Predigten

Predigt am 4. Advent 2020 über “Das Lachen der Sarah” (1. Mose 18)

Liebe Gemeinde,

“…es ist wirklich zum Lachen!”

“Das glaube ich nie und nimmer…”

“Das ist völlig unmöglich…”

Genau darum geht es heute!

Worum es nicht geht: Es geht nicht um Quer denken, Verharmlosen und dadurch den angestauten Hass auf Regeln, Gebote, Autoritäten, „den Staat“ auszuleben.

Die frohe Botschaft lautet nicht, dass wir (Christen) mit einem Gott im Bunde sind, der die Naturgesetze willkürlich aushebelt. Wenn es in unserem zu predigenden Test heißt: „Sollte Gott etwas unmöglich sein?“ ist große Vorsicht geboten.

Wir Menschen sind nicht Gott! Und wir werden nicht Gott. Und das ist gut so.

Die Bewegung ist umgekehrt: „Gott wird Mensch!“

Die frohe Botschaft ist die Menschlichkeit Gottes – nicht die Göttlichkeit des Menschen! Die frohe und überraschende Botschaft ist: Es gibt einen Weg, der in wahrhafte Menschlichkeit führt: Es ist der Weg der Einfühlung in sich selbst und in den Anderen. Es ist der Weg des Verständnisses, gerade für das Schwache, Hilfsbedürftige. Auch diese Seite an sich selbst zu bejahen, sie zu sich zu nehmen und nicht länger draußen zu bekämpfen: dies ist der Weg einer heilsamen Menschlichkeit.

Kurzum: Es ist der Weg der Liebe, zu sich selbst und zum jeweils Anderen, mit dem ich gerade zu tun habe.

“Freuet euch in dem Herrn allewege, und abermals sage ich: Freuet euch! Der Herr ist nahe!” heißt es im Wochenspruch zum 4. Advent (Phil. 4, 4.5b)

In dem Herrn – in Gott sich freuen – das ist etwas völlig anderes, als sich an der Stelle Gottes zu freuen.

Auf sich selbst gestellt,auf eigenen Beinen stehend und gerade so mit Gott im Bunde – Das ist die frohe Botschaft!

Und was heißt das: „Mit Gott im Bunde“?

Ich habe heute eine alte Geschichte zu predigen, in deren Mittelpunkt steht, dass sich jemand darüber lustig macht, was Gott ihm verheißt.

Die Geschichte steht in der Reihe der Ankündigungen der Geburt von etwas Neuem. Dem patriarchalischen Denken der Zeit entsprechend ist dieses „Neue“ der „Sohn“. Höhepunkt dieser Sohnes-Ankündigungen ist das vorhin gehörte Evangelium: Die Ankündigung der Geburt Jesu.

In unserem Predigttext handelt es sich um die Ankündigung eines anderen bedeutsamen Sohnes: Es geht um die Geburt Isaaks. Seine Eltern – Sarah und Abraham – waren nach unseren Maßstäben gemessen bereits im Greisenalter: Sarah ging auf neunzig zu – Abraham war 99.

Sie merken schon – wenn man diese Geschichte wörtlich – konkretistisch – nimmt, kann dabei nur Schwachsinn herauskommen.

Aber jetzt lese ich Ihnen die Geschichte erst einmal vor:

Und der Herr erschien ihm (Abraham) im Hain Mamre, während er an der Tür seines Zeltes saß, als der Tag am heißesten war. Und als er seine Augen aufhob und sah, siehe, da standen drei Männer vor ihm. …

Da sprachen sie zu ihm: Wo ist Sara, deine Frau? Er antwortete: Drinnen im Zelt. Da sprach er: Ich will wieder zu dir kommen übers Jahr; siehe, dann soll Sara, deine Frau, einen Sohn haben. Das hörte Sara hinter ihm, hinter der Tür des Zeltes. Und sie waren beide, Abraham und Sara, alt und hochbetagt, sodass es Sara nicht mehr ging nach der Frauen Weise. Darum lachte sie bei sich selbst und sprach: Nun, da ich alt bin, soll ich noch Liebeslust erfahren, und auch mein Herr ist alt!

Da sprach der Herr zu Abraham: Warum lacht Sara und spricht: Sollte ich wirklich noch gebären, nun, da ich alt bin? Sollte dem Herrn etwas unmöglich sein? Um diese Zeit will ich wieder zu dir kommen übers Jahr; dann soll Sara einen Sohn haben. Da leugnete Sara und sprach: Ich habe nicht gelacht –, denn sie fürchtete sich. Aber er sprach: Es ist nicht so, du hast gelacht.”

Unsere Geschichte beginnt mit einer merkwürdigen Einleitung:

Der Herr erschien Abraham … als der Tag am heißesten war.“

Abraham ist in der jüdischen Mystik verbunden mit der Ziffer 1. Mit ihm beginnt alles, er ist der erste der drei Erzväter. Und seine Name beginnt mit dem ersten Buchstaben des Hebräischen Alphabets, dem Alef. Sein zweiter Buchstabe ist das Beth. Es ist die Eins, die die zwei in sich trägt. Die Eins geht mit der Zwei, dem Anderen, dem Sohn schwanger. Im Hebräischen heißt Sohn „ben“ – beginnend mit Beth – eben der Zwei.

Abraham gehört zum ersten Tag der Woche, dem Sonntag. Und damit gehört er zur Sonne, deren astrologische Bedeutung: „Ich bin da“ ist. Es ist das Ego, das sich in seinem Dasein selbst genügt – um das alles andere kreist. Und so beginnt die Geschichte damit, dass die Sonne am höchsten steht, wo es am heißesten ist. Das ist auch die Zeit, wo sich etwas „wendet“. Wenn die Sonne am höchsten steht, beginnt ihr „Niedergang“. Es ist eine Wendezeit. So wie gerade eben – Weihnachten ist auch das Fest der Wintersonnenwende.

Wende heißt: So kann und wird es nicht weiter gehen. Es kommt etwas Anderes dazu. Dieses Andere ist die Zwei.

Abraham, die Eins, steht für die rechte Seite, für das Yang.

Isaak repräsentiert die linke Seite, die Zwei, das Yin. Im Zusammenspiel, im Zusammenklang von eins und zwei, von Yang und Yin geschieht Ganzheit.

Ganzheit im Sinne von „aus einem Guss“.

Nur die „ganze“ Glocke klingt und schwingt. Es gibt viele Weihnachtslieder, die vom Klingen der Glocken handeln. Das wird jetzt verständlich.

Die linke Seite ist die weibliche Seite, die Wasserseite, die passive Seite. Es ist der Mond, der beleuchtet wird. Wenn Sie im Alten Testament nachlesen, werden Sie merken, dass die Isaak-Geschichten allesamt Wassergeschichten sind. Unmittelbar nach seiner Geburt streitet Abraham mit Abimelech über die Brunnen (Gen. 26, 16-33) Und als Isaak seiner Frau Rebekka zum ersten Mal begegnet, kommt er vom Brunnen (Gen 24,62) Ansonsten bleibt Isaak merkwürdig passiv – bis dahin, dass er bereit ist, sich ohne Aufbegehren opfern lässt.

Sarah ist die einzige Frau, die in unserer Geschichte auftaucht. Auch sie bleibt passiv. Abraham und die „drei Männer“ sind die Aktiven. Ich verstehe im übrigen jede Frau, die sich über solche Geschichten ärgert. Der Platz der Sarah ist im Zelt, die Männer verfügen über sie. In einer anderen Version unserer Geschichte heißt es, ihre Aufgabe sei es, die Männer zu bewirten – und ansonsten ihre Klappe zu halten. Ist es da ein Wunder, dass sie sich lustig macht? Wenn man so radikal ohnmächtig ist, wenn man so radikal zu Passivität verdammt ist – dann ist „Sich lustig machen“ eine Art Not- Ventil. Ein naheliegendes Ventil, um ein wenig von dem Ärger und der Wut abzulassen. Dass Sarah dieser Ventil benötigt, wird noch nachvollziehbarer, wenn man sich die Mühe macht, sich in Sarah einzufühlen.

Für eine Frau, die sich dringend ein Kind wünscht, ist es häufig tief beschämend, wenn dieser Wunsch nicht in Erfüllung gegangen ist. Die einzige und beste Lösung, die ihr dann bleibt, ist, sich damit abzufinden. „Gras über diese Schmach wachsen zu lassen.“

Und dann kommt ein Kamel daher, das die Grasnarbe wieder weg frisst. Dieses Kamel ist in unserer Geschichte kein anderer als – Gott selbst. Er reißt die alte Wunde von Sarah wieder auf. Und Sarah wehrt sich, in dem sie sich über die Ankündigung ihrer bevorstehenden Schwangerschaft lustig macht. Sie ist belustigt über diese Schnapsidee, dass sie in ihrem hohen Alter noch ein Kind kriegen sollte. Und Gott, der Herr, fordert sie auf, zu ihrem Lachen zu stehen: “Doch – du hast gelacht!”

Mehr nicht. Kein beleidigter Gott verhängt eine Strafe. Alles, was Gott will, ist: Stehe zu dir selbst: „Doch du hast gelacht!“

Es gehört Mut dazu, zu sich selbst zu stehen. Viel einfacher ist es, im Geheimen sich über jemand/etwas lustig zu machen – und darauf angesprochen es zu verleugnen. Viel einfacher ist es, irgendwelche pseudo-rationalen Gründe vorzuschieben. Das sind die berühmten Ausreden … Wer kennt das nicht aus seiner Jugend: Beim heimlichen Rauchen oder Knutschen oder Spicken erwischt zu werden …

Die dahinter steckende Abwehr ist sehr einfach: Es geht um die Abwehr von Peinlichkeit. Von Schamgefühlen. Scham erleben zu müssen, fühlt sich vernichtend an. Die einzige (scheinbare) Rettung ist es zu verschwinden.

Ich möchte am liebsten im Boden versinken aus Scham!“

Der Vorteil dieser Flucht ist: Ich rette meine Seele vor der (phantasierten) Vernichtung. Ihr Nachteil ist: Ich kann keine neue Erfahrung machen, ich kann nichts Neues lernen.

Nun steht Scham in direkter Beziehung zu jenen inneren Stimmen in uns Menschen, die uns bewerten. Wenn ich mit meiner Predigt zufrieden bin, hat das damit zu tun, dass eine Stimme in mir sagt: „Gut gemacht!“ Das gilt natürlich auch umgekehrt. Und alles hängt davon ab, ob diese inneren Stimmen, die mich bewerten, mir wohlwollend („gnädig und barmherzig“) oder ungnädig und unbarmherzig zu mir sind. Luthers quälende Frage: „Wie bekomme ich einen gnädigen Gott?“ lautete: Wie bekomme ich in mir eine Instanz, vor der ich mich nicht so elendiglich schämen muss. Die mir wohlgesonnen ist. Luther hatte in seiner Vaterbeziehung viel Ungnade erlebt – verbunden mit einer schweigend-duldenden Mutter. Ich fürchte, die allermeisten Menschen, die sich für den Beruf des Priesters entscheiden, leiden an Problemen, die mit „sich ungenügend fühlen“ zu tun haben. Und es ist so peinlich, sich „ungenügend zu fühlen“. Wenn das die Anderen merken! Wenn das aufkommt! So lernt man, seine Fehler zu überspielen, so zu tun, als ob alles in Ordnung wäre – und spürt doch in der Tiefe eine diffuse Angst, dass „es jederzeit zu einer Katastrophe kommen kann.“

Der Gott unserer Geschichte ist ein heilsamer Gott. Keine Moral, kein erhobener Zeigefinger, keine Androhung von Strafe. Nur: „Doch – du hast gelacht!“ Nicht einmal: Jetzt gib es doch endlich zu, dass du gelacht hast.

Das ist souveräne Führung. Ich nehme dich wahr und ich sage dir sehr nüchtern, was ich wahrnehme. Ohne vorwürflichen Unterton. Ohne diese Enttäuschungs-Gefühlsduselei: „Jetzt bin ich aber enttäuscht von dir. Ich dachte …“

Diese souveräne Führung ist nur möglich, wenn ich als „Führer“ völlig frei bleibe gegenüber den „Geführten“. Frei bleiben heißt – ich bin nicht darauf angewiesen, wie der Andere sich verhält, was er sagt oder tut.

(In Klammern: Sie können daraus im Umkehrschluss ableiten, wie unfrei jene Führer sein müssen, die Mauern bauen und meinen, das ihnen anvertraute Volk kontrollieren zu müssen!)

Liebe Gemeinde,

ich habe in meiner Einladung für den heutigen Gottesdienst ein Wort des islamischen Mystikers Rumi zitiert:

Jenseits von richtig und falsch liegt ein Ort. Dort treffen wir uns.“

An diesem Ort findet die lächerliche Verheißung der Geburt Isaaks statt. Isaak heißt übrigens wörtlich: „Es ist zu lächerlich, daran zu glauben!“

Dazu passt ein Satz aus dem Dao te King von Laotse:

Hört ein Unverständiger vom Dao, lacht er laut auf.“

Und er fügt hinzu: „Was wäre denn das für ein Dao, das Unverständige nicht verlachen!“

Steig doch herab vom Kreuz, du Gottes Sohn“ – so wird Jesus unmittelbar vor seinem Tod verlacht. Natürlich – das sind Gefühle der Genugtuung gegenüber einem, der den Mund zu voll genommen hatte.

Ich selbst kenne diese Gefühle, als Donald Trump abgewählt worden ist.

Das geschieht ihm recht!“

Sich lustig machen ist also die Gegenreaktion zu Überheblichkeit.

In der Überheblichkeit stelle ich mich über den Anderen, meine zu wissen, wie „es“ ist. Jede Deutung über den Anderen – das hast du ja nur deshalb getan, weil du … – ist so gesehen Ausdruck von Überheblichkeit. Ich – ,mein“ Ich – stellt sich über den Anderen. Deshalb haben Deutungen nur etwas im geschützten Kontext einer Psychotherapie zu tun. Sie sind das Skalpell des Therapeuten und seine Aufgabe ist es, damit verantwortungsvoll umzugehen. (Wie ein verantwortungsvoller Chirurg, der auch nicht „blind“ darauf los schneidet!)

Liebe Gemeinde,

äußerlich betrachtet ist Weihnachten nichts weiter als das Fest der Wintersonnenwende. Ganzheitlich-heilsam betrachtet ist Weihnachten das Fest der Menschlichkeit Gottes. Es ist das Ende des Entweder-Oder-Denkens, das Ende der Spaltungen in schwarz und weiß, falsch und richtig, gut und böse.

Jenseits von richtig und falsch liegt ein Ort. Dort treffen wir uns.“

Immer, wenn wir uns dort treffen, dann geschieht Weihnachten, AMEN.

Predigt über 1. Thessalonicher 5, 1-10 (2020) – drittletzter Sonntag des Kirchenjahres

Liebe Gemeinde,

wie lange noch?“

Wer Kinder hat, kennt diese berühmt-berüchtigte Frage. Auf der Fahrt in den Urlaub, während einer Wanderung.

Ich kenne sie auch aus meiner Studienzeit. Man sitzt in einer Vorlesung und hat das Gefühl, die Zeit bleibt stehen.

Die Gefühle, die zu dieser Frage gehören, haben insbesondere mit Ungeduld, Langeweile, auch Ärger zu tun: „Es reicht jetzt langsam …“

Bei Kindern würde man sagen: Sie fangen an zu quengeln.

Wie lange noch?“ das ist auch eine Frage der beiden zentralen Texte dieses Sonntags. Im Evangelium fragen die Pharisäer: „Wann kommt das Reich Gottes?“

Jesu Antwort ist knapp: „Das Reich Gottes kommt nicht mit äußeren Zeichen; man wird auch nicht sagen: Siehe, hier!, oder: Da!

Denn sehet: Das Reich Gottes ist mitten unter euch“ (Lukas 17, 20-21)

Inwendig in Euch“ übersetzt M. Luther – vielleicht in Anlehnung an Johannes Tauler, den er sehr verehrte.

Hinter der Frage: „Wie lange noch?“ „Oder wann kommt denn endlich…“ steckt freilich nicht nur Ungeduld, sondern auch Sehnsucht. Die Sehnsucht nach etwas „Neuem“. Auch nach Erneuerung. Endlich ankommen. Endlich ein neues Reich, in dem endlich, endlich Frieden und Gerechtigkeit herrschen.

Selig sind, die Frieden stiften; denn sie werden Gottes Kinder heißen“, heißt es thematisch passend im heutigen Wochenspruch.

Die Erneuerung beginnt schon jetzt – und steht noch aus. In dieser Spannung leben wir alltäglich. Das Reich Gottes ist mitten unter euch – aber nicht so, dass wir seiner habhaft sind. Reich Gottes ist kein Besitz und lässt sich niemals besitzen.

Reich Gottes ist ein Geschehen – unverfügbar, völlig überraschend. Es kommt wie „ein Dieb in der Nacht“ sagt Paulus in unserem heutigen Predigttext.

Hören Sie selbst – es ist das letzte Kapitel des 1. Thessalonicherbriefes (5, 1-11)

“1Von den Zeiten aber und Stunden, Brüder und Schwestern, ist es nicht nötig, euch zu schreiben; 2denn ihr selbst wisst genau, dass der Tag des Herrn kommt wie ein Dieb in der Nacht. 3Wenn sie sagen: “Friede und Sicherheit”, dann überfällt sie schnell das Verderben wie die Wehen eine schwangere Frau, und sie werden nicht entrinnen.

4Ihr aber seid nicht in der Finsternis, dass der Tag wie ein Dieb über euch komme. 5Denn ihr alle seid Kinder des Lichtes und Kinder des Tages. Wir sind nicht von der Nacht noch von der Finsternis. 6So lasst uns nun nicht schlafen wie die andern, sondern lasst uns wachen und nüchtern sein. 7Denn die da schlafen, die schlafen des Nachts, und die da betrunken sind, die sind des Nachts betrunken. 8Wir aber, die wir Kinder des Tages sind, wollen nüchtern sein, angetan mit dem Panzer des Glaubens und der Liebe und mit dem Helm der Hoffnung auf das Heil.

9Denn Gott hat uns nicht bestimmt zum Zorn, sondern dazu, die Seligkeit zu besitzen durch unsern Herrn Jesus Christus, 10 der für uns gestorben ist, damit, ob wir wachen oder schlafen, wir zugleich mit ihm leben. 11Darum tröstet euch untereinander und einer erbaue den andern, wie ihr auch tut.”

Kennen Sie das: Man wartet und wartet auf etwas hin: Ein ersehnter Anruf, ein ersehntes Ereignis – und die Zeit dehnt sich schier unendlich. Und auf einmal – meist dann, wenn man aufgehört hat zu warten, ist es da. Paulus vergleicht dieses „auf einmal mit dem Einsetzen von Geburtswehen, denen man nicht mehr “entrinnen” kann. “Wenn sie sagen ‘Frieden und Sicherheit’, dann überfällt sie schnell das Verderben wie die Wehen eine schwangere Frau …” (V. 3)

Mit diesem Gedanken beginnt eine wertende Dualität, die sich im weiteren Verlauf unseres Textes fortsetzt: Die „Finsternis“ ist „böse“, in ihr kommt der Dieb, der einen überfällt. Der Tag hingegen, Symbol des Lichtes, ist „gut“. Zur Nacht gehört für Paulus schlafen und betrunken sein. Der Gegenpol ist „wachen“ und „nüchtern“ sein. Und natürlich gehören die, denen er den Brief schreibt, zu den „Guten“. „Ihr alle seid Kinder des Lichtes und des Tages.“ Wir sind nicht wie die Anderen, die von „der Nacht und von der Finsternis“ sind. Diese Gedanken sind Ausdruck eines sehr einfachen, polarisierenden Denken, das auf der Grundlage von Gut-Böse-Spaltungen funktioniert. Es hat aktuell große Popularität und ist deshalb so gefährlich, weil es versucht, demokratische Grundwerte zu zerstören. Demokratisches Denken beruht nämlich auf der Einsicht, dass „die absolute Wahrheit“ unerkennbar ist. Sie ist genauso wenig zu besitzen, sie lässt sich genauso wenig „haben“, wie das „Reich Gottes.“

In wirklichem spirituellen Denken geht es nicht um Polarisierung – sondern um Versöhnung. Versöhnung bedingt aber, Verbindungen zu sehen, auf Zusammenhänge hinzuweisen. Ohne die Nacht gibt es keinen Tag und umgekehrt. Und schlafen ist die andere Seite des Wach-Seins und umgekehrt. Und – spannend: In der jüdischen Spiritualität, der Kabbala, heißt es unter Berufung auf Genesis 1, 5: Der Tag beginnt am Abend. (In der Schöpfungsgeschichte heißt es wörtlich: „So ward aus Abend und Morgen der erste Tag.“) Der Tag ist dann die Ausformulierung oder das Sichtbar-Werden dessen, was in der Nacht des Unbewussten geschehen ist.

Und in der chinesischen Mystik gehören das weiße Yang und das schwarze Yin untrennbar zusammen. Dem weißen Yang werden die Eigenschaften: hell, hoch, hart, heiß, positiv, aktiv, bewegt, männlich zugeschrieben. Das schwarze Yin ist: dunkel, weich, feucht, kalt, negativ, passiv, ruhig, weiblich. Das Bild dazu ist einerseits die „Südseite von Tälern“ (Yang) und andererseits die „Nordseite eines Berges“. Sogar in der deutschen Sprache ist „der Tag“ männlich, „die Nacht“ weiblich. Uns S. Freud vergleicht „die Seele der Frau“ mit dem afrikanischen, dem „dunklen Kontinent“. Entscheidend bei allem ist: Yin und Yang, männlich und weiblich, Tag und Nacht sind einander ergänzende und aufeinander bezogene Bereiche – und genau nicht sich gegenseitig bekämpfende!

Es wird immer wieder darauf hingewiesen, wie sehr Amerika geprägt ist von evangelikalem Denken. Und leider bedient der rassistische Populist Trump die große Sehnsucht dieses Denkens, dass es nämlich nur eine einzige Wahrheit gibt, und dass er in dem Besitz dieser Wahrheit ist. Es gibt bei Paulus (und in allen – insbesondere – monotheistischen Religionen) diese Art des Denkens. Wir stoßen auf sie nicht nur in unserem Predigttext. Das Zentrum seiner Wertungen ist sein Auferstehungsdogma:

Ist Christus aber nicht auferweckt worden, so ist unsere Predigt vergeblich, so ist auch euer Glaube vergeblich“ (1. Korinther 15, 14)

Die Wahrheit aber ist: Auch Leben und Sterben ergänzen einander!

Indem ich jetzt versuche, die Gedanken des Paulus von ihrem Absolutheitsanspruch zu befreien, werden sie viel milder.

… wir wollen nüchtern sein, angetan mit dem Panzer des Glaubens und der Liebe und mit dem Helm der Hoffnung auf das Heil.“

Dagegen habe ich keine Einwände, auch wenn ich nicht verstehe, weshalb Glaube, Liebe und Hoffnung einen „Panzer“ benötigen. Für mich ist es eher so: Wenn Glaube, Liebe und Hoffnung inwendig in dir leben, so werden sie auch aus dir heraus leuchten. Und dies werden deine Mitmenschen spüren. Glaube, Liebe und Hoffnung sind wesentliche Bausteine, mit denen das Reich Gottes aufgebaut wird. Und: Sie gehören niemandem exklusiv, auch keiner Religion. Indem ich mich freue, dass auch andere Menschen (Religionen) eben diese Baustein verwenden, erübrigt sich Hass, Neid, Gier und Missgunst. Und dann kann ich Paulus wieder sehr zustimmen, wenn er schreibt: „Denn Gott hat uns nicht bestimmt zum Zorn …“

Und wozu sind wir von Gott her bestimmt?

„ … dazu, die Seligkeit zu besitzen durch unsern Herrn Jesus Christus, 10 der für uns gestorben ist, damit, ob wir wachen oder schlafen, wir zugleich mit ihm leben.“

Man könnte auch – weniger Besitz ergreifend – satt „die Seligkeit zu besitzen…“ übersetzen : „ … das Heil zu erlangen …“

Ich verbinde „Heil“ mit Ganz-Werden. An die Stelle, wo Verbindungen abgeschnitten worden sind, darf wieder etwas zusammen wachsen. Es entstehen neue, eben heilsame Verbindungen. Ich weiß nicht, wie bewusst das Paulus gewesen ist: Aber in seinem Schlussgedanken: „damit, ob wir wachen oder schlafen, wir zugleich mit ihm leben…“ verlässt er auf einmal die Polarisierung von wachen und schlafen. In der heilsamen Gegenwart „unseres Herrn Jesus Christus“ ist es egal, ob wir wachen oder schlafen … !

Von daher möchte ich den Schlussgedanken so verstehen: Jeder Mensch ist dazu berufen, sich auf den Weg des eigenen Ganz-Werdens zu machen. Dies ist ein unendlicher Weg, der jedenfalls bis zur Todesstunde zu gehen ist. Ganz-Werden bedeutet, sich die Ganzheit dessen, was „in einem drin ist“ anzueignen. Und mit den Waffen von Glaube, Hoffnung und Liebe sich nicht von diesem Weg abbringen zu lassen. Wir sind nämlich so erschaffen, dass in uns stets auch die Gegenkräfte sind, die uns von diesem Weg zu unserem Heil-Sein abbringen wollen.

Als Kompass für diesen Weg können uns unsere Nacht-Träume helfen und dienen. Sie sind gleichsam Leuchttürme in der Dunkelheit der Nacht. An ihnen entlang können wir uns orientieren – vorausgesetzt wir haben die Kraft und die Bereitschaft, sie ernst zu nehmen und verstehen zu lernen. Dann nämlich werden unsere Träume zu Brücken, die die Nacht mit dem Tag, die Unbewusstes mit Bewusstem, die Gefühle mit Verstand verbinden. Je stärker diese Verbindungen werden, desto kräftiger wird das Reich Gottes in diese Welt hinein leuchten. Von dem Jesus sagt: Es ist schon da:

Das Reich Gottes ist mitten unter euch!“ AMEN.

Predigt am 20. Sonntag nach Trinitatis 2020 über Markus 2, 23-28

Liebe Gemeinde,

“mich verlangt nach deinen Geboten”, betet der Psalmbeter in Psalm 119, den für diesen Sonntag vorgesehenen Psalm. Das Wort “Gebot” gehört zu der Wortgruppe von “bieten”. “Bieten” aber bedeutet ursprünglich: “Erwachen, bemerken, geistig rege sein, aufmerksam machen, warnen, gebieten”. Dahinter steht die Erfahrung, dass Leben in einer Welt ohne Gebote lebensgefährlich ist. Ohne Gebote gibt es keine Ordnung, an ihrer Stelle herrscht Willkür. Aktuell gibt es einen breiten gesellschaftlichen Konsens darüber, dass die sogenannten AHA-Regeln (Abstand halten, Hygieneregeln einhalten, Alltagsmasken tragen) gute Gebote sind, die eine weitere Verbreitung des Corona-Virus eindämmen. Und natürlich gibt es Stimmen, den Nutzen dieser Gebote in Frage stellen. So bezweifelt der Christ und Arzt Dr. Bodo Steinmann nicht nur den Nutzen der Mundschutzmasken, sondern er hält sie sogar für gesundheitsschädigend.

Einmal mehr wird deutlich, wie schwer wir uns Menschen damit tun, überhaupt irgend etwas mit Sicherheit zu erkennen. Die letzte Instanz ist nicht das Wissen, sondern der Glaube, das Vertrauen in … etwas.
Aber: Was kann man (noch) glauben?

Nur leider gibt es kein göttliches Wort zum Schutz vor Corona. Es gibt auch kein göttliches Wort zu Grippeimpfung, zur Wirksamkeit von Homöopahtie und/oder Schulmedizin usw.

Fromme Juden haben in Zeiten von Seuchen Heilige Bücher durch das Dorf getragen. Sie glaubten, das werde der Seuche Einhalt gebieten.
Unser naturwissenschaftlicher Verstand kann darüber nur lächeln. Unserem naturwissenschaftlichen Verstand verdanken wir die Ausrottung vieler Seuchen und Krankheiten – insbesondere seit der Erfindung der Schutzimpfungen. Der Erfolg der Naturwissenschaften hat auch Umweltzerstörung zur Folge. Ohne unsere modernen technischen Erfindungen und deren weltweite Verwendung gäbe es die gefährliche Erderwärmung, den sogenannten Klimawandel, nicht.

War es also nicht gut, dass sich unser menschliches Gehirn derartig entwickelt hat, dass wir die Kernspaltung erfanden, den Benzinmotor, das Fliegen usw.?

Naturwissenschaft fragt nicht nach gut oder böse. Und das völlig zurecht. In der Naturwissenschaft geht es ausschließlich um falsch oder richtig. Richtig ist, was „funktioniert“. Und funktionieren tut, was ganz offensichtlich den Gesetzen oder Geboten der Natur entspricht. Ob die Folgen von „richtigen“ Erfindungen gutartig oder bösartig sind – hängt ausschließlich von ihrer VERWENDUNG ab. Alles auf dieser Welt lässt sich für Lebendigkeit und Entwicklung verwenden. Und alles auf dieser Welt lässt sich für Zerstörung verwenden!

(In Klammern: Nach dem Gottesdienst kam eine Jugendliche auf mich zu und sagte mit bösem Blick: „Sie predigen rassistisch!“ Ich war fassungslos. „Wie bitte?“ „Sie verbinden das Schwarze mit dem Bösen. Der schwarze Wolf ist ein böser Wolf!“ Mir blieb die Sprache weg. Ich fragte sie, ob sie nicht den Zusammenhang der Geschichte mit den anderen Gedanken sehen würde. Dass es mir um das Nicht-absolut-Setzen einer Seite ging. Sie wiederholte, dass ich rassistisch predigen würde. Diese junge Frau verwendete offenbar alles, was sie gehört hatte, dafür, sich in ihrem Vorurteil zu bestätigen, dass ich rassistisch predigen würde. Und sie machte das daran fest, dass in der Geschichte ein schwarzer Wolf Träger von Eigenschaften ist, die zu uns Menschen nun einmal dazu gehören. Auch wenn sie nicht sehr schöne sind. Sie war nicht in der Lage zu verstehen, dass die BEDEUTUNG des Wortes „schwarzer Wolf“ in der Geschichte nicht das Geringste mit einer Diskriminierung dunkelhäutiger Mitmenschen zu tun hatte. So leicht entsteht „Miss-Kommunikation“, auch in einer Predigt, die versuchte, darüber zu reflektieren.)

Wir Menschen sind aufgespannt zwischen unserer Fähigkeit zu lieben oder zu hassen. Jeden Moment haben wir die Möglichkeit, uns unserem Hass zuzuwenden – oder eben nicht.

Dazu eine Geschichte: (Cherokee: indogenes Volk in Nordamerika)

„Eine Gruppe Cherokee-Kinder hat sich um den Großvater versammelt. Sie sind ganz aufgeregt, denn an diesem Tag hatte es einen ziemlich tumultartigen Streit zwischen zwei Erwachsenen gegeben und der Großvater war als Streitschlichter dazu gerufen worden.
Die Kinder sind neugierig, was der Großvater darüber zu erzählen hat. Eins von ihnen fragt: „Großvater, warum streiten Menschen?“
Der Großvater antwortet
Der Großvater antwortet „Nun, wir haben alle zwei Wölfe in unserer Brust. Und diese zwei Wölfe streiten fortwährend miteinander.“ Die Augen der Kinder werden ganz groß. „Auch in unserer Brust, Großvater?“, „Ja, auch in eurer Brust.“ „Und auch in deiner Brust?“ Er nickt, „ja, auch in meiner Brust.“ Jetzt hat er ihre volle Aufmerksamkeit.
Der Großvater erzählt weiter. “Es gibt einen weißen und einen schwarzen Wolf. Der schwarze Wolf ist voller Angst, Ärger, Neid, Eifersucht, Selbstmitleid, Lüge, Groll, falscher Stolz, Gier, Arroganz und Hass. Er steht für all das Dunkle in uns. Der weiße Wolf ist voller Frieden, Liebe, Hoffnung, Demut, Mitgefühl, Gerechtigkeit, Güte, Großzügigkeit und Wahrheit. Er steht für all das Lichte in uns. Und die beiden Wölfe kämpfen ständig miteinander.“
“Aber Großvater, welcher Wolf gewinnt?“ fragt eins der Kinder.
Der Alte erwidert: „Der, den du fütterst.“
Klingt gut. Funktioniert aber erst, falls ich bereit bin, meine Gedanken und mein daraus folgendes Handeln mir bewusst zu machen. Vor kurzem hat ein Patient nach einem Jahr Psychoanalyse mit einem schweren Seufzer zu mir gesagt: “Und ich dachte, ich brauche so etwas nicht. Ich war der Meinung, ich kenne mich ziemlich gut.”
Es bedarf einer erheblichen seelischen Kraft, das anzuerkennen, was der Großvater sagt: „Auch in meiner Brust liegen zwei Wölfe permanent im Streit miteinander.“

Unser heutiger Predigttext handelt auch von einem Streit: dem der Pharisäer mit Jesus. Hören Sie selbst: (Markus 2, 23-28)
„23 Und es begab sich, dass er am Sabbat durch die Kornfelder ging, und seine Jünger fingen an, während sie gingen, Ähren auszuraufen. 24 Und die Pharisäer sprachen zu ihm: Sieh doch! Warum tun deine Jünger am Sabbat, was nicht erlaubt ist? 25 Und er sprach zu ihnen: Habt ihr nie gelesen, was David tat, da er Mangel hatte und ihn hungerte, ihn und die bei ihm waren: 26 wie er ging in das Haus Gottes zur Zeit des Hohenpriesters Abjatar und aß die Schaubrote, die niemand essen darf als die Priester, und gab sie auch denen, die bei ihm waren? 27 Und er sprach zu ihnen: Der Sabbat ist um des Menschen willen gemacht und nicht der Mensch um des Sabbats willen. 28 So ist der Menschensohn Herr auch über den Sabbat.“

Wenn wir jetzt Zeit für Diskussion hätten, würde ich Sie fragen, was diese Geschichte für Sie bedeutet. Wie Sie diese Geschichte erleben. Und ich bin mir sicher, es würden gerade so viele Antworten kommen, wie hier Menschen sind. In der Tiefe unserer Seele nämlich hat jeder Satz, den wir hören, jede Geschichte, jede Information seine ganz eigene Bedeutung. Und es ist ein Wunder, dass wir überhaupt miteinander kommunizieren können. Und es ist kein Wunder, wie sehr unsere Kommunikation mit Missverständnissen durchsetzt ist.

