fehlte jüngst einer herausragenden deutschen Fußballmannschaft die gelassene Großzügigkeit, trotz verlorenem Pokalfinale mit den Siegern zu feiern und für die Sieger sich zu freuen .,. )

Doch HALT: unser Held ist doch dieser von der Welt Verachtete, der Ausgestoßene, der inmitten der Verbrecher Hingerichtete!

Ja – das ist alles „Geist der Welt“. Es ist „Geist des natürlichen Menschen“; ihm ist das, was wir erkennen eine „Torheit“. Der natürliche Mensch „kann nichts erkennen“ – „es muss geistlich beurteilt werden!“

Wir aber sind der geistliche Mensch. Von ihm gilt:

„Der geistliche Mensch aber beurteilt alles und wird doch selber von niemandem beurteilt.“ WOH!

Liebe Gemeinde,

„solange wir uns auf Erde befinden, gibt es nichts, was für uns wichtiger ist als die Demut.“ Sagt Theresa von Avila am Anfang ihres zeitlos schönen und immer wieder zu lesenden Buches: „Die innere Burg“. Die Demut – und nur die Demut – sei der „Weg“ zur Vereinigung mit Gott.

Die zitierten Paulus-Sätze klingen nicht demütig. Im Gegenteil: sie sind anfällig für Überheblichkeit. Insbesondere dann, wenn man sie aus ihrem Zusammenhang löst.

Der Zusammenhang ist, dass in der Gemeinde von Korinth sich Gruppen gebildet hatten, die jeweils meinten, die „reine Lehre“, das „bessere Christ-Sein“ zu verkörpern. Das ist auch ein verbreitetes menschliches Phänomen: Gruppen entstehen und zerfallen, und es entstehen wieder neue Gruppen. Meist hat der Zerfall damit zu tun, dass sich eine Gruppe abspaltet, weil sie sich mit dem „Mainstream“ der alten Gruppe nicht mehr identifizieren kann. Der „Mainstream“ nennt diese Abspaltungen dann „Sekten“ (lateinisch: sectio: ursprünglich die Zerstückelung von Gütern bei einem Aufkauf). In den Augen des jüdischen „Mainstreams“ war Jesus ein Sektierer, der Gründer einer „Sekte“. Dasselbe gilt für Martin Luther aus der Sicht des „Mainstreams“ der katholischen Kirche. (Nebenbei: schaut man sich die Geschichte der Psychoanalyse seit ihrer Gründung durch S. Freud an, wird man dasselbe Phänomen entdecken.)

Paulus kämpft in unserem Predigttext um die Einheit der Gruppe. Das „Wir“ soll die Gemeindeglieder in Korinth miteinander verbinden, zusammenschweißen – das „wir“ bedeutet: wir haben doch alle denselben Glauben, denselben Sinn!

Einen Glauben, auf den wir stolz sein können!

Der Kehrseite dieser Art des „Vereinigens“ ist: es bedarf eines Fremden, eines Anderen, eines Nicht-Wir, von dem „wir“ uns absetzen. Auf den wir mit unserem vermeintlichen Glauben und Wissen „herabschauen“. Das ist keine Beziehung in Freiheit, es ist eine Beziehung in Abhängigkeit. Ich brauche die Herabsetzung des Anderen, um mich selber als „gut und richtig“ zu spüren.

Wir haben Christi Sinn!“ Dadurch heben wir uns von den „weltlichen“ Menschen ab. Und das gibt uns Sicherheit. Sicherheit durch Abwertung des Anderen/Fremden.

Diese Art des Denkens wird in den Evangelien, wird von Jesus als pharisäisches Denken bezeichnet.

Im Gleichnis Jesu vom Pharisäer und Zöllner (Lukas 18,9-14) sagt der Pharisäer: „Ich danke dir, Gott, dass ich nicht bin wie die anderen Leute …“ Diese seine „Identität“ lebt davon, nicht so „minderwertig“ wie die Anderen zu sein. So wird Religion, wird Glaube zu einer Krücke für die eigene wackelige Identität. Die aktuelle Idee, in allen bayrischen Verwaltungsgebäuden ein Kreuz anzubringen, ist Ausdruck von derartiger Unsicherheit – und nicht Ausdruck eines starken Glaubens. Ein starker Glaube vertraut dem Kreuz – und gerade so wird er es nicht demonstrativ zur Schau stellen.

Ein starker Glaube drückt sich in ebenso klaren wie einfachen Worten aus.

Der Zöllner (auf den der Pharisäer herab blickt) im genannten Gleichnis betet schlicht: „Gott sei mir Sünder gnädig!“

Gnade“ aber, „Erbarmen“ ist ein Geschehen, das sich nicht machen lässt. ES geschieht. ES ist nicht mein Werk, mein Gemachtes, es ist das Werk des Heiligen Geistes, „der weht wann und wo er will…“ Und selig der Mensch, der sein Brausen hört und sich darauf einlassen kann. Selig die Seele, die befreit wurde zum Mitschwingen im Wehen des Heiligen Geistes.

Die Voraussetzung dafür ist tiefe Demut. In ihr lasse ich meine Verdienste und meine Werke los. In ihr ergebe ich mich. In ihr geschieht liebevolle Hingabe – an mein so und nichts anders gewordenes Leben. Deshalb sagt Theresa von Avila:

Solange wir uns auf der Erde befinden, gibt es nichts, was für uns wichtiger ist als die Demut!“

Aber auch hier ist Vorsicht geboten: es gibt nämlich eine „falsche, eine verkleidete“ Demut, eine Demut, die in Wirklichkeit Feigheit ist. Noch einmal Theresa mit scharfer Zunge:

Es gibt Menschen, „die immer im Elend unserer Erde stecken bleiben.“ Ihr Lebensfluss kommt nie „aus dem Schlamm der Ängste“ heraus, „aus der Verzagtheit und Feigheit, die furchtsam fragt, ob man auf mich schaut oder nicht auf mich schaut; ob mir, wenn ich diesem Weg folge, etwa ein Unheil zustößt; ob ich es wagen, kann jenes Werk zu beginnen; ob es Hochmut ist; ob es recht ist, dass eine solch elende Person (wie ich) sich mit einer so hohen Sache wie dem Gebet befasst; ob man mich für etwas Besseres hält. Denn Übertreibungen sind nicht gut, auch nicht in der Tugend! …“ Theresa bezeichnet diese Haltung als „Mattherzigkeit“ – dies habe mit „Demut“ nichts zu tun.

