Predigten

Predigt über Apostelgeschichte 16, 23-34 am Sonntag Kantate 2019

Liebe Gemeinde,

unser heutiger Predigttext lässt sich als eine nette Geschichte von der Gefangennahme und der wundersamen Befreiung des Paulus und seines Mitstreiters Silas lesen. Nebenbei wird auch noch der Kerkermeister samt Familie zum rechten Glauben bekehrt. „Nett“ – das ist die kleine Schwester von „besch … eiden“-.

Ich will versuchen, unseren heutigen Text als Impuls dafür verwenden, über Befreiung nachzudenken. Und zwar auf dem Hintergrund des vorhin gehörten Evangeliums, in dem der ungewöhnliche Satz erklingt: „Mein Joch ist sanft und meine Last ist leicht.“ (Matth. 11, 30) Das sagt derselbe Jesus, der unter der Last seines Kreuzes auf dem Weg nach Golgatha zusammen gebrochen ist!

Um sinnvollerweise von Befreiung reden zu können, muss man von einem Gefängnis reden. Wer sich nicht „gefangen“ fühlt, der hat auch kein Interesse an Befreiung. Sich nicht gefangen fühlen, heißt freilich nicht, nicht gefangen zu sein. Wer völlig eins ist mit seiner Gefangenschaft ist, wer meint, es ginge ihm hervorragend gerade so, wie es ist und er spüre keinerlei Gefängnis – der kann mit Befreiungspredigten wenig anfangen. Hinzu kommt, dass bekanntlich das Gefängnis ein ausgesprochen sicherer Ort. Und somit empfehlenswert für alle Sicherheitsbedürftigen. Wir sind zur „Freiheit verdammt“, hat Sartre gesagt. Freiheit ist gepaart mit Unsicherheit. Und Unsicherheit ist ein ekelhaftes Gefühl.

Fühlen Sie sich befreit? Oder gar: Fühlen Sie sich frei? Oder zucken Sie mit den Achseln und denken: Was meint der? Wovon redet der? Will mir der etwas einreden, ich sei gar nicht frei?

Es gibt Menschen, die sagen: Ich habe ein gutes Auskommen, bin materiell abgesichert, könnte ein schönes, freies Leben führen – aber ich schlafe schlecht, bin unruhig, nervös. Ich habe keinen rechten Hunger und dann wieder Heißhunger. Abends trinke ich zu viel Alkohol, um wenigstens ein bisschen zu entspannen. Aber wovon eigentlich? Warum fühle ich mich immer so unter Druck? Ich möchte einfach diese blöden Gefühle loswerden! Die müssen sich doch abschütteln lassen. Ich möchte einfach nur mein Leben genießen. Ist das etwa zu viel verlangt?

Es gibt Menschen, die sagen: Ich arbeite Tag und Nacht, ich „amsle“ mich auf – und bin trotzdem nie zufrieden. Irgendwas treibt mich an – und ich weiß nicht was.

Menschen, die das sagen können, die spüren etwas. Sie spüren Gefühle, zumeist verpackt in Gedanken. Und jetzt ist die Frage, wie es weitergeht: verwende ich meine Energie darauf, das, was ich spüre möglichst nicht ernst zu nehmen. „Das kennt doch jeder!“ „Es kann einem nicht immer gut gehen!“ Und außerdem: was bringt es schon, sich so vagen Gefühlen zuzuwenden? Lenken wir uns lieber ab – vertreiben uns die Zeit! Das schöne oder auch schlimme Wort Zeitvertreib (das es so nur in der deutschen Sprache gibt) ist oftmals gepaart mit „Gefühlsvertreib“. Nur nicht spüren…

Ja – was eigentlich spüren?

Es gibt so einfach-unbequeme Fragen:

Wer bin ich? Was soll ich hier auf dieser Welt? Was ist mein Platz?

Da lieber noch eine Runde schlafen.

Nein, nein – passt schon. Alles ist in Ordnung. Das sind nur manchmal so Stimmungsschwankungen. Die gehören dazu. Und diese blöden Träume, in denen ich verfolgt werde. Aber das ist alles nicht so schlimm.

Es ist verbreitet, Freiheit mit: „Ich kann tun und lassen, was ich will!“ zu verwechseln. Das hat mit Freiheit aber nichts zu tun – das ist Willkür. Und da wir Menschen alle Tiere sind, steht hinter dieser scheinbaren Freiheit die Lust: Ich kann tun und lassen, was ich will, heißt: Ich will Lust erleben und Unlust vermeiden.

Hinzu kommt: Befreiungen sind oftmals mit katastrophalem Zusammenbrüchen verknüpft. Die Befreiung Europas aus der Herrschaft der absolutistischen Monarchen (Sinnbild: der „Sonnenkönig“ – Ludwig XIV. – „der Staat, das bin ich…“) führte in die Wirren der französischen Revolution. … führte zu einem Napoleon, der sich zum Kaiser krönen ließ. Die Befreiung Deutschlands vom totalitären Regime des Nationalsozialismus führte zu einer schweren kollektiven Depression, die nicht durchlitten wurde. Stattdessen wurde sie kompensiert: Die Kompensation hieß „Wirtschaftswunder“. Machen statt fühlen – ein im übrigen verbreiteter Umgang gerade mit depressiven Gefühlen. Und machen ist ein toller Zeitvertreib!

Es gibt Menschen, die intuitiv wissen: Wenn ich das, was ich da vage in mir spüren, ernst nehme, muss ich mein ganzes Leben von Grund auf verändern. Und das ist mit extremer Unlust und Angst verbunden.-

Wie passt nun unser Predigttext in diese Vorüberlegungen?

Hören Sie selbst:

23 Nachdem man sie (gemeint sind Paulus und sein Begleiter Silas) hart geschlagen hatte, warf man sie ins Gefängnis und befahl dem Aufseher, sie gut zu bewachen. 24 Als er diesen Befehl empfangen hatte, warf er sie in das innerste Gefängnis und legte ihre Füße in den Block. 25 Um Mitternacht aber beteten Paulus und Silas und lobten Gott. Und die Gefangenen hörten sie.

26 Plötzlich aber geschah ein großes Erdbeben, so daß die Grundmauern des Gefängnisses wankten. Und sogleich öffneten sich alle Türen, und von

allen fielen die Fesseln ab.

27 Als aber der Aufseher aus dem Schlaf auffuhr und sah die Türen des Gefängnisses offenstehen, zog er das Schwert und wollte sich selbst töten; denn er meinte, die Gefangenen wären entflohen.

28 Paulus aber rief laut: Tu dir nichts an; denn wir sind alle hier!

29 Da forderte der Aufseher ein Licht und stürzte hinein und fiel zitternd Paulus und Silas zu Füßen. 30 Und er führte sie heraus und sprach: Liebe Herren, was muss ich tun, daß ich gerettet werde?

31 Sie sprachen: Glaube an den Herrn Jesus, so wirst du und dein Haus selig!

32 Und sie sagten ihm das Wort des Herrn und allen, die in seinem Hause waren.

33 Und er nahm sie zu sich in derselben Stunde der Nacht und wusch ihnen die Striemen. Und er ließ sich und alle die Seinen sogleich taufen 34 und führte sie in sein Haus und deckte ihnen den Tisch und freute sich mit seinem ganzen Hause,

daß er zum Glauben an Gott gekommen war.

Wesentliche Elemente der Geschichte, noch einmal zusammengefasst, sind:

Paulus und seine Mitstreiter sind im „innersten Gefängnis“ – im „Hochsicherheitstrakt“ und die Füße sind noch einmal „in einem Block“ eingesperrt. Sicherer geht es nicht.

Zeitgleich mit dem „Gotteslob“ der Gefangenen geschieht ein Erdbeben und die Gefangenen sind „frei“.

Der Aufseher will sich aus Angst vor seinem „Versagen“ selbst töten.

Die Gefangenen sind aber gar nicht geflohen.

Der Aufseher fragt, wie er gerettet werden kann.

Die Rettung ist der „Glaube an den Herrn Jesus“.

Der Aufseher freut sich gemeinsam mit seinem Haus, dass er „zum Glauben an Gott“ gekommen ist.

Liebe Gemeinde,

unser Predigttext ist eine Befreiungsgeschichte. Sie führt allerdings in eine Freiheit, die viele nicht als Freiheit erleben: Es ist ein frei werden für etwas. Wie schon gesagt, bedeutet vielen Menschen Freiheit, jederzeit tun und lassen zu können, was man will. Das ist eine Freiheit von Zwängen, Abhängigkeiten, Anpassungen, Verpflichtungen. Dahinter versteckt sich der Wunsch oder die Gier nach ungebremster Lust: Es soll jederzeit so sein, wie ich, mein Lust-Ich es haben will. Und ich sehe gar nicht ein, mich an etwas anzupassen, was mich stört. „Freie Fahrt für freie Bürger“ – das war und ist der Slogan, mit dem wider aller Vernunft es in unserem Land nicht möglich ist, ein Tempolimit auf Autobahnen einzuführen. Wer dies für Freiheit hält, dem hat die Botschaft Jesu nichts zu sagen.

Jesus spricht uns nämlich nicht in dem Sinne frei, dass er sagt: „Ihr könnt tun und lassen was ihr wollt.“ Jesus sagt: „Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir; denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen. Denn mein Joch ist sanft und meine Last ist leicht.“ (Mt. 11, 29-30)

Das Joch – übrigens vom Wort her stammverwandt mit Yoga – ist üblicherweise verbunden mit „hart“ und „geknechtet“. Es wurde den Zugtieren, vornehmlich Ochsen, aufgesetzt, um eine optimale Kraftübertragung vom Pflug oder dem zu ziehenden Wagen zu erreichen. Freiheit heißt hier, befreit sein von diesem Joch sein, von diesem Gefühl, vor einen fremden Wagen gespannt zu sein. Jesus selbst kennt – wie gesagt – das harte Joch des Kreuzes, unter dem er zusammen gebrochen ist. Aber das Joch, von dem Jesus hier spricht, ist ein ganz anderes: Es ist seine innige, vertrauensvolle, liebevolle Beziehung zu seinem (himmlischen) Vater: „Niemand kennt den Sohn als nur der Vater, und niemand kennt den Vater als nur der Sohn …“

Diese Beziehung ist „leicht“ – denn sie geschieht in Liebe. Und da und nur da, wo die Liebe herrscht – da ist wirkliche Freiheit. Jede Form von Kontrolle, Gängelung, Bemächtigung des Anderen führt aus der Liebe heraus. Es gibt Menschen die sagen: Wenn ich das oder das mache, dann werde ich geliebt. Wenn mich der Andere braucht, wenn ich erfolgreich bin, wenn ich hilfsbereit bin … Das ist eine Täuschung.

Wenn ich mich nützlich mache, dann bin ich nützlich – nicht mehr und nicht weniger. Es kann sein, dass ich ein nützlicher Idiot bin. Wenn ich erfolgreich bin, dann habe ich Erfolg – und das ist es auch schon. Es kann sein, dass ich um meinen Erfolg beneidet werde – und durchaus nicht dafür geliebt werde. Liebe hat mit all dem nämlich wenig zu tun. Liebe lässt sich nicht machen, nicht herstellen. Liebe gibt es nur geschenkt – genauso wie Freude, Dankbarkeit, Reue und eben auch Freiheit …

Wer die Freiheit dieser geschenkten Liebe erlebt, wer in der Freiheit dieser Liebe leben darf – der sein Joch mit dem Joch Jesu getauscht. In dieser Freiheit kehrt Ruhe ein. Aus dieser Freiheit heraus nützen Paulus und Silas ihre Befreiung nicht aus, sie müssen nicht fliehen.

Für mich dies das eigentliche Wunder der Geschichte: Die befreiten Gefangenen bleiben da. Freiheit fühlt sich als gelassene Heiterkeit an: Die innere Getriebenheit löste sich. Offenbar ist es das, was den Kerkermeister erreicht: „Ihr Herren, was muss ich tun, dass ich gerettet werde?“ Etwas freier übersetzt heißt das für mich: „Was muss ich tun, dass ich so frei werde, wie ich euch erlebe?“ Was muss ich tun, dass ich befreit werde aus der Gefangenschaft meines alten Denkens, in dem Misstrauen, Absicherung und Kontrolle die Priorität hat. Die Antwort ist einfach: „Nimm Jesu Joch auf dich – glaube an Jesus Christus!“ Und was heißt das konkret und alltagstauglich?

Die Christen müssten erlöster/befreiter aussehen, wenn an Ihrem Glauben etwas dran sein sollte“, sagt Friedrich Nietzsche spöttisch-überheblich. Nun – es stimmt schon: Ich laufe auch nicht alltäglich mit einem Lächeln herum, insbesondere dann, wenn es mir nicht gut geht. Aber es stimmt auch: Die Sorgenwolken sind in der Regel selbstgemachte, sie kreisen um Vergangenes oder um Zukünftiges und verlieren gerade so den Kontakt, die Verbindung zu meiner Gegenwart. Die Gegenwart ist das, was es/sie gerade ist. Nicht mehr und nicht weniger. Sich ihr hinzugeben, sich ihr zu überlassen erleichtert das Leben, die Gegenwart, erheblich! Denn Leben gibt es nur als Gegenwärtiges.

Bleibt noch eine Frage offen, liebe Gemeinde:

Wieso eigentlich soll dieser Text gerade heute, an Sonntag Kantate, gepredigt werden? Diese Frage ist mir tatsächlich erst hier – am Ende meiner Predigt gekommen. Und ich habe gemerkt, dass ich keine Ahnung habe. Was macht man, wenn man keine Ahnung hat? Man schaut, ob jemand Anderes eine Ahnung hat.

Und so habe im Internet mir Predigten von Kollegen zu unserem Text durchgelesen. Und siehe da – die wissen es: Paulus und Silas sangen im Gefängnis. Sie „lobten“ Gott heißt nämlich eigentlich: Sie sangen Hymnen, Loblieder auf Gott. Und das alte Evangelium für den heutigen Sonntag ist auch ein Loblied: Das Loblied Jesu auf die Beziehung zu seinem Vater. „Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde …“ Und im neuen Evangelium heißt es: sie fingen an „Gott zu loben mit lauter Stimme …“ Und weiter: „Wenn diese schweigen, werden die Steine schweigen…“ (Lukas 19, 37 und 40)

In diesem Sinne – höre ich jetzt auf zu reden, stattdessen wollen wir singen, und zwar die Hymne der befreiten Seelen, die in und durch Jesus Christus befreit worden sind:

Selig seid ihr, wenn ihr einfach lebt, selig seid ihr, wenn ihr Lasten tragt, selig seid ihr, wenn ihr lieben lernt, selig seid ihr, wenn ihr Güte wagt.

Gebe Gott, dass wir die Kraft haben, unsere Seele für ein seliges Leben zu befreien, AMEN.

Predigt an Ostern 2019 über Johannes 20, 11-18

Ostern, liebe Gemeinde, das ist der Tag, an dem die Frauen vorne dran sind. Sie sind die ersten am Grab, sie bemerken als erste, dass da etwas nicht stimmt. Und – in der Auferstehungsgeschichte nach Johannes, ist es eine Frau, Maria aus Magdala, die als erste dem Auferstandenen begegnet, oder – anders herum: Der er sich als Erster zu erkennen gibt.

Ganz anders bei Paulus und dann auch bei Lukas und Matthäus: hier begegnet Jesus dem Petrus als Erstem: Petrus, dem Repräsentanten der Kirche, des Establishments, der Macht. Petrus der Fels.

Bei Johannes ist es Maria Magdalena, die Sünderin, die ehemalige Prostituierte: Ihr gibt sich der Auferstandene als Erster zu erkennen. In der Alten Kirche bekam sie deshalb den Ehrentitel „apostola apostolorum“, die „Apostolin der Apostel“. (Hyppolit von Rom)

Doch hören wir uns die Geschichte in ihrer Gänze einmal an: Die Auferstehungsgeschichte aus dem Johannesevangelium im 20. Kapitel:

“Am ersten Tag der Woche (das war damals der Sonntag) kommt Maria Magdalena früh, als es noch finster war, zum Grab und sieht, dass der Stein vom Grab weggenommen war. Da läuft sie zu Simon Petrus und zu dem anderen Jünger, den Jesus lieb hatte, und spricht zu ihnen: Sie haben den Herrn weggenommen aus dem Grab, und wir wissen nicht, wo sie ihn hingelegt haben.“

So sind nicht nur Frauen. So sind wir Menschen. Wir sehen etwas, das uns unangenehme Gefühle bereitet – „Der Stein ist weggenommen.“ – und sofort deuten wir: „Sie haben Jesus, seinen Leichnam, gestohlen!“ Diese schnellen Deutungen kommen aus der Angst, dem Misstrauen, der Paranoia. Ich finde meinen Geldbeutel nicht: Den wird mir jemand geklaut haben. Zu dieser Art schneller Deutung gehört die ebenso schnelle Schuldzuweisung:

Wo hast du meinen Schlüssel, meine Brille, meine Uhr hingelegt?

Patzige Antwort: Ich hab’ sie überhaupt nicht gesehen …

Jetzt machen sich die Männer auf den Weg, Petrus und Johannes. Man will sich selbst ein Bild von der Lage machen, nicht nur auf Hörensagen (noch dazu einer Frau) vertrauen. Auch so sind wir Menschen. Doch auch sie finden den Leichnam nicht; es liegen nur die Tücher da: die Leinentücher und das Schweißtuch. Da glauben sie, was Maria ihnen gesagt hat und „gehen wieder heim“ (V. 10)

Und jetzt beginnt unser Predigttext:

11 Maria aber stand draußen vor dem Grab und weinte. Als sie nun weinte, beugte sie sich in das Grab hinein 12 und sieht zwei Engel in weißen Gewändern sitzen, einen zu Häupten und den andern zu den Füßen, wo der Leichnam Jesu gelegen hatte.

13 Und die sprachen zu ihr: Frau, was weinst du? Sie spricht zu ihnen: Sie haben meinen Herrn weggenommen, und ich weiß nicht, wo sie ihn hingelegt haben.

14 Und als sie das sagte, wandte sie sich um und sieht Jesus stehen und weiß nicht, dass es Jesus ist. 15 Spricht Jesus zu ihr: Frau, was weinst du? Wen suchst du? Sie meint, es sei der Gärtner, und spricht zu ihm: Herr, hast du ihn weggetragen, so sage mir: Wo hast du ihn hingelegt? Dann will ich ihn holen.

16 Spricht Jesus zu ihr: Maria! Da wandte sie sich um und spricht zu ihm auf Hebräisch: Rabbuni!, das heißt: Meister!

17 Spricht Jesus zu ihr: Rühre mich nicht an! Denn ich bin noch nicht aufgefahren zum Vater. Geh aber hin zu meinen Brüdern und sage ihnen: Ich fahre auf zu meinem Vater und eurem Vater, zu meinem Gott und eurem Gott.

18 Maria Magdalena geht und verkündigt den Jüngern: »Ich habe den Herrn gesehen«, und was er zu ihr gesagt habe.

Maria “stand draußen vor dem Grab stand und weinte”. Die Fähigkeit zu Weinen hebt uns aus unserem bloßen Da-Sein heraus. H. Plessner bezeichnet es als “exzentrische Position”: Im Weinen – wie im Lachen – sind wir nicht eins mit uns selbst. Wir werden von uns gleichsam „distanziert“, aus unserem vermeintlichen Zentrum herausgeworfen. Dies ist ein Geschehen, das ist unserer Machbarkeit entzogen. Echte Tränen, seien es solche das Lachens oder des Weinens, lassen sich nicht machen.

“Maria stand draußen” – sie war “außer sich”, denn sie wähnte, ihr Geliebter, ihr Heiland, sei tot. Und doch “stand” sie, und “saß” nicht in Depression versunken. Sie stand auf dem Boden der (vermeintlichen) Tatsachen. Anders als die beiden Jünger, Johannes und Petrus, lief sie auch nicht davon. Sie blieb stehen. Sie hielt Stand.

Meister Eckhart sagt in seiner Predigt: “Sie war innerlich so ganz mit allen Kräften auf Gott hin gerichtet; darum stand sie äußerlich”. Wenn das stimmt – dann fragt man sich: Warum sieht sie dann Jesus nicht?

Sie kann Jesus nicht sehen, sagt Meister Eckhart, weil für Maria Gott Einer ist und nicht zwei. Sie sah aber zwei Engel, einen am Fußende, einen am Kopfende – “da, wo der Leichnam Jesu gelegen hatte”.

Im Alten Wissen stehen am Bett des Kranken zwei Engel: am Kopfende die Schechina, am Fußende der Todesengel. Die Schechina, so heißt es in der Kabbala, ist die Frau, in der Gott auf Erden wohnt. Er wohnt im Exil und leidet darunter, dass die Menschen ihre Endlichkeit und Vergänglichkeit nicht einsehen wollen.

Die beiden Engel verweisen auf den Einen Gott. Sie umhüllen, umrahmen den Ort des Verlustes: da, wo der Leichnam gelegen hatte. Und sie nehmen Anteil am Schmerz Marias. Wenn Trauer und Schmerz, wenn Verzweiflung einen Rahmen bekommen, gehalten werden können, sind sie nicht mehr “bodenlos”, nicht mehr “grenzenlos”. Die zwei Engel sind dabei, Maria zu dem Einen zu führen. Und Maria erzählt den Engeln ihren Kummer: sie lässt sie an ihrem Schmerz teilhaben. Wer im Schmerz erstarrt ist, der ist unberührbar geworden. Er kann weder Anteil geben noch Anteil nehmen. Der Schmerz dominiert alles andere. Das ist eines der Probleme bei der Behandlung von Depression.

