Texte

Selbsterkenntnis

Nüchterne Selbsterkenntnis ist in kirchlichen Gemeinschaften nicht erwünscht. Man hat ja „den Herrn“. Es genügt, an ihn zu glauben. Als Pfarrer und Psychotherapeut war und ist das durchaus ernüchternd. Aber die Realität ist nun einmal ziemlich nüchtern. Dass dem so ist bildet den Hintergrund folgender Geschichte, deren Grundgedanken ich bei A. de Mello kenenlernen durfte.

Erkenne dich selbst!

„… so hoch die Seele auch stehen mag – nie wird etwas anderes die Selbsterkenntnis ersetzen können, ob man dies will oder nicht.“ (Theresa von Avila)

Alle Religionen ruhen auf drei Säulen: dem Gottesdienst, den Heiligen Schriften und der Nächstenliebe. Eines Tages traten diese drei Säulen zu Gott und klagten ihr Leid.

„Ich habe an Achtung verloren“, sagte der Gottesdienst. „Zu mir kommen die Menschen vor allem, um sich selbst zu feiern. Oder wenn es ihnen schlecht geht. Dann kommen sie, weil sie wollen, dass es ihnen besser geht. Dabei besteht mein Sinn doch darin, einmal nicht sich selbst in den Mittelpunkt zu stellen. Sich als kleiner Teil in Beziehung zu einem Größeren und Ganzen zu erleben.“

„Uns geht es ähnlich“, sagten die Heiligen Schriften. „Wir werden für wissenschaftliche Studien verwendet,sagte das Alte Testament. Oder für den naiven Glauben, dass es keinen Tod gibt, sagte das Neue Testament. Oder für Gewalt, sagte der Koran. Dabei besteht unser Sinn doch darin, den Menschen ein gutes Leben zu lehren. Den Respekt vor allem Geschaffenen. Die Liebe zu allem, was da ist.“

„Genau“, sagte die Liebe. „Genau das ist auch mein Problem. Ich werde mit Sehnsucht verwechselt. Mit einer Harmonie, in der es keine Konflikte geben soll.

Dabei ist meine Stärke doch gerade Toleranz. Die respektvolle Wahrnehmung des Fremden, des Unbekannten.“

„Ich kann euer Leid verstehen“, antwortete ihnen Gott.

„Ich werde euch jemand an die Seite stellen“, der euch stärken wird.

„Wer wird das sein?“ fragten sie.

„Die Selbsterkenntnis!“ antwortete Gott.

Als der Teufel davon hörte, lachte er. „Ein unverbesserlicher Optimist ist er schon, der Alte,“ rief er aus. Und er holte seine Helfer zu sich: Die Angst verbunden mit Unsicherheit und Ambivalenz, den Geiz, den Perfektionismus, den Stolz, den Neid, den Zorn, den Betrug, die Trägheit und die Gewalt.

„Passt auf“, sagte er. „Gott will die drei Säulen der Religion stärken, indem er ihnen als besondere Kraft die Selbsterkenntnis an die Seite gibt.“

„Was ist das?“ fragten seine Helfer. Denn Selbsterkenntnis war ihnen fremd.

„Das müsst ihr nicht wissen“, antwortete der Teufel hämisch grinsend.

„Es ist etwas Sinnloses, etwas, das nichts bringt.“

„Wieso hast du uns dann zu dir gerufen?“ wollten sie wissen.

„Damit ihr gewappnet seid. Wenn die Menschen anfangen, sich selbst zu erkennen, dann müsst ihr ihnen klar machen, dass Selbsterkenntnis keinen Nutzen hat.“

„Hat sie ja auch nicht“, sagten seine Helfer. „Wie kann etwas Nutzen haben, das wir nicht verstehen.“ „Gut so,“ antwortete der Teufel. Und seine Augen blitzten triumphierend.

Und so geschah es.

Und da teuflische List bei den Menschen mächtiger ist als göttliche Weisheit, kam die Selbsterkenntnis nicht wirklich weit.

„Du bringst mir nichts“, sagten die Menschen, und wendeten sich von ihr ab.