Man kann die Geschichte vom letzten Satz her lesen. Dann ist Jesus einmal mehr der Wundermann, der uns alle heilen kann. „Mir nach, spricht Christus unser Held!“ Dann verwende ich wahrscheinlich diese Geschichte dafür, meine Sehnsucht nach einem „starken Führer“, der mir sagt, wo es lang geht, was ich machen soll, zu befriedigen. Dann kommt Jesus in einer Reihe mit den Trumps, den Orbans, den Johnsons, den Putins zu stehen.

Für mich ist diese Geschichte eine Ermutigung, mich mit meinen Gedanken und Handlungen in einem „Mittelbereich“ zu bewegen. Irgendwo „dazwischen“ – entsprechend unserem aufrechten Gang: „Aufgespannt zwischen Himmel und Erde.“

Im Dazwischen erkenne ich Gesetze und Gebote an und zwar so, dass ich sie barmherzig und großzügig auslege. Hier entdecke ich die Verbindung zum Wortstamm von „gebieten“: „Erwachen, bemerken, geistig rege sein, aufmerksam machen, warnen“. Es geht weder um einen dumpfen Gehorsam gegenüber Gesetzen, noch um ihre Ablehnung. Es geht um die rechte, um die menschliche Verwendung von Gesetzen.

Jesus sagt nicht: „Schafft den Sabbat ab! Das ist Schwachsinn, den wir nicht mehr brauchen!“ Nach der Art: „Wahrlich, wahrlich ich sage Euch: Ihr habt mich – ihr braucht keinen Sabbat mehr!“ Er sagt: „Der Sabbat ist um des Menschen willen gemacht und nicht der Mensch um des Sabbats willen.“ Und er veranschaulicht dies an einem Beispiel: Hat nicht David auch, als er Hunger hatte, sich über die damaligen Gebote hinweg gesetzt und die Schaubrote im Tempel gegessen – die nur der Hohepriester alleine essen durfte?

Und von der Heiligen Theresa von Avila wird erzählt, dass sie in der Fastenzeit einem Adligen einen Besuch abstattete, der gerade mit Freunden beim Essen saß. Er sagte zu Theresa: Er würde sie gerne zum Essen einladen und es täte ihm sehr leid, dass sie als Nonne ja wohl in der Fastenzeit an so einem Essen nicht teilnehmen dürfe. Darauf soll die Nonne fröhlich geantwortet haben: „ Ach wissen Sie, wenn Rebhuhn, dann Rebhuhn, wenn Fasten, dann fasten.“ Und die Tischgesellschaft soll nicht schlecht gestaunt haben, als sie sich ihr Rebhuhn schmecken ließ!

Angewandt auf unsere gegenwärtige Situation in Corona-Zeiten:
Auch hier geht es um das Finden einer mittleren Position. Das Gute ist etwas Wohltemperiertes. Weder überhitzt noch vereist. Einen wunderschönen Satz aus dieser wohltemperierten mittleren Position heraus hat Jesus in unserem Predigttext formuliert: „Der Mensch ist nicht um das Sabbats willen, sondern der Sabbat um des Menschen willen“.

Der Nachteil der Mitte, einer mittleren Position ist: Ich kann mich nicht festhalten. Ich muss frei auf meinen Füßen stehen. Pole, polares Denken verleiht scheinbare Sicherheit.
Unsicherheit hingegen erhöht die Angst. Der große Nachteil demokratischen Denkens und Handelns ist die Unsicherheit, die mit ihm zu ertragen ist. Es gibt niemanden mehr, der recht hat. Es gibt keine Instanz mehr, die losgelöst von allem (lateinisch: absolut) gilt. Stattdessen gibt es das Abwägen, die Diskussion, die Auseinandersetzung und das Zusammentragen der verschiedensten Anschauungen.
Und es gibt keine Garantie.
Die Sehnsucht nach etwas Allmächtigem („Ich glaube an Gott den Allmächtigen…“) ist nichts weiter als die Sehnsucht danach, die Ängste einer mittleren Position nicht ertragen zu müssen.

„Den weißen Wolf füttern“ heißt von daher: Lernen in Unsicherheit zu leben. Dafür brauche ich ein Füllhorn voller Vertrauen, dass mich meine Beine schon tragen werden. Die wiederum getragen werden von dem Boden unter mir. Tief verwurzelt auf der Erde und so aufragend in den Himmel – das ist unser menschlicher Stand.
So werden wir aufgerichtet – so sind wir aufrichtig. Vor allem und ohne alles: „Du musst…“ Also vor aller Moral!

Liebe Gemeinde,

jetzt, am Ende dieser Predigt, würde ich gerne noch einen hoffnungsvollen Satz formulieren. Derart, dass der schwarze Wolf, wenn man nur genügend Verständnis für ihn aufbringt, sich verändern wird. Dass auch er lernen wird zu lieben, und es nicht mehr so nötig hat, zu hassen, auf seinem Misstrauen gepaart mit Überheblichkeit zu beharren. Meine Lebenserfahrung spricht dagegen. Wir leben nicht im Paradies. Und das Happy-End der Geschichte besteht darin, zu merken, dass in meiner Brust stets der weiße und der schwarze Wolf miteinander kämpfen. Indem ich dies erkenne, hat der schwarze Wolf seine Übermacht verloren.
Schenke Gott uns den Mut und die Kraft, uns immer wieder unserer Fähigkeit zu lieben zuzuwenden – und uns von unserer Fähigkeit für Hass und Destruktion abzuwenden. Und Gott erhalte uns die innere Verbindung zu so prophetischen Sätzen wie diesem:
„„Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist, und der Herr von dir fordert: Gottes Worte halten, Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott“ . AMEN.

Predigt über 2. Timotheus 1, 7-10 am 16. Sonntag nach Trinitatis 2020

Liebe Gemeinde,

“… denn Gott hat uns nicht gegeben einen Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit.”

Mit dieser schlichten Aussage beginnt unser heutiger Predigttext.

Umgedreht heißt das: Der “Geist der Furcht ist nicht von Gott!”

Das griechische Wort für Furcht ist deilias: Es meint eine Mischung aus “Verzagtheit und Feigheit”.

Es geht also nicht darum, die Angst abzuschaffen: Angst zu haben, Angst zu erleben gehört zum Mensch-sein dazu. Gesunde Angst schützt vor Tollkühnheit und Übermut. Gesunde Angst ist auf der Seite des Schutzes des Lebens: des eigenen und des Lebens der Anderen.

Ungesund wird die Angst, die sich in mir festsetzt. Die sich chronifiziert. Sie äußert sich in Verzagtheit, Feigheit, Lustlosigkeit. Sie äußert sich auch in chronischer Gereiztheit und Bereitschaft zu Aggression. Für dieses Konglomerat aus Gefühlen gibt es ein Modewort: “Depression”. Das wörtlich genommen ja schlicht heißt: Niedergedrückt-Sein.

Die eben gehörte Geschichte von Lazarus (“Gott hilft”) veranschaulicht den Verlauf einer schweren Depression, in der die Lebens-Geister immer mehr versiegen. In der Depression “verschwindet” der Kontakt, die Beziehung zum Leben – der Depressive wird unerreichbar, für sich selbst und für seine Mitmenschen. Er liegt lebendig begraben in der Höhle seines eigenen Rückzuges.

Das fühlt sich sowohl für den Betroffenen wie auch für die Angehörigen elend an.

Orte seelischen Rückzugs“ hat John Steiner, ein englischer Psychoanalytiker, ein berührendes Buch genannt. Es handelt davon, wie Menschen sich in „Zufluchtsstätten“ einrichten, die ihre Seele schützen sollen. Es handelt auch vom Entstehen dieser Rückzugsorte und wie sie in Beziehungen mit anderen Menschen „funktionieren“. Die Praxis therapeutischen Arbeitens sieht leider (oder Gott sei Dank?) sehr anders aus als unsere vorhin gehörte Geschichte von der Erweckung des Lazarus. Es ist ein mühsamer Weg, der sich aus vielen Schritten zusammensetzt: Der Weg aus dem Rückzug heraus in die Fülle der Lebendigkeit des Lebens.

Kennen Sie den Film „Matrix“?

Er handelt davon, dass die Welt der Maschinen die Macht übernommen hat. Sie beziehen ihre Energie aus den in einer Nährlösung liegenden Menschen. Die Menschen schlafen – und träumen Träume, die sie für die Wirklichkeit halten. Das ist die Matrix, die Scheinwelt, die ihnen vorgegaukelt wird. Diese Scheinwelt halten die Menschen für das Leben. Die mit hoher, kalter Intelligenz ausgestatteten Maschinen leben von der Wärme der Menschen, die in einer Nählösung liegen. Sie (die Maschinen) legen verständlicherweise allergrößten Wert darauf, dass die Menschen nicht aufwachen. Über den Erwachten nämlich hat die Matrix ihre Macht verloren. Sie kann seine Wärme nicht mehr für sich verwenden.

Der Erwachte lässt sich von den Verführungen der Matrix nicht mehr einlullen – er ist ein Befreiter. Ein Erlöster.

Das Erwachen freilich ist ein Geschehen, das sich nicht machen lässt.

Es geschieht.

Es geschieht über Hingabe an die Realität, an das, was ist.

In diesem Erwachen höre ich auf, meine eigenen Täuschungen über das eigene Leben und das Leben der Anderen zu nähren und mich an ihnen zu wärmen. Mit dem Erwachen lerne ich, mit beiden Augen die ganze Wirklichkeit zu schauen – und nicht länger das, was ich nicht sehen möchte, auszublenden. Im Erwachen füttere ich nicht länger die Illusionen, mit denen ich gelebt habe, sondern erkenne die ganze Wahrheit meines bis heute gelebten Lebens an.

Dazu bedarf es eines „Geistes der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit“!

Der Geist, von dem hier die Rede ist „weht wo er will“. Er ist nicht machbar und nicht fassbar. Das einzig Mögliche ist, sich mit ihm zu verbünden und zu verbinden. Und in diesem Bündnis zu erleben, was er vermag: Er schenkt die Kraft, (griechisch: dynamis; vgl. Dynamit) das Leben gerade auch in seiner Härte, Unverrückbarkeit und Endgültigkeit anzunehmen. Die Kraft zu ertragen, was es zu ertragen gilt: Die Schmerzen körperlicher und seelischer Art, die Enttäuschungen über das, was nicht so lief, wie ich es wollte, wie ich es mir wünschte, wie ich es für richtig hielt.

Wer Kinder hat, weiß, dass diese Enttäuschungen unvermeidlich sind. Kinder haben nämlich die merkwürdige Angewohnheit, ihr Leben selber bestimmen zu wollen. Und selber heißt ganz einfach: nicht so, wie die Eltern es sich für ihre Kinder vorstellen. Es ist gut, sich immer wieder daran zu erinnern, dass wir alle einmal Kinder gewesen sind, und dass wir alle wie auch immer unser Leben selber in die Hand nehmen wollten und – hoffentlich – auch in die Hand genommen haben.

Dazu bedarf es des Geistes der Liebe. Liebe heißt ja nicht, den Anderen dann zu mögen, wenn er gerade so ist, wie ich ihn brauche. Das ist nicht Liebe, sondern bemächtigende Verschmelzung mit dem Anderen. Liebe beginnt gerade da, wo der Andere nicht so ist, wie ich ihn brauche. Und Liebe meint dann die Fähigkeit, gerade da mit dem Anderen in Beziehung zu bleiben. Der gekränkte, beleidigte Rückzug führt direkt in die Grabkammer des Lazarus.

Liebe heißt, die Sympathie (das „Mit-Fühlen“) für den Anderen auch und gerade da aufrecht zu erhalten, wo er nicht so ist, wie ich ihn brauchen kann, wo er gerade nicht meine Wünsche erfüllt! Liebe ist die Fähigkeit, mein Ich mit seinen Erwartungen und Wünschen an den Anderen zurückzustellen. Mir hilft dabei der Satz, den angeblich Papst Johannes XXIII. jeden Abend vor dem Einschlafen zu sich selber gesagt hat: „Giovanni, nimm dich nicht so wichtig!“ Und ich füge hinzu: Wer sich und sein Leben wirklich ernst nimmt, wird sich nicht mehr „so wichtig“ nehmen.

Neben der Liebe nennt Paulus noch die „Besonnenheit“ als weitere Gabe des Heiligen Geistes. Besonnenheit, „sophrosyne“ heißt wörtlich: geistig-seelische Gesundheit; Selbstbeherrschung und Mäßigung. Gerade die letzten beiden Substantive, „Selbstbeherrschung“ und „Mäßigung“, sind nicht im Vokabular der populistischen Schreihälse vorhanden – und sie sind und waren noch nie zeitgeistkonform. Zugleich hat Selbstbeherrschung und Mäßigung nichts mit Selbst-Unterdrückung zu tun. Es geht um Mäßigung für die eigene Lebendigkeit.

Soweit also der erste – und für mich zentrale – Satz aus unserem heutigen Predigttext, dem 2. Timotheusbrief.

Es ist spannend zu sehen, wie Paulus fortfährt: „Darum schäme dich nicht des Zeugnisses von unserm Herrn noch meiner, der ich sein Gefangener

bin, ….“

Scham, sich schämen ist ein besonders ekelhaftes Gefühl. Paulus spricht das „Fremd-Schämen“ an. Sich für einen Anderen schämen. Ich vermute, viele von uns kennen das. Fremd-schämen ist Ausdruck von mangelnder Abgegrenztheit in Beziehung. Es fehlt das Gefühl für gute Getrenntheit. Kinder können sich von ihren Eltern nicht in dieser Weise abgrenzen. Für sie sind die Eltern die großen Vorbilder, die, die wissen (besser wissen sollten), wie Leben geht. Von daher ist es für sie besonders schwer erträglich, wenn sie das Gefühl haben, irgend etwas stimmt nicht mir ihren Eltern. Ihr erster Reflex ist, sie in Schutz zu nehmen und ihr eigenes Erleben dafür zu opfern. Sie hoffen, dass sie sich täuschen, dass sie das, was sie meinen wahrzunehmen, sich nur einbilden. „Das gibt’s doch nicht!“ So entsteht die Matrix der Selbsttäuschungen und der inneren Verwirrtheit. Es macht konfus, wenn ich das, was ich erlebe, nicht zusammen bringe mit dem, was mir gesagt, besser eingeredet wird. Dann beginne ich mich für meine „wahre“ Wahrnehmung zu schämen … (Das ist im übrigen der Grund, weshalb es Missbrauch-Opfern so schwer fällt, zu veröffentlichen, was ihnen angetan worden ist. Es ist so „Unendlich peinlich“!)

Und Paulus fährt fort:

… leide mit mir für das Evangelium in der Kraft Gottes.“

Das Evangelium ist nichts weiter als die frohe Kunde, die davon handelt, dass es einen Geist, eine Energie gibt, die dich wirklich meint. Dich: und zwar so, wie du gerade bist. Und nicht nur das: für die du auch noch völlig in Ordnung bist, so, wie du gerade bist.

Die Verbindung zu dieser Energie herzustellen, das können wir nicht aus eigener Kraft. Da sind wir „angewiesen“. Wer diese Angewiesenheit nicht aushält, der meint, er muss sich an den eigenen Haaren aus dem Sumpf zu ziehen. So wird er immer erschöpfter und müder. „Ich habe eine Depression!“ Und weil er immer noch nicht angewiesen sein will auf eine hilfreiche Beziehung, beginnt er Psychopharmaka zu schlucken…

Da ist selbst der Heilige Geist machtlos. Die Auferweckung zum Leben ist zu „erleiden“! Es geht dabei „nicht nach unseren Werken, sondern nach seinem eigenen Vorsatz und nach der Gnade, die uns gegeben ist in Christus Jesus vor ewigen Zeiten…“

Wer dieses Leiden nicht aushält, bleibt seiner eigenen Lebendigkeit gegenüber verschlossen.

Ich glaube: Jeder Mensch könnte loslassen. Dann hätte die Plackerei ein Ende.

Wir könnten uns in den barmherzigen Schoß Gottes fallen lassen.

Dann würde unser Leben leicht werden.

Wir könnten uns dem Fluss unseres Lebens überlassen.

Hinnehmen, was hinzunehmen ist.

Betrauern, was zu betrauern ist.

Bedauern, was zu bedauern ist.

Und aufhören zu hoffen, dass die Zukunft besser wird.

Und aufhören zu jammern, dass die Vergangenheit nicht gut genug war.

Jedenfalls haben wir überlebt.

Bis heute.

Bis jetzt.

In diesem Geschehen würden wir allmählich wach werden. Wach für die Gegenwart.

Die Gegenwart, in der allein das Leben zu finden ist.

Und warum tun wir’s nicht?

Weil wir Angst haben. Angst davor, die Kontrolle zu verlieren.

Ja, aber“ sagen wir.

Oder hätte ich doch…“

Und außerdem haben wir uns unsere Werte, Ziele, Erwartungen – all’ das, von dem wir meinen, wie Leben geht – doch so mühsam aufgebaut. Und außerdem wurde uns das auch so mühsam antrainiert. Das soll jetzt alles nichts mehr gelten? Echt nicht! Das würde ja weh tun. Ziemlich weh tun. Deshalb sagt Paulus: „Leide mit mir für das Evangelium!“

Klingt nicht gut. Warum leiden? Da schlafen wir doch lieber noch eine Runde. So schlecht ist die Matrix doch gar nicht. Und es gibt herrliche Ablenkungen. Jetzt noch viel brillanter in HD. Tolle Graphik. Ein kühles Bier dazu und Chips. So kriegen wir die Zeit schon rum, oder?

Ähneln wir nicht alle dem Mann, von dem der indische Jesuit Anthony de Mello erzählt?

Vor einiger Zeit – sagt er – hörte ich im Radio … von einem Mann, der an wieder einmal am Morgen an die Zimmertür seines Sohnes klopft und ruft:

Jim, wach auf!“

Und Jim ruft zurück: „Ich mag nicht aufstehen, Papa.“

Darauf der Vater noch lauter: „Steh auf, du musst

in die Schule!“ „Ich will nicht zur Schule gehen.“

Warum denn nicht? “, fragt der Vater.

Aus drei Gründen“, sagt Jim. „Erstens ist es so langweilig, zweitens ärgern mich die Kinder, und drittens kann ich die Schule nicht ausstehen.“

Der Vater erwidert: „So, dann sag ich dir drei Gründe, wieso du in die Schule musst: Erstens ist es deine Pflicht, zweitens bist du 45 Jahre alt, und drittens bist du

der Klassenlehrer.“

Darin besteht im übrigen der (einzige) Sinn, sich mit der eigenen Vergangenheit zu beschäftigen: Um in der Gegenwart anzukommen. Wir neigen dazu, die Vergangenheit mit der Gegenwart zu verwechseln und uns vor einer vermeintlichen Zukunft zu ängstigen – die in Wirklichkeit eine Erinnerung an Vergangenes ist. Es ist ein verbreitetes Missverständnis von Psychoanalyse, an dem die Psychoanalytiker selbst jedenfalls eine Mitschuld tragen, zu meinen, es ginge darum, „in der Vergangenheit zu bohren“. Nein – es geht darum, die Dämonen der Vergangenheit in der Gegenwart neu kennen zu lernen, um sie so zu entmachten. Jim in der Gegenwart ist nicht mehr der hilflose Junge von früher – er ist der Lehrer!

Christus Jesus, der den Tod zunichte gemacht aber Leben und Unvergänglichkeit ans Licht gebracht hat durch das Evangelium.” Mit diesem Gedanken endet unser Predigttext. Es ist eine Täuschung zu meinen, das eigentliche Leben kommt erst. Das ist die große Verführung des Jenseits-Glaubens. Auch er findet in der Matrix statt. Und dient der Selbst-Betäubung. Opium fürs Volk hat K. Marx die Religion genannt – weil sie auf ein besseres Jenseits vertröstet.

Ewig – weil zeitlos – ist einzig und allein die Gegenwart.

Gegenwart ist das, was aus der Zeit herausgefallen ist. Christus als Repräsentant der Gegenwart hat den Tod zunichte gemacht!

Je tiefer ich in meiner Gegenwart angekommen bin, desto chancenloser ist die Matrix. Sie lebt und nährt sich davon, dass ich mich aus der Gegenwart zurück ziehe. In meine Grabes-Schutz-Höhle – die leicht zu einer Grabes-Hölle werden kann. Die ich nicht verlassen mag, weil sie mir immer noch angenehmer erscheint, als mir den Wind der Wirklichkeit um die Nase blasen zu lassen.

Gebe Gott, dass wir die Kraft, den Mut und die Liebe in uns finden, wirklich wach zu werden. Wach für unser einmaliges Leben. Gebe Gott, dass wir es wagen, uns seinem Geist zu überlassen, unser Leben in und von diesem Heiligen Geist führen zu lassen.

Eben dem Geist, der in jedem Augenblick da ist, der nur darauf wartet, sich mit uns zu verbünden – dem Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit, AMEN.

Predigt über Apostelgeschichte 6, 1-7 am 13. Sonntag nach Trinitatis 2020

Liebe Gemeinde,

was ihr getan habt einem von diesen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.“ (Matthäus 25, 40b) Um dieses Wort aus dem Matthäusevangelium gruppieren sich die Texte unseres Gottesdienstes: Im ersten Johannesbrief wird auf die innige Verbindung zwischen Gott und Liebe hingewiesen: „Wer nicht liebt, hat Gott nicht erkannt, denn Gott ist Liebe.“ (1. Joh. 4, 8) Ein bemerkenswerter Satz! Würde er doch erklären, inwiefern unsere „gottlose“ Welt eine „lieblose“ Welt ist. Zugleich würde er sich als „innere“ Grenze und Kennzeichen glaubwürdigen Redens von Gott eignen:

Wer im Namen Gottes Hass predigt und lebt, der predigt und lebt gottlos.-

Das berühmte Gleichnis vom barmherzigen Samariter schließlich weist darauf hin, dass Liebesfähigkeit nichts mit gesellschaftlichem Ansehen zu tun hat. Es ist der Samariter – Mitglied einer Sekte in den Augen des damaligen Judentums – der das Werk der Nächstenliebe vollbringt! Und es sind genau die Repräsentanten des damaligen religiösen Establishments – der Priester, der Levit – die keine tätige Hilfe leisten. Und was ist dieses Werk der Nächstenliebe? Den Anderen wahr- und ernst nehmen.

Aber was mache ich, wenn ich sehr wohl den Anderen wahrnehme, nämlich so, dass ich sein Verhalten empörend finde? Was mache ich mit meiner Empörung über die Ignoranz des Priesters und des Leviten? „Und so jemand will ein Pfarrer sein …!“ denke ich mir – und schon bin ich heraus gefallen aus dem, was ich mir doch eigentlich vorgenommen habe: nämlich in der Liebe zu bleiben.

Aber was heißt das dann: In der Liebe bleiben – wenn ich mich doch völlig zurecht empöre. Was mach ich mit meiner Empörung gegenüber der „Amtskirche“ im Allgemeinen, in Corona-Zeiten im Besonderen.

Nun – das naheliegendste und verbreiteste ist: Ich trenne mich – ich trete aus der Kirche aus. „Mit so einem Verein will ich nichts zu tun haben.“ Das ist zwar keine „Lösung“ – aber immerhin bin „raus“.

Unser heutiger Predigttext handelt ebenfalls von Empörung über die leitenden Instanzen des noch jungen Christentums. Es entstand ein “Murren” heißt es so schön. Der Konflikt entbrannte zwischen den griechisch sprechenden Christen, die sogenannten Hellenisten, und den aramäisch sprechenden “Hebräern”.

Hören Sie selbst:

“In diesen Tagen aber, als die Zahl der Jünger zunahm, erhob sich ein Murren unter den griechischen Juden in der Gemeinde gegen die hebräischen, weil ihre Witwen übersehen wurden bei der täglichen Versorgung.

Da riefen die Zwölf die Menge der Jünger zusammen und sprachen: Es ist nicht recht, dass wir das Wort Gottes vernachlässigen und zu Tische dienen.

Darum, liebe Brüder, seht euch um nach sieben Männern in eurer Mitte, die einen guten Ruf haben und voll Geistes und Weisheit sind, die wollen wir bestellen zu diesem Dienst.

Wir aber wollen ganz beim Gebet und beim Dienst des Wortes bleiben.

Und die Rede gefiel der ganzen Menge gut; und sie wählten Stephanus, einen Mann voll Glaubens und Heiligen Geistes, und Philippus und Prochorus und Nikanor und Timon und Parmenas und Nikolaus, den Proselyten aus Antiochia.

Diese stellten sie vor die Apostel; die beteten und legten ihnen die Hände auf.

Und das Wort Gottes breitete sich aus, und die Zahl der Jünger wurde sehr groß in Jerusalem. Es wurden auch viele Priester dem Glauben gehorsam.”

Ja – so war das und so wird das immer sein: Die Einen gegen die Anderen.

Dagegen-Sein stabilisiert. Ich habe etwas, wogegen ich kämpfen kann. Ich habe etwas, worüber ich mich aufregen kann. Das ist wesentlich angenehmer, als sich selber Mühe zu machen, Kompromisse zu finden, in denen die eigenen und die Interessen der „Anderen“ berücksichtigt werden. Gegen „die da oben“ zu sein ist die Position des Kindes. In der Kindheit waren „die da oben“ die „Großen“: die Erwachsenen. In dem Wort „Empörung“ schwingt übrigens etwas von „da oben“ mit: Empörung hat mit „empor“ zu tun.

Und „die da oben“, kurz die „Zwölf“ in unserem Text genannt (gemeint sind die 12 Apostel) fühlen sich angesprochen. Sie reagieren. Das ist wichtig. Ohnmächtige Wut entsteht bei „denen da unten“, wenn sie sich „von denen da oben“ überhaupt nicht wahrgenommen fühlen. Ich vermute, dass die Populisten hieraus ihre Wähler ziehen. Es sind Menschen, die sich von der jeweiligen Führung/Regierung im Stich gelassen fühlen. Und die ein hohes Potential an Enttäuschung und daraus fließenden Hass in sich tragen. Ich denke auch, dass die Zahl der laufend steigenden Kirchenaustritte genau damit zu tun hat, dass sich Menschen nicht mehr von dem, was die Kirche, was ihre Vertreter, die Priester oder Pfarrer sagen, angesprochen fühlen. (Wie oft gehe ich in die Kirche?)

Von daher finde ich es spannend, unseren Text so zu lesen, dass wir daraus für unsere Gegenwart lernen können. Wie ging denn die damalige Führung, die 12 Apostel, mit dem genannten Konflikt unter den Gläubigen um?

Erstens: Sie lassen ihn an sich „rankommen“. Sie nehmen ihn wahr und nehmen ihn ernst. Das klingt so selbstverständlich – ist es aber leider überhaupt nicht. Ignoranz auf Seiten der „Führer*innen“ und Ignoranz auf seiten der „Empörer*innen“ ist verbreitet. Nicht nur in der Kirche, aber leider und gerade auch in der Kirche.

Zweitens: Die „Zwölf“ „rufen die Menge der Jünger zusammen.“ Wesentliche Erkenntnis: Sie verstehen sich nicht als Einzelkämpfer, meinen nicht, alleine das Problem lösen zu müssen. Sie sind „vernetzt“ mit den „Jüngern“, den Anhängern Jesu – wer auch immer das genau gewesen ist. In der katholischen Kirche ist das Stichwort: „Der synodale Weg“!

Drittens: Die „Zwölf“ sagen zunächst einmal „nein!“ „Wir machen das nicht! Wir übernehmen nicht die Bedienung der Witwen. Das schaffen wir nicht – es sei denn wir würden das Wort Gottes vernachlässigen. Das aber kommt nicht in Frage!“

Eine starke Führung kennt die eigenen Grenzen und erkennt sie an. In gesunder Selbstliebe – und in gesunder Gottesliebe. Erinnern Sie sich: „Wer nicht liebt, der erkennt Gott nicht!“ heißt es im ersten Johannesbrief. Eine starke Führung ist nicht verführbar für Ausbeutung. Sie weiß: Sich ausbeuten lassen, allzu oft „ja“ zu sagen, führt zum „Ausbrennen“ der eigenen Seele. Und damit ist keinem gedient.

Und eine starke Führung kennt das Zentrum, die Mitte ihres Auftrages. Für die 12 Apostel war dies die Verkündigung der frohen Botschaft von Jesus Christus. Dass sein Leben und Sterben von Gott in ganz besonderer Weise bejaht worden ist. Dass Gott kein Gott der Macht, sondern der Liebe ist. Einer Liebe, die wahrnimmt, die dem Leiden nicht ausweicht. „Gott ist Liebe. Und wer in der Liebe bleibt, bleibt in Gott und Gott in ihm.“ (1. Joh. 4, 16)

Viertens: Eine starke Führung lässt die Bedürftigen nicht im Regen stehen. Sie delegiert: „So seht Euch in Eurer Mitte um, Brüder, nach sieben Männern, die einen guten Ruf haben und voll Geistes und voller Weisheit sind. Die wollen wir bestellen zu diesem Dienst. Wir aber wollen ganz beim Gebet und beim Dienst des Wortes bleiben.“

Klare Ansage im Sinne von: „Eure Rede sei ja, ja; nein, nein. Was darüber ist, das ist vom Bösen.“ (Matthäus 5,37) Und die „Zwölf“ lassen sich das „Zepter“ nicht aus der Hand nehmen: Ihr seht Euch um – wir bestellen zum Dienst. Eine gute Führung ist achtsam und wachsam. Und hält sich an das, was sie sagt. (Es ist Ausdruck einer schwachen Führung und sorgt für weitere Unruhe, wenn es heißt, man solle etwas übernehmen, und dann macht es der Pfarrer/Bischof/ Vorgesetzte doch so, wie er es will. Mit dieser Methode verliert man sehr schnell engagierte und kompetente Mitarbeiter!)

Fünftens: „Und die Rede gefiel der ganzen Menge gut!“ Gerade so erreicht eine starke Führung die Menschen, indem sie Möglichkeiten zu handeln aufzeigt. Der viel gerufene (genannte) „mündige“ Bürger ist einer, der seinen Mund aufmacht. Nicht um Hassparolen auszustoßen, sondern um Gedanken zu äußern, die der Gemeinschaft dienen. Und aus guten, konstruktiven Gedanken fließen gute, konstruktive Handlungen. „Und sie wählten Stephanus … Philppus … Prochorus … Nikanor … Timon … Parmenas und Nikolaus.“ Das sind allesamt griechische Namen. Sie heißen zu deutsch: Stefanos – einer der sich einen Siegeskranz erworben hat; Philippos – ein Liebhaber von Pferden; Prochorus – ein Vortänzer; Nikanor – ein Sieger; Timon – der Angesehene, der aller Ehren Werte; Parmenas – einer, der Durchhaltevermögen besitzt; Nikolaus – der aus seinem siegreichen Volk stammt. Klingt gut – und es besteht die Hoffnung, dass sie auch ihren Namen gerecht geworden sind.

Sechstens: Dass es lauter Männer sind, die sich der Probleme der griechischen Witwen annehmen, ja: Das ist dem damaligen Zeitgeist geschuldet. Jesus selbst hätte vermutlich gesagt: Ich traue den Witwen zu, dass sie selbst ihr Problem lösen und schlage vor, dass sie aus ihrem eignen Kreis Führerinnen auswählen, die sich um die anstehenden Probleme kümmern. Es ist anzuerkennen, dass Menschen wie Jesus in ihrem Denken und Leben so weit ihrer Zeit voraus gewesen sind, dass selbst ihre eigenen Anhänger wieder dahinter zurückfallen. Diese Anerkenntnis kann vielleicht milder stimmen gegenüber der real existierenden Männer-Führungs-Kirche.

Siebtens: „Diese stellten sich vor die Apostel; die beteten und legten ihnen die Hände auf.“ Das ist ein guter Brauch, der bis heute angewendet wird: die „Handauflegung“! Es wird nicht sogleich und schnell „los gelegt“. Das Hände Auflegen ist ein Innehalten – ein Innehalten vor etwas Größerem – ein Innehalten vor Gott. Es bewahrt vor „blindem Aktionismus“. Allerdings nur dann, wenn es nicht ein entleerter Ritus ist. Dies gilt freilich für alle Riten und Rituale. Wenn sie nicht mit Lebendigkeit gefüllt werden, bleiben sie hohl. Dafür können aber die Riten nichts!

So – jetzt haben Sie sieben Predigtgedanken zu den ersten sieben Versen der Apostelgeschichte gehört, wo es darum geht, dass sieben „bewährte“ Männer zu Diakonen ernannt werden. Für die Kabbala, die jüdische Mystik, ist die sieben eine heilige Zahl. In ihr geschieht das Erleben von „Allem“. In sieben Tagen wurde die Welt erschaffen – die ganze Welt. Die „sieben“ setzt sich aus „drei“ und „vier“ zusammen: Nach alter Tradition ist die drei die Zahl des Himmels, die Vier die Zahl der Erde in und mit ihrer Vielheit. Die Sieben fügt beides zusammen. Multipliziert man nun die Drei mit der Vier, so ergibt sich die Zwölf. Somit sind die Zahl sieben wie die Zahl Zwölf in enger Verbindung mit der Drei und der Vier zu verstehen – in Verbindung mit Himmel und Erde. Beide versuchen Heil-Sein im Sinne von Ganzheit auszudrücken. In Ganzheit leben bedeutet, in und mit guten Verbindungen zu leben. In Beziehung zu allem sein, was einen umgibt – sei es im außen, sei es im innen, sei es im oben, sei es im unten. Aufgespannt zwischen Himmel und Erde: Das ist das, was den Menschen zum Menschen macht!

Solch ein innerlich verbundenes Leben befreit. Ich bin frei für das, was ich auf meinem einmaligen Platz in dieser großen weiten Welt zu tun habe. In dieser Freiheit wächst die liebevolle Zuwendung zu allem Lebendigen wie von selbst. Im Hebräischen heißt „lieben“ auch „erkennen“. Erkennen im Sinne von: sich selbst und den jeweils Anderen freundlich wahrnehmen. Und daraus folgen dann Handlungen, wie die des „barmherzigen Samariters“ in unserem Gleichnis. Solche Handlungen werden dann möglich, wenn ich meine eigenen Bedürfnisse bei mir halten kann. Wenn ich nicht süchtig darauf angewiesen bin, befriedigt zu werden. Dazu bleibt mir aber nichts anderes übrig, als den Weg nüchterner Selbst-Erkenntnis zu gehen.