Im Geschehen des Teilnehmens taucht nun Jesus auf. Und Maria erkennt ihn nicht – sie hält ihn für den Gärtner.-

In sehr feiner Weise lässt das Johannesevangelium hier die Schöpfungsgeschichte anklingen: Im “zweiten” Schöpfungsbericht ist Gott der Gärtner im Garten Eden. Aber auch Gott, der die “Zwei” erschafft, im ersten Schöpfungsbericht: Hier wimmelt es nur so von Zweiheit: Himmel und Erde, Licht und Finsternis, Erde und Meer, Mann und Frau …

Schöpfung, leben in der Welt heißt: sich in der Zweiheit, in der Ambivalenz wiederfinden. Und die einzige Aufgabe, die wir Menschen in unserem Leben haben, ist: Zur Eins, zur Einheit, zum Ganzen zurückzukehren. Das ist das, was unsere Vorfahren mit “heilig” meinten. Und das ist es, was sie unter “Eins-Werden mit Gott”, der “visio beatifica”, der “beglückenden Schau” Gottes verstanden. Der Weg dort hin führt über den Schmerz der Anerkennung der Flüchtigkeit unseres Daseins.

Die Abkürzung dieses “Weges zurück” ist der Weg, den die Schlange vorschlägt: Du kannst dir das alles selber “machen”! Setze dich einfach an Gottes Stelle: “Wenn ihr von diesem Baum esst, werdet ihr sein wie Gott!” Und ihr werdet wissen, “was gut und böse ist”. Dieser Vorschlag führt zu der verbreiteten Haltung: „Ich brauche nichts!“ „Ich mache das alles selber!“ „Ich bilde mir selbst ein Urteil!“

Dieser Weg ist nicht zu verurteilen: Er gehört zur Entwicklung von uns Menschen unabdingbar dazu. Es gibt dazu keine Alternative. Die Frage ist nicht, das Essen des Apfels zu vermeiden. Die Frage ist: Wie es dann weiter geht.

Maria steckt in ihrer Trauer. In ihrer Trauer sieht sie nicht, was da ist. Sie sieht die ganze Wirklichkeit nicht. So hält sie Jesus für den Gärtner. Auch Jesus fragt Maria nach ihrer Trauer und auch ihm gibt Maria Anteil. Und sie bittet ihn: “Falls du ihn weggetragen hast, sage mir doch, wo du ihn hingelegt hast.”

Und Jesus antwortet: „Maria!“

Da wendet sie sich um.

Mit dem Nennen ihres Namens wird ihr Blick, ihr Erleben frei für die wirkliche Wirklichkeit. Indem die Seele sich in der Tiefe ihres Seins erkannt, benannt, angerufen fühlt – antwortet sie. Der Träger dieses Angerufen-Seins ist der Name.

Dieses eine Wort: „Maria“ – bringt ihre Seele zum Schwingen, so wie der Schlegel die Klangschale schwingen lässt.

Maria antwortet nicht mit „Jesus“; sie antwortet mit: „Rabbuni“ – „mein Meister“. „Rabbuni“ drückt „allerhöchste Ehrerbietung“ aus.

Jetzt ist alles gut – könnte man meinen. Maria, voll Glück und Dankbarkeit, möchte sie ihren „geliebten Meister“ einfach nur in die Arme nehmen, ihn wieder körperlich spüren. So wie noch vor kurzem, als sie seine Füße salbte und sie mit ihrem Haar trocknete (Joh. 12, 3) Doch Jesus sagt diesen merkwürdig-abweisenden Satz:

Rühre mich nicht an!“ – „Noli me tangere!“

Wie das?

Er ist nicht mehr identisch mit dem Jesus, den Maria kennen und lieben gelernt hat: Der Jesus, der Maria sieben Dämonen ausgetrieben hatte, für dessen Unterhalt Maria zusammen mit anderen Frauen aufgekommen ist, dem sie die Füße salbte …

Mit einem Wort: Es ist nicht mehr der Meister, der „Rabbuni“, zu dem Maria aufschauen soll.

Und wer ist es dann?

Es ist der Auferstandene.

Es ist derjenige, der sein eigenes Kreuz getragen und ertragen hat, der sich bei allem Spott und Hohn nicht hat beirren lassen, der auch nach seinem Zusammenbruch auf diesem seinen Weg weiter gegangen ist. Es ist derjenige, der hinabgestiegen ist in das Reich der lebendigen Toten, der Abgestumpften und Tauben, der süchtig um sich selbst Kreisenden. Und in all’ dem verwandelte er sich allmählich und wurde verwandelt, hinein verwandelt in den wahrhaften Sohn seines Vaters. Und natürlich auch in die wahrhafte Tochter seiner Mutter. Und in dieser Verwandlung verwandelt sich auch die Beziehung zu ihm. „Rühr mich nicht an!“ heißt: die alte Beziehung, die wir hatten, gibt es nicht mehr. „Ich bin nicht länger dein Meister; ich bin dein Bruder geworden.“

So ist auch zu verstehen, wenn Jesus fort:fährt: „Gehe hin zu meinen Brüdern (und Schwestern) und sage ihnen: Ich fahre auf zu meinem Vater und eurem Vater, zu meinem Gott und eurem Gott.“

Das ist (für mich) die eigentliche, die letzte Verwandlung Jesu und die tiefste Bedeutung seiner Auferstehung: Dass wir Befreite für unseren Weg zu seinem Vater sind, der in eins damit unser Vater ist. Das idealisierende Festhalten an ihm als „Meister“ hält ihn in der Gruft des Todes gefangen und macht mich klein.

Und überheblich: als hätte nur ich den wahren Meister! Solange ich einen Meister anbete, vermeide ich, selbst Meister zu werden. Wobei Meister-Werden nichts mit Größenwahn zu tun hat. Die Meisterschaft, um die es hier geht, ist eine Meisterschaft der Hingabe: an das Leben.

Töte Buddha, wenn du ihn triffst!“ – diese derbe buddhistische Aufforderung verstehe ich ganz im Sinne des abweisenden: „Rühr mich nicht an!“ Höre auf, mich zu verherrlichen – stattdessen geh’ deinen eigenen Weg: in Bescheidenheit und Liebe!

Gebe Gott, dass wir stetig tiefer hineinwachsen in diese Meisterschaft der Hingabe, des Sich-Überlassens an das, was gerade ist. Gebe Gott, dass dieser Christus nicht umsonst gestorben ist, dass er aufersteht in jedem von uns und lebt und wirkt aus jedem von uns, AMEN.

Predigt über Johannes 3, 14-21 am Sonntag Reminiscere 2019

Liebe Gemeinde,

“gedenke Herr an deine Barmherzigkeit!”

Dieses Zitat aus Psalm 25 verleiht unserem heutigen Sonntag seinen Namen.

“Gedenke …” meint so viel wie: “vergiss nicht! Halte in Erinnerung!”

Erinnern“ ist eine Bewegung nach „innen“. Die andere Bewegungsrichtung ist „veräußern“ – etwas wird nach außen gegeben, weggeben.

Unangenehmes, Störendes, Quälendes möchte ich gerne loswerden. Veräußern. „Hinauswerfen.“

Angenehmes, Schönes möchte ich behalten, „aufnehmen“, in mich hineinnehmen.

Die einfachste, sinnenfälligste Form des „In-mich-Hineinnehmens“ ist zu essen. Alle sogenannten „Essstörungen“ haben mit Problemen des „Aufnehmens“ zu tun. Und es bedarf eines Vertrauens, dass das, was ich da in mich hineinlasse, mir auch gut tut und mich nicht – im schlimmsten Fall – zerstört. Denn was „in mir drin ist“, das entfaltet in mir seine Wirkung, die ich so ohne weiteres nicht kontrollieren kann.

Nun bedeutet „sich erinnern“ noch etwas anderes: Es hat damit zu tun, in Abwesenheit sich auf etwas zu beziehen. In Abwesenheit heißt: auch wenn das, woran ich mich erinnere, längst vergangen ist. Es hat sich mir „eingeprägt“.

Und es ist so, dass das Unangenehme, das, was einem „angetan“ worden ist, sich wesentlich stärker einprägt, als das Gute und Angenehme. Und je jünger wir sind und dementsprechend ungeschützt, desto tiefer „brennt“ sich das Leid in die Seele hinein. Das dazugehörige Fachwort heißt „Trauma“.

Das Motiv unseres heutigen Sonntags „Reminiscere“ lautet also: „gedenke an deine Barmherzigkeit, erinnere das Gute, erinnere dich an deine Fähigkeit, barmherzig zu sein …“

Je tiefer ich in meiner Wut, in meinem Hass, in meinem Schmerz verstrickt bin, desto schwerer fällt mir die Kraft für Barmherzigkeit. Hass zerstört die Verbindung zu Freundlichkeit, zu Barmherzigkeit. Barmherzig, liebevoll sein kann überhaupt erst entstehen, wenn ich meinen Hass darauf, was mir alles angetan worden ist, irgendwie einrahmen, irgendwie bei mir halten kann. Ein eingerahmter Hass kann sich nicht mehr willkürlich, grenzenlos ausbreiten. Dies ist ziemlich Kräfte zehrend, es viel Energie kostet, mir meines Hasses bewusst zu werden. Erst dann habe ich überhaupt eine Chance, mich von ihm zu distanzieren. Solange ich völlig auf der Seite meines Hasses bin, solange mein Ich von meinem Hass besessen ist, solange habe ich, solange hat kein Anderer eine Chance.

Sich bewusst werden“ heißt, „sich eingestehen, anerkennen…“ Oder – im Sprachspiel unseres Predigttextes: „etwas ans Licht kommen lassen“.

Die Gegenbewegung ist „vertuschen“, „verschleiern“, „sich und den Anderen etwas vormachen, täuschen, betrügen…“

Johannes nennt dies die „Finsternis, die das Licht nicht annimmt“.

Damit endet unser Predigttext – Sie haben ihn vorhin als Evangelium gehört:

… die Menschen haben die Finsternis mehr geliebt als das Licht, denn ihre Werke waren böse. Denn jeder, der Arges tut, hasst das Licht und kommt nicht zu dem Licht, damit seine Werke nicht bloßgestellt werden, wer aber die Wahrheit tut, kommt zu dem Licht, damit seine Werke offenbar werden, dass sie in Gott gewirkt sind.“

Diese Aussage ist zeitlos gültig, leider auch für die christliche Kirche selbst. Siehe die bis heute andauernde Vertuschung des Missbrauchs von Abhängigen. „Die Menschen haben die Finsternis mehr geliebt …“ Es gibt in uns Menschen eine starke Kraft dagegen, dass etwas ans Licht kommt, dass mir etwas bewusst wird. Sigmund Freud hat diese Kraft „Widerstand“ genannt. Es wehrt sich etwas in mir, dass ich mir meiner Schattenseiten, meiner Schwächen, all dem, wie ich so ganz gar nicht sein möchte, bewusst werde. Diese Abwehr oder dieser Widerstand hat unmittelbar damit zu tun, dass ich Angst habe, wenn ich mich ganzheitlich erkenne und anerkenne, dass ich dann werde verurteilt werde. Deshalb lieber das „Schlechte“, das „Böse“ vertuschen.

In unserem Predigttext heißt es auch: „Wer an ihn, wer an Christus glaubt, der wird nicht gerichtet.“ Die Wirklichkeit ist also: Wer an die in Christus offenbar gewordene Barmherzigkeit Gottes glaubt, entdeckt die Liebe Gottes – und bleibt so nicht länger seinem eigenen Hass ausgeliefert. Dies geht freilich nur in der Verbindung von Christus und Liebe. Es gibt leider nicht wenige Stellen im Neuen Testament, wo Christus mit einem strafenden Richtergott in Verbindung gebracht wird.

Doch fangen wir von vorne an:

Und wie Mose in der Wüste die Schlage erhöhte, so muss der Sohn des Menschen erhöht werden, damit jeder, der an ihn glaubt ewiges Leben habe.“

Damit beginnt unser heutiger Predigttext. Dies ist ein Hinweis auf eine berühmte Stelle im AT, wo es heißt, dass Gott zur Strafe für den Ungehorsam seines Volkes „feurige Schlangen“ sandte, die das Volk bissen und töteten. Der Ungehorsam bestand in der „Ungeduld“ des Volkes, seinem Hadern auf dem Weg durch die Wüste: „… und das Volk redete gegen Gott und gegen Mose: Wozu habt ihr uns aus Ägypten heraufgeführt? Damit wir in der Wüste sterben? Denn es ist kein Brot und kein Wasser da, und unsere Seele ekelt es vor dieser elenden Nahrung.“ (4. Mose 21, 5) Mit der „elenden Nahrung“ war das „Manna“ gemeint, womit Gott sein Volk in der Wüste stärkte. (Das ist ein Vorläufer von: „Mama, ihm schmeckt’s nicht!“) Als Mose gegenüber Gott stellvertretend für sein Volk bereut und die Sünde des Volkes benennt, wird er von Gott damit beauftragt, eine Schlange aus Bronze zu machen, diese auf eine Stange zu geben. „…und es geschah, wenn eine Schlange jemanden gebissen hatte und er schaute zu der ehernen (bronzenen) Schlange auf, so blieb er am Leben.“ (Vers 9) Um dies zu verstehen, ist es wichtig zu wissen, dass das hebräische Wort für Schlange denselben Zahlenwert hat, wie das Wort „Messias“. Das heißt, in der alttestamentlichen Geschichte ist vor-geformt, was Johannes über die Bedeutung Christi sagen will:

Wer den Mut hat, zu Gott zu Christus zurückzukehren, der wird gerettet werden. Nicht die Schlange an sich ist zerstörerisch, sondern ihre Ausbreitung im Horizontalen, ihre rein quantitative Vermehrung. Durch die Vertikale kommt eine andere, gänzlich neue Dimension ins Spiel und der Blick verändert sich, weitet sich. Es gibt nicht nur ein links und rechts von mir, sondern auch ein oben und unten.

Und es ist die rein mechanische leb- und lieblose Vermehrung, die tödlich ist. Alles was mit Massen- beginnt: Massentierhaltung, Massenproduktionen, Massenbevölkerung…

Durch Christus kommt eine neue Perspektive, eine neue Blickrichtung auf die Welt, in die Welt: die Perspektive der Liebe. In dieser Perspektive verbindet sich Horizontales und Vertikales. Liebe heißt: gute Verbindungen entstehen.

So heißt es in unserem Text weiter: „Denn so hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht verloren geht, sondern ewiges Leben hat. Denn Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, damit er die Welt richte, sondern dass die Welt durch ihn gerettet werde.“

Keine Rede von einem beleidigten Gott, der in seinem Zorn unversöhnlich geworden ist, und deshalb sich selbst in der Person seines Sohnes opfert, um die Welt mit sich zu versöhnen. Das war die unglückselige Lehre von Anselm von Canterbury, bei der wir Menschen zu Marionetten eines beleidigt in sich selbst verliebten Gottes werden. Weil Adam und Eva von der verbotenen Frucht gegessen haben, haben sie Gottes Majestät beleidigt. Nur Gott selbst konnte diese Majestäts-Beleidigung „wieder gut machen“ – also schickte er seinen eigenen Sohn, der stellvertretend für die Menschheit sich opferte.

Sie merken, dass uns Menschen in diesem Gedankengang völlige Unfähigkeit zugeschrieben wird. Und zugleich sind wir an allem schuld. Das ist so, wie wenn ein Kind bei Tisch z.B. etwas verschüttet, es geschimpft wird (Zorn), es aber keine Gelegenheit bekommt, den Tisch zu säubern. „Lass das, das kannst du nicht!“ heißt es. Und vielleicht noch: „Nichts als Arbeit machst du, du Nichtsnutz!“ Häufen sich solche Erfahrungen, lernt das Kind, dass es keinerlei Einfluss nehmen kann, auf das, was passiert, dass es nichts gestalten kann, dass es nichts taugt und nichts wert ist. Und schon gar nicht lernt es, Verantwortung zu tragen für sein Tun.

Nichts von alledem in unserem Text, nichts davon im Johannesevangelium.

Die Offenbarung Gottes in Jesus Christus ist kein Akt irgend einer Wiedergutmachung. Sie ist ganz einfach und ganz anders zu verstehen: als Ausdruck der Liebe Gottes. Und wir sind auch keine Marionetten Gottes; wir sind befreit dazu, auf Gottes Liebe zu antworten: indem wir selbst lernen zu lieben. Die Antwort der Liebe ist unsere Ver-Antwortung, die wir Gott, unserem Schöpfer gegenüber tragen.

Und lieben beginnt damit, sich seiner selbst bewusst zu werden. Im Hebräischen heißt lieben auch erkennen. „Und Adam erkannte sein Weib.“ … Und wirkliches Erkennen ist immer auch Selbst-Erkenntnis: Theresa von Avila sagt: „Denn so hoch die Seele auch stehen mag, nie wird etwas anderes die Selbsterkenntnis ersetzen können, ob man dies nun will oder nicht.“ (Innere Burg, S. 30)

Damit Selbst-Erkenntnis aber wirkungsvoll werden kann, ist es notwendig, dass sie eingehüllt ist in Barmherzigkeit, Es geht überhaupt nicht darum, zu „richten“ oder „gerichtet“ zu werden. Beides heißt, in falsch und richtig eingeteilt zu werden oder einzuteilen, heißt bewertet werden oder bewerten. Genau darum geht es nicht!

Es geht vielmehr darum, „gerettet“ zu werden. Das griechische Wort für retten, „sozo“, bedeutet wörtlich: „unversehrt“, „gesund“ sein. Immer wenn ich die Welt in „falsch“ und „richtig“ einteile, wenn ich bewertend und richtend mich über meine Mitmenschen äußere, zerreiße ich, was zusammen gehört.

Dieses „Richten“ lässt sich natürlich auch auf mein eigenes Leben anwenden. Es geht so schnell und ist so leicht, sich und Andere mit Vorwürfen zu überhäufen. Diese Vorwürfe und Selbst-Vorwürfe verwenden Erkenntnis und Selbst-Erkenntnis für Hass und Selbst-Hass – und nicht für Liebe und Selbst-Liebe.

Und Hass hält gefangen. Im Hass baue ich mir mein Gefängnis. Und die Gitterstäbe meines Gefängnisses sind aus meiner Rechthaberei gemacht. „Mein Hass steht mir zu…“ Ja, dein Hass steht dir zu, ich kann ihn sogar verstehen. Er macht dich halt nicht frei. Er trennt dich von der Liebe Jesu Christi.

Es ist ein großes Geschenk, einen Beichtvater, einen Freund, einen Therapeuten zu finden, der nicht mich nicht verurteilt, mich nicht in falsch und richtig unterteilt. Stattdessen liebevoll mir dabei hilft zu lernen, mein gewordenes Leben immer ganzheitlicher sehen und tragen zu lernen. Das hat nichts mit „billiger Gnade“ zu tun, derart: „Mach dir nichts daraus, das geht anderen auch so, jeder hat mal seinen Partner betrogen, jeder lügt mal …“ Das würde bedeuten, dem, der „Arges“ getan hat, dabei zu unterstützen, dass seine Werke nicht ans Licht kommen.

Nein, das ist nicht der Weg. Liebe vertuscht nicht – liebe deckt auf – aber liebevoll!

Der Weg der liebevollen Selbsterkenntnis ist ein schmaler Grat zwischen dem Berg des Selbst-Hasses und der Selbst-Kasteiung auf der einen und dem Abgrund der Gleichgültigkeit auf der anderen Seite: „Was soll’s, das machen doch alle!“

Dieser Weg beginnt mit liebevoller, wohlmeinender Neugierde auf sich selber. Ohne Verurteilungen. Ohne Gericht. Ohne: „Wie konnte ich nur?“ Und auch ohne: „Ich bereue nichts…“ „Alles, was ich getan habe, war richtig.“ Auch dies ist eine Bewertung. Es gibt jene, die sich unentwegt entschuldigen und jene, die gar nicht daran denken, sich zu entschuldigen. Beides hat mit Liebe und Barmherzigkeit nichts zu tun.

Wer … die Wahrheit tut, kommt zu dem Licht, damit seine Werke offenbar werden, dass sie in Gott gewirkt sind.“ Damit endet unser Predigttext und damit endet meine Predigt. Und zwar mit einer kleinen Geschichte, die ich bei Anthony de Mello gefunden habe:

Ein Licht

Schüler: Was ist der Unterschied zwischen Wissen und Erleuchtung?

Lehrer: Wenn du Wissen besitzt, nimmst du ein Licht, um den Weg zu erkennen. Wenn du erleuchtet bist, wirst du selbst zum Licht.

Gebe Gott, dass sein Licht der Liebe und Barmherzigkeit uns erleuchte, von uns ausstrahle, auf dass wir immer tiefer und leichter zum Licht der Liebe Gottes werden, AMEN.

Predigt über Hebräer 4, 14 – 16 am Sonntag Invocavit 2019

Liebe Gemeinde,

wir Menschen stellen gerne Zusammenhänge her, wo keine sind. Z.B.: “Weil du eine schlechte Note bekommen hast, nehme ich dir jetzt dein Handy weg.”

Was hat das eine mit dem anderen zu tun?

Oder:

“Weil ich den Text, über den ich zu predigen habe, blöd finde, deswegen kann ich auch keine gute Predigt halten.” – Aha! –

Oder:

“Wenn ich dir was Leckeres zum Essen koche, dann muss es dir auch schmecken:”

Oder der Name unseres heutigen Sonntags. Er heißt “Invocavit” – nach Psalm 91,5:

So spricht Gott: “er/der Beter ruft mich an, darum will ich ihn erhören!”

Dieser Art zu denken ist gemeinsam, dass es in Kausalzusammenhängen denkt:

weil – deshalb; wenn – dann.

In Kausalzusammenhängen denken heißt “mechanisch” denken: weil ein Zahnrad mit einem anderen verbunden ist, deshalb dreht das eine das andere. Auch in der Psychiatrie ist diese Denkart bekannt: „Wenn du deine Medikamente nicht nimmst, wirst du wieder depressiv ….“

Der große Vorteil dieses Denkens besteht darin, dass es Sicherheit vortäuscht. Wenn ich alles richtig mache, dann kann mir nichts passieren, das ist die Verheißung. Und ich weiß immer, was ich zu tun habe.

Eine verbreitete Redewendung, die zu diesem Denken gehört, lautet: das ist jetzt dran! Heute ist der Rasen zu mähen, sind die Fenster zu putzen, ist ein Beschluss im KV zu fällen. „Das ist jetzt dran“ bedeutet: ohne Rücksicht darauf, wonach einem gerade der Sinn steht. Worauf ich gerade Lust habe. Jetzt sind deine Hausaufgaben dran – und sonst nichts, verstanden!