Und sie findet die Ursache dieser Verdrehung in einer „verdrehten Selbsterkenntnis“, die dann entsteht, „wenn wir nicht aus uns heraus gehen.“

Anders ausgedrückt heißt das: echte Selbsterkenntnis ist nur möglich, wenn ich in der Lage bin, mich ein wenig von mir selbst zu entfernen, mich selbst ein wenig „von außen“ zu sehen und zu erkennen. Eben „aus mir heraus gehe“. Erst dann beginne ich nämlich, mich kennen zu lernen. Ohne diese Fähigkeit bleibe ich ein Gefangener meiner selbst, bleibe ich blind für mich.

Aus mir heraus gehen bedeutet freilich: ein Risiko eingehen. Und das erzeugt Angst.

Aus mir heraus gehen bedeutet, ich verlasse meine „Komfortzone“, meine Routine, in der vermeintlich nichts passieren kann. Meine Angst will mich genau davon abhalten. Und ich kann alles dafür verwenden, in der Komfortzone zu bleiben – auch meinen Glauben.

Das ist für mich jeden Tag aufs Neue die große Frage, ob und inwieweit mein Glaube letztlich eine selbstgemachte Seifenblase, eine Halluzination ist. Ob mein Glaube in der Beziehung des Heiligen Geistes empfangen oder von mir selbst gefertigt wurde.

Hierfür kenne ich keine letzte Sicherheit. Allerdings werde ich sofort misstrauisch, wenn mir jemand erklärt, er sei sich sicher, dass sein Leben vom Heiligen Geist erfüllt ist. Aber vielleicht ist mein Misstrauen auch nur Ausdruck meines Neides, dass mir diese Sicherheit nicht gegeben ist.

Liebe Gemeinde,

ich möchte gerne ein Leben leben, in dessen Zentrum steht: „Ich habe Christus im Sinn.“ Und ich kann mir gut vorstellen, dass uns dieser Wunsch verbindet.

Möge meine, möge unsere Seele – wie Hildegard von Bingen betet – dem Wind gleichen, der über die Kräuter weht, und dem Tau, der die Gräser benetzt, und der Regenluft, die wachsen lässt,

möge meine/unsere Seele befreit werden und frei sein von dem Geist des Machens, und des Besser-Wissens,

möge meine/unsere Seele jenem Schiff gleichen, von dem Johannes Tauler dichtete:

Das Schiff geht still im Triebe, es trägt ein teure Last, das Segel ist die Liebe, der Heilig Geist der Mast.“ AMEN.

Predigt über Jesaja 50, 4-9 am Palmsonntag 2018

Donnerstag, 5. April 2018

Predigt über Jesaja 50, 4-9 am Palmsonntag in der Apostelkirche München-Solln

Liebe Gemeinde,

wir Menschen sind Lebewesen, die alles, was auf sie einströmt bewerten. Wir teilen unwillkürlich – „ohne es wollen“ – ein in gut oder schlecht, richtig oder falsch, angenehm oder unangenehm, schön oder hässlich, wertvoll oder wertlos, nützlich oder unnütz. Daraus fließt dann oft unser Handeln: wir wenden uns zu – oder wir wenden uns ab, wir lassen etwas/jemanden an uns heran oder schließen, scheiden jemanden oder etwas aus. Wir behalten etwas, nehmen etwas auf, oder geben etwas weg. Zunächst einmal läuft dieser Strom des Bewertens völlig unbewusst mit unserem Leben mit. Es erfordert viel Achtsamkeit und Aufmerksamkeit, sich dieses Geschehens bewusst zu machen. Und es erfordert viel Selbst-Erfahrung, die eigenen Maßstäbe, die Quellen, aus denen heraus ich bewerte, mir bewusst zu machen.

Nun ist Bewertung ja nichts anderes als eine Spezialform des Differenzierens, des Unterscheidens. In der Bewertung schwingt etwas mit, wofür Jugendliche ein extrem feines Sensorium haben. Wenn ich sage: „du sitzt hier herum, hörst Musik und ich spüle ab…“ dann klingt das nach Vorwurf: wie kannst du hier faul herum sitzen, siehst du nicht, dass ich arbeite … du könntest mir auch helfen. …

Oder: was täte ich ohne dich, du bist eine große Hilfe – das ist die Bewertung in Richtung Anerkennung, Lob.

In unserer neuen digitalen Gesellschaft heißen die beiden Bewertungen: like oder dislike. Mag ich – mag ich nicht!

Dass nur die Worte neu – das Geschehen selbst aber uralt ist, sieht man am vorhin gehörten Evangelium zum Palmsonntag:

„Hosianna dem König Davids!“ schreit die Menge. Viele, viele „likes“ hätte Jesus da bekommen,

Und dieselbe Menge schreit fünf Tage später: „Kreuzige ihn!“ Aus den „likes“ wurden „dislikes“. Was lernen wir daraus: Bewertungen können sich innerhalb kürzester Zeit massivst verändern.

From Hero to Zero – vom Helden zur Null“: so hat man Aufstieg und Fall von Martin Schulz jüngst beschrieben.

Vom „Messias“ zum „Verbrecher“ – so könnte man die Bewegung von Palmsonntag zum Karfreitag beschreiben. Wobei wichtig ist: dies ist die Perspektive der „Menge“ – und ganz offensichtlich nicht die Perspektive – ja von wem? Geläufig wäre hier zu sagen: die Perspektive Gottes. Profaner könnte man sagen: das kann jedenfalls nicht alles gewesen sein – ansonsten stünde ich nicht hier, gäbe es mich nicht als Pfarrer der evangelisch-lutherischen Kirche. Ansonsten gäbe es überhaupt keine christliche Kirche. Es muss wiederum irgend etwas passiert sein, wodurch aus dem Verbrecher der „Auferstandene“, der „Sohn Gottes“ geworden ist.

Wenden wir das Gesagte auf uns hier an, so bedeutet dies, dass auch jetzt – während ich hier predige -, unentwegt Bewertungen mitlaufen. Wie ein „Hintergrund-Task“. Bei Ihnen, wie bei mir. Und es gibt innere Zensoren, die einen davon abhalten, etwas öffentlich zu sagen, obwohl man es sich insgeheim denkt. Und dann gibt es immer wieder Menschen, denen es offenbar nur ums eines geht: der Wahrheit selbst zu dienen. Sie versuchen in ihrer Rede und in ihrem öffentlichen Auftreten sich nur von der Wahrheit zensieren zu lassen. Nicht selten haben sie diese Radikalität mit ihrem Leben bezahlt.