Und so schließt sich der Kreis: Wirkliche Liebe ist die Lust am Erkennen – am Erkennen Gottes und in einem damit des eigenen So-und-nicht-anders-Gewordens. Auch dies gilt: Gotteserkenntnis ohne Selbsterkenntnis ist wie Schwimmen ohne Wasser. Gott will gelebt werden. Spürbar wird dies am Entstehen meiner Neugierde für das Fremde, für das Andere – in mir und außerhalb meiner. Erst so kann Anderes in seinem Anders-Sein erkannt werden. Und das ist der Nährboden für das Wachstum von Liebe. Die gar nicht anders kann, als zu Gott hin zu wachsen. Die gar nicht anders kann, als sich immer tiefer mit ihrem Ursprung zu verbinden und zu verbünden: „Gott ist die Liebe; und wer in der Liebe bleibt, bleibt in Gott und Gott in ihm!“ AMEN.

Predigt am 10. Sonntag nach Trinitatis (Israelsonntag) 2020

Am Tag der Zerstörung“

Liebe Gemeinde,

unser heutiger Sonntag heißt Israelsonntag. Gedacht als Erinnerungssonntag. Er steht zeitlich in Zusammenhang mit dem jüdischen Festjahr, und zwar dem 9. Aw. Aw ist in dem von Israel übernommenen babylonischen Kalender der 5. Monat im Jahr. (Er liegt zwischen Juli und August nach unserer Zählung.) Am 9. Aw erinnert sich die jüdische Gemeinde traditionell der Zerstörung des „ersten Tempels“ von Jerusalem 586 v.Chr., der Zerstörung des „zweiten Tempels“ 70 n.Chr., der blutigen Niederschlagung des Bar-Kochba-Aufstandes 135 n.Chr. und der Vertreibung der Juden aus Spanien 1492. Erst der Holocaust hat in unseren Tagen einen eigenen Gedenktag erfordert.-

Das sind alles keine schönen Erinnerungen, an denen wir heute in Solidarität mit unseren jüdischen Brüdern und Schwestern teilhaben. Hinzu kommen unsere eigenen Erinnerungen an Leid, das wir Anderen zugefügt haben und Leid, das wir selbst zu ertragen hatten. Und das alles gilt nicht nur für die Vergangenheit, sondern auch und besonders für die Gegenwart: Es gibt keine Gegenwart ohne Leid in dieser Welt – ohne Leid, das wir zufügen – sei es Anderen, sei es uns selbst; – und ohne Leid das wir zu ertragen haben, das uns zugefügt wird.

Und wie geht die jüdische Gemeinde mit solch leidvollen Erinnerungen um?

Nun … – sie erzählen einander Geschichten. Dahinter steht die Idee, dass von Geschichten etwas Heilsames ausgehen kann. Vorausgesetzt, wir lassen uns mit Herz und Seele auf sie ein. Ansonsten bleibt es bei einer “erbaulichen” Geschichte. Wellness ohne Tiefgang.

Ich möchte heute über eine Geschichte predigen, die gerne am 9.Aw erzählt wird. Martin Buber hat sie in seinen “Chassidischen Erzählungen” gesammelt.

Sie lautet:

Am Tag der Zerstörung

Man fragte Rabbi Pinchas: ‚Warum soll, wie uns überliefert ist, der Messias am Jahrestag der Zerstörung des Tempels geboren werden?’

Das Korn’, sprach er, ‚das in die Erde gesät ist, muss zerfallen, damit die neue Ähre sprieße. Die kraft kann nicht auferstehen, wenn sie nicht in die große Verborgenheit eingeht. Gestalt ausziehen, Gestalt antun, das geschieht im Augenblick des reinen Nichts. In der Schale des Vergessens wächst die Macht des Gedächtnisses. Das ist die Macht der Erlösung. Am Tag der Zerstörung, da liegt die Macht auf dem Grunde und wächst. Darum sitzen wir an diesem Tag am Boden, darum gehen wir an diesem Tag auf die Gräber, darum wird an diesem Tag der Messias geboren.“

Man fragte Rabbi Pinchas so fängt die Geschichte an.

Es ist unüblich, dass „man“ fragt. Üblicherweise weiß „man“; was zu tun und zu lassen ist. „Man“ kennt den neusten Trend, „man“ weiß, was gerade angesagt ist. Wer keine Fragen stellt, will auch keine Antworten. Wird „man“ konfrontiert mit der Frage nach tieferem Sinn, wird „man“ gereizt. „Das macht man halt so“, ist die Nicht-Antwort. Man funktioniert ungedacht-routiniert, im Schwarm. Nur nicht auffallen! Nur nicht persönlich, nur nicht wesentlich werden!

Wenn unsere Geschichte mit „man fragte“ beginnt, ist das schon sehr ungewöhnlich. Wahrscheinlich hat es damit zu tun, dass von der Geburt des Messias erzählt wird.

Man ist immer auf der Suche nach einem „Messias“ – einem, den man bewundern kann, einem Star. Auch hier geht es keinesfalls um Persönliches. Man schwimmt auf der Welle mit. Hauptsache, es gibt jemand, der die Welle in Gang bringt. Wer der Trendsetter ist, ist dem „Man“ völlig egal. Hauptsache er garantiert Gefühle von „Dazugehören“, „Dabeisein“, „mitschwimmen“ … und darin „hype“ sein. Von daher ist es völlig unverständlich, wenn die Geburt dieses Messias mit Zerstörung verbunden wird. Das versteht „man“ nicht. Und so kommt es zu der Frage:

Warum soll, wie uns überliefert ist, der Messias am Jahrestag der Zerstörung des Tempels geboren werden?

Natürlich drückt sich in der Frage des Man seine gelernte Art zu denken aus, wie „man denkt“: in Kausalität (warum), in Raum (Tempel) und Zeit (am Jahrestag). Kausalität, Raum und Zeit sind durch „Zerteilungen“ (Spaltungen) entstanden. Diese sind Ausdruck keimend-differenzierenden Denkens: Das anfängliche „Ein und Alles“ in dem es „drunter und drüber“ geht, wird unterschieden in vorher und nachher, in innen und außen, in Ursache und Wirkung. So entsteht Ordnung. Ordnung, die davon lebt, dass das eine mit dem anderen nicht vermischt wird. Der Täter ist nicht das Opfer, innen ist nicht außen, vorher ist nicht nachher. In diese klare kausale Ordnung hinein passt kein Denken, dem zufolge der Messias am Jahrestag der Zerstörung des Tempels geboren werden soll. Geburt des Messias ist Heil, ist Erlösung, ist Freude pur. Zerstörung des Tempels ist Zerstörung der Identität, ist Strafe, ist Trauer, ist Zusammenbruch. Beides „in eins“ zu denken gefährdet die mühsam errungene stabilisierende Ordnung, die „man braucht, um zu (über)leben“. Die vermeintliche Rettung ist das „Warum?“ zu verstehen. Wenn man weiß, warum, ist die vermeintliche Sicherheit wieder hergestellt. Also wird: „Warum?“ gefragt.

(Es gibt noch einen weiteren Hinter-Grund für die „Warum?“-Frage: „Man“ ist beunruhigt. Was beunruhigt ist die „Überlieferung“. „Überlieferung“ ist Tradition – sie wird als Verbündeter des Man erwartet und gewertet: „Weil man das schon immer so gemacht hat…“ ist die Vermählung von Tradition und Man (Brauchtum). Das Man kann mühelos und ohne einen Hauch von Beunruhigung alles Neue ignorieren, aus der schlichten Begründung heraus, dem Neuen fehle die Tradition. Das Alte hingegen, das Überkommene, das Bewährte kann nicht einfach weggewischt werden; das käme einer Revolution gleich und Revolutionen sind dem Man fremd. So fragt das Man: „Was soll diese Tradition, die Zerstörung des Tempels mit Geburt des Messias zusammen fügt?“)

Und der Rabbi antwortet:

„’Das Korn’, sprach er. ‚das in die Erde gesät wird, muss zerfallen, damit die neue Ähre sprießt.’“

Mit dieser Antwort hat man nicht gerechnet, kann man nicht gerechnet haben.Der Antwortende scheint in Gedanken nicht da zu sein. Hat er die Frage überhaupt gehört? Was hat „das Korn, das in die Erde fällt…“ mit der Zerstörung des Tempels zu tun? Und was hat Beides mit der Geburt des Messias zu tun?

Gute Antworten verbünden sich nicht mit den Fragen. Gute Antworten werden selbst zu Samenkörnern, tragen Wachstumsmöglichkeiten in sich. Gute Antworten machen satt, indem sie selbst „ungesättigt“ sind. Der Lehrer, der „Zaddik“, „tut nichts statt deiner, was du schon selber zu tun erstarkt bist;“ sagt Martin Buber. „Er nimmt deiner Seele keinen Kampf ab, den sie selber bestehen muss, um ihr besonders Werk in der Welt zu vollbringen.“ Dies gelte auch und gerade „für die Beziehung zu Gott: Der Zaddik (Lehrer) hat seinen Chassisidim (Schüler) den unmittelbaren Zugang zu Gott zu erleichtern, nicht zu ersetzen.“1 (In Klammer: Es wäre günstig, wenn sich jede Pfarrerin und jeder Pfarrer am Beginn eines Gottesdienstes diesen Satz vor Augen führt! Er bewahrt vor Überheblichkeit.)

Rabbi Pinchas entkleidet die Frage ihrer kausalen Konkretheit und führt sie weiter – hinein in die dunkle Tiefe des Lebendigen selbst:

Die Kraft kann nicht auferstehen, wenn sie nicht in die große Verborgenheit hinein geht.“

Die heilsam-berührende Kraft hängt daran, wie weit sie das in der menschlichen Seele Verborgene erreicht. Hierfür muss sie in seine Seele „hinein-gehen.“ Dieses „Hineingehen“ ist ein Hinabsteigen: „hinabgestiegen in das Reich des Todes.“ Das Reich des Todes ist das Reich der Dunkelheit des Nicht-Wissens. Nicht-Wissen, was meine Predigt-Gedanken bei Ihnen auslösen. Nicht-Wissen, woher diese Gedanken kommen. „Es geschieht“ – „es geschehen lassen““: das ist es, was uns Menschen mit unserem überdimensionierten Gehirn solche Mühe bereitet.

Wirklich Neues, das in sich die Potenz zu Fruchtbarkeit trägt, entsteht aus der Dunkelheit. Es bleibt dem hellen Licht des Verstandes verborgen. Diese Verborgenheit will ertragen werden. Sie wird so ertragen, dass ich mich selbst davon abhalte, das bekannte „Licht des Verstandes“ einzuschalten. Nur im Dunkeln kann das „Leben der Dunkelheit“ wahrnehmend erkannt werden. Der Mystiker Dionysios Pseudareopagita hat das Bild des „Strahles der Finsternis“ geprägt. Dieser Strahl leuchtet, indem die blendenden Suchscheinwerfer unserer Rationalität ausgeschaltet worden sind. Dies ist unser Beitrag auf dem Weg zur Erlösung. Er besteht in einem Nicht-Tun: In einem Vermeiden, den naheliegenden Verstand zu gebrauchen.

Und Rabbi Pinchas fährt fort:

Gestalt ausziehn, Gestalt antun, das geschieht im Augenblick des reinen Nichts.

Das Weizenkorn zerfällt im dunklen Schoß der Mutter Erde. Solange es dazu nicht bereit ist, findet kein Wachstum, keine Entwicklung statt. Die Bereitschaft zum Zerfall, sich von Gott für Gott zerstören zu lassen – dies ist wohl der schwierigste Schritt auf dem dunklen Weg des Wachsens hin zu sich selbst und so zu Gott. „Reines Nichts“ macht Angst, panische Angst. Die Alten nennen es den „horror vacui“ – das Erschrecken des Erlebens, dass Nichts ist.

Dieser Schritt – weil so schwierig – ist besonders anfällig für Selbst-Betrug. Dann wird ein Phönix aus der Asche „gezaubert“, an die Stelle zerstörerischer Verwandlung tritt die Statik von „Ausziehen“ und „Anziehen“, von Verschwinden und Dasein, von Tod und Auferstehung. Wenn am Karfreitag schon klar ist, dass übermorgen Ostersonntag ist, werden die Gefühle der Ungewissheit vermieden. An die Stelle eines je und je von Neuem zu durch-leidenden Prozess tritt ein erstarrtes „Kippbild“. So wird der „Augenblick des reinen Nichts“ vermieden. So wird auch vermieden, wozu der Weg des lösenden Vergessens führt:

In der Schale des Vergessens wächst die Macht des Gedächtnisses.

Die Macht des Gedächtnisses entsteht in der Kraft des Sich-Erinnerns. Es ist das Nicht-Erinnerte, das scheinbar Nicht-Erinnerbare, das quält. Was nicht er-innert werden kann, kann nicht in die Person „hinein-genommen“ werden. Damit kann es nicht verdaut werden. Stattdessen blockiert und quält es gedächtnis- und gedankenlos. Eine nur scheinbare Befreiung ist das „Hinaus-Stoßen“, das im selben ein „Hinein-Stoßen“ in den „Anderen“ ist. So wird der Aus-Wurf zum Vor-Wurf an den Anderen.

Es geht um ein Wachsen der Erinnerung, des Gedächtnisses, der Sprache des Gedenkens, um es schließlich „gut sein lassen zu können“. (Beides stimmt: „gut sein lassen können“ und „gut sein lassen können“.) Die „Schale des Vergessens“ ist das „Containment“, innerhalb desser der echte Los-Lösungsprozess sich vollzieht. Der bekannte Spruch: „Kaum ist Gras über etwas Schlimmes gewachsen, schon kommt ein Kamel und frisst es weg“ – ist das Gegenteil dessen, was hier gemeint ist. In der Schale des Vergessens wird nichts mehr zugedeckt; von daher bedarf es auch keines „zudeckenden“ Grases.

Im Gedächtnis – und nur darin – geschieht jene äußerst schmerzhafte „Ver-Wandlung“. Es ist der Schmerz, der für viele Menschen diesen Weg unmöglich macht. Die Macht des Gedächtnisses ist die Macht, das erlebte Leid, den erlebten Schmerz „wieder“ zu sich zurück nehmen. Und zwar so, dass anerkannt wird: Dies war mein Weg, gerade so und nicht anders. Indem ich damit einverstanden werde, kann ich endlich die quälend-blockierenden „Spaltungen“ in Täter – Opfer gut sein lassen. Endlich muss ich keine Schuldigen mehr suchen und auch keine Rache mehr üben für das mir Zugefügte. Ich muss auch nicht mehr beleidigt sein und mih zurück ziehen. Und schließlich muss ich mich nicht mehr schuldig fühlen für das Leid, was ich Anderen zufügte. Für dieses Geschehen gibt es ein traditionelles Wort, über das leicht zu predigen, das schwer zu leben ist: Vergebung!

Endlich werde ich frei. Frei vor Gott. Frei für Gott.

Endlich, endlich kommt meine Seele nach Hause. Und dies ist nichts Anderes, als in Gott zu ruhen. Die Seele ist auf ihren eigenen Grund gekommen:

Das ist die Macht der Erlösung.

Am Tag der Zerstörung, da liegt die Macht auf dem Grunde und wächst.

Darum sitzen wir an diesem Tag am Boden, darum gehen wir an diesem Tag auf die Gräber, darum wird an diesem Tag der Messias geboren. AMEN.

1 Erzählungen der Chassidim, Zürich, S. 21.

Predigt über Deuteronomium 7, 6-12 am 6. Sonntag nach Trinitatis 2020

Liebe Gemeinde,

als ich mich mit unserem heute zu predigenden Text aus dem 5. Buch Mose beschäftigte, fiel mir mit einem Mal wie Schuppen von den Augen, warum gerade in evangelikalen Kreisen auch und besonders in Amerika der jetzige Präsident so hoch im Kurs steht. Hören Sie bitte selbst:

7, 1-5:

1 Wenn dich der Herr, dein Gott, ins Land bringt, in das du kommen wirst, es einzunehmen, und er ausrottet viele Völker vor dir her, die Hetiter, Girgaschiter, Amoriter, Kanaaniter, Perisiter, Hiwiter und Jebusiter, sieben Völker, die größer und stärker sind als du,

2 und wenn sie der Herr, dein Gott, vor dir dahingibt, dass du sie schlägst, so sollst du an ihnen den Bann vollstrecken. Du sollst keinen Bund mit ihnen schließen und keine Gnade gegen sie üben

3 und sollst dich mit ihnen nicht verschwägern; eure Töchter sollt ihr nicht geben ihren Söhnen und ihre Töchter sollt ihr nicht nehmen für eure Söhne.

4 Denn sie werden eure Söhne mir abtrünnig machen, dass sie andern Göttern dienen; so wird dann des Herrn Zorn entbrennen über euch und euch bald vertilgen.

5 Sondern so sollt ihr mit ihnen tun: Ihre Altäre sollt ihr einreißen, ihre Steinmale zerbrechen, ihre heiligen Pfähle abhauen und ihre Götzenbilder mit Feuer verbrennen.

Ich denke, dieser Text spricht für sich. Keine Angst: Es ist nicht der heute zu predigende Text. Aber es ist der Text, der unmittelbar vor unserem Predigttext steht. Und ich fand keine einzige Predigt im Internet, in der auf diesen Zusammenhang aufmerksam gemacht wird! In dem eben gelesenen Text wird die Politik der Ausgrenzung, ja der Vernichtung des Anderen, Fremden propagiert: “Ihre Altäre sollt ihr einreißen, ihre Steinmale zerbrechen, ihre heiligen Pfähle abhauen und ihre Götzenbilder mit Feuer verbrennen.” Es ist das Gegenteil von Respekt und Achtung vor dem Anderen, dem Fremden. Was zählt ist das eigene Volk – was nicht zählt, das sind die Anderen.

Auf diesem Hintergrund beginnt der Text, über den ich heute zu predigen habe: “Denn du bist ein heiliges Volk dem Herrn, deinem Gott! Dich hat der Herr, dein Gott erwählt zum Volk des Eigentums, aus allen Völkern, die auf Erden sind.”

Das klingt gut – aber ist nicht gut. Ist nicht gut, solange die Erwählung, die Besonderheit des Einen auf Kosten des Anderen geht. Solange herrscht Zwietracht. Im eigentlichen Sinne des Wortes: Zwei stehen einander unversöhnt ja feindlich gegenüber. Ich/meine Gruppe, meine Religion – und der/die Anderen. Dasselbe Geschehen finden wir schon ganz am Anfang des AT: Das Opfer des einen wird „erwählt“, das Opfer des Anderen abgelehnt. So entsteht der erste Mord: der Brudermord. Das/der eine ist gut – das/der Andere ist böse. Das ist der Preis, den wir Menschen bezahlt haben, als wir vom Baum der Erkenntnis aßen. Damit zerfiel die denkbare Welt in gut und böse.

Auf diesem Hintergrund möchte ich über unseren Predigttext nachdenken, der selbst eine sehr alte Predigt ist – dem Mose in den Mund gelegt, gehalten vor der „Eroberung“ des „Landes, in dem Milch und Honig fließen“. Der Raum, in dem diese Predigt ertönt, ist ein Zwischen-Raum: Die Zeit der Sklaverei, der Fremd-Herrschaft in Ägypten ist vorbei, auch der lange und erschöpfende Marsch durch die Wüste liegt zurück. Das ersehnte Neue Land, die neue Heimat liegt in Sichtweite.

In diese Situation des Dazwischen, des Nicht-Stabilen hinein predigt Moses seinem Volk:

Du bist ein Volk, heilig für Jahwe, deinen Gott, dich hat Jahwe erwählt ihm zu gehören als Eigentumsvolk unter allen Völkern auf der Erde.“

Heilig heißt wörtlich: ganzheitlich. Die Erwählung besteht darin, aus den Fragmenten, Spaltungen und Dualismen etwas „Ganzes“ eben „Heiles“ werden zu lassen. Oder anders: Die Erwählung besteht genau nicht darin, sich selbst toll und die Anderen blöd, schwach oder gar unwert zu finden. Das ist der (verbreitete) Missbrauch des Erwählungs-Gedankens. Du bist nicht erwählt, um dir darauf irgend etwas einzubilden. Denn vor und von Gott ist jedes Lebewesen erwählt. Du bist heilig für Jahwe – d.h. dein Heil, deine Gesundheit, deine Integration, deine Ganzheit bleibt gebunden an deine Beziehung zu Gott. In dieser Verbindung bekommst du eine Idee, eine Wahrnehmung, eine Intuition, wer du in der Tiefe eigentlich bist. Was in der Tiefe dein Eigenes ist. Und Gott „will“, dass du dieser „wahrhaftigen“ Idee von dir selbst nahe kommst. Es ist schade, wenn du dich diesem deinen Weg entziehst. Dann bleibt er ungegangen – denn nur du konntest ihn gehen.

Nicht weil ihr alle Völker an Zahl überträfet, neigte sich Jahwe euch zu und erwählte euch – denn ihr seid das Kleinste von allen Völkern…“

Hier wird noch einmal betont: es geht nicht um das, was unter den Völkern als wichtig gilt: möglichst viel Einfluss haben, expandieren, groß werden. Genau anders herum: Das Schwache in Dir, das, was Du selbst oft missachtest, weil Du es peinlich, unangenehm ja unannehmbar findest – gerade darin wendet sich Gott dir zu. Und warum wendet sich Gott dem „kleinsten“ Volke zu?

Sondern weil Gott Euch liebte und weil er den Schwur hielt, den er euren Vätern geschworen, darum führte Euch Jahwe mit starker Hand heraus und erlöste Dich aus dem Sklavenhaus, dem Hause Pharaos, des Königs von Ägypten!“

Du kannst Dich auf deinen Gott verlassen: versprochen wird nicht gebrochen. Gott ist treu. So bist du eingebettet in einer langen Reihe von Generationen vor dir – und gerade so wird es auch nach dir sein. In unserer Zeit, die meint, alles selbst und neu erschaffen zu müssen, in der Lebenserfahrung wenig zählt, jung sein idealisiert wird, in dieser unserer Zeit beruhigt es (mich), einem Gott anzuhängen, der Tradition hat. Es beruhigt mich, dass ich nicht ganz alleine bin auf dem weglosen Weg durch die Wüste, sondern dass vor mir Menschen ihn gegangen sind und nach mir Menschen ihn gehen werden. Und es gibt mir Trost und Hoffnung, dass die neue Satzung oder Wegweisung gerade auf diesem Weg zu mir kommt. Wir nennen sie die „10 Gebote“, im Hebräischen sind es die 10 Worte, die ein gutes, beschütztes Leben in Freiheit ermöglichen.

So sollst du denn erkennen, dass Jahwe, dein Gott, der wahre Gott ist, der treue Gott, der den Bund und die Huld auf 1000 Geschlechter denen bewahrt, die ihn lieben und seine Gebote halten.

Gott befreit, Gott erlöst über die zu erlebende Erkenntnis, dass Leben ohne gute Ordnung im Chaos versinkt. In einer guten Ordnung ist alles an seinem Platz gekommen, es geht nicht mehr „drunter und drüber“. Die gute Ordnung ist eine dem Leben dienliche Ordnung, sie ist auf gutes Zusammenleben in Freiheit ausgerichtet. Dazu bedarf es der Einsicht, dass meine Freiheit nicht grenzenlos ist. Es bedarf der Bereitschaft und der Fähigkeit, sich selbst, die eignen Impulse zu hemmen und anzupassen. Auch zu verzichten. Das sind Fähigkeiten und Fertigkeiten, die mit sozialem Denken zu tun haben. Soziales Denken bedeutet, es geht nicht nur um mich und um meine Interessen! Und das Ziel ist nicht, dass (mein) Ich sich durchsetzt, sondern dass WIR zu einem bekömmlichen Miteinander kommen. Und ein bekömmliches Miteinander ist wesentlich ein gerechtes Miteinander, in dem ich bei allem, was ich tue und lasse auch die Konsequenzen für meine Umwelt mit berücksichtige.

Die aber, die Gott hassen, denen vergilt er an ihrer eigenen Person und lässt sie umkommen; nicht zögert er gegenüber dem, der ihn hasst, an seiner eigenen Person vergilt er ihm.

Das klingt sehr hart – und ist doch die nüchterne Wahrheit. Wer Gott hasst, der hasst in der Tiefe sich selbst und sein eigenes Leben. Dies führt zu destruktivem Verhalten: sowohl sich selbst als auch seinen Mitgeschöpfen gegenüber. Die 10 Worte Gottes, die „Gebote“, grenzen den Hass ein und ermöglichen seine Verwandlung in Liebe. Darum gilt:

Darum sollst du die Gesetzesweisungen, die Bestimmungen und Rechtssatzungen halten, welche ich dir heute zu befolgen anbefehle. Und dafür, dass ihr diese Rechtssatzungen anhört, sie haltet und befolgt, wird Jahwe, dein Gott, dir den Bund und die Güte bewahren, welche er deinen Vätern geschworen hat.

Nicht um dich zu knechten, nicht um dich zu unterdrücken, sondern um dich zu schützen und zu bewahren, für deine lebendige Freiheit, gibt es eine gute Ordnung. Und dafür, dass ein gerechtes, ausgewogenes Miteinander möglich wird. Die gute Ordnung, das gute Gesetz ist nicht in sich selbst verliebt, es dient der Gemeinschaft. Es ist ein „Ministerium“, ein „Amt des Dienstes“ an der Gemeinschaft. (So wie ein guter Minister ein guter Diener an der Gemeinschaft ist.) Das gute Gesetz weiß um den inneren Zusammenhang der Beziehung zu Gott und der Beziehung zueinander. Deshalb handelt es von gegenseitigem Respekt, Achtung und Fürsorge. Wer ausgrenzen, spalten, rassistisch denken will, stellt sich außerhalb der Rechtssatzungen Gottes!

Die zehn Worte, in denen sich die zehn Schöpfungstaten abbilden, sind Ausdruck des tiefen Wissens darüber, wie destruktiv es ist, lebensdienliche, dem Leben dienende Grenzen zu durchbrechen. In dieser Tiefe sind sie vor aller Moral. Wir leben in einer Zeit – und ich vermute, dies gilt für jede Zeit – in der das Sich-halten-an-Grenzen nicht beliebt ist. Es ist in der Tat mühsamer, bewusst und verantwortungsvoll zu leben, als ungehemmt „raus zu schreien“ und „raus zu hauen“, wonach einem gerade ist. Sich-halten an Grenzen heißt, den eigenen, inneren Triebimpulsen streng und liebevoll Einhalt zu gebieten. Auch dies gilt nicht erst seit heute. Jesus wurde nicht müde zu predigen und vorzuleben, dass Gesetz und Leben zusammengehören. Jesus hat nicht das Gesetz zerstört, sondern es mit Leben gefüllt. „Der Mensch ist nicht um das Sabbats willen, sondern der Sabbat um des Menschen willen!“ Das war das „Unerhörte“ an diesem Mann aus Nazareth. Wer sich auf diesen Weg einlässt, dem bleibt nicht erspart, zu erleben und zu erleiden, dass er sich unbeliebt macht. Er hat aufgehört, darauf zu schielen, wie viele „Follower“ er gerade hat, wie gut er ankommt. Ihm genügt ein einziger Satz: „Ich habe dich erkannt, ich habe dich erlöst, ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du gehörst dazu und zu mir – du bist frei geworden für dich und dein einmaliges Leben!“

Und darauf gibt es eine einfache Antwort: „Gott sei Dank!“ AMEN

Predigt über Römer 12, 17 -21 am 4. Sonntag nach Trinitatis

“Überwinde Böses mit Gutem!”

Liebe Gemeinde,

vermutlich kennen das die meisten von uns: So ein Gefühl diffusen Gereizt-Seins. „Ich bin gestresst!“ sagt man dann. Oder „Ich bin nicht in meiner Mitte!“ Wer es wagt, genauer dahin zu spüren merkt: Ich bin ziemlich aggressiv. Aber warum eigentlich? Es ist ein Gefühl, als würde nichts passen. „Knatschig“, sagt man bei kleinen Kindern. Vielleicht ist es das Wetter. Oder der Mond. Oder beides.

Gibt man diesen Gefühlen mehr Raum, stellt sich oft heraus, dass die Möglichkeit fehlt, die Wirklichkeit, wie sie gerade ist und auf mich einwirkt zu akzeptieren. Die Sonne ist zu heiß, der Wind zu kalt, die Frisur passt auch nicht. Und überhaupt. „Ich fühle mich nicht wohl in meiner Haut!“ Was gänzlich fehlt ist die Freude am Dasein – ein kräftiges, heiteres „Ja – so ist es – und es ist gar nicht so schlecht, wie es ist!“

Die Texte unseres heutigen Sonntags handeln davon, wie Freude ins Leben kommen kann. Allerdings erst auf den zweiten Blick. Auf den ersten Blick sind sie typische fordernde Vorwurfs-Texte:

Seid barmherzig, wie Euer Vater barmherzig ist!“

Geht barmherzig mit Euch selber um!“

Richtet nicht!“

Lernt Euch kennen – schaut auf den Balken im eigenen Auge!“

Dies Kunst ist, das alles ohne auch nur den Hauch eines Vorwurfs zu erleben. Mit liebevollem Blick. Barmherzig eben.

Das klingt gut – und ist viel leichter zu predigen als zu leben.

Und noch leichter ist es, dies dem Anderen zu predigen – und sich selbst dabei wegzulassen. Das sind die Sätze, die irgendwie mit „sei doch so oder so …“ angehen.

Oder auch: „Wenn du anders wärst, dann könnte ich auch …“

Oder: „Ich verstehe nicht, dass du …“

In diesen Sätzen bleibe ich an den Anderen gebunden, halte an der Abhängigkeit zu ihm fest. Sie entstammen dem Gefühl, den Anderen in einer bestimmten Weise für mich zu gebrauchen. Es wäre doch schön, wenn der Andere genauso denkt und lebt wie ich. Es ist die Sehnsucht nach Harmonie oder gar Gleichklang. In der Gregorianik galt als vollendeter Ton die „Prim“. Das heißt, das Intervall, der Zwischenraum ist aufgelöst. Es gibt keinen Unterschied zwischen dem Einen und dem Anderen. „Wir sind alle eins!“ Oder: „Wir sprechen mit einer Zunge.“ Oder: Wir sind völlig im Einklang. Wer Kammermusik macht, im Chor singt oder vierhändig spielt, weiß, was ich meine. Nur – wie ist das mit dem Einklang im Alltag des Lebens? In einer Partnerschaft, mit Kindern, im Kirchenvorstand, in der Schule, im Beruf?

Es gibt Eltern, die meinen, sie täten ihren Kindern etwas Gutes, wenn sie „mit einer Zunge redeten.“ Wer als Kind so aufwächst, kann nicht lernen, dass Unterschiedlichkeit, Meinungsvielfalt nichts Böses ist, nicht zum beleidigenden Streit führen muss. Sondern zu lebendiger Diskussion, gegenseitigem Austausch in aller Verschiedenheit. Politisch ausgedrückt: Je größer die Sehnsucht nach Einheitlichkeit, desto unwichtiger sind jene Tugenden, auf denen Demokratie aufgebaut ist. Und desto unerbittlicher wird der/die „verfolgt“, der die Sehnsucht nach Harmonie stört. Er/sie gilt als „Störenfried“ – als Störer des Friedens. Dies gilt auch für religiöse Institutionen. Da heißen die Störenfriede „Ketzer“.

Die große Frage ist: Handelt es sich um einen echten Frieden, oder um einen faulen? Im Sinne von: „Friede, Freude, Eierkuchen!“ Im Sinne von: „Wir sind uns darin einig, dass alles gut ist. Und dem gnade Gott, der Widersprüchlichkeiten aufdeckt, der uns in unserer Sehnsucht nach Harmonie verunsichert!“ So entstehen die „geschlossenen Gesellschaften“. Anders-Denkende, diese Harmonie in Frage Stellende, sind unerwünscht! Werden ausgeschlossen – früher durchaus auch mal gekreuzigt, oder wenigstens verbrannt. Heute werden sie exkommuniziert – oder ganz einfach ignoriert. Manchmal auch erschossen. Jedenfalls gilt: Weg damit! In Beziehungen heißt das: „Wenn du so bist, will ich nichts mit dir zu tun haben! Du hast so zu sein, wie ich dich brauche!“

Natürlich macht sich einer nicht beliebt, der zu so einer geschlossenen Gesellschaft sagt: „Kann denn ein Blinder einem Blinden den Weg weisen? Werden sie nicht alle beide in die Grube fallen?“ (Lukas 6, 39) Aus der Sicht der Gruppe ist das eine einzige Unverschämtheit! Sie will festhalten, bewahren. Gruppen, Institutionen sind wesentlich konservativ: Es gehört zu ihrem Wesen zu bewahren. Aus der Sicht der Gruppe ist der, der es wagt, ihre Werte, ihre Axiome in Frage zu stellen, böse. Wenn einer aufsteht und den Mut hat, laut zu sagen: Wie könnt Ihr nur so einem Führer hinterher laufen – der kann auch schon mal sein Leben riskieren. (Von daher unterlasse ich es an dieser Stelle, Namen zu nennen.)

In unserem heutigen Predigttext – ein Abschnitt aus dem Römerbrief – spitzt Paulus diese Gedanken zu auf die Frage: Was soll ich denn als Christ machen, wenn ich Unrecht und Unterdrückung sehe, oder wenn ich mich selbst unterdrückt und ungerecht behandelt fühle?

17 Vergeltet niemandem Böses mit Bösem. Seid auf Gutes bedacht gegenüber jedermann. 18 Ist’s möglich, soviel an euch liegt, so habt mit allen Menschen Frieden. 19 Rächt euch nicht selbst, meine Lieben, sondern gebt Raum dem Zorn Gottes; denn es steht geschrieben (5.Mose 32,35): »Die Rache ist mein; ich will vergelten, spricht der Herr.«20 Vielmehr, »wenn deinen Fend hungert, so gib ihm zu essen; dürstet ihn, so gib ihm zu trinken. Wenn du das tust, so wirst du feurige Kohlen auf sein Haupt sammeln« (Sprüche 25,21-22). 21 Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.

Ich glaube, wer sich ernsthaft mit diesen Gedanken beschäftigt, der wird schnell zu der Einsicht kommen: Was für mich „gut“ und was für mich „böse“ ist – das gilt nur für mich, ist also höchst subjektiv. Es hängt von meinem Weltbild, meiner Haltung zur Welt ab. Für den Löwen ist die erbeutete Gazelle gut: Sie sichert sein Weiterleben. Für die Gazelle ist der Löwe „böse“ – er nimmt ihr nämlich ihr Leben.