„Du machst mich höchstens unglücklich“, sagten Andere. „Am Ende bekomme ich noch eine Depression!“

„Das ist mir zu komplex,“ war auch eine Antwort. „Ich verstehe dich nicht!“

Oder: „So genau will ich mich gar nicht kennen lernen. Wer weiß, was da alles zutage tritt.“

Auch die Wissenschaftler bezogen Stellung:

„Wir müssen erst deine Validität überprüfen“, sagten sie. „Und du musst uns deine Signifikanz und Effizienz nachweisen.“

Die Selbsterkenntnis war frustriert. In ihrer Not wandte sich sie sich direkt an Gott. Als er sie kommen sah, sagte er: „Du siehst müde und erschöpft aus. Was ist denn los?“ Sie antwortete: „Ich fürchte, ich bin nicht hilfreich. Tut mir leid, aber es ist mir nicht geglückt, die Menschen zu erreichen. Ich fühle mich ausgehöhlt. Man verwendet meine Kraft, um andere auszubeuten. Man verwendet mich für Werbung und für Verführung. ‚Träume nicht dein Leben, lebe deine Träume,‘ heißt es. Aber man interessiert sich nicht dafür, was das ist: ‚Mein Leben.‘ Man redet von Selbst-Verwirklichung. Aber wie soll man ein Selbst verwirklichen, das man gar nicht kennt? Wie soll man Sorge tragen für eine Seele, die einem unbekannt ist? Warum nur haben die Menschen so wenig Interesse, daran, sich selber kennenzulernen?

Mein Gott – das alles ist derart ernüchternd. Ich glaube, ich kann nicht mehr… Und ich mag auch nicht mehr. Ich fürchte, du hattest keinen guten Tag, als du beschlossen hast, den Menschen zu erschaffen!“

Ja“, sagte Gott lächelnd, „ich denke mir manchmal auch, ob das wirklich eine gute Idee gewesen ist.“

Und er fuhr fort:

„Es ist Meister Eckhardt – einer meiner getreuesten Mitarbeiter – gewesen, der gesagt hat: ‚Manche Leute, die wollen Gott mit den den Augen ansehen, mit denen sie eine Kuh ansehen und wollen Gott lieben, wie sie eine Kuh lieben. Die liebst du wegen der Milch und des Käses und deines eigenen Nutzens. So halten‘s alle jene Leute, die Gott um äußeren Reichtums oder inneren Trostes willen lieben; die aber lieben Gott nicht recht, sondern sie lieben ihren Eigennutz.‘

Und – vielleicht ein kleiner Trost für dich, liebe Selbst-Erkenntnis:

Meister Eckhardt hat auch nicht viel erreicht. Wäre er nicht rechtzeitig gestorben, hätte ihn das Establishment der katholischen Kirche wegen Ketzerei zum Tode verurteilt.“

Und wie gehst du damit um?“ fragte die Selbsterkenntnis Gott. „Macht dich das nicht depressiv?“

„Nein“, antwortete Gott. „Ich bin zwar Mensch geworden, aber ich bin kein Mensch.

Im Schicksal meines Sohnes habe ich gelernt, was es heißt, Ohne-Macht-Sein zu ertragen. Die Menschen wollen einen allmächtigen Gott. Weil sie selber allmächtig sein wollen. Ich aber habe mich offenbart als einfühlsamer, als empathischer Gott.

Das wird mir oft als Schwäche ausgelegt. Oder als Beweis, dass ich überflüssig bin. Dass es mich gar nicht gibt, dass ich eine Illusion der Menschen bin.

„Das klingt ja nicht sehr optimistisch,“ erwiderte die Selbsterkenntnis.

„Es geht nicht um Optimismus“, sagte Gott. „Es geht um Realismus.“

„Und Realismus heißt, der Wirklichkeit nüchtern ins Auge zu schauen. Und die Wirklichkeit ist, dass sich Menschen nur sehr schwer verändern können. Meistens erst dann, wenn sie Gefühle einer Katastrophe erleben. Vorher wollen sie sich nicht verändern. Und sie hassen es, aus ihren eigenen Erfahrungen zu lernen.“

„Und was sagst du den Menschen, die sich in ihrer Not an dich wenden?“

„Es sind nicht viele, die das tun. Die meisten verwenden auch die Katastrophen dafür, nichts ändern zu müssen. Oder sie ändern äußere Lebensumstände, ohne zu merken, dass es um einen Wandel ihres Denkens, ihrer Grund-Haltungen zum Leben ginge. Eben um dich, um Selbst-Erkenntnis…

. weißt du: – auch ich kann nur diejenigen erreichen, die mich ernsthaft suchen …“