Unser heutiger Predigttext, liebe Gemeinde, handelt von so jemandem. Seine Rede, seine Botschaft provozierte, er wurde dafür gefoltert, ins Gefängnis gesperrt und am Ende hingerichtet. Wir kennen seinen Namen nicht – da er im Geiste des Propheten Jesaja redet, hat man ihn den zweiten Jesaja, den Deuterojesaja, genannt. Er lebt und wirkt im babylonischen Exil. Nach der Kapitulation Israels 587 v. Chr. wurde die Oberschicht nach Babylonien deportiert. Selbstverständlich galt hier die Religion Babyloniens: eine polytheistische Religion mit einer Vielfalt von Göttern – und einer ausgeprägten Sternenkunde. (Das uns geläufige Horoskop ist hier vor ein paar tausend Jahren entstanden.) Deuterojesaja nun hielt unbeirrt an seinem Glauben, den Glauben an den EINEN Gott Jahwe fest. Dessen Kraft und Größe so unermesslich war, dass er die Götter der Babylonier als Sterne erschuf. Das musste provozieren. Es musste die Mächtigen provozieren. Und so kam es, dass Deuterojesaja am Ende hingerichtet wurde. Sein Wirken und seine Predigt findet sich niedergeschrieben im Buch Jesaja in den Kapiteln 40 – 55. Innerhalb dieses Buches gibt es vier Gedichte, die in verdichteter Form ausdrücken, was jemand, der sich als Jünger Gottes versteht, ausmacht. Man hat diese Gedichte „Gottesknechtslieder“ genannt – der von Gott Erwählte ist zugleich und in einem sein „Knecht“ (Jes 42,1). Hören Sie selbst: das dritte Gottesknechtslied (Jes 40, 4-9). Ich lese in der Übertragung von Martin Buber.

50,4 Gegeben hat ER, mein Herr mir eine Lehrlingszunge.

Dass ich wisse, den Matten zu ermuntern, weckt er Rede am Morgen.

Am Morgen weckt er mir das Ohr, daß ich wie die Lehrlinge höre.

50,5 Geöffnet hat ER, mein HERR, mir das Ohr. Ich aber, ich bin nicht ungehorsam ich bin nicht zurück gewichen.

50,6 Ich bot meinen Rücken dar denen, die mich schlugen, und meine Wangen denen, die mich rauften. Mein Angesicht verbarg ich nicht vor Schmach und Speichel.

50,7 Mir hilft ER, darum werde ich nicht zuschanden. Darum hab ich mein Angesicht hart gemacht wie einen Kieselstein; denn ich weiß, daß ich nicht zuschanden werde.

50,8 Er ist nahe, der mich gerecht spricht; wer will mit mir rechten? Lasst uns zusammen vortreten! Wer will mein Recht anfechten? Der komme her zu mir!

50,9 Siehe, Gott der HERR hilft mir; wer will mich verdammen? Siehe, sie alle werden wie Kleider zerfallen, Motten werden sie fressen.

Liebe Gemeinde!

Als ich den Text las, dachte ich als erstes: Unsere Zeitgenossen, die derzeit versuchen. in China Opposition zu machen, oder in Russland, oder in Polen … oder auch in Amerika – sie würden sich mit Deuterojesaja sicherlich gut verstehen. Es sind Gesinnungs- und Leidensgenossen. Es sind Menschen, die für Recht und Gerechtigkeit ihr Leben aufs Spiel setzen. Ich empfinde tiefen Respekt vor ihnen. Ich weiß nicht, ob ich über einen derartigen Mut verfügen würde. Und ich bin froh, dass ich (noch?) in einem Land leben darf, in dem die Demokratie – bei aller Anfechtung – Stärke zeigt.

(In Klammern: in diesen Sätzen schwingen ganz viele Bewertungen von mir mit: die „Hochschätzung“ der Werte, die bestimmte Menschen in unserer Gegenwart besonders verkörpern, die Hochschätzung der Demokratie usw. Und es schwingen genauso viele Abwertungen mit gegenüber all jenen Menschen, die ausschließlich in der Ausbreitung ihrer Macht den Wert ihres Lebens erblicken. Wie gesagt: es geht nicht ohne Bewertungen!)

Doch zurück zu unseren Text: was also zeichnet diesen Gottesknecht aus?

Er ist einer, der den Mund aufmacht. „Gegeben hat mir der Herr eine Lehrlingszunge.“ M. Luther übersetzt: „Eine Zunge, wie sie Jünger haben.“

Es ist die Zunge eines Lernenden. Von jemand, der nicht schon alles weiß. Das ist die große Kunst bei einem echten Dialog: dass ich mein Vor-Wissen, meine Vor-Urteile, meine Bewertungen zurückstelle. Nur so bekomme ich ein „offeneres Ohr“ für den Anderen. Und: Sprache ist so unglaublich missverständlich. Deshalb ist es gut, immer wieder nachzufragen: wie meinst du das? Oder zu wiederholen: meinst du das so? Habe ich dich recht verstanden, dass … ?

Dieses „offene Ohr“ erlebt der Gottesknecht als Geschenk, das aus seiner Gottesbeziehung heraus folgt. Es ist ein Geschenk seiner Vertrauens-Beziehung zu seinem Gott. Aus dem Hören auf das Wort Gottes folgt alles weitere: Und so haben wir zu Beginn unseres Gottesdienstes gesungen: „Er weckt mich alle Morgen, er weckt mir selbst das Ohr …“

Nun gibt es immer wieder Störgeräusche, die diese Vertrauens-Beziehung erschüttern, ja unterbrechen. Sie stammen aus unverdauten Gefühlen des Ausgeliefert-Seins, der Hilflosigkeit, des Verzweifelt-Seins. Wer diese Gefühle in sich nicht halten kann, der wird haltlos. Und er wird verführbar. Der Nährboden für die großen Hetz-Redner der Geschichte wie der Gegenwart ist stets die Verzweiflung, die Armut, die Bedürftigkeit der Menschen. Deshalb ist das Auseinanderfallen von arm und reich in unserer westeuropäischen Gesellschaft so gefährlich.

Für unseren Propheten jedoch gibt es einen Halt, der offenbar stärker ist als alle Anfechtung: „Ich bot meinen Rücken dar denen, die mich schlugen, und meine Wangen denen, die mich rauften. Mein Angesicht verbarg ich nicht vor Schmach und Speichel. Mir hilft ER, darum werde ich nicht zuschanden. Darum hab ich mein Angesicht hart gemacht wie einen Kieselstein.“

Und woraus quillt dies alles? Aus seinem unerschütterlichen Gottvertrauen.

Dies ist der Grund, auf dem Jesaja steht. Oder anders: Jesaja ist radikal der Wahrheit verpflichtet. Er glaubt und vertraut, dass es eine Wahrheit gibt, die alleine Bestand hat.