Freilich: Das sind meine menschlichen Gedanken. Es ist meine menschliche Haltung, oder mein menschlicher Blickwinkel. In der Natur geht es anders zu. Da gilt: Es ist, was es ist. Der Löwe muss sein Löwe-Sein leben und die Gazelle ihr Gazelle-Sein. Der Traum vom Paradies, in dem Löwe und Lamm nebeneinander liegen, ist Ausdruck jener starken Sehnsucht nach Harmonie, von der ich vorhin sprach. Diese Sehnsucht ist eine spezifisch menschliche!

Für die jeweilige Gruppe ist der Störenfried ein Böser. Er stört ihren Zusammenhalt, ihren Wunsch nach harmonischem Beieinandersein. Je mehr er versucht aufzudecken, Defizite zu benennen, desto größer wird der Widerstand der Gruppe sein. Sie wird versuchen, ihn „einzufrieden“ (Martin Luther wurde das Amt eines Kardinals angeboten) – oder ihn „auszuscheiden“. (Früher hieß das, jemand ist „vogelfrei“ – das heißt, wer ihn tötet, muss keine Konsequenzen befürchten.) Die Gruppen, die ich persönlich kennen gelernt habe, sei es in der Psychotherapie, sei es in der Kirche, hatten wenig bis kein Interesse daran, sich selbst ernsthaft in Frage zu stellen. Es gab und gibt einen unhinterfragten Gruppenkonsens. (Bei psychoanalytischen Therapeuten wird bereits das Wort „Spiritualität“ vermieden. Sie scheinen es zu fürchten, wie der Teufel das Weihwasser. In kirchlichen Gruppen wiederum ist ernsthafte Selbsterfahrung, die notwendig schmerzhaft ist und Ängste erzeugt, nicht sehr hoch im Kurs.)

Es ist nämlich so: Jede Art des In-Frage-Stellens verunsichert, macht Angst: Und wer die Fundamente, die Basics einer Gruppe in Frage stellt, macht sehr große Angst.

Aktuelles aber harmloses Beispiel: In Pullach gibt es die Gruppe der Hundehalter. Für sie ist das Zusammenleben mit dem eigenen Hund schön. Für den oder die, die zur Zeit in Pullach giftige Köder auslegen, sind Hunde und wahrscheinlich insbesondere ihre Hinterlassenschaften eine ärgerliche Störung. Da sie offenbar vor Gewalt nicht zurück schrecken, legen sie giftige Köder aus, um die Quelle des Ärgernisses zu beseitigen. Wer dies tut, ist zum Untertan seines Hasses geworden. Der Hass will, dass die Störung verschwindet. Diesen Hass verbreiten die populistischen Führer. Sie und ihre Anhänger sind im Hass auf das Störende, Fremde verbunden. „Das darf man sich nicht bieten lassen!“ heißt es. „Vergebung – niemals!“ Vergebung, Nachsicht, Barmherzigkeit macht mich schwach. Es macht ihnen zu viel Angst, diese Haltung in Frage zu stellen. Es ist kaum zu glauben, aber es ist so: In den Propagandisten der Macht wohnen völlig verunsicherte, eingeschüchterte Kinder!

Und genau da kommt der Gedanke von Paulus ins Spiel: „Das Böse mit Gutem zu überwinden.“ Das heißt nämlich, darauf zu verzichten, die nahe liegenden Impulse der Rache und Strafe auszuleben. Das heißt nicht: Danach zu trachten, das Böse aus der Welt zu schaffen, zu vernichten. Das ist die Falle der moralisch anständig Lebenden: Ihre hohe Moral für Empörung und Hass auf die in ihren Augen Nicht-Moralischen zu verwenden. Ich habe mich bei der Fantasie ertappt, wenn man den erwischt, der die Giftköder ausgelegt hat, dann sollte man ihn zwingen, einen seiner Köder – es sind wohl vergiftete Toastbrote – selber zu essen. Diese Fantasie bereitet mir Genugtuung – und wahrscheinlich erlebe ich dabei ganz ähnliche Gefühle, wie sie derjenige hatte, als er die Köder ausgelegt hat. Anders ausgedrückt: Ich werde selber zu einem, der den Anderen vergiften möchte. Ich habe mich mit Hass infizieren lassen.

Nüchterne Erkenntnis: Indem ich versuche, den Hass zu vernichten, bleibe ich sein Untertan! Dies gilt auch für Paulus, der einen anderen Weg des Umgangs mit Hass, Rache und Vergeltung vorschlägt: Überlasse das Gott. Indem er das AT zitiert mit dem Satz: „Die Rache ist mein spricht der Herr …“ verschiebt er den Rache-Gedanken auf Gott. So entsteht ein strafender, richtender Gott. So entstehen Gedanken wie: „Den Corona-Virus hat uns Gott geschickt in seinem Zorn über die gottlose Party-Kultur.“ Oder, noch schlimmer: „Das Leiden der Juden ist eine Strafe Gottes dafür, weil sie seinen Sohn hingerichtet haben.“ In diesen Gedanken wirkt der Hass. Sie werden dann richtig gefährlich, wenn sich Menschen dazu aufgerufen fühlen, „im Namen dieses rächenden Gottes“ zu handeln. Diese Menschen haben Religion in Misskredit gebracht – ähnlich den Hundehaltern, die nicht bereit sind, den Kot ihrer Vierbeiner zu entsorgen!

Heißt das: Es ist zwar ein schöner Gedanke, das Böse mit Gutem zu überwinden, aber leider ist er unrealistisch? Ich glaube, was wirklich unrealistisch ist, das ist die Idee, das „Böse“ abschaffen zu wollen.

Es ist schon sehr viel erreicht, wenn es gehalten wird. Oder eingedämmt. Dazu ist im ersten Schritt nötig, das Böse als Böses zu benennen: Es ist ein Verbrechen, Hunde zu vergiften. Es ist ein Verbrechen, Gewalt gegen Kinder und Jugendliche anzuwenden: Sei es sexuelle Gewalt, sei es körperliche Gewalt. Ja – das ist böse. Vor kurzem hörte ich in den Nachrichten, dass jedem zweiten Kind Gewalt angetan wird. Und dass neun von zehn Kindern in Ländern leben, in denen dies nicht verboten ist. Es also nicht als ein Verbrechen gilt, Kindern Gewalt anzutun. So wie es Länder gibt, in denen sogenannte „Straßenhunde“ einfach erschossen werden!

So ist das. So sind wir Menschen.

Barmherzigkeit, Güte, Einfühlung muss man sich leisten können!

Das gilt auch für die Hundehalter, die keine Verantwortung für ihre Tiere übernehmen. Auch ich ärgere mich, wenn ich auf dem Weg zu meinem Auto in einen Hundehaufen trete. Das geht gar nicht anders.

Die Frage ist: Was folgt aus meinem Ärger?

Es bedarf einer starken Seele, mit dem Täter, genauer mit der „Täter-Seite“ des Täters in Kontakt zu kommen. Dies geht nämlich nur indem ich bereit bin, auch meine eigenen Täter-Seiten kennen zu lernen. Das wiederum kann ich nur, wenn ich differenziert genug bin. Wenn ich anerkennen kann, dass niemand nur Täter und niemand nur Opfer ist. Es sind vielmehr Beziehungen, die in eine Täter- und eine Opfer-Seite zerfallen sind. Man könnte auch sagen: Es sind Beziehungen, in denen Macht und Ohnmacht, Liebe und Hass, entmischt worden sind. Es sind Beziehungen, die in Dualität zerfallen sind.

Indem ich mich dem „Guten“ so zuwende, indem ich versuche, Böses mit Gutem zu überwinden, versuche ich, den „Zerfall“ in gut und böse gleichsam wieder rückgängig zu machen. Versuche ich zu „verbinden“, was auseinander gebrochen ist. Dies ist ein mühsamer und anstrengender Weg. Viel leichter ist es, sich in die Opfer einzufühlen und die Täter zu exkommunizieren. Damit aber werde ich selbst zum Täter. Leider fehlen diese weiterführenden Gedanken gänzlich in der Diskussion über sexuellen Missbrauch in der katholischen wie evangelischen Kirche. Es ist scheint zu gefährlich zu sein, auch Verständnis für die Täter-Seite aufzubringen – müsste ich mich doch unweigerlich dann auch mit meiner eigenen Täter-Seite beschäftigen.

Das Verleugnen der eigenen Täter-Seite führt bei Paulus zu einer ganz besonders raffinierten Variante der Rache: »Wenn deinen Feind hungert, so gib ihm zu essen; dürstet ihn, so gib ihm zu trinken. Wenn du das tust, so wirst du feurige Kohlen auf sein Haupt sammeln« (Sprüche 25,21-22). Übersetzt heißt das: „Du wirst den Anderen durch Freundlichkeit beschämen.“ Auch dieser Gedanke dient dazu, den eigenen Hass unterzubringen. Indem ich den Anderen mit meiner Freundlichkeit beschämen will, missbrauche ich diese für Vergeltung.

Der Weg raus, der Weg in die Freiheit, lautet: Sich des eigenen Bösen, des eigenen Hasses bewusst zu werden. Erst dann kann ich ihm Einhalt gebieten, ihn quasi einfrieden. Und erst dann habe ich die Chance, frei zu werden!

Für einen freien Mensch gilt: „Wenn deinen Feind hungert, so gib ihm zu essen; wenn ihn dürstet, so gib ihm zu trinken – ganz einfach deshalb, weil du einer bist, der so und nicht anders leben will! Weil du aus deiner Freundlichkeit und deiner Liebe heraus so – und nicht anders – mit deinem Nächsten umgehen möchtest!“

Für mich ist das die Haltung eines freien, besser befreiten Christen-Menschen. Um sie zu erlangen, benötigen wir die innere Verbindung mit einem starken, freien und liebevollen Gott – der es gerade nicht nötig hat, etwas zu vergelten oder gar, sich zu rächen. In diesen Gott sind wir hinein getauft, in diesem Gott verbinden und verbünden wir uns in der Feier des Heiligen Abendmahles. Und dieser Gott wirkt in uns immer dann, wenn wir uns unserer Fähigkeit zu lieben, zuwenden. Böses mit Gutem überwinden ist nichts weiter als eine mögliche Handlungsanweisung des Doppelgebotes der Liebe: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüt und mit all deiner Kraft. Und: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“ (Mk 12, 29)

Gebe Gott, dass wir täglich stärker und freier dafür werden, unseren Alltag nach diesen Worten auszurichten – so dass es immer selbstverständlicher und leichter wird, „Böses mit Gutem zu überwinden“, AMEN.

Predigt an Pfingsten 2020 über Apostelgeschichte 2, 6

Liebe Gemeinde,

seit alters her ist das Pfingstfest die Feier der Ausgießung des Heiligen Geistes und in eins damit das des Geburtstages der Kirche.

Ich möchte heute über einen Aspekt der Ausgießung des Heiligen Geistes predigend nachdenken:

Über Verstehen und Verstanden werden. Oder, anders:

Pfingsten, das Fest der Verständigung!

„ … ein jeder hörte sie in seiner eigenen Sprache reden …“ (Vers 6)

Was im übrigen keine Freude oder andere positive Gefühle auslöste – ganz im Gegenteil: „Sie entsetzten sich aber, verwunderten sich und sprachen: Siehe, sind nicht diese alle, die da reden, Galiläer? Wie hören wir sie denn ein jeder in seiner Muttersprache?“ (Vers 7) Gefühle von Entsetzen sind begleitet von Gefühlen der Hilflosigkeit und Ratlosigkeit, gepaart mit Angst, Ärger und Wut, vielleicht sogar Hass. Solche Gefühle mögen wir Menschen, mag unser „ICH“ nicht: Es wehrt sich dagegen. „So ein Blödsinn!“ sagt es. Auch Spott gehört dazu: „Die sind nicht ernst zu nehmen! Sie sind besoffen!“ Und damit ist auch schon die Rechtfertigung ausgestellt, sich davon abzuwenden. Das Ganze zu ignorieren.

Kurzum: Wir Menschen mögen es nicht, erleben zu müssen, nichts, aber auch gar nichts zu verstehen!

Man hat gesagt, das christliche Pfingstfest ist die Aufhebung der babylonischen Sprachverwirrung. Da, wo Verwirrung gewesen ist, tritt durch das Wirken des Heiligen Geistes Verständigung ein.

Wie schön wäre das: Verständigung im Kleinen wie im Großen, in den Familien wie unter den Völkern. Ja – wenn es doch nur so einfach wäre! Denn es ist ja anzuerkennen, dass das eigentliche Problem nicht die Sprache, sondern die Verständigung innerhalb ein und derselben Sprache ist! Das Problem hat mit Interessengegensätzen, Meinungsverschiedenheiten zu tun. Und mit Emotionen wie Neid, Gier, Angst usw.

Dabei steht am Anfang von Verständigung keineswegs „das Wort“ – oder die Sprache. Es gibt eine Verständigung, die auf gesprochene Sprache gar nicht angewiesen ist: Zum Beispiel mit einander Musizieren. Oder Körpersprache … Auch die Kommunikation mit Tieren kommt mehr oder weniger ohne Worte aus.

Am Anfang der Verständigung steht nicht das Wort, sondern das Interesse: Bin ich überhaupt bereit, den Anderen zu verstehen? Und, anders herum: Bin ich bereit, mich verständlich zu machen?

Unsere Welt und unser Alltag lehrt: Es wäre naiv, beide Fragen mit ja zu beantworten. Es ist nämlich leider so, dass sich verständlich machen und den Anderen zu verstehen ein anstrengendes und durchaus mühsames Unterfangen ist. Es bedarf Tugenden, die nicht en vogue sind: Geduld, Warten-Können, sich Zeit nehmen, sich einlassen. Und in alledem auszuhalten, nichts zu verstehen. So sind wir übrigens alle auf die Welt gekommen: Wir haben nicht einmal „Bahnhof“ verstanden! In der Bibel heißt es deshalb so schön: Es war „tohu wa bohu“ – frei übersetzt: Es ging drunter und drüber!

Die Schöpfung ist nichts anderes als die Transformation dieses Ur-Chaos oder dieser Ur-Finsternis. In ihr entsteht Gestalt, Struktur. Es ist der Geist Gottes, der Heilige Geist, der dies vermag. Es ist ein Geist der guten, dem Leben dienenden Ordnung. „Und Gott sah, dass es gut war“, heißt es deshalb am Ende eines jeden der sechs Schöpfungstage. (Nur beim siebten Tag, mit dem der Sabbath in die Welt kommt, fehlt es! Von ihm heißt es, dass Gott an ihn ruhte, ihn segnete und heiligte.)

Der Gegenspieler dieses ordnenden Verstehens ist der Triumph des Chaos. Die Lust am Zerstören. „Wir müssen uns doch nicht an diese blöden Einschränkungen halten …“ Es ist kein Zufall, dass in den Ländern, die von sogenannten populistischen Führern regiert werden, die Zahl der Infektionen und der Toten am höchsten ist. Und es ist auch kein Zufall, dass genau dies vertuscht werden soll. Der Satan, der Diabolos (wörtlich: Durcheinander-Werfer) arbeitet im Verborgenen.

Verstehen und verstanden-werden hat mit der Bereitschaft zu tun, sich an Ordnungen anzupassen, anstatt sich darüber hinwegzusetzen. Dies gilt auch für das Miteinander-Sprechen. Sich an Ordnungen zu halten heißt, Grenzen zu akzeptieren. Heißt aushalten, dass ich begrenzt bin. Spürbar werden meine Grenzen über meinen Körper und seine Endlichkeit und Vergänglichkeit. Er spricht in seiner Körper-Sprache zu mir, in Form von Hunger und Durst, in Form von Müdigkeit, Schmerzen, in Form von Herzklopfen oder Schwitzen usw. Anders kann er sich mir nicht verständlich machen. Auf der anderen Seite meines Körpers steht mein Ich, mit seinen Wünschen, Hoffnungen, Sehnsüchten – auch mit seinen Enttäuschungen, Verbitterungen. Und mit seiner Bereitschaft, den eigenen Körper neugierig-liebevoll kennen zu lernen. Dies ist nicht selbstverständlich. Gelingt es mir, meinem Ich, sich für meinen Körper und für das, was er versucht auszudrücken, zu interessieren? Oder soll er vor allem funktionieren und ansonsten still sein? Vielleicht habe ich mich gerade so als Kind gefühlt: „Kinder soll man sehen, aber nicht hören!“ lautete eine der Regeln der sogenannten schwarzen Pädagogik. Oder ich habe als Kind gelernt, dass das Wichtigste ist, dass ich „gut“ oder „nett“ ausschaue. Dann werde ich viel Energie dafür aufbringen, dass mein Körper diesen Idealen entspricht. Auch dies hat nichts mit wahrhaftigem Interesse für ihn und an ihm zu tun, sondern damit, dass er nicht genügt, so wie er ist. „Inter-esse“ heißt nämlich laut Duden wörtlich: „dazwischen sein, dabei sein, teilnehmen, von Wichtigkeit sein“.

Nehme ich am Leben meines Körpers Anteil? Und zwar liebevoll-neugierig?

Oder verstecke ich mich und meine Körperlichkeit, wozu es im Christentum leider eine lange Tradition gib.

Adam, wo bist du?“ Dies ist die erste Frage Gottes an „Adam“, den „Menschen schlechthin“. Gott ist am Einzelnen interessiert. Gott spricht den Einzelnen direkt an. Und genau davor hat Adam Angst. Der Mensch hat sich versteckt. Er wagt es nicht, für sich selbst einzutreten. Aus Scham und aus Angst. Er wagt es nicht, Gott zum Gegenüber, zum „Du“ zu werden.

Dies ist unsere Situation: Wir verstecken uns – vor Gott und so vor uns selbst. Aus Angst und aus Scham. Wir wagen es nicht, zu uns selbst zu stehen: mit unseren Wünschen, mit unseren Gedanken, mit unseren Handlungen. Wir sind feige. Was hatte Adam gemacht? Er hatte sein Weib erkannt, heißt es: „Und Adam erkannte Eva.“ Erkennen bedeutet im Hebräischen „sich für den anderen interessieren“, am Leben und an der Lebendigkeit des Anderen teilnehmen und Teilhabe gewähren – einschließlich gemeinsamer Sexualität. Von daher geht „erkennen“ fließend in „lieben“ über.

Die Wurzel des Verstehens und der Verständigung liegt in der Bereitschaft zu lieben und sich lieben zu lassen. Dies ist etwas sehr anderes als sich bewundern zu lassen und über Andere zu triumphieren.

Liebe entsteht in der Hinwendung zu mir und zu meinem jeweiligen Nächsten. Die Haltung dieser Hinwendung ist freundliche Aufmerksamkeit – ohne schon zu wissen, was der Andere braucht oder was ihm gut tut. Auch ohne zu wissen, was er falsch macht und was er verbessern könnte.

Liebe heißt, sich für den Anderen gerade so wie für mich selbst zu interessieren. Die Haltung ist freundliche Offenheit.

Adam, wo bist du?“ ist Gottes Raum gebende Frage. Und nicht: „Adam, wie konntest du nur, du bist falsch …“ Ich weiß, dass Religion seit es sie gibt für Pädagogik und Moral missbraucht worden ist. Gerade so hat sie ihr Ansehen verloren.

Für mich ist Religion die Hin- und Rückführung des Menschen zu sich selbst: zu seinem Eigenen und zu seinem Eigentlichen.

Oder – wie es in einer chassidischen Geschichte heißt: Als Rabbi Sussja merkte, dass er nicht mehr lange zu leben hatte, sagte er: „In der kommenden Welt wird man mich nicht fragen, warum bist du nicht Moses gewesen. Man wird mich fragen: Warum bist du nicht Sussja gewesen?“

Und in einem indischen Weisheitswort heißt es:

Warum bringt du nicht deinen eigenen Lotus zum Blühen? Die Bienen werden dann von selbst kommen.“

Und Paul Gerhardt hat gedichtet: „Mach in mir deinem Geiste Raum, dass ich dir werd ein guter Baum und lass mich Wurzel treiben. Verleihe, dass zu deinem Ruhm ich deines Gartens schöne Blum und Pflanze möge bleiben.“

Immer wenn dies geschieht – dann ist Pfingsten! AMEN

Predigt über die “Todsünde” der Lethargie in Zeiten des Corona-Virus

Liebe Gemeinde,

ich habe heute über die Todsünde oder Wurzelsünde der Lethargie zu predigen.

Vorab eine Definition: Unter Sünde verstehe ich die „Entfremdung von mir und von Gott“. Gott ist für mich kein jenseitiges „Wesen“, sondern jene Kraft oder Energie, in der und aus der heraus ich meine Leben leben darf. Er ist eine Chiffre für mein in der Tiefe unerkennbares „Ureigenstes“. Sünde bedeutet: Dieses, mein „Ureigenes“, ist mir fremd.

Zwei griechische Worte stecken in „Lethargie“:

lethe“ und „argos“

Lethe“ bezeichnet in der griechischen Mythologie den „Fluss des Vergessens“, den der Verstorbene zu überqueren hat. Das Substantiv „Lethe“ heißt einfach: das „Vergessen“.

Und „argos“: So hieß der Jagdhund des Odysseus, der untätig auf dem Misthaufen gelegen hatte und von allen vergessen worden ist – während er selbst sein Herrchen in den 20 Jahren des Wartens nicht vergessen hatte. Er ist der Erste, der den zurückkehrenden Odysseus erkannte und schwanzwedelnd begrüßte. Zum Sich-Aufrichten war er zu schwach: – von Ungeziefer zerfressen, starb er im Moment des Wiedersehens.

Im Griechischen heißt „argos“: „untätig, träge, faul“. Sie merken – das gilt für den Hund des Odysseus nur aus der Sicht derer, die ihn vergessen hatten. Argos hatte die Kraft, die verinnerlichte Beziehung zu Odysseus zu halten. Dies ist die Kraft der Liebe.

Verbindet man die beiden Worte, so entsteht ein Gedanke wie:

Im Vergessen untätig werden.“

Ich kenne Menschen, die sagen: „Ich weiß nicht, was ich gemacht habe. Ich glaube gar nichts. Ich saß einfach da und nach vier Stunden habe ich gemerkt, ich sitze immer noch da, nur jetzt ist es vier Stunden später.“ Der Wüstenvater Euagrios Ponticus hat das so beschrieben: „Der Dämon der acedia (wörtlich „Gleichgültigkeit – Sorglosigkeit“), der auch Mittagsdämon genannt wird, ist der beschwerlichste von allen. … Zuerst bewirkt er, dass die Sonne sich nur schwer oder gar nicht zu bewegen und dass der Tag 50 Stunden zu haben scheint. Dann treibt er einen an, ständig zum Fenster hinauszuschauen … Weiter impft er einem die Aversion gegen den Ort ein, an dem man lebt und gegen die Lebensweise selbst …“

Vor kurzem sagte mir jemand: „Ich hatte mir so fest vorgenommen zu arbeiten; aber dann konnte ich mich nicht konzentrieren, dann war ich sauer auf mich, dann habe ich mir einen Porno reingezogen und weil es dann auch schon egal war, habe ich mir mehrere Flaschen Bier genehmigt …“

Die Falle im Umgang mit solchen Menschen ist, sie zu pushen: „Du musst endlich mal deinen A. hoch kriegen; immer darf ich die Sachen für dich erledigen …“ Das, was wie „pushen“ aussieht, ist in Wahrheit aus dem Ärger, aus der Wut geboren!

Und das spürt der Andere ganz genau! Und sitzt es aus. Lethargische Menschen sind Meister im Aussitzen. Um sie zu erreichen und ihnen vielleicht zu helfen, sich selbst zu erreichen, ist es nötig, diese Gefühle der Wut bei sich selber zu spüren und durch zu arbeiten. Erst dann habe ich eine Chance, den Anderen zu erreichen. (Dies gilt im übrigen für jedes ernsthafte Gespräch. Solange ich nur sauer auf den Anderen bin, ist alles, was ich erreiche, dass dieser sich schützt. Und Sich-Schützen ist die Gegenbewegung zu Sich-Öffnen.)

Es geht um liebevolles Verstehen. Was steckt denn hinter der Lethargie?

Der lethargische Mensch hat „sich selbst vergessen“! Daraus folgt seine „Untätigkeit“. Ein typischer Traum eines solchen Menschen ist, dass er sein Auto nicht mehr findet, oder den Schlüssel zu seiner Wohnung nicht mehr findet oder sich in einer fremden Stadt verlaufen hat und nichts bei sich hat: kein Geld, keinen Ausweis … In wieder anderen Träumen wird er ausgeraubt und kann nichts dagegen tun.

Dieses „Vergessen“ schlägt sich nicht nur in der Traumwelt, sondern auch in der äußeren Welt nieder: Schon als Schüler tat er sich schwer, die richtigen Hefte und Bücher mit zu bringen. Zu lernen um gut zu sein oder etwas zu wissen, ist kein erstrebenswertes Ziel. Eher schon, nicht zu funktionieren, sich durch zu mogeln.

Als Erwachsener ist er viel mit Suchen von Dingen beschäftigt, die er vorher „gedankenlos“ verlegt hat: Insbesondere Brillen oder auch Schlüssel eignen sich hierfür bestens. Oder er „vergisst“ einen vereinbarten Termin. Die vermeintliche Rettung lautet dann: Ich muss mir alles aufschreiben. Der Sog des Vergessens kann jedoch bewirken, dass er vergisst, da nachzuschauen, wo er den Termin aufgeschrieben hat. In der Tiefe sind diese Menschen „nicht ganz da“ – sie lieben es, vor sich hin zu träumen. Der Computer, Marihuana oder Alkohol sind beliebte Hilfsmittel, dieses Träumen zu unterstützen.

Die Realität erscheint unwirtlich und hart. Als Kinder haben sie erlebt, dass es wenig um sie ging. Es sind die Kinder, die verinnerlicht haben: „So, wie ich behandelt werde, scheine ich für meine Eltern nicht sehr wichtig zu sein. Sie scheinen keinen Wert darauf zu legen, dass ich etwas kann. Sie scheinen auch nicht stolz auf mich zu sein. Leistung ist nicht so wichtig. So tun sich diese Menschen in unserer Leistungsgesellschaft schwer; man wird sie kaum in Positionen finden, zu denen hin man sich „durcharbeiten“ musste. Oft sind sie als Kinder auch sehr verwöhnt worden: die „harten“ Alltagsarbeiten, wie Zimmer selber aufräumen oder gar selber zu putzen wurden ihnen „erspart“…

Und da wir Menschen unsere Grundüberzeugungen, mit denen wir durchs Leben gehen, unbewusst und selbstverständlich auch auf unsere Mitmenschen anwenden, kommt es vor, sich im Zusammensein mit solchen Menschen auch vergessen und/oder unwichtig zu fühlen. Es ist unwahrscheinlich, eine schnelle Antwort auf eine Nachricht zu bekommen. „Ich bin eh nicht wichtig“ heißt auch: „Ich glaube nicht, dass ich für dich wichtig bin, dass du dich wirklich für meine Meinung, meine Rückmeldung interessierst.“ Im Grunde seiner Seele zweifelt der Lethargische daran, ob es ihn wirklich gibt. Und Menschen, die mit ihm zu tun haben, erleben oft genau dasselbe: Gibt es mich eigentlich für ihn?

Liebe Gemeinde,

ich könnte mir gut vorstellen, dass Ihnen beim Zuhören etliche Menschen eingefallen sind, auf die der eine und/oder andere Gedanke dessen, was ich gesagt habe, zutrifft.

Mir ging es beim Schreiben genau so.

Schwieriger ist es, dies alles auf „mich“ – also auf sich selbst anzuwenden.

An welchen Stellen bin ich, sind Sie „im Vergessen untätig“?

Dazu müssen wir uns noch einmal dem „Vergessen“ zuwenden.

Es gibt nämlich zwei Arten von „Vergessen“: Eine kerngesunde und eine ungesunde.

Die kerngesunde Art des Vergessens ist die Fähigkeit des Loslassens. Dass mich etwas, was ich erlebt habe, nicht weiter quält. Was bin ich froh und dankbar, nicht alles, was ich in meinem Leben gedacht, gesagt und getan habe, erinnern zu müssen. Das ist die Wahrheit von: „Glücklich ist, wer vergisst!“

Die ungesunde Art des Vergessens ist ein: „so tun, als ob nichts ist.“ Diese Art des Vergessens hat viel mit Ignoranz zu tun. Sie dient der Abwehr von extrem unangenehmen und belastenden Gefühlen, die sich mit einem ganzheitlichen Blick auf das, was ist bzw. gewesen ist, einstellen würden. Psychologen nennen dieses „Vergessen“ bzw. „Ignorieren“ Verdrängung, auch Verleugnung. Es ist ein wesentlicher Schutz der menschlichen Seele bei Verletzungen. Nun lassen sich Verletzungen aber nicht „vollständig“ verdrängen. Was bleibt sind „Nebenwirkungen“ wie Schlafstörungen, chronische Erschöpfung, Gereiztheit, zu hoher Blutdruck, Infektanfälligkeit, häufige Niedergeschlagenheit usw.. Auch der Ausbruch von schweren Erkrankungen wie Krebs oder Herzinfarkt kann mit schweren unverarbeiteten seelischen Verletzungen einher gehen. Bei diesen Traumata ist die Seele mit ihren Möglichkeiten des Verarbeitens am Ende: Sie benötigt externe professionelle Hilfe.

Wobei es ein verbreitetes Missverständnis ist, Psychotherapie, gerade auch psychoanalytische Therapie, kreise um die Vergangenheit, „stochere“ nach Erlebnissen in der Kindheit. Vor kurzem sagte mir ein Patient: Ich weiß schon so ungefähr, warum ich so bin, wie ich bin. Ich möchte heute etwas ändern.

Das ist völlig richtig. Das „Stochern“ in der Vergangenheit „bringt“ nichts, oder, schlimmer noch: Es bringt die Gefühle eines Opfers. „Was wurde mir nicht alles angetan!“ Dies führt zu Selbst-Mitleid und zur Spaltung des Denkens und Erlebens in Täter und Opfer.

Die entscheidende Frage ist nicht die Warum-Frage.

Die entscheidende Frage ist die Wie-Frage: Wie wirken sich seelische Verletzungen, die ich erlitten habe und die mir so nicht mehr bewusst sind, auf meine Gegenwart aus. Es geht also darum, Verbindungen aus der Vergangenheit mir der Gegenwart herzustellen. Mit dem Ziel: Dann vergessen zu können. Denn alles, was ich wirklich „durchgearbeitet“ habe, kann ich am Ende loslassen. Es ist das emotional nicht Erinnerbare, das uns in der Gegenwart quält.

Und ein Letztes: Ein Lob der Faulheit!

In unserer Leistungsgesellschaft ist schnell von Faulheit die Rede, wo es um Werte geht, die scheinbar nichts mit Leistung zu tun haben: Langsamkeit, Achtsamkeit, Behutsamkeit. Oder wie Argos: „Warten-Können“. Diese Werte haben allesamt mit Nicht-Tun zu tun. Von daher ist die zur Eindämmung des Corona-Virus aufgezwungene Quarantäne unser Guru. Endlich haben wir das, was in unserer Leistungsgesellschaft so sehr fehlt: Zeit!

Und diese Zeit ist keine Tun-Zeit – es ist eine Sein-Zeit. Es ist die Gelegenheit, sich selbst neu kennen zu lernen: im Da-Sein. Die sich dabei möglicherweise einstellenden Gefühl von Öde, Langeweile, vielleicht sogar Sinnlosigkeit sind auszuhalten. Sie sind die Quelle für echte Kreativität!

Dass uns dies alles in der Passionszeit jetzt trifft, könnte (uns) Christen fast heiter stimmen. Der Umgang mit dem Corona-Virus ermöglicht nämlich eine echte Passionszeit – die noch einmal ganz andere Gefühle hochholt, als das Bekannte: Ich verzichte mal sechs Wochen auf Alkohol, Nikotin … Das ist „Passionszeit light“.

Gerade aber ist es ernst geworden. Wir haben neu zu lernen, dass die berühmte „Selbstbestimmung“ und „Selbstverwirklichung“ nicht der einzige und auch nicht der höchste Wert eines guten Miteinanders sein kann. Und es besteht die Hoffnung, dass ein „weiter so“ nicht mehr möglich ist. (Wobei die aktuellen Bilder aus China mit dem Triumph, „wir haben das Virus besiegt“, diese Hoffnung sogleich wieder dämpfen.)

Lass die Toten die Toten begraben; du aber geh hin und verkündige das Reich Gottes!“ Das ist einer der zentralen Sätze unseres heutigen Evangeliums. Das Reich Gottes ist kein jenseitiges: Es ist überall da, wo die Verbindungen geordnet sind: zunächst einmal innerhalb meiner und dann zu meinen Mitmenschen. Wesentliches Kennzeichen dieses Reiches ist ein Grundgefühl der Heiterkeit. Diese erwächst aus einer Grundsicherheit des Gehalten-und Geliebt-Seins. Je tiefer ich dies in mir finde und trage, desto leichter werde ich es auch ausstrahlen. Natürlich gehört dazu auch die Bereitschaft, Verantwortung zu tragen: für das eigene Leben und das Leben der Gemeinschaft. Ein Ausdruck dieser Verantwortung sind die derzeitigen erheblichen Einschränkungen des sozialen Lebens.

Mag sein, dass Menschen all dies können und überzeugt nicht an Gott glauben. Ich kann es so nicht. Mir hilft mein Glaube an, mein Vertrauen auf eine Kraft oder Energie, die „meine Abwehr stärkt“. Die mit den „Eindringlingen“, genannt Viren, schon fertig werden möge. Und wenn nicht: Dann ist es das, was es ist.

In Gottes Namen, Amen.

Predigt über Genesis 3, 1-24 am Sonntag Invocavit 2020

Liebe Gemeinde,

er ruft mich und ich antworte ihm“ – dieser Satz aus Psalm 91, 15 hat unserem heutigen Sonntag, dem ersten Sonntag in der Passionszeit seinen Namen gegeben: Sonntag „Invocavit“.