Sie merken: zur Mechanik dieses Denkens gehört die Ausübung von Macht.

Im vorhin gehörten Evangelium, der Versuchungsgeschichte, ist es der Teufel, der mit dieser Wenn-Dann-Logik aufwartet:

Wenn du aus diesen Steinen Brot machst, dann beweist du, dass du wirklich Gottes Sohn bist.

Wenn du mich anbetest, dann mache ich dich groß und mächtig. Dann kannst du sagen: „Me first!“

Wenn du dich von des Tempels Zinne hinabstürzt, dann werden dich die Engel Gottes auffangen – und die Menschen dich noch mehr bewundern.

Es ist dieselbe Logik, die noch einmal dem ohnmächtig am Kreuz Hängenden begegnet: „Wenn du der Sohn Gottes bist, dann steig doch herab vom Kreuz!“

Wobei der Hohn und der Spott dabei nicht zu überhören ist.

Das mechanische Denken ist ein Denken in Macht und Ohnmacht. Die einzige Frage ist: Wer ist oben, wer ist unten, wer gewinnt, wer verliert.

Tertium non datur – ein Drittes gibt es nicht! (In der Psychoanalyse nennt man das eine dyadische Struktur: das Dritte, der Kompromiss ist zerstört.)

Jesus und mit ihm die Mystiker aller Zeiten und jenseits aller Konfessionen, sind der Meinung, dieser Weg sei eine Verführung.

Wider alle Vernunft weigern sie sich, ihn zu gehen.

Und ernteten dafür viel Spott. Laotse sagt: „ …hört ein Unverständiger vom Dao, so lacht er laut auf. Was wäre das für ein Dao, das Unverständige nicht verlachen?“

Jesu Weg beginnt in der Stille. Und in der Leere; da, wo scheinbar nichts ist. Und wo es auch nichts zu tun gibt – außer: die Stille und die Leere „auszuhalten“. Dies alles symbolisiert die „Wüste“. Nach 40 Tagen kommt der „Verführer“ zu Jesus. 40 Tage ist im hebräischen Denken eine unermesslich lange Zeit. Der Verführer kommt, wenn die Kräfte des Wollens und des Durch-Haltens schwinden. „Ich kann nicht mehr!“ (Wenn das Baby überflutet ist von Durst und Hunger und Sehnsucht nach Zuwendung.)

Die Verführung ist eine scheinbare Klarheit des Wissens. Die Wenn-Dann-Klarheit. Wenn du das tust, wirst du belohnt werden. Erschaffe dir selbst dein Brot – anstelle von: „Unser täglich Brot gib uns heute!“ Bete das Materielle an, dein Auto, dein Haus, dein Kapital, deinen Status – anstelle von: „Der HERR gibt es, der HERR nimmt es, gepriesen sei der Name des HERRN!“ Verschaffe dir selber den Kick: spring vom 10-Meter-Brett, oder mit einem Fallschirm, oder mach Bungeejumping, anstelle von: „Man kann nicht tiefer fallen als in die Arme Gottes!“

Jetzt wird das Diabolische an der „Wenn-Dann-Logik“ deutlich: du hast es selbst in der Hand. Wenn du gute Noten schreibst, bekommst du dein Handy und zum Einser-Abitur einen schönen Mini … Und dann machst du eine Weltreise: das kommt gut in deinem Lebenslauf. Und dann studierst du, und wenn du dann gut bist, dann machst du Karriere …

Wenn … dann …

Die scheinbare Klarheit dieses Denkens hat den schon erwähnten Preis: Es bildet nicht die Wirklichkeit ab, sondern ist aufgebaut auf einer Täuschung. Anders ausgedrückt: Dieses Denken kann nicht bis drei zählen. Wenn-dann heißt: das Eine bedingt das Andere. Ein Drittes gibt es nicht. Der Diabolos, der Zweifler (zwei!) versucht Jesus, in der Zwei einzufangen.

Und die Stärke der Antworten Jesu besteht darin, dass er gelassen-freundlich auf den “Dritten” verweist:

Der Mensch lebt nicht vom Brot allein …

Du sollst Gott, deinen Herrn nicht versuchen …

Du sollst Gott, deinen Herrn anbeten und ihm allein dienen …

So zu denken und zu leben macht stark; es lebt und denkt in einer unerschütterlichen Vertrauensbeziehung, die ich selbst, die mein Ich nicht machen kann! Es ist genau diese Beziehung, die von den Fesseln des dyadischen Denkens erlöst.

Nun gibt es eine ebenso verbreitete wie faule Ausrede, mit der man mühelos alles beim Alten lassen kann: Das ist nichts für mich – oder: “Bin ich etwa Jesus?”

Unser heutiger Predigttext entzieht dieser Ausrede seine Grundlage.

Im Hebräerbrief, Kapitel 4, 14-16 heißt es:

“Da wir nun einen großen Hohenpriester haben, der durch die Himmel gegangen ist, Jesus, der Sohn Gottes, so lasst uns das Bekenntnis festhalten!

Denn wir haben nicht einen Hohenpriester, der nicht Mitleid haben könnte mit unseren Schwachheiten, sondern der in allem in gleicher Weise versucht worden ist (wie wir), doch ohne Sünde.

Lasst uns nun mit Freimütigkeit hinzutreten zum Thron der Gnade, damit wir Barmherzigkeit empfangen und Gnade finden zur rechtzeitigen Hilfe.“

Das klingt ein wenig kompliziert. Ist es aber nicht.

Jesus als „Hohepriester“ heißt nichts anderes als: Der, der uns alltäglich dabei hilft, nicht den Fallen der Zwei, des Zweifelns zu erliegen. Und seine Glaubwürdigkeit strömt aus seinem eigenen Leben: Er ist selber „in gleicher Weise versucht worden …, wie wir!“

Die Annahme, es gäbe ein Leben ohne Versuchungen, spielt dem Zweifler, dem Diabolos in die Karten. So bedeutet: „Führe uns nicht in Versuchung“ zugleich:

Führe uns aus der Versuchung!“ Und zwar jeden Tag.

Meine persönliche Lebenserfahrung ist, dass sich die Art der Versuchungen im Laufe des Älter-Werdens verändern, nicht aber ihre Macht. Oder ihr Sog.

Für mich ist es z.B. eine täglich wiederkehrende Versuchung, mit meinen eigenen Fehlern und den Fehlern anderer Menschen kalt und unbarmherzig umzugehen. Die dahinter stehende Täuschung meint: es muss doch ein Leben, eine Beziehung, eine Predigt ohne Fehler geben. Ohne Schwächen …

So ist für mich der letzte Satz unseres Predigttextes besonders wichtig: „Lasst uns nun mit Freimütigkeit hinzutreten zum Thron der Gnade, damit wir Barmherzigkeit empfangen und Gnade finden zur rechtzeitigen Hilfe.“

Aus der Barmherzigkeit und der Gnade Gottes heraus zu leben ist (für mich) das größte Geschenk. Und ich tue mich sehr schwer damit, es in der Tiefe anzunehmen. Den Thron der Gnade und der Barmherzigkeit zu finden bedeutet nämlich, den Thron der Selbstgerechtigkeit, des Rechthabens und des Besser-Wissens zu verlassen. Bedeutet die Vielfalt des Lebendigen anzuerkennen und sich selbst als winzigen Teil dieser Vielfalt zu erleben. Bedeutet, das eigene Nicht-Wissen und Nicht-Verstehen zu akzeptieren und sich daran zu erfreuen, falls sich etwas erschließt.

Es erschließt sich mir etwas“ – das fühlt sich im übrigen ganz anders an, als: „ich habe erkannt.“

Jede Erkenntnis ist in der Tiefe ein Gnadengeschenk – und keine Leistung meines Intellektes. All dies will mein stolzes Ich mit seinem scharfen Verstand nicht wahrhaben. So hat es sich seine eigene kausale Logik erfunden, die in Bezug auf unbelebte Gegenstände auch hervorragend funktioniert.

So hervorragend, dass wir Menschen dabei sind, mit diesem mechanischen Denken das Lebendige und damit unsere eigenen Lebensgrundlagen zu zerstören.

Der Thron der Barmherzigkeit ist von uns nicht „machbar“. Und so ist er niemals ein Besitz; er bleibt ein lebendiges Geschehen, das nur in „Freimütigkeit“ also in „Freiwilligkeit“ sich ereignen kann. Und dass er etwas nicht „machen“ kann damit auch nicht „kontrollieren“ kann – das hasst unser Verstand und mit ihm unser Ich!

Auch dies ist eine Versuchung, die wahrscheinlich viele Menschen gerade in sozialen Berufen gut kennen: zu meinen, man könne den Anderen von etwas „überzeugen“, oder gar, man müsse ihn „bekehren“. Der gefürchtete Satz dazu lautet: „Ich meine es doch nur gut mit dir…“ Die Wahrheit ist: „Ich meine es nur gut mit mir, weil ich dringend brauche, dass du so und so bist und weil ich nicht aushalte, das du anders bist …“

Die Logik dazu lautet: „wenn du so bist, wie ich dich brauche – dann wird es mir gut gehen!“ Wenn-dann …

Wenn der Verfasser des Hebräerbriefes schreibt: „Lasst uns nun mit Freimütigkeit hinzutreten zum Thron der Gnade …“ dann appelliert er an seine Gemeinde. Er meint es bestimmt gut mit ihr. Und doch ist es eine Verführung, da sie die Radikalität der Freiheit und Freiwilligkeit des Einzelnen übergeht.

Ich würde mich diesem Appell gerne anschließen. „Lasst uns alle gemeinsam zum Thron der Gnade hinzutreten….“ Das macht so ein kuscheliges Gemeinschaftsgefühl. Die Wirklichkeit ist dem gegenüber ziemlich nüchtern, ja ernüchternd.

Die Wirklichkeit ist, dass jeder von uns seinen ganz eigenen Weg zu gehen hat. Vielleicht führt er zum Thron der Gnade, vielleicht auch nicht.

So lasse ich Sie am Ende dieser Predigt – wie im übrigen nach jeder Predigt – wieder allein. Und ich freue mich, wenn sich Sie sich von dem einen oder anderen Gedanken, die hier aufgetaucht sind, angesprochen fühlen, AMEN.

Predigt über Römer 16, 9-16 am 2. Sonntag nach Epiphanias

Liebe Gemeinde,

“Die Liebe sei ohne falsch.”

So über setzt M. Luther das griechische Wort: “anypokritos”. Und so beginnt unser heutiger Predigttext aus dem Römerbrief Kapitel 12.

Ursprünglich heißt anypokritos: nicht erfahren in der Kunst des Schauspielens. Daraus wurde dann “ungeheuchelt”, dass sich jemand nicht verstellt oder nicht “so tut als ob.”

Offenbar kennt Paulus eine Liebe, die “geschauspielert” ist.

Und nicht nur Paulus: Ich vermute, jeder von uns hat unangenehme Erfahrungen damit gemacht, getäuscht worden zu sein. Oder auch zu täuschen. Etwas sich selbst und anderen vorzuspielen oder gar vorzugaukeln.

In der Jugendsprache gibt es das Wort „schleimen“ für eine bestimmte Art des Vortäuschens. „Sich bei jemanden einschleimen.“ Das schaut dann nach Bewunderung, vielleicht sogar Liebe aus – ist aber mit einer bestimmten Absicht verbunden. Wer sich einschleimt, verspricht sich einen Vorteil davon.

Wirkliche Liebe ist etwas sehr Nüchternes. E. Fromm weist in seinem Klassiker „Die Kunst des Liebens“ darauf hin, dass Liebe häufig verwechselt wird mit Verliebt-Sein. Dieses Gefühl, Schmetterlinge im Bauch zu haben. Und wenn die Schmetterlinge weggeflogen sind, muss man sich eine neue (vermeintliche) Liebe suchen.

Liebe ist etwas Ruhiges. Und etwas sehr Ehrliches. Genauer: etwas Authentisches.

Wenn ich sagen kann: Das bin ich, so denke ich, so predige ich, so lebe ich, dann bin ich in der Liebe. Ohne mich, meine Meinung, meine Art zu leben absolut setzen zu müssen. Ohne zu meinen, meine Art zu denken und zu leben wäre die bessere.

Liebe ist auch etwas Bescheidenes. Und darin doch etwas Klares, Eindeutiges. „Eure Rede sei ja, ja, nein, nein. Was darüber ist, das ist von übel.“ (Matthäus 5,37)

Wenn ich wenig Ahnung davon habe, wer ich bin, verstehe ich das alles nicht wirklich. Dann versuche ich so zu tun, als wäre ich ein Ehemann, ein Lehrer, ein Pfarrer … und in der Tiefe habe ich keine Ahnung, wer ich bin. Ich schlüpfe in eine Rolle hinein und hoffe darauf, dass diese mich rettet. Aber in der Tiefe bin ich gar nicht da. Ich kann die „Rolle“ nicht mit meiner Identität füllen, weil ich meine Identität nicht kenne. Leben fühlt sich an wie „verschleiert“. So zu leben ermüdet.

In der Hochzeit zu Kanaan verwandelt Jesus Wasser in Wein. Indem ich meine Identität mit dem, was ich als Lehrer/Pfarrer/Ehemann bin, fülle, wird aus einer wässrigen Rolle gehaltvolle Wirklichkeit. Dann bin ich Ehemann – und spiele es nicht länger. Dann stehe ich hier wirklich als Pfarrer. Das bin ich jetzt gerade. Und nichts anderes.

Hasst das Böse.“ So fährt Paulus fort.

Böse“, „poneros,“ von „Ponos“ Mühe, Mühsal, Schmerz, Qual. Das Böse ist also nicht in erster Linie die moralische Verfehlung. Es hat mit einer Haltung zum Leben zu tun, die M. Luther als „auf sich selbst hin verkrümmt“ bezeichnet hat. „Unsere Natur ist durch die Schuld der ersten Sünde so tief auf sich selbst hin verkrümmt (lat.: tam profunda est in seipsam incurva), daß sie nicht nur die besten Gaben Gottes an sich reißt und genießt, ja auch Gott selbst dazu gebraucht, jene Gaben zu erlangen, sondern das auch nicht einmal merkt, daß sie gottwidrig, verkrümmt und verkehrt alles […] nur um ihrer selbst willen sucht.“

  • Martin Luther: Scholion zu Röm 5,4 Lut, WA 56, 304, 25–29. (Quelle: Wikipedia)

Das ist tatsächlich ein Problem: Solange ich gar nicht merke, dass alles, was ich tue, ich nur um meiner selbst willen tue – solange bin ich chancenlos für weiteres Erkennen. Es gibt keinen Blick über den Tellerrand, keine Möglichkeit, mich selbst zu erkennen.

Aber was heißt: Ich tue es um meiner selbst willen?

Es bedeutet, ich verwende alles, was mir begegnet, dafür, um daraus Selbst-Vergewisserung, Selbst-Bestätigung oder Ähnliches zu beziehen. Die Haltung ist: Ich muss mir beweisen, dass ich das kann. So kreise ich stets um mich selbst.

Und was meint Luther, wenn er sagt, dass der in sich gekrümmte Mensch auch Gott selbst „um seiner selbst willen“ gebraucht?

Das ist ein ähnlicher Gedanke, den Meister Eckhart ein paar 100 Jahre vorher formuliert hatte: „Manche Leute wollen Gott mit den Augen ansehen, mit denen sie eine Kuh ansehen, und wollen Gott lieben, wie sie eine Kuh lieben. Die liebst du wegen der Milch und des Käses und deines eigenen Nutzens.“

Der in selbst verkrümmte Mensch versucht aus allem seinen eigenen Nutzen zu ziehen. Gerade so, das ist die Konsequenz, bleibt er einsam, getrieben und unglücklich. Er wird nicht satt und kann nicht satt werden. Er hält nicht aus, dass er sich nicht selber satt machen kann.

Die endgültige, Ruhe und Sicherheit gebende Selbstbestätigung geschieht „extra me“. Außerhalb meiner. (Auch eine tiefe Erkenntnis M. Luthers.) Für den in sich selbst gekrümmten Menschen gibt es dieses „außerhalb“ nicht, da es nur ihn gibt. Er kann sich zu sich selbst nicht ins Verhältnis setzen. Und so kann er sich nicht kennen geschweige denn verstehen lernen. Und so ist ihm der Weg zu Gott, der wesentlich „extra me“ sich ereignet, verschlossen. Gott geschieht im Fremden, im Dritten. Und eben dies ist nicht denkbar.

Gott ist wesentlich trinitarisch.

Der auf sich selbst hin verkrümmte Mensch kann sich dem Dritten, dem Fremden nicht öffnen. So bleibt er zutiefst einsam. Und voller Sehnsucht nach Erlösung, die er wiederum meint, sich selbst geben zu müssen. Er findet den Ausgang aus seinem inneren Gefängnis nicht.

Der auf sich selbst hin verkrümmte Mensch ist ein Hochstapler mit den Gefühlen des Triumphs und der Grandiosität auf der einen Seite und mit den Gefühlen des Versagens, tiefer Niedergeschlagenheit auf der anderen Seite. Die unbewusste traurige Dynamik dieses Geschehens ist, dass die eigene Seele, die eigene Kreativität, die eigene Entwicklung als „Brennholz“ für Erfolg, Karriere, Prestige und Status verwendet wird. So verbrennt er sich selbst: „burn out“ beschreibt die Seele, die sich selbst verzehrt. Bei schwerer Magersucht oder bei Menschen, die am Verhungern sind, versucht der Körper in seiner Verzweiflung von sich selbst zu leben!

Liebe Gemeinde,

alles, was jetzt in unserem Predigttext kommt, ist nur dem sich öffnenden Menschen möglich, jenem Menschen, der erkannt, mehr noch erlebt hat: Ich kann nicht aus mir selbst heraus leben. Da unser Predigttext recht lang ist, werde ich mich jetzt auf ein paar Schlaglichter beschränken.

Die brüderliche Liebe untereinander sei herzlich.“ (In unserer Gesellschaft ist es weniger missverständlich zu sagen: die geschwisterliche Liebe sei herzlich.)

Herzlich“ heißt: das, was ich gebe, kommt von Herzen. Ohne Hintergedanken. Ohne „Falsch“. Und das, was ich bekomme auch: Ich denke nicht: O Gott, wie kann ich mich bloß dafür revanchieren? Wer von Herzen geben kann, der nimmt auch von Herzen. Nur wer geben kann, kann sich auch beschenken lassen. Nur wer nehmen kann, kann auch geben.

Einer komme dem Anderen mit Ehrerbietung zuvor.“

Ehrerbietung: Beginnt damit, den Anderen nicht zu ignorieren. Den Anderen wahrzunehmen. Sich in den Anderen einzufühlen. Zu erkennen, was für den Anderen wichtig ist zu wissen. All dies ist dem um sich gekrümmten Menschen unmöglich, da es für ihn den Anderen in der Tiefe nicht gibt. Er verwechselt Ehrerbietung mit öffentlichem Lobpreis: „Ohne Sie ginge hier gar nichts, es ist großartig, was Sie machen…“ Und in der Tiefe spürt man das Hohle dieser pervertierten Ehrerbietung.

Seid nicht träge in dem, was ihr tun wollt. Seid brennend im Herrn.“

Nicht: brennt die Andersgläubigen nieder, zerstört deren Schriften. Auch nicht: verbrennt Eure eigene Kreativität. Sondern: „brennt im Herrn!“

Brennt in dem, der Euch die Liebe vorgelebt hat. Brennt in dem, der sein eigenes Kreuz getragen hat. Brennt in der Liebe zur Barmherzigkeit Gottes. Sie allein kann das Feuer Eurer Ignoranz, Eures versteckten Hasses, der sich in Schadenfreude, in „hinter dem Rücken jemanden ausrichten“ usw. löschen.

Dient dem Herrn. Seid fröhlich in Hoffnung, geduldig in Trübsal, beharrlich im Gebet.“

Seid fröhlich!“ Der in sich selbst gekrümmte Mensch ist wesentlich missmutig. Das ist die Wahrheit des Kanons: „Wo man singt, da lass dich ruhig nieder; böse Menschen haben keine Lieder.“ Böse Menschen haben keine Lieder: Stattdessen gibt es Triumphmärsche und Kitsch nach Noten.

Und weiter:

Nehmt euch der Nöte der Heiligen an. Übt Gastfreundschaft. Segnet, die Euch verfolgen, segnet und verflucht sie nicht. Freut euch mit den Fröhlichen, weint mit den Weinenden. Seid eines Sinnes untereinander. Trachtet nicht nach hohen Dingen, sondern haltet euch zu den niedrigen. Haltet euch nicht selbst für klug.“

Diese einfachen Sätze fließen aus einer Haltung zum Leben, die sich nicht erarbeiten lässt. Es ist ein Geschenk, das empfängt, wer sein Herz öffnet. Und auch dies, sein Herz öffnen zu können, ist noch einmal ein Geschenk. Alles was ich als Mensch machen kann, ist, mich davor zu hüten, mir auf mich, auf mein Denken auf meine Schlauheit etwas einzubilden: „Hüte dich vor Selbstherrlichkeit. Selbstherrlichkeit beleidigt Gott, von dem alle Gaben kommen und macht Sünder anmaßend. Doch wenn du wirklich demütig bist, geht dir … auf, dass das kontemplative Gebet frei von Gott verliehen wird, ohne jegliches Verdienst.“ Das kontemplative Gebet ist aber für den unbekannten Verfasser der „Wolke des Nicht-Wissens“ (einer meditativen Schrift aus dem Ende des 14. Jahrhunderts) nichts anderes als der „Impuls der blinden, nackten Liebe zu Gott hin“.

Liebe Gemeinde,

die Gedanken dieser Predigt wurden ausgelöst von dem einfachen Satz: „Die Liebe sei ohne Falsch. Hasst das Böse.“

Ich bin – was „falsche Liebe“ angeht – ein gebranntes Kind.