„Ja – und dann: was sagst du denen, die sich von dir erreichen lassen?“

„Ich bin Gott. Ich spreche nicht direkt. Die Menschen würden mein Wort nicht ertragen. Ich spreche indirekt, über meine Schöpfung. Und die Menschen, die mich wirklich suchen, die hören auf einmal meine Botschaft ‚zwischen den Zeilen‘, da wo man nichts sieht. Sie hören die Botschaft der Bäume und der Grashalme, und sie sehen mit anderen Augen: die Ameisen und die Krähen, den Regen und den Sonnenstrahl… die Wellen der Meere und die Wolken am Himmel … auch meine Heiligen Schriften, und die Gottesdienste …. und sogar ihre Mitmenschen … überall entdecken sie die Schönheit dessen, was da ist und werden durchflutet von dankbarer Liebe zu dem, was kommt und geht … Und sie bekommen eine Ahnung davon, was Jesus Christus wirklich gewollt hat. Der übrigens, anders als Meister Eckhardt, wirklich mit dem Tod bestraft worden ist. Seine Predigten haben die damals vorhandenen Möglichkeiten zu verstehen zerstört. Deshalb musste der Prediger zerstört werden.“

„Ja, und was hilft mir das jetzt?“ murrte die Selbsterkenntnis. „Das ist mir kein Trost! Höchstens eine Vertröstung, die ja oft genug gepredigt wird!“

„Meine liebe Selbsterkenntnis – du brauchst etwas mehr Selbstbewusstsein“ antwortete da Gott lächelnd. „Mach‘ dich doch nicht so abhängig davon, wie du ankommst. Dein Wert hängt doch nicht daran, wer dich braucht. Du sagst doch selbst den Menschen, dass nützlich zu sein allein nicht glücklich macht.

Dein Nutzen liegt in deinem Da-Sein. Das gilt für dich und für alles Geschaffene. Nimm dein Da-Sein ernst und verbinde es mit mir – dem Grund allen Seins. Und indem du dies tust, befriedest du dich und alles, was dich umgibt – innen wie außen – und du wirst allmählich die ‚verschwebende Stimme‘ meines Schweigens hören und spüren: Es ist, was es ist, und es ist gut.“

Die Selbsterkenntnis schwieg.

„Erreicht dich das?“ fragte Gott die Selbsterkenntnis und schaute sie liebevoll an.-

Die Selbsterkenntnis schwieg. Und sie spürte: Hinter ihrem Hader und ihrer Enttäuschung und ihrem Zorn und ihrer Angst und ihrer Gekränktheit gab es etwas … etwas Unbekanntes und irgendwie doch Bekanntes.

Noch nie hatte sie sich so danach gesehnt wie jetzt. Auf einmal erkannte sie, es war die Angst gewesen, die Angst davor, die vertraute Art ihres Denkens, ihres Fühlens loszulassen. … Wer würde sie sein, ohne ihre vertrauten Gefühle von Unzufriedenheit, Angst und Sorge? Gäbe es sie dann überhaupt noch? Oder würde sie dann verrückt werden?

Und noch ein weiterer Gedanke stieg in ihr auf: Ob das der Grund war, weswegen die Menschen sich so schnell wieder von ihr abwendeten: Weil die Menschen dieselbe Angst vor dem Loslassen der ihnen vertrauten Gefängnisstäbe hatten, wie sie selbst?

„Vertraue deiner Intuition,“ sagte Gott noch. „Sie wird dich zu mir führen.“

Da konnte die Selbsterkenntnis nicht mehr. Tränen brachen aus ihr heraus. Es war, als hätte sich in ihr eine Schleuse geöffnet, eine uralte Schleuse, die sie vor gefühlten 100 Jahren fest verschlossen hatte. Und wie sie so da stand und weinte, kamen der Gottesdienst und die Heiligen Schriften und die Liebe zu ihr und nahmen sie in ihre Mitte.