Er ruft mich, und ich antworte ihm!“ dies ist Gottes einfache Antwort auf den Ruf des Psalmsängers: „Meine Zuversicht und meine Burg, mein Gott, auf den ich vertraue!“

In dem heutigen Evangelium hörten wir von einem anderen „Rufer“, von einem verführerischen Ruf: „Wenn du Gottes Sohn bist, ….“ hatte er zweimal gesagt – dann kannst du aus Steinen Brot machen, kannst dich einfach in die Tiefe stürzen – wenn du Gottes Sohn bist, dann bist du doch allmächtig, dann kann dir doch nichts passieren. Und Jesu Antwort entspricht dem Ruf des Psalmsängers: „Meine Zuversicht und meine Burg, mein Gott, auf den ich traue!“ Die innige, vertrauensvolle Beziehung zu Gott schützt am Wirksamsten vor der Versuchung, sich selbst für allmächtig zu halten: „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von einem jeden Wort, das aus dem Mund Gottes geht“ – „Du sollst den Herrn, deinen Gott, nicht versuchen“ -. In der dritten Versuchung outet sich der Satan – jetzt wird deutlich, worum es wirklich geht: „Alle diese Reiche will ich dir geben, wenn du vor mir niederfällst und mich anbetest!“ Und Jesu Antwort – wiederum sehr schlicht aus seinem Gottvertrauen heraus: „Du sollst anbeten den Herrn, deinen Gott, und ihm allein dienen.“

Wer sich für sich selber, für seinen Lebensweg und für sein Geworden-Sein interessiert, für den ist es wichtig unterscheiden zu lernen zwischen dem Ruf der Ver-Führung und der Führung hin zu Gott. In der Verführung wird Gott ignoriert und es geht um das eigene Können, die eigene (All-)Macht. Der Verführer rät dazu, sich selbst, den eigenen Standpunkt „absolut“ zu setzen. „Absolut“ heißt wörtlich: Losgelöst von allem Anderen, losgelöst von der Gemeinschaft, losgelöst von dem Eingebunden-Sein in die Schöpfung. Nicht Gott als Inbegriff des Anders-Seins, des Fremden, des Unverfügbaren ist das Zentrum, sondern das eigene Ego. Egozentrisch heißt: Mein Ego ist zum Fixstern geworden – um ihn kreist mein Denken und Handeln. (Wer danach strebt, möglichst mächtig, erfolgreich, berühmt und reich zu sein, dem werden meine heutigen Predigt-Gedanken nicht interessieren.)

Unser heutiger Predigttext gibt eine mythologische Antwort auf die Frage nach der Entstehung des Menschen als desjenigen Lebewesens, das um sich selbst weiß, das sich seiner selbst bewusst ist. Sie alle kennen die berühmte Geschichte von der „Vertreibung Adams und Evas aus dem Paradies“ (Genesis 3)

Als „der Sündenfall“ ist sie lapidar überschrieben, und ich vermute, genau so haben wir sie im Religionsunterricht kennen gelernt, so wurde und wird sie gepredigt, so hat sie sich in zahllosen Kirchenliedern niedergeschlagen: Sie handelt von dem Ungehorsam Adams und Evas und von einem zornigen, fluchenden und verfluchenden Gott. Seinem „Fluch“ entspricht die „ungeheuerlich große Sünde“ auf unserer, auf menschlicher Seite, die nur von Gott selbst wieder gut gemacht werden kann. „Wir (Menschen) haben nichts als Zorn verdient …“ – das ist die Botschaft vieler Passionslieder.

Diese moralische Deutung der Geschichte vom sogenannten „Sündenfall“ hat viel Unheil und viel Elend angerichtet. Hinzu kommt die Engführung mit Sexualität, was dazu geführt hat, lebendige, liebevolle Sexualität zu „verteufeln“. Wer den Film „Das weiße Band“ gesehen hat, weiß, was ich meine. Er zeigt die Auswüchse dieses Denkens innerhalb eines protestantischen Pfarrhauses kurz vor Ausbruch des I. Weltkrieges.

Ich schlage einen nicht-moralischen Zugang zu dieser Geschichte vor: Dann handelt sie davon, wie der Mensch die selbstverständliche Gemeinschaft mit der Schöpfung verloren hat und zu dem geworden ist, was er bis heute ist:

Ein Tier, das „ich“ sagen kann!

Und damit ist das „Paradies unbeschwert-selbstverständlichen Lebens“ verlassen. Es ist keine Strafe für ein Vergehen, sondern Folge einer natürlichen Entwicklung. Der Kabbalist Friedrich Weinreb bezeichnet den „Baum der Erkenntnis“ als den Baum der Zweiheit: Von ihm essen, das heißt seine Frucht „verinnerlichen“, führt notwendig in die Zweiheit, in das „Entweder-Oder-Denken“. Indem ich mir meiner Selbst gewahr werde, werde ich meiner Getrenntheit von allem Anderen gewahr. Im Entstehen des Ich entsteht das Du. Und dies ist nicht verbunden mit einem Glücksgefühl, sondern mit einem Gefühl der Scham: „Da wurden ihnen beiden die Augen aufgetan und sie wurden gewahr, dass sie nackt waren, und flochten Feigenblätter zusammen und machten sich Schurze.“ (Vers 7) Und als Gott am Abend die berühmte Frage stellt:

Adam, wo bist du?“ bekommt er als Antwort:

Ich hörte dich im Garten und fürchtete mich; denn ich bin nackt, darum versteckte ich mich.“

Sie wurden gewahr, dass sie nackt waren“ – dies ist der Beginn des langen Weges der Selbst-Erkenntnis. Ein Weg, auf dem es kein direktes Zurück mehr gibt. Der Zugang zum Paradies ist für immer verschlossen; er wird bewacht von den Cherubim mit einem „flammenden, blitzenden Schwert.“

Und am Beginn des Weges steht die Scham und die Furcht. Ich glaube im übrigen, dass Angst, Scham und Schuldgefühle die größten Stolpersteine auf dem Weg der Selbst-Erkenntnis sind. Die Macht des Verführers gründet genau hier: Er sagt, wenn du dich an das hältst, was ich dir sage, dann bist du nie mehr ohnmächtig, musst dich nie mehr schämen. Im Gegenteil, du wirst dafür geliebt, dass du Steine in Brot verwandeln kannst, du wirst dafür bewundert, welchen Mut du hast, was du dich alles traust, und du wirst über einen unermesslichen Reichtum verfügen.

Wer so antworten kann, wie Jesus, der benötigt ein tiefes Vertrauen in die Gegenwart Gottes. Dieses Vertrauen gründet darauf, dass Gott mit geht. Dass er mich nicht alleine, nicht im Stich lässt. Das ganze Alte Testament ist voll von Geschichten, wie Gott in und mit der Geschichte seines Volkes in das Geschehen dieser Welt hinein kommt. In allem Leiden, in aller Zerstörung und doch in unzerstörbarer Hoffnung. Für uns Christen geht eben dieser Gott des Alten Testamentes noch einmal in ganz besonderer Weise diesen unseren Weg in Jesus aus Nazareth mit, an dessen vorläufigem Ende das Scheitern, die sogenannte „Torheit“ und Ohnmacht des Kreuzes steht. Und auch dies hat Jesus nicht in seinem Vertrauen zu Gott beirrt. So wurde er für uns der Christus, der „Gesalbte“ Gottes. In ihm vollzieht sich die Verwandlung des „Alten Adams“ und so die Rückkehr zu Gott. In ihm verwandelt sich das Kreuz des Geächtet-, des Ausgeschlossen-Worden-Seins zum Baum des Lebens, des neuen Lebens in Gott. Dieses „Neue Leben“ ist ein „Leben von der Auferstehung her“, wie Dietrich Bonhoeffer sagt. In ihm hat sich die Zweiheit verwandelt: Sie ist nicht länger hermetisch abgeriegelt, vielmehr konnte sie sich öffnen hin zur Drei. Es ist der Dritte, der Heilige Geist, der die Ohnmacht des Vaters im Angesicht des toten Sohnes in Lebendigkeit verwandelt. In vielen künstlerischen Darstellungen wird der Heilige Geist im übrigen als Frau dargestellt. Es ist die Kraft der Weiblichkeit Gottes, die Kraft des Aushaltens und Empfangens, die „neues Leben“, neue Lebendigkeit mit sich bringt. Die Personifizierung dieser Kraft geschieht in Maria. So passt es gut, dass dieser Gottesdienst von Stücken aus Monteverdis Marienvesper umrahmt wird.

Die Kabbala lehrt, dass der direkte Rückweg in das Paradies von Gott verhindert wurde, damit der Mensch nicht auch noch vom Baum des Lebens esse. Vers 24: „Und er trieb den Menschen hinaus und ließ lagern vor dem Garten Eden die Cherubim mit dem flammenden, blitzenden Schwert, zu bewachen den Weg zu dem Baum des Lebens.“

Der neue und einzige Weg hin zum Baum des Lebens führt aus der Engführung der Zwei heraus – hinein in die Lebendigkeit des „Zu-Dritt-Seins“. Hier ist keiner mehr ausgeschlossen, weil die Verbindungen der „Drei“ von Liebe durchdrungen sind. Im Grunde genommen lebt die Verführungskunst des Verführers davon, den abwesenden Dritten schlecht zu reden, um ihn auszuschließen, zu exkommunizieren. Wir sind umso weniger verführbar, je sicherer die Beziehung mit und zu dem, der gerade nicht da ist, in uns verankert ist. Die Verführung greift nämlich nur in der Abwesenheit des Dritten – niemals in seiner Anwesenheit. Das gilt für Adam und Eva im Paradies, das gilt für das Machen das Goldenen Kalbes, das gilt für die Versuchung Jesu in der Wüste. „Es merkt doch keiner“, oder: „was ist denn dabei“, oder „das muss er oder sie doch nicht erfahren“ – dies sind die Einfallstore für die List des Verführers.

Gebe Gott, dass wir seine starke und liebevolle Begleitung in unserem Leben spüren, so dass wir selbst stark und liebevoll werden und die listigen Einflüsterungen der vielen Verführerinnen und Verführer heiter erkennen, sie benennen und damit entmachten AMEN.

3, 1 Und die Schlange war listiger als alle Tiere auf dem Felde, die Gott der Herr gemacht hatte, und sprach zu der Frau: Ja, sollte Gott gesagt haben: Ihr sollt nicht essen von allen Bäumen im Garten?

2 Da sprach die Frau zu der Schlange: Wir essen von den Früchten der Bäume im Garten;

3 aber von den Früchten des Baumes mitten im Garten hat Gott gesagt: Esset nicht davon, rühret sie auch nicht an, dass ihr nicht sterbet!

4 Da sprach die Schlange zur Frau: Ihr werdet keineswegs des Todes sterben,

5 sondern Gott weiß: an dem Tage, da ihr davon esst, werden eure Augen aufgetan, und ihr werdet sein wie Gott und wissen, was gut und böse ist.

6 Und die Frau sah, dass von dem Baum gut zu essen wäre und dass er eine Lust für die Augen wäre und verlockend, weil er klug machte. Und sie nahm von seiner Frucht und aß und gab ihrem Mann, der bei ihr war, auch davon und er aß.

7 Da wurden ihnen beiden die Augen aufgetan und sie wurden gewahr, dass sie nackt waren, und flochten Feigenblätter zusammen und machten sich Schurze.

8 Und sie hörten Gott den Herrn, wie er im Garten ging, als der Tag kühl geworden war. Und Adam versteckte sich mit seiner Frau vor dem Angesicht Gottes des Herrn zwischen den Bäumen im Garten.

9 Und Gott der Herr rief Adam und sprach zu ihm: Wo bist du?

10 Und er sprach: Ich hörte dich im Garten und fürchtete mich; denn ich bin nackt, darum versteckte ich mich.

11 Und er sprach: Wer hat dir gesagt, dass du nackt bist? Hast du gegessen von dem Baum, von dem ich dir gebot, du solltest nicht davon essen?

12 Da sprach Adam: Die Frau, die du mir zugesellt hast, gab mir von dem Baum und ich aß.

13 Da sprach Gott der Herr zur Frau: Warum hast du das getan? Die Frau sprach: Die Schlange betrog mich, sodass ich aß.

14 Da sprach Gott der Herr zu der Schlange: Weil du das getan hast, seist du verflucht vor allem Vieh und allen Tieren auf dem Felde. Auf deinem Bauche sollst du kriechen und Staub fressen dein Leben lang.

15 Und ich will Feindschaft setzen zwischen dir und der Frau und zwischen deinem Samen und ihrem Samen; er wird dir den Kopf zertreten, und du wirst ihn in die Ferse stechen.

16 Und zur Frau sprach er: Ich will dir viel Mühsal schaffen, wenn du schwanger wirst; unter Mühen sollst du Kinder gebären. Und dein Verlangen soll nach deinem Mann sein, aber er soll dein Herr sein.

17 Und zum Mann sprach er: Weil du gehorcht hast der Stimme deiner Frau und gegessen von dem Baum, von dem ich dir gebot und sprach: Du sollst nicht davon essen –, verflucht sei der Acker um deinetwillen! Mit Mühsal sollst du dich von ihm nähren dein Leben lang.

18 Dornen und Disteln soll er dir tragen, und du sollst das Kraut auf dem Felde essen.

19 Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen, bis du wieder zu Erde wirst, davon du genommen bist. Denn Staub bist du und zum Staub kehrst du zurück.„20 Und Adam nannte seine Frau Eva; denn sie wurde die Mutter aller, die da leben.

21 Und Gott der Herr machte Adam und seiner Frau Röcke von Fellen und zog sie ihnen an.

22 Und Gott der Herr sprach: Siehe, der Mensch ist geworden wie unsereiner und weiß, was gut und böse ist. Nun aber, dass er nur nicht ausstrecke seine Hand und nehme auch von dem Baum des Lebens und esse und lebe ewiglich!

23 Da wies ihn Gott der Herr aus dem Garten Eden, dass er die Erde bebaute, von der er genommen war.

24 Und er trieb den Menschen hinaus und ließ lagern vor dem Garten Eden die Cherubim mit dem flammenden, blitzenden Schwert, zu bewachen den Weg zu dem Baum des Lebens.

Predigt über Matthäus 20, 1- 16 am Sonntag Septuagesimä 2020

Liebe Gemeinde,

Mensch ist das ungerecht!“

Ich vermute, jedem von uns würde schnell eine Geschichte einfallen, in der er sich ungerecht behandelt gefühlt hat.

Auch die „Arbeiter im Weinberg“, über die heute zu predigen ist, beschweren sich: „Da haben wir uns den ganzen Tag in der Hitze für dich geplagt und bekommen genauso viel Lohn wie jene, die gerade mal eine Stunde gearbeitet haben.

Mensch, ist das ungerecht!“

Und die nüchterne Antwort: „Mein Freund, ich tu dir nicht Unrecht. Bist du nicht mit mir einig geworden über einen Silbergroschen? Nimm, was dein ist, und geh! Ich will aber diesem Letzten dasselbe geben wie dir. Oder habe ich nicht Macht zu tun, was ich will, mit dem, was mein ist? Siehst du darum scheel, weil ich so gütig bin?”

Ein “Silbergroschen” entsprach damals ungefähr dem Geld, das eine vierköpfige Familie benötigt, um zufrieden leben zu können. Also ein fairer Preis.

Nun ist es eine Verführung, das Gleichnis dafür zu verwenden, um über Gerechtigkeit

nachzudenken. Es geht nur vordergründig um die Frage, ob Gott gerecht ist.

Im Hintergrund steht ein anderes Thema, über das selten laut gesprochen wird. Ein Thema, das umrankt ist von Schamgefühlen. Weshalb es auch so schwer ist, sich, dass es auch mich betrifft: Es geht um NEID!

“Siehst du darum scheel, weil ich so gütig bin?” “Scheel” ist ein altes Wort und bedeutet so etwas wie: ‘Eine auf Missgunst, Neid, Misstrauen oder Geringschätzung beruhende Ablehnung; sie drückt Feindseligkeit aus.’

Neid und Gier gesellt sich gerne. So ist man sich nicht selten darin einig, wie „ungerecht das hier alles ist“. „Wie ungerecht man selbst behandelt wurde, behandelt wird. Und dass man gar nicht einsieht, die Steuern zu zahlen, die zu zahlen sind, Und dass Schwarzarbeit doch jeder macht … Und überhaupt: Sollen doch erst mal die Anderen!“

Ich behaupte, diese verbreitete Haltung ist Ausdruck einer Lebens-Haltung. Dahinter steht ein Grund-Gefühl des Zu-kurz-gekommen-Seins. Dieses verschärft sich im Vergleich mit Anderen. Wer mit Geschwistern aufgewachsen ist, oder Eltern von mehreren Kindern ist, weiß wovon ich spreche. Immer soll (abräumen, mit dem Hund spazieren gehen …)

Die pflichtbewussten, -eifrigen Arbeiter (zumeist Erstgeborene) vergönnen ihren Kollegen nicht, dass diese so mühelos und leicht dasselbe bekommen, wie sie, die so lange und hart gearbeitet haben. Der ältere Bruder im „Gleichnis vom verlorenen Sohn“ missgönnt seinem Bruder die liebevolle Begrüßung durch den gemeinsamen Vater. Dahinter steht eine bestimmte Form der Selbst-Gerechtigkeit: “Ich bin der Meinung, dass ich, der ich dies und dies gemacht habe, mich eingesetzt habe usw. was anderes verdient habe. Und zwar etwas Besseres. Mehr Anerkennung, mehr Zuspruch, mehr Geld etc.” Dieses Gefühl wird “schärfer” im Sinne von Aggression, wenn ich erlebe, dass ein Anderer, der in meinen Augen weniger “drauf hat als ich”, mir auch noch vorgezogen wird. Das wird dann als “bodenlos” erlebt.

Wer sich nicht auf den Weg der Selbsterkenntnis macht, fällt in die Falle des „Sich-selber-leid-Tuns“. Es ist unglaublich, wie begabt manche Menschen darin sind, etwas zu finden, wodurch sie sich selbst bemitleiden können. Und wie ärgerlich sie werden, wenn man sie darauf anspricht. Auch des „verkannte Genie“ gehört hierher. Es ist der Meinung, dass ihm grundsätzlich zu wenig Wertschätzung entgegen gebracht wird. Dies führt neben depressiven Gefühlen zu einer inneren Gereiztheit, die dann unschuldige Mitmenschen abbekommen.

Mir steht mehr, Anderes und Besseres zu!“ sagen sie.

Nein, steht dir nicht“, sagt der Weinbergbesitzer, der in unserem Gleichnis natürlich Gott repräsentiert. „Mit deinem selbstgerechten Verdienst-Denken erreichst du bei mir gar nichts.“-

Wir liegen vor dir mit unserm Gebet und vertrauen nicht auf unsere Gerechtigkeit, sondern auf deine große Barmherzigkeit“ heißt es im heutigen Wochenspruch aus dem Buch Daniel. Die mürrischen Arbeiter in unserem Gleichnis vertrauen nicht auf Barmherzigkeit. Sie denken: „Ich weiß doch, was mir zusteht. Und daran hast du dich gefälligst zu halten!“ Solche Gedanken sind Ausdruck eines inneren Gefängnisses.

Meistens ist der erste Schritt beim Verlassen eines Gefängnisses der schwierigste. Der erste Schritt ist die Anerkennung: Meine Wünsche, Erwartungen, Vorstellungen von Gerechtigkeit entsprechen nicht der Wirklichkeit. Indem ich dies anerkenne, kann ich von meinen Vorstellungen und Vor-Urteilen ablassen. Kann aufhören damit, den Anderen/die Wirklichkeit mir so zu „schnitzen“, wie ich meine, ihn/sie zu brauchen.

So und nur so kann sich allmählich mein Gefängnis öffnen. So und nur so entdecke ich in mir die Freiheit, mich um mich selbst zu kümmern. Wenn ich beim Essen das Gefühl habe, mein Tischnachbar hat mehr bekommen als ich und das „voll ungerecht“ finde, dann werde ich mich schwer tun damit, das, was ich bekommen habe, mein Eigenes nämlich, aus vollen Zügen zu genießen. Geschweige denn dankbar darüber zu sein, dass ich überhaupt etwas bekommen habe. Der Neid auf die Anderen frisst meine Fähigkeit zu Dankbarkeit, Zuneigung, Freude am Leben auf.

Dankbarkeit lässt sich nicht herstellen: Sie entsteht von selbst – und zwar, wenn ich aufhöre, auf die Anderen zu „schielen“. („Scheel“ und „schiel“ sind derselbe Wortstamm!) Erst dann wird mir vielleicht bewusst, wie wenig selbstverständlich es ist, dass ich überhaupt lebe, dass ich bis heute überlebt habe.

Die uns vertraute und naheliegende Art zu denken ist kausal: Wenn ich den ganzen Tag gearbeitet habe, dann will ich auch einen anderen Lohn bekommen als jemand, der nur eine Stunde gearbeitet hat. Das ist doch logisch!

Das Gleichnis von Jesus hebelt diese Kausallogik völlig aus.

Darum geht es nicht, sagt der Weinbergbesitzer. Es geht um meine Barmherzigkeit. „Hältst du nicht aus, dass ich so gütig bin?“

Das ist die Frage: Wie viel Großzügigkeit, die mir entgegen gebracht wird, halte ich aus? Oder denke mir schnell: Was will der/die mit seiner Großzügigkeit erreichen? Wo und wie will er mich manipulieren?

Das selbe gilt umgekehrt: Was will ich mit meiner Großzügigkeit erreichen? Jetzt hast du so viel von mir bekommen – dann könntest du aber auch … Sie kennen das.

Also – gibt es so etwas überhaupt: eine zweckfreie Barmherzigkeit?

Der Weinbergbesitzer gibt jedem einen Silberling. „Wie ausgemacht!“ Er denkt in anderen Kategorien als wir Menschen. Er denkt nicht im Verdienst. Dass die, die zuletzt kommen, denselben Silberling bekommen, ist Ausdruck seiner Barmherzigkeit, heißt es. Das Thema ist nicht: Wie gerecht ist Gott – sondern wie viel Barmherzigkeit halten wir aus? Für die „harten Arbeiter“ unter uns ist es eine ganz besondere Herausforderung, eine „Barmherzigkeit“ zu akzeptieren, die sich nicht am Verdienst orientiert. Die „einfach so“ ist. Die keinen Nutzen und keinen Zweck kennt. Die Ausdruck von Freude über die Rückkehr des verloren geglaubten Sohnes ist, die Ausdruck von Großzügigkeit gegenüber jenen Arbeitern ist, die erst später dazu stoßen.

Gott ist kein Arbeitgeber, der nach Leistung und Verdienst abrechnet.

Es geht um die Liebe Gottes, die jedem zuteil werden kann, der sie annehmen kann. Der sie sich schenken lassen kann. Das ist das Paradoxe: Es bedarf auch einer Kraft, sich etwas schenken zu lassen. Das ist die Kraft des Annehmen-Könnens. Ohne Schuldgefühle, ohne das Bedürfnis, sich zu „revanchieren“. Nur wer sich etwas schenken lassen kann, der kann auch geben. Ohne Hintergedanken. Der kann sich mit freuen mit den Anderen: „Wie schön, dass wir alle gemeinsam einen barmherzigen Weinbergbesitzer haben – wir freuen uns für Euch mit!“

Geteilte Freude ist doppelte Freude!“ weiß der Volksmund.

Und das könnte auch unsere Haltung gegenüber Asylbewerben sein: „Wir gut, dass wir in einem Land leben, das sich die barmherzige Zuwendung zu diesen armen Menschen leisten kann!“

Das berühmte „Wir schaffen das!“ entspringt unserer Leistungsgesellschaft. Wie wäre es, wenn wir sagen können: „Wir können uns das erlauben!“

Wir können es uns leisten, großzügig zu sein!

Das Gleichnis endet bei Matthäus mit dem Satz: „Die Letzten werden die Ersten sein!“ Dieses Satz verführt dazu, dass sich genau nichts Grundlegendes ändert. Mein Neid, meine Gier, mein Konkurrenzdenken bleibt erhalten – nur das Ziel hat sich gedreht: Nicht Erster sondern Letzter sein, das ist jetzt „großartig“, das ist das neue „great“. Theresa von Avila hat schärfste Kritik an einem „asketischen Leistungsdenken“ geübt. Der Schlüssel zu diesem Satz ist das „so“: „So werden die Letzten die Ersten und die Ersten die Letzten sein.“ Heißt: Die eifrigen, fleißigen Arbeiter, die als Erste da sind, zerstören ihr eigenes Tun, indem sie selbstgerecht, neidisch und missgünstig werden. Sie haben nicht für Gott, sondern dafür gearbeitet, selber gut da zu stehen. Das ist das Traurige. Und noch eines – darauf hat mich ein aufmerksamer Predigthörer hingewiesen: Es heißt nicht, dass die zuletzt verdingten Arbeiter den ganzen Tag lang faul herumgelungert sind. Sie sagen: „Es hat uns niemand angeworben.“ Das heißt, sie hatten keine Chance, früher zu arbeiten!

Wir vertrauen auf Gottes Barmherzigkeit – das heißt: Mir ist es egal geworden, ob ich Erster oder Letzter oder Mittlerer bin. Mir ist es auch egal geworden, wie ich im Verhältnis zu den Anderen da stehe. Mir ist auch egal geworden, ob ich mich mit dem, was ich sage und predige, beliebt oder unbeliebt mache.

Entscheidend ist nur Eines: Immer tiefer die Liebe und die Barmherzigkeit Gottes in mir zu spüren und aus ihr heraus zu leben. Denn das gilt: Nur was ich in mir spüre, aus dem heraus kann ich auch leben. Wenn ich in mir keine Großzügigkeit, keine Dankbarkeit, keine Barmherzigkeit verspüre, kann ich sie auch nicht ausstrahlen. Da kann ich predigen, soviel ich will!

Politisch entspricht diesem Gleichnis übrigens die Idee einer Grundversorgung oder auch Grundrente – unabhängig von Leistung und Verdienst. Und da unser Gleichnis ein „Reich Gottes“ – Gleichnis ist – „Denn das Himmelreich gleicht einem Hausherrn, der früh am Morgen ausging, um Arbeiter für den Weinberg zu suchen …“ wird jetzt auch klar, wenn Jesus an anderer Stelle sagt: „Eher geht ein Kamel durch das Nadelöhr, denn ein Reicher in das Reich Gottes.“

Wie bedrohlich diese Gedanken des Mannes aus Nazareth waren, wird an seinem Schicksal deutlich. Er hat sich damit nicht beliebt gemacht. AMEN.

„1 Denn das Himmelreich gleicht einem Hausherrn, der früh am Morgen ausging, um Arbeiter anzuwerben für seinen Weinberg.

2 Und als er mit den Arbeitern einig wurde über einen Silbergroschen als Tagelohn, sandte er sie in seinen Weinberg.

3 Und er ging aus um die dritte Stunde und sah andere auf dem Markt müßig stehen

4 und sprach zu ihnen: Geht ihr auch hin in den Weinberg; ich will euch geben, was recht ist.

5 Und sie gingen hin. Abermals ging er aus um die sechste und um die neunte Stunde und tat dasselbe.

6 Um die elfte Stunde aber ging er aus und fand andere stehen und sprach zu ihnen: Was steht ihr den ganzen Tag müßig da?

7 Sie sprachen zu ihm: Es hat uns niemand angeworben. Er sprach zu ihnen: Geht ihr auch hin in den Weinberg.

8 Als es nun Abend wurde, sprach der Herr des Weinbergs zu seinem Verwalter: Ruf die Arbeiter und gib ihnen den Lohn und fang an bei den letzten bis zu den ersten.

9 Da kamen, die um die elfte Stunde angeworben waren, und jeder empfing seinen Silbergroschen.

10 Als aber die Ersten kamen, meinten sie, sie würden mehr empfangen; und sie empfingen auch ein jeder seinen Silbergroschen.

11 Und als sie den empfingen, murrten sie gegen den Hausherrn

12 und sprachen: Diese Letzten haben nur eine Stunde gearbeitet, doch du hast sie uns gleichgestellt, die wir des Tages Last und die Hitze getragen haben.

13 Er antwortete aber und sagte zu einem von ihnen: Mein Freund, ich tu dir nicht Unrecht. Bist du nicht mit mir einig geworden über einen Silbergroschen?

14 Nimm, was dein ist, und geh! Ich will aber diesem Letzten dasselbe geben wie dir.

15 Oder habe ich nicht Macht zu tun, was ich will, mit dem, was mein ist? Siehst du darum scheel, weil ich so gütig bin?

16 So werden die Letzten die Ersten und die Ersten die Letzten sein.

Predigt über Matthäus 3, 13-17 am 1. Sonntag nach Epiphanias 2020

Liebe Gemeinde,

welche der Geist Gottes treibt, die sind Gottes Kinder.“ (Röm 8,14)

Mit dieser einfachen und einprägsamen Aussage aus dem Römerbrief begann unser heutiger Gottesdienst. Ich halte diesen Satz für wahr. Ich bin ein Kind, und das heißt ein Abkömmling dessen, was mich (an-)treibt.

Was mich treibt, antreibt, ist das, was mich in der Tiefe bewegt. Es ist die Quelle meiner Lebensenergie. Ist sie versiegt, bin ich „antriebslos“.

Was mich antreibt führt zu einem Gefühl derart: „Ich muss das machen. Ob ich will oder nicht.“ Dieser Satz gilt für alle wahrhaft schöpferischen Menschen: „Ich muss … schreiben … komponieren … erforschen … gestalten … malen …“

Dieser Satz gilt auch für alle Formen von Zwang: Ich muss Ordnung schaffen, ich muss mir die Hände waschen … Was mich antreibt, zwingt mich.

Wenn Sie mögen, können Sie in einer stillen Stunde darüber nachdenken, oder auch sich mit Ihnen nahe stehenden Menschen darüber austauschen: „Was treibt mich eigentlich an?“

Ich finde, es hat etwas Befreiendes, einen Blick „hinter“ das, was mich antreibt zu werfen. Ich weiß aber auch, dass dies nicht „common sense“ – allgemeine Meinung ist. Viele Menschen haben Angst davor, sich so ganz ehrlich kennen zu lernen. Sollte mich meine Geiz antreiben? Oder meine Neid? Oder mein Bedürfnis, bewundert zu werden? Das wären durchaus unangenehme Einsichten.

Und wieder könnte man fragen: Und was steckt dahinter? Warum meine ich, dass ich das und das tun muss? Was würde denn passieren, wenn ich es nicht täte? Welche Art der Verbindung ist das: zwischen mir und dem, was mich antreibt?

Eine Art der Verbindung ist: Ich muss das machen, um Schlimmeres zu vermeiden. Hinter dieser Form des Angetrieben-Werdens steckt pure Angst. Ich hasse z.B. Zahnarzt-Besuche. Aber meine Vernunft sagt mir: Mache eine regelmäßige Vorsorge, damit kannst du Schlimmeres vermeiden. Hier treibt mich meine Angst an. Und meine Fürsorge für meinen eigenen Körper.

Dass jetzt vielleicht doch einige wenige Maßnahmen eingeleitet werden, um der fortschreitenden Erderwärmung Einhalt zu gebieten: Dahinter steht Angst vor dem, was passiert, wenn sich das Klima der Erde weiterhin „erhitzt“. Ich glaube, es ist nicht zu unterschätzen, wie sehr Angst und Furcht das Tun von uns Menschenkindern antreiben.

Nun heißt es aber: Der Geist Gottes ist kein Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit” (2. Timotheus 1,7) Offensichtlich gibt es eine “gesunde, vernünftige Furcht”, die nicht zu Panik, sondern zu besonnenem Handeln führt.

Diesen Geist benötigen wir Menschen zu jeder Zeit!

Und um diesen Geist geht es, wenn es in unserem Wochenspruch heißt: „Welche der Geist Gottes treibt, die sind Gottes Kinder.“

An diesem Sonntag wurde dieser Spruch spannenderweise mit der Taufe verknüpft.

Und zwar nicht mit unserer Taufe, sondern mit der Taufe Jesu. (Es ist das vorhin gehörte Evangelium.)

13 Zu der Zeit kam Jesus aus Galiläa an den Jordan zu Johannes, dass er sich von ihm taufen ließe.

14 Aber Johannes wehrte ihm und sprach: Ich bedarf dessen, dass ich von dir getauft werde, und du kommst zu mir?

15 Jesus aber antwortete und sprach zu ihm: Lass es jetzt zu! Denn so gebührt es uns, alle Gerechtigkeit zu erfüllen. Da ließ er’s ihm zu.

16 Und als Jesus getauft war, stieg er alsbald herauf aus dem Wasser. Und siehe, da tat sich ihm der Himmel auf, und er sah den Geist Gottes wie eine Taube herabfahren und über sich kommen.

17 Und siehe, eine Stimme aus dem Himmel sprach: Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe.

Tut Buße, denn das Himmelreich ist nahe herbei gekommen!“ Dies war die zentrale Botschaft von Johannes dem Täufer. Was von M. Luther mit „Buße tun“ übersetzt wurde, und damit in einen moralischen Kontext eingeordnet wurde, heißt wörtlich: „Ändert die Art Eures Denkens!“ Und dieser Botschaft, dieser Predigt „unterwirft“ sich Jesus, wenn er sagt: „Lass es jetzt zu! Denn so gebührt es uns, alle Gerechtigkeit zu erfüllen.“ (V. 15) Johannes wollte Jesus nicht taufen – er meinte, dies stünde ihm nicht zu. Doch, sagt Jesus, „so machen wir das!“ „Denn so gehört es sich, dass Gerechtigkeit voll und ganz auf die Welt kommt.“ Dies ist das erste Wort, der erste Satz, den Jesus im Matthäusevangelium spricht. Bis dahin handelte Matthäus nur über ihn, von seiner Geburt, der Flucht nach Ägypten usw. Jetzt spricht Jesus erstmalig selbst. Von daher ist zu vermuten, dass dieser Satz für Matthäus etwas Programmatisches zum Leben und Wirken Jesu aussagen soll. Und was?

Gerechtigkeit“ (dikaiosyne) ist ein matthäischer Zentralbegriff. Der dem Willen Gottes entsprechend lebende Mensch ist für Matthäus gerecht. Und Jesus Christus, Gottes Sohn, ist Urbild dieser Gerechtigkeit: er ist der, der Gott gehorsam war, gehorsam bis zum Tod am Kreuz. Und gehorsam heißt wörtlich: Der auf Gott hörte – bis zuletzt.

Es ist diese „Gerechtigkeit“, dieses Leben in einer unverbrüchlichen Beziehung, die Jesus so besonders macht, die Jesus zum Sohn macht. Für Matthäus ist Jesus von Anfang dieser gehorsame Sohn seines Vaters. Jesus verbindet sich von vorne herein mit dem Willen des Vaters und erfüllt ihn. „Weil es sich so gehört!“ könnte man sagen. Es ist das In-Beziehung-mit-seinem-Vaters-Sein, es ist sein Sohn-Sein, das Jesus antreibt. Sein Gegenspieler, der im nächsten Kapitel auftaucht, ist der Satan: Dieser versucht, Jesus aus dieser „vertrauensvollen Verbindung“ mit dem Vater „heraus-führen“, eben zu „ver-führen“. Ihm gegenüber argumentiert Jesus mit dem Deuteronomium, dem „zweiten Gesetzbuch“. (Das fünfte Buch Mose.)