Dieses Vertrauen verknüpfe ich mit unserem Wochenspruch: „Der Menschensohn muss erhöht werden, damit alle, die an ihn glauben, das ewige Leben haben!“ Ich denke dabei nicht an erster Stelle an ein späteres, jenseitiges Leben – ich denke an ein starkes Leben im Hier und Jetzt. Und ich denke dabei an die Bedeutung der vertikalen Achse. „Erhöhung“ – das ist der aufrechte Gang, das ist ein Leben, das mit beiden Beinen auf dem Boden der Realität steht und mit dem Scheitel auf Gott hin sich ausrichtet. Es ist ein aufgespanntes und ausgespanntes Leben – im jeweiligen Alltag der Gegenwart. (Nur in Klammern: Auch dieses Bild hat einen alttestamentlichen Hintergrund: es ist die kupferne Schlange, die Moses machen und an einer Stange anbringen musste: sie war lebensrettend für diejenigen, die von einer Schlange gebissen worden sind. Und noch einmal in Klammern: das hebräische Wort für Schlange: „nachasch“ hat denselben Zahlenwert wie das Wort „Messias“. Damit verbindet sich der homöopathische Gedanke des „Heilens mit Gleichem.“)

Aber zurück:

In meinen Ängsten und Unsicherheiten schrumpft mein Leben – es wächst gleichsam nach unten. So drehe ich mich immer mehr um mich selbst, kann die Weite und Freiheit meiner Lebendigkeit nicht mehr spüren. „Krieche am Boden wie eine Schlange“. Ein Leben, das kräftig ist, spannt sich auf. Eine gute innere Spannung drückt sich sogar im Körperlichen aus. Und in dieser Haltung sage ich zu meinen Feinden wie Morpheus zu Mr. Smith: „Komm!“ Oder mit den Worten Jesajas: „Wer will mein Recht anfechten? Der komme her zu mir!“ Das ist genau der Mut, den wir brauchen. Ein Mut, der aus dem Gott-Vertrauen wächst. Und nur daraus!

Allerdings: dies alles lässt sich nicht machen!!! Hier ist die Macht, das Machbare an ihr Ende gekommen. Dies ist der Grund, dass Jesaja und Jesus und all die bekannten und namenlosen Anderen von den Mächtigen so gehasst worden sind. Und gehasst werden. Sie alle leben der „Macht“ vor, dass sie sich von ihr nicht „bemächtigen“ lassen. Und sogar wenn sie getötet werden – wie Jesaja oder Jesus – so siegt doch die Freiheit des Lebens. Und des Denkens.

Und darauf läuft es einmal mehr hinaus: wird Gott verwendet für Macht und Machbarkeit? Dann landen wir bei einem Missbrauch von Religion, von Gott. An der Stelle der Weite und Freiheit der Wahrheit ist die Enge eines Regimes getreten.

Oder steht Gott für die letzte, unerkennbare, unverfügbare von niemand und niemals in Besitz nehmbare Realität des Seins?

Fühle ich mich dieser Wahrheit, fühle ich mich diesem Gott verpflichtet, dann wird es dunkel in mir. Dann verliere ich alles, woran ich meinte, mich festhalten zu können. Und gerade so werde ich selbst zu Gottes Knecht, „der im Finstern gehen kann, wo ihm kein Strahl ist; er verlässt sich auf SEINEN Namen, er stützt sich auf seinen Gott.“ – und auf sonst nichts, oder mit Theresa von Avila: „solo dios, basta!“ AMEN.

Osterpredigt 2018

Montag, 2. April 2018

Predigt über 1. Samuel 2,1-2. 6-8a an Ostern 2018

Liebe Gemeinde,

je älter ich werde, desto befremdeter bin ich von uns Menschen. Und wenn es mir gar nicht gut geht, möchte ich eigentlich kein Mensch mehr sein.

Der Tod ist ein Meister aus Deutschland“ hat Paul Celan in seiner berühmten Todesfuge 1945 gedichtet.

Zerstörung ist eine Meisterschaft jener Lebewesen, die sich selbst Menschen genannt haben.“

Dieser Satz drängt sich mir auf, wenn ich alltäglich Nachrichten lese. Und ich könnte jetzt unzählige Beispiele aufführen für die Zerstörung von natürlichen Lebensräumen, für die Zerstörung von Lebewesen, für die Zerstörung von freiheitlichen Gedanken, für die Zerstörung von Menschen, die versuchen, konstruktiv Opposition zu machen, sich zu wehren, aufzuklären. Und ich lasse nicht gelten, wenn es heißt: die Dinosaurier sind auch ausgestorben, klimatische Katastrophen wie Vulkanausbrüche oder Meteoriteneinschläge gehören nun mal zu diesem Planeten dazu. Der große Unterschied ist: der Klimawandel, das Artensterben, das Insektensterben der Gegenwart ist Menschen gemacht. Es ist KEIN Schicksal. Es ist die Konsequenz der Blödheit von uns Menschen. Unseres Unvermögens, über den Tellerrand von Gier, Habsucht, Ehrgeiz, Neid, Eitelkeit hinaus zu schauen. Und auch die Armut vieler unserer Mitmenschen mag zwar individuell als Schicksal erlebt werden – aber auch sie ist ebenfalls letztlich von uns Menschen gemacht.

Sie können mich jetzt völlig zu recht darauf hinweisen, dass heute Ostersonntag ist. Und dass meine Aufgabe als evangelischer Pfarrer es ist, eine vernünftige Osterpredigt zu halten. Predigen – lateinisch: „praedicare“: „öffentlich ausrufen, preisen, rühmen“. Meine Aufgabe ist es, die „gute Nachricht“, das Eu-Angelion zu verkünden. Die gute Nachricht, dass dieser Mann aus Nazareth, als Verbrecher hingerichtet, dass der lebendig ist, dass seine Predigt weiterwirkt, dass, wer sein Leben diesem Jesus aus Nazareth anvertraut und versucht, mit ihm durchs Leben zu gehen: dass der ebenfalls lebt! Dass seine Lebendigkeit hinein strahlt in mein Leben.

Und dass mit und durch diese Lebendigkeit die Maßstäbe dieser Welt nachhaltig erschüttert sind.

Nach menschlichem Ermessen ist dieser Jesus tot, sind seine Predigten nicht lebenswert, sind bestenfalls schöne Utopie: „… liebe deine Feinde, wer ohne Schuld ist, werfe den ersten Stein, lass die Toten die Toten begraben, wer sein Leben behalten will, der wird es verlieren… was nützte es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und doch Schaden nähme an seiner Seele …“

Nach menschlichem Ermessen sieht man am Schicksal dieses Jesus aus Nazareth, wo man mit derart subversiven Gedanken landet: am Galgen, in der Gemeinschaft der Verbrecher.