Martin Luther war das auch. Solche Kinder spüren, dass sie nicht um ihrer selbst willen geliebt werden, sondern für das, was sie den Erwachsenen „geben“. A. Miller hat diese Kinder „begabte Kinder“ genannt. Es ist gefährlich, an dieser Stelle so stecken zu bleiben, dass man sich ein Leben lang als Opfer sieht. Dies führt zu lebenslangem Hass – auf sich selbst wie auf die „Täter“. Hass aber zementiert meine Abhängigkeit.

Der einzige mir bekannte Weg, der wirklich hinaus in die Freiheit des Liebens und damit des Lebens führt, ist die Verwandlung: des Wassers in Wein, des Misstrauens in Vertrauen, des Hasses in Liebe.

Nur Liebe macht frei!

Und diese Verwandlung ist ein permanenter Prozess, den wir nicht selbst „machen“ können. Aber wir können uns ihm überlassen.

Der Katalysator, der diese Verwandlung in Gang bringt, ist die Fähigkeit loszulassen.

Sich und den Anderen sein zu lassen.

Auf Wiedergutmachung und Genugtuung zu verzichten.

Vom Anderen nichts zu erwarten. Schon gar nicht, dass er sich so verändert, wie ich es für richtig halte. Schon gar nicht mit dem Satz: „Ich will doch nur dein Bestes!“ In der Liebe höre ich auf zu wollen. Und so wächst in mir die Kraft der Nüchternheit. Des nüchternen Anerkennens:

es ist, was es ist.“

Das ist der Weg wirklicher Liebe. Gebe Gott, dass wir immer kräftiger werden dafür, diesen radikalen Weg der Liebe zu gehen, indem wir lernen, immer tiefer und bedingungsloser ja zu sagen zu dem, was gerade geschieht, AMEN.

Predigt zum 3. Advent

Gottesdienst am 3. Advent 2018 in der Apostelkirche in München-Solln

Liebe Gemeinde,

Eine Lehrerin behandelte in einer Schulstunde moderne Erfindungen.

Kann einer von Euch eine wichtige Sache nennen, die es vor 50 Jahren noch nicht gab?“ fragte sie.

Ein heller Kopf in der ersten Reihe meldete sich und sagte:

Ich!“

Stimmt – für mich selbst bin ich am Wichtigsten. Alles, was ist tue, alles was ich unterlasse – ich selbst habe die Konsequenzen zu ertragen. Inwieweit ich mich mir selbst zuwende, inwieweit ich mich von mich abwende, inwieweit ich mit mir nichts zu tun haben will, inwieweit ich mich selbst belüge – stets ist da ein „Ich“ – das so und nicht anders lebt. Vielleicht sagt dieses Ich: „Gerade so will ich leben!“ Vielleicht sagt es aber auch: „Um das, was ich will, ist es noch nie gegangen – aber was bleibt mir übrig. Ich muss halt so leben … Aber eigentlich habe ich das Gefühl, mein Leben wird gelebt.“

Unser heutiger Predigttext lässt sich so auslegen, als ginge es einmal mehr nicht um mich. „Bereitet dem HERRN einen Weg!“ heißt es da. Also wieder: tue was für jemand anderen.

Es sei denn, der HERR, Gott, hat mit mir, mit meinem ureigenen Leben zu tun.

In einer alten chassidischen Geschichte heißt es: Gott wird Rabbi Sussja nicht fragen, ob er Moses gewesen – er wird ihn fragen, ob er Sussja gewesen.

Hier geschieht ein Gott, der sich wirklich für mich interessiert.

Aktualisiert: Gott wird nicht nicht fragen, ob du gute Noten geschrieben hast, ob du gut in der Schule aufgepasst hast, ob du brav gewesen bist und im Gottesdienst nicht geschwätzt hast. Er wird dich auch nicht Fragen, wie hoch du auf deiner Karriereleiter geklettert bist, wie viel Geld du gemacht hast, wie groß dein Haus ist und ob du dir ein eigenes Boot leisten konntest. Auch will er nicht wissen, wie viel du gearbeitet hast, wie sehr du dich für andere „aufgeopfert“ hast …

Er wird dir genau eine Frage stellen: bist du dir selbst nahe gewesen – oder bist du vor dir selbst davon gelaufen? Hast du dich deinen Dunkelheiten angenähert oder hast du sie mit schlauen Worten weg-rationalisiert? Bist du dir selbst treu gewesen oder hast du dich verraten?

Hast du dir die Mühe gegeben, dich selbst kennen zu lernen, oder bist du Anderen hinterher gelaufen? Meintest, cool sein zu müssen, wenn du wie die anderen bist. Meintest toll sein zu müssen, indem du nicht wie die Anderen bist.

Die einzige Frage, die der Mensch gewordene Gott dir stellt, lautet: bist du in Verbindung mit deiner ganz eigenen Wahrheit? Oder folgst du den Stimmen, die dir einreden, wie du sein solltest? Hast du die Kraft, dich von deinen Sehnsüchten nach Harmonie zu trennen und für dich selbst einzustehen?

Sich mit diesen Fragen zu beschäftigen verbinde ich mit dem adventlichen Satz:

“Bereitet dem HERRN einen Weg!” Er steht im 40. Kapitel des Jesajabuches. Ich lese ihn in seinem Zusammenhang in der Übertragung M. Bubers vor:

Tröstet, tröstet mein Volk spricht euer Gott

redet zum Herzen Jerusalems und rufet ihr zu,

dass vollendet ist ihr Frondienst, dass abgegnadet ist ihre Schuld,

dass gedoppelt von seiner Hand sie empfängt für ihre Sündenbußen.“

Halten wir hier kurz inne: keine Strafpredigt, keine Gerichtsankündigung steht am Beginn dieser Botschaft. Sondern Trost.

Gottes Zuwendung ist eine liebevoll. Und gerade so tröstlich.

Das Wort „Trost“ gehört zu der indogermanischen Wortgruppe „treu“ und bedeutet „innere Festigkeit“, „innere Sicherheit“. Auch das Wort „trauen“ gehört hierher: jemandem „trauen“ zu können, ihn als „zuverlässig“ zu erleben ist „tröstlich“. Denken Sie auch an das englische „true: wahr, richtig, echt“. Und auch in tree, „Baum“. als Sinnbild von Festigkeit, ist der Stamm von Trost enthalten.

Ein Trost, der das ist, was sein Wortstamm verheißt, verleiht „innere Sicherheit“. Davon zu unterscheiden ist das schnelle Trostpflaster, der „billige“ „Es-wird-schon-wieder-Trost“. Gottesdienste, auch Predigten sind gefährdet für den schnellen, scheinbar tröstenden Kick … und schon am Sonntag Nachmittag ist alles wieder beim Alten. Die alten Ängste, die alten Schmerzen, die alte Enttäuschung …

Deshalb lautet die Überschrift des Trostes: „Rede zum Herzen Jerusalems:“ Erst dann kommt der Inhalt des Trostes: „Die Zeit deiner Sklaverei ist vorbei …“

Rede zum Herzen Jerusalems!“ heißt: was mich wirklich und wirksam tröstet ist etwas, das tief in mich hineinkommt, was mir zu Herzen geht. Die dem Trost entgegen kommende Bewegung ist ein sich öffnendes Herz. Ein verschlossenes Herz ist untröstlich. Und ein untröstliches Herz ist unersättlich. Nicht satt zu kriegen.

Der Trost, der „Halt und Sicherheit“ geben kann, geschieht über die Öffnung der „Zwei“ zur „Drei“ – zum Dritten. Der Tröster, so wird im Johannesevangelium der Heilige Geist genannt – ist die dritte Person Gottes, die aus der Katastrophe der Kreuzigung des Sohnes im Angesicht des ohnmächtigen Vaters herausführt – hineinführt in die Lebendigkeit des Lebens. Gesundes Leben spielt sich stets in der Mitte ab, irgendwo dazwischen: weder ohnmächtig noch allmächtig. Gesundes Leben setzt sich und die eigene Meinung nicht absolut. Und es stellt sein Licht nicht unter den Scheffel. Genauso wenig, wie es sich selbst überhöht.

Hören wir weiter auf unseren Text:

Stimme eines Rufers:

In der Wüste bahnt SEINEN Weg,

ebnet in der Steppe eine Straße für unseren Gott.

Alles Tal soll sich heben,

aller Berg und Hügel sich niedern,

das Höckrige werde zur Ebne und das Hügelige zur Senke.

Offenbaren will sich SEIN Ehrenschein, alles Fleisch vereint wird’s sehen.

Ja, geredet hats SEIN Mund.

Stimme eines Sprechers: Rufe!

Er spricht zurück: was soll ich rufen!

Alles Fleisch ist Gras, all seine Anmut der Feldblume gleich!

Verdorrt ist das Gras, verwelkt ist die Blume, da SEIN Windhauch sie angeweht hat.

-Gewiss,

Gras ist das Volk, verdorrt ist das Gras,

verwelkt ist die Blume,

aber für Weltzeit besteht die Rede unseres Gottes.“ (M. Buber)

Für die Weltzeit besteht die Rede unseres Gottes“. Die „Rede unseres Gottes“ ist das Wort, ist die Sprache. Auch die Sprache ist ein Drittes: sie dient als Medium, als Brücke zwischen mir und Ihnen, allgemeiner: zwischen dem Sprecher und der Welt da draußen. Sie vermittelt (Mitte!) gleichsam zwischen innen und außen. Sie vermittelt aber auch zwischen meinen Gefühlen und meinem Verstand, falls ich mich traue, sie dafür zu verwenden. Wenn Sie Reden von totalitären Machthabern hören, merken Sie, dass der eigene Hass sich dieser Sprache bemächtigt hat. Eine Spielart des Hasses ist Zynismus: „sich lustig machen über!“

Die Rede unseres Gottes“ ist eine Sprache des Trostes, des Verständnisses und der Güte. In dieser Haltung und nicht in einer überheblich-maßregelnden sind die 10 Gebote (hebräisch 10 Worte) gesagt. Es sind 10 Worte für gerechtes und friedvolles Zusammenleben.

Unsere Herzen zu öffnen für die liebevolle „Rede unseres Gottes“ bedeutet: die eigene Nichtigkeit anzuerkennen. „Alles Fleisch ist Gras, all seine Anmut der Feldblume gleich!“

Das Verrückte ist: der mein Herz öffnende, mein Leben verändernde Trost bedingt das Erleben meiner eigenen Vergänglichkeit. Indem ich meine Vergänglichkeit bejahe, kann ich mich und meine Meinung gar nicht mehr absolut setzen. Die “Rede unseres Gottes” ist eine Rede des Verständnisses. Aus ihm heraus geschieht Heilung: „Blinde sehen und Lahme gehen, Aussätzige werden rein …“ so heißt es in unserem Evangelium In diesem Verständnis beginne ich in meiner Seele etwas zu erkennen, wofür ich lange Zeit blind gewesen bin. Werde ich beweglich an Stellen, wo ich dachte, ich bin gelähmt. Der Ausschlag meines inneren Druckes mildert sich; für tot Gehaltenes beginnt zu leben. Es wächst in mir zwischen zwischen Up und Down, es entsteht ein Weg, auf dem sich erhobenen Hauptes laufen lässt.

Indem wir Gott den Weg bereiten – und mehr können wir nicht – entstehen Brücken in der zerklüfteten Landschaft unserer Seele. Die eisigen Gipfel meiner Empörung, meiner Überheblichkeit, meines triumphalen Wissensdünkels werden erniedrigt, die schwarzen Jammer-Täler meiner Niedergeschlagenheit werden erhöht. Und so entsteht etwas Mittleres.

Und der Tröster ist der „Mittler“ dieses „Mittleren“.

Die Mitte aber ist das, wo nichts ist. Die Ränder, Pol mit ihren Polarisierungen lassen sich viel leichter in den Griff kriegen.

Wo nichts ist, ist auch nichts zu begreifen.

Und das ist schwer auszuhalten.

Die Mystiker aller Generationen und Religionen haben dieses Nichts ins Zentrum gestellt. Nur ein leeres Gefäß kann etwas anderes aufnehmen, sagen sie.

Deshalb „sollst du schweigen!“ predigt Johannes Tauler. „In diesem mitternächtlichen Schweigen, in dem alle Dinge in tiefster Stille verharren und vollkommene Ruhe herrscht, da hört man das Wort Gottes in Wahrheit. Denn soll Gott sprechen, so musst du schweigen. Soll Gott in dich eingehen, so müssen alle Dinge ihm den Platz räumen.“

Das Fest dieses „mitternächtlichen Schweigens“ ist für mich Weihnachten.

In diesem Sinne – schweige auch ich jetzt – nachdem ich Ihnen vorher noch eine kleine Geschichte erzähle:

“Ein alter Mann konnte stundenlang still in der Kirche sitzen.

Eines Tages frage ihn ein Priester, worüber Gott mit ihm spräche.

Der Mann antwortete: Gott spricht nicht. Er hört nur zu.

Was redest du dann mit ihm? wollte der Priester wissen.

Ich spreche auch nicht, ich höre nur zu.”

AMEN.

Und die Liebe Gottes, die weiter ist als all unser menschliches Reden und Tun, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus AMEN.

Wir wollen jetzt für drei Minuten Gott schweigend zuhören!

Predigt zum 2. Advent 2018

Predigt über Jesaja 35, 1-10

Liebe Gemeinde,

ich bin nicht dazu da, meine Mitmenschen zu beleben.

Und meine Mitmenschen sind nicht dazu da, mich zu beleben.

Dies ist mein persönlicher Wochenspruch an diesem 2. Advent.

Steht auf und erhebt Eure Häupter, denn Eure Erlösung, Eure Befreiung ist nahe!“

An diesem, dem offiziellen Wochenspruch schließt sich der Predigttext nahtlos an. Um aufzustehen und erhobenen Hauptes in der Welt zu stehen, bedarf es einer inneren Sicherheit, einer inneren Festigkeit, die daraus entspringt, sich dem Fluss des eigenen Lebens überlassen zu können. Der Prophet Jesaja beschreibt diese erlösende Freiheit so:

Stärkt die schlaffen Hände und festigt die wankenden Knie!

Sagt zu denen, die ein ängstliches Herz haben: »Seid stark, fürchtet euch nicht! Seht, da ist euer Gott! Rache kommt, die Vergeltung Gottes. Er selbst kommt und wird euch retten.«

Dann werden die Augen der Blinden aufgetan und die Ohren der Tauben geöffnet werden. Dann werden die Lahmen springen wie ein Hirsch, und die Zunge der Stummen wird frohlocken. Denn es werden Wasser in der Wüste hervorbrechen und

Ströme im dürren Lande. Und wo es zuvor trocken gewesen ist, sollen Teiche stehen, und wo es dürre gewesen ist, sollen Brunnquellen sein. Wo zuvor die Schakale

gelegen haben, soll Gras und Rohr und Schilf stehen.

Und es wird dort eine Straße sein und ein Weg, und er wird der heilige Weg heißen. Kein Unreiner wird darüber hinziehen, sondern er wird für sie sein. ER selbst geht den Weg voran, dass auch Einfältige nicht irre gehen. Es wird da kein Löwe sein und kein reißendes Tier darauf gehen; sie sind dort nicht zu finden, sondern die Erlösten werden dort gehen.

Die Befreiten des HERRN werden wiederkommen und nach Zion kommen mit Jauchzen; ewige Freude wird über ihrem Haupt sein; Freude und Wonne werden

sie ergreifen, und Schmerz und Seufzen wird entfliehen.“

Es geht um Rückkehr. Die Israeliten kehren aus der Fremde, in der sie sich als Gefangene erlebten, zurück in ihr Land, in ihre Stadt, in ihre Freiheit.

Es ist die befreiende Rück-Kehr im Sinne des „Zu-sich-selber-Kommens“. In diesem Geschehen werden die in Fremd-Bestimmung erschlafften Hände wieder fähig zum Handeln. Werden die in stolzer Abweisung versteiften Knie, wieder geschmeidig. Empfangen die in ihrer Einsamkeit ängstlich gewordenen Herzen stärkenden Trost: „Du bist gar nicht allein. Dein Gott ist da!“ Er führt diejenigen nach Hause, die nicht aufgehört haben, auf ihn zu hoffen.

Die sich aber von Gott nichts versprechen, die mit ihm nichts anfangen können – die kann er auch nicht nach Hause bringen. Das ist seine Art der „Rache“. Es ist eine „Rache“ in Trauer – ohne Schadenfreude. Gott wirbt bis zuletzt, den Weg zurück zu gehen. Zu sich selbst. Zu sich selbst nach Hause. Aber er zwingt nicht. Der Weg nach Hause geschieht in radikaler Freiheit. In unserem Text sind die, die nach Hause kommen, die Erlösten, die Befreiten. Sie sind frei dafür, zu sich selbst zu kommen.

Dies ist das einzige Ziel von Therapie und Seelsorge: Menschen zu helfen, sich zu befreien für ihren Weg zu sich selbst. Das hat nichts mit der grandios-egoistischen Freiheit im Sinne von ich kann jederzeit machen, was ich will, zu tun.

Gott ist ein Gott der Freiheit. Der Freiheit für IHN, für die eigene Bestimmung. So steht er immer auf der Seite unser Lebendigkeit, unseres Lebens.

Gott ist allerdings für den gefährlich, der sich selber etwas vormacht.

Der in einer Selbst-Täuschung verharrt. Er wird Gott hassen und diejenigen, die auf ihn vertrauen verspotten. Zynismus ist eine starke Waffe des Unglaubens. „Glücklich der Mensch, der nicht … im Kreis der Spötter sitzt!“ (Psalm 1,1) Bei Martin Buber sind die Spötter die „Dreisten“ – die sich erdreisten, über ihre Mitmenschen ein Urteil zu fällen, indem sie sich über deren Haltung lustig machen … Es ist halt viel leichter und macht natürlich auch Spaß, sich über Andere lustig zu machen, anstatt den Anderen kennen und vielleicht sogar verstehen zu lernen … Ganz zu schweigen von der Möglichkeit, sich selber in die Augen zu schauen und sich selbst kennen zu lernen..

In einer alten chassidischen Geschichte heißt es: Gott wird Rabbi Sussja nicht fragen, ob er Moses gewesen – er wird ihn fragen, ob er Sussja gewesen.

Aktualisiert: Gott wird nicht nicht fragen, ob du gute Noten geschrieben hast, ob du gut in der Schule aufgepasst hast, ob du brav gewesen bist und im Gottesdienst nicht geschwätzt hast. Er wird dich auch nicht Fragen, wie hoch du auf deiner Karriereleiter geklettert bist, wie viel Geld du gemacht hast, wie groß dein Haus ist und ob du dir ein eigenes Boot leisten konntest. Auch will er nicht wissen, wie viel du gearbeitet hast, wie sehr du dich für andere „geopfert“ hast …

Er wird dir genau eine Frage stellen: bist du dir selbst nahe gewesen – oder bist du vor dir selbst davon gelaufen? Hast du dich deinen Dunkelheiten angenähert oder hast du sie mit schlauen Worten weg-rationalisiert? Bist du dir selbst treu gewesen oder hast du dich verraten?

Hast du dir die Mühe gemacht, dich selbst kennen zu lernen, oder bist du Anderen hinterher gelaufen? Meintest, cool sein zu müssen, wenn du wie die anderen bist. Meintest toll sein zu müssen, indem du nicht wie die Anderen bist.

Die einzige Frage ist: bist du in Verbindung mit deiner ganz eigenen Wahrheit? Oder folgst du den Stimmen, die dir einreden, wie du sein sollst? Hast du die Kraft, dich von deinen Sehnsüchten nach Harmonie zu trennen und für dich selbst einzustehen?

Und indem du dich auf diese Frage wirklich einlässt, wirst du dort laufen lernen, wo du dachtest, gelähmt zu sein. Und wirst dort lernen etwas zu sehen, wo du dachtest, du bist blind, Finsternis umgibt dich. Und wirst lernen dort etwas zu hören, wo du meintest, es gibt nichts zu hören.

Rück-Kehr.

Es ist die Bewegung zu sich selbst zurück. Wozu verwende ich eigentlich meine Intelligenz? Um besser da zu stehen als Andere? Um mich schlauer fühlen zu können? Und wenn dem so sein sollte: wieso ist mir das so wichtig?

Wozu verwende ich mein Predigen? Um andere zu überzeugen, dass meine Gedanken die richtigen sind? Um Anerkennung zu bekommen? Um gesehen zu werden? Um meinen Hass unterzubringen – indem ich werte und beurteile und verurteile?

Wozu verwende ich mein Leben? Um mich abzulenken, häufe ich einen Termin an den anderen; hetze stöhnend durch meinen Alltag – und spüre: nur nicht stehen bleiben, nur nicht zur Ruhe kommen. Dann wird es erst richtig gefährlich. Am Ende spüre ich noch etwas von mir selbst.

Sich selbst nahe kommen, Gott nahe kommen, bedeutet, freiwillig in das Fegefeuer der eigenen Schattenseiten hineinzugehen. Das ist ein sehr schmerzhafter Weg. Und ein tränenreicher Weg. Es sind meine Tränen, die das dürre Land, meine innere Wüste bewässern und fruchtbar machen. Die Tränen quellen aus dem Eingeständnis, dass ich in der Tiefe gegen mich selbst und gerade so gegen Gott gelebt habe. Dass ich im Anderen und in meiner Empörung über den/die Andere(n) meine eigenen Schattenseiten so bekämpft habe, dass ich meinen Schatten auf die Anderen geworfen habe.

Noch einmal: Rück-Kehr.

Es gibt einen Weg, zu sich selbst und zu Gott zurück. Diesen Weg kann jeder gehen – auch der Einfältigste. Gott selbst geht ihn voran.

Und wo ist dieser Weg? Wie kann ich ihn finden?

Er wird der heilige Weg genannt werden.“

Heilig bedeutet: ganz(heitlich), ganz, unversehrt.

Bedeutet: mit allem, was mich ausmacht, in gutem Kontakt zu sein. Mit allem: gerade auch mit meinen Schwächen, mit meinem Zorn, mit meinen Ängsten, mit meiner Ungeduld. Bedeutet: mich dafür nicht zu verurteilen.