Jesu Gehorsam ist ein „inwendiger“ – ein „identifikatorischer“ Gehorsam. Jesus lebt voll und ganz in seiner Beziehung zu seinem „Vater“. So sehr ist er damit in Einklang, dass er „der Sohn (geworden) ist“. Sätze wie: „Niemand kommt zum Vater, als durch mich“ (Joh 14, 6), oder: „Ich und der Vater sind eins“ (Joh 10, 30) werden von hier aus verständlich.

Inwendiger Gehorsam heißt: Er ist nicht länger „äußerlich“. Er ist zu „meinem Eigenen“ geworden. Ich gehorche nicht aus Angst vor Strafe, sondern weil ich gerade so und nicht anders leben will. Und damit kommt auf die Welt, was Matthäus „Gerechtigkeit“ nennt. Gerechtigkeit hat nichts mit „Gleichmacherei“ zu tun. Sie entsteht nicht durch Nachahmung (Imitation), sondern durch Aneignung (Identifikation). Es gehört zur Tragik vieler Lebensgeschichten gerade auch von Künstlern, dass das, was sie „angetrieben“ hat, bei ihren Eltern/Schwiegereltern auf schärfsten Widerstand gestoßen ist. Denken Sie an Robert Schumann oder an die qualvolle Beziehung von Franz Kafka zu seinem Vater.

Unser heutiges Evangelium handelt von einer völlig anderen Vater-Sohn-Beziehung: Das Eigen-Sein des Sohnes wird von seinem Vater bestätigt. Und seht, die Himmel öffneten sich, und er sah die Geistkraft Gottes wie eine Taube herabschweben und auf sich kommen. 17 Und seht, eine Stimme sprach aus den Himmeln: »Dieses ist mein geliebtes Kind, ihm gehört meine Zuneigung.« (Vers 16a – 17: Übersetzung nach “Bibel in gerechter Sprache”).

Ich habe diesem Gottesdienst die Überschrift gegeben: „Ich bin getauft – ja und?“ Jetzt wissen Sie, was hinter dem „ – ja und?“ steckt. Unsere Taufe versinnbildlicht eine Beziehung, in der wir als die, die wir wirklich oder wahrhaftig sind, willkommen und gemeint sind. Deshalb hat Taufe mit „Hinabsteigen“, mit „Tod“ zu tun: Es ist das Ende, der Tod all jener Beziehungsformen, bei denen „in der Tiefe“ nicht wir gemeint sind, sondern die Wünsche und Erwartungen an uns, die wir erfüllen sollen, um eine Daseinsberechtigung zu erlangen. Das Symbol dieses Erlebens ist die Friedenstaube, die „Geistkraft Gottes.“ Es ist dieselbe Kraft, die am Anfang der Schöpfung „über den Wassern schwebte.“

Der Geist „der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit“ ist selbstverständlich auch der Geist des Friedens. Mit ihm in immer innigerer Verbindung zu kommen und zu bleiben – ist Sinn und Zweck christlicher Existenz, jedenfalls meinem Verständnis nach.

So – nach all dem könnte ich mich jetzt auch fragen:

Was hat dich eigentlich angetrieben, diese Predigt so und nicht anders zu schreiben? Sind deine Gedanken in Verbindung mit dem Geist Gottes – oder in Verbindung mit dem „Verführer“?

Zwei Antworten:

Erstens: Ich weiß es nicht.

Zweitens: Ich meine, mich im Laufe der Zeit ein wenig kennen gelernt zu haben.

Die Verbindung mit Gottes Geist fühlt sich langsam, bedächtig, besonnen, liebevoll, heiter und gelassen an. Und in allem sehr wach.

Es ist ein Gefühl von Raum da und Weite.

Und die Dinge der Welt sind eingehüllt in einen wunderbaren Glanz.

Schönheit liegt offen.

In der Verbindung mit dem „Verführer“ spüre ich vor allem Hektik und Hetze. Ich fühle mich eingeengt und will, dass sich die Menschen ändern. Die Welt ist flach geworden und stumpf. Und ich teile ein in falsch und richtig, gut und böse.

Einfacher ausgedrückt: In Verbindung mit dem Verführer hat mein Ich Gottes Platz besetzt. Und dieses Ich weiß ganz genau, wie „es“ ist und „es“ zu sein hat. Und selbstverständlich hat es auch immer recht! „Immer bist du so …“ solche Sätze gehören zu dem Verführer. Oder auch: „Nie machst du das oder das …“

Die Macht des Verführers liegt in seiner Verheißung von Sicherheit. Dass es so und nicht anders ist. Als „Kind Gottes“ habe ich mit meinem Nicht-Wissen und mit meiner Unsicherheit zu leben. Auch bezüglich der Antwort auf die Frage, was mich angetrieben hat, diese Predigt so zu halten. Das mit dem sich öffnenden Himmel und der daraus ertönenden Stimme – diese Bestätigung ist mir als einfachem Menschen nicht gegeben;)! Stimmt auch nicht ganz: Es gibt ein tiefes Gefühl des mit mir im Einklang Seins. Und das ist dann so, als würde jemand Anderer zu mir: „Ja!“ sagen.

Ein „Ja“, das sich nicht halten und nicht besitzen lässt. Gerade so wie der Geist Gottes „weht, wo er will!“ Und ich habe den Eindruck: Je tiefer ich lerne zu akzeptieren, dass dem so ist, dass Gottes Geist „unverfügbar“ ist – desto leichter bleibe ich in der Beziehung zu Gott und zu seinem Geist: der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit, AMEN.

Predigt über Matthäus 1, 18-25 am 2. Weihnachtstag 2019

Liebe Gemeinde,

für jedes Paar ist die Bewegung von der Zwei zur Drei eine Herausforderung.

Am Sinnenfälligsten wird diese Bewegung mit der Geburt des ersten Kindes.

Das Paar ist eine Familie geworden, die Zwei sind ab sofort zu dritt.

Für beide, Frau wie Mann, besteht die Herausforderung darin, ein gutes Dreieck entstehen zu lassen; einen Raum zu finden, in dem Platz für drei ist. Scheitert diese Bewegung, dann zerfällt die Familie in weitere Zweier-Beziehungen. Ein Klassiker dabei ist: Die Frau hat „ihr“ Kind, der Mann „seinen“ Beruf. Die Vorwürfe gehen dann her wie hin: „Du bist ja mit deinem Beruf verheiratet!“ „Du kreist nur mehr um das Baby“.

Hingegen Menschen, die in diesem „trinitarischen Raum“, dem „Raum des Zu-Dritt-Seins“, aufgespannt sind, haben es leicht. Der/die/das Dritte wird als Bereicherung erlebt, auf den offenherzig zugegangen wird. Es gibt keinen Ausschluss, keine Exkommunikation des Anderen, Fremden, vielmehr eine Integration. Ist jemand jedoch in „Zweisamkeit“ erstarrt, wird das Dritte als Bedrohung erlebt. Die in Zweisamkeit erstarrte Frau hat in sich keinen Raum für die Beziehung zu ihrem Partner und zu ihrem Kind. Und: Der in Zweisamkeit erstarrte Mann erlebt die Zuwendung seiner Frau zu dem Baby als Liebesentzug. In diesem Elend ist der Dritte vergessen und/oder wird ignoriert. Ignoranz ist die geringfügig aktivere Variante von Vergessen. Der/die/das Vergessene erlebt dies als „nicht wert, erinnert zu werden.“ So ist das Fehlen des trinitarischen Raumes zugleich ein Fehlen des Raumes von Wertschätzung, Achtung und Fürsorge. An ihre Stelle ist Lieblosigkeit getreten.

Anders herum gilt: Die gemeinsame Freude an dem Dritten, an dem Baby, an einem gemeinsamen Hobby oder auch an der Leidenschaft des Anderen, macht und hält Beziehungen lebendig. Gerade auch im Alter! Ich bin kürzlich auf die mir unbekannte vierte Strophe des bekannten Weihnachtsliedes: „Alle Jahre wieder …“ gestoßen. Die lautet:

Sagt’s den Kindern allen,

dass ein Vater ist,

dem sie wohl gefallen,

der sie nicht vergisst.“ (Markus Barth in Christ in der Gegenwart, Nr. 51/2019 S. 561)

Und ich stimme Markus Barth sehr zu, wenn er sagt: „… kürzer kann man … das tiefe Geheimnis von Weihnachten … nicht zum Ausdruck bringen.“

Nur: Zu dritt sein können ist eine Fähigkeit, die uns Menschenkindern nicht in den Schoß fällt. Und es den Kindern sagen, ist zu wenig. Glaubhaft wird, wenn Kinder, wenn wir alle dies erleben können. Es fühlt sich nämlich an. Es ist ein anderer Blick auf die Welt, eine radikal andere Perspektive – ob ich „verschmolzen in Zweisamkeit“ oder in innerlich aufgespannter Dreiheit lebe.

(Ein kleine Experiment: Halten Sie sich ein Auge zu – so ist Ihr Blick, wenn der dreidimensionale Raum verloren gegangen ist. Irgendwie flach.)

Nun bedarf es eines starken Vertrauens, nicht nur dreidimensional zu schauen, sondern auch zu denken, zu leben. Aus der Perspektive des „Dritten“, der gerade nicht „mit dabei“ ist: Ich brauche das Vertrauen, dass „die beiden Anderen“ sich nicht gegen mich verbünden. Mein Misstrauen will Kontrolle, will festhalten. Hinzu kommt die Angst, wenn ich den Anderen loslasse, „frei gebe“, verlässt er mich. Das Eigenleben des Anderen bedroht meine Beziehung zu ihm.

Der Andere kann mich betrügen, belügen, verraten, verlassen …

In dieser Situation befindet sich Josef am Beginn unserer Erzählung der Geburt Jesu – wie sie sich im Matthäusevangelium findet. Sie haben es vorhin als Evangelium gehört.

18 Die Geburt Jesu Christi geschah aber so: Als Maria, seine Mutter, dem Josef vertraut war, fand es sich, ehe sie zusammenkamen, dass sie schwanger war von dem Heiligen Geist.

19 Josef aber, ihr Mann, der fromm und gerecht war und sie nicht in Schande bringen wollte, gedachte, sie heimlich zu verlassen.

20 Als er noch so dachte, siehe, da erschien ihm ein Engel des Herrn im Traum und sprach: Josef, du Sohn Davids, fürchte dich nicht, Maria, deine Frau, zu dir zu nehmen; denn was sie empfangen hat, das ist von dem Heiligen Geist.

21 Und sie wird einen Sohn gebären, dem sollst du den Namen Jesus geben, denn er wird sein Volk retten von ihren Sünden.

22 Das ist aber alles geschehen, auf dass erfüllt würde, was der Herr durch den Propheten gesagt hat, der da spricht (Jesaja 7,14):

23 »Siehe, eine Jungfrau wird schwanger sein und einen Sohn gebären, und sie werden ihm den Namen Immanuel geben«, das heißt übersetzt: Gott mit uns.

24 Als nun Josef vom Schlaf erwachte, tat er, wie ihm der Engel des Herrn befohlen hatte, und nahm seine Frau zu sich.

25 Und er erkannte sie nicht, bis sie einen Sohn gebar; und er gab ihm den Namen Jesus.

Josef ist mit Maria verlobt und merkt, dass seine Verlobte schwanger ist. Da er sicher weiß, nicht mit ihr geschlafen zu haben, muss logischerweise das Kind von einem Anderen sein. Es muss das Kind einer Affäre, eines Betrugs sein. Er beschließt, Maria keine große Szene zu machen, sie dafür nicht bloß zu stellen, sondern sie heimlich zu verlassen. Josef ist keiner, der in seiner Enttäuschung den Anderen bloß stellen möchte. Aber er will sich auch schützen, und so beschließt er, sich aus der Beziehung zurück zu ziehen.

In der Nacht nach seinem Beschluss träumt Josef einen Traum. Und da er diesen Traum Ernst nimmt, verändert er sein ganzes weiteres Leben. Im Traum erscheint ihm ein Engel. Ein Engel ist ein Bote aus einer „anderen Welt“. Dies entspricht dem Wesen unserer Träume: Sie sind Botschaften aus einer anderen Welt. Nicht die rationale Welt des Konkret-Sinnlichen repräsentieren Träume, sondern eine Welt mit anderen Gesetzen, anderen Zusammenhängen, einer anderen Logik. Eine Welt, in der es eine Schwangerschaft gibt, die nicht die Folge von Geschlechtsverkehr ist. Eine Welt, über die sich unser diesseitiger Verstand lustig macht, da er sie nicht versteht. „Was bringt mir das, wenn ich mich an meine Träume erinnere?“ fragt er.

Nichts – im Sinne von Effizienz, Ruhm und Status“, ist die nüchterne Antwort.

Vielleicht ein bisschen mehr Verständnis für dich, für dein Denken und Fühlen… Vielleicht einen neuen, unerwarteten Blickwinkel eines Themas …

Vielleicht sogar eine neue Entscheidung dafür, wie du weiterleben möchtest …“

Josef, du Sohn Davids“, sagte der Engel in Josefs Traum. Damit weist er darauf hin, in welcher Ahnenreihe Josef steht: Sein Stammbaum führt auf König David zurück, er gehört zu demjenigen Geschlecht, von dem die Geburt des Messias erwartet wird. Und sein Name, „Josef“ heißt wörtlich: „Es komme noch einer“ – im Sinne von: „Es ist noch nicht zuende.“ (Hebräisch josef: „hinzufügen“, „vermehren“) (In Klammern: Es gibt noch einen Träumer namens Josef: Den Sohn von Jakob und Rahel, dessen Schicksal an wesentlichen Punkten dem Schicksal Jesu ähnelt, über dessen Leben Thomas Mann den wunderschönen Roman: „Josef und seine Brüder“ geschrieben hat. Klammer zu.)

Es kommt noch einer!“ Dies ist die große Herausforderung für den Mann, wenn er einen Sohn bekommt: „Da kommt noch einer, ein Nachfolger!“ Das Leben geht weiter: Er selbst ist nicht der Einzige, nicht der Letzte. Indem ich diesen Gedanken tief in mich hinein lasse, schwingt auch mit: „Mein Sohn wird mich überleben, er wird stark und kräftig werden, während meine Kräfte schwinden werden …“ Dies alles muss durchgearbeitet werden, um die Vater-Sohn-Beziehung nicht mit Hass und Neid zu vergiften, was ein großes Thema innerhalb der griechischen Mythologie ist.

Nun ist es schon schwer genug, sich damit anzufreunden, dass der eigene Sohn Etliches besser kann als ich. Wie schwer muss es dann erst sein zu akzeptieren, dass meine Frau den Retter der Welt auf die Welt bringen wird, mit dessen Zeugung ich nicht das Geringste zu tun habe. Josef – der Ausgeschlossene! Das ist kein gutes Dreieck!

Matthäus versucht Josef einzuschließen, indem er auf seinen Stammbaum verweist – ein Abkömmling der Davididen. Was ja eigentlich völlig egal ist, nachdem der Messias eben nicht von diesem Josef abstammt, gezeugt wurde.

Sie merken – hier kommen wir wieder mit unserem Alltagswissen, unserer gebräuchlichen Logik nicht weiter. Jetzt gibt es zwei Möglichkeiten: Sich von all dem abzuwenden und es als „Blödsinn“ zu entwerten. Oder sich in der Haltung von Unwissenheit zuzuwenden. Ich möchte letzteren Weg gehen.

Wenden wir uns wieder dem Traum zu. Ein Traum hat etwas Schwebendes, nicht Fixiertes. Der Traum von Josef ist ein Ausdruck, eine Veranschaulichung von der

Geburt von etwas radikal Neuem. Etwas, das sich nicht erschaffen, nicht erzeugen lässt. Etwas, das geschieht – und dieses Geschehen entspringt einer anderen Welt. (Wie die Rose (Susanna) – es erscheint in unserer Welt, aber es entstammt nicht unserer Welt. Und nimmt doch alles an, was zu unserer Welt gehört: „Wahrer Mensch – und wahrer Gott!“

Nimmt an eines Knechts Gestalt, der Schöpfer aller Ding“ haben wir vorhin gesungen.)

Josef repräsentiert die Kraft, das von seinem Verstand gemachte Konzept von Wirklichkeit loszulassen. Diese Kraft hat mit Mut zu tun: dem Mut, sich verunsichern zu lassen. Echte kognitive wie emotionale Stärke fließt daraus, das eigene Wissen nicht absolut setzen zu müssen. Oder anders ausgedrückt: Nicht-Wissen zu ertragen. Nicht-Wissen ist ein frontaler Angriff auf unseren stolzen Verstand. Da unser Verstand schlau ist, hat er sich im Laufe unseres Lebens viele Tricks und Strategien ausgedacht, die verhindern sollen, dass er verunsichert wird. Eine der verbreitetsten Strategien ist, das, was mich verunsichern könnte, vorab, bevor überhaupt die Möglichkeit der Verunsicherung entsteht, zu ignorieren.

So etwas wie unsere Träume zum Beispiel. Bevor ich mich von ihnen verunsichern lasse, behaupte ich einfach, dass Träume keinerlei Bedeutung haben. Irgendwelche nächtliche synaptische Entladungen meines Gehirns darstellen. Und schon habe ich Ruhe vor dem scheinbaren Blödsinn, den ich träume.

Während Josefs Alltagsverstand schläft, erlebt er Neues. Dieses Neue spricht zu ihm wie in einem Traum. Als er erwacht, ist er ein Anderer. Er nimmt das Geträumte ernster als seine ursprüngliche Interpretation der Wirklichkeit. Dazu bedarf es eines tiefen Vertrauens. Von diesem Vertrauen rät uns unser Alltagsverstand dringend ab. Er sagt: Vertrauen ist gut – Kontrolle ist besser.

Erst in der Bewegung des Vertrauens kann Josef eine Stimme hören, die aus einer anderen Wirklichkeit zu ihm spricht. Dies ist die Stimme Gottes, bzw. seines Engels oder Boten. Und indem Josef sich von dieser Stimme berühren lässt, übernimmt er Verantwortung. „Ver-Antwortung“ heißt ja wörtlich: eine angemessene Antwort geben auf diese „andere“, „ungewohnte“ und „unerhörte“ Stimme in meinem Innern. Die Antwort, die Josef gibt, die Verantwortung, die Josef nunmehr trägt, ist die, für Maria und Jesus zu sorgen. Aus seiner Verantwortung entspringt seine Für-Sorge. Fürsorge ist nichts Großes: Es genügt, da zu sein und da zu bleiben, als Mann, als Vater. Die Gegenbewegung, der erste Impuls von Josef war die Flucht, war der Beziehungsabbruch. „Mit mir nicht!“ Dieser Impuls ist nur allzu verständlich.

Wir Menschen neigen dazu, Wirklichkeit so zu interpretieren, dass wir uns nicht auf sie einlassen, keine Verantwortung und keine Fürsorge übernehmen. Die Gründe hierfür sind unterschiedlich. Josef geht es um die „Schande“. „Schande“ ist mit „Scham“ konnotiert – und sich schämen ist ein so ekelhaftes Gefühl, dass es sehr verständlich ist, alles daran zu setzen, sich dem nicht aussetzen zu müssen. Unser Verstand hilft uns dabei. Wäre es nicht eine „Schande“, wenn herauskäme, dass Maria, seine Verlobte, fremd gegangen ist? Eine Schande für das junge Paar. Eine Schande, die nur durch Beziehungsabbruch zwar nicht ungeschehen, so doch gemildert werden kann?

Lesen wir aber die ganze Geschichte wie einen Traum, so handelt sie davon, wie der Messias, das wirklich Neue, sich entwickeln und auf die Welt kommen kann. All dies geschieht in der Dunkelheit der Seele – all dies sind Traumgedanken eines seelischen Wachstumsprozesses. Hierzu gehört auch die Jungfrauenschaft Marias – natürlich nicht im biologisch-historischen Sinne, sondern im übertragenen: Das Gefäß, in dem die Kraft unseres neuen Denkens und Empfindens wächst, ist frei von den Kontaminierungen des Alten: es ist leer für Neues. Maria steht Josef zu Seite: Seine Aufgabe ist es, das Wachsen und sich Entwickeln des Neuen, Messianischen zu bewachen und zu behüten. Denn das Neue ist gefährdet – König Herodes repräsentiert die mörderische Kraft, die das Neue Leben vernichten will. Und wieder es ein Traum über den Josef erfährt, wie er Maria und Jesus schützen kann – (über die Flucht nach Ägypten). Maria und Josef verkörpern für mich eine fruchtbare Beziehung aus der heraus ein „Gott mit uns“, ein Immanuel, wächst – einer, wie es heißt, der sein Volk retten wird von seinen Sünden.

Das Volk, das sind all’ die Bestrebungen und Tendenzen in uns, die bei dem Ganzen nicht mitmachen, die am Alten festhalten, an den „Fleischtöpfen Ägyptens“. Das Volk ist verliebt in die „Zwei“ – das Dritte ist unerwünscht. Für die hebräische Bibel ist Ägypten das Land, das in Zweiheit erstarrt ist. Es gibt kein Drittes – der Welt der Lebenden steht das Totenreich gegenüber.

Altes wie Neues Testament aber handeln davon, dass es ein Leben „jenseits“ der Welt der Zweiheit gibt. Ein Leben jenseits der Erstarrung. Die Entdeckung des „Dritten“, des lebendig machenden Heiligen Geistes, innerlich wie äußerlich, ist für mich das Zentrum der christlichen Religion und das Geheimnis erfüllten, lebendigen Lebens.

Gebe Gott, dass wir mutig werden, dass wir es wagen, unsere Gefangenschaft in der Zweiheit unseres Denkens zu erleben; gebe Gott, dass in uns ein Messias, ein „Immanuel“ wachsen darf, der uns in die Wüste des Erlebens des Einen, Einzigartigen Gottes führt, in der Heiligen Dreiheit seiner Personen, des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes, AMEN.

Predigt zum 2. Advent über Lukas 21, 28

Liebe Gemeinde,

“ein Gottesdienst ist so gestaltet, dass sich Menschen Gott zuwenden und seine heilsame Gegenwart erfahren können.”

Nachzulesen auf der Website der EKD.

Dieser Satz hat sich bei mir verbunden mit einer Frage, die mich alltäglich auch als Therapeut beschäftigt:

Was ist eigentlich heilsam?

Oder auch: Wann ist etwas heilsam?

Was zeichnet heilsame Beziehungen aus?

Sei es zwischen Partnern, zwischen Kindern und deren Eltern, zwischen Patient und Arzt, zwischen Gemeinde und Pfarrer. Und nicht zuletzt: Sei es zu mir selbst.

Auch hier und jetzt hier in unserem Gottesdienst: „Gottes heilsame Gegenwart“ Ist sie da? Können wir sie spüren?

Eines scheint sicher:

Heilsames lässt sich nicht herbei reden, nicht herbei zaubern. Lässt sich nicht machen.

Wie dann?

Vielleicht ist ein Ansatz, darüber nachzudenken: Was ist denn nicht heilsam?

In dem Wort „heilsam“ schwingt „heil sein“ im Sinne von „ganz“ „ganzheitlich“ sein. Nicht-heil-Sein heißt dann: Da sind nur Teile, Fragmente, Scherben, Bruchstücke.

Eine heilsame Beziehung, ein heilsames Gespräch entsteht, indem sich etwas öffnet. Eine Öffnung hin zu etwas Ganzheitlichem, Unversehrtem.

Du siehst immer nur das Eine bei mir“ und was mich sonst noch alles ausmacht, nimmst du gar nicht wahr. Und allzu oft ist dieses „Eine“ das Negative, das Defizitäre, das Unerwünschte.

Das, was zu ändern ist. Was keinen Platz hat.

Dann landet die Beziehung in der Sackgasse von Vorwürfen und gegenseitigen Schuldzuweisungen. Im schlimmsten Fall zerbricht sie daran.

Gottes heilsame Gegenwart beginnt da, wo ich spüren darf: In dem, wer ich gerade bin, in dem, wie ich gerade bin, in meinem so und nicht anders geworden sein werde ich akzeptiert. Da gibt es eine „Kraft“, die sagt doch tatsächlich „ja“ zu mir.

Ja – du bist in Ordnung. Du bist okay.“ Und dein Leben, in all seinen Wendungen und Schleifen, in deinen Abbrüchen und Neuanfängen, in deinen Fehlern und deiner Schuld – es ist gut. Gut im Sinne von: Es ist, wie es ist. Es ist, was es ist.

Und diese Kraft, je tiefer ich sie spüre, sie in mich hinein lasse, aus ihr heraus lebe, die bewirkt etwas in mir: Ich wage es, mein „Haupt zu erheben“, wie es in unserem heutigen Wochenspruch heißt. Nicht mehr niedergeschlagen um mich selbst kreisend zu Boden geht mein Blick. Das vertraute Grübeln läuft ins Leere.

Und in diesem Erheben erhebt sich meine Seele.

Meine Seele erhebt den Herrn und mein Geist freuet sich Gottes, meines Heilands …“ (Lukas 1, 46b-47) heißt es in Marias „Lobgesang“, dem Magnificat.

Denn er hat die Niedrigkeit seiner Magd angesehen …“ (Lukas 1,48a)

Die Freude der Seele gründet darin, wahrgenommen, „gesehen“ zu werden. Und sie antwortet in ihrer Freude, so „als wollte sie sagen: ‘Es schwebt mein Leben samt allen meinen Sinnen in Gottes Liebe, Lob und hohen Freuden, dass ich, meiner selbst nicht mächtig, mehr erhoben werde, als mich selber erhebe zu Gottes Lob.“ (So hat übrigens M. Luther diesen Vers einmal ausgelegt.)

So weit, so gut. Aber das ist noch nicht die ganze, die heilsame Wahrheit.

Die andere Hälfte lautet: Gottes heilsame Gegenwart strahlt aus mir heraus. Mein Gesund- und mein Heil-Sein strahlt ab. Indem ich in Gottes heilsamer Gegenwart lebe, trete ich ganz natürlich „erhobenen Hauptes“ dem Anderen, meinem „Nächsten“ gegenüber. In der Haltung: In allem, wer du gerade bist, so wie du gerade bist, in deinem so und nicht anders geworden sein, wirst du von mir akzeptiert. Und natürlich muss dann auch dazu genommen worden: In alle dem, was du mir schuldig geblieben bist, was du mir angetan hast, worin du mich verletzt hast, womit du mich enttäuscht hast: In alledem nehme ich dich liebevoll an. Und – noch zugespitzter: In alle dem, was du mir gerade zumutest, worüber ich gerade enttäuscht bin, was ich mir gerade ganz anders vorstelle – in alledem nehme ich „dich“ an.

Nehmt einander an, wie Christus Euch angenommen hat.“ (Röm 15,7)

Sollten Sie sich jetzt denken: „Das kann ich nicht!“ dann geht es Ihnen genauso wie mir. Natürlich habe ich Erwartungen an mein Leben, an Menschen, mit denen ich zu tun habe. Habe ich Erwartungen an unsere Politiker, an Menschen die in der Wirtschaft etwas zu sagen haben oder in der Kirche usw. Und natürlich bin ich enttäuscht, wenn meine Erwartungen nicht erfüllt werden.

Nehmt einander an, wie Christus Euch angenommen hat!“

Hinzu kommt: Die „Großen“ konnten es auch nicht. Jesus hat die Händler im Tempel keineswegs liebevoll angenommen. Und sein Umgang mit den Pharisäern war angefüllt mit Ablehnung, Abweisung, ja Hass.

Und Paulus ist wütend, enttäuscht über die Menschen und deren Verhalten in den von ihm neu gegründeten Gemeinden. Denken Sie nur an die Korinther oder Galater! („O Ihr unverständigen Galater …!“ Gal 3,1)

Und der große Bernhard von Clairveaux – Gründer der Zisterzienser, Verfasser tief empfundener spiritueller Schriften – hat zum ersten Kreuzzug aufgerufen und gegen die „Ungläubigen“ Muslime gehetzt.

Der alte Martin Luther hat sich in gehässigster Weise über seine jüdischen Mitbürger ausgelassen. Und, und, und …

Ja – so sind wir Menschen!

Indem ich den Mund aufmache, indem ich mich der Sprache bediene, bewerte ich, lehne ich ab, wende ich mich zu, scheide ich aus, nehme ich in mich hinein.

Hier gibt es kein Entkommen. Stimmt auch: „Reden ist Silber – Schweigen ist Gold.“

Es sei denn, Reden dient dazu, anstelle zu bewerten zu verstehen. Reden als Versuch, den Anderen und sich selbst zu verstehen. Und vor dem Verstehen kommt: Den Anderen und sich selbst kennen zu lernen.

Was bewegt mich gerade? Welches Gefühl ist damit verbunden? Wieso mache ich das – und nicht etwas anderes? Was soll der Andere von mir erfahren? Und was nicht? Wie gebe ich mich – und weshalb eigentlich?

Was versuche ich geheim zu halten? Und aus welchen Gründen?

Und dies alles: „Erhobenen Hauptes!“

Erhebt Eure Häupter, weil sich Eure Erlösung naht!“

Erlösung hat mit dem Mut zu tun, die eigene, die vertraute Ego-Perspektive zu wechseln.

Und das erfordert Mut. Mut wiederum passt sehr gut in die Adventszeit: Advent und Abenteuer haben denselben Wortstamm: ad-venire – es kommt etwas NEUES auf mich zu, ich erfahre etwas, was ich bislang nicht kannte. Freilich nur, indem ich es wage, meine Augen in Richtung des Neuen hin zu öffnen. Einen Perspektivenwechsel zu vollziehen.

Dazu bedarf es eines erhobenen Menschen.

Der erhobene Mensch ist der aufgerichtete Mensch. Das Adjektiv dazu lautet „aufrichtig“. Auch im Sinne von wahrhaftig, ehrlich, auf dem einen Boden der Wahrheit stehend. (Der erhobene Mensch ist nicht zu verwechseln mit dem überheblichen Menschen!)

Und die Erlösung ist nichts anderes, als dass ich mich von meinen Täuschungen, Tricksereien, Betrügereien löse. Ich muss mir selber und anderen nichts mehr vormachen, nichts mehr vorspielen. Auch nichts mehr einreden. Und dazu bleibt mir nichts Anderes übrig, als meine Selbst-Täuschungen und Tricksereien kennen zu lernen.

Was nicht angenommen wird, kann nicht verändert werden“ – diese Einsicht ist uralt.

So heißt es bei Rabbi David von Lelow:

Erlösung kann zu einem Menschen nicht kommen, ehe er die Schäden seiner Seele sieht und sie zurecht zu bringen unternimmt. Erlösung kann zu einem Volke nicht kommen, ehe es die Schäden seiner Seele sieht und sie zurechtzubringen unternimmt. Wer, Mensch oder Volk, der Erkenntnis seiner Mängel keinen Zutritt gewährt, zu dem hat die Erlösung keinen Zutritt. Wir werden in dem Maße sichtbar, in dem wir uns selber sichtbar werden.“

Der Erlösung Zutritt gewähren aber heißt aufhören zu meinen, ich könnte mich selbst erlösen. Der Weg der Erlösung, der Weg des Sich-selbst-Kennenlernens heißt, dem Anderen, dem Fremden, dem Unbekannten außerhalb meiner und in mir „Zutritt zu gewähren“. Die damit verbundenen Ängste und Turbulenzen wurden vorhin im Evangelium anschaulich beschrieben. Alles Vertraute gerät ins Wanken, der Boden auf dem ich stand, von dem ich dachte, er trägt mich, verliert seine Sicherheit. Gefühle der Katastrophe bemächtigen sich meiner.

Und in alledem ruft uns Jesus über Lukas zu:
„Erhebt Eure Häupter, denn Eure Erlösung naht!“

Oder, in den Worten des Nikolaus von Flüe:

Mein Herr und mein Gott, nimm alles von mir, was mich hindert zu dir.
Mein Herr und mein Gott, gib alles mir, was mich führet zu dir.
Mein Herr und mein Gott, nimm mich mir und gib mich ganz zu eigen dir.

Liebe Gemeinde!

Eine heilsame Predigt sollte Hilfen dafür bereit stellen, sich Gott zuwenden zu können. Sie sollte nahrhaft sein, um geistig-seelisches Wachstum zu ermöglichen. Ob die angebotene Nahrung auch angenommen und/oder gar aufgenommen wird, entzieht sich der Macht des Pfarrers, der den Gottesdienst hält. Da es im Gottesdienst keine Zwangsernährung gibt, liegt es in der Freiheit derer, die da sind.

Zu der Bekömmlichkeit einer Nahrung gehört auch, sich nicht zu überessen. Wenn es am besten schmeckt soll man aufhören, lautet eine alte Lebensweisheit. Von daher höre ich jetzt auf und freue mich, wenn etwas Nahrhaftes für Euch dabei gewesen ist. Wenn es geschmckt hat. Falls nicht tut es mir leid. Und auch das gehört zur “Erlösung” – anzuerkennnen: Das, was ich koche, was mir schmeckt, muss jemand anderem nicht schmecken. Eine freie und aufrichtige Beziehung hält das locker aus. Von daher wäre der Satz zu ergänzen: “Nehmt einander an, wie Christus Euch an genommen hat und respeketiert liebevoll die Verschiedenheit Eurer Geschmäcker.” AMEN

Predigt über Johannes 5, 1-16 am 19. Sonntag nach Trinitatis 2019

Liebe Gemeinde,

heile mich Herr, so werde ich heil, befreie mich, dann bin ich frei.“ (Jer. 17,14)

(M. Luther hatte übersetzt: „… hilf du mir, so ist mir geholfen.“

Dieser Ausruf, ja Appell des Propheten Jeremia, geht mir nahe.

Wer so ruft, wer so bittet, der muss eine Ahnung von Nicht-Heil-Sein haben.

Verbunden mit dem tiefen Vertrauen: „Du kannst mich heilen!“

Und er muss eine Ahnung davon haben, dass sein „Sich-nicht-heil-Fühlen“ zu tun hat mit einem Gefühl, „irgendwie unfrei“ zu sein.

Nicht wenige meiner Patienten sagen sehr früh im Laufe der Zusammenarbeit: „Ich wäre so gerne frei!“

(Fühlt Ihr Euch frei? – Was ist eigentlich „Freiheit“? Tun und Lassen können was man will? Dass einem keiner mehr reinredet?)

Der heutige Predigttext erzählt – wie schon vorher das Evangelium – von einer Heilung – mi Jeremias können wir jetzt auch sagen: Von einer Befreiung.

5, 1 Danach war ein Fest der Juden, und Jesus zog hinauf nach Jerusalem.

Danach“ heißt: Nachdem Jesus einen Todkranken geheilt hatte.