Erste Erkenntnis meiner Osterpredigt: wer ein zufriedenes, gemächliches Leben sucht, dem sei empfohlen, sich von diesem Jesus aus Nazareth fern zu halten. Diesen Rat hat denn auch die christliche Kirche in trauter Ökumene befolgt und aus einem Outlaw jemanden zum Her-Zeigen gemacht, jemanden, auf den man mit Fug und Recht stolz sein kann.

Das Markusevangelium ist das älteste der vier in den Kanon aufgenommenen Evangelien. Es endet mit dem (vorhin gehörten) Satz: „„Und sie (die Frauen) gingen hinaus und flohen vor dem Grab; denn Zittern und Entsetzen hatte sie ergriffen. Und sie sagten niemand etwas, denn sie fürchteten sich.“

Zweite Erkenntnis: Furcht und Zittern, ja Entsetzen sind wesentliche Bestandteile wirklichen Glaubens. Glaube, wenn er denn den Namen Glaube als „Vertrauen“ verdient: ist die Kraft in mir, diese entsetzlichen Gefühle der Angst zu halten: und halten heißt zuallererst: aushalten. Ich bewundere unsere Zeitgenossen in China, in Russland, in Tschechien, in Amerika, die es wagen, aufdeckend journalistisch tätig zu sein. Sie sind Leidensgenossen Jesu – selbst dann, wenn sie bekennende Atheisten sind.

So weit – so gut!

Aber zurück zu Ostern: Gab es da nicht noch etwas?

Tod wo ist dein Stachel – Hölle, wo ist dein Sieg?“

Wir Christen sind doch die „Narren in Christus“ (Paulus), die am Ostermorgen den Tod auslachen! Oder etwa nicht?

Ein Prediger auf der Suche nach Osterfreude – so könnte ich meine augenblickliche Situation beschreiben.

An dieser Stelle wende ich mich unserem Predigttext zu. Vielleicht hilft er mir/uns weiter.

Mein Herz ist fröhlich in dem Herrn …“ damit beginnt er. Immerhin!

Wie kam es zu diesem fröhlichen Herzen?

Hören Sie selbst:

2,1 Und Hanna betete und sprach:

Mein Herz springt fröhlich zu DIR, mein Scheitel erhebt sich zu DIR. Weit auf tut sich mein Mund über meinen Feinden, ja, ich freue mich deiner Befreiung.

2,2 Keiner ist heilig wie DU;

ja, keiner ist da ohne dich, keiner ein Felsen wie unser Gott.

2,5 Lasst Euer hochmütiges Reden sein, wie es frech Eurem Mund entfährt. Denn ER ist ein Gott des Wissens; bei ihm werden die Taten abgewogen.

2,6 ER tötet und belebt,

senkt zur Gruft, lässt entsteigen,

2,7 ER enterbt und begütert,

erniedert und hebt auch empor.

2,8 Auf richtet vom Staub er den Armen, den Dürftigen hebt er vom Kot,

sie zu setzen neben die Edlen, übereignet den Ehrenstuhl ihnen.

Ja, SEIN sind die Säulen der Erde, auf sie hat er den Weltkreis gestellt. (Übersetzung von M. Buber)

Liebe Gemeinde,

mein Herz springt fröhlich zu DIR, mein Scheitel erhebt sich zu dir!“ Damit beginnt Hannas Lobgesang. Hanna war die eine der beiden Frauen des Elkana. Sie stand im Schatten der Anderen, der Peninna: die hatte Kinder, Söhne und Töchter – Hanna aber konnte nicht schwanger werden. Dies trug ihr den Spott der Anderen, den Spott der Peninna ein. „Wer der Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen!“

Da tut Hanna ein Gelübde: Falls sie einen Sohn bekommen wird, so betet sie, wird sie ihn Gott weihen! Daraufhin gebiert sie Samuel.

Das schaut nach billiger Freude aus: als wäre ihre Freude nichts weiter als Ausdruck dessen, dass ihr Herzenswunsch in Erfüllung gegangen ist. Sie hat einen Sohn bekommen, einen großen Sohn und Propheten: Samuel mit Namen. Samuel, das heißt „der von Gott Erbetene“ oder auch „der von Gott Erhörte“.

Hannas Freude ist aber keine billige Freude. Hinter Hannas Freude steht ihre Entwicklung. Sie hat erkannt, anerkannt, dass Leben kein Besitz ist.

Dritte Erkenntnis: Leben ist ein Geschenk. Ich kann es mir nicht selbst geben. Alles, was ich kann, ist, es mir zu nehmen. Es zu zerstören.

Die Machthaber können und wollen nicht einsehen, dass es eine Wirklichkeit gibt, da reicht ihre Macht nicht hin. Leben lässt sich nicht „machen“. Das wollen sie nicht wahr haben. Und so müssen sie die ihnen anvertrauten Menschen besitzen. Das ist der Stoff, aus dem die Tragödien innerhalb der Familien und innerhalb von sozialen Gemeinschaften gewebt ist: „du gehörst mir!“ Im Deutschen gibt es das schöne Wort „sich des Anderen bemächtigen.“ Da steckt die Macht drin: „und bist du nicht willig, gebrauch‘ ich Gewalt!“

Demokratie ist die unglaubliche Errungenschaft von uns Menschen, eine Möglichkeit zu finden, diesen Bemächtigungstendenzen Einhalt zu gebieten.

Die Würde des Menschen ist unantastbar!“ Mehr noch: „Die Würde des Lebens ist unantastbar – auch und gerade des nicht-menschlichen Lebens.“ Ich bin kein militanter Vegetarier oder Veganer – aber ich bin der Meinung, dass wenn ich schon Fleisch esse, es in dem Bewusstsein tue, dass jemand sein Leben für mich geopfert hat. Und ich möchte, dass dieses Leben sein Leben in Würde – wir sagen dazu „artgerecht“ – leben durfte. Von daher lehne ich lebensverachtende Massentierhaltung ab.

In Hannas Lobgesang wird auch deutlich, wie schwer es ist, genau da loszulassen, wo ich in der Tiefe verletzt worden bin: „Weit auf tut sich mein Mund über meinen Feinden!“ Natürlich ist das Genugtuung für die vielen Schmähungen und Beleidigungen, die die kinderlose Hanna von ihrer Nebenbuhlerin, der mit Kindern gesegneten Peninna zu ertragen hatte. Genugtuung ist nahe liegendes, ein verständliches Gefühl. Und sie ist gefährlich: ist sie doch eine wesentliche Quelle für den Einsatz von Gewalt. Hinter dem Drang ja Zwang nach Genugtuung steckt die erlittene Verletzung. Und eine gewaltbereite Stimme, die sagt: „das darfst du dir nicht bieten lassen!“ Die sogenannten „Populisten“ der Gegenwart wie der Geschichte fangen ihre Wähler mit genau diesen Parolen. „Lasst Euer hochmütiges Reden, wie es frech Eurem Mund entfährt“ – dieser Satz lässt sich leicht und alltäglich beziehen auf das Gerede und Getwittere derer, die mit ihren Polarisierungen auf Stimmenfang gehen.

