Archiv der ‘Predigten’

Predigt über Matthäus 20, 1- 16 am Sonntag Septuagesimä 2020

Montag, 10. Februar 2020

Liebe Gemeinde,

Mensch ist das ungerecht!“

Ich vermute, jedem von uns würde schnell eine Geschichte einfallen, in der er sich ungerecht behandelt gefühlt hat.

Auch die „Arbeiter im Weinberg“, über die heute zu predigen ist, beschweren sich: „Da haben wir uns den ganzen Tag in der Hitze für dich geplagt und bekommen genauso viel Lohn wie jene, die gerade mal eine Stunde gearbeitet haben.

Mensch, ist das ungerecht!“

Und die nüchterne Antwort: „Mein Freund, ich tu dir nicht Unrecht. Bist du nicht mit mir einig geworden über einen Silbergroschen? Nimm, was dein ist, und geh! Ich will aber diesem Letzten dasselbe geben wie dir. Oder habe ich nicht Macht zu tun, was ich will, mit dem, was mein ist? Siehst du darum scheel, weil ich so gütig bin?“

Ein „Silbergroschen“ entsprach damals ungefähr dem Geld, das eine vierköpfige Familie benötigt, um zufrieden leben zu können. Also ein fairer Preis.

Nun ist es eine Verführung, das Gleichnis dafür zu verwenden, um über Gerechtigkeit

nachzudenken. Es geht nur vordergründig um die Frage, ob Gott gerecht ist.

Im Hintergrund steht ein anderes Thema, über das selten laut gesprochen wird. Ein Thema, das umrankt ist von Schamgefühlen. Weshalb es auch so schwer ist, sich, dass es auch mich betrifft: Es geht um NEID!

„Siehst du darum scheel, weil ich so gütig bin?“ „Scheel“ ist ein altes Wort und bedeutet so etwas wie: ‚Eine auf Missgunst, Neid, Misstrauen oder Geringschätzung beruhende Ablehnung; sie drückt Feindseligkeit aus.‘

Neid und Gier gesellt sich gerne. So ist man sich nicht selten darin einig, wie „ungerecht das hier alles ist“. „Wie ungerecht man selbst behandelt wurde, behandelt wird. Und dass man gar nicht einsieht, die Steuern zu zahlen, die zu zahlen sind, Und dass Schwarzarbeit doch jeder macht … Und überhaupt: Sollen doch erst mal die Anderen!“

Ich behaupte, diese verbreitete Haltung ist Ausdruck einer Lebens-Haltung. Dahinter steht ein Grund-Gefühl des Zu-kurz-gekommen-Seins. Dieses verschärft sich im Vergleich mit Anderen. Wer mit Geschwistern aufgewachsen ist, oder Eltern von mehreren Kindern ist, weiß wovon ich spreche. Immer soll (abräumen, mit dem Hund spazieren gehen …)

Die pflichtbewussten, -eifrigen Arbeiter (zumeist Erstgeborene) vergönnen ihren Kollegen nicht, dass diese so mühelos und leicht dasselbe bekommen, wie sie, die so lange und hart gearbeitet haben. Der ältere Bruder im „Gleichnis vom verlorenen Sohn“ missgönnt seinem Bruder die liebevolle Begrüßung durch den gemeinsamen Vater. Dahinter steht eine bestimmte Form der Selbst-Gerechtigkeit: „Ich bin der Meinung, dass ich, der ich dies und dies gemacht habe, mich eingesetzt habe usw. was anderes verdient habe. Und zwar etwas Besseres. Mehr Anerkennung, mehr Zuspruch, mehr Geld etc.“ Dieses Gefühl wird „schärfer“ im Sinne von Aggression, wenn ich erlebe, dass ein Anderer, der in meinen Augen weniger „drauf hat als ich“, mir auch noch vorgezogen wird. Das wird dann als „bodenlos“ erlebt.

Wer sich nicht auf den Weg der Selbsterkenntnis macht, fällt in die Falle des „Sich-selber-leid-Tuns“. Es ist unglaublich, wie begabt manche Menschen darin sind, etwas zu finden, wodurch sie sich selbst bemitleiden können. Und wie ärgerlich sie werden, wenn man sie darauf anspricht. Auch des „verkannte Genie“ gehört hierher. Es ist der Meinung, dass ihm grundsätzlich zu wenig Wertschätzung entgegen gebracht wird. Dies führt neben depressiven Gefühlen zu einer inneren Gereiztheit, die dann unschuldige Mitmenschen abbekommen.

Mir steht mehr, Anderes und Besseres zu!“ sagen sie.

Nein, steht dir nicht“, sagt der Weinbergbesitzer, der in unserem Gleichnis natürlich Gott repräsentiert. „Mit deinem selbstgerechten Verdienst-Denken erreichst du bei mir gar nichts.“-

Wir liegen vor dir mit unserm Gebet und vertrauen nicht auf unsere Gerechtigkeit, sondern auf deine große Barmherzigkeit“ heißt es im heutigen Wochenspruch aus dem Buch Daniel. Die mürrischen Arbeiter in unserem Gleichnis vertrauen nicht auf Barmherzigkeit. Sie denken: „Ich weiß doch, was mir zusteht. Und daran hast du dich gefälligst zu halten!“ Solche Gedanken sind Ausdruck eines inneren Gefängnisses.

Meistens ist der erste Schritt beim Verlassen eines Gefängnisses der schwierigste. Der erste Schritt ist die Anerkennung: Meine Wünsche, Erwartungen, Vorstellungen von Gerechtigkeit entsprechen nicht der Wirklichkeit. Indem ich dies anerkenne, kann ich von meinen Vorstellungen und Vor-Urteilen ablassen. Kann aufhören damit, den Anderen/die Wirklichkeit mir so zu „schnitzen“, wie ich meine, ihn/sie zu brauchen.

So und nur so kann sich allmählich mein Gefängnis öffnen. So und nur so entdecke ich in mir die Freiheit, mich um mich selbst zu kümmern. Wenn ich beim Essen das Gefühl habe, mein Tischnachbar hat mehr bekommen als ich und das „voll ungerecht“ finde, dann werde ich mich schwer tun damit, das, was ich bekommen habe, mein Eigenes nämlich, aus vollen Zügen zu genießen. Geschweige denn dankbar darüber zu sein, dass ich überhaupt etwas bekommen habe. Der Neid auf die Anderen frisst meine Fähigkeit zu Dankbarkeit, Zuneigung, Freude am Leben auf.

Dankbarkeit lässt sich nicht herstellen: Sie entsteht von selbst – und zwar, wenn ich aufhöre, auf die Anderen zu „schielen“. („Scheel“ und „schiel“ sind derselbe Wortstamm!) Erst dann wird mir vielleicht bewusst, wie wenig selbstverständlich es ist, dass ich überhaupt lebe, dass ich bis heute überlebt habe.

Die uns vertraute und naheliegende Art zu denken ist kausal: Wenn ich den ganzen Tag gearbeitet habe, dann will ich auch einen anderen Lohn bekommen als jemand, der nur eine Stunde gearbeitet hat. Das ist doch logisch!

Das Gleichnis von Jesus hebelt diese Kausallogik völlig aus.

Darum geht es nicht, sagt der Weinbergbesitzer. Es geht um meine Barmherzigkeit. „Hältst du nicht aus, dass ich so gütig bin?“

Das ist die Frage: Wie viel Großzügigkeit, die mir entgegen gebracht wird, halte ich aus? Oder denke mir schnell: Was will der/die mit seiner Großzügigkeit erreichen? Wo und wie will er mich manipulieren?

Das selbe gilt umgekehrt: Was will ich mit meiner Großzügigkeit erreichen? Jetzt hast du so viel von mir bekommen – dann könntest du aber auch … Sie kennen das.

Also – gibt es so etwas überhaupt: eine zweckfreie Barmherzigkeit?

Der Weinbergbesitzer gibt jedem einen Silberling. „Wie ausgemacht!“ Er denkt in anderen Kategorien als wir Menschen. Er denkt nicht im Verdienst. Dass die, die zuletzt kommen, denselben Silberling bekommen, ist Ausdruck seiner Barmherzigkeit, heißt es. Das Thema ist nicht: Wie gerecht ist Gott – sondern wie viel Barmherzigkeit halten wir aus? Für die „harten Arbeiter“ unter uns ist es eine ganz besondere Herausforderung, eine „Barmherzigkeit“ zu akzeptieren, die sich nicht am Verdienst orientiert. Die „einfach so“ ist. Die keinen Nutzen und keinen Zweck kennt. Die Ausdruck von Freude über die Rückkehr des verloren geglaubten Sohnes ist, die Ausdruck von Großzügigkeit gegenüber jenen Arbeitern ist, die erst später dazu stoßen.