Wie schön, dass du das bist“, sagten sie.“ Und: „Du gehörst doch zu uns. Und wir stehen zu dir. Du bist nämlich gar nicht so einsam, wie du denkst, auch nicht so nutzlos, wie du glaubst. Jedenfalls nicht für uns und auch nicht für die Menschen, die sich für Religion interessieren. Nur mit dir, der Selbst-Erkenntnis, können sie verstehen, wofür sie ihren Glauben verwenden. Nur mit dir können sie nüchtern überprüfen, was hinter ihren Haltungen und Entscheidungen steckt. Ob die tiefste Quelle ihres Antriebes Hass oder aber Liebe ist.“

Selbsterkenntnis Weiterlesen »

Gedanken zum Volkstrauertag 2022

Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger,

Meister Eckhart hat einmal gesagt: “ … soviel bist du in Gott, so viel du in Frieden bist, und so viel außer Gott, wie du außer Frieden bist“ (Tractatus 2, S. 433) In Frieden mit sich selbst, dem eigenen gelebten Leben und in Frieden mit dem Leben und dem Verhalten meiner Mitmenschen.

Geht das? Oder gehört das zu auch zu jenen Illusionen, die laut Meinung ihrer Kritiker von den Religionen befeuert werden.

Kann ich in Frieden mit jemand seien, der meine Familie bedroht, der Mitglieder meiner Familie getötet hat, der mein Haus zerbombt hat?

Nein. Das geht nicht! Das wäre übermenschlich. Wie soll ich in Frieden zu jemanden kommen, der diesen Frieden überhaupt nicht will?

Dessen Ziel es ist, mich anzugreifen, ja mich zu vernichten.

Die Geschichte lehrt uns, dass wir Menschen offenbar nicht wirklich friedensfähig sind. Alltäglich erleben wir, dass Hass, Gewalt und Rücksichtslosigkeit ganz offensichtlich zu uns Menschen, zu unserem menschliche Leben dazu gehört.

Dies ist nüchtern anzuerkennen.

Wir erleben aber auch alltäglich, dass wir Menschen zu Rücksichtnahme, zu Einfühlung, zu Liebe fähig sind.

Die Frage ist: Gibt es eine Brücke zwischen diesen beiden Polen oder Systemen – zwischen dem System Hass und dem System Liebe?

Ein Beispiel: In diesem Jahr jährte sich der Geburtstag des großen jüdischen Geigers Isaac Stern zum 100. Mal. Zeit seines Lebens lehnte er es ab, in Deutschland zu konzertieren.

An seinem 75. Geburtstag jedoch gab er einen Kammermusikkurs in Deutschland. Er sagte dazu:

„Er sei nicht gekommen, um zu vergeben oder zu vergessen, oder um jemanden Schuldgefühle zu machen, die er nicht von sich aus habe. Sein Kommen sei ein Ausdruck des Humanismus und der Anerkenntnis, dass es nicht ‚menschlich‘ sei, eine feste Position zu beziehen ohne Rücksicht auf den Wandel der Zeit und den Schmerz, den eine solche Position bei Anderen auslöst“. Innerhalb dieses Rahmens war es Stern möglich, nach Deutschland zu kommen. Seine eigene Guaneri-Geige – Symbol dessen, woran wirklich sein Herz hängt – hatte er nicht mitgebracht. Insofern ist er seinem „Schwur“, in Deutschland nie wieder zu konzertieren, treu geblieben.

Für mich ist das ein beeindruckendes Beispiel dafür, was (uns) Menschen möglich ist – und was auch nicht. Er sei nicht gekommen, „um zu vergeben, zu vergessen oder um Schuldgefühle zu machen!“ Er ist gekommen, weil er (dringend) gebeten worden ist, doch von seinem Wissen und seiner Kunst des Violine Spielens etwas weiter zu geben. Und er hat sich von diesen Bitten erreichen lassen als Ausdruck des Humanismus und weil es nicht menschlich sei, eine Position zu beziehen ohne Rücksicht auf den Wandel der Zeit und den Schmerz, den eine solche Position bei anderen auslöst. Und ich füge hinzu: Es tut auch der eigenen Seele nicht gut, in den Verhärtungen zu verharren, und so sich unerreichbar zu machen. Dies führt zu nichts weiter als zu Verbitterung, verbunden mit dem Ausruf: „Das hätte nie passieren dürfen!“

Andererseits – und das ist auch eine sehr nüchterne Erkenntnis: Es bedarf eines

sehr starken Ichs, das über den Mut verfügt, auch ein „Jenseits“ dessen, was geschehen ist und niemals hätte geschehen dürfen, zuzulassen. Es bedarf des Mutes, nicht länger den Stimmen zu folgen, die Härte und Rache propagieren. Die jede Form des Kompromisses und des Aufeinander-zu-Gehens als Ausdruck von Schwäche und Selbstverrat denunzieren. Und es bedarf der Zeit, die bekanntlich Wunden heilt. I. Stern ist an seinem 75. Geburtstag zum ersten Mal in Deutschland gewesen: das war 1997 – also mehr als ein halbes Jahrhundert nach Ende des Nazi-Regimes.