Wer in diesen Stimmen, in diesem Denken gefangen ist, für den gibt es kein Verzeihen und keine Vergebung. Für ihn gibt es nur: Genugtuung und Rache. Und ohne verzeihen und vergeben gibt es kein Los-lassen, keine Lösung.

Aber auch wenn Hanna in ihrem Lobgesang gegen ihre Nebenbuhlerin stichelt – eines kann sie: ihr eigenes Kind, ihren Sohn loslassen. Sie muss ihn nicht besitzen, nicht als Trophäe ihres Triumphs gegenüber der anderen Frau verwenden. Sie kann sich einfach nur freuen.

Sie muss ihren Sohn nicht für ihre eigenen ungelösten Probleme missbrauchen. Glücklich das Kind, das in dieser Freiheit mit Eltern aufwachsen darf, das Erleben darf, dass Raum da ist, für seine ganz eigene Entwicklung, für seinen ganz eigenen Weg. Und glücklich die Eltern, die dieses Wagnis eingehen: ihre Kinder wirklich in der Tiefe loszulassen und mit ihrem Vertrauen und ihrer Liebe zu begleiten – und nicht mit ihren Ängsten, Vorwürfen und Misstrauen zu verfolgen.

Khalil Gibran hat dazu gesagt: „Eure Kinder sind nicht Eure Kinder. Sie sind die Töchter und Söhne der Sehnsucht des Lebens nach sich selbst. Sie kommen durch Euch aber nicht aus Euch, und sind sie auch bei Euch, so gehören Sie Euch doch nicht!“

Ich freue mich deiner Befreiung!“ betet Hanna. „… deines Heils“ übersetzt M. Luther. Das ist dasselbe: indem ich mich als „ganz“ als „unversehrt“ als „heil“ auf der Welt erlebe, bin ich befreit von meinen hässlichen Gedanken, von meinem Misstrauen, von meiner Gier, von meiner Eitelkeit …

Ich bin befreit für die liebevolle Hingabe an das, was ist – an die Wirklichkeit. Gott ist ein Gott der Gegenwart, sagt Meister Eckhart – und Ausdruck der Gegenwart ist das, was wirkt, was wirklich ist. Der Weg, sich mit dieser „letzten Wirklichkeit“ zu verbinden führt in die Unterwelt des eigenen Unbewussten, wo die Dämonen der Vergangenheit ihr Unwesen treiben. „Hinab gestiegen in das Reich des Todes“ – heißt: da hinkommen, wo ich so gar nicht hin will: wo meine Verletzungen und meine Enttäuschungen sind, wo meine Trauer wohnt und meine Resignation – aber auch mein Hass und meine Rachsucht.

Vierte Erkenntnis: Der Weg in die eigene Freiheit erfordert viel Mut.

Jesus Christus spricht: ich war tot und siehe ich bin lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit und habe die Schlüssel des Todes und der Hölle.“ Dieses Wort steht über unserem heutigen Ostergottesdienst. In Verbindung mit Christus – und durch die Taufe sind wir untrennbar mit ihm verbunden – haben wir, hat jeder von uns die Schlüssel zu seiner eigenen Hölle in der Hand. Die Hölle – das sind nicht die Anderen – die Hölle, das bin ich selbst, indem ich mich von meinem eigenen so und nicht anders gewordenen, verlaufenen Leben abwende. So gesehen ist der „Herr der Hölle“, der Teufel, ein armer Teufel: hat er doch keine Ahnung davon, was es heißt zu lieben: sich dem, was und wie es ist zuzuwenden. (Diesen wunderschönen Gedanken verdanke ich – wie so Vieles – Theresa von Avila.)

Liebe Gemeinde,

durch Jesus Christus verfügen wir über den Schlüssel zu unserem Tod und zu unserer Hölle. Damit sind wir auch in der Lage, uns aus unserem Gefängnis zu befreien. Hierzu eine alte Geschichte aus der Tradition des Sufis:

Ein Zinnschmied war zu Unrecht ins Gefängnis gesperrt worden und auf scheinbar wunderbare Weise daraus entflohen. Jahre später wurde er gefragt, wie ihm seine Flucht gelungen sei. Er erzählte: Die Befreiung verdanke ich meiner Frau. Sie ist Weberin. Sie hat den Bauplan des Zellenschlosses in den Teppich hinein gewebt, auf dem ich meine Gebete fünf Mal täglich verrichte. Als ich erkannte, dass in dem Teppich das Schloss meines Gefängnisses hinein gewebt ist, traf ich mit meinen Gefängnisaufsehern eine Absprache. Sie sollten mir Werkzeug bringen und ich würde damit kleine Kunstgegenstände anfertigen, die sie mit Gewinn verkaufen könnten. Sie ließen sich darauf ein – und ich machte von den Werkzeugen die Kunstgegenstände aber auch einen Schlüssel für das Schloss meiner Gefängnistüre. Und so wurde ich frei.“

Ich wünsche Ihnen, liebe Gemeinde, dass Sie das heutige Ostern als das Fest Ihrer Befreiung erleben und feiern dürfen. Ich wünsche Ihnen den MUT zu erleben, dass der Auferstandene immer da wirkt, wo die Liebe keimt. Jene Liebe, die auch Sie umfängt und ihren Nachbarn und ihren Nächsten und Über-Nächsten. Und – man sollte es nicht glauben – in dem Licht dieser Liebe des Auferstandenen bleibt auch an meinem Todfeind noch etwas Liebenswertes.

Das alles geht freilich nur, indem ich den Mut in mir finde darauf zu vertrauen, dass ich selbst in meinem kleinen, endlichen, fehlerhaften Leben mit seinen Irrungen und Wirrungen von Gott so gemeint bin, wie ich geworden bin.

Und dass das vor Gott in Ordnung ist. Schwer in Ordnung, AMEN.

Predigt über Jesaja 29, 17 – 24 am 12. Sonntag nach Trinitatis 2017

Montag, 4. September 2017

Liebe Gemeinde,

der Abschnitt unseres heutigen Predigttextes, einem Wort aus dem AT, ist in der neuen Lutherbibel überschrieben mit: „Die große Wandlung“.

