Predigt über Matthäus 3, 13-17 am 1. Sonntag nach Epiphanias 2020

Liebe Gemeinde,

welche der Geist Gottes treibt, die sind Gottes Kinder.“ (Röm 8,14)

Mit dieser einfachen und einprägsamen Aussage aus dem Römerbrief begann unser heutiger Gottesdienst. Ich halte diesen Satz für wahr. Ich bin ein Kind, und das heißt ein Abkömmling dessen, was mich (an-)treibt.

Was mich treibt, antreibt, ist das, was mich in der Tiefe bewegt. Es ist die Quelle meiner Lebensenergie. Ist sie versiegt, bin ich „antriebslos“.

Was mich antreibt führt zu einem Gefühl derart: „Ich muss das machen. Ob ich will oder nicht.“ Dieser Satz gilt für alle wahrhaft schöpferischen Menschen: „Ich muss … schreiben … komponieren … erforschen … gestalten … malen …“

Dieser Satz gilt auch für alle Formen von Zwang: Ich muss Ordnung schaffen, ich muss mir die Hände waschen … Was mich antreibt, zwingt mich.

Wenn Sie mögen, können Sie in einer stillen Stunde darüber nachdenken, oder auch sich mit Ihnen nahe stehenden Menschen darüber austauschen: „Was treibt mich eigentlich an?“

Ich finde, es hat etwas Befreiendes, einen Blick „hinter“ das, was mich antreibt zu werfen. Ich weiß aber auch, dass dies nicht „common sense“ – allgemeine Meinung ist. Viele Menschen haben Angst davor, sich so ganz ehrlich kennen zu lernen. Sollte mich meine Geiz antreiben? Oder meine Neid? Oder mein Bedürfnis, bewundert zu werden? Das wären durchaus unangenehme Einsichten.

Und wieder könnte man fragen: Und was steckt dahinter? Warum meine ich, dass ich das und das tun muss? Was würde denn passieren, wenn ich es nicht täte? Welche Art der Verbindung ist das: zwischen mir und dem, was mich antreibt?

Eine Art der Verbindung ist: Ich muss das machen, um Schlimmeres zu vermeiden. Hinter dieser Form des Angetrieben-Werdens steckt pure Angst. Ich hasse z.B. Zahnarzt-Besuche. Aber meine Vernunft sagt mir: Mache eine regelmäßige Vorsorge, damit kannst du Schlimmeres vermeiden. Hier treibt mich meine Angst an. Und meine Fürsorge für meinen eigenen Körper.

Dass jetzt vielleicht doch einige wenige Maßnahmen eingeleitet werden, um der fortschreitenden Erderwärmung Einhalt zu gebieten: Dahinter steht Angst vor dem, was passiert, wenn sich das Klima der Erde weiterhin „erhitzt“. Ich glaube, es ist nicht zu unterschätzen, wie sehr Angst und Furcht das Tun von uns Menschenkindern antreiben.

Nun heißt es aber: Der Geist Gottes ist kein Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit“ (2. Timotheus 1,7) Offensichtlich gibt es eine „gesunde, vernünftige Furcht“, die nicht zu Panik, sondern zu besonnenem Handeln führt.

Diesen Geist benötigen wir Menschen zu jeder Zeit!

Und um diesen Geist geht es, wenn es in unserem Wochenspruch heißt: „Welche der Geist Gottes treibt, die sind Gottes Kinder.“

An diesem Sonntag wurde dieser Spruch spannenderweise mit der Taufe verknüpft.

Und zwar nicht mit unserer Taufe, sondern mit der Taufe Jesu. (Es ist das vorhin gehörte Evangelium.)

13 Zu der Zeit kam Jesus aus Galiläa an den Jordan zu Johannes, dass er sich von ihm taufen ließe.

14 Aber Johannes wehrte ihm und sprach: Ich bedarf dessen, dass ich von dir getauft werde, und du kommst zu mir?

15 Jesus aber antwortete und sprach zu ihm: Lass es jetzt zu! Denn so gebührt es uns, alle Gerechtigkeit zu erfüllen. Da ließ er’s ihm zu.