Keine Löwen und andere wilde Tiere werden auf diesem Weg sein, sagt Jesaja. Das heißt, meine ungehaltene „wilde“ Aggression überfällt mich nicht mehr. Sie ist gezähmt. Und indem sie gezähmt ist, ist sie verwandelt. Aus meiner „gesunden“ Aggression heraus stehe ich im Leben. Bin ich geschützt vor Missbrauch und Ausbeutung. Muss ich nicht mehr alles bieten, muss nicht mehr vor dem kleinsten Konflikt fliehen. Halte ich aus, andere zu enttäuschen – halte ich aus, von anderen enttäuscht zu sein. Enttäuschung bedeutet ja nichts anderes, als den Zustand der Täuschung zu verlassen.

Für die Unreinen ist dieser Weg nicht gangbar; nicht weil sie unerwünscht wären oder weil sie bestraft werden sollen. Ganz und gar nicht. Der Weg lädt jeden ein, ihn zu gehen. Die „Unreinen“ sind „Gefangene der Matrix.“ (im Sinne des grandiosen Filmes „Matrix“) Sie leben in ihrer Schein-Welt, die sie für die wirkliche halten. Hinweise darauf, dass dem so ist, sind unerwünscht. Diejenigen, die die Lüge und den Betrug der Schein-Welt erkennen und aufdecken, sind zu liquidieren. Das war damals so – das ist heute so. (Wobei eine wirkungsvolle Art des Tötens das Exkommunizieren, das Aus-der-Gemeinschaft-Ausschließen ist.)

Der Mehrheit von uns Menschen ist nicht wahrheitsfähig. Die Konsequenzen dessen müssen wir alle ertragen – siehe z.B. Klimawandel, siehe das Erstarken von Fundamentalismus.

Liebe Konfirmanden, liebe Gemeinde,

es ist auch eine Falle, sich in diesen düsteren Gedanken aufzuhalten. Viel besser ist es, den „Heiligen Weg“ einfach zu gehen. Und zwar Schritt für Schritt. Ein Weg ist dazu da, gegangen zu werden; mein Leben ist dazu da, gelebt zu werden. Der Heilige Weg ist kein Besitz. Draußen lauert die Welt auf uns, mit ihren Forderungen und Erwartungen. Wahrscheinlich erwarten Euch noch Schulaufgaben in dieser Woche, die Weihnachtsgeschenke müssen noch vervollständigt werden, ein Christbaum wäre auch schön, und wenn werde ich an Weihnachten treffen und wen nicht, und will ich den und den überhaupt sehen. Und was gibt es zu essen? Und wir mir die Weihnachtsgans auch gelingen? Und so weiter und so fort. Und mit meiner Ungeduld und Unsicherheit verschwindet der Heilige Weg.

Weg ist weg – an seiner Stelle sind die vertrauten Schnellstraßen der Hektik, das bekannte Gereiztsein, die gefühlten Überforderungen getreten. Und der Löwe meines Ärgers und meines Zorns geht wieder auf die Jagd und sucht sich Opfer.

Dagegen bin ich machtlos. Alles, was ich machen kann, ist, mich auch diesen Augenblicken ganz hinzugeben. Sie zu erleben.

In demselben Moment, wo ich mich wieder in Verbindung mit Gott spüre, bin ich schon wieder auf dem Heiligen Weg. Als hätte er auf mich gewartet. So gesehen kann ich jederzeit zu mir – zum Weg zurück-kehren. Wenn das keine gute Nachricht, kein Evangelium ist?! AMEN.

Weihnachtspredigt 2018

Predigt über Johannes 3, 31- 36 für den 1. Weihnachtstag 2018

Liebe Gemeinde,

am Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott und Gott war das Wort.“

Damit begann unser heutiger Gottesdienst.

Damit beginnt das Evangelium nach Johannes.

Keine Krippe, keine Engel, keine Hirten.

Der von oben her kommt, ist über allen.“

Damit beginnt unser heutiger weihnachtlicher Predigttext, ebenfalls aus dem Johannesevangelium.

Das klingt „hochnäsig“!

Da steht jemand „über den Dingen!“

Das lasse ich doch gar nicht an mich ran kommen!“

Auf solche Niederungen, wie Gefühle, lasse ich mich doch gar nicht ein!“

Diese Haltung beschreibt nicht das im Johannesevangelium gemeinte „Wort“. Es beschreibt eine unter uns Menschen verbreitete Haltung, der man das Adjektiv „arrogant“ geben könnte. Sie ist verbreitet bei Menschen, die in der Tiefe ihrer Seele schwer verletzt worden sind. Die Miteinander-in-Beziehung-Sein, gar vom Anderen etwas zu brauchen, als demütigend erleben. „Arroganz“ kommt aus dem Lateinischen: „ad-rogare“ – „etwas Fremdes für sich beanspruchen.“ In der Arroganz wird alles als Eigenes ausgegeben und so das Fremde (der Andere) vernichtet.

Es gibt keine Möglichkeit, den Anderen gerade in seinem Anders-Sein anzuerkennen.

Lehre mich, an anderen Menschen unerwartete Talente zu entdecken, und verleihe mir, o Herr, die schöne Gabe, sie auch zu erwähnen“ betet Theresa von Avila.

Dem „von oben herab“ lebenden Menschen ist dies unmöglich. Er kann sich und dem Anderen auch nicht eingestehen, was er alles anderen Menschen verdankt. Es gibt auch keine Möglichkeit zu sagen: „Das weiß ich nicht.“ Oder gar: „Da habe ich mich getäuscht.“

Lehre mich die wunderbare Weisheit, dass ich mich irren kann.“ Auch eine Fürbitte der Heiligen Theresa.

Der Arrogante weiß immer schon alles und ist unfehlbar. Es gibt Patienten, wenn ich ihnen etwas sage, was ich für wesentlich halte, schweigen sie, so dass unklar bleibt, ob sie etwas damit anfangen können. Etwas später und an anderer Stelle sagen sie dasselbe, nur jetzt so, dass es so klingt, als wäre es ihre eigene Erkenntnis.

Das ursprünglich Fremde wird so als ihr eigenes ausgegeben.

(So sind auch Plagiate Ausdruck von Arroganz.)

Arrogantes Denken ist ein Denken in extremen Bewertungen und Beurteilungen: die Welt zerfällt in „zu bewundern“ und „abzulehnen“, stärker noch: „auszuscheiden“. Lateinisch: zu „exkommunizieren“. Oder gar auch: zu „liquidieren“.

Wer von der Erde ist, der ist von der Erde und redet von der Erde. Der vom Himmel kommt, ist über allen.“

Da stehe ich drüber“, sagt der Überhebliche. Oder: „So was kratzt mich doch nicht.“

Als Adams Kinder aber sind wir Menschen von der Erde. Geschaffen aus Ton.

Ich bin tausend Stufen hinabgestiegen, bis ich an den Punkt kam, an dem ich den Erdenkloß, der ich bin, sehen und berühren konnte,“ sagt der Psychoanalytiker C.G. Jung.

In diese Paradoxie hinein sind wir aufgespannt. Unser Leben findet „dazwischen“ statt: „zwischen Himmel und Erde.“ Wer die „Bodenhaftung“ verliert, droht im Weltall verloren zu gehen. Verschollen in den unendlichen Weiten des Weltalls.

Wer in sich selbst gekrümmt in seinem Schlammloch sitzt, droht in seinem eigenen Sumpf zu versinken, darin zu ersticken.

Es geht um die Energie, die von dem Wort, das da Fleisch wurde und alltäglich Fleisch wird, ausgeht. Verwende ich es für meine eigene Arroganz? Oder verwende ich es als Hilfe dafür, in der Spannung des „Dazwischen“, in der mein Leben aufgespannt ist, zu leben. Kippe ich zwischen den beiden Polen hin und her – oder verwende ich es als Kraft, die Widersprüche meines Lebens zu ertragen.

Weder arrogant abzuheben noch depressiv zu versinken.

Was er gesehen und gehört hat, das bezeugt er; und sein Zeugnis nimmt niemand an.“

Der Eine, der „Hochnäsige“, fühlt sich viel zu überlegen, um irgend etwas anzunehmen. Annehmen im Sinne von: an mich heran lassen. Alles, was er an sich heran lässt, wird sofort zu seinem Eigenen. Alles wird bemächtigt.

Und wenn er mit etwas gescheitert ist, dann sagt er: „Ich muss mich neu erfinden.“

Der Andere, der „In sich selbst Gekrümmte“ fühlt sich viel zu „klein und schwach“, um irgend etwas an sich heran zu lassen. Dessen bin ich nicht wert, sagt er.

Die beiden sind Brüder. Sie sind nur verschiedene Seiten derselben Medaille. Sie können nichts annehmen, nichts in sich hinein lassen. Wer aber nichts nehmen kann, der kann auch nichts geben. Sie sind „erstarrt“. Unersättlich auf der Suche nach „mehr“.

Nicht Viel-Wissen sättigt die Seele und gewährt ihr Frieden (wörtlich: Befriedigung), sondern das das Verkosten der Dinge von innen her“, sagt Ignatius von Loyola.

Wer aber sein Zeugnis annimmt, der besiegelt, dass Gott wahrhaftig ist.“

Besiegeln“ ist ein altes Wort: es bedeutet, als jemandes Eigentum zu markieren. Man sagt noch: darauf gebe ich dir „Brief und Siegel“: der „Siegel“ – ein Abdruck aus Wachs – bestätigt, dass der Brief echt ist. Es ist eine Art definitive „Beglaubigung“.

Der Satz heißt also: wer das Zeugnis des Wortes von innen her verkostet, der gibt Brief und Siegel darauf, dass Gott wahrhaftig ist. „Von innen her verkosten“ heißt: nicht nur an sich ran lassen, sondern in sich hinein lassen.

Der Arrogante ist ein emotionaler Anorektiker.

Er verwendet Nahrung nicht für Wachstum sondern dafür, sich und der Welt zu beweisen, dass er „darüber steht“ – dass er keine Nahrung braucht.

Von innen her verkosten“ geschieht mit einem sich öffnenden Magen. Sich öffnen heißt, die Kontrolle darüber, was in mich hinein kommt, aufzugeben. Nur: was einmal in mir „drinnen“ ist, das führt ein Eigenleben. Das kann ich nicht mehr kontrollieren. Im schlimmsten Fall zerstört es mich, wenn es Gift ist.

Es ist mein Schutz, den ich mir über Jahrzehnte zugelegt habe, der mich davon abhält, den Anderen, das Fremde, Gott in mich hinein zu lassen.

Denn der, den Gott gesandt hat, redet Gottes Worte; denn Gott gibt den Geist ohne Maß.“

Wer von Gott selbst ausgesandt ist, der kann nicht anders als Gottes Worte reden. In ihm und über ihn und mit ihm ist Gottes Heiliger Geist.

Der Vater hat den Sohn lieb und hat ihm alles in seine Hand gegeben.“

Es ist der Sohn, von dem hier die Rede ist. Er kommt von oben her, er ist über allen, er bezeugt, was er alles gesehen hat, er hat den Geist ohne Maß.

Und er ist es, den der Vater lieb hat.

Und er ist es, der den Vater lieb hat.

Der Sohn ist nichts weiter als die Hingabe an die Wirklichkeit.

Es ist, was es ist“, sagt die Liebe.

Der Weg des Sich-Öffnens geschieht ausschließlich über Liebe.

In der Liebe ist die Arroganz vernichtet.

Wer an den Sohn glaubt, der hat das ewige Leben.“

Im Glauben, im Vertrauen auf den Sohn des Vaters erlange ich Anteil am Geist des Sohnes und so Anteil an der Liebe des Vaters. Nur über das Vertrauen, dass die Nahrung, die ich bekomme, mich nährt und mich nicht zerstört, kann ich sie in mich aufnehmen. Sie schenkt mir ein Leben, das Bestand hat. Meine geistliche Nahrung ist die liebevolle Beziehung zwischen Vater und Sohn.

Sie geistlich in dem Sinne, in dem der Heilige Geist das Band der Liebe zwischen Vater und Sohn ist.

So gesehen geht die Liebe wirklich durch den Magen.

Liebevolles Vertrauen ist nicht zerstörbar. Und: es ist kein Besitz. Genauso wenig wie Nahrung ein Besitz ist. Es gibt kein „Für-immer-gesättig-Sein“.

Wer aber dem Sohn nicht gehorsam ist, der wird das Leben nicht sehen, sondern der Zorn Gottes bleibt über ihm!“

Das Griechische Wort für „nicht gehorsam sein“ heißt wörtlich: „nicht überzeugt sein.“ Es ist der Wankelmütige, der im zweiten Satz den ersten aufhebt, der verstrickt ist in seine inneren Ambivalenzen, in sein inneres „Hin-und-her-gerissen-Sein“. Er täuscht Sich-einlassen vor. In Diskussionen sagt er: „Ja, aber …“

Er hat es schwer, da nichts Bestand hat. Es täte ihm gut, an seinem Zweifel zu zweifeln. Aber, da er ins Zweifeln verliebt ist, müsste er sich von dieser Art Liebe trennen.

Er steht „im Zorn Gottes“ – das klingt dramatischer als es ist. Es ist nicht so, dass ein beleidigter Gott ihm zürnt. Es ist vielmehr so, dass er selber sich von Gott abgewendet hat. Der Zorn Gottes ist „bloß“ seine Abwesenheit. Da wir Menschen in Beziehung leben und denken müssen, bedeutet die Abwesenheit einer liebevollen Beziehung die Anwesenheit einer zornigen Beziehung.

Wenn ich mit Wut im Bauch esse, ist die Gefahr groß, Magengeschwüre oder Schlimmeres zu bekommen. Daran der Nahrung die schuld zu geben ist ebenso kindlich wie falsch.

Es gibt eine Geschichte, die sehr unaufdringlich zeigt, wie wirksam die Anwesenheit einer liebevollen Beziehung sein kann. Und wie Liebe und Vertrauen Geschwister sind:

Es war einmal ein alter Mann, der zur Zeit Lao Tses in einem kleinen chinesischen Dorf lebte. Der Mann lebte zusammen mit seinem einzigen Sohn in einer kleinen Hütte am Rande des Dorfes. Ihr einziger Besitz war ein wunderschöner Hengst, um den sie von allen im Dorf beneidet wurden. Es gab schon unzählige Kaufangebote, diese wurden jedoch immer strickt abgelehnt. Das Pferd wurde bei der Erntearbeit gebraucht und es gehörte zur Familie, fast wie ein Freund.

Eines Tages war der Hengst verschwunden. Nachbarn kamen und sagten: “Du Dummkopf, warum hast du das Pferd nicht verkauft? Nun ist es weg, die Ernte ist einzubringen und du hast gar nichts mehr, weder Pferd noch Geld für einen Helfer. Was für ein Unglück!” Der alte Mann schaute sie an und sagte nur: “Unglück – Mal sehen, denn wer weiß? Das Leben geht seinen eigenen Weg, man soll nicht urteilen und kann nur vertrauen.”

Das Leben musste jetzt ohne Pferd weitergehen und da gerade Erntezeit war, bedeutete das unheimliche Anstrengungen für Vater und Sohn. Es war fraglich ob sie es schaffen würden, die ganze Ernte einzubringen.

Ein paar Tage später, war der Hengst wieder da und mit ihm war ein Wildpferd gekommen, das sich dem Hengst angeschlossen hatte. Jetzt waren die Leute im Dorf begeistert. “Du hast Recht gehabt”, sagten sie zu dem alten Mann. Das Unglück war in Wirklichkeit ein Glück. Dieses herrliche Wildpferd als Geschenk des Himmels, nun bist du ein reicher Mann…” Der Alte sagte nur: “Glück – Mal sehen, denn wer weiß? Das Leben geht seinen eigenen Weg, man soll nicht urteilen und kann nur vertrauen.”

Die Dorfbewohner schüttelten den Kopf über den wunderlichen Alten. Warum konnte er nicht sehen, was für ein unglaubliches Glück ihm widerfahren war? Am nächsten Tag begann der Sohn des alten Mannes, das neue Wildpferd zu zähmen und zuzureiten. Beim ersten Ausritt warf ihn dieses so heftig ab, dass er sich beide Beine brach. Die Nachbarn im Dorf versammelten sich und sagten zu dem alten Mann: “Du hast Recht gehabt. Das Glück hat sich als Unglück erwiesen, dein einziger Sohn ist jetzt ein Krüppel. Und wer soll nun auf deine alten Tage für dich sorgen?’ Aber der Alte blieb gelassen und sagte zu den Leuten im Dorf: “Unglück – Mal sehen, denn wer weiß? Das Leben geht seinen eigenen Weg, man soll nicht urteilen und kann nur vertrauen.”

Es war jetzt alleine am alten Mann die restliche Ernte einzubringen. Zumindest war das neue Pferd soweit gezähmt, dass er es als zweites Zugtier für den Pflug nutzen konnte. Mit viel Schweiß und Arbeit bis in die Dunkelheit sicherte er das Auskommen für sich und seinen Sohn. Ein paar Wochen später begann ein Krieg. Der König brauchte Soldaten, und alle wehrpflichtigen jungen Männer im Dorf wurden in die Armee gezwungen. Nur den Sohn des alten Mannes holten sie nicht ab, denn den konnten sie an seinen Krücken nicht gebrauchen. “Ach, was hast du wieder für ein Glück gehabt!”‘ riefen die Leute im Dorf. Der Alte sagte: ” Mal sehen, denn wer weiß? Aber ich vertraue darauf, dass das Glück am Ende bei dem ist, der vertrauen kann.” AMEN.

Verteidigung der Böcke – oder: vom gespaltenen Denken

Predigt über Offenbarung 2, 8-11 am vorletzten Sonntag im Kirchenjahr 2018

Liebe Gemeinde,

wir müssen alle offenbar werden vor dem Richterstuhl Christi.“

Mit dieser nicht sehr einladenden Sentenz begann unser heutiger Gottesdienst.

Das passt zu einer bestimmten religiösen Erziehung, die manche von uns kennen werden: „Der liebe Gott sieht alles!“ Oder: „Warte nur, wenn der Nikolaus kommt, der weiß alles, was du gemacht hast.“

Es soll Angst machen. Und die Angst soll dazu führen, sich „richtig“ zu benehmen. „Richtig“ heißt dann: so wie man das macht. Und vor allem: wie ich das von dir erwarte. Wie ich das für richtig halte.

Die alte indogermanische Wurzel von „richtig“ lehrt uns, dass dies ursprünglich gar damit nicht gemeint ist. *Reg-: „aufrichten, lenken, recken, gerade richten“. Dann auch: „richten, führen, herrschen“ Lateinisch: „rectus“ gerade, geradlinig, richtig, recht, sittlich gut. Dazu gehört dann auch „rex“ – der König; „regula“ – die Regel usw.

Wenn wir diese Wurzel von ihrem moralischen Beigeschmack befreien, dann bedeutet sie: es gibt eine Instanz, eine Regel, der gegenüber sind wir „offenbar“.

Wir sind „bekannt“.

Anders ausgedrückt: ich kann mir selber lebenslang etwas vormachen, ich kann mich belügen, „in die eigene Tasche lügen“ – das ändert nichts daran, dass es eine Wahrheit gibt, die steht einfach da. Ich glaube, jeder von uns, jeder Mensch hat in der Tiefe eine Ahnung über sich, wer er wirklich ist, was ihn wirklich bewegt und antreibt. Je „peinlicher“ er diese Ahnung empfindet – desto mehr wird er sein Leben danach ausrichten, diese Wahrheit vor sich selbst und natürlich vor anderen zu verstecken.

Dieses Verstecken kostet viel Energie und führt zu Erschöpfung, Müdigkeit bis hin zu psychosomatischen Beschwerden.

Der Gegenspieler ist meine innere „Regel“ oder Einteilung des Lebens in richtig und falsch, gut und böse. Je verständnisloser meine „innere Instanz“ gegenüber meiner Lebendigkeit ist, je grausamer sie mich bestraft für all das, was mir Freude und Spaß macht, desto „verklemmter“ werde ich leben müssen. Desto mehr wandert meine Lust dann in den „Untergrund“. Das ist der Stoff für die Skandale, wenn etwas „auffliegt“: die Pornoseiten, die ein Politiker besuchte, der sexuelle Missbrauch von Abhängigen usw.

Das ist auch der Stoff, aus der die Überheblichkeit der Moralischen, der „Gut-Menschen“ gewoben ist. Indem ich mich mit meinem vermeintlichen Besser-Sein über die Anderen erhebe, habe ich die Verbindung zu Gott, der die Liebe ist, zerstört.

Eine lieblose Moral führt vor allen Dingen zu einem: zu Hass.

Das vorhin gehörte Evangelium (Matthäus 25,31-46), das ich in seiner Spaltung nicht als „Wort Gottes“, jedenfalls nicht als Wort eines barmherzigen, heilsamen, liebevollen Gottes (an)erkennen kann, ist Ausdruck einer Moral, die nicht auf Liebe sondern auf Hass gründet. Dazu gehört die Schuldzuweisung und die grausame Bestrafung derer, die nicht „recht“ sind – das sind die „Linken“ und die „Böcke“. (Nebenbei: Ich bin noch so erzogen worden, dass es hieß: „Gib die schöne Hand!“ Das war natürlich die Rechte. Ironischerweise war meine Mutter, die mir das beibrachte, selbst Linkshänderin.) Und die „Böcke“ – das sind einfach nur die männlichen Tiere – sie kommen zur Linken und werden grausam bestraft. (Heutzutage werden die männlichen Tiere auf Hühnerfarmen nicht bestraft sondern geschreddert. Sie sind nutzlos. Aber es gibt seit einiger Zeit auch die Möglichkeit Eier zu kaufen, die die männlichen Tiere aufziehen, um sie dann als „Landgockel“ zu schlachten. Dies ist ein ungleich wertschätzender Umgang mit Lebewesen. Und es ist ein Ausdruck moralischer Überheblichkeit, sich besser zu finden und zu fühlen, wenn man Eier aus derartigen Betrieben kauft. Aber es ist ein Ausdruck von Liebe für das Leben, für die Lebewesen, wenn man solche Eier kauft.)