Die Wortfamilie von „Wandlung“ ist “winden“. Eine Wand war ursprünglich etwas „Gewundenes“ etwas „Geflochtenes“. „Wandeln“ bedeutet ursprünglich, etwas immer wieder hin und her wenden. Wie ein guter Brotteig immer wieder hin und her geknetet werden muss. S. Freud nennt das „Durcharbeiten“. Wandlung setzt also die Fähigkeit voraus, sich geduldig auf einen Prozess einzulassen, in dem etwas immer wieder hin und her bewegt wird. Bis es schließlich „so weit ist“. „So weit“ heißt im Bild des Brotteiges: dass der Teig nunmehr in den Backofen kommt – „so weit“ heißt im übertragenen Sinne, dass eine wohl-überdachte Handlung ausgeführt wird.

Wandlung vollzieht sich in einem eigenen Rhythmus – der viel langsamer ist, als unser Zeitgeist das wahrhaben will. Das Gegenteil zu Wandlung ist ein schneller Reflex. Eine nervlich bedingte Muskelzuckung. Oder auch Entladung. „Das musste jetzt raus“, heißt es dann. Was „raus muss“ ist meist eine Art „Blähung“ – die nichts mit einem ruhigen, besonnenen Gedanken zu tun hat. Durch die neuen Medien finden derartige Blähungen massenhaft Verbreitung und verpesten die Umwelt.

Was ist nun die große Ver-Wandlung, von der der Prophet Jesaja vor über 2500 Jahren spricht?

17 Wohlan, es ist noch eine kleine Weile, so soll der Libanon fruchtbares Land werden, und was jetzt fruchtbares Land ist, soll wie ein Wald (Garten) werden.

18 Zu der Zeit werden die Tauben hören die Worte des Buches, und die Augen der Blinden werden aus Dunkel und Finsternis sehen;

19 und die Elenden (Demütigen) werden wieder Freude haben am HERRN, und die Ärmsten (Dürftigen) unter den Menschen werden fröhlich sein in dem Heiligen Israels.

20 Denn es wird ein Ende haben mit den Tyrannen (Wüterich) und mit den Spöttern aus sein, und es werden vertilgt werden alle, die darauf aus sind, Unheil anzurichten,

21 welche die Leute schuldig sprechen vor Gericht und stellen dem nach, der sie zurechtweist im Tor, und beugen durch Lügen das Recht des Unschuldigen.

22 Darum spricht der HERR, der Abraham erlöst hat, zum Hause Jakob: Jakob soll nicht mehr beschämt (schambleich) dastehen, und sein Antlitz soll nicht mehr erblassen.

23 Denn wenn sie sehen werden die Werke meiner Hände – seine Kinder – in ihrer Mitte, werden sie meinen Namen heiligen; sie werden den Heiligen Jakobs heiligen und den Gott Israels fürchten.

24 Und die, welche irren in ihrem Geist, werden Verstand annehmen, und die, welche murren, werden sich belehren lassen. („Die Geistestaumeligen werden den Sinn erkennen und die Hetzer Vernunft erlernen.“) Kursiv: Übersetzung von Martin Buber

Liebe Gemeinde,

träum‘ weiter!

Das war meine spontane erste Reaktion auf diesen Text.

In Träumen kann ich mir die Welt, mein Leben schön träumen. Es gibt Menschen, die verbringen viel Lebenszeit mit Tagträumen. Meistens kommen sie irgendwie groß raus in ihren Träumen, sind Rächer der Schwachen, ziehen die vermeintlich Bösen zur Rechenschaft. Oder finden einen Retter, der sie aus allem Ungemach erlöst.

Ich vermute, dass gerade in den Religionen viele solcher Tagträume untergebracht sind. Sie stabilisieren den eigenen Wert, geben dem Leben Sinn.

Die Frage ist nur: mit wieviel Bestand?

Für die Frage nach dem Bestand – nach dem was besteht auch und gerade in der Krise, im Zweifel – ist es hilfreich, Tagträume von echten, aus dem Unbewussten stammenden Nachtträumen zu unterscheiden. Tagträume eignen sich nicht für die Realität und ihre Bewältigung. Tagträume zerschellen an der Wirklichkeit wie eine Seifenblase, die unsanft auf dem Boden der Tatsachen landet. Tagträume sind dafür gemacht sich abzulenken. Eine Art Narkotikum. Tagträume eignen sich dazu, sich zu entziehen.

Echte Nachtträume hingegen haben den Charakter völliger Überraschung. War wirklich ich das, der das heute Nacht geträumt hat? Gute Träume sind nicht vorhersehbar. Sie sind verschlüsselt. Deshalb ist es naheliegend, sie als „Non-Sense“, als „sinnlose Entladungen des Gehirns“ einzuordnen.

Die moderne Wissenschaft hat es nämlich nicht gerne, wenn sie etwas nicht versteht.

Liebe Gemeinde,

man hat unseren heutigen Predigttext eine Vision genannt. Vision heißt, jemand sieht in eine Zukunft, die Wirklichkeit werden wird. Diese Zukunft kann angenehm sein, sie kann unangenehm sein. Entscheidend ist: der Visionär ist sich dessen, was er sieht, sicher.

Lassen Sie uns im Einzelnen anschauen, was Jesaja in seiner Vision sieht.

Das Besondere an dem Text Jesajas ist es, dass er Wandlungen beschreibt – ohne zu bewerten. Es gibt keine Strafe, es ist keine Rede vom „Zorn Gottes“, den die „Frevler“ zu spüren bekommen. Nein – die Gedanken Jesajas haben auch etwas sehr Schlichtes: sie beschreiben eine verwandelte Wirklichkeit.

Wohlan, es ist noch eine kleine Weile …“

Wörtlich heißt es: „Ist es nicht nur ein winziges Wenig…“ Also: es steht unmittelbar bevor. Und was?

Zunächst: die Verwandlung der Natur: man hatte den Karmel abgeholzt – und das Holz für den Schiffsbau verwandt, Umweltzerstörung nennen wir das heute –

noch eine kleine Weile, es wird wieder Wald sein, und wo jetzt Wald ist, wird Garten sein. Dies geschieht natürlich nicht von selbst, sondern durch Menschen, die eine neue Haltung zur Natur, zur Schöpfung gefunden haben werden. So ist es schlüssig, dass die nächste Wandlung, die genannt wird, eine Wandlung der Menschen ist:

Die Tauben werden die Worte (der Heiligen Schrift, also Gottes Wort) hören und aus Dunkel und Finsternis hervor werden die Augen der Blinden sehen.“

Wir haben vorhin im Evangelium die Heilung des Taubstummen gehört. Die große (Ver-)Wandlung, um die es geht, ist eine Heilung. Heilen heißt wörtlich: „ganz machen“. Un-heil ist Zerteiltes, Zersplittertes, Fragmentiertes. Wir Menschen, unsere Seele, trägt eine tiefe Sehnsucht nach Ganzheit. Ausdruck der letzten und tiefsten Ganzheit aber ist Gott selbst. So trägt unsere Seele eine tiefe Sehnsucht nach Gott: „ruhelos ist unser Herz, bis es Ruhe findet in dir …“ sagt der Heilige Augustinus in seinen Bekenntnissen.

