Predigt an Silvester 2025
„Gott ist allzeit bereit, wir aber sind sehr unbereit.
Gott ist uns nahe, wir aber sind ihm fern.
Gott ist innen, wir aber sind draußen.
Gott ist in uns daheim, wir aber sind in der Fremde.
Dass ein Mensch ein ruhiges Leben in Gott hat, das ist gut.
Dass ein Mensch ein mühevolles Leben mit Geduld erträgt, das ist besser.
Dass man aber Ruhe hat im mühevollen Leben, das ist das Beste.
Abgeschiedene Lauterkeit kann nicht beten,
denn wer betet, der begehrt etwas von Gott,
das ihm zuteilwerden solle,
oder aber begehrt, dass ihm Gott etwas abnehme.
Nun begehrt das abgeschiedene Herz gar nichts,
es hat auch gar nichts, dessen es gerne ledig wäre.
Deshalb steht es ledig allen Gebetes,
und sein Gebet ist nichts anderes
als einförmig zu sein mit Gott.
Das macht sein ganzes Gebet aus.“
Liebe ökumenische Gemeinde,
Meister Eckhardt, ein großer Denker und Mystiker (und eines meiner großen Vorbilder) hatte den Mut und die Kraft für diese tiefsinnigen Gedanken.
Das abgeschiedene Herz begehrt nicht.
Und es hat nichts, dessen es gerne „ledig“ wäre.
Also: Es hat auch nichts, was er gerne los würde.
Deshalb bedarf es keines Gebetes.
Sein Gebet ist nichts anderes als einförmig zu sein mit Gott…
Und wäre ein wirkliches „Danke“ das einzige, was ein Mensch jemals gesagt hätte – es wäre Gebet genug.
Wie geht das? Ist das überhaupt lebbar?
Ich verstehe nicht.
Natürlich begehren wir Menschen.
Unentwegt begehren wir.
Wir begehren und wir wünschen.
Wir wünschen uns Gesundheit im Neuen Jahr. Dies sei das Wichtigste, heißt es oft.
Oder auch Frieden.
Eine Arbeit zu haben, mit der sich der Lebensunterhalt verdienen lässt.
Wir sind abgefüllt mit unseren Wünschen und Begierden.
Und wir sind griesgrämig, wenn die Wünsche nicht in Erfüllung gehen.
Dann benehmen wir uns wie quengelnde Kinder, die das Eis, das ihnen vermeintlich versprochen worden ist, nicht bekommen.
„Das ist gemein! Versprochen wird nicht gebrochen!“
„Genau“ – sagen die Verführerinnen und Verführer in blau. „Wenn du mich wählst, dann bekommst du dein Eis.“
„Ich mache dich wieder groß…“
Demgegenüber haben wir Christen ein anderes Standing. Oder, besser: hätten wir Christen ein anderes Standing:
„Der Messias Jesus gestern und heute – er ist auch noch derselbe in Ewigkeit. Lasst Euch nicht durch gekünstelte und fremde Lehren von ihm abbringen, denn es ist gut, wenn das Herz durch Zuneigung fest wird…“ (Hebräer 13, 8b-9).
Liebe ökumenische Gemeinde!
Wir haben alles, was wir brauchen!
„Gott allein – genügt“ (Solo dios basta sagt Theresa von Avila)
„Ich will aber ein Eis!“ sagt das nörgelnde Kind.
Was nützt mir Gott, wenn ich Kreuzschmerzen habe?
Was nützt mir Gott, wenn ich meinen Mann/meine Frau so sehr vermisse?
Was nützt mir Gott im Angesicht meiner diffusen Ängste?
Was nützt mir Gott, wenn ich spüre, wie ich täglich etwas gebrechlicher werde?
„Was nützt mir Gott?“
Es ist die kapitalistische Frage: „Was bringt mir das?“ Wie hoch ist die Rendite?
Nüchterne Antwort: Nichts, es bringt dir gar nichts, Gott ist nämlich kein Bringer!
Noch einmal Meister Eckhart: „Aber manche Leute wollen Gott mit den Augen ansehen, mit denen sie eine Kuh ansehen und wollen Gott lieben, wie sie eine Kuh lieben. Die liebst du wegen der Milch und des Käses und deines eigenen Nutzens.
So halten‘s alle jene Leute, die Gott um äußeren Reichtums oder inneren Trostes willen lieben; die aber lieben Gott nicht recht, sondern sie lieben ihren Eigennutz.“
Was aber heißt es dann, „Gott recht zu lieben?“
Es heißt „bereit sein“. Bereit sein für Gott. Und dieses „bereit sein für Gott“ drückt sich aus in einem „bereit sein für die eigene Menschlichkeit“.
„Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!“ Nicht mehr – und auch nicht weniger.
Wir Christen glauben einen Gott, der selbst Mensch geworden ist. „Und er hat in den Tagen seines irdischen Lebens Bitten und Flehen mit lautem Schreien und Tränen dem dargebracht, der ihn vom Tod erretten konnte; und er ist auch erhört worden, weil er Gott in Ehren hielt“. (Steht auch im Hebräerbrief, 5,7)
Bereit sein für Gott: das geht nicht anders als über ein „bereit werden„. Ich glaube, es gibt keinen „Zustand des Bereit-Seins“, so wenig es einen Zustand gibt, in dem „alles gut ist“. Das ist eine ebenso verständliche aber kindliche Sehnsucht.
Eine Sehnsucht nach dem Paradies.
Das Paradies ist ein für alle Mal verloren.
Aber das ist überhaupt nicht schlimm. Denn im Paradies gibt es keine Entwicklung, kein Wachstum. Und wer nicht wachsen, sich entwickeln kann, ist tot.
„Lasst die Toten die Toten begraben!“ – „Ihr aber folgt mir nach!“
Nachfolgen heißt: bereit zu werden. Sich offen zu halten für Gott. Dafür, dass Gott jederzeit in mein Denken einbrechen kann.
Nachfolgen heißt: Den Zustand des Unbereit-Seins aufzugeben.
Es ist nicht schlimm zu erleben, dass ich vieles nicht kann. Schlimm ist nur, wenn ich nicht „lernbereit“ bin. Wenn ich nicht bereit bin, „aus Erfahrung“ zu lernen.
Und besonders schlimm ist es, dass immer wieder Menschen die Macht hatten und derzeit haben, die nicht lernbereit sind. Weil ihnen die Fähigkeit zu lernen „rausgeprügelt“ worden ist. Sie werden regiert von ihrem Hass, den sie mit Größenwahn kompensieren. Zum Leidwesen der Gemeinschaft, die sie gewählt hat!
Liebe ökumenische Gemeinde,
ich wünsche uns allen die Kraft und die Fähigkeit, wieder bereit zu werden.
Bereit zu werden für einen Gott, der Türen öffnet. Für einen Gott, der sich von den Mauern unserer Vor-Urteile und Vor-Annahmen nicht einschüchtern lässt. Der dem Fremden „in mir“ und dem Fremden „draußen“ eine Heimat gibt. Der eingrenzt und nicht ausgrenzt. Der sich daran freut, wenn es irgendwann einmal möglich wird, dass wir gemeinsam Eucharistie feiern.
Ich wünsche uns allen für 2026 eine unzerstörbare Verbindung mit dem „Messias Jesus gestern und heute – und derselbe in Ewigkeit!“ AMEN.