Was er aber vorgelebt hat, das ist wirkliche Stärke. Zu ihr gehört die nüchterne Anerkenntnis der Wirklichkeit und der Verzicht auf süßliche „Jetzt haben wir uns doch alle wieder lieb“-Romantik. Nur in dieser Nüchternheit ist es auf der anderen Seite möglich, eine Zukunft zu finden, die aus der Hölle des ewigen und eisernen Festhaltens an dem, was gewesen ist, heraus führt.

Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger,

vielleicht sind Sie ein wenig überrascht, von einem Pfarrer solch‘ „weltliche“ Gedanken zu hören. Ohne Verweis auf ein Jenseits, in dem alles besser werden wird.

Ja, das stimmt: Der Glaube an ein derartiges Jenseits ist mir fremd.

Und ich weiß mich an dieser Stelle in guter Gesellschaft mit Jesus aus Nazareth. Der hat auf die drängende Frage, wann denn (endlich) das Reich Gottes käme, geantwortet:

„Das Reich Gottes kommt nicht mit äußeren Zeichen; man wird auch nicht sagen: Siehe hier!, oder: Da! Denn sehet, das Reich Gottes ist mitten unter euch.“ (Lukas 17, 23)

Und im Johannesevangelium sagt Christus:

„Frieden lasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch. Nicht gebe ich euch, wie die Welt gibt. Euer Herz erschrecke nicht und fürchte sich nicht.“

“ … soviel bist du in Gott, so viel du in Frieden bist…“ AMEN.

Gedanken zum Volkstrauertag 2022 Weiterlesen »

Persönliches Glaubensbekenntnis
von Lothar Malkwitz

Ich glaube. Und ich zweifle.

Im Dunkel glaube ich.

Glaube ich der Unerkennbarkeit Gottes.

Glaube ich den unendlich vielen Verbindungen zwischen allem, was da ist und geschieht.

Und wovon ich keine Ahnung habe.

In meiner Ahnungslosigkeit

nenne ich es Mutter und Vater aller Dinge.

Ich glaube. Und ich zweifle.

Dem dunklen Strahl aus der Dunkelheit des Vaters stammend glaube ich.

Von mir Sohn genannt.

In und durch ihn lerne ich in der Dunkelheit zu sehen. Erahne Wege, die weiter führen könnten.

Glaube ich dem Weg des Sohnes selbst.

Die Suchscheinwerfer meines Verstandes haben ihn ausgelöscht.

Sie versuchen die Finsternis abzuschaffen.

Sein dunkles Licht ist untergegangen.

Verschwunden.

Es hatte keine Chance.

Mein Verstand ist mächtiger.

Er bemächtigt sich der lebendigen Beziehung zwischen Vater und Sohn.

Er zerreißt das Lebendige in falsch und richtig.

Und doch hat das Leben gesiegt.

Am dritten Tage verströmte die Liebe ihr wärmendes Licht.

Sie umhüllt den Vater wie den Sohn: in ihr bleiben sie für immer verbunden.

Ich glaube. Und ich zweifle.

Der Kraft, die mir hilft, die mir Trost spendet, glaube ich.

Der Kraft, die der Liebe zwischen Vater und Sohn in mir zu alltäglichem Leben verhilft.

Die mir beisteht, die Freundlichkeit und Güte Gottes in die Welt hinaus zu strahlen.

In der ich selbst zum Licht werde.

Der Kraft der liebenden Gemeinschaft aller Menschen, gleich welchen Geschlechtes, welcher Rasse, welcher Nation, welchen sozialen Status – glaube ich.

Und dass die Würde der Menschen und der Tiere und der Pflanzen und der Berge und der Seen und der Wälder und der Wüsten … dass die Würde dessen, was da ist, unantastbar ist, das glaube ich.

Diese Kraft nenne ich Heiliger Geist.

Ich glaube. Und ich zweifle.

Mein Zweifel quält mich. Ihm versuche ich nicht zu glauben.

Mein Glaube befreit mich. Ihm versuche ich zu vertrauen.

Ich glaube. AMEN.

Persönliches Glaubensbekenntnis
von Lothar Malkwitz
Weiterlesen »

Ostern

Und wäre Christus tausend Mal in Bethlehem

geboren: und nicht in dir –

du bliebest doch in alle Ewigkeit verloren.