Zu Ganz-sein oder „heil-sein“ gehört auch eine gute, eine gerechte Gesellschaftsordnung. In ihr haben die verbreiteten Mauscheleien, die Idealisierung von Steuerhinterziehung und Schwarzarbeit, überhaupt das Lügen und Betrügen keinen Platz. In ihr haben auch jene Tyrannen keinen Platz, denen es nicht um eine gute, soziale Gemeinschaft geht, sondern um die Ausbreitung ihrer Macht und ihres Einflusses. Damit verlieren die Spötter ihre Daseinsberechtigung. Die Armen bekommen wieder Freude am Leben: sie sind nicht länger am Rande der Gesellschaft. Und deren Geist verwirrt ist, die „taumeln im Geiste wie Betrunkene“, sie werden Sinn erkennen. Und die, die nur Propaganda machen, „die Hetzer“, sie werden zur Vernunft kommen.

Tja, liebe Gemeinde,

ist das wirklich eine Vision? Was würde Jesaja wohl dazu sagen, wenn er die Geschichte von uns Menschen kennen würde – diese 2500 Jahre nach seiner Vision? Dass er sich leider getäuscht hat, der Wunsch der Vater seiner Gedanken gewesen ist?

Was würde Jesaja zu unserer Wirklichkeit wohl sagen? Dazu, wie die Propagandisten und Populisten wieder Zulauf bekommen, wie die Welt voll Unrecht, Ungerechtigkeit und Lügen ist? Wie selbstverständlich uns der eigene Vorteil ist und damit verbunden das Tricksen und Schummeln? Dazu, wie wir die Natur ausbeuten und weiter das Billigfleisch beim Lidl kaufen? Oder die Kaffee-Tabs aus Aluminium?

Was würde Jesaja zu meinen eigenen Wandlungen und Verwandlungen sagen? Dazu dass mein Körper täglich älter wird, meine Haut faltig, meine Haare grau. Dass ich häufiger müde und erschöpft bin. (Ich vermute, jeder von uns kann mit dieser Aufzählung mühelos fortfahren.)

Nun – Jesaja würde vielleicht sagen: da hast du etwas Wichtiges missverstanden. Mir geht es nicht darum, eine heile Welt zu malen, um damit von dem Leid der Gegenwart abzulenken. Das wäre ein Tagtraum, ein Narkotikum. Dann hätte Karl Marx recht, wenn er sagt: Religion ist Opium für das Volk.

Nein – mir geht es um etwas anderes:

Mir geht es um die Möglichkeit, dass du dich und deine Haltung zur Welt ändern kannst. Ich möchte dir eine andere, verwandelte Blickrichtung aufzeigen. Eine Perspektive, die nicht vom Negativen ausgeht. Ich möchte dir eine Perspektive zeigen, von der ich meine, dass sie heilsam ist: für deinen Körper, für deine Seele und für deinen Geist. Weil sie auf das Ganze ausgerichtet ist – und nicht nur auf Teile.

Meine Perspektive heißt: schau dir an, was möglich ist. Schau dir an, was du alles verändern kannst. Zum Guten, zum Ganzheitlichen hin. Und dann – verwirkliche es! Und zwar heute!

Du kannst jede Minute umkehren.

Du kannst jede Minute dein Denken verwandeln.

Du kannst jede Minute deine Haltung zum Leben verwandeln.

Unter einer Bedingung: dass du genug unter deiner bisherigen Haltung unter deinem bisherigen Denken leidest. Dass du die Nase voll hast von deinen Tricksereien und deinen (Selbst)-Täuschungsmanövern. Dass du keine Lust mehr hast, dir selber dauernd etwas vorzugaukeln.

Ohne Sehnsucht nach Neuem, nach Verwandlung gibt es keine Veränderung.

Wenn du ein Schiff bauen willst, so trommle nicht Menschen zusammen, um Holz zu beschaffen, Werkzeuge vorzubereiten, Aufgaben zu vergeben und die Arbeit einzuteilen, sondern lehre die Menschen die Sehnsucht nach dem weiten, endlosen Meer.“ (Aus: Saint Exupéry „Die Stadt in der Wüste“).

Das gilt im übrigen auch für einen guten Kirchenvorstand, für einen guten Pfarrer: wenn du eine Gemeinde bauen willst, dann trommle nicht die Leute zusammen und verteile Aufgaben – sondern lehre sie die Sehnsucht nach der unendlichen Güte, Liebe und Barmherzigkeit Gottes.

Indem ich die Sehnsucht nach Gott lehre, geschieht eine allmähliche Verwandlung der Herzen.

Die heilsame Bewegung hin zu Ganzheit (zu Gott) ist eine integrative Bewegung. Sie schließt ein – und nicht aus. Und in dieser Bewegung kommt das Verschiedene auf einen guten Platz. Ein guter Platz ist ein solcher, an dem ich dem Anderen nichts wegnehme. Auch nicht dem Staat, der auch sein Teil – genannt Steuern – bekommt. Würde jeder auf seinem eigenen Platz sitzen und damit zufrieden sein, wäre die Verwirklichung der Vision Jesajas zum Greifen nahe.

Die Fähigkeit, wirklich meinen ganz eigenen, einmaligen Platz einzunehmen, bedeutet, dass ich alleine sein kann. Auf meinem Platz kann nur ich sitzen niemand sonst. Meinen Lebensrucksack kann nur ich tragen: niemand sonst.

In der Tiefe sind alle Konflikte, die wir mit unseren Mitmenschen haben, Trennungs-Konflikte. Unsere „Enttäuschungen“ über Andere sind nichts als ein Ausdruck davon, dass wir nicht ertragen können, dass und wie der Andere denkt und lebt. Da ist es gut, sich zu fragen: wofür verwende ich eigentlich gerade den Anderen? Bekämpfe ich gerade etwas in ihm, was eigentlich zu mir gehört? Was ich aber unter gar keinen Umständen bei mir entdecken möchte?

Liebe Gemeinde,

der Weg zu Ganzheit, zu Heilung führt immer tiefer hinein in das Annehmen dessen, was gerade ist. In sein Werden und sein Vergehen. Ohne wenn und aber.

Gebe Gott, dass wir diesen Weg alltäglich suchen, finden und zu gehen lernen – bis schließlich unser Herz zur Ruhe kommt im Frieden Gottes, der höher ist als unser Denken und Predigen, AMEN.