16 Und als Jesus getauft war, stieg er alsbald herauf aus dem Wasser. Und siehe, da tat sich ihm der Himmel auf, und er sah den Geist Gottes wie eine Taube herabfahren und über sich kommen.

17 Und siehe, eine Stimme aus dem Himmel sprach: Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe.

Tut Buße, denn das Himmelreich ist nahe herbei gekommen!“ Dies war die zentrale Botschaft von Johannes dem Täufer. Was von M. Luther mit „Buße tun“ übersetzt wurde, und damit in einen moralischen Kontext eingeordnet wurde, heißt wörtlich: „Ändert die Art Eures Denkens!“ Und dieser Botschaft, dieser Predigt „unterwirft“ sich Jesus, wenn er sagt: „Lass es jetzt zu! Denn so gebührt es uns, alle Gerechtigkeit zu erfüllen.“ (V. 15) Johannes wollte Jesus nicht taufen – er meinte, dies stünde ihm nicht zu. Doch, sagt Jesus, „so machen wir das!“ „Denn so gehört es sich, dass Gerechtigkeit voll und ganz auf die Welt kommt.“ Dies ist das erste Wort, der erste Satz, den Jesus im Matthäusevangelium spricht. Bis dahin handelte Matthäus nur über ihn, von seiner Geburt, der Flucht nach Ägypten usw. Jetzt spricht Jesus erstmalig selbst. Von daher ist zu vermuten, dass dieser Satz für Matthäus etwas Programmatisches zum Leben und Wirken Jesu aussagen soll. Und was?

Gerechtigkeit“ (dikaiosyne) ist ein matthäischer Zentralbegriff. Der dem Willen Gottes entsprechend lebende Mensch ist für Matthäus gerecht. Und Jesus Christus, Gottes Sohn, ist Urbild dieser Gerechtigkeit: er ist der, der Gott gehorsam war, gehorsam bis zum Tod am Kreuz. Und gehorsam heißt wörtlich: Der auf Gott hörte – bis zuletzt.

Es ist diese „Gerechtigkeit“, dieses Leben in einer unverbrüchlichen Beziehung, die Jesus so besonders macht, die Jesus zum Sohn macht. Für Matthäus ist Jesus von Anfang dieser gehorsame Sohn seines Vaters. Jesus verbindet sich von vorne herein mit dem Willen des Vaters und erfüllt ihn. „Weil es sich so gehört!“ könnte man sagen. Es ist das In-Beziehung-mit-seinem-Vaters-Sein, es ist sein Sohn-Sein, das Jesus antreibt. Sein Gegenspieler, der im nächsten Kapitel auftaucht, ist der Satan: Dieser versucht, Jesus aus dieser „vertrauensvollen Verbindung“ mit dem Vater „heraus-führen“, eben zu „ver-führen“. Ihm gegenüber argumentiert Jesus mit dem Deuteronomium, dem „zweiten Gesetzbuch“. (Das fünfte Buch Mose.)

Jesu Gehorsam ist ein „inwendiger“ – ein „identifikatorischer“ Gehorsam. Jesus lebt voll und ganz in seiner Beziehung zu seinem „Vater“. So sehr ist er damit in Einklang, dass er „der Sohn (geworden) ist“. Sätze wie: „Niemand kommt zum Vater, als durch mich“ (Joh 14, 6), oder: „Ich und der Vater sind eins“ (Joh 10, 30) werden von hier aus verständlich.

Inwendiger Gehorsam heißt: Er ist nicht länger „äußerlich“. Er ist zu „meinem Eigenen“ geworden. Ich gehorche nicht aus Angst vor Strafe, sondern weil ich gerade so und nicht anders leben will. Und damit kommt auf die Welt, was Matthäus „Gerechtigkeit“ nennt. Gerechtigkeit hat nichts mit „Gleichmacherei“ zu tun. Sie entsteht nicht durch Nachahmung (Imitation), sondern durch Aneignung (Identifikation). Es gehört zur Tragik vieler Lebensgeschichten gerade auch von Künstlern, dass das, was sie „angetrieben“ hat, bei ihren Eltern/Schwiegereltern auf schärfsten Widerstand gestoßen ist. Denken Sie an Robert Schumann oder an die qualvolle Beziehung von Franz Kafka zu seinem Vater.