Und wäre Christus tausend Mal auch

auferstanden: und nicht in dir –

du hättest Ostern nicht verstanden.

Ostern Weiterlesen »

Nachdenken in der Fastenzeit: Elijah

Meditation zu Elijahs Gottesbegegnung 28.2.2016

Wir sind in der Wüste.

Es ist noch sehr heiß, auch wenn es bald dunkel werden wird.

Um uns ist Sand, nichts als Sand.

Und ein kleiner, wenig Schatten spendender Ginsterstrauch.

Unter ihm sitzt Elijah.

Er sieht müde aus. Erschöpft.

Wie ein Mensch, der nicht mehr kann.

Wir nähern uns behutsam, auch wenn er uns nicht sehen kann.

Elijah murmelt etwas vor sich hin.

Ein paar Worte trägt der Wüstenwind zu uns.

Es ist vorbei, Jahwe, Gott. Bitte nimm mir mein Leben…

Ich habe mir Mühe gegeben, habe für dich gekämpft, … ich wollte die Menschen davon überzeugen, dass es gut ist, an dich zu glauben, Herr. Auch wenn du unsichtbar bist – du bist um soviel mächtiger als diese kleinkarierten Götzen … Glaube nicht, dass ich bereue, dir zu dienen … nur jetzt ist es gut … ich bin allein … ich habe verloren … ich bin gescheitert … es tut mir leid … ich kann nicht mehr …“

Indem diese Worte auf uns wirken, spüren wir vielleicht unsere eigene Müdigkeit. Vielleicht gab es Zeiten in unserer eigenen Geschichte, wo unser Leben anders verlief, als erhofft, erträumt, erwartet.

Wir verbinden uns mit unserem Scheitern.

Mit unserer Lebens-Müdigkeit und unserer Erschöpfung.

Auch sie darf sein. Wir müssen nicht mehr davor fliehen.

Wir geben sie in die Hand des lebendigen Gottes.

Elijah ist eingeschlafen. Wahrscheinlich hofft er, nicht mehr aufzuwachen.

Aber er hat sich getäuscht. Eine weiße Gestalt zupft ihn an der Schulter, schüttelt ihn sanft und sagt: „Komm, steh auf! Iss, stärke dich!“ Und Elijah steht auf, isst und trinkt und legt sich wieder hin und schläft sofort wieder ein.

Aber schon bald kommt die Gestalt noch einmal, weckt ihn wiederum und sagt mit Nachdruck: „Iss und trink! Du hast einen weiten Weg vor dir!“

Wie stark ist unser Schlaf? Gehen wir schlafend durch unser Leben? Uns selbst, unsere wahrhaftigen Gefühle betäubend? In der Angst, nüchtern halten wir den Schmerz der Wirklichkeit nicht aus. Und falls ein Bote der Wahrheit, ein Bote Gottes zu uns kommt – schicken wir ihn dann weg? Sagen: lass mich bloß in Ruhe, ich will weiterschlafen!

Gehen wir unseren Weg, den nur wir gehen können? Gehst du deinen Weg, der dein ganz eigener, ganz einmaliger, für dich bestimmter Weg ist?

Die Wissenden sagen: Ich muss mich erst über den Weg informieren.

Die Erfolgreichen sagen: was bringt es mir, wenn ich den Weg gehe?

Die Zweifelnden sagen: und wenn der Weg eine Sackgasse ist, ein Holzweg?

Die Helfenden sagen: ich muss andere auf ihren Weg führen, mein Weg ist nicht so wichtig.

Die Perfekten sagen: ich bin viel zu schlecht ausgerüstet für diese Sache.

Die Mächtigen sagen: ich lasse mir von niemandem vorschreiben, wohin ich gehe.

Die Sensiblen sagen: ich fühle mich viel zu schwach für diesen Weg.

Die Begeisterten sagen: Der Weg ist super. Und sind in Gedanken schon beim nächsten noch Tolleren.

Die Gelassenen sagen: Das ist mir viel zu mühsam, so einen weiten Weg zu gehen.

Und sie alle haben recht. Und vor lauter Recht-haben schlafen sie weiter.

Elijahs Weg führte ihn zu seinem Gott. Zu einem Gott, der so überraschend anders war, als Elijah ihn sich vorgestellt hatte. Kein gewaltiger Gott. Kein Gott, der etwas hermacht. Kein Gott, mit dem man angeben kann. Nicht im Sturm, nicht im Erdbeben, auch nicht im Feuer.