In der grausamen Bestrafung bringt der, der im vermeintlichen „Dienste“ der Moral handelt, seinen eigenen Hass und seine eigene Lust an der Gewalt unter. Wunderschön wird dieser Missbrauch von christlicher Moral in dem Film „Das weiße Band“ dargestellt.

Eine andere Veranschaulichung dieser Moral, deren Quelle Hass ist, sind die Sätze von Herrn Trump: stets gibt es die „Böcke“, das sind die die schuld sind – bei den Waldbränden in Kalifornien sind es die Menschen, die in der Forstverwaltung arbeiten – und stets ist einer völlig unschuldig und macht den besten Job. Und natürlich haben die Waldbrände nichts mit Klimawandel zu tun. …

Nun ist diesem zweifelhaften Evangelium ein Predigttext zugeordnet, der ebenfalls in höchstem Grade missbrauchbar ist. Hören Sie selbst:

Und dem Engel der Gemeinde in Smyrna schreibe: Das sagt der Erste und der Letzte, der tot war und ist lebendig geworden: Ich kenne deine Bedrängnis und deine Armut – du aber bist reich – und die Lästerung von denen, die sagen, sie seien Juden, und sind’s nicht, sondern sind die Versammlung des Satans.

Fürchte dich nicht vor dem, was du leiden wirst! Siehe, der Teufel wird einige von Euch ins Gefängnis werfen, damit ihr versucht werdet, und ihr werdet in Bedrängnis sein zehn Tage.

Sei getreu bis an den Tod, so will ich dir die Krone des Lebens geben.“ (Off. 2, 8-11)

Um gleich mit dem schlimmsten zu beginnen: natürlich ist dieser Text dafür missbraucht worden, den jüdischen Gottesdienst in der Synagoge als „Versammlung des Satans“ zu bezeichnen. Das geht freilich nur, wenn man sich nicht die Mühe macht, den Text genau zu lesen. Nur – wem es darum geht, Hass zu schüren, Propaganda zu machen und zu hetzen – der schaut nicht genau hin. Das erleben wir derzeit von den modernen Propaganda-Machern Tag für Tag. Genau hingeschaut steht da: „die sagen, sie seien Juden, und sind’s nicht, sondern sind die Versammlung des Satans.“ Mit anderen Worten: es sind eben nicht Juden – sondern es sind welche, die sich als Juden ausgeben, das Vorurteil gegenüber den Juden benützen und verwenden für ihre eigenen Hasstiraden. Das ist auch ein verbreitetes Geschehen: um die eigenen Vorurteile zu bestätigen, wird einem Unschuldigen (z.B. Asylbewerber, oder einem Arbeitslosen etc.) die Schuld in die Schuhe geschoben.

Ein aktuelles Beispiel in Pullach: männliche Jugendliche unter 25 Jahren werden derzeit gehäuft aufgehalten und einem Drogentest unterzogen. Mit dem Argument: dass es immer wieder zu Unfällen unter Drogeneinfluss komme. Wenn ich jedoch aufmerksam den Polizeibericht im Isar-Anzeiger lese, bin ich immer wieder überrascht, wie viele alte Menschen schuldhaft in Unfälle verwickelt sind.

Dass deren Fahrtüchtigkeit regelmäßig überprüft wird, ist mir allerdings nicht bekannt.

Aber geht das: ein Denken und Fühlen, bei dem keine „Böcke zur Linken“ entstehen?

Ein Denken und Fühlen ohne Sünden-Böcke?

Lassen Sie es uns anhand einiger Gedanken aus unsrem Predigttext versuchen.

Ich kenne deine Bedrängnis und deine Armut …“

Heißt: vor mir musst du dich nicht verstecken in deiner Bedürftigkeit, in deinem Arm-Sein, in all dem, was du nicht kannst. Ich kenne dich – ich sehe dich, ich nehme dich wahr.

Es gibt eine dazu ein wunderschönes Gedicht von Carl Johann Philipp Spitta:

Herzenskündiger, du mein Gott und Herr!

Ach du weißt es, wie ich’s meine,

was ich bin und was ich scheine,

meines Herzens Grund ist dir klar und kund.

Und weiter:

Vor dir hingestellt,

jede Hülle fällt.

Ach vor deinem Angesichte

steh ich erst im rechten Lichte,

was ich bin vor dir,

das bin ich in mir.

Dies ist nur denk- und dichtbar in einer liebvoll-zugewandten Haltung.

Und so heißt die letzte Strophe:

Gib den Kindesgeist,

der dich Vater heißt!

Dass mit kindlichem Vertrauen

ich dir in die Augen schauen

ja, mich freuen kann,

siehest du mich an.

Dieses Vertrauen ist es, das Veränderung ermöglicht. Denn vor aller Veränderung kommt die Wahrnehmung seiner selbst, die Selbsterkenntnis. Genauer: das Erleben seiner selbst. Und dazu bedarf es eines vorauseilenden Vertrauens, dass diese Bewegung hin zu mir gut geht.

Das soll ich sein?“

Alleine sich dieser Frage zu stellen erfordert Kraft und Mut.

Meinem ungeschminkten „nackten Ich“ in’s Auge zu schauen – wenn „jede Hülle“ fällt. Wenn ich aufhöre, mir selbst etwas vor zu machen. Wenn ich aufhöre, in mein Scheinen zu investieren – und anfange, mich auf mein Sein zu besinnen.

Nur im Sein wendet sich Gott mir, wende ich mich Gott zu. Nur im Sein verbinde und verbünde ich mich mit dem Gott, der sich in Jesus Christus einen Namen gemacht hat: als Gott der armen Leute, als Gott der Leidenden und Bedrängten, als Gott derer, die ohne Macht sind.

Und als Gott der „schwarzen Schafe“ und „Sündenböcke“.

Hier gehört übrigens der Satz hin: „Eher geht ein Kamel durch das Nadelöhr als ein Reicher ins Himmelreich!“ Und zu dem reichen Jüngling: „Verkaufe alles, was du hast, und folge mir nach!“ Damit ist nicht das Verkaufen „im außen“ gemeint. Das ist nicht so schwer. Schwer ist das Verkaufen im Inneren. Die Aufgabe eines Denkens, das ich so sehr gewohnt bin. Eines Denkens, das davon lebt, dass es die „schwarzen Schafe“ oder die „Böcke“ von den „Guten“ trennt.

Wisse, dass das äußere Auge der Schatten des inneren Auges ist: Was das innere Auge sieht, dem wendet sich das äußere Auge zu.“ (Rumi)

Wenn mein inneres Auge mich als Versager, als Nichtsnutz als „nutzlosen Bock“ sieht, werde ich alles darauf setzen, mir und der Welt zu beweisen, keiner zu sein. Dann muss ich z.B. Karriere machen, erfolgreich sein usw. Und dann brauche ich andere Menschen, bei denen ich meine eigenen “Bock-Seiten” unterbringe: das sind dann die Sozial-Schmarotzer, die Asylbewerber, oder auch die SUV-Fahrer, Reichen, “die da oben”. Entscheidend ist – dass ich all das, was ich bei mir nicht anschauen will, bei den Anderen unterbringe.

Wenn mein inneres Auge die Barmherzigkeit Gottes sieht und ausstrahlt, dann wird diese wie von selbst auf mich und meine Mitgeschöpfe zurück und hinaus strahlen.

Dies alles aber geschieht nur in dem unerschütterlichen Vertrauen darein, dass alles, was mir widerfährt „in Ordnung“ ist. „Richtig“ ist.

Dass ich richtig bin.

Ich weiß aus meinem Alltag: Ich kann das viel leichter predigen als leben.

Alles, was ich kann, ist, mich bei allem, was mir entgegen kommt, möglichst nicht „aus der Liebe raus bringen“ zu lassen. Der Macht der Liebe zu vertrauen und nicht der Macht der Mächtigen. So verstehe ich den Satz: „Sei getreu bis an den Tod, so will ich dir die Krone des Lebens geben.“

Diese liebevollen Gedanken sind Balsam für meine Wunden. In ihnen finde ich Möglichkeiten, nicht mehr die Welt und alles, was ich erlebe, in Täter und Opfer aus einander zu reißen. Mit einem Mal stehen die Böcke auf der linken Seite genauso „aufrichtig“ vor Gott wie die Schafe auf der rechten Seite. Beide, Schafe und Böcke gehören zu mir. Aus dieser Liebe heraus speise ich den Hungrigen in mir und im außen, reiche ich Wasser dem Durstigen. Ohne mich deshalb besser, moralisch „hochwertiger“ zu fühlen. In der Liebe bleibe ich gelassen, auch wenn ich mich sehr ungerecht behandelt fühle. Auch wenn ich verspottet werde. Jesus ist auch verspottet worden.

In dieser Liebe lege ich mein Sinnen auf Rache beiseite. Lasse ich meinen Hass auf die Egoisten dieser Welt ins Leere laufen.

In der Liebe ertrage ich alles – und bleibe frei, indem ich den Anderen nicht mehr verändern muss.

Und dies alles nicht, um einen vorderen Platz im Reich Gottes zu erhalten.

Warum dann?

Weiß ich auch nicht.

Einfach so.

Weil ich so leben will, weil ich gerade so spüre, dass Gott mir nahe ist.

Es mag für viele idiotisch sein.

Es gibt auch eine Stimme in mir, die mich für einen Idioten hält.

Das kann ich nicht ändern.

Ich habe genug damit zu tun, alltäglich ein wenig davon zu leben.

Und jeden Abend zu beten: „Gott sei mir Sünder gnädig!“ AMEN.

Zum Nachklingen der Predigt noch eine Geschichte:

Die Weißen oder die Schwarzen? (Nach A. De Mello)

Ein Schäfer weidete seine Schafe, als ihn ein Spaziergänger ansprach. “Sie haben aber eine schöne Schafherde. Darf ich Sie in Bezug auf die Schafe etwas fragen?” – “Natürlich”, sagte der Schäfer. Sagte der Mann: “Wie weit laufen Ihre Schafe ungefähr am Tag?” – “Welche, die weißen oder die schwarzen?” “Die weißen.” – “Die weißen laufen ungefähr vier Meilen täglich.” – “Und die schwarzen?” “Die schwarzen genauso viel.” “Und wieviel Gras fressen sie täglich?” – “Welche, die weißen oder die schwarzen?” – “Die weißen.” – “Die weißen fressen ungefähr vier Pfund Gras täglich.” – “Und die schwarzen?” – “Die schwarzen auch.” “Und wieviel Wolle geben sie ungefähr jedes Jahr?” – “Welche, die weißen oder die schwarzen?” – “Die weißen.” – “Nun ja, ich würde sagen, die weißen geben jedes Jahr ungefähr sechs Pfund Wolle zur Schurzeit.” – “Und die schwarzen?” – “Die schwarzen genauso viel.”

Der Spaziergägner war erstaunt.

“Darf ich Sie fragen, warum Sie die eigenartige Gewohnheit haben, Ihre Schafe bei jeder Frage in schwarze und weiße aufzuteinel?”

“Das ist doch ganz natürlich”, erwiderte der Schäfer, “die weißen gehören mir, müssen Sie wissen!” – “Ach so! Und die schwarzen?” – “Die schwarzen auch”, sagte der Schäfer.

“Jedermann sei der Demokratie untertan!”

Predigt über Römer 13, 1-7 am 23. Sonntag nach Trinitatis 2018

Liebe Gemeinde,

jedermann sei untertan der Obrigkeit, die Gewalt über ihn hat.“

Mit diesem Appell beginnt unser heutiger Predigttext aus dem Römerbrief.

Warum soll das so sein?

Denn es ist keine Obrigkeit, außer von Gott: wo aber Obrigkeit ist, ist sie von Gott eingesetzt.“

Unter weiter:

Darum: Wer sich der Obrigkeit widersetzt, der widerstrebt Gottes Anordnung; die ihr aber widerstreben, werden ihr Urteil empfangen.“

Und warum dies?

Denn die Gewalt haben, muss man nicht fürchten wegen guter, sondern wegen böser Werke.“

Recht verstanden: die bösen Werke beziehen sich auf die „Untertanen“: sie müssen die Obrigkeit wegen „böser Werke“ fürchten, nicht aber wegen guter Werke.

Dass die Obrigkeit selbst „böse Werke“ tut, das ist für Paulus – jedenfalls in diesem Textabschnitt – undenkbar.

Was ist denn Obrigkeit?

Als Obrigkeit (superioritas) wurden in hierarchisch organisierten Gemeinwesen seit dem späten Mittelalter bis in die Moderne hinein diejenigen Personen oder Institutionen bezeichnet, die rechtmäßig oder auch nur aufgrund eigener Anmaßung (Usurpation) die Herrschaft ausübten und die rechtliche und faktische Gewalt über die Untertanen besaßen. Die Untertanen schuldeten ihrer Obrigkeit Gehorsam.

Historisch unterscheidet man zwischen geistlicher und weltlicher Obrigkeit. Zur Ersteren gehörten die kirchlichen und religiösen Oberen, so etwa der Papst, die Bischöfe und die Äbte, aber auch evangelische Superintendenten. Der Pfarrer galt für seine Gemeinde ebenfalls als vorgesetzte Obrigkeit. Weltliche Obrigkeit waren die Könige, Fürsten, Grundbesitzer usw.” (Wikipedia)

In diesem Sinne gibt es bei uns keine Obrigkeit mehr: denn der Souverän (der „Inhaber der Staatsgewalt“) das sind Sie und ich: „wir sind das Volk“.

So jedenfalls die Theorie. Von daher kann man sich fragen, inwieweit es überhaupt sinnvoll ist, über einen Text zu predigen, der eine gesellschaftliche Situation voraussetzt, die heute nicht mehr gegeben ist.

Ich möchte den Text als Anregung dafür nehmen, sich Gedanken zu machen über das Thema: Autorität, Macht, Herrschaft und Verführung.

Unser Wochenspruch verweist ja auch auf eine „Obrigkeit“, auf einen König, dessen Reicht nicht in und nicht von dieser Welt ist: „Dem König aller Könige und Herrn aller Herren, der allein Unsterblichkeit hat, dem sei Ehre und ewige Macht.“ (1. Tim. 6, 15-16)

Im Zusammenhang des Timotheusbriefes ist das natürlich Jesus Christus. Sie kennen von romanischen Kirchen die Darstellung Jesu als den „triumphierenden“.

Christus triumphans.

In der Reformation wurde der Christus patiens, der leidende Christus in den Mittelpunkt gerückt.

Triumph und Leiden, Palmsonntag und Karfreitag sind zwei Seiten derselben Medaille. All-Macht (der triumphierenden Christus ist der „Pankreator“) und Ohne-Macht (der einsam am Kreuz sterbende Christus) – auch dies zwei Seiten einer Medaille. Es ist „heilsam“, beide Seiten zusammen zu sehen. Sonst bin ich fixiert,

gefangen in einem „Entweder-oder-Denken“.

Dies ist die Falle, die die Pharisäer Jesus stellen wollten: „nun gingen die Pharisäer und hielten Rat, wie sie ihn bei einem Ausspruch (logos) fangen könnten.“ Es ist die Falle der Zwei. Deshalb hat man die Zwei auch die Zahl des Teufels genannt. Soll ich das, oder das das machen. Ich kann mich nicht entscheiden!

Diese Falle schnappt nur dann zu, wenn es kein Drittes gibt. Das verbreitete Entweder-oder-Denken ist ein Denken in Gefangenschaft: der Durchbruch zum „Dritten“, zum Sowohl-als-Auch führt in die Freiheit. Jesus ist ein Lehrer dieses befreiten Denkens und Erlebens.

Zur Freiheit hat uns Christus befreit“ (Galater 5,1a)!

In der Politik ist das Dritte der zu erringende Kompromiss. „Kompromiss“, lateinisch „compromissum“ „sich gegenseitig versprechen“ bedeutet ursprünglich: „die Entscheidung eines Rechtsstreites einem von beiden Seiten gewählten Schiedsrichter zu überlassen.“ Wie immer im Leben hat auch diese an sich gute Idee einen dunklen Schatten: so entwickelte sich im Französischen das Verbum „compromettre“ – deutsch: „kompromittieren“. Und das bedeutet, dass der Dritte nicht vermittelt, sondern bloß stellt. Und genau darum ging es den Pharisäern: sie wollten Jesus in und mit seinen eigenen Worten fangen und bloßstellen – eben „kompromittieren“.

Jesus antwortet, indem er unterscheidet. Dem Kaiser ist zu geben, was ihm zusteht – und Gott ist zu geben, was diesem zusteht.

Theresa von Avila hatte ähnlich geantwortet, als sie gerade fastete und in eine Tafelrunde kam, wo es leckeren Fasan gab. Man sagte ihr, dass sie wohl nicht mit essen würde, da sie ja fastete. Und sie antwortete heiter: „Fasten ist fasten und Fasan ist Fasan!“ Und ließ es sich schmecken.

Das Entweder-oder-Denken hingegen führt zu dogmatischer Erstarrung und Humorlosigkeit. Das Sowohl-als-auch-Denken entspringt einer heiteren Mitte. Die sogenannten „Populisten“, die zur Zeit soviel Zulauf genießen, sind ausgesprochen humorlose Zeitgenossen. Vielleicht erklärt dies, dass in totalitären Regimen die besten Witze erfunden wurden. Der Witz als Ventil!

Aber zurück zu unserem Predigttext: ich denke es wird ihnen nicht entgangen sein, wie meine Gedanken um den Text des Paulus „mäandern“ – ähnlich der renaturierten Isar. Daran ändert auch der zweite Abschnitt des Textes nichts:

“Willst du dich aber nicht fürchten vor der Obrigkeit, so tue Gutes; so wirst du Lob von ihr erhalten. Denn sie ist Gottes Dienerin, dir zugut. Tust du aber Böses, so fürchte dich; denn sie trägt das Schwert nicht umsonst: sie ist Gottes Dienerin und vollzieht das Strafgericht an dem, der Böses tut. Darum ist es notwendig, sich unterzuordnen, nicht allein um der Strafe, sondern auch um des Gewissens willen. Deshalb zahlt ihr ja auch Steuer; denn sie sind Gottes Diener, auf diesen Dienst beständig bedacht. So gebt nun jedem, was ihr schuldig seid: Steuer, dem die Steuer gebührt; Zoll, dem der Zoll gebührt; Furcht, dem die Furcht gebührt; Ehre, dem die Ehre gebührt.”

Abgesehen vom letzten Satz: „so gebt nun jedem, was ihr schuldig seid“, kann ich dem Text wenig Nahrhaftes abgewinnen. Er lässt sich mühelos für falsche Anpassung und Duckmäusertum missbrauchen. Der Gedanke, dass eine Obrigkeit selbst korrupt geworden ist, dass ein Führer nicht dem Wohl seines Volkes, sondern der Entfaltung seiner eigenen selbstherrlichen Machtgelüste verpflichtet ist, ist nicht denkbar.

Es sei denn, man überschreibt den Text mit unser Gesellschaftsordnung. Dann muss er heißen:

Jedermann sei untertan der Demokratie. Die demokratische Gesinnung habe Gewalt über ihn. Sie ist von Gott eingesetzt. Wer sich der Demokratie widersetzt, der widerstrebt Gottes Anordnung. Die ihr aber widerstreben, werden ihr Urteil empfangen.“ ( … und die Konsequenzen zu tragen haben…)

Jetzt klingt es mit einem Mal sehr aktuell. Wir erleben eine Zeit, in der es eine verbreitete Wollust gibt, Unordnung zu schaffen. Eine gefährliche Wollust, nein zur guten sich bewährten aber eben auch mühsamen demokratischen Ordnung zu sagen. Es ist die Lust an der Unordnung, die derzeit mehrheitsfähig wird, verbunden mit allzu einfachen Pseudo-Lösungen und der propagandistischen Hetze gegen alles, was sich diesen sogenannten „Lösungen“ in den Weg stellt.

Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit dem Gutem.“ Dieser Satz steht gleichsam vor der Klammer unseres Textes.

Etwas freier übersetzt heißt der Satz für mich: „Nimm dich bei deiner eigenen Nase!“

Denke an deine eigenen Tricks, wenn du deine Steuererklärung machst. Und so gar keine Lust hast, dem Staat zu geben, was des Staates ist. Denke an diese verführerische Stimme in deinem Ohr, die dir zu flüstert: „Merkt doch keiner!“

Denke an deine scheinheilige Rechtfertigung, wenn du sagst: „Sollen doch erst mal die da oben aufhören zu betrügen!“

Oder: „das machen doch alle!“

Lass dich nicht von Bösem überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem!“

Für diese lebenslange Aufgabe hilft unser Wochenspruch:

es gibt einen „Führer“, einen „König“, einen „Herrscher“, dem darf ich wirklich vertrauen; er ist nicht korrupt und nicht korrumpierbar. Er ist Ausdruck jener Wahrheit, die unzerstörbar („unsterblich“) ist. Die der einzig sichere Boden allen Da-Seins ist.

Seinem Weg nachfolgen heißt, den Boden nicht mehr unter den Füßen zu verlieren. Heißt auch: Abschied nehmen von meiner Sehnsucht danach, dass ich „im außen“, in dieser Welt einen Führer finde, der mir meinen Weg weist. Indem ich den Schmerz und die Trauer dieses Abschieds ertrage, wende ich mich dem König zu, dessen Reich nicht in dieser Welt und nicht von dieser Welt ist. Diesem König und nur ihm will ich untertan sein. Je tiefer und fester ich mit ihm verbunden bin, desto freier und sicherer werde ich meinen ganz einmaligen Weg in dieser Welt gehen.

Einen Weg, der mit jedem Schritt aufs Neue entsteht.

Dem König aller Könige und Herrn aller Herren, der allein Unsterblichkeit hat, dem sei Ehre und Macht“, AMEN.

Predigt am Sonntag Kantate in der Thomaskirche in Grünwald

Predigt über Apostelgeschichte 16, 23-34 am Sonntag Kantate 2018

Liebe Gemeinde,

unser heutiger Predigttext lässt sich als eine nette Geschichte von der Gefangennahme und der wundersamen Befreiung des Paulus und seinen Mitstreitern lesen. Nebenbei wird auch noch der Kerkermeister samt Familie zum rechten Glauben bekehrt. „Nett“ – das ist die kleine Schwester von „besch … eiden“ – habe ich vor kurzem gehört.

Ich möchte versuchen, unseren Text anders zu lesen: als „innere“ Befreiungsgeschichte. Und ich möchte den Text verbinden mit dem vorhin gehörten Evangelium, in dem der ungewöhnliche Satz erklingt: „Mein Joch ist sanft und meine Last ist leicht.“ (Matth. 11, 30) Das sagt derselbe Jesus, der unter der Last seines Kreuzes auf dem Weg nach Golgatha zusammen gebrochen ist!

Um sinnvollerweise von Befreiung reden zu können, muss man von einem Gefängnis reden. Wer sich nicht „gefangen“ fühlt, der hat auch kein Interesse an Befreiung. Befreiung ist dann kein Thema für ihn.

Fühlen Sie sich frei?

Dann ist der heutige Predigttext wahrscheinlich nicht interessant für Sie.

Nun gibt es Menschen, die sagen: was ist nur los? Ich habe alles, bin materiell abgesichert, könnte ein schönes und freies Leben führen – aber ich schlafe schlecht, bin unruhig, nervös. Ich habe keinen rechten Hunger und kann mich nicht wirklich am Leben freuen. Das verstehe ich nicht. Warum kann ich diese Gefühle nicht einfach abschütteln? Und einfach nur mein Leben genießen? Eigentlich habe ich es doch so gut. …

Diese Menschen sind gefangen in Gefühlen, die ihnen das Leben schwer machen. Sie sagen vielleicht: meine Ängste verfolgen mich – oder meine Depression lässt mich einfach nicht los.

Nun ist nicht zu vergessen, dass der sicherste Ort der Welt ein Gefängnis ist. Eingesperrt-Sein und Sicherheit sind Paare.

Und wenn mich etwas nicht los lässt, so kann ich sicher sein, nicht einsam sein zu müssen. Immerhin. Besser eine schlechte Beziehung als gar keine!

Auf der anderen Seite: Frei-Sein ist mit Unsicherheit gepaart. Und all das, was ich wirklich los lasse – das ist dann weg. Dann bin ich ganz allein mit – ja mit wem?

Das ist die große Frage.

Unser Streben nach Sicherheit, nach Vertrautheit, unsere alltägliche Routine kann uns zu Gefangenen unserer selbst machen. Wenn wir in einem Epiphanias-Lied singen: „Jesus ist kommen, nun springen die Bande…“ dann ist die große Frage: was mache ich mit meiner Freiheit? Was mache ich aus meiner Freiheit? Ist es nicht viel beruhigender, sagen zu können: ich kann mich ja gar nicht trennen, oder: ja früher hätte ich das und das machen sollen – aber jetzt: bin ich zu alt dafür.

Und so bleibt alles beim Alten.

Dies gilt für die Botschaft Jesu selbst: „Jesus verkündete das Reich Gottes – gekommen aber ist die Kirche….“

Jesus predigte: „Mein Joch ist sanft …“ – in seinem Namen wurden viel zu viel Menschen vermeintlich „falschen Glaubens“ getötet …

Jesus kritisierte die Pharisäer, das religiöse Establishment seiner Zeit, hart: und ein neues religiöses Establishment kristallisierte sich in seinem Namen heraus.

Ob er das so gewollt hat?

Könnte es so sein, dass wir Menschen keine Freiheit aushalten? Dass wir Freiheit gar nicht wollen? Dass wir für Freiheit nicht erschaffen sind? Das würde den gegenwärtigen Zulauf und die Popularität nicht-demokratisch denkender Politiker erklären. Die Abschaffung der Demokratie im Dienste vermeintlicher Sicherheit. …

Zum Prozess der Befreiung gehören Gefühle von katastrophalem Zusammenbruch. Die Befreiung Europas aus der Herrschaft der absolutistischen Monarchen (Sinnbild: der „Sonnenkönig“ – Ludwig XIV. – „der Staat, das bin ich…“) führte in die Wirren der französischen Revolution. … führte zu einem Napoleon, der sich zum Kaiser krönen ließ und, und, und …

In unserer heutigen Befreiungsgeschichte geht die Befreiung einher mit einer kosmischen Katastrophe – einem Erdbeben. Doch hören Sie selbst:

23 Nachdem man sie (gemeint sind Paulus und sein Begleiter Silas) hart geschlagen hatte, warf man sie ins Gefängnis und befahl dem Aufseher, sie gut zu bewachen. 24 Als er diesen Befehl empfangen hatte, warf er sie in das innerste Gefängnis und legte ihre Füße in den Block. 25 Um Mitternacht aber beteten Paulus und Silas und lobten Gott. Und die Gefangenen hörten sie.

26 Plötzlich aber geschah ein großes Erdbeben, so daß die Grundmauern des Gefängnisses wankten. Und sogleich öffneten sich alle Türen, und von

allen fielen die Fesseln ab.

27 Als aber der Aufseher aus dem Schlaf auffuhr und sah die Türen des Gefängnisses offenstehen, zog er das Schwert und wollte sich selbst töten; denn er meinte, die Gefangenen wären entflohen.

28 Paulus aber rief laut: Tu dir nichts an; denn wir sind alle hier!

29 Da forderte der Aufseher ein Licht und stürzte hinein und fiel zitternd Paulus und Silas zu Füßen. 30 Und er führte sie heraus und sprach: Liebe Herren, was muss ich tun, daß ich gerettet werde?

31 Sie sprachen: Glaube an den Herrn Jesus, so wirst du und dein Haus selig!

32 Und sie sagten ihm das Wort des Herrn und allen, die in seinem Hause waren.

33 Und er nahm sie zu sich in derselben Stunde der Nacht und wusch ihnen die Striemen. Und er ließ sich und alle die Seinen sogleich taufen 34 und führte sie in sein Haus und deckte ihnen den Tisch und freute sich mit seinem ganzen Hause,

daß er zum Glauben an Gott gekommen war.

Wesentliche Elemente der Geschichte, noch einmal zusammengefasst:

Paulus und seine Mitstreiter sind im „innersten Gefängnis“ – im „Hochsicherheitstrakt“ und die Füße sind noch einmal „in einem Block“ eingesperrt. Sicherer geht es nicht.

Zeitgleich mit dem Gebet geschieht ein Erdbeben und die Gefangenen sind „frei“.

Der Aufseher will sich aus Angst vor seinem „Versagen“ selbst töten.

Die Gefangenen sind gar nicht geflohen.

Der Aufseher fragt, wie er gerettet werden kann.

Die Rettung ist der „Glaube an den Herrn Jesus“

Der Aufseher freut sich mit seinem Haus, dass er „zum Glauben an Gott“ gekommen ist.

Liebe Gemeinde,

noch einmal: was ist das mit unserer Freiheit? Für viele Menschen bedeutet Freiheit, jederzeit tun und lassen zu können, was man will. Das ist eine Freiheit von Zwängen, Abhängigkeiten, Anpassungen, Verpflichtungen. Dahinter steckt der Wunsch oder die Gier nach ungebremster Lust: es soll jederzeit so sein, wie ich es haben will. Und ich sehe gar nicht ein, mich an etwas anzupassen, was mich stört. „Freie Fahrt für freie Bürger“ – das war und ist der Slogan, mit dem wider aller Vernunft es in unserem Land nicht möglich, ein Tempolimit auf Autobahnen einzuführen. Wer dies für Freiheit hält, dem hat die Botschaft Jesu nichts zu sagen.

Jesus spricht uns nämlich nicht in dem Sinne frei, dass er sagt: „ihr könnt tun und lassen was ihr wollt.“ Jesus sagt: „Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir; denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen. Denn mein Joch ist sanft und meine Last ist leicht.“ (Mt. 11, 29-30)

Das Joch – übrigens vom Wort her stammverwandt mit Yoga – ist üblicherweise verbunden mit „hart“, „geknechtet“ usw. Es wurde den Ochsen aufgesetzt, um eine optimale Kraftübertragung vom Pflug oder dem zu ziehenden Wagen z.B. zu erreichen. Freiheit heißt hier, befreit sein von diesem Joch, befreit aus dieser Knechtschaft zu sein. Jesus selbst kennt – wie gesagt – das harte Joch des Kreuzes. Unter dem er sogar gebrochen ist. Aber das Joch, von dem Jesus hier spricht, ist etwas ganz anderes: es ist seine innige, vertrauensvolle, liebevolle Beziehung zu seinem (himmlischen) Vater: „niemand kennt den Sohn als nur der Vater und niemand kennt den Vater als nur der Sohn …“

Diese Beziehung ist „leicht“ – denn sie geschieht in Liebe. Und da und nur da, wo die Liebe herrscht – da ist wirkliche Freiheit. Jede Form von Kontrolle, Gängelung, Bemächtigung des Anderen hat nichts mit Liebe zu tun. Es gibt Menschen die sagen: wenn ich mich nützlich mache, werde ich geliebt. Wenn mich der andere braucht, werde ich geliebt. Das ist ein verhängnisvoller Irrtum. Wenn ich mich nützlich mache, dann bin ich nützlich – nicht mehr und nicht weniger. Liebe hat damit nichts zu tun. Liebe lässt sich nicht machen, nicht herstellen. Liebe gibt es nur geschenkt – genauso wie Freude, Dankbarkeit, echte Reue etc. …

Wer die Freiheit dieser Liebe erlebt, wer in der Freiheit dieser Liebe leben darf – der hat das Joch Jesu auf sich genommen. Aus dieser Freiheit heraus nützen Paulus und Silas ihre Befreiung nicht aus, laufen nicht davon. Das ist das eigentliche Wunder der Geschichte: die befreiten Gefangenen bleiben da. Offenbar ist es das, was den Kerkermeister erreicht: „Ihr Herren, was muss ich tun, dass ich gerettet werde?“ Etwas freier übersetzt heißt das für mich: „was muss ich tun, dass ich so frei werde, wie ich euch erlebe?“ Befreit werde von meinem alten Denken des Misstrauens, der Absicherung, der Kontrolle. Die Antwort ist einfach: „nimm Jesu Joch auf dich – glaube an Jesus Christus!“ Das Tun, das alltägliche Leben dieser Antwort ist freilich nicht so einfach.

Bleibt noch eine Frage offen, liebe Gemeinde:

wieso eigentlich soll dieser Text gerade heute, an Sonntag Kantate, gepredigt werden? Diese Frage ist mir tatsächlich erst hier – am Ende einer Predigt gekommen.

Und ich habe gespickt: im Internet mir Predigt von Kollegen zu unserem Text durchgelesen. Und siehe da – die Antwort ist einfach: Paulus und Silas sangen im Gefängnis. Sie „lobten“ Gott heißt nämlich eigentlich: sie sangen Hymnen, Loblieder auf Gott. Und unser heutiges Evangelium ist auch ein Loblied: das Loblied Jesu auf die Beziehung zu seine Vater. „Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde …“

In diesem Sinne – lassen Sie uns jetzt singen, lassen Sie uns ein Loblied singen, in dem wir Jesus loben und danken für die Freiheit, die denen geschenkt wird, die den Mut haben, das vertraute Joch liegen zu lassen und Jesu Joch auf sich zu nehmen.

Jesus ist kommen, Grund ewiger Freude…“ heißt es da, und in der zweiten Strophe:

Jesus ist kommen, nun springen die Bande, Stricke des Todes, sie reißen entzwei …“

AMEN.

Predigt zu Pfingsten 2018 in der Jakobus- und in der Petruskirche

Predigt über 1. Korinther 2, 12-16 an Pfingsten 2018

Liebe Gemeinde,

es würde das Miteinander-Reden (den „Dialog“) erheblich erleichtern, wenn jeder Sprechende sich die Mühe machte, kurz darüber nachzudenken, wofür er das, was er gerade sagen will, verwendet. Und zwar bevor er den Mund aufmacht.

Wofür eignet sich der Gedanke, den ich gerade äußern will?

Viele Äußerungen eignen sich insbesondere dafür, den eigenen Hass unterzubringen. Schadenfreude – im Volksmund gilt sie als „die schönste Freude“ – lässt sich in Sätzen wie: „das hast du jetzt davon…!“ oder: „Das hätte ich dir gleich sagen können…!“ Oder: „warum hast du nicht … , dann wäre dir das nicht passiert…“ gut unterbringen. Und natürlich auch das dazugehörige Gefühl von Ärger – mit dem inneren Gedanken: „so ein Idiot!“

Auf den ersten Blick nicht gleich sichtbar ist in solchen Gedanken eine Haltung versteckt: die Haltung der Überheblichkeit. Ein unausgesprochenes: „mir wäre so was nicht passiert …“

Unser heutiger Predigttext, ein Abschnitt aus dem 1. Korintherbrief von Paulus, bietet sich für Selbstsicherheit, Selbst-Befriedigt-Sein und Überheblichkeit an. Er bietet sich aber auch dafür an, über dieses nur allzu menschliche und verbreitete Geschehen nachzudenken.

12 Wir aber haben nicht empfangen den Geist der Welt, sondern den Geist aus Gott, daß wir wissen können, was uns von Gott geschenkt ist.

13 Und davon reden wir auch nicht mit Worten, wie sie menschliche Weisheit lehren kann, sondern mit Worten, die der Geist lehrt, und deuten geistliche Dinge für geistliche Menschen.

14 Der natürliche Mensch aber vernimmt nichts vom Geist Gottes; es ist ihm eine Torheit, und er kann es nicht erkennen; denn es muss geistlich beurteilt werden.

15 Der geistliche Mensch aber beurteilt alles und wird doch selber von niemandem beurteilt.

16 Denn »wer hat des Herrn Sinn erkannt, oder wer will ihn unterweisen« (Jesaja 40,13)? Wir aber haben Christi Sinn.“

Aha! So ist das also.

Etwas salopp, etwas verkürzt zusammengefasst heißt das: die “Deppen” sind die Anderen – wir hingegen wissen, wie es ist, wie es geht. “Wir haben Christi Sinn!”

Wir haben den Geist!!!

Klasse. Wenn ich uns so anschaue, dann merke ich auch gleich, wie recht Paulus hat:

“We are the Champions … No time for losers – cause we are the champions of the world”

Keine Zeit für Verlierer – weil: wir sind die Champions der Welt!

Champion – ein Wort aus dem Sport – heißt: derjenige sein, der alle anderen aus dem Rennen geworfen hat – schlicht: “der Beste”.

(Nebenbemerkung: Je ehrgeiziger der Champion, desto narzisstisch bedürftiger ist er. Anders ausgedrückt: ist er einmal kein „Champion“, zieht er sich voller Scham und Enttäuschung zurück. So fehlte jüngst einer herausragenden deutschen Fußballmannschaft die gelassene Großzügigkeit, trotz verlorenem Pokalfinale mit den Siegern zu feiern und für die Sieger sich zu freuen .,. )

Doch HALT: unser Held ist doch dieser von der Welt Verachtete, der Ausgestoßene, der inmitten der Verbrecher Hingerichtete!

Ja – das ist alles “Geist der Welt”. Es ist “Geist des natürlichen Menschen”; ihm ist das, was wir erkennen eine “Torheit”. Der natürliche Mensch “kann nichts erkennen” – “es muss geistlich beurteilt werden!”

Wir aber sind der geistliche Mensch. Von ihm gilt:

“Der geistliche Mensch aber beurteilt alles und wird doch selber von niemandem beurteilt.” WOH!

Liebe Gemeinde,

“solange wir uns auf Erde befinden, gibt es nichts, was für uns wichtiger ist als die Demut.” Sagt Theresa von Avila am Anfang ihres zeitlos schönen und immer wieder zu lesenden Buches: “Die innere Burg”. Die Demut – und nur die Demut – sei der “Weg” zur Vereinigung mit Gott.

Die zitierten Paulus-Sätze klingen nicht demütig. Im Gegenteil: sie sind anfällig für Überheblichkeit. Insbesondere dann, wenn man sie aus ihrem Zusammenhang löst.

Der Zusammenhang ist, dass in der Gemeinde von Korinth sich Gruppen gebildet hatten, die jeweils meinten, die “reine Lehre”, das “bessere Christ-Sein” zu verkörpern. Das ist auch ein verbreitetes menschliches Phänomen: Gruppen entstehen und zerfallen, und es entstehen wieder neue Gruppen. Meist hat der Zerfall damit zu tun, dass sich eine Gruppe abspaltet, weil sie sich mit dem “Mainstream” der alten Gruppe nicht mehr identifizieren kann. Der “Mainstream” nennt diese Abspaltungen dann “Sekten” (lateinisch: sectio: ursprünglich die Zerstückelung von Gütern bei einem Aufkauf). In den Augen des jüdischen “Mainstreams” war Jesus ein Sektierer, der Gründer einer “Sekte”. Dasselbe gilt für Martin Luther aus der Sicht des “Mainstreams” der katholischen Kirche. (Nebenbei: schaut man sich die Geschichte der Psychoanalyse seit ihrer Gründung durch S. Freud an, wird man dasselbe Phänomen entdecken.)

Paulus kämpft in unserem Predigttext um die Einheit der Gruppe. Das “Wir” soll die Gemeindeglieder in Korinth miteinander verbinden, zusammenschweißen – das “wir” bedeutet: wir haben doch alle denselben Glauben, denselben Sinn!

Einen Glauben, auf den wir stolz sein können!

Der Kehrseite dieser Art des “Vereinigens” ist: es bedarf eines Fremden, eines Anderen, eines Nicht-Wir, von dem “wir” uns absetzen. Auf den wir mit unserem vermeintlichen Glauben und Wissen „herabschauen“. Das ist keine Beziehung in Freiheit, es ist eine Beziehung in Abhängigkeit. Ich brauche die Herabsetzung des Anderen, um mich selber als „gut und richtig“ zu spüren.

Wir haben Christi Sinn!“ Dadurch heben wir uns von den „weltlichen“ Menschen ab. Und das gibt uns Sicherheit. Sicherheit durch Abwertung des Anderen/Fremden.

Diese Art des Denkens wird in den Evangelien, wird von Jesus als pharisäisches Denken bezeichnet.

Im Gleichnis Jesu vom Pharisäer und Zöllner (Lukas 18,9-14) sagt der Pharisäer: „Ich danke dir, Gott, dass ich nicht bin wie die anderen Leute …“ Diese seine „Identität“ lebt davon, nicht so „minderwertig“ wie die Anderen zu sein. So wird Religion, wird Glaube zu einer Krücke für die eigene wackelige Identität. Die aktuelle Idee, in allen bayrischen Verwaltungsgebäuden ein Kreuz anzubringen, ist Ausdruck von derartiger Unsicherheit – und nicht Ausdruck eines starken Glaubens. Ein starker Glaube vertraut dem Kreuz – und gerade so wird er es nicht demonstrativ zur Schau stellen.

Ein starker Glaube drückt sich in ebenso klaren wie einfachen Worten aus.

Der Zöllner (auf den der Pharisäer herab blickt) im genannten Gleichnis betet schlicht: „Gott sei mir Sünder gnädig!“

Gnade“ aber, „Erbarmen“ ist ein Geschehen, das sich nicht machen lässt. ES geschieht. ES ist nicht mein Werk, mein Gemachtes, es ist das Werk des Heiligen Geistes, „der weht wann und wo er will…“ Und selig der Mensch, der sein Brausen hört und sich darauf einlassen kann. Selig die Seele, die befreit wurde zum Mitschwingen im Wehen des Heiligen Geistes.

Die Voraussetzung dafür ist tiefe Demut. In ihr lasse ich meine Verdienste und meine Werke los. In ihr ergebe ich mich. In ihr geschieht liebevolle Hingabe – an mein so und nichts anders gewordenes Leben. Deshalb sagt Theresa von Avila:

Solange wir uns auf der Erde befinden, gibt es nichts, was für uns wichtiger ist als die Demut!“

Aber auch hier ist Vorsicht geboten: es gibt nämlich eine „falsche, eine verkleidete“ Demut, eine Demut, die in Wirklichkeit Feigheit ist. Noch einmal Theresa mit scharfer Zunge:

Es gibt Menschen, „die immer im Elend unserer Erde stecken bleiben.“ Ihr Lebensfluss kommt nie „aus dem Schlamm der Ängste“ heraus, „aus der Verzagtheit und Feigheit, die furchtsam fragt, ob man auf mich schaut oder nicht auf mich schaut; ob mir, wenn ich diesem Weg folge, etwa ein Unheil zustößt; ob ich es wagen, kann jenes Werk zu beginnen; ob es Hochmut ist; ob es recht ist, dass eine solch elende Person (wie ich) sich mit einer so hohen Sache wie dem Gebet befasst; ob man mich für etwas Besseres hält. Denn Übertreibungen sind nicht gut, auch nicht in der Tugend! …“ Theresa bezeichnet diese Haltung als „Mattherzigkeit“ – dies habe mit „Demut“ nichts zu tun.

Und sie findet die Ursache dieser Verdrehung in einer „verdrehten Selbsterkenntnis“, die dann entsteht, „wenn wir nicht aus uns heraus gehen.“

Anders ausgedrückt heißt das: echte Selbsterkenntnis ist nur möglich, wenn ich in der Lage bin, mich ein wenig von mir selbst zu entfernen, mich selbst ein wenig „von außen“ zu sehen und zu erkennen. Eben „aus mir heraus gehe“. Erst dann beginne ich nämlich, mich kennen zu lernen. Ohne diese Fähigkeit bleibe ich ein Gefangener meiner selbst, bleibe ich blind für mich.

Aus mir heraus gehen bedeutet freilich: ein Risiko eingehen. Und das erzeugt Angst.

Aus mir heraus gehen bedeutet, ich verlasse meine „Komfortzone“, meine Routine, in der vermeintlich nichts passieren kann. Meine Angst will mich genau davon abhalten. Und ich kann alles dafür verwenden, in der Komfortzone zu bleiben – auch meinen Glauben.

Das ist für mich jeden Tag aufs Neue die große Frage, ob und inwieweit mein Glaube letztlich eine selbstgemachte Seifenblase, eine Halluzination ist. Ob mein Glaube in der Beziehung des Heiligen Geistes empfangen oder von mir selbst gefertigt wurde.

Hierfür kenne ich keine letzte Sicherheit. Allerdings werde ich sofort misstrauisch, wenn mir jemand erklärt, er sei sich sicher, dass sein Leben vom Heiligen Geist erfüllt ist. Aber vielleicht ist mein Misstrauen auch nur Ausdruck meines Neides, dass mir diese Sicherheit nicht gegeben ist.

Liebe Gemeinde,

ich möchte gerne ein Leben leben, in dessen Zentrum steht: „Ich habe Christus im Sinn.“ Und ich kann mir gut vorstellen, dass uns dieser Wunsch verbindet.

Möge meine, möge unsere Seele – wie Hildegard von Bingen betet – dem Wind gleichen, der über die Kräuter weht, und dem Tau, der die Gräser benetzt, und der Regenluft, die wachsen lässt,

möge meine/unsere Seele befreit werden und frei sein von dem Geist des Machens, und des Besser-Wissens,

möge meine/unsere Seele jenem Schiff gleichen, von dem Johannes Tauler dichtete:

Das Schiff geht still im Triebe, es trägt ein teure Last, das Segel ist die Liebe, der Heilig Geist der Mast.“ AMEN.

Predigt über Jesaja 50, 4-9 am Palmsonntag 2018

Predigt über Jesaja 50, 4-9 am Palmsonntag in der Apostelkirche München-Solln

Liebe Gemeinde,

wir Menschen sind Lebewesen, die alles, was auf sie einströmt bewerten. Wir teilen unwillkürlich – „ohne es wollen“ – ein in gut oder schlecht, richtig oder falsch, angenehm oder unangenehm, schön oder hässlich, wertvoll oder wertlos, nützlich oder unnütz. Daraus fließt dann oft unser Handeln: wir wenden uns zu – oder wir wenden uns ab, wir lassen etwas/jemanden an uns heran oder schließen, scheiden jemanden oder etwas aus. Wir behalten etwas, nehmen etwas auf, oder geben etwas weg. Zunächst einmal läuft dieser Strom des Bewertens völlig unbewusst mit unserem Leben mit. Es erfordert viel Achtsamkeit und Aufmerksamkeit, sich dieses Geschehens bewusst zu machen. Und es erfordert viel Selbst-Erfahrung, die eigenen Maßstäbe, die Quellen, aus denen heraus ich bewerte, mir bewusst zu machen.

Nun ist Bewertung ja nichts anderes als eine Spezialform des Differenzierens, des Unterscheidens. In der Bewertung schwingt etwas mit, wofür Jugendliche ein extrem feines Sensorium haben. Wenn ich sage: „du sitzt hier herum, hörst Musik und ich spüle ab…“ dann klingt das nach Vorwurf: wie kannst du hier faul herum sitzen, siehst du nicht, dass ich arbeite … du könntest mir auch helfen. …

Oder: was täte ich ohne dich, du bist eine große Hilfe – das ist die Bewertung in Richtung Anerkennung, Lob.

In unserer neuen digitalen Gesellschaft heißen die beiden Bewertungen: like oder dislike. Mag ich – mag ich nicht!

Dass nur die Worte neu – das Geschehen selbst aber uralt ist, sieht man am vorhin gehörten Evangelium zum Palmsonntag:

“Hosianna dem König Davids!” schreit die Menge. Viele, viele „likes“ hätte Jesus da bekommen,

Und dieselbe Menge schreit fünf Tage später: “Kreuzige ihn!” Aus den „likes“ wurden „dislikes“. Was lernen wir daraus: Bewertungen können sich innerhalb kürzester Zeit massivst verändern.

From Hero to Zero – vom Helden zur Null“: so hat man Aufstieg und Fall von Martin Schulz jüngst beschrieben.

Vom „Messias“ zum „Verbrecher“ – so könnte man die Bewegung von Palmsonntag zum Karfreitag beschreiben. Wobei wichtig ist: dies ist die Perspektive der „Menge“ – und ganz offensichtlich nicht die Perspektive – ja von wem? Geläufig wäre hier zu sagen: die Perspektive Gottes. Profaner könnte man sagen: das kann jedenfalls nicht alles gewesen sein – ansonsten stünde ich nicht hier, gäbe es mich nicht als Pfarrer der evangelisch-lutherischen Kirche. Ansonsten gäbe es überhaupt keine christliche Kirche. Es muss wiederum irgend etwas passiert sein, wodurch aus dem Verbrecher der „Auferstandene“, der „Sohn Gottes“ geworden ist.

Wenden wir das Gesagte auf uns hier an, so bedeutet dies, dass auch jetzt – während ich hier predige -, unentwegt Bewertungen mitlaufen. Wie ein „Hintergrund-Task“. Bei Ihnen, wie bei mir. Und es gibt innere Zensoren, die einen davon abhalten, etwas öffentlich zu sagen, obwohl man es sich insgeheim denkt. Und dann gibt es immer wieder Menschen, denen es offenbar nur ums eines geht: der Wahrheit selbst zu dienen. Sie versuchen in ihrer Rede und in ihrem öffentlichen Auftreten sich nur von der Wahrheit zensieren zu lassen. Nicht selten haben sie diese Radikalität mit ihrem Leben bezahlt.

Unser heutiger Predigttext, liebe Gemeinde, handelt von so jemandem. Seine Rede, seine Botschaft provozierte, er wurde dafür gefoltert, ins Gefängnis gesperrt und am Ende hingerichtet. Wir kennen seinen Namen nicht – da er im Geiste des Propheten Jesaja redet, hat man ihn den zweiten Jesaja, den Deuterojesaja, genannt. Er lebt und wirkt im babylonischen Exil. Nach der Kapitulation Israels 587 v. Chr. wurde die Oberschicht nach Babylonien deportiert. Selbstverständlich galt hier die Religion Babyloniens: eine polytheistische Religion mit einer Vielfalt von Göttern – und einer ausgeprägten Sternenkunde. (Das uns geläufige Horoskop ist hier vor ein paar tausend Jahren entstanden.) Deuterojesaja nun hielt unbeirrt an seinem Glauben, den Glauben an den EINEN Gott Jahwe fest. Dessen Kraft und Größe so unermesslich war, dass er die Götter der Babylonier als Sterne erschuf. Das musste provozieren. Es musste die Mächtigen provozieren. Und so kam es, dass Deuterojesaja am Ende hingerichtet wurde. Sein Wirken und seine Predigt findet sich niedergeschrieben im Buch Jesaja in den Kapiteln 40 – 55. Innerhalb dieses Buches gibt es vier Gedichte, die in verdichteter Form ausdrücken, was jemand, der sich als Jünger Gottes versteht, ausmacht. Man hat diese Gedichte „Gottesknechtslieder“ genannt – der von Gott Erwählte ist zugleich und in einem sein „Knecht“ (Jes 42,1). Hören Sie selbst: das dritte Gottesknechtslied (Jes 40, 4-9). Ich lese in der Übertragung von Martin Buber.

50,4 Gegeben hat ER, mein Herr mir eine Lehrlingszunge.

Dass ich wisse, den Matten zu ermuntern, weckt er Rede am Morgen.

Am Morgen weckt er mir das Ohr, daß ich wie die Lehrlinge höre.

50,5 Geöffnet hat ER, mein HERR, mir das Ohr. Ich aber, ich bin nicht ungehorsam ich bin nicht zurück gewichen.

50,6 Ich bot meinen Rücken dar denen, die mich schlugen, und meine Wangen denen, die mich rauften. Mein Angesicht verbarg ich nicht vor Schmach und Speichel.

50,7 Mir hilft ER, darum werde ich nicht zuschanden. Darum hab ich mein Angesicht hart gemacht wie einen Kieselstein; denn ich weiß, daß ich nicht zuschanden werde.

50,8 Er ist nahe, der mich gerecht spricht; wer will mit mir rechten? Lasst uns zusammen vortreten! Wer will mein Recht anfechten? Der komme her zu mir!

50,9 Siehe, Gott der HERR hilft mir; wer will mich verdammen? Siehe, sie alle werden wie Kleider zerfallen, Motten werden sie fressen.

Liebe Gemeinde!

Als ich den Text las, dachte ich als erstes: Unsere Zeitgenossen, die derzeit versuchen. in China Opposition zu machen, oder in Russland, oder in Polen … oder auch in Amerika – sie würden sich mit Deuterojesaja sicherlich gut verstehen. Es sind Gesinnungs- und Leidensgenossen. Es sind Menschen, die für Recht und Gerechtigkeit ihr Leben aufs Spiel setzen. Ich empfinde tiefen Respekt vor ihnen. Ich weiß nicht, ob ich über einen derartigen Mut verfügen würde. Und ich bin froh, dass ich (noch?) in einem Land leben darf, in dem die Demokratie – bei aller Anfechtung – Stärke zeigt.

(In Klammern: in diesen Sätzen schwingen ganz viele Bewertungen von mir mit: die „Hochschätzung“ der Werte, die bestimmte Menschen in unserer Gegenwart besonders verkörpern, die Hochschätzung der Demokratie usw. Und es schwingen genauso viele Abwertungen mit gegenüber all jenen Menschen, die ausschließlich in der Ausbreitung ihrer Macht den Wert ihres Lebens erblicken. Wie gesagt: es geht nicht ohne Bewertungen!)

Doch zurück zu unseren Text: was also zeichnet diesen Gottesknecht aus?

Er ist einer, der den Mund aufmacht. „Gegeben hat mir der Herr eine Lehrlingszunge.“ M. Luther übersetzt: „Eine Zunge, wie sie Jünger haben.“

Es ist die Zunge eines Lernenden. Von jemand, der nicht schon alles weiß. Das ist die große Kunst bei einem echten Dialog: dass ich mein Vor-Wissen, meine Vor-Urteile, meine Bewertungen zurückstelle. Nur so bekomme ich ein „offeneres Ohr“ für den Anderen. Und: Sprache ist so unglaublich missverständlich. Deshalb ist es gut, immer wieder nachzufragen: wie meinst du das? Oder zu wiederholen: meinst du das so? Habe ich dich recht verstanden, dass … ?

Dieses „offene Ohr“ erlebt der Gottesknecht als Geschenk, das aus seiner Gottesbeziehung heraus folgt. Es ist ein Geschenk seiner Vertrauens-Beziehung zu seinem Gott. Aus dem Hören auf das Wort Gottes folgt alles weitere: Und so haben wir zu Beginn unseres Gottesdienstes gesungen: „Er weckt mich alle Morgen, er weckt mir selbst das Ohr …“

Nun gibt es immer wieder Störgeräusche, die diese Vertrauens-Beziehung erschüttern, ja unterbrechen. Sie stammen aus unverdauten Gefühlen des Ausgeliefert-Seins, der Hilflosigkeit, des Verzweifelt-Seins. Wer diese Gefühle in sich nicht halten kann, der wird haltlos. Und er wird verführbar. Der Nährboden für die großen Hetz-Redner der Geschichte wie der Gegenwart ist stets die Verzweiflung, die Armut, die Bedürftigkeit der Menschen. Deshalb ist das Auseinanderfallen von arm und reich in unserer westeuropäischen Gesellschaft so gefährlich.

Für unseren Propheten jedoch gibt es einen Halt, der offenbar stärker ist als alle Anfechtung: „Ich bot meinen Rücken dar denen, die mich schlugen, und meine Wangen denen, die mich rauften. Mein Angesicht verbarg ich nicht vor Schmach und Speichel. Mir hilft ER, darum werde ich nicht zuschanden. Darum hab ich mein Angesicht hart gemacht wie einen Kieselstein.“

Und woraus quillt dies alles? Aus seinem unerschütterlichen Gottvertrauen.

Dies ist der Grund, auf dem Jesaja steht. Oder anders: Jesaja ist radikal der Wahrheit verpflichtet. Er glaubt und vertraut, dass es eine Wahrheit gibt, die alleine Bestand hat.

Dieses Vertrauen verknüpfe ich mit unserem Wochenspruch: „Der Menschensohn muss erhöht werden, damit alle, die an ihn glauben, das ewige Leben haben!“ Ich denke dabei nicht an erster Stelle an ein späteres, jenseitiges Leben – ich denke an ein starkes Leben im Hier und Jetzt. Und ich denke dabei an die Bedeutung der vertikalen Achse. „Erhöhung“ – das ist der aufrechte Gang, das ist ein Leben, das mit beiden Beinen auf dem Boden der Realität steht und mit dem Scheitel auf Gott hin sich ausrichtet. Es ist ein aufgespanntes und ausgespanntes Leben – im jeweiligen Alltag der Gegenwart. (Nur in Klammern: Auch dieses Bild hat einen alttestamentlichen Hintergrund: es ist die kupferne Schlange, die Moses machen und an einer Stange anbringen musste: sie war lebensrettend für diejenigen, die von einer Schlange gebissen worden sind. Und noch einmal in Klammern: das hebräische Wort für Schlange: „nachasch“ hat denselben Zahlenwert wie das Wort „Messias“. Damit verbindet sich der homöopathische Gedanke des „Heilens mit Gleichem.“)

Aber zurück:

In meinen Ängsten und Unsicherheiten schrumpft mein Leben – es wächst gleichsam nach unten. So drehe ich mich immer mehr um mich selbst, kann die Weite und Freiheit meiner Lebendigkeit nicht mehr spüren. „Krieche am Boden wie eine Schlange“. Ein Leben, das kräftig ist, spannt sich auf. Eine gute innere Spannung drückt sich sogar im Körperlichen aus. Und in dieser Haltung sage ich zu meinen Feinden wie Morpheus zu Mr. Smith: „Komm!“ Oder mit den Worten Jesajas: „Wer will mein Recht anfechten? Der komme her zu mir!“ Das ist genau der Mut, den wir brauchen. Ein Mut, der aus dem Gott-Vertrauen wächst. Und nur daraus!

Allerdings: dies alles lässt sich nicht machen!!! Hier ist die Macht, das Machbare an ihr Ende gekommen. Dies ist der Grund, dass Jesaja und Jesus und all die bekannten und namenlosen Anderen von den Mächtigen so gehasst worden sind. Und gehasst werden. Sie alle leben der „Macht“ vor, dass sie sich von ihr nicht „bemächtigen“ lassen. Und sogar wenn sie getötet werden – wie Jesaja oder Jesus – so siegt doch die Freiheit des Lebens. Und des Denkens.

Und darauf läuft es einmal mehr hinaus: wird Gott verwendet für Macht und Machbarkeit? Dann landen wir bei einem Missbrauch von Religion, von Gott. An der Stelle der Weite und Freiheit der Wahrheit ist die Enge eines Regimes getreten.

Oder steht Gott für die letzte, unerkennbare, unverfügbare von niemand und niemals in Besitz nehmbare Realität des Seins?

Fühle ich mich dieser Wahrheit, fühle ich mich diesem Gott verpflichtet, dann wird es dunkel in mir. Dann verliere ich alles, woran ich meinte, mich festhalten zu können. Und gerade so werde ich selbst zu Gottes Knecht, „der im Finstern gehen kann, wo ihm kein Strahl ist; er verlässt sich auf SEINEN Namen, er stützt sich auf seinen Gott.“ – und auf sonst nichts, oder mit Theresa von Avila: „solo dios, basta!“ AMEN.

Osterpredigt 2018

Predigt über 1. Samuel 2,1-2. 6-8a an Ostern 2018

Liebe Gemeinde,

je älter ich werde, desto befremdeter bin ich von uns Menschen. Und wenn es mir gar nicht gut geht, möchte ich eigentlich kein Mensch mehr sein.

Der Tod ist ein Meister aus Deutschland“ hat Paul Celan in seiner berühmten Todesfuge 1945 gedichtet.

Zerstörung ist eine Meisterschaft jener Lebewesen, die sich selbst Menschen genannt haben.“

Dieser Satz drängt sich mir auf, wenn ich alltäglich Nachrichten lese. Und ich könnte jetzt unzählige Beispiele aufführen für die Zerstörung von natürlichen Lebensräumen, für die Zerstörung von Lebewesen, für die Zerstörung von freiheitlichen Gedanken, für die Zerstörung von Menschen, die versuchen, konstruktiv Opposition zu machen, sich zu wehren, aufzuklären. Und ich lasse nicht gelten, wenn es heißt: die Dinosaurier sind auch ausgestorben, klimatische Katastrophen wie Vulkanausbrüche oder Meteoriteneinschläge gehören nun mal zu diesem Planeten dazu. Der große Unterschied ist: der Klimawandel, das Artensterben, das Insektensterben der Gegenwart ist Menschen gemacht. Es ist KEIN Schicksal. Es ist die Konsequenz der Blödheit von uns Menschen. Unseres Unvermögens, über den Tellerrand von Gier, Habsucht, Ehrgeiz, Neid, Eitelkeit hinaus zu schauen. Und auch die Armut vieler unserer Mitmenschen mag zwar individuell als Schicksal erlebt werden – aber auch sie ist ebenfalls letztlich von uns Menschen gemacht.

Sie können mich jetzt völlig zu recht darauf hinweisen, dass heute Ostersonntag ist. Und dass meine Aufgabe als evangelischer Pfarrer es ist, eine vernünftige Osterpredigt zu halten. Predigen – lateinisch: „praedicare“: „öffentlich ausrufen, preisen, rühmen“. Meine Aufgabe ist es, die „gute Nachricht“, das Eu-Angelion zu verkünden. Die gute Nachricht, dass dieser Mann aus Nazareth, als Verbrecher hingerichtet, dass der lebendig ist, dass seine Predigt weiterwirkt, dass, wer sein Leben diesem Jesus aus Nazareth anvertraut und versucht, mit ihm durchs Leben zu gehen: dass der ebenfalls lebt! Dass seine Lebendigkeit hinein strahlt in mein Leben.

Und dass mit und durch diese Lebendigkeit die Maßstäbe dieser Welt nachhaltig erschüttert sind.

Nach menschlichem Ermessen ist dieser Jesus tot, sind seine Predigten nicht lebenswert, sind bestenfalls schöne Utopie: „… liebe deine Feinde, wer ohne Schuld ist, werfe den ersten Stein, lass die Toten die Toten begraben, wer sein Leben behalten will, der wird es verlieren… was nützte es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und doch Schaden nähme an seiner Seele …“

Nach menschlichem Ermessen sieht man am Schicksal dieses Jesus aus Nazareth, wo man mit derart subversiven Gedanken landet: am Galgen, in der Gemeinschaft der Verbrecher.

Erste Erkenntnis meiner Osterpredigt: wer ein zufriedenes, gemächliches Leben sucht, dem sei empfohlen, sich von diesem Jesus aus Nazareth fern zu halten. Diesen Rat hat denn auch die christliche Kirche in trauter Ökumene befolgt und aus einem Outlaw jemanden zum Her-Zeigen gemacht, jemanden, auf den man mit Fug und Recht stolz sein kann.

Das Markusevangelium ist das älteste der vier in den Kanon aufgenommenen Evangelien. Es endet mit dem (vorhin gehörten) Satz: „“Und sie (die Frauen) gingen hinaus und flohen vor dem Grab; denn Zittern und Entsetzen hatte sie ergriffen. Und sie sagten niemand etwas, denn sie fürchteten sich.”

Zweite Erkenntnis: Furcht und Zittern, ja Entsetzen sind wesentliche Bestandteile wirklichen Glaubens. Glaube, wenn er denn den Namen Glaube als „Vertrauen“ verdient: ist die Kraft in mir, diese entsetzlichen Gefühle der Angst zu halten: und halten heißt zuallererst: aushalten. Ich bewundere unsere Zeitgenossen in China, in Russland, in Tschechien, in Amerika, die es wagen, aufdeckend journalistisch tätig zu sein. Sie sind Leidensgenossen Jesu – selbst dann, wenn sie bekennende Atheisten sind.

So weit – so gut!

Aber zurück zu Ostern: Gab es da nicht noch etwas?

Tod wo ist dein Stachel – Hölle, wo ist dein Sieg?“

Wir Christen sind doch die „Narren in Christus“ (Paulus), die am Ostermorgen den Tod auslachen! Oder etwa nicht?

Ein Prediger auf der Suche nach Osterfreude – so könnte ich meine augenblickliche Situation beschreiben.

An dieser Stelle wende ich mich unserem Predigttext zu. Vielleicht hilft er mir/uns weiter.

Mein Herz ist fröhlich in dem Herrn …“ damit beginnt er. Immerhin!

Wie kam es zu diesem fröhlichen Herzen?

Hören Sie selbst:

2,1 Und Hanna betete und sprach:

Mein Herz springt fröhlich zu DIR, mein Scheitel erhebt sich zu DIR. Weit auf tut sich mein Mund über meinen Feinden, ja, ich freue mich deiner Befreiung.

2,2 Keiner ist heilig wie DU;

ja, keiner ist da ohne dich, keiner ein Felsen wie unser Gott.

2,5 Lasst Euer hochmütiges Reden sein, wie es frech Eurem Mund entfährt. Denn ER ist ein Gott des Wissens; bei ihm werden die Taten abgewogen.

2,6 ER tötet und belebt,

senkt zur Gruft, lässt entsteigen,

2,7 ER enterbt und begütert,

erniedert und hebt auch empor.

2,8 Auf richtet vom Staub er den Armen, den Dürftigen hebt er vom Kot,

sie zu setzen neben die Edlen, übereignet den Ehrenstuhl ihnen.

Ja, SEIN sind die Säulen der Erde, auf sie hat er den Weltkreis gestellt. (Übersetzung von M. Buber)

Liebe Gemeinde,

mein Herz springt fröhlich zu DIR, mein Scheitel erhebt sich zu dir!“ Damit beginnt Hannas Lobgesang. Hanna war die eine der beiden Frauen des Elkana. Sie stand im Schatten der Anderen, der Peninna: die hatte Kinder, Söhne und Töchter – Hanna aber konnte nicht schwanger werden. Dies trug ihr den Spott der Anderen, den