Unser heutiges Evangelium handelt von einer völlig anderen Vater-Sohn-Beziehung: Das Eigen-Sein des Sohnes wird von seinem Vater bestätigt. Und seht, die Himmel öffneten sich, und er sah die Geistkraft Gottes wie eine Taube herabschweben und auf sich kommen. 17 Und seht, eine Stimme sprach aus den Himmeln: »Dieses ist mein geliebtes Kind, ihm gehört meine Zuneigung.« (Vers 16a – 17: Übersetzung nach „Bibel in gerechter Sprache“).

Ich habe diesem Gottesdienst die Überschrift gegeben: „Ich bin getauft – ja und?“ Jetzt wissen Sie, was hinter dem „ – ja und?“ steckt. Unsere Taufe versinnbildlicht eine Beziehung, in der wir als die, die wir wirklich oder wahrhaftig sind, willkommen und gemeint sind. Deshalb hat Taufe mit „Hinabsteigen“, mit „Tod“ zu tun: Es ist das Ende, der Tod all jener Beziehungsformen, bei denen „in der Tiefe“ nicht wir gemeint sind, sondern die Wünsche und Erwartungen an uns, die wir erfüllen sollen, um eine Daseinsberechtigung zu erlangen. Das Symbol dieses Erlebens ist die Friedenstaube, die „Geistkraft Gottes.“ Es ist dieselbe Kraft, die am Anfang der Schöpfung „über den Wassern schwebte.“

Der Geist „der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit“ ist selbstverständlich auch der Geist des Friedens. Mit ihm in immer innigerer Verbindung zu kommen und zu bleiben – ist Sinn und Zweck christlicher Existenz, jedenfalls meinem Verständnis nach.

So – nach all dem könnte ich mich jetzt auch fragen:

Was hat dich eigentlich angetrieben, diese Predigt so und nicht anders zu schreiben? Sind deine Gedanken in Verbindung mit dem Geist Gottes – oder in Verbindung mit dem „Verführer“?

Zwei Antworten:

Erstens: Ich weiß es nicht.

Zweitens: Ich meine, mich im Laufe der Zeit ein wenig kennen gelernt zu haben.

Die Verbindung mit Gottes Geist fühlt sich langsam, bedächtig, besonnen, liebevoll, heiter und gelassen an. Und in allem sehr wach.

Es ist ein Gefühl von Raum da und Weite.

Und die Dinge der Welt sind eingehüllt in einen wunderbaren Glanz.

Schönheit liegt offen.

In der Verbindung mit dem „Verführer“ spüre ich vor allem Hektik und Hetze. Ich fühle mich eingeengt und will, dass sich die Menschen ändern. Die Welt ist flach geworden und stumpf. Und ich teile ein in falsch und richtig, gut und böse.

Einfacher ausgedrückt: In Verbindung mit dem Verführer hat mein Ich Gottes Platz besetzt. Und dieses Ich weiß ganz genau, wie „es“ ist und „es“ zu sein hat. Und selbstverständlich hat es auch immer recht! „Immer bist du so …“ solche Sätze gehören zu dem Verführer. Oder auch: „Nie machst du das oder das …“

Die Macht des Verführers liegt in seiner Verheißung von Sicherheit. Dass es so und nicht anders ist. Als „Kind Gottes“ habe ich mit meinem Nicht-Wissen und mit meiner Unsicherheit zu leben. Auch bezüglich der Antwort auf die Frage, was mich angetrieben hat, diese Predigt so zu halten. Das mit dem sich öffnenden Himmel und der daraus ertönenden Stimme – diese Bestätigung ist mir als einfachem Menschen nicht gegeben;)! Stimmt auch nicht ganz: Es gibt ein tiefes Gefühl des mit mir im Einklang Seins. Und das ist dann so, als würde jemand Anderer zu mir: „Ja!“ sagen.

Ein „Ja“, das sich nicht halten und nicht besitzen lässt. Gerade so wie der Geist Gottes „weht, wo er will!“ Und ich habe den Eindruck: Je tiefer ich lerne zu akzeptieren, dass dem so ist, dass Gottes Geist „unverfügbar“ ist – desto leichter bleibe ich in der Beziehung zu Gott und zu seinem Geist: der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit, AMEN.