Kein Gott der Macht.

Für Elijah geschieht Gott als „Stimme verschwebenden Schweigens“.

Wie geschieht mein Gott?

Wie erlebe ich ihn?

Wer ist mein Gott, an dem mein Herz hängt?

Was sind meine Ausreden, den Weg nicht zu gehen?

Gott aber sprach zu Elijah: Geh, kehr‘ um, auf deinen Weg …“

Der Weg führt mich zu mir nach Hause.

Da, wo mein Gott wohnt und immer schon gewohnt hat.

Da, wo eine Stimme verschwebenden Schweigens mir zuflüstert:

Schön, dass du da bist“, AMEN.

Nachdenken in der Fastenzeit: Elijah Weiterlesen »

Eine buddhistische Ostergeschichte

Die Begegnung – eine buddhistische Ostergeschichte

Der Mann hat die Mitte seines Lebens hinter sich. Er ist noch nicht wirklich alt, aber man sieht ihm an, dass er einen langen Weg gegangen ist. Der Mann ist allein. Sein Schritt ist fest, sein Gang aufrecht. Er scheint zu wissen, wo er hin will. Auch wenn ein Weg so recht nicht erkennbar ist. Die Landschaft ist eine Steppenlandschaft; steinig mit wenigen verdorrten Grasbüscheln. Dazwischen bräunlicher Sand.  Dem Auge stellt sich nichts in den Weg: kein Haus, kein Baum, nichts zum Sich-Festhalten.

Da sieht er ganz in der Ferne zunächst einen Punkt, dann eine Gestalt, schemenhaft erkennt er, es ist ein Mensch, ein Mann, der geradewegs auf ihn zu kommt. Irgendwie kommt er ihm bekannt vor, unendlich bekannt mit seinem langen lockigen braunen Haar, seinem eher spärlichen Bart der aus einem ausgemergelten Gesicht sprießt. Ein Gesicht, das viel Leiden gesehen, viel Schmerzen erlebt hat. An der Stirn sieht man Abdrücke, kreisrund, als hätte er einen Kranz mit Dornen getragen. Die warmen braunen Augen richten sich unverwandt auf den Mann.

 „Du bist Jesus“, sagt der Mann. „Dich habe ich mein Leben lang gesucht! Und jetzt, wo ich das Suchen aufgab, begegnest du mir!“ Jesus nickt lächelnd. „Ja, ich bin’s.“ Und schmun-zelnd fügt er hinzu: „Willst du mir nicht nachfolgen?“ Der Mann schüttelt den Kopf. „Jetzt nicht mehr“, sagt er leise. „Jetzt, wo ich weiß, wer ich bin und was ich zu tun habe“. Jesus schaut ihn unverwandt an. „Du kommst vom Berg.“ Der Mann nickt. „Ich bin dabei, nach Hause zu gehen.“  Seine Augen leuchten, als er dies sagt. Auch über das Antlitz Jesu huscht ein Strahlen.
„Endlich hast du verstanden“, sagt er.

Jetzt, wo der Mann seinem Jesus gegenüber steht, sieht er die Narben in seinem Gesicht und an seinen Händen. ‚Wie oft habe ich ihn verraten‘, denkt er sich, ‚ausgelacht, verspottet und verhöhnt‘. „Und gekreuzigt“, sagt Jesus, als hätte er seine Gedanken erraten. „Du hast dich so schuldig gefühlt. Das war unerträglich für dich. Und dann ging es wieder von vorne los. Ich musste viele Tode sterben und eben so oft auferstehen – bis wir heute uns begegnen können.“ Nach einer Pause fügt Jesus lächelnd hinzu: „Aber jetzt ist es gut!“ Der Mann nickt. „Gott sei Dank!“ Und mehr zu sich selbst murmelnd: „Ich kann es nicht fassen: ich bin wirklich frei. Deshalb muss ich dich nicht mehr töten.“

Die beiden Männer schauen einander schweigend voll Zuneigung in die Augen.
Sie haben das Gefühl, es ist alles gesagt.

„Schalom“, sagt Jesus, und er fügt hinzu: „mein Bruder“.
„Schalom mein Bruder“ erwidert der Mann.

Sie umarmen sich, küssen sich auf die Wange und gehen ihrer Wege.
Keiner schaut mehr zum anderen zurück.

Für kurze Zeit erinnern die Spuren im Sand noch an ihre Begegnung. Aber der Steppenwind hat sie schnell wieder verweht.      

Eine buddhistische Ostergeschichte Weiterlesen »

Drei Adventslieder 2010

1.    O Heiland reiß die Himmel auf

Wolkenverhangenes Grau in Grau;
es will nicht aufreißen

Wege verlieren sich im Nebel.

Hoffnung?  Worauf?
es will nicht aufreißen

Gedämpft. Alles Laute wird gedämpft.
Nur dein eigener Schritt knirscht.

Allein bist du unterwegs.
Wo sind deine Ideale geblieben?
Deine Visionen?
Deine Leidenschaften?

es will nicht aufreißen

Gott ist nicht da. War er jemals da?
Er ist nie da, wenn man ihn braucht.
Er ist auch nie da, wo man ihn sucht.

Er wird kommen heißt es. (Vielleicht auch nicht.)
es will nicht aufreißen

So gehst du Mensch deiner Wege,
nicht wissend, wohin sie dich führen werden,
ob in die Irre oder nicht.

Nur eines weißt du:
Irgendwann wird dein Weg zu Ende, dein letzter Schritt gegangen sein

Wird es dann aufreißen?

2. Die Nacht ist vorgedrungen

Still.
Es ist so still.
Die Nacht umhüllt mich
nicht
Ich kann nicht schlafen.
Gedanken dringen vor:
Angst und Sorge sind ihre Speerspitzen,
sie vermehren sich schneller als ich denken kann
Tausend und eins Befürchtungen foltern mich,
durchdringen mich – wie Pfeilspitzen;
an Ruhe ist nicht mal mehr zu denken…
Mein Körper wälzt sich hin und her.
Erinnerung an meinen Atem: du musst bewusst einatmen, du musst ausatmen,
übrig bleibt: du musst, du musst …
Ich suche mich nicht mehr.

Hat Gott mich vergessen?
Oder habe ich ihn verloren?

Warum sucht er mich nicht?

Ich bin hier, Gott, will ich schreien.
Hier!
Ich kann nicht mehr.

Die Nacht verschluckt meine Stimme.

Still.
Es ist so still.

3. Es kommt ein Schiff geladen

Ich bin beladen, Gott:
Beladen mit meinen Gedanken,
mit meinen Ängsten,
mit meinen Sorgen.
Sie bedrücken mich, wie Bleigewichte ziehen sie mich nach unten.

Hoffnung zerrinnt.

Liebe? Eine romantische Erinnerung

Geist?  Nein, bitte nicht Gott. Ich habe keine Zeit für geistvolle Stille,
 Ich muss noch einkaufen und auspacken, und weiterlaufen,
und Verantwortung tragen, und Advent feiern,
und mich besinnen, und überhaupt, bald ist Weihnachten.

Ich habe keine Zeit für, … nein — auch nicht für Schiffe,
zum Schluss kommen die an Land, dann muss man sie entladen,
wohin mit dem ganzen Zeug,
vielleicht später, nächstes Jahr, nach den Faschingsferien, aber dann kommt Ostern,
nein, besser, wenn das Schiff woanders anlegt,
bei jemand, der Zeit hat, der nicht so viel zu tun hat wie ich,
du verstehst das doch Gott, oder…?      

4. Veni, veni Emmanuel

veni, veni, Emmanuel

komm, Gott mit uns,

komm mit uns, Gott,

wir öffnen uns

hinein

in die Gegenwart Gottes

ER, der keine Vergangenheit kennt
ER, der keine Zukunft hat

veni, veni, Emmanuel,

düstere Wolke dunklen Glaubens,
Strahl der Finsternis in dunkler Nacht
Unsagbar gegenwärtig

veni, veni, Emmanuel,

ewiger, namenloser Weg,
von IHM befreit zu gehen
in dunkler Nacht

wer es wagt, wird mit nichts belohnt,
wer es versäumt, wird mit nichts bestraft,

veni, veni Emmanuel  

Gott mit uns, komm,

ER kommt mit uns

ER geschieht in uns,

augenblicklich,

Da wir uns loslassen,
öffnen wir uns zu IHM
und Emmanuel wird geboren

veni, veni Emmanuel!

Drei Adventslieder 2010 Weiterlesen »

Nach oben scrollen