Ein Fest der Juden: Das ist der Rahmen unserer Befreiungsgeschichte. Das ist insofern wichtig, als damit der gesellschaftliche Rahmen genannt wird, innerhalb dessen Jesus handelt. Wir Menschen – völlig egal, was wir machen oder unterlassen – verhalten uns stets zur Gruppe. Auch der Einsiedler, der versucht, alles hinter sich zu lassen, verhält sich zur Gruppe seiner Mitmenschen. So wie es kein Vakuum auf der Erde gibt, so gibt es kein Verhalten/Tun. ohne auf die Gruppe Bezug zu nehmen.

2 Es ist aber in Jerusalem beim Schaftor ein Teich, der heißt auf Hebräisch Betesda. Dort sind fünf Hallen; 3 in denen lagen viele Kranke, Blinde, Lahme, Ausgezehrte.

Die Heilung findet in der Nähe des Schaftores statt, einem der 5 Jerusalemer Stadttore. Dort gibt es einen Teich, Betesda – das heißt auf deutsch „Barmherzigkeit“ -, der Wunder wirken kann. Einer Legende zufolge bewegt ein Engel diesen Teich von Zeit zu Zeit, und wem es als ersten gelingt, in das Wasser zu kommen, der ist geheilt. Auch beim Krank-sein geht es darum, vorne dran – erster zu sein.

Was sind wir Menschen nur für merkwürdige Wesen?

5 Es war aber dort ein Mensch, der war seit achtunddreißig Jahren krank.

Ich habe keine Ahnung, ob die Zahl 38 hier eine tiefere Bedeutung hat. Jedenfalls ist der Mann sehr, sehr lange krank. Wir würden heute sagen: seine Krankheit hat sich chronifiziert.

6 Als Jesus ihn liegen sah und vernahm, dass er schon so lange krank war, spricht er zu ihm: Willst du gesund werden?

Das ist bemerkenswert. „Willst du gesund werden?“ Das griechische Wort für gesund heißt: „hygies“; wir kennen es von dem Fremdwort Hygiene. Wörtlich heißt es: wohl leben im Sinne von munter, lebendig sein.

Offenbar ist es nicht selbstverständlich, dass jemand wohl leben will; das jemand „munter“ sein will.. Sigmund Freud hat dies den „Widerstand“ gegen den therapeutischen Prozess, gegen die „Heilung“ oder „Befreiung“ genannt. Dieser Widerstand hat mit dem „Gewinn“ des Krank-seins zu tun. Eine Leitfrage in der psychotherapeutischen Behandlung lautet: Was wird mit dem augenscheinlichen Leiden vermieden? Was wird als noch schlimmer erlebt als das, worunter ich gerade leide? Oder: Warum vermeiden wir mit aller Macht zu erleben, wie frei wir sind?

7 Der Kranke antwortete ihm: Herr, ich habe keinen Menschen, der mich in den Teich bringt, wenn das Wasser sich bewegt; wenn ich aber hinkomme, so steigt ein anderer vor mir hinein.

Der Kranke sagt, ich habe eine Vorstellung davon, wie ich gesund werden könnte. Diese Vorstellung kann ich aber nicht verwirklichen („realisieren“).

Es ist wichtig, in der therapeutischen Behandlung bzw. im seelsorgerlichen Gespräch genau hinzuhören. Was sagt der Andere und was meint er damit. Und: was meint er nicht. Die allermeisten Menschen haben eine Vorstellung (ein „Konzept“) davon, wie sie gesunden könnten. Verzweiflung stellt sich ein, wenn sie dieses Konzept nicht verwirklichen können. Missmutig, ärgerlich zu werden scheint erträglicher zu sein, als das eigene Konzept, die eigene Vorstellung von Gesundung selbst in Frage zu stellen. Die Vorstellung des Kranken am Teich der Barmherzigkeit ist eine magische: Es müsste ihm nur gelingen, als erster in das Wasser zu kommen. Dazu aber bräuchte er jemanden. Und den gibt es nicht. Oder jetzt vielleicht doch?

8 Jesus spricht zu ihm: Steh auf, nimm dein Bett und geh hin!

Jesus lässt sich auf das Gesundungs-Konzept des Patienten überhaupt nicht ein. Stattdessen provoziert er mit einer Art „paradoxen Intervention“: Einem Gelähmten zu sagen, „steh auf, nimm dein Bett und geh!“ könnte leicht verstärkten Widerstand hervorrufen. „Vielen Dank für Nichts! Genau das ist ja mein Problem, dass ich nicht stehen, geschweige denn gehen kann!“

Der Kranke leidet darunter, nicht auf seinen eigenen Beinen in der Welt stehen zu können. Und er hofft 38 Jahre lang darauf, dass er von außen Hilfe bekommt, dass ihn jemand zu seiner „Erlösung“, zu seiner „Rettung“ trägt. Der Gewinn dieser Haltung ist, selbst klein und abhängig bleiben zu können. Und an der Sehnsucht festzuhalten, es gäbe „da draußen“ einen „Retter“, einen „Erlöser“.

Der Nachteil oder der Preis des Festhaltens an dieser Sehnsucht ist, am Leben nicht wirklich teilnehmen zu können. Irgendwie „draußen“ zu sein. Jesus übergeht dies alles, indem er sagt: „Steh auf, nimm dein Bett und geh hin!“

9a Und sogleich wurde der Mensch gesund und nahm sein Bett und ging hin.

Na ja, als jemand, der sich seit 25 Jahren als Psychotherapeut darum bemüht, Menschen dazu zu bewegen, auf eigenen Beinen zu stehen, kann ich da nur lachen. So einfach wenn es ginge!

Und doch ist die zugrundeliegende Idee wahr: Gesund sein hat damit zu tun, frei zu sein; frei zu sein dafür, auf eigenen Beinen zu stehen, den eigenen Weg zu gehen. Und das eigene Schicksal zu (er-)tragen. So verstehe ich das „Bett“, auf dem der Gelähmte liegt: Es ist die Summe all dessen in seinem Leben, was ihn daran gehindert, seiner Wege zu gehen. Anstatt es selbst zu tragen, hat er sich davon runter ziehen lassen, hat er sich davon tragen lassen. Das ist der Gewinn des Abhängig-Bleibens. Solange ich keine Vorstellung davon habe, wie das gehen soll: in Freiheit meiner Wege zu gehen, solange habe ich keine andere Chance, als liegen zu bleiben. Und es mir so gemütlich, wie möglich, auf diesem Bett einzurichten.

Es ist die Angst vor dem Erleben von Freiheit, die mich lähmt! Freisein für mein Leben im heute heißt nämlich auch: Es gibt keine Entschädigung für Erlittenes, keine Wiedergutmachung.

Frei sein für die Gegenwart heißt anerkennen: Alles, was mir widerfahren ist, ist vorbei! Und alles, was ich anderen und mir selbst angetan habe, ist ebenfalls vorbei.

9b Es war aber Sabbat an diesem Tag.

Damit beginnt der zweite Teil unserer Geschichte: Die Einbettung des heilsam-befreienden Geschehens in sein soziales Umfeld oder die Reaktion des religiösen Establishments.

10 Da sprachen die Juden zu dem, der geheilt worden war: Heute ist Sabbat, es ist dir nicht erlaubt, dein Bett zu tragen.

11 Er aber antwortete ihnen: Der mich gesund gemacht hat, sprach zu mir: Nimm dein Bett und geh hin!

12 Sie fragten ihn: Wer ist der Mensch, der zu dir gesagt hat: Nimm dein Bett und geh hin?

13 Der aber geheilt worden war, wusste nicht, wer es war; denn Jesus war fortgegangen, da so viel Volk an dem Ort war.

14 Danach fand ihn Jesus im Tempel und sprach zu ihm: Siehe, du bist gesund geworden; sündige nicht mehr, dass dir nicht etwas Schlimmeres widerfahre.

15 Der Mensch ging hin und berichtete den Juden, es sei Jesus, der ihn gesund gemacht habe.

16 Darum verfolgten die Juden Jesus, weil er dies am Sabbat getan hatte.

Das Establishment einer Gesellschaft trägt die Ordnung, die Gesetze, innerhalb derer sich gesellschaftliches Leben bewegt. Seine Aufgabe ist es, für die Einhaltung dieser Ordnung zu sorgen. Es interessiert sich nicht für den Einzelnen, es interessiert sich für die allgemeine Ordnung. Von daher ist der Satz: „Es ist dir nicht erlaubt, am Sabbat dein Bett zu tragen“ völlig korrekt im Sinne dieser Ordnung. Und wenn der Geheilte/Befreite antwortet: „Der mich gesund gemacht hat, der hat mich aufgefordert, mein Bett selbst zu tragen“, dann bleibt das Interesse an der Störung der öffentlichen Ordnung. Das Wunder, dass da einer gesund wurde, interessiert nicht. Ja – es ist gefährlich. Denn offenbar hat da einer zur Unruhestiftung aufgerufen. „Wer ist der Mensch, der zu dir gesagt hat: Nimm dein Bett und geh hin?“ Das interessiert.

Der Befreite hat keine Ahnung. Er ist verschwunden. Jesus legt keinen Wert darauf, sein Ego in den Mittelpunkt zu stellen. Ihm geht es um die Befreiung als solche.

Und dann kommt es zu einer zweiten Begegnung: Zum zweiten Mal findet Jesus den nunmehr Geheilten, und zwar im Tempel – also im „Haus Gottes“ – und sagt zu ihm: „Siehe, du bist gesund geworden; sündige nicht mehr, dass dir nicht Schlimmeres widerfährt!“

Die Sünde des Gelähmten war keine moralische Übertretung. Die Sünde des Gelähmten war seine Unfähigkeit, sein Lebensschicksal selbst zu tragen. Dies ist er sich schuldig geblieben. Sünde bedeutet in der Tiefe: sich selbst verfehlen. Indem ich mich selbst verfehle, lasse ich das, wozu mich Gott in dieser Welt bestimmt hat, liegen. Lasse ich mein Leben, lasse ich mich selbst liegen. Lasse ich meine Kreativität, meine mir anvertrauten Talente brach liegen. Die Sünde richtet sich gegen meine Lebendigkeit – und so gegen Gott. Gott ist kein fern in den Wolken wohnender „Über-Mensch“ – Gott ist das Leben. In der Kabbala heißt es, Gott ist Atem: Er atmet dich jeden Atemzug aufs Neue ein und er atmet dich aus. Hört er damit auf, fällst du auf der Stelle tot um.

Und: Gott ist die Liebe. Die Liebe zu deinem so und nicht anders gewordenen Leben. Du benötigst die Kraft der Liebe, um mit deinem Leben einverstanden zu werden. Und in diesem Einverständnis wirst du frei für dein Leben, so wie es gerade geschieht.

Heile mich Herr, so werde ich heil, befreie mich, dann bin ich frei.“

Martin Luther, der ebenfalls vom Establishment seiner Zeit verfolgt worden ist, hat das so ausgedrückt:

Da mein Gewissen in den Worten Gottes gefangen ist, kann ich und will nichts widerrufen, weil es gefährlich und unmöglich ist, etwas gegen das Gewissen zu tun. Gott helfe mir. Amen.”

Gebe Gott, auch unser Gewissen und unsere Gewissheiten, dass unser Glaube in den Worten Gottes gefangen ist; in jenen Worten, die uns für unsere eigene Lebendigkeit befreien, AMEN.

Predigt über Jesaja 58, 7-12 an Erntedank 2019 in der Apostelkirche Solln

Liebe Gemeinde,

als ich mit der Vorbereitung dieses Erntedankgottesdienstes begann, dachte ich als erstes über Danken nach. Bin ich eigentlich dankbar? Und wofür bin ich dankbar?

Und – was ist das eigentlich: Dankbarkeit?

Als Kind habe ich gelernt: Wenn man etwas geschenkt bekommt, muss man danke sagen. Völlig egal, ob es einem gefällt oder nicht. Ohne Rücksicht auf die eigenen Gefühle. „Das gehört sich so!“

Von meinen Kindern habe ich die Redewendung: „Danke für nichts!“ gelernt. Sie sagt in nicht-depressiver Weise: Darauf hätte ich jetzt gut verzichten können.

Du hast gesagt, dass du mir noch Bescheid gibst, ob wir uns treffen. Seither habe ich nichts mehr von dir gehört. Und ich hänge in einer Warteschleife – Danke für nichts!“

Wahrscheinlich kennen Sie das auch: Es gibt Geschenke, auf die man gut und gerne verzichten kann. Und es ist eine Abwägung zwischen Takt und Höflichkeit auf der einen und Authentizität auf der anderen Seite, wie ich damit umgehe. Es gibt aber auch das Andere: Dass jemand nicht aushält, etwas geschenkt zu bekommen. Man fühlt sich verpflichtet, in der Schuld des anderen, meint, sich „revanchieren“ zu müssen. Es bedarf einer großen Offenheit, ein Geschenk als Geschenk anzunehmen.

Ein ehrliches Danke ist die Antwort auf ein Geschenk, das mich in der Tiefe erreicht, berührt hat. Im ehrlichen Danke habe ich keine Angst, dass der Schenker damit Hintergedanken hat, mich manipulieren möchte. Misstrauen zerstört das Erleben von Dankbarkeit. Das Geschenk selbst kann etwas Materielles sein, es kann eine kleine alltägliche Aufmerksamkeit sein, eine freundliche Geste … Danke heißt: Ich nehme wahr, das, was du mir gerade gibst, ist keineswegs selbstverständlich. Und ich nehme wahr: Du hast mich wahrgenommen. Ich nehme deine Aufmerksamkeit und Achtsamkeit wahr.

Und ich freue mich daran, bin dankbar.

Dieses Danke strahlt aus und kommt zurück: Indem ich mich bedanke, heißt das auch: Ich nehme dich wahr und wertschätze, was ich von dir bekommen habe. Wertschätzend wahrnehmen und wahrgenommen werden tut uns Lebewesen gut. Es ist eine Art emotionale Milch, die wir für unser seelisches Wachstum benötigen. Dies hat wohl auch Meister Eckhart so erlebt haben, wenn er sagt:

Hätte der Mensch nicht mehr mit Gott zu schaffen, als dass er dankbar ist, es wäre genug.“ Und an anderer Stelle: „Wäre das Wort danke das einzige Gebet, das du je sprichst – es würde genügen.“ –

Unser heutiger Predigttext – Sie haben ihn vorhin bereits gehört – ist eine 2500 Jahre alte Predigt von Jesaja. Sie handelt nicht direkt von Dankbarkeit. Und doch predigt Jesaja eine Haltung zum Leben, die ohne Dankbarkeit nicht möglich ist. Er predigt den heilsamen, wohltuenden Zusammenhang von geben und nehmen, von schenken und beschenkt werden. Er predigt, dass eine soziale Lebenshaltung mich heil und gesund macht bzw. erhält. In dieser Haltung wird der Andere, der Fremde, der Nächste in seiner Not wahrgenommen – ohne dass ich mich selbst dabei aufopfere und ohne dass ich dafür eine Gegenleistung erwarte. Jesaja predigt eine Lebenshaltung, die nicht von der eigenen Bedürftigkeit (wenn ich dir das schenke, dann musst du aber auch …) diktiert wird.

Diese Haltung zum Leben lässt sich nicht „machen“. Sie ist ein Geschenk, wie Freude, oder Friede … oder eben Dankbarkeit.

Nun ist es so, dass Sie wahrscheinlich bei dem Anderen oder dem Fremden an andere Menschen außerhalb Ihrer, da draußen denken. An Obdachlose, an Asylbewerber, Arbeitslose oder auch Freunde, denen es gerade schlecht geht usw.

Die Lebenshaltung, die ich meine, bezieht sich zunächst einmal auf den Fremden, den Anderen in mir selbst. Sie bezieht sich auf meinen eigenen Hunger, auf mein eigenes Obdachlos-sein, auf all’ jene Teile meiner Persönlichkeit, denen ich bei mir keine Unterkunft gewähren will, mit denen ich nichts zu tun haben will. Oder auch, die mir sehr fremd sind. Kurz: Auf mein eigenes Bedürftig-sein, das mir selbst einzugestehen schwer fällt.

In jedem Menschen, in jedem von uns, wohnt ein hungriges Kind. Auch dann und manchmal gerade dann, wenn es an materieller Nahrung nie gefehlt hat. Es gibt einen Hunger und seine Sehnsucht, die in der Welt des Materiellen nicht gestillt werden kann. Es gibt einen Hunger danach, zu sich zu kommen, zu sich nach Hause zu kommen. Erst indem ich meine eigene Bedürftigkeit bei mir finde, kann ich dem Andern, dem Bedürftigen wirklich helfen.

Erst dann kann ich schenken ohne Erwartungen zu haben.

Davon handelt die Predigt des Jesaja in der Tiefe.

Brich dem Hungrigen dein Brot – gib ihm von dem, was du hast. Vielleicht wohnt in dir jemand, der sich danach sehnt, einfach da sein zu dürfen. Nicht von einem Termin zum nächsten zu eilen. Der sich wünscht, dass sein Wert nicht nach seiner Leistung, seinem Erfolg bemessen wird. Der in dem, wie er gerade ist, sich willkommen geheißen fühlt. In seinem Geschlecht einschließlich seiner Sexualität, in seiner Herkunft, in seiner Religion.

Und die im Elend ohne Obdach sind führe ins Haus – nimm bei dir auf, nimm zu dir, was du gerne bei den Anderen unterbringst, womit du selbst aber nichts zu tun haben willst. Deine eigenen schwachen Seiten, deine Trostlosigkeit, deine Traurigkeit, deine Angst: Lass sie in deinem Haus wohnen und kleide sie mit deiner Fürsorge und deiner Aufmerksamkeit. Nimm dich ihrer an – wie sich Christus deiner annimmt!

Und in dem du dich darauf einlässt, beginnst du ganz allmählich, ganzheitlicher, heiler zu werden, es wird allmählich etwas geschehen in und mit dir:

Es wird dein Licht hervorbrechen wie die Morgenröte, und deine Heilung wird schnell voranschreiten, und deine Gerechtigkeit (zedeq) wird vor dir hergehen, und die Herrlichkeit (kawod) des HERRN wird deinen Zug beschließen. Dann wirst du rufen und der Herr wird dir antworten. Wenn du schreist wird er sagen: Siehe, hier bin ich.

Das ist der „Lohn“ in Anführungszeichen deiner neuen Lebenshaltung: Keine 72 Huris, kein paradiesisches Leben – sondern ein Leben in Beziehung, in beständiger, sicherer Beziehung zu Gott. Und dieses Leben ist erleuchtet von einem Licht, das zart ist wie die Morgenröte: ein Licht des Neuen Tages, des Aufbruchs in ein ganzheitliches Leben. Und gerade so geschieht deine Heilung, dein Ganz-Werden – schneller als du glaubst. Und gerade so lernst du zu verstehen, dass dein Gott-suchen dich von Gott weggeführt hat. Erst im Loslassen deiner Suche, erst im Durchschauen deiner Täuschung, Gott wäre wo anders – erlebst du: Gott ist immer schon da, er umgibt dich von allen Seiten; er kommt und geht wie dein Atem, er belebt dich – wäre Gott nicht da, würdest du auf der Stelle tot umfallen.

Und wenn du in deiner Mitte niemand unterjochst und nicht mit den Fingern zeigst und nicht übel redest, sondern den Hungrigen dein Herz finden lässt und die gebeugte Seele sättigst, dann wird dein Licht in der Finsternis aufgehen und dein Dunkel wird sein wie der Mittag.

Es ist so verführerisch einfach, mit dem Finger auf die Fehler der Anderen zu zeigen; in der Tiefe zeige ich damit auf meine eigenen Schwächen, die ich unter keinen Umständen bei mir selber wahrhaben will. Das ist meine Selbst-Finsternis. Erst indem ich lerne, mich mit meinen Schwächen zu lieben, indem ich lerne, mir meine Fehler zu vergeben – erst dann kann ich sie mir auch wirklich vergeben lassen. Gottes Gnade, Gottes Vergebung ist vorauseilend: Sie ist immer schon da. Die Frage ist, ob ich den Mut habe, sie mir auch schenken zu lassen. Je tiefer ich Gottes Ja zu meinem so und nicht anders verlaufenen Leben in mich hineinlasse, damit meine Seele nähre, desto leichter und sicherer richtet sich meine gebeugte, bedrückte Seele auf in gesundem Selbst-Bewusstsein: Im Wissen um mich Selbst mit meinen Stärken und Schwächen. Im Wissen um meine Zugehörigkeit als Mensch zu einem unendlich Größeren und Ganzen: zur Schöpfung Gottes.

Und der Herr wird dich immerdar führen und dich sättigen in der Dürre und dein Gebein stärken. Und du wirst sein wie ein bewässerter Garten und wie eine Wasserquelle, der es nie an Wasser fehlt. Und es soll durch dich wieder aufgebaut werden, was lange wüst gelegen hat, und du wirst wieder aufrichten, was vorzeiten gegründet ward; und du sollst heißen: ‘Einer, der die Risse schließt und die Wege ausbessert, dass man da wohnen könne’.

Gott verlässt dich nie. Es ist umgekehrt: In den Zeiten deiner gefühlten Gottverlassenheit hast du dich von ihm entfernt. Bist du aber in Beziehung mit Gott, so sprudelt deine innere Quelle. Dann spürst du deine Lebendigkeit, deine Kreativität, deine Freude am Leben. Und aus deinem Gesättigt-sein und deiner Lebendigkeit heraus entdeckst du die Freude am Erneuern und am Ausbessern. Das ist die Aufgabe in der zweiten Lebenshälfte: Sich dem zuwenden, was man hat liegen lassen, verloren gegangene Beziehungsfäden wieder aufnehmen, Wege, die noch brauchbar sind, ausbessern. So geschieht im Zug der Befreiung immer auch ein (Zu-)Rück-Zug im Sinne einer Reperatur und Wiederherstellung dessen, was zerstört worden ist. Es ist, als würde man Schritt für Schritt verwandelt dahin zurückkehren, wo man vor langer Zeit aufgebrochen ist und auf diesem Wege Schäden beseitigen und wieder gut, heil machen, was unheil geworden ist. Und was sich nicht mehr reparieren lässt, oder was einfach nur alt geworden ist, das kommt zum Wertstoffhof – im Inneren wie im Außen.

Liebe Gemeinde,

heute, an Erntedank, ist eine gute Gelegenheit, uns bewusst zu machen, wie wenig selbstverständlich dieses unser Leben ist. Und wie großzügig, ja verschwenderisch, unser Gott des Lebens ist. Dieses dankbare Gedenken tut gut, da es in der Routine unseres Alltags leicht verloren geht. Dann vergessen wir, wie wenig selbstverständlich das alles ist. Wie wenig selbstverständlich diese lange Friedenszeit ist, und dass wir täglich satt werden, einen Beruf haben usw. …

Aber es steht uns frei, alltäglich und selbstverständlich auf Gottes Großzügigkeit zu antworten. Mit einem ehrlichen Danke. Das genügt. AMEN.

Predigt über Matthäus 9, 35 – 10, 1. 5-11.13b am 5. Sonntag nach Trinitatis (2019)

35 Und Jesus zog umher in alle Städte und Dörfer, lehrte in ihren Synagogen und predigte das Evangelium von dem Reich und heilte alle Krankheiten und alle Gebrechen.

36 Und als er das Volk sah, jammerte es ihn; denn sie waren geängstet und zerstreut wie die Schafe, die keinen Hirten haben.

37 Da sprach er zu seinen Jüngern: Die Ernte ist groß, aber wenige sind der Arbeiter.

38 Darum bittet den Herrn der Ernte, dass er Arbeiter in seine Ernte sende.

01 Und er rief seine zwölf Jünger zu sich und gab ihnen Macht über die unreinen Geister, dass sie die austrieben und heilten alle Krankheiten und alle Gebrechen.

5 Diese Zwölf sandte Jesus aus, gebot ihnen und sprach: Geht nicht den Weg zu den Heiden und zieht nicht in eine Stadt der Samariter,

6 sondern geht hin zu den verlorenen Schafen aus dem Hause Israel.

7 Geht aber und predigt und sprecht: Das Himmelreich ist nahe herbeigekommen.

8 Macht Kranke gesund, weckt Tote auf, macht Aussätzige rein, treibt Dämonen aus. Umsonst habt ihr’s empfangen, umsonst gebt es auch.

9 Ihr sollt weder Gold noch Silber noch Kupfer in euren Gürteln haben,

10 auch keine Tasche für den Weg, auch nicht zwei Hemden, keine Schuhe, auch keinen Stecken. Denn ein Arbeiter ist seiner Speise wert.

11 Wenn ihr aber in eine Stadt oder ein Dorf geht, da erkundigt euch, ob jemand darin ist, der es wert ist; bei dem bleibt, bis ihr weiterzieht. …

13b Ist er es aber nicht wert, so wende sich Euer Friede wieder zu Euch.

Liebe Gemeinde,

was ist die Aufgabe eines Jüngers, eines Nachfolgers Jesu?

Darum soll es in meiner heutigen Predigt gehen.

Jesus zog umher“, heißt es zu Beginn. Von Ort zu Ort, in Dörfer und Städte. „Und er predigte das Evangelium des Reiches und heilte jede Krankheit und jedes Gebrechen.“

Sieht man einmal davon ab, dass das „jede“ doch eher übertrieben wirkt – so wird das wohl so stimmen. Predigen: die Gegenwart des Reiches Gottes und Menschen zu heilen: Dies fasst Jesu irdisches Wirken recht gut zusammen. Wir wissen nicht, warum er das machte. Es war offenbar seine „Berufung“. Sie folgte aus seinem tiefen Gottvertrauen heraus. In dem heutigen Textabschnitt erfahren wir noch mehr:

Als er aber die Volkmengen sah, jammerte es ihn, weil sie erschöpft und verschmachtet waren, wie Schafe die keinen Hirten haben.“ Das griechische Wort „splanchizomai“, das M. Luther mit „es jammerte ihn“ übersetzt, heißt wörtlich: „Die Eingeweide umgedreht bekommen vor Mitleid.“ Es scheint mir die Fähigkeit auszudrücken, das „Elend“ der Mitmenschen ganz tief an sich heran, ganz tief in sich hinein zu lassen. Und was ist da so schlimm, so „bejammernswert?“ Sie sind „erschöpft“ und „verschmachtet“: wörtlich, „sie liegen am Boden“.

Sie können nicht mehr, sie sind am Ende.- Wie Schafe, die keinen Hirten haben.“

Das Bild weist auf Desorientierung hin. Schafe ohne Hirten wissen nicht, wo es gutes Weideland und Wasser gibt, wie sie sich vor wilden Tieren schützen sollen. Es fehlt Ihnen die Kraft, die sie zusammen hält und bewahrt. Bildlich ausgedrückt:

Es fehlt der „Gute Hirte“!

Damit ist zugleich die Aufgabe eines guten Pfarrers genannt: Seine Gemeinde zusammen zu halten, sie zu nähren und sie zu beschützen. Dazu bedarf es einer starken, in Gott und gerade so in sich ruhenden Persönlichkeit.

Ein starker Hirte weiß um sich, um seine Schwächen und um seine Stärken. Wer selbst in sich verwirrt, desorientiert ist, der kann Andere nicht führen. So hieß es im Predigttext heute vor einer Woche: „Kann ein Blinder einen Blinden führen? Werden nicht beide in die Grube fallen?“ (Lukas 6, 39b)

Sehend werden aber heißt, lernen, sich selber zu sehen: „… denn so hoch die Seele auch stehen mag, nie wird etwas anderes die Selbsterkenntnis ersetzen können, ob man dies will oder nicht.“1 Leider ist diese Einsicht zu Theresas Zeiten genauso wenig verbreitet gewesen, wie sie es heute ist.

In der Gegenwart fehlt vielen „Hirten“ in Wirtschaft, Kirche und Politik die Hochschätzung der Selbsterkenntnis und damit die Hochschätzung von Wahrheit.

Ein markantes Beispiel, das ich aus dem neuen Büchlein von Rainer Erlinger, „Warum die Wahrheit sagen?“ entnehme: Die Washington Post – für D. Trump der Inbegriff von Lügenpresse – hat mit sorgfältiger Recherche nachgewiesen: „In den ersten hundert Tagen seiner Amtszeit hat Trump im Schnitt 4,9 falsche oder irreführende Behauptungen pro Tag aufgestellt,. Mitte 2018 lag der Schnitt seit seines Amtsantritt bereits bei 7,6 … Vor den Midterms, den Kongress und Senatswahlen … steigerte sich der Schnitt auf 30 pro Tag. … Einen Höhepunkt … stellte der 7. September 2018 dar mit sage und schreibe 125 falschen oder irreführenden Aussagen.“ 2 Aber das wirklich Ernüchternde kommt erst: 91 Prozent der „Strong Trump Supports“ (also der starken Trumpbeführworter) vertrauen Trump, dass er korrekt informiert. Freunde und Familie kommt dagegen nur auf 63 Prozent und die üblichen Medien auf 11 Prozent!“

Trump hat eines erkannt und macht kein Hehl daraus, dass dies sein Erfolgsgeheimnis ist. Sein Ghostwriter, Thony Schwartz, hat folgenden Satz Trump in den Mund gelegt: „Ich spiele mit den Phantasien der Menschen. (…) Menschen wollen glauben, dass etwas das Größte, das Großartigste, das Spektakulärste ist. Ich nenne es wahrheitsgemäße Überspitzung. Es ist eine unschuldige Form der Übertreibung – und es ist eine sehr effektive Form von Werbeaktion.“3 Inzwischen, so Erlinger, distanziere sich Schwartz von diesen Sätzen. Seiner Meinung nach sei Täuschung nie „unschuldig“4.

Die Wahrheit bedarf keiner Werbung. Nur die Manipulation und die Lüge müssen beworben werden. Die Wahrheit ist. Nicht mehr – nicht weniger.

Der Verführer muss werben. Sein Erfolg, seine Freude ist nicht das Erkennen von Wahrheit – sondern den Anderen „auf seine Seite gezogen“ zu haben. Einen „guten Deal“ gemacht zu haben. Der Verführer will Macht über den Anderen bekommen, da er es nicht aushält, alleine und auf sich selbst gestellt zu sein. Würde er aufhören, die Anderen zu manipulieren, müsste er sich selbst begegnen, müsste er seine Angst spüren, dass der „schöne Schein“ die Leere seines wirklichen Seins vertuschen soll. Er müsste entdecken, dass er in der Tiefe am allermeisten sich selbst betrogen hat, dass seine „Werbeaktion“ so effektiv gewesen ist, dass er selber darauf hereingefallen ist. Seine vorgespielte und -getäuschte Größe und Großartigkeit soll in Wirklichkeit sein „inneres“ Gefühl von Kleinheit und Wertlosigkeit vertuschen.

Auf dem Weg der Selbsterkenntnis werden diese schmerzhaften Selbstlügen und -Täuschungen aufgedeckt; sie kommen ins Bewusstsein. So wird verständlich, dass dieser Weg nicht verbreitet und keinesfalls beliebt ist. Dies gilt natürlich alles auch für die Kirche und ihre Führer, ihre Hirten.

Ein starker Pfarrer ermutigt seine Gemeinde zu Selbsterkenntnis, weil er selbst aus dieser Quelle heraus lebt. Er weiß, dass bei allen schmerzhaften Einsichten die Wahrheit der einzige Boden ist, der wirklich trägt. Es ist die Wahrheit über das eigene So-und-nicht-anders-Geworden-Sein und die Anerkennung dieser Wahrheit, das Erleben dieser Wahrheit. Dies nährt und heilt. „Wahrheit ist die Milch der Seele“, sagt W. Bion. „Seid wie die neugeborenen Kinder begierig nach der vernünftigen, unverfälschten Milch …“ heißt es im ersten Petrusbrief (2,2)

Wie ist aber dann zu erklären, dass die Schafe lieber dem „Wolf im Schafspelz“ vertrauen, als sich selbst auf die Suche nach ihrer Wahrheit zu machen und sich Hirten danach aussuchen, inwieweit sie der Wahrheit verpflichtet sind? Weil der Mechanismus, den D. Trump genannt hat, wahr ist: Die Verführer nehmen den ihnen Anvertrauten das eigene Denken ab. Sie sagen: Wenn du mir folgst, dann mach ich dich großartig. Das erinnert sehr an die Versuchung des Diabolos, des Durcheinander-Werfers, dem Jesus in seinem Allein-Sein „in der Wüste“ begegnet: „Wenn du dich vor mir nieder kniest und mich anbetest, dann bekommst du die Macht über die Reiche, die du siehst, übertragen.“ Genau betrachtet versucht der Diabolos, Jesus von sich abhängig zu machen. Ein armer Teufel, der sein eigenes Allein-Sein nicht erträgt.

Es gibt noch einen kleinen Satz in unserem Predigttext, den ich als Pfarrer im Ehrenamt ganz besonders stark erlebe: „Umsonst habt ihr empfangen, umsonst gebt! Verschafft euch nicht Gold noch Silber noch Kupfer in eure Gürtel …“

Und dann heißt es – scheinbar im Widerspruch dazu:

Denn der Arbeiter ist seine Nahrung wert.“

Der Widerspruch löst sich auf, indem man diese beiden Gedanken auf die Motivation, auf den inneren Antrieb des Hirten anwendet: Seine Leidenschaft möge sich nicht darauf richten, mit seiner Tätigkeit, seinem „Amt“ des Predigens und Heilens möglichst viel für sich selbst heraus zu schlagen: Sei es materielle Gewinne, sei es Status, Berühmtheit oder eben auch Abhängigkeit. Seine Leidenschaft soll sich ausschließlich auf „seinen Job“ richten – und nicht auf die Bestätigung oder gar Herstellung seines eigenen Wertes.

Es geht nicht darum, wie der, der hier steht „rüber kommt“. Es geht darum, ob der, der hier steht, ein brauchbares Medium ist dafür, mit etwas Größerem, Ganzheitlichem, Wahrem in Verbindung zu kommen. Ein guter Hirte (wie übrigens auch ein guter Künstler) ist ein durchlässiger Hirte – durchlässig für das Wort Gottes, für den Atem des Heiligen Geistes. Darin besteht sein Wert. Macht er einen guten Job, so ist er „seiner Speise wert.“ Auch ein Hirte muss von etwas leben. Das ist es aber dann auch. Kein Platz für Selbstbedienung, für Selbstbereicherung.

Liebe Gemeinde,

es gibt noch viele weitere Aspekte unseres Predigttextes, auf die ich aus Zeitgründen – mir wurde gesagt, spätestens um 10 Uhr muss der Gottesdienst beendet sein – nicht eingehen werde.

