Predigten

 „Die stärkste bislang bekannte emotionale Explosion, die sich in vielen Kulturen und über viele Jahrhunderte ausbreitete, ist diejenige, die durch die Formulierungen Jesu verursacht worden ist.“ (Bion, AuD S. 94)

In der Schale des Vergessens. Therapeutische Wanderpredigten. Einleitung

Einen guten Gottesdienst erkennt man daran, dass die Besucher (einschließlich des Pfarrers) am Ende nicht mehr dieselben sind, die sie am Anfang waren. Sie gehen als andere (in die Welt, in ihren Alltag) hinaus. Anders heißt: verändert. Dazwischen ist eine Wandlung geschehen. Wander-Predigten sind Predigten, die auf Ver-Wandlung ausgerichtet sind. Sie wollen die Seele zu einer Wanderung einladen, auf der sie Anderes, Fremdes, Neues entdecken kann. Dies gilt analog für eine gute Therapiestunde, für ein gutes Gespräch, für ein gutes Musizieren usw. „Gut“ meint: auf ein unbekanntes Drittes ausgerichtet sein, das „geschieht“.

„Gottes“-Dienst bezeichnet dieses Dritte als „Gott“.

Die mentale Bewegung des Gottesdienstes ist eine Bewegung von der „paranoid-schizoiden Position“ hin zur „depressiven Position“ (Melanie Klein). Oder, in theologische Begriffe gebracht: die Erkenntnis des Sünder-Seins führt über die Reue zur An-Erkenntnis des Angewiesenseins auf die Barmherzigkeit Gottes.

Für eine Wanderung ist unabdingbar ein Weg. Dieser Weg kann vorgegeben sein, er kann auch erst durch die Wanderung selbst entstehen.

Der für den Gottesdienst vorgegebene Weg wird „Liturgie“ genannt. Sie gibt dem Gottesdienst seinen Rahmen, beginnend mit dem Läuten der Glocken, endend mit dem Orgelnachspiel. Die „Liturgie“ der Psychoanalyse wird „Setting“ genannt. Die Kunst ist es, diese Liturgie so zu verwenden, dass in ihr Verwandlung ermöglicht wird. Auch dies gilt gleichermaßen für einen Gottesdienst wie für eine Psychoanalysestunde. Eine zu starre Liturgie erstickt die Lebendigkeit. Dies hinterlässt ein Gefühl von „Leere“ oder „Hohlheit“. Eine zu „weiche“ Liturgie verunmöglicht „Aufrichtung“. Dies hinterlässt ein Gefühl von „Verschmelzungssehnsucht“.

Zur Veranschaulichung:
Das Kirchenlied „Ein feste Burg ist unser Gott“ könnte das Abbild einer zu starren Liturgie sein. „Herr, deine Liebe ist wie Gras und Ufer“ bildet träumerische Sehnsucht ab. Es geht um die fruchtbare Verbindung von „Struktur“ und „Träumerei“ (Reverie): die Frucht dieser Verbindung ist „Wachstum“.

Auf Verwandlung ausgerichtete Gottesdienste sind „Wachstumsgottesdienste“.

Nun gibt es kein Wachstum ohne Zerstörung, die Kraft des Wachsens ist die Kraft des Zerstörens: die messianische Kraft. Auf Wachstum ausgerichtete Gottesdienste sind messianische Gottesdienste. Der Messias ist die personifizierte Kraft des Wachstums. Jenes Wachstums, das die von ihm vorgefundene erstarrte Struktur zerstört: „Nicht der Mensch ist um des Sabbats willen, sondern der Sabbat ist um des Menschen willen.“ Die Zerstörung der Erstarrung ist zugleich die „Erfüllung des Gesetzes“, ist die „Aufrichtung“ einer Struktur: „Der Menschensohn ist nicht gekommen, um das Gesetz zu zerstören…“

Dieses Geschehen ist dem psychoanalytisch arbeitenden Therapeuten nicht fremd: in einer auf Wachstum ausgerichteten Therapie findet laufend Zerstörung statt, gegen die sich der „Widerstand“ des Patienten richtet. Der Widerstand trachtet danach, den Messias zu töten. Dies gilt sowohl geschichtlich als auch intrapsychisch.  Seine Stärke bezieht der Widerstand aus dem „Festhalten“ an Omnipotenzfantasien.

In der christlichen Lehre beziehen sich die Omnipotenzfantasien mehr oder weniger unverhüllt  auf „Jesus Christus, den von den Toten Auferstandenen…“. Damit wurde die messianische Idee selbst getötet, indem sie eingefroren wurde; die Kraft des Wachstums wurde im Zuge zu hoher Besitzgier neuerlich in ein goldenes Kalb gegossen und so vernichtet. Paradoxerweise ist der protestantische Pastor Omnipotenzfantasien und -gefühlen  gegenüber weniger geschützt als der katholische Priester, da im Katholizismus die Omnipotenz in der Unfehlbarkeit des Papstamtes „contained“ und so „gebunden“ ist. Der protestantische Pastor hingegen steht in der Unmittelbarkeit zu Gott selbst, repräsentiert den allmächtigen Gott gleichsam ungefiltert. Davon bleibt unberührt, dass sich beide Berufe, wie auch der des Psychotherapeuten, hervorragend dazu eignen, Omnipotenzbedürfnisse auszuleben.