Gott ist kein Arbeitgeber, der nach Leistung und Verdienst abrechnet.

Es geht um die Liebe Gottes, die jedem zuteil werden kann, der sie annehmen kann. Der sie sich schenken lassen kann. Das ist das Paradoxe: Es bedarf auch einer Kraft, sich etwas schenken zu lassen. Das ist die Kraft des Annehmen-Könnens. Ohne Schuldgefühle, ohne das Bedürfnis, sich zu „revanchieren“. Nur wer sich etwas schenken lassen kann, der kann auch geben. Ohne Hintergedanken. Der kann sich mit freuen mit den Anderen: „Wie schön, dass wir alle gemeinsam einen barmherzigen Weinbergbesitzer haben – wir freuen uns für Euch mit!“

Geteilte Freude ist doppelte Freude!“ weiß der Volksmund.

Und das könnte auch unsere Haltung gegenüber Asylbewerben sein: „Wir gut, dass wir in einem Land leben, das sich die barmherzige Zuwendung zu diesen armen Menschen leisten kann!“

Das berühmte „Wir schaffen das!“ entspringt unserer Leistungsgesellschaft. Wie wäre es, wenn wir sagen können: „Wir können uns das erlauben!“

Wir können es uns leisten, großzügig zu sein!

Das Gleichnis endet bei Matthäus mit dem Satz: „Die Letzten werden die Ersten sein!“ Dieses Satz verführt dazu, dass sich genau nichts Grundlegendes ändert. Mein Neid, meine Gier, mein Konkurrenzdenken bleibt erhalten – nur das Ziel hat sich gedreht: Nicht Erster sondern Letzter sein, das ist jetzt „großartig“, das ist das neue „great“. Theresa von Avila hat schärfste Kritik an einem „asketischen Leistungsdenken“ geübt. Der Schlüssel zu diesem Satz ist das „so“: „So werden die Letzten die Ersten und die Ersten die Letzten sein.“ Heißt: Die eifrigen, fleißigen Arbeiter, die als Erste da sind, zerstören ihr eigenes Tun, indem sie selbstgerecht, neidisch und missgünstig werden. Sie haben nicht für Gott, sondern dafür gearbeitet, selber gut da zu stehen. Das ist das Traurige. Und noch eines – darauf hat mich ein aufmerksamer Predigthörer hingewiesen: Es heißt nicht, dass die zuletzt verdingten Arbeiter den ganzen Tag lang faul herumgelungert sind. Sie sagen: „Es hat uns niemand angeworben.“ Das heißt, sie hatten keine Chance, früher zu arbeiten!

Wir vertrauen auf Gottes Barmherzigkeit – das heißt: Mir ist es egal geworden, ob ich Erster oder Letzter oder Mittlerer bin. Mir ist es auch egal geworden, wie ich im Verhältnis zu den Anderen da stehe. Mir ist auch egal geworden, ob ich mich mit dem, was ich sage und predige, beliebt oder unbeliebt mache.

Entscheidend ist nur Eines: Immer tiefer die Liebe und die Barmherzigkeit Gottes in mir zu spüren und aus ihr heraus zu leben. Denn das gilt: Nur was ich in mir spüre, aus dem heraus kann ich auch leben. Wenn ich in mir keine Großzügigkeit, keine Dankbarkeit, keine Barmherzigkeit verspüre, kann ich sie auch nicht ausstrahlen. Da kann ich predigen, soviel ich will!

Politisch entspricht diesem Gleichnis übrigens die Idee einer Grundversorgung oder auch Grundrente – unabhängig von Leistung und Verdienst. Und da unser Gleichnis ein „Reich Gottes“ – Gleichnis ist – „Denn das Himmelreich gleicht einem Hausherrn, der früh am Morgen ausging, um Arbeiter für den Weinberg zu suchen …“ wird jetzt auch klar, wenn Jesus an anderer Stelle sagt: „Eher geht ein Kamel durch das Nadelöhr, denn ein Reicher in das Reich Gottes.“

Wie bedrohlich diese Gedanken des Mannes aus Nazareth waren, wird an seinem Schicksal deutlich. Er hat sich damit nicht beliebt gemacht. AMEN.

„1 Denn das Himmelreich gleicht einem Hausherrn, der früh am Morgen ausging, um Arbeiter anzuwerben für seinen Weinberg.

2 Und als er mit den Arbeitern einig wurde über einen Silbergroschen als Tagelohn, sandte er sie in seinen Weinberg.

3 Und er ging aus um die dritte Stunde und sah andere auf dem Markt müßig stehen

4 und sprach zu ihnen: Geht ihr auch hin in den Weinberg; ich will euch geben, was recht ist.

5 Und sie gingen hin. Abermals ging er aus um die sechste und um die neunte Stunde und tat dasselbe.

6 Um die elfte Stunde aber ging er aus und fand andere stehen und sprach zu ihnen: Was steht ihr den ganzen Tag müßig da?

7 Sie sprachen zu ihm: Es hat uns niemand angeworben. Er sprach zu ihnen: Geht ihr auch hin in den Weinberg.

8 Als es nun Abend wurde, sprach der Herr des Weinbergs zu seinem Verwalter: Ruf die Arbeiter und gib ihnen den Lohn und fang an bei den letzten bis zu den ersten.

9 Da kamen, die um die elfte Stunde angeworben waren, und jeder empfing seinen Silbergroschen.

10 Als aber die Ersten kamen, meinten sie, sie würden mehr empfangen; und sie empfingen auch ein jeder seinen Silbergroschen.

11 Und als sie den empfingen, murrten sie gegen den Hausherrn

12 und sprachen: Diese Letzten haben nur eine Stunde gearbeitet, doch du hast sie uns gleichgestellt, die wir des Tages Last und die Hitze getragen haben.

13 Er antwortete aber und sagte zu einem von ihnen: Mein Freund, ich tu dir nicht Unrecht. Bist du nicht mit mir einig geworden über einen Silbergroschen?

14 Nimm, was dein ist, und geh! Ich will aber diesem Letzten dasselbe geben wie dir.

15 Oder habe ich nicht Macht zu tun, was ich will, mit dem, was mein ist? Siehst du darum scheel, weil ich so gütig bin?

16 So werden die Letzten die Ersten und die Ersten die Letzten sein.

Predigt über Matthäus 3, 13-17 am 1. Sonntag nach Epiphanias 2020

Montag, 13. Januar 2020

Liebe Gemeinde,

welche der Geist Gottes treibt, die sind Gottes Kinder.“ (Röm 8,14)

Mit dieser einfachen und einprägsamen Aussage aus dem Römerbrief begann unser heutiger Gottesdienst. Ich halte diesen Satz für wahr. Ich bin ein Kind, und das heißt ein Abkömmling dessen, was mich (an-)treibt.

Was mich treibt, antreibt, ist das, was mich in der Tiefe bewegt. Es ist die Quelle meiner Lebensenergie. Ist sie versiegt, bin ich „antriebslos“.

Was mich antreibt führt zu einem Gefühl derart: „Ich muss das machen. Ob ich will oder nicht.“ Dieser Satz gilt für alle wahrhaft schöpferischen Menschen: „Ich muss … schreiben … komponieren … erforschen … gestalten … malen …“

Dieser Satz gilt auch für alle Formen von Zwang: Ich muss Ordnung schaffen, ich muss mir die Hände waschen … Was mich antreibt, zwingt mich.

Wenn Sie mögen, können Sie in einer stillen Stunde darüber nachdenken, oder auch sich mit Ihnen nahe stehenden Menschen darüber austauschen: „Was treibt mich eigentlich an?“

Ich finde, es hat etwas Befreiendes, einen Blick „hinter“ das, was mich antreibt zu werfen. Ich weiß aber auch, dass dies nicht „common sense“ – allgemeine Meinung ist. Viele Menschen haben Angst davor, sich so ganz ehrlich kennen zu lernen. Sollte mich meine Geiz antreiben? Oder meine Neid? Oder mein Bedürfnis, bewundert zu werden? Das wären durchaus unangenehme Einsichten.

Und wieder könnte man fragen: Und was steckt dahinter? Warum meine ich, dass ich das und das tun muss? Was würde denn passieren, wenn ich es nicht täte? Welche Art der Verbindung ist das: zwischen mir und dem, was mich antreibt?

Eine Art der Verbindung ist: Ich muss das machen, um Schlimmeres zu vermeiden. Hinter dieser Form des Angetrieben-Werdens steckt pure Angst. Ich hasse z.B. Zahnarzt-Besuche. Aber meine Vernunft sagt mir: Mache eine regelmäßige Vorsorge, damit kannst du Schlimmeres vermeiden. Hier treibt mich meine Angst an. Und meine Fürsorge für meinen eigenen Körper.

Dass jetzt vielleicht doch einige wenige Maßnahmen eingeleitet werden, um der fortschreitenden Erderwärmung Einhalt zu gebieten: Dahinter steht Angst vor dem, was passiert, wenn sich das Klima der Erde weiterhin „erhitzt“. Ich glaube, es ist nicht zu unterschätzen, wie sehr Angst und Furcht das Tun von uns Menschenkindern antreiben.

Nun heißt es aber: Der Geist Gottes ist kein Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit“ (2. Timotheus 1,7) Offensichtlich gibt es eine „gesunde, vernünftige Furcht“, die nicht zu Panik, sondern zu besonnenem Handeln führt.

Diesen Geist benötigen wir Menschen zu jeder Zeit!

Und um diesen Geist geht es, wenn es in unserem Wochenspruch heißt: „Welche der Geist Gottes treibt, die sind Gottes Kinder.“

An diesem Sonntag wurde dieser Spruch spannenderweise mit der Taufe verknüpft.

Und zwar nicht mit unserer Taufe, sondern mit der Taufe Jesu. (Es ist das vorhin gehörte Evangelium.)

13 Zu der Zeit kam Jesus aus Galiläa an den Jordan zu Johannes, dass er sich von ihm taufen ließe.

14 Aber Johannes wehrte ihm und sprach: Ich bedarf dessen, dass ich von dir getauft werde, und du kommst zu mir?

15 Jesus aber antwortete und sprach zu ihm: Lass es jetzt zu! Denn so gebührt es uns, alle Gerechtigkeit zu erfüllen. Da ließ er’s ihm zu.

16 Und als Jesus getauft war, stieg er alsbald herauf aus dem Wasser. Und siehe, da tat sich ihm der Himmel auf, und er sah den Geist Gottes wie eine Taube herabfahren und über sich kommen.

17 Und siehe, eine Stimme aus dem Himmel sprach: Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe.

Tut Buße, denn das Himmelreich ist nahe herbei gekommen!“ Dies war die zentrale Botschaft von Johannes dem Täufer. Was von M. Luther mit „Buße tun“ übersetzt wurde, und damit in einen moralischen Kontext eingeordnet wurde, heißt wörtlich: „Ändert die Art Eures Denkens!“ Und dieser Botschaft, dieser Predigt „unterwirft“ sich Jesus, wenn er sagt: „Lass es jetzt zu! Denn so gebührt es uns, alle Gerechtigkeit zu erfüllen.“ (V. 15) Johannes wollte Jesus nicht taufen – er meinte, dies stünde ihm nicht zu. Doch, sagt Jesus, „so machen wir das!“ „Denn so gehört es sich, dass Gerechtigkeit voll und ganz auf die Welt kommt.“ Dies ist das erste Wort, der erste Satz, den Jesus im Matthäusevangelium spricht. Bis dahin handelte Matthäus nur über ihn, von seiner Geburt, der Flucht nach Ägypten usw. Jetzt spricht Jesus erstmalig selbst. Von daher ist zu vermuten, dass dieser Satz für Matthäus etwas Programmatisches zum Leben und Wirken Jesu aussagen soll. Und was?

Gerechtigkeit“ (dikaiosyne) ist ein matthäischer Zentralbegriff. Der dem Willen Gottes entsprechend lebende Mensch ist für Matthäus gerecht. Und Jesus Christus, Gottes Sohn, ist Urbild dieser Gerechtigkeit: er ist der, der Gott gehorsam war, gehorsam bis zum Tod am Kreuz. Und gehorsam heißt wörtlich: Der auf Gott hörte – bis zuletzt.

Es ist diese „Gerechtigkeit“, dieses Leben in einer unverbrüchlichen Beziehung, die Jesus so besonders macht, die Jesus zum Sohn macht. Für Matthäus ist Jesus von Anfang dieser gehorsame Sohn seines Vaters. Jesus verbindet sich von vorne herein mit dem Willen des Vaters und erfüllt ihn. „Weil es sich so gehört!“ könnte man sagen. Es ist das In-Beziehung-mit-seinem-Vaters-Sein, es ist sein Sohn-Sein, das Jesus antreibt. Sein Gegenspieler, der im nächsten Kapitel auftaucht, ist der Satan: Dieser versucht, Jesus aus dieser „vertrauensvollen Verbindung“ mit dem Vater „heraus-führen“, eben zu „ver-führen“. Ihm gegenüber argumentiert Jesus mit dem Deuteronomium, dem „zweiten Gesetzbuch“. (Das fünfte Buch Mose.)

Jesu Gehorsam ist ein „inwendiger“ – ein „identifikatorischer“ Gehorsam. Jesus lebt voll und ganz in seiner Beziehung zu seinem „Vater“. So sehr ist er damit in Einklang, dass er „der Sohn (geworden) ist“. Sätze wie: „Niemand kommt zum Vater, als durch mich“ (Joh 14, 6), oder: „Ich und der Vater sind eins“ (Joh 10, 30) werden von hier aus verständlich.

Inwendiger Gehorsam heißt: Er ist nicht länger „äußerlich“. Er ist zu „meinem Eigenen“ geworden. Ich gehorche nicht aus Angst vor Strafe, sondern weil ich gerade so und nicht anders leben will. Und damit kommt auf die Welt, was Matthäus „Gerechtigkeit“ nennt. Gerechtigkeit hat nichts mit „Gleichmacherei“ zu tun. Sie entsteht nicht durch Nachahmung (Imitation), sondern durch Aneignung (Identifikation). Es gehört zur Tragik vieler Lebensgeschichten gerade auch von Künstlern, dass das, was sie „angetrieben“ hat, bei ihren Eltern/Schwiegereltern auf schärfsten Widerstand gestoßen ist. Denken Sie an Robert Schumann oder an die qualvolle Beziehung von Franz Kafka zu seinem Vater.

Unser heutiges Evangelium handelt von einer völlig anderen Vater-Sohn-Beziehung: Das Eigen-Sein des Sohnes wird von seinem Vater bestätigt. Und seht, die Himmel öffneten sich, und er sah die Geistkraft Gottes wie eine Taube herabschweben und auf sich kommen. 17 Und seht, eine Stimme sprach aus den Himmeln: »Dieses ist mein geliebtes Kind, ihm gehört meine Zuneigung.« (Vers 16a – 17: Übersetzung nach „Bibel in gerechter Sprache“).

Ich habe diesem Gottesdienst die Überschrift gegeben: „Ich bin getauft – ja und?“ Jetzt wissen Sie, was hinter dem „ – ja und?“ steckt. Unsere Taufe versinnbildlicht eine Beziehung, in der wir als die, die wir wirklich oder wahrhaftig sind, willkommen und gemeint sind. Deshalb hat Taufe mit „Hinabsteigen“, mit „Tod“ zu tun: Es ist das Ende, der Tod all jener Beziehungsformen, bei denen „in der Tiefe“ nicht wir gemeint sind, sondern die Wünsche und Erwartungen an uns, die wir erfüllen sollen, um eine Daseinsberechtigung zu erlangen. Das Symbol dieses Erlebens ist die Friedenstaube, die „Geistkraft Gottes.“ Es ist dieselbe Kraft, die am Anfang der Schöpfung „über den Wassern schwebte.“

Der Geist „der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit“ ist selbstverständlich auch der Geist des Friedens. Mit ihm in immer innigerer Verbindung zu kommen und zu bleiben – ist Sinn und Zweck christlicher Existenz, jedenfalls meinem Verständnis nach.

So – nach all dem könnte ich mich jetzt auch fragen:

Was hat dich eigentlich angetrieben, diese Predigt so und nicht anders zu schreiben? Sind deine Gedanken in Verbindung mit dem Geist Gottes – oder in Verbindung mit dem „Verführer“?

Zwei Antworten:

Erstens: Ich weiß es nicht.

Zweitens: Ich meine, mich im Laufe der Zeit ein wenig kennen gelernt zu haben.

Die Verbindung mit Gottes Geist fühlt sich langsam, bedächtig, besonnen, liebevoll, heiter und gelassen an. Und in allem sehr wach.

Es ist ein Gefühl von Raum da und Weite.

Und die Dinge der Welt sind eingehüllt in einen wunderbaren Glanz.

Schönheit liegt offen.

In der Verbindung mit dem „Verführer“ spüre ich vor allem Hektik und Hetze. Ich fühle mich eingeengt und will, dass sich die Menschen ändern. Die Welt ist flach geworden und stumpf. Und ich teile ein in falsch und richtig, gut und böse.

Einfacher ausgedrückt: In Verbindung mit dem Verführer hat mein Ich Gottes Platz besetzt. Und dieses Ich weiß ganz genau, wie „es“ ist und „es“ zu sein hat. Und selbstverständlich hat es auch immer recht! „Immer bist du so …“ solche Sätze gehören zu dem Verführer. Oder auch: „Nie machst du das oder das …“

Die Macht des Verführers liegt in seiner Verheißung von Sicherheit. Dass es so und nicht anders ist. Als „Kind Gottes“ habe ich mit meinem Nicht-Wissen und mit meiner Unsicherheit zu leben. Auch bezüglich der Antwort auf die Frage, was mich angetrieben hat, diese Predigt so zu halten. Das mit dem sich öffnenden Himmel und der daraus ertönenden Stimme – diese Bestätigung ist mir als einfachem Menschen nicht gegeben;)! Stimmt auch nicht ganz: Es gibt ein tiefes Gefühl des mit mir im Einklang Seins. Und das ist dann so, als würde jemand Anderer zu mir: „Ja!“ sagen.

Ein „Ja“, das sich nicht halten und nicht besitzen lässt. Gerade so wie der Geist Gottes „weht, wo er will!“ Und ich habe den Eindruck: Je tiefer ich lerne zu akzeptieren, dass dem so ist, dass Gottes Geist „unverfügbar“ ist – desto leichter bleibe ich in der Beziehung zu Gott und zu seinem Geist: der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit, AMEN.

Predigt über Matthäus 1, 18-25 am 2. Weihnachtstag 2019

Donnerstag, 26. Dezember 2019

Liebe Gemeinde,

für jedes Paar ist die Bewegung von der Zwei zur Drei eine Herausforderung.

Am Sinnenfälligsten wird diese Bewegung mit der Geburt des ersten Kindes.

Das Paar ist eine Familie geworden, die Zwei sind ab sofort zu dritt.

Für beide, Frau wie Mann, besteht die Herausforderung darin, ein gutes Dreieck entstehen zu lassen; einen Raum zu finden, in dem Platz für drei ist. Scheitert diese Bewegung, dann zerfällt die Familie in weitere Zweier-Beziehungen. Ein Klassiker dabei ist: Die Frau hat „ihr“ Kind, der Mann „seinen“ Beruf. Die Vorwürfe gehen dann her wie hin: „Du bist ja mit deinem Beruf verheiratet!“ „Du kreist nur mehr um das Baby“.

Hingegen Menschen, die in diesem „trinitarischen Raum“, dem „Raum des Zu-Dritt-Seins“, aufgespannt sind, haben es leicht. Der/die/das Dritte wird als Bereicherung erlebt, auf den offenherzig zugegangen wird. Es gibt keinen Ausschluss, keine Exkommunikation des Anderen, Fremden, vielmehr eine Integration. Ist jemand jedoch in „Zweisamkeit“ erstarrt, wird das Dritte als Bedrohung erlebt. Die in Zweisamkeit erstarrte Frau hat in sich keinen Raum für die Beziehung zu ihrem Partner und zu ihrem Kind. Und: Der in Zweisamkeit erstarrte Mann erlebt die Zuwendung seiner Frau zu dem Baby als Liebesentzug. In diesem Elend ist der Dritte vergessen und/oder wird ignoriert. Ignoranz ist die geringfügig aktivere Variante von Vergessen. Der/die/das Vergessene erlebt dies als „nicht wert, erinnert zu werden.“ So ist das Fehlen des trinitarischen Raumes zugleich ein Fehlen des Raumes von Wertschätzung, Achtung und Fürsorge. An ihre Stelle ist Lieblosigkeit getreten.

Anders herum gilt: Die gemeinsame Freude an dem Dritten, an dem Baby, an einem gemeinsamen Hobby oder auch an der Leidenschaft des Anderen, macht und hält Beziehungen lebendig. Gerade auch im Alter! Ich bin kürzlich auf die mir unbekannte vierte Strophe des bekannten Weihnachtsliedes: „Alle Jahre wieder …“ gestoßen. Die lautet:

Sagt’s den Kindern allen,

dass ein Vater ist,

dem sie wohl gefallen,

der sie nicht vergisst.“ (Markus Barth in Christ in der Gegenwart, Nr. 51/2019 S. 561)

Und ich stimme Markus Barth sehr zu, wenn er sagt: „… kürzer kann man … das tiefe Geheimnis von Weihnachten … nicht zum Ausdruck bringen.“

Nur: Zu dritt sein können ist eine Fähigkeit, die uns Menschenkindern nicht in den Schoß fällt. Und es den Kindern sagen, ist zu wenig. Glaubhaft wird, wenn Kinder, wenn wir alle dies erleben können. Es fühlt sich nämlich an. Es ist ein anderer Blick auf die Welt, eine radikal andere Perspektive – ob ich „verschmolzen in Zweisamkeit“ oder in innerlich aufgespannter Dreiheit lebe.

(Ein kleine Experiment: Halten Sie sich ein Auge zu – so ist Ihr Blick, wenn der dreidimensionale Raum verloren gegangen ist. Irgendwie flach.)

Nun bedarf es eines starken Vertrauens, nicht nur dreidimensional zu schauen, sondern auch zu denken, zu leben. Aus der Perspektive des „Dritten“, der gerade nicht „mit dabei“ ist: Ich brauche das Vertrauen, dass „die beiden Anderen“ sich nicht gegen mich verbünden. Mein Misstrauen will Kontrolle, will festhalten. Hinzu kommt die Angst, wenn ich den Anderen loslasse, „frei gebe“, verlässt er mich. Das Eigenleben des Anderen bedroht meine Beziehung zu ihm.

Der Andere kann mich betrügen, belügen, verraten, verlassen …

In dieser Situation befindet sich Josef am Beginn unserer Erzählung der Geburt Jesu – wie sie sich im Matthäusevangelium findet. Sie haben es vorhin als Evangelium gehört.

18 Die Geburt Jesu Christi geschah aber so: Als Maria, seine Mutter, dem Josef vertraut war, fand es sich, ehe sie zusammenkamen, dass sie schwanger war von dem Heiligen Geist.

19 Josef aber, ihr Mann, der fromm und gerecht war und sie nicht in Schande bringen wollte, gedachte, sie heimlich zu verlassen.

20 Als er noch so dachte, siehe, da erschien ihm ein Engel des Herrn im Traum und sprach: Josef, du Sohn Davids, fürchte dich nicht, Maria, deine Frau, zu dir zu nehmen; denn was sie empfangen hat, das ist von dem Heiligen Geist.

21 Und sie wird einen Sohn gebären, dem sollst du den Namen Jesus geben, denn er wird sein Volk retten von ihren Sünden.

22 Das ist aber alles geschehen, auf dass erfüllt würde, was der Herr durch den Propheten gesagt hat, der da spricht (Jesaja 7,14):

23 »Siehe, eine Jungfrau wird schwanger sein und einen Sohn gebären, und sie werden ihm den Namen Immanuel geben«, das heißt übersetzt: Gott mit uns.

24 Als nun Josef vom Schlaf erwachte, tat er, wie ihm der Engel des Herrn befohlen hatte, und nahm seine Frau zu sich.

25 Und er erkannte sie nicht, bis sie einen Sohn gebar; und er gab ihm den Namen Jesus.

Josef ist mit Maria verlobt und merkt, dass seine Verlobte schwanger ist. Da er sicher weiß, nicht mit ihr geschlafen zu haben, muss logischerweise das Kind von einem Anderen sein. Es muss das Kind einer Affäre, eines Betrugs sein. Er beschließt, Maria keine große Szene zu machen, sie dafür nicht bloß zu stellen, sondern sie heimlich zu verlassen. Josef ist keiner, der in seiner Enttäuschung den Anderen bloß stellen möchte. Aber er will sich auch schützen, und so beschließt er, sich aus der Beziehung zurück zu ziehen.

In der Nacht nach seinem Beschluss träumt Josef einen Traum. Und da er diesen Traum Ernst nimmt, verändert er sein ganzes weiteres Leben. Im Traum erscheint ihm ein Engel. Ein Engel ist ein Bote aus einer „anderen Welt“. Dies entspricht dem Wesen unserer Träume: Sie sind Botschaften aus einer anderen Welt. Nicht die rationale Welt des Konkret-Sinnlichen repräsentieren Träume, sondern eine Welt mit anderen Gesetzen, anderen Zusammenhängen, einer anderen Logik. Eine Welt, in der es eine Schwangerschaft gibt, die nicht die Folge von Geschlechtsverkehr ist. Eine Welt, über die sich unser diesseitiger Verstand lustig macht, da er sie nicht versteht. „Was bringt mir das, wenn ich mich an meine Träume erinnere?“ fragt er.

Nichts – im Sinne von Effizienz, Ruhm und Status“, ist die nüchterne Antwort.

Vielleicht ein bisschen mehr Verständnis für dich, für dein Denken und Fühlen… Vielleicht einen neuen, unerwarteten Blickwinkel eines Themas …

Vielleicht sogar eine neue Entscheidung dafür, wie du weiterleben möchtest …“

Josef, du Sohn Davids“, sagte der Engel in Josefs Traum. Damit weist er darauf hin, in welcher Ahnenreihe Josef steht: Sein Stammbaum führt auf König David zurück, er gehört zu demjenigen Geschlecht, von dem die Geburt des Messias erwartet wird. Und sein Name, „Josef“ heißt wörtlich: „Es komme noch einer“ – im Sinne von: „Es ist noch nicht zuende.“ (Hebräisch josef: „hinzufügen“, „vermehren“) (In Klammern: Es gibt noch einen Träumer namens Josef: Den Sohn von Jakob und Rahel, dessen Schicksal an wesentlichen Punkten dem Schicksal Jesu ähnelt, über dessen Leben Thomas Mann den wunderschönen Roman: „Josef und seine Brüder“ geschrieben hat. Klammer zu.)

Es kommt noch einer!“ Dies ist die große Herausforderung für den Mann, wenn er einen Sohn bekommt: „Da kommt noch einer, ein Nachfolger!“ Das Leben geht weiter: Er selbst ist nicht der Einzige, nicht der Letzte. Indem ich diesen Gedanken tief in mich hinein lasse, schwingt auch mit: „Mein Sohn wird mich überleben, er wird stark und kräftig werden, während meine Kräfte schwinden werden …“ Dies alles muss durchgearbeitet werden, um die Vater-Sohn-Beziehung nicht mit Hass und Neid zu vergiften, was ein großes Thema innerhalb der griechischen Mythologie ist.

Nun ist es schon schwer genug, sich damit anzufreunden, dass der eigene Sohn Etliches besser kann als ich. Wie schwer muss es dann erst sein zu akzeptieren, dass meine Frau den Retter der Welt auf die Welt bringen wird, mit dessen Zeugung ich nicht das Geringste zu tun habe. Josef – der Ausgeschlossene! Das ist kein gutes Dreieck!

Matthäus versucht Josef einzuschließen, indem er auf seinen Stammbaum verweist – ein Abkömmling der Davididen. Was ja eigentlich völlig egal ist, nachdem der Messias eben nicht von diesem Josef abstammt, gezeugt wurde.

Sie merken – hier kommen wir wieder mit unserem Alltagswissen, unserer gebräuchlichen Logik nicht weiter. Jetzt gibt es zwei Möglichkeiten: Sich von all dem abzuwenden und es als „Blödsinn“ zu entwerten. Oder sich in der Haltung von Unwissenheit zuzuwenden. Ich möchte letzteren Weg gehen.

Wenden wir uns wieder dem Traum zu. Ein Traum hat etwas Schwebendes, nicht Fixiertes. Der Traum von Josef ist ein Ausdruck, eine Veranschaulichung von der

Geburt von etwas radikal Neuem. Etwas, das sich nicht erschaffen, nicht erzeugen lässt. Etwas, das geschieht – und dieses Geschehen entspringt einer anderen Welt. (Wie die Rose (Susanna) – es erscheint in unserer Welt, aber es entstammt nicht unserer Welt. Und nimmt doch alles an, was zu unserer Welt gehört: „Wahrer Mensch – und wahrer Gott!“

Nimmt an eines Knechts Gestalt, der Schöpfer aller Ding“ haben wir vorhin gesungen.)

Josef repräsentiert die Kraft, das von seinem Verstand gemachte Konzept von Wirklichkeit loszulassen. Diese Kraft hat mit Mut zu tun: dem Mut, sich verunsichern zu lassen. Echte kognitive wie emotionale Stärke fließt daraus, das eigene Wissen nicht absolut setzen zu müssen. Oder anders ausgedrückt: Nicht-Wissen zu ertragen. Nicht-Wissen ist ein frontaler Angriff auf unseren stolzen Verstand. Da unser Verstand schlau ist, hat er sich im Laufe unseres Lebens viele Tricks und Strategien ausgedacht, die verhindern sollen, dass er verunsichert wird. Eine der verbreitetsten Strategien ist, das, was mich verunsichern könnte, vorab, bevor überhaupt die Möglichkeit der Verunsicherung entsteht, zu ignorieren.

So etwas wie unsere Träume zum Beispiel. Bevor ich mich von ihnen verunsichern lasse, behaupte ich einfach, dass Träume keinerlei Bedeutung haben. Irgendwelche nächtliche synaptische Entladungen meines Gehirns darstellen. Und schon habe ich Ruhe vor dem scheinbaren Blödsinn, den ich träume.

Während Josefs Alltagsverstand schläft, erlebt er Neues. Dieses Neue spricht zu ihm wie in einem Traum. Als er erwacht, ist er ein Anderer. Er nimmt das Geträumte ernster als seine ursprüngliche Interpretation der Wirklichkeit. Dazu bedarf es eines tiefen Vertrauens. Von diesem Vertrauen rät uns unser Alltagsverstand dringend ab. Er sagt: Vertrauen ist gut – Kontrolle ist besser.

Erst in der Bewegung des Vertrauens kann Josef eine Stimme hören, die aus einer anderen Wirklichkeit zu ihm spricht. Dies ist die Stimme Gottes, bzw. seines Engels oder Boten. Und indem Josef sich von dieser Stimme berühren lässt, übernimmt er Verantwortung. „Ver-Antwortung“ heißt ja wörtlich: eine angemessene Antwort geben auf diese „andere“, „ungewohnte“ und „unerhörte“ Stimme in meinem Innern. Die Antwort, die Josef gibt, die Verantwortung, die Josef nunmehr trägt, ist die, für Maria und Jesus zu sorgen. Aus seiner Verantwortung entspringt seine Für-Sorge. Fürsorge ist nichts Großes: Es genügt, da zu sein und da zu bleiben, als Mann, als Vater. Die Gegenbewegung, der erste Impuls von Josef war die Flucht, war der Beziehungsabbruch. „Mit mir nicht!“ Dieser Impuls ist nur allzu verständlich.

Wir Menschen neigen dazu, Wirklichkeit so zu interpretieren, dass wir uns nicht auf sie einlassen, keine Verantwortung und keine Fürsorge übernehmen. Die Gründe hierfür sind unterschiedlich. Josef geht es um die „Schande“. „Schande“ ist mit „Scham“ konnotiert – und sich schämen ist ein so ekelhaftes Gefühl, dass es sehr verständlich ist, alles daran zu setzen, sich dem nicht aussetzen zu müssen. Unser Verstand hilft uns dabei. Wäre es nicht eine „Schande“, wenn herauskäme, dass Maria, seine Verlobte, fremd gegangen ist? Eine Schande für das junge Paar. Eine Schande, die nur durch Beziehungsabbruch zwar nicht ungeschehen, so doch gemildert werden kann?

Lesen wir aber die ganze Geschichte wie einen Traum, so handelt sie davon, wie der Messias, das wirklich Neue, sich entwickeln und auf die Welt kommen kann. All dies geschieht in der Dunkelheit der Seele – all dies sind Traumgedanken eines seelischen Wachstumsprozesses. Hierzu gehört auch die Jungfrauenschaft Marias – natürlich nicht im biologisch-historischen Sinne, sondern im übertragenen: Das Gefäß, in dem die Kraft unseres neuen Denkens und Empfindens wächst, ist frei von den Kontaminierungen des Alten: es ist leer für Neues. Maria steht Josef zu Seite: Seine Aufgabe ist es, das Wachsen und sich Entwickeln des Neuen, Messianischen zu bewachen und zu behüten. Denn das Neue ist gefährdet – König Herodes repräsentiert die mörderische Kraft, die das Neue Leben vernichten will. Und wieder es ein Traum über den Josef erfährt, wie er Maria und Jesus schützen kann – (über die Flucht nach Ägypten). Maria und Josef verkörpern für mich eine fruchtbare Beziehung aus der heraus ein „Gott mit uns“, ein Immanuel, wächst – einer, wie es heißt, der sein Volk retten wird von seinen Sünden.

Das Volk, das sind all‘ die Bestrebungen und Tendenzen in uns, die bei dem Ganzen nicht mitmachen, die am Alten festhalten, an den „Fleischtöpfen Ägyptens“. Das Volk ist verliebt in die „Zwei“ – das Dritte ist unerwünscht. Für die hebräische Bibel ist Ägypten das Land, das in Zweiheit erstarrt ist. Es gibt kein Drittes – der Welt der Lebenden steht das Totenreich gegenüber.

Altes wie Neues Testament aber handeln davon, dass es ein Leben „jenseits“ der Welt der Zweiheit gibt. Ein Leben jenseits der Erstarrung. Die Entdeckung des „Dritten“, des lebendig machenden Heiligen Geistes, innerlich wie äußerlich, ist für mich das Zentrum der christlichen Religion und das Geheimnis erfüllten, lebendigen Lebens.

Gebe Gott, dass wir mutig werden, dass wir es wagen, unsere Gefangenschaft in der Zweiheit unseres Denkens zu erleben; gebe Gott, dass in uns ein Messias, ein „Immanuel“ wachsen darf, der uns in die Wüste des Erlebens des Einen, Einzigartigen Gottes führt, in der Heiligen Dreiheit seiner Personen, des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes, AMEN.

Predigt zum 2. Advent über Lukas 21, 28

Sonntag, 8. Dezember 2019

Liebe Gemeinde,

„ein Gottesdienst ist so gestaltet, dass sich Menschen Gott zuwenden und seine heilsame Gegenwart erfahren können.“

Nachzulesen auf der Website der EKD.

Dieser Satz hat sich bei mir verbunden mit einer Frage, die mich alltäglich auch als Therapeut beschäftigt:

Was ist eigentlich heilsam?

Oder auch: Wann ist etwas heilsam?

Was zeichnet heilsame Beziehungen aus?

Sei es zwischen Partnern, zwischen Kindern und deren Eltern, zwischen Patient und Arzt, zwischen Gemeinde und Pfarrer. Und nicht zuletzt: Sei es zu mir selbst.

Auch hier und jetzt hier in unserem Gottesdienst: „Gottes heilsame Gegenwart“ Ist sie da? Können wir sie spüren?

Eines scheint sicher:

Heilsames lässt sich nicht herbei reden, nicht herbei zaubern. Lässt sich nicht machen.

Wie dann?

Vielleicht ist ein Ansatz, darüber nachzudenken: Was ist denn nicht heilsam?

In dem Wort „heilsam“ schwingt „heil sein“ im Sinne von „ganz“ „ganzheitlich“ sein. Nicht-heil-Sein heißt dann: Da sind nur Teile, Fragmente, Scherben, Bruchstücke.

Eine heilsame Beziehung, ein heilsames Gespräch entsteht, indem sich etwas öffnet. Eine Öffnung hin zu etwas Ganzheitlichem, Unversehrtem.

Du siehst immer nur das Eine bei mir“ und was mich sonst noch alles ausmacht, nimmst du gar nicht wahr. Und allzu oft ist dieses „Eine“ das Negative, das Defizitäre, das Unerwünschte.

Das, was zu ändern ist. Was keinen Platz hat.

Dann landet die Beziehung in der Sackgasse von Vorwürfen und gegenseitigen Schuldzuweisungen. Im schlimmsten Fall zerbricht sie daran.

Gottes heilsame Gegenwart beginnt da, wo ich spüren darf: In dem, wer ich gerade bin, in dem, wie ich gerade bin, in meinem so und nicht anders geworden sein werde ich akzeptiert. Da gibt es eine „Kraft“, die sagt doch tatsächlich „ja“ zu mir.

Ja – du bist in Ordnung. Du bist okay.“ Und dein Leben, in all seinen Wendungen und Schleifen, in deinen Abbrüchen und Neuanfängen, in deinen Fehlern und deiner Schuld – es ist gut. Gut im Sinne von: Es ist, wie es ist. Es ist, was es ist.

Und diese Kraft, je tiefer ich sie spüre, sie in mich hinein lasse, aus ihr heraus lebe, die bewirkt etwas in mir: Ich wage es, mein „Haupt zu erheben“, wie es in unserem heutigen Wochenspruch heißt. Nicht mehr niedergeschlagen um mich selbst kreisend zu Boden geht mein Blick. Das vertraute Grübeln läuft ins Leere.

Und in diesem Erheben erhebt sich meine Seele.

Meine Seele erhebt den Herrn und mein Geist freuet sich Gottes, meines Heilands …“ (Lukas 1, 46b-47) heißt es in Marias „Lobgesang“, dem Magnificat.

Denn er hat die Niedrigkeit seiner Magd angesehen …“ (Lukas 1,48a)

Die Freude der Seele gründet darin, wahrgenommen, „gesehen“ zu werden. Und sie antwortet in ihrer Freude, so „als wollte sie sagen: ‚Es schwebt mein Leben samt allen meinen Sinnen in Gottes Liebe, Lob und hohen Freuden, dass ich, meiner selbst nicht mächtig, mehr erhoben werde, als mich selber erhebe zu Gottes Lob.“ (So hat übrigens M. Luther diesen Vers einmal ausgelegt.)

So weit, so gut. Aber das ist noch nicht die ganze, die heilsame Wahrheit.

Die andere Hälfte lautet: Gottes heilsame Gegenwart strahlt aus mir heraus. Mein Gesund- und mein Heil-Sein strahlt ab. Indem ich in Gottes heilsamer Gegenwart lebe, trete ich ganz natürlich „erhobenen Hauptes“ dem Anderen, meinem „Nächsten“ gegenüber. In der Haltung: In allem, wer du gerade bist, so wie du gerade bist, in deinem so und nicht anders geworden sein, wirst du von mir akzeptiert. Und natürlich muss dann auch dazu genommen worden: In alle dem, was du mir schuldig geblieben bist, was du mir angetan hast, worin du mich verletzt hast, womit du mich enttäuscht hast: In alledem nehme ich dich liebevoll an. Und – noch zugespitzter: In alle dem, was du mir gerade zumutest, worüber ich gerade enttäuscht bin, was ich mir gerade ganz anders vorstelle – in alledem nehme ich „dich“ an.

Nehmt einander an, wie Christus Euch angenommen hat.“ (Röm 15,7)

Sollten Sie sich jetzt denken: „Das kann ich nicht!“ dann geht es Ihnen genauso wie mir. Natürlich habe ich Erwartungen an mein Leben, an Menschen, mit denen ich zu tun habe. Habe ich Erwartungen an unsere Politiker, an Menschen die in der Wirtschaft etwas zu sagen haben oder in der Kirche usw. Und natürlich bin ich enttäuscht, wenn meine Erwartungen nicht erfüllt werden.

Nehmt einander an, wie Christus Euch angenommen hat!“

Hinzu kommt: Die „Großen“ konnten es auch nicht. Jesus hat die Händler im Tempel keineswegs liebevoll angenommen. Und sein Umgang mit den Pharisäern war angefüllt mit Ablehnung, Abweisung, ja Hass.

Und Paulus ist wütend, enttäuscht über die Menschen und deren Verhalten in den von ihm neu gegründeten Gemeinden. Denken Sie nur an die Korinther oder Galater! („O Ihr unverständigen Galater …!“ Gal 3,1)

Und der große Bernhard von Clairveaux – Gründer der Zisterzienser, Verfasser tief empfundener spiritueller Schriften – hat zum ersten Kreuzzug aufgerufen und gegen die „Ungläubigen“ Muslime gehetzt.

Der alte Martin Luther hat sich in gehässigster Weise über seine jüdischen Mitbürger ausgelassen. Und, und, und …

Ja – so sind wir Menschen!

Indem ich den Mund aufmache, indem ich mich der Sprache bediene, bewerte ich, lehne ich ab, wende ich mich zu, scheide ich aus, nehme ich in mich hinein.

Hier gibt es kein Entkommen. Stimmt auch: „Reden ist Silber – Schweigen ist Gold.“

Es sei denn, Reden dient dazu, anstelle zu bewerten zu verstehen. Reden als Versuch, den Anderen und sich selbst zu verstehen. Und vor dem Verstehen kommt: Den Anderen und sich selbst kennen zu lernen.

Was bewegt mich gerade? Welches Gefühl ist damit verbunden? Wieso mache ich das – und nicht etwas anderes? Was soll der Andere von mir erfahren? Und was nicht? Wie gebe ich mich – und weshalb eigentlich?

Was versuche ich geheim zu halten? Und aus welchen Gründen?

Und dies alles: „Erhobenen Hauptes!“

Erhebt Eure Häupter, weil sich Eure Erlösung naht!“

Erlösung hat mit dem Mut zu tun, die eigene, die vertraute Ego-Perspektive zu wechseln.

Und das erfordert Mut. Mut wiederum passt sehr gut in die Adventszeit: Advent und Abenteuer haben denselben Wortstamm: ad-venire – es kommt etwas NEUES auf mich zu, ich erfahre etwas, was ich bislang nicht kannte. Freilich nur, indem ich es wage, meine Augen in Richtung des Neuen hin zu öffnen. Einen Perspektivenwechsel zu vollziehen.

Dazu bedarf es eines erhobenen Menschen.

Der erhobene Mensch ist der aufgerichtete Mensch. Das Adjektiv dazu lautet „aufrichtig“. Auch im Sinne von wahrhaftig, ehrlich, auf dem einen Boden der Wahrheit stehend. (Der erhobene Mensch ist nicht zu verwechseln mit dem überheblichen Menschen!)

Und die Erlösung ist nichts anderes, als dass ich mich von meinen Täuschungen, Tricksereien, Betrügereien löse. Ich muss mir selber und anderen nichts mehr vormachen, nichts mehr vorspielen. Auch nichts mehr einreden. Und dazu bleibt mir nichts Anderes übrig, als meine Selbst-Täuschungen und Tricksereien kennen zu lernen.

Was nicht angenommen wird, kann nicht verändert werden“ – diese Einsicht ist uralt.

So heißt es bei Rabbi David von Lelow:

Erlösung kann zu einem Menschen nicht kommen, ehe er die Schäden seiner Seele sieht und sie zurecht zu bringen unternimmt. Erlösung kann zu einem Volke nicht kommen, ehe es die Schäden seiner Seele sieht und sie zurechtzubringen unternimmt. Wer, Mensch oder Volk, der Erkenntnis seiner Mängel keinen Zutritt gewährt, zu dem hat die Erlösung keinen Zutritt. Wir werden in dem Maße sichtbar, in dem wir uns selber sichtbar werden.“

Der Erlösung Zutritt gewähren aber heißt aufhören zu meinen, ich könnte mich selbst erlösen. Der Weg der Erlösung, der Weg des Sich-selbst-Kennenlernens heißt, dem Anderen, dem Fremden, dem Unbekannten außerhalb meiner und in mir „Zutritt zu gewähren“. Die damit verbundenen Ängste und Turbulenzen wurden vorhin im Evangelium anschaulich beschrieben. Alles Vertraute gerät ins Wanken, der Boden auf dem ich stand, von dem ich dachte, er trägt mich, verliert seine Sicherheit. Gefühle der Katastrophe bemächtigen sich meiner.

Und in alledem ruft uns Jesus über Lukas zu:
„Erhebt Eure Häupter, denn Eure Erlösung naht!“

Oder, in den Worten des Nikolaus von Flüe:

Mein Herr und mein Gott, nimm alles von mir, was mich hindert zu dir.
Mein Herr und mein Gott, gib alles mir, was mich führet zu dir.
Mein Herr und mein Gott, nimm mich mir und gib mich ganz zu eigen dir.

Liebe Gemeinde!

Eine heilsame Predigt sollte Hilfen dafür bereit stellen, sich Gott zuwenden zu können. Sie sollte nahrhaft sein, um geistig-seelisches Wachstum zu ermöglichen. Ob die angebotene Nahrung auch angenommen und/oder gar aufgenommen wird, entzieht sich der Macht des Pfarrers, der den Gottesdienst hält. Da es im Gottesdienst keine Zwangsernährung gibt, liegt es in der Freiheit derer, die da sind.

Zu der Bekömmlichkeit einer Nahrung gehört auch, sich nicht zu überessen. Wenn es am besten schmeckt soll man aufhören, lautet eine alte Lebensweisheit. Von daher höre ich jetzt auf und freue mich, wenn etwas Nahrhaftes für Euch dabei gewesen ist. Wenn es geschmckt hat. Falls nicht tut es mir leid. Und auch das gehört zur „Erlösung“ – anzuerkennnen: Das, was ich koche, was mir schmeckt, muss jemand anderem nicht schmecken. Eine freie und aufrichtige Beziehung hält das locker aus. Von daher wäre der Satz zu ergänzen: „Nehmt einander an, wie Christus Euch an genommen hat und respeketiert liebevoll die Verschiedenheit Eurer Geschmäcker.“ AMEN

Predigt über Johannes 5, 1-16 am 19. Sonntag nach Trinitatis 2019

Sonntag, 27. Oktober 2019

Liebe Gemeinde,

heile mich Herr, so werde ich heil, befreie mich, dann bin ich frei.“ (Jer. 17,14)

(M. Luther hatte übersetzt: „… hilf du mir, so ist mir geholfen.“

Dieser Ausruf, ja Appell des Propheten Jeremia, geht mir nahe.

Wer so ruft, wer so bittet, der muss eine Ahnung von Nicht-Heil-Sein haben.

Verbunden mit dem tiefen Vertrauen: „Du kannst mich heilen!“

Und er muss eine Ahnung davon haben, dass sein „Sich-nicht-heil-Fühlen“ zu tun hat mit einem Gefühl, „irgendwie unfrei“ zu sein.

Nicht wenige meiner Patienten sagen sehr früh im Laufe der Zusammenarbeit: „Ich wäre so gerne frei!“

(Fühlt Ihr Euch frei? – Was ist eigentlich „Freiheit“? Tun und Lassen können was man will? Dass einem keiner mehr reinredet?)

Der heutige Predigttext erzählt – wie schon vorher das Evangelium – von einer Heilung – mi Jeremias können wir jetzt auch sagen: Von einer Befreiung.

5, 1 Danach war ein Fest der Juden, und Jesus zog hinauf nach Jerusalem.

Danach“ heißt: Nachdem Jesus einen Todkranken geheilt hatte.

Ein Fest der Juden: Das ist der Rahmen unserer Befreiungsgeschichte. Das ist insofern wichtig, als damit der gesellschaftliche Rahmen genannt wird, innerhalb dessen Jesus handelt. Wir Menschen – völlig egal, was wir machen oder unterlassen – verhalten uns stets zur Gruppe. Auch der Einsiedler, der versucht, alles hinter sich zu lassen, verhält sich zur Gruppe seiner Mitmenschen. So wie es kein Vakuum auf der Erde gibt, so gibt es kein Verhalten/Tun. ohne auf die Gruppe Bezug zu nehmen.

2 Es ist aber in Jerusalem beim Schaftor ein Teich, der heißt auf Hebräisch Betesda. Dort sind fünf Hallen; 3 in denen lagen viele Kranke, Blinde, Lahme, Ausgezehrte.

Die Heilung findet in der Nähe des Schaftores statt, einem der 5 Jerusalemer Stadttore. Dort gibt es einen Teich, Betesda – das heißt auf deutsch „Barmherzigkeit“ -, der Wunder wirken kann. Einer Legende zufolge bewegt ein Engel diesen Teich von Zeit zu Zeit, und wem es als ersten gelingt, in das Wasser zu kommen, der ist geheilt. Auch beim Krank-sein geht es darum, vorne dran – erster zu sein.

Was sind wir Menschen nur für merkwürdige Wesen?

5 Es war aber dort ein Mensch, der war seit achtunddreißig Jahren krank.

Ich habe keine Ahnung, ob die Zahl 38 hier eine tiefere Bedeutung hat. Jedenfalls ist der Mann sehr, sehr lange krank. Wir würden heute sagen: seine Krankheit hat sich chronifiziert.

6 Als Jesus ihn liegen sah und vernahm, dass er schon so lange krank war, spricht er zu ihm: Willst du gesund werden?

Das ist bemerkenswert. „Willst du gesund werden?“ Das griechische Wort für gesund heißt: „hygies“; wir kennen es von dem Fremdwort Hygiene. Wörtlich heißt es: wohl leben im Sinne von munter, lebendig sein.

Offenbar ist es nicht selbstverständlich, dass jemand wohl leben will; das jemand „munter“ sein will.. Sigmund Freud hat dies den „Widerstand“ gegen den therapeutischen Prozess, gegen die „Heilung“ oder „Befreiung“ genannt. Dieser Widerstand hat mit dem „Gewinn“ des Krank-seins zu tun. Eine Leitfrage in der psychotherapeutischen Behandlung lautet: Was wird mit dem augenscheinlichen Leiden vermieden? Was wird als noch schlimmer erlebt als das, worunter ich gerade leide? Oder: Warum vermeiden wir mit aller Macht zu erleben, wie frei wir sind?

7 Der Kranke antwortete ihm: Herr, ich habe keinen Menschen, der mich in den Teich bringt, wenn das Wasser sich bewegt; wenn ich aber hinkomme, so steigt ein anderer vor mir hinein.

Der Kranke sagt, ich habe eine Vorstellung davon, wie ich gesund werden könnte. Diese Vorstellung kann ich aber nicht verwirklichen („realisieren“).

Es ist wichtig, in der therapeutischen Behandlung bzw. im seelsorgerlichen Gespräch genau hinzuhören. Was sagt der Andere und was meint er damit. Und: was meint er nicht. Die allermeisten Menschen haben eine Vorstellung (ein „Konzept“) davon, wie sie gesunden könnten. Verzweiflung stellt sich ein, wenn sie dieses Konzept nicht verwirklichen können. Missmutig, ärgerlich zu werden scheint erträglicher zu sein, als das eigene Konzept, die eigene Vorstellung von Gesundung selbst in Frage zu stellen. Die Vorstellung des Kranken am Teich der Barmherzigkeit ist eine magische: Es müsste ihm nur gelingen, als erster in das Wasser zu kommen. Dazu aber bräuchte er jemanden. Und den gibt es nicht. Oder jetzt vielleicht doch?

8 Jesus spricht zu ihm: Steh auf, nimm dein Bett und geh hin!

Jesus lässt sich auf das Gesundungs-Konzept des Patienten überhaupt nicht ein. Stattdessen provoziert er mit einer Art „paradoxen Intervention“: Einem Gelähmten zu sagen, „steh auf, nimm dein Bett und geh!“ könnte leicht verstärkten Widerstand hervorrufen. „Vielen Dank für Nichts! Genau das ist ja mein Problem, dass ich nicht stehen, geschweige denn gehen kann!“

Der Kranke leidet darunter, nicht auf seinen eigenen Beinen in der Welt stehen zu können. Und er hofft 38 Jahre lang darauf, dass er von außen Hilfe bekommt, dass ihn jemand zu seiner „Erlösung“, zu seiner „Rettung“ trägt. Der Gewinn dieser Haltung ist, selbst klein und abhängig bleiben zu können. Und an der Sehnsucht festzuhalten, es gäbe „da draußen“ einen „Retter“, einen „Erlöser“.

Der Nachteil oder der Preis des Festhaltens an dieser Sehnsucht ist, am Leben nicht wirklich teilnehmen zu können. Irgendwie „draußen“ zu sein. Jesus übergeht dies alles, indem er sagt: „Steh auf, nimm dein Bett und geh hin!“

9a Und sogleich wurde der Mensch gesund und nahm sein Bett und ging hin.

Na ja, als jemand, der sich seit 25 Jahren als Psychotherapeut darum bemüht, Menschen dazu zu bewegen, auf eigenen Beinen zu stehen, kann ich da nur lachen. So einfach wenn es ginge!

Und doch ist die zugrundeliegende Idee wahr: Gesund sein hat damit zu tun, frei zu sein; frei zu sein dafür, auf eigenen Beinen zu stehen, den eigenen Weg zu gehen. Und das eigene Schicksal zu (er-)tragen. So verstehe ich das „Bett“, auf dem der Gelähmte liegt: Es ist die Summe all dessen in seinem Leben, was ihn daran gehindert, seiner Wege zu gehen. Anstatt es selbst zu tragen, hat er sich davon runter ziehen lassen, hat er sich davon tragen lassen. Das ist der Gewinn des Abhängig-Bleibens. Solange ich keine Vorstellung davon habe, wie das gehen soll: in Freiheit meiner Wege zu gehen, solange habe ich keine andere Chance, als liegen zu bleiben. Und es mir so gemütlich, wie möglich, auf diesem Bett einzurichten.

Es ist die Angst vor dem Erleben von Freiheit, die mich lähmt! Freisein für mein Leben im heute heißt nämlich auch: Es gibt keine Entschädigung für Erlittenes, keine Wiedergutmachung.

Frei sein für die Gegenwart heißt anerkennen: Alles, was mir widerfahren ist, ist vorbei! Und alles, was ich anderen und mir selbst angetan habe, ist ebenfalls vorbei.

9b Es war aber Sabbat an diesem Tag.

Damit beginnt der zweite Teil unserer Geschichte: Die Einbettung des heilsam-befreienden Geschehens in sein soziales Umfeld oder die Reaktion des religiösen Establishments.

10 Da sprachen die Juden zu dem, der geheilt worden war: Heute ist Sabbat, es ist dir nicht erlaubt, dein Bett zu tragen.

11 Er aber antwortete ihnen: Der mich gesund gemacht hat, sprach zu mir: Nimm dein Bett und geh hin!

12 Sie fragten ihn: Wer ist der Mensch, der zu dir gesagt hat: Nimm dein Bett und geh hin?

13 Der aber geheilt worden war, wusste nicht, wer es war; denn Jesus war fortgegangen, da so viel Volk an dem Ort war.

14 Danach fand ihn Jesus im Tempel und sprach zu ihm: Siehe, du bist gesund geworden; sündige nicht mehr, dass dir nicht etwas Schlimmeres widerfahre.

15 Der Mensch ging hin und berichtete den Juden, es sei Jesus, der ihn gesund gemacht habe.

16 Darum verfolgten die Juden Jesus, weil er dies am Sabbat getan hatte.

Das Establishment einer Gesellschaft trägt die Ordnung, die Gesetze, innerhalb derer sich gesellschaftliches Leben bewegt. Seine Aufgabe ist es, für die Einhaltung dieser Ordnung zu sorgen. Es interessiert sich nicht für den Einzelnen, es interessiert sich für die allgemeine Ordnung. Von daher ist der Satz: „Es ist dir nicht erlaubt, am Sabbat dein Bett zu tragen“ völlig korrekt im Sinne dieser Ordnung. Und wenn der Geheilte/Befreite antwortet: „Der mich gesund gemacht hat, der hat mich aufgefordert, mein Bett selbst zu tragen“, dann bleibt das Interesse an der Störung der öffentlichen Ordnung. Das Wunder, dass da einer gesund wurde, interessiert nicht. Ja – es ist gefährlich. Denn offenbar hat da einer zur Unruhestiftung aufgerufen. „Wer ist der Mensch, der zu dir gesagt hat: Nimm dein Bett und geh hin?“ Das interessiert.

Der Befreite hat keine Ahnung. Er ist verschwunden. Jesus legt keinen Wert darauf, sein Ego in den Mittelpunkt zu stellen. Ihm geht es um die Befreiung als solche.

Und dann kommt es zu einer zweiten Begegnung: Zum zweiten Mal findet Jesus den nunmehr Geheilten, und zwar im Tempel – also im „Haus Gottes“ – und sagt zu ihm: „Siehe, du bist gesund geworden; sündige nicht mehr, dass dir nicht Schlimmeres widerfährt!“

Die Sünde des Gelähmten war keine moralische Übertretung. Die Sünde des Gelähmten war seine Unfähigkeit, sein Lebensschicksal selbst zu tragen. Dies ist er sich schuldig geblieben. Sünde bedeutet in der Tiefe: sich selbst verfehlen. Indem ich mich selbst verfehle, lasse ich das, wozu mich Gott in dieser Welt bestimmt hat, liegen. Lasse ich mein Leben, lasse ich mich selbst liegen. Lasse ich meine Kreativität, meine mir anvertrauten Talente brach liegen. Die Sünde richtet sich gegen meine Lebendigkeit – und so gegen Gott. Gott ist kein fern in den Wolken wohnender „Über-Mensch“ – Gott ist das Leben. In der Kabbala heißt es, Gott ist Atem: Er atmet dich jeden Atemzug aufs Neue ein und er atmet dich aus. Hört er damit auf, fällst du auf der Stelle tot um.

Und: Gott ist die Liebe. Die Liebe zu deinem so und nicht anders gewordenen Leben. Du benötigst die Kraft der Liebe, um mit deinem Leben einverstanden zu werden. Und in diesem Einverständnis wirst du frei für dein Leben, so wie es gerade geschieht.

Heile mich Herr, so werde ich heil, befreie mich, dann bin ich frei.“

Martin Luther, der ebenfalls vom Establishment seiner Zeit verfolgt worden ist, hat das so ausgedrückt:

Da mein Gewissen in den Worten Gottes gefangen ist, kann ich und will nichts widerrufen, weil es gefährlich und unmöglich ist, etwas gegen das Gewissen zu tun. Gott helfe mir. Amen.“

Gebe Gott, auch unser Gewissen und unsere Gewissheiten, dass unser Glaube in den Worten Gottes gefangen ist; in jenen Worten, die uns für unsere eigene Lebendigkeit befreien, AMEN.