Nur einen letzten Gedanken noch und zwar zu dem Satz: „Wenn ihr aber in eine Stadt oder in ein Dorf einkehrt, da erkundigt euch, ob jemand darin ist, der es wert ist; bei dem bleibt, bis ihr weiterzieht. … Ist er es aber nicht wert, so wende Euer Friede sich wieder zu Euch.“

Dieser Satz schafft Raum für „dazwischen“. Es ist auch eine Falle zu meinen, man könnte jeden erreichen. Das ist Ausdruck von Größenwahn und führt zu Überforderung. Und es übersieht, dass ich, mein Ich, es ohnehin nicht im Griff hat, jemand zu erreichen, wirklich zu berühren. Alles was ich kann, ist, mir Mühe zu geben, einen guten Rahmen herzustellen, mich gewissenhaft vorzubereiten. Alles, was dann geschieht, ist Wirken des Heiligen Geistes. Dies gilt auch im Alltäglichen. Es ist wichtig für die Hygiene der eigenen Seele, darauf zu achten, wie der Andere mit dem, was er von mir bekommt, umgeht: wertschätzend oder entwertend. Es gibt das schöne Bild, die eigenen Perlen nicht vor die Säue zu werfen: Dies geht freilich nur, wenn ich mir des Wertes meines Eigenen bewusst bin und bleibe. So bleibe ich gegenüber der Bewertung durch den Anderen frei und muss mich für Abwertungen nicht rächen. „Ich bleibe in meinem Frieden.“

Das war’s, liebe Gemeinde.

Ich glaube, meine Predigt ist ziemlich nüchtern geworden. Dies entspricht meiner eigenen Ernüchterung in den letzten 15 Jahren meiner Tätigkeit als Pfarrer im Ehrenamt. Wobei: Eine Ernüchterung ist ja nichts Schlechtes. Im Gegenteil: Sie ist das Beenden eines Rausches, in dem man sich die Wirklichkeit schön getrunken hat. Erst dann kann man die wirkliche Schönheit dessen, was ist, erkennen und sie von schönem Schein unterscheiden. Und das tut ernüchternd gut! AMEN.

Anmerkungen

1 Die innere Burg, S. 30.

2 R. Erlinger, War um die Wahrheit sagen? S.92 Weitere Quellenhinweise finden sich hier.

3 Ebd. S. 106

4 Ich habe vor kurzem in anderem Zusammenhang in einer Predigt kritisiert, wenn Pfarrer ihre Predigten aus dem Internet “abkupfern” und sie als ihre eigenen ausgeben. Ein erboster Kollege bezichtigte mich, “unkollegial” und “unbarmherzig” zu sein. Schließlich sei es besser, der Gemeinde ein “gutes Plagiat” vorzusetzen, als etwas “Halbgares”. Hier wird deulich, wie sehr der Betrüger von seiner eigenen Wertlosigkeit überzeugt ist und seine Rettung darin sieht, “sich mit fremden Federn zu schmücken.” Meiner Meinung nach gibt es kein “gutes Plagiat”. Plagiat stammt von dem Lateinischen Wort “plagium”, was “Menschenraub, Seelenverkauf” bedeutet. (Vgl. Duden, Das Herkinftwörterbuch, 2. Auflage 1997)

Predigt über Lukas 6, 36-42 am 4. Sonntag nach Trinitatis (2019)

Liebe Gemeinde,

seid barmherzig, wie Euer Vater barmherzig ist.

Mit diesem einfachen Satz beginnt unser heutiger Predigttext.

Zunächst: Was heißt barmherzig sein?

Nehmen wir ein konkretes, relativ harmloses Beispiel: In der Nacht vom 30. April zum 1. Mai, der sogenannten “Walpurgisnacht” wurde das Wort “Rache” an unsere Kirche geschrieben, besser: geschmiert. Es zu beseitigen ist aufwändig und kostet Geld. Es ist ein echter Schaden entstanden.

So ein Geschehen macht Gefühle. Aus den Gefühlen heraus folgen Gedanken: “So etwas kann man sich nicht bieten lassen, das ist ja unmöglich, noch dazu derart feige, weil anonym. Sollen der oder die wenigstens die Verantwortung dafür tragen …”

Diese Gedanken sind allesamt gespeist aus einem sehr verständlichen Gefühl von Ärger.

Und wer kennt solche Gedanken/Gefühle nicht? Sie sind menschlich – allzu menschlich.

Aber was genau ist es denn, was einen da so ärgerlich macht?

Ich denke, es ist das Erleben der eigenen Ohnmacht. In Verbindung mit einem hohen eigenen moralischen Anspruch: “Ich würde so etwas niemals tun!” Der Ärger, ja die Wut über das Erlebte begnügen sich ungern damit, dass das jetzt so ist. Sie wollen etwas machen. Sie sinnen auf etwas aus den Bereichen “Rache”, “Vergeltung”, “Genugtuung”, “Wiedergutmachung”.

Barmherzigkeit hat hier nichts verloren. Sie ist störend. Verurteilung schon eher. Oft schaukeln sich in Gruppen solche Gefühle hoch. „Das ist nicht hinnehmbar“ heißt es dann in Verlautbarungen. „Oder: Der/die Täter werden entsprechend zur Rechenschaft gezogen werden!“

Die seit Jahrzehnten erfolgreiche Sendung „Aktenzeichen XY ungelöst“ drückt die Stimmung und das Denken, das ich meine, besonders gut aus.

Saubermänner und -frauen auf Verbrecherjagd. Das Böse sind die Anderen. Die Asylbewerber, die Muslime. Aber auch: Die großen Firmen wie Google oder Facebook. Oder überhaupt: Die Politiker … Was wir brauchen ist eine Alternative. Eine Alternative für Deutschland … Erschreckend viele Menschen sind dieser Meinung.

Richtet nicht, so werdet auch ihr nicht gerichtet. Verdammt nicht, so werdet auch ihr nicht verdammt.“

So fährt unser Text fort.

Das ist doch eine Überforderung. Ich soll mir kein Urteil bilden?

Ich finde es unmöglich, dass jemand – auch noch feige-anonym – unsere schöne Kirche beschmiert. Und das ist nur ein kleines Urteil. Ein kleines „Unmöglich“! Wenn ich Nachrichten höre – wie oft beurteile, verurteile ich Mitmenschen? Bleiben wir in der Kirche: die Missbrauchsfälle in katholischen Institutionen. Müssen die Verantwortlichen nicht verurteilt werden? Zum Schutze und zur Genugtuung der Opfer!

Wie „barmherzig“ kann/darf man denn gegenüber den Tätern fühlen? Darf man überhaupt bei jemand, der sein Amt in dieser Weise „missbraucht“, Barmherzigkeit anwenden? Ist das nicht eine Missachtung des Leidens der Opfer? Dem entspricht, dass Sie Fürbittgebete für die Opfer zuhauf finden werden. Aber wenige für die Täter.

Vergebt, so wird Euch vergeben!“ Wörtlich: „Lasst los, und ihr werdet losgelassen werden.“

Das hilft vielleicht weiter: Im Urteilen, Verurteilen, Richten halte ich fest. Ich halte an meinem inneren, mir vertrauten Maßstab fest. Mit dem ich alles messe, was mir begegnet: das ist richtig und gut, das ist schlecht – oder gar böse. „Die Guten ins Töpfchen, die Schlechten ins Kröpfchen!“

Nun hat Jesus – 2000 Jahre vor Freud – erkannt, dass der Maßstab, mit dem ich Andere messe, auf mich selbst zurück fällt. Je ungnädiger ich mit anderen bin, desto ungnädiger bin ich auch mit mir selbst! Dieser notwendige Zusammenhang ist verdichtet in dem berühmten Liebesgebot: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.“ Wer sich selbst nicht lieben kann, der kann auch andere Menschen, der kann auch seinen Nächsten nicht lieben.

So weit, so gut liebe Gemeinde! Das mag alles ganz plausibel klingen – aber das ist doch nicht alltagstauglich – oder?

Darf ich also nicht mehr empört sein über all das, was ich alltäglich sehe?

Über den Arzt-Kollegen, der Leistungen abrechnet, die er gar nicht erbracht hat?

Über den Pfarrer, der seine Predigten aus dem Internet abkupfert und sie als seine eigenen ausgibt?

Über den Psychotherapeuten, der mit seiner Patientin schläft, anstatt mit ihr therapeutisch zu arbeiten?

Über den Anbieter von Schwarzarbeit, weil er sich angeblich legale Arbeit nicht leisten kann?

Wie barmherzig darf man sein zu einem Trump, der alltäglich versucht, die Fakten so zu verdrehen, dass es seinem Vorteil dient? Zu einem Erdogan, der Unschuldige einsperren und foltern lässt?

Wie barmherzig zu jenen, die so leben, als gäbe es keine Umwelt, keinen Klimawandel, keine Armut?

Nicht Barmherzigkeit ist hier angemessen, sondern Empörung. Oder etwas nicht?

Was ist denn das: „Empörung“?

In der Empörung hebe ich mich „empor“, stelle mich über den/die Anderen. „Ich danke dir, Gott, dass ich nicht bin wie die anderen Leute, Räuber, Ungerechte, Ehebrecher, oder auch wie dieser Zöllner. Ich faste zweimal in der Woche und gebe den Zehnten von allem, was ich einnehme.“ Das ist das Gebet des Pharisäers – der auf der Empore seiner vermeintlichen Rechtschaffenheit auf die Anderen herab blickt.

Jesu Kommentar dazu: „… wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt werden …“ (Lukas 18, 11-14 partim).

Empörung dient der „Selbsterhöhung“! In ihr stelle ich mich über den Anderen. Und richte von meiner „überheblichen Warte“ aus meine Mitmenschen. Ich vermute, es ist ein Versuch unserer Seele, das Unerträgliche, das ich beim Anderen sehe, oder besser meine zu sehen, von mir fern zu halten. Meine Empörung, meine Überheblichkeit soll mich vor den unerträglichen Gefühlen, die (vermeintlich) der Andere in mir auslöst, schützen.

Wenn Jesus in diesem Zusammenhang sagt: „Den Splitter im Auge deines Nächsten siehst du, den Balken im eigenen nicht“, dann weist er darauf hin, dass es eine große Täuschung ist zu meinen, das, worüber ich mich empöre, wäre im Außen. In Wahrheit bin ich es selber, über den ich mich empöre! Mir dies einzugestehen, dass ich selber eine Seite habe, die bei weitem nicht so weiß und rein gewaschen ist, die ich es gerne hätte und mir und Anderen versuche einzureden, ist äußerst unangenehm.

Erst indem ich durchschaue, wie sehr ich mich in der Tiefe über mich selbst empöre, nähere ich mich einem ganzheitlicherem Sehen an. Oder lerne, mit zwei Augen zu sehen. So wie es am Ende unseres Textes heißt: „Zieh zuerst den Balken aus deinem Auge, dann kannst du sehen und den Splitter aus deines Bruders Auge ziehen.“ Hierin gründet, dass verantwortungsvolle Lehrer, Therapeuten, Pfarrer wissen, dass die Basis ihrer Tätigkeit die Selbsterkenntnis ist. „… denn so hoch die Seele auch stehen mag, nie wird etwas anderes die Selbsterkenntnis ersetzen können, ob man dies will oder nicht.“1 Leider ist diese Einsicht zu Theresas Zeiten genauso wenig verbreitet gewesen, wie sie es heute ist. Statt an Selbst-Erkenntnis zu arbeiten, versuchen Blinde anderen Blinden den Weg zu weisen. Um sich dann zu wundern, dass es nicht mehr weiter geht, weil sie in ein Loch hinein gefallen sind. Das ist der Stoff für gescheiterte Beziehungen, gescheiterte Therapien, gescheiterte Lebensentwürfe. Und ich gestehe: Das Fehlen des Interesses an Selbsterkenntnis bei Menschen, denen andere Menschen anvertraut sind, empört mich. Seien es Eltern, seien es Lehrer, seien es im sozialen Bereich Tätige. Ich finde es empörend, wie viel Ignoranz, Lieb- und Gedankenlosigkeit hier zu finden ist. Aber zurück zu unserem Predigttext, wo sich noch ein ganz anderer Gedanke findet (ziemlich in der Mitte):

Gebt, so wird euch gegeben. Ein volles, gedrücktes, gerütteltes und überfließendes Maß wird man in euren Schoß geben; denn eben mit dem Maß, mit dem ihr messt, wird man euch zu messen.

Das Verrückte ist: Großzügigkeit wird mit Großzügigkeit belohnt. Die vorhin genannten Beispiele, die sich beliebig vermehren lassen, drücken Enge aus. Als könnte man es sich nicht leisten, gegenüber dem Finanzamt ehrlich zu sein („gebt dem Staat, was des Staates ist“), oder ehrlich abzurechnen. Oder einfach nur sich an einen Rahmen zu halten: dem nämlich, dass sich Therapie und Liebesbeziehung gegenseitig ausschließen. Oder ehrlich zu seinen Predigt-Gedanken zu stehen – ohne dass sie gleich herausragend sind. Ich glaube, jeder Mensch hat etwas zu sagen, wenn er mit sich, mit seiner inneren Wahrheit in Verbindung kommt, sich mit ihr verbündet.

Noch einmal anders ausgedrückt: Barmherzig entsteht in einem Gefühl der Weite, der Leichtigkeit, der Heiterkeit. Dazu passt, was dieses: „Seid barmherzig!“ im Altgriechischen bedeutet: „Ginesthe oiktirmones!“ – Wörtlich: „Lasst Mitgefühl (in Euch) entstehen.“ Oder: „Lasst Einfühlung in Euch entstehen.“

Einfühlung in mich, in meine Seele, Einfühlung in den Anderen, in dessen Seele. Dies ist ein Geschehen, das sich nicht „machen“ lässt. Es ist ein Wachstumsgeschehen. Wachsen lässt sich nicht machen – wohl aber das Zerstören von Wachstum. Mit einer Kettensäge können wir 100 Jahre Wachstum in wenigen Minuten beenden. Und mit ein paar Bomben können wir einen Großteil des Lebens auf unserem Planeten auslöschen.

Dies gilt auch im individuellen Leben. Ich kann mich um meine Seele und ihr Wachstum kümmern und ich kann dies auch hindern. Ich muss nur alle Gefühle, die in Richtung Verständnis Sich-Einfühlen, die eigenen Gefühle und Empfindungen wahr- und ernstnehmen gehen, absägen.

Wenn ich mich einfühle, werde ich schwach. Und schwach sein will ich nicht: Diesen Satz bekomme ich oft zu hören, wenn nach einiger therapeutischer Arbeit es klar wird, was der nächste Schritt wäre.

Nun ist es aber auch so – was Jesus schon wusste: Wer sich nicht in selbst einfühlen kann und will, wer keinen Zugang zu sich selbst hat, der hat auch keinen Zugang zu Anderen. Er ist blind für sich und die Anderen. Da, wo die Einfühlung wachsen sollte, wohnen sollte, haben sich Missmut, Empörung, Zorn, Ärger, Verzweiflung und Depression eingenistet. Sie haben die Wohnung meiner Einfühlung, meines Einfühlungsvermögens besetzt. Und: Sie bedienen sich meines Intellektes. Es ist letztlich der (Selbst-)Hass, der das Regiment übernommen und die Liebe exkommuniziert hat. Im christlichen Kontext wird der Hass Teufel oder Satan genannt. Der Teufel hat kein Interesse an Einfühlung, sondern daran, sich durchzusetzen – und zwar mit Macht!

Wer den Weg der Barmherzigkeit gehen will, dem bleibt nichts anderes übrig, als seine eigene innere Wohnung aufzuräumen, und die Hausbesetzer vor die Türe zu setzen.

Das können wir nicht alleine. Dazu brauchen wir eine gute Kraft, die Jesus „Abba“, Vater nennt. Jesus bezog seine Kraft aus der sicheren Verbindung mit seinem Vater. Daraus erwuchs seine Selbstsicherheit, sein Selbstvertrauen, seine Standfestigkeit. Und daraus oder in einem damit „entsteht“ Barmherzigkeit. „Seid barmherzig, wie Euer Vater barmherzig ist“ – das geht erst dann, wenn ich mich in sicherer Beziehung weiß. So ist es nur logisch, dass der Zeitgeist der Gottlosigkeit mit dem Fehlen von Einfühlung einhergeht.

Und was ist jetzt mit unserer Empörung?

Jesus hat sich auch empört – er hat die Händler aus dem Tempel geworfen. Es gibt eine durchaus gesunde Empörung, die mit Einfühlung Hand in Hand geht. Nämlich die Einfühlung in die Betroffenen. Gott sei Dank gibt es eine Empörung gegenüber denjenigen, die versuchen, unsere Demokratie zu zerstören. Gott sei Dank gibt es Gesetze, die Betrüger bestrafen. Gott sei Dank gibt es aufdeckenden Journalismus und mutige Journalisten – der große Feind all jener, die in ihre selbstgemachten Zerrbilder der Wirklichkeit verliebt sind.

Barmherzig sein heißt, aus einer inneren Weite und Gelassenheit heraus zu leben. In ihr habe ich mich selbst und meine Ängste ein wenig erkannt. In ihr habe ich gelernt, meine nächtlichen Träume ansatzweise zu verstehen. In ihr interessiere ich mich dafür, wofür ich meine Gedanken verwende. Dies ist besonders wichtig, wenn ich mich öffentlich äußere. Was habe ich zu sagen? Habe ich überhaupt etwas zu sagen? Und ist das, was ich zu sagen habe, von allgemeinerem Interesse? Oder ist es nur für mich relevant? Biete ich in meinen Predigten etwas Nährendes an – oder verwende ich sie als Ventil dafür, inneren Druck abzubauen.

Fehlt noch ein letzter Satz aus unserem Predigttext: Ein Jünger ist nicht über dem Lehrer. Jeder aber, der vollendet ist, wird sein wie sein Lehrer. Dieser Satz ist so bemerkenswert, weil Jesus hier ganz offen die Möglichkeit benennt, dass es ein Ende der Meister-Jünger-Beziehung gibt. Dann stehen beide einander gegenüber – auf einer Ebene – von Angesicht zu Angesicht. „Wenn der Jünger vollendet ist …“ Das griechische Verbum „katartizo“ heißt zunächst einmal: „in die richtige Ordnung bringen“, aber auch: „versöhnt sein ohne Abspaltungen, gut zusammen gefügt sein“ (1. Kor 1,10) So wird es auch verwendet für das Einrenken eines ausgerenkten Körperteils.

In der Weite der Barmherzigkeit ist auch die Lehrer-Schüler oder die Meister-Jünger-Beziehung aufgelöst. Es gibt kein oben oder unten mehr – nur mehr Menschen, deren gemeinsame Gesinnung es ist, der unerkennbaren Wahrheit oder Gott entsprechend zu leben – in heiterer Gelassenheit und fröhlicher Liebe. In dieser Weite hat endlich die Barmherzigkeit über die Kaltherzigkeit, die Gnade über das Gericht, die Liebe über die Gehässigkeit gesiegt.

Und dann ist geschehen, was Paulus unermüdlich predigt: „Lasst Euch versöhnen mit Gott!“ (2. Kor 5,20).

Sollte diese Predigt ein kleiner Beitrag zu diesem großen Werk der Versöhnung gewesen sein – dann bin ich dankbar und zufrieden. AMEN

1 Die innere Burg, S. 30.

Predigt über Matthäus 16, 13 – 20 am Pfingstmontag 2019

Liebe Gemeinde,

das Pfingstfest ist das Fest der Ausgießung des Heiligen Geistes. Die Auswirkung, die irdische Manifestation dieses Geschehens ist die Geburt der christlichen Gemeinde, der Kirche.

In unserem heutigen Predigttext geht geht es um den Geburtstag der Kirche, genauer um ihren beauftragten „Gründer“, dem Felsen, auf dem Jesus seine Kirche bauen will: Petrus.

Hören Sie selbst:

13 Da kam Jesus in die Gegend von Cäsarea Philippi und fragte seine Jünger und sprach: Wer sagen die Leute, dass der Menschensohn sei?

14 Sie sprachen: Einige sagen, du seist Johannes der Täufer, andere, du seist Elia, wieder andere, du seist Jeremia oder einer der Propheten.

15 Er sprach zu ihnen: Wer sagt denn ihr, dass ich sei?

16 Da antwortete Simon Petrus und sprach: Du bist der Christus, des lebendigen Gottes Sohn!

17 Und Jesus antwortete und sprach zu ihm: Selig bist du, Simon, Jonas Sohn; denn Fleisch und Blut haben dir das nicht offenbart, sondern mein Vater im Himmel.

18 Und ich sage dir auch: Du bist Petrus, und auf diesen Felsen will ich meine Gemeinde bauen, und die Pforten der Hölle sollen sie nicht überwältigen.

19 Ich will dir die Schlüssel des Himmelreichs geben: Was du auf Erden binden wirst, soll auch im Himmel gebunden sein, und was du auf Erden lösen wirst, soll auch im Himmel gelöst sein

Liebe Gemeinde,

ich denke, wir alle kennen diese „Du bist … „- Sätze.

Je kleiner wir sind, je abhängiger unsere junge Seele noch ist, desto wuchtiger können sich diese Sätze einbrennen…

Und leider sind es oftmals die negativen Sätze, die mit voller Wucht die junge Seele belasten: „Du bist eine Enttäuschung für mich!“ „Du bist zu nichts nutze!“ „Du bist ein Versager!“ „Du bist hier unerwünscht!“

Es kann Jahrzehnte dauern, bis es möglich wird, diese Zuschreibungen zu überschreiben. Und es kann sein, dass ein Leben lang in der Tiefe die ursprüngliche Zuschreibung vorhanden bleibt – vielleicht blasser geworden wie ein Schriftzug, der Jahre lang der Sonne ausgesetzt worden ist.

Wer sagen die Leute, dass der Menschensohn sei?“ Mit dieser gestelzt anmutenden Frage eröffnet Jesus die Diskussion. Jesus bezeichnet sich selbst als „Menschensohn“ – als „Sohn von Menschen“. Warum sagt er nicht: „Was glaubt Ihr: Für wen halten die Menschen mich?“

Und dann: Was soll man auf so eine Frage antworten. Nahe liegend wäre: Das musst du selbst herausfinden. Ich weiß es nicht. Oder man fragt zurück: Was meinst denn du? Die Jünger sind brav und geben schmeichelhafte Antworten: Wir haben gehört, dass du mit Elia verglichen wirst, oder mit Propheten … Aber das scheint dem Jesus aus Nazareth nicht zu genügen: Er will es direkt wissen. Und Ihr – was sagt Ihr?

Und dann prescht Petrus, der „Sprecher“ der Jünger, einmal mehr vor, sagt ohne Umschweife:

Du bist der Christus, der Sohn des lebendigen Gottes!“

Und er bekommt zu hören: „Da kannst du nicht selbst drauf gekommen sein! „Fleisch und Blut haben dir das nicht offenbart – sondern mein Vater im Himmel.“ Und dann gibt es gleichsam die „Retourkutsche“:

Und ich sage dir auch: Du bist Petrus und auf diesen Felsen will ich meine Kirche/ Gemeinde bauen und die Pforten der Hölle sollen sie nicht überwältigen …“

Wowh, liebe Gemeinde!

Wenn wir nicht mit dem Blick der „Gläubigen“, der „Wissenden“ auf diese Szene schauen, sondern gleichsam unwissend, von außen, als „distanzierte“ Beobachter des Geschehens, dann ist es naheliegend zu sagen: Da sind zwei ganz schön abgedreht, beweihräuchern sich gegenseitig und haben jeglichen Kontakt zum Boden der Wirklichkeit und zur Gruppe (der Jünger) verloren.

Wenn wir diese Szene als Geburtsstunde der Kirche lesen, dann verwundert es nicht, wenn den Nachfolgern Christi und den Nachfolgern Petri Realitätsverlust, das Schmoren im eigenen Saft und das Sich-selber-Feiern vorgeworfen wird. Die gesunde Reaktion darauf ist, sich davon abzuwenden und sich eine Gruppe zu suchen, der es um gemeinsame Inhalte, um gemeinsames Arbeiten geht – und nicht um sich gegenseitiges Bewundern.

Eine persönliche Zwischenbemerkung:

Meine Enttäuschung über diese Art der Beziehung – das Fachwort dazu lautet: narzisstische Beziehung – hat mich unter dem Einfluss eines ebenfalls über die Kirche Enttäuschten dazu gebracht, meine Ordination zurückzugeben, Psychologie und Psychoanalyse zu studieren – in der Hoffnung, hier Menschen zu finden, die miteinander arbeiten wollen, die um die Wahrheit ringen, die nicht, oder wenigstens nicht an erster Stelle, darauf angewiesen sind, Bewunderung zu bekommen.

Ein zweites Mal hatte ich mich getäuscht.

Und wenn man sich täuscht, dann ist man enttäuscht.

Und dann hat man die Möglichkeit, sich selbst leid zu tun, auf die Anderen und/oder sich selbst wütend zu sein und in diesem Geschehen zu verbittern …

oder etwas anzuerkennen.

Die Realität anzuerkennen. Dass es nämlich offenbar in menschlichen Gruppen so zugeht – und dass es eine schwierige Aufgabe für jede Gruppe ist, sich ihrer „Grundannahmen“ bewusst zu werden. Zunächst einmal, und das ist ganz natürlich so, suche ich in einer Gruppe Halt, Geborgenheit, Sinn. Und je weniger ich davon in mir finde, desto anfälliger bin ich für solche Gruppen und Menschen, die mir Sinn „von außen“ anbieten. Kurzum: Je schwächer, hilfloser, minderwertiger ich mich erlebe, desto anfälliger bin ich für einen „Guru“. Und für Gruppen, die sich darin einig sind, so einen „Guru“ zu verehren.

In einer Arbeitsgruppe ist die Grundannahme eine völlig andere: Der niemals fassbaren, erkennbaren, verfügbaren letzten Realität oder Wahrheit verpflichtet zu sein und ihr zu dienen. Dies bedingt, Abschied genommen zu haben von der Sehnsucht nach einem leibhaften „Meister“ oder „Führer“, der mir sagt, wo es lang geht, wo mich mein Weg hinführt, der im vermeintlichen „Besitz“ dieser Wahrheit ist. Das bedingt auch, Abschied genommen zu haben von Doktrinen, unumstößlichen Lehrsätzen, die nicht in Frage gestellt werden dürfen. Man muss sich fragen, „ob das Hauptproblem beim Umgang unserer Gesellschaft mit Lüge und Wahrheit gar nicht so sehr darin besteht, dass so viel gelogen wird, sondern vielmehr darin, dass sich die Menschen bereitwillig belügen lassen“, sagt Rainer Erlinger. Ein guter Führer – und unsere Kirche bräuchte dringend gute Führer – ist nicht auf Bewunderung angewiesen. Es genügt ihm, ein Diener der Wahrheit, ein Diener Gottes zu sein.

Der reife Petrus aus der Apostelgeschichte, der sich erst zu dieser Erkenntnis hin durcharbeiten, entwickeln musste, sagt es so:

Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen!“ (Apg. 5, 29) Diesen Satz sagt er vor dem damaligen religiösen Establishment seiner Zeit, dem „Hohen Rat“. (Es ist vergleichbar Martin Luthers: „Hier stehe ich. Ich kann nicht anders, Gott helfe mir, AMEN“ – im Angesicht des Kaisers und der Kurfürsten.)

Gott“ verbinde ich mit dieser letzten, uns Menschen unfassbaren, nicht begreifbaren, vielleicht in beseelten Ausnahmemomenten einleuchtenden („visio“) Realität.

Sofort entsteht freilich ein neues Problem: Woher weiß ich, dass ich Gott „höre“, ihm „gehorche“, dass ich mit Gott in Verbindung bin, und nicht mit meiner eigenen Einbildung?

Im Laufe der Entwicklung der Menschheit in den letzten zwei Jahrtausenden hat sich die Erkenntnis durchgesetzt: Was ich mit meinen fünf Sinnen erkennen und was ich mit der Logik meiner Vernunft beweisen kann, das zählt und sonst nichts. Das zählt heißt: Das hat Bestand. Es muss sich experimentell und/oder mathematisch beweisen lassen.

Unter dieser Prämisse ist die moderne Naturwissenschaft entstanden und hat Karriere gemacht. Nur – auch in den naturwissenschaftlichen Gruppen geht es um Bewunderung, um Täuschung, um Einflussnahme, um Manipulation. Oft werden sogenannte „Forschungsprojekte“ von einer Gruppe gefördert, die nicht an „der Wahrheit“, sondern an einem bestimmten Ergebnis interessiert ist, das sich gut vermarkten lässt. Oder Promotionen: Wie sehr geht es bei ihnen um „Wahrheit“ – und wie sehr um die Bestätigung der Denkmuster des jeweiligen „Doktorvaters“?

Vielleicht ist es ja noch einmal anders und noch ernüchternder:

Wir Menschen sind nur sehr bedingt wahrheitsfähig. Was uns viel wichtiger, als das Erkennen von Wahrheit zu sein scheint, das ist das Erlangen eines „Haltes“. Etwas Sicherheit Gebendes, etwas „dass ich weiß, woran ich bin.“

Und warum ist das so wichtig? Weil das unangenehmste und unerträglichste Gefühl, das es gibt, das Gefühl namenloser und sprachloser Angst ist. Der „horror vacui“ – das Grauen im Angesicht der Leere, des Nicht. Und so beginnt der Weg zu sich selbst, der Weg wahrer Selbst-Erkenntnis mit der Ernüchterung des „Nicht“. In einer guten Meditation, in einer guten Psychotherapie, wird absichtlich all das, woran sich unser Geist fest-halten möchte, weggenommen. In diesem „Nicht“ beginnt der Weg in die Wüste, in die „Dürre“, „Öde“ „Langeweile“, „Trockenheit“.

Um Gott zu hören, muss deshalb ein Mensch fest auf seinen Füßen stehen und sich weder mit seinem Gemüt noch mit seinen Sinnen auf irgend etwas stützen.“1 Es bedarf der Fähigkeit der „Selbsthaltung“, um den Weg zu Gott zu gehen. Mit beiden Beinen auf dem Boden der Wirklichkeit, so aufrecht und aufrichtig bin ich offen für Gottes heiligem Geist.

Nun ist es aber so: Die christliche Kirche, deren Geburtstag wir heute feiern, ist zunächst einmal eine Halt gebende Gruppe. Sie verführt dazu, nicht auf eigenen Beinen stehen zu müssen. In ihrem Zentrum steht der Glaube an den „Christus, des lebendigen Gottes Sohn“. Unser heutiger Predigttext schildert die „Weitergabe“ (lateinisch: „traditio“ – „Tradition“) dieses Zentrums an Petrus. Er erhält die Schlüsselgewalt und damit die Macht, „zu binden und zu lösen – im Himmel, wie auf Erden“! Aus dieser Macht heraus sind Menschen in anderen Ländern überfallen worden (Kreuzzüge), Frauen als Hexen verbrannt worden, ist die Unfehlbarkeit des Hauptes der eigenen Arbeitsgruppe postuliert worden.

All dies ist außerordentlich Halt gebend – gleicht es doch einem Felsen in der Brandung der verschiedenen Meinungen. Und all dies ist nicht mehr der letzten, unerkennbaren Wahrheit verpflichtet. Denn in ihr und aus ihr lebend gibt es keine Exkommunikationen, keine Ausschlüsse, keine Spaltungen.

Die Wirklichkeit ist, dass Petrus, der Fels, selber ein Wackelpeter ist. Unmittelbar nach unserem Predigttext wird erzählt, wie Jesus den Petrus anfährt: „Weiche hinweg von mir, Satan!“ Als er am See Genezareth droht, abzusaufen, ruft Jesus ihm zu: „Du Kleingläubiger, warum hast du gezweifelt?“ In der Nacht vor Jesu Gefangennahme schläft Petrus und bekommt zu hören: „Simon, schläfst du? Vermochtest du nicht eine Stunde zu wachen?“ Und schließlich: Petrus, der Verräter! Dreimal verrät er Jesus, verrät seine Zugehörigkeit zu ihm. Ich vermute – aus Angst! Petrus, der Fels: ein Angsthase!

Und dann gibt es noch den sogenannten „antiochenischen“ Zwischenfall, von dem Paulus im Galaterbrief schreibt. Hier schildert er Petrus als „heuchlerisch“ – zunächst hält er mit den neu getauften Nicht-Juden Tischgemeinschaft, dann sondert er sich ab und vertritt die Meinung, um Christ werden zu können, müsse man sich vorher beschneiden lassen. Und es gibt Petrus, den Aufbrausenden, der dem Soldaten ein Ohr abschlägt. Es ist auch kein Zufall, dass gerade Petrus seinen Meister fragt: „Herr, wie oft muss ich denn meinem Bruder, der an mir sündigt, vergeben? Ist sieben Mal genug?“ Und er bekommt zur Antwort: „ … siebzig mal sieben mal!“ Dementsprechend gilt für Menschen wie Petrus in besonderer Weise die Bitte: „vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern!“

Und in allem geht Petrus seinen Weg, entwickelt sich bis dahin, dass er sich vom Hohen Rat nicht den Mund verbieten lässt. „Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen!“ – ich habe es bereits zitiert. Das ist der aufrechte, mutige, ja der erlöste Petrus, der „alles verlassen hat“ (Mk. 10,28), weil er vertraute: „Du bist Christus, des lebendigen Gottes Sohn!“

Liebe Pfingstgemeinde,

in der aktuellen Ausgabe der „Zeit“ findet sich auf Seite 1 – überschattet von dem großen rot umrandeten Leitartikel – ein ebenso bescheidener wie klarer und eindeutiger Artikel von Evelyn Finger: „Sturm und Feuer“ hat sie ihn genannt. In ihm spricht sie von der „lauen Konsenskirche“, die sich auch angesichts der Prognose, dass bis 2060 die Mitgliederzahl sich halbieren wird, nicht beunruhigt. „Das liegt daran“, schreibt sie, „dass die Amtskirchen in ihrer Behördenlogik die Kraft des Christentums noch nach Steuereinnahmen berechnen – und die sind bleibend hoch.“ Und sie endet mit dem Satz: „Die Verheißung des Christentums wirkt nicht da, wo der Sonntagsgottesdienst rappelvoll ist, sondern dort, wo sie Menschen ins Herz trifft.“

Das war die Absicht meiner Pfingstpredigt. Vielleicht hat der eine oder andere Gedanke daraus Sie berührt, Sie bewegt, Sie gar ins Herz getroffen. Vielleicht haben Sie bei sich selbst die eine oder andere Petrus-Seite entdeckt. So ging es jedenfalls mir beim Schreiben dieser Predigt. Und man kann über diesen Petrus sagen, was man will, aber eines war er bestimmt nicht: Ein lauer Christen-Mensch! AMEN.

1Johannes vom Kreuz, Die dunkle Nacht, S. 80.

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