Die Aufgabe eines christlichen „Gottes“-Dienstes erblicke ich darin, messianischen Ideen (zum Beispiel aus den Predigten Jesu) zum Leben zu verhelfen, indem die Felsbrocken der Omnipotenzfantasien, die die Lebendigkeit der Botschaft Jesu erschlagen haben, beiseite geräumt werden. Außerdem eignet sich die Christus-Idee als Veranschaulichung der messianischen Idee selbst. Während Gott, oder die Gottheit, das dunkle jeweilige Geschehen selbst ist, ist die Christus-Idee das Licht, das die Dunkelheit erhellt. Als „Sohn“ veranschaulicht, trägt es die Dunkelheit des Vaters an sich, ist es der „dunkle Strahl“ des Vaters, dessen Erkenntnis zur „Ver-Söhnung“ führt und so den „Dritten“, den „Heiligen Geist“ kreiert.

Es erübrigt sich fast, darauf hinzuweisen, dass „Gott“ ist in diesem Konzept natürlich keine Person (auch kein „inneres Objekt“ (vgl. Britton) ist), sondern das Geschehen des „Gestalt Verlierens und Gestalt Annehmens“ selbst ist. Die messianische Idee, deren Medium der Pfarrer im Gottesdienst, der Analytiker in der Therapiestunde ist, wird in der christlichen Theologie als Sohn „personifiziert“, was besagt, dass es eine Möglichkeit des Gewahr-Werdens des „Gott“ genannten Geschehens gibt. Anders ausgedrückt: es ist im Wesen „Gottes“ angelegt, sich zu offenbaren. Psychoanalytisch ausgedrückt: es gehört zum Wesen des Unbewussten, bewusst zu werden: freilich nicht „von selbst“, sondern unter Schmerzen und Widerständen. Die leidvolle Dimension des Offenbar-Werdens Gottes ist im Christentum und im Judentum (vgl. insbesondere das Schicksal der Propheten) in besonderer Weise konzeptualisiert. Man kann dies als „Geschichte“ verstehen. Mir ist ein anderer Blickwinkel wichtig: das „Offenbar-Werden“ Gottes in der Seele des Menschen.

Die vorliegenden Texte wollen Medium sein für das In-Kontakt-Kommen mit dem eigenen Unbewussten/Gott im Setting/Liturgie des christlichen Gottesdienstes. Sie wollen helfen, den den „Messias im Inneren“ zum Leben zu erwecken. Wenn dies in den „Denk-Gefäßen“ jüdisch-christlicher Tradition sich vollzieht, so nur deshalb, weil ich in ihnen das Denken erlernt habe, so wie ich in der deutschen Sprache denke. Ich bin überzeugt, dass es einen „unsichtbaren Strom“ gibt, der an verschiedenen Orten in ganz unterschiedlichen „Flussläufen“ sichtbar geworden ist und sichtbar wird. Wenn ich versuche, im jüdisch-christlichen Fluss zu schwimmen, so in dem Bewusstsein, dass es nur ein Fluss neben etlichen anderen ist und  in dem Bewusstsein, dass im „Unterirdischen/Unbewussten“ es eine Verbindung zu dem einen großen „Strom des Lebens“ gibt, dass das Wasser unseres Flusses genauso wie das Wasser der anderen religiösen Flüsse gespeist wird von dem einen „Wasser des Lebens“.

Abschließend sei noch eine persönliche Vorbemerkung erlaubt: dass ich in meiner Person den  Pfarrer und den psychoanalytischen Therapeuten miteinander verbinden kann, verdanke ich der Entdeckung von „Formulierungen“ insbesondere W. Bions, aber natürlich auch M. Kleins und D. Meltzers. Durch die wachstumsfördernde Kraft dieser Konzepte, die mir völlig überraschend auch den Zugang zur jüdisch-christlichen Mystik ermöglichten,  ist mir – nach einer längeren Zeit der inneren wie äußeren Spaltung – eine Integration psychoanalytischen und spirituellen Denkens möglich geworden, die für mich selber heilsam war und ist. Diese heilsame Kraft wird mir von den Gottesdienstbesuchern immer wieder zurück gemeldet.

Es würde mich freuen, wenn nun auch für eine breite Leserschaft durch die Auseinandersetzung mit den folgenden Texten „Heilsames“ geschehen könnte.

Ein Teil der Predigten ist nun auch im Buchhandel erhältlich.

„Gott geschieht im Dritten. Therapeutische Predigten Band 1“ (Fromm Verlag 2012) 151 Seiten, 29 Euro

ISBN: 978-3-8416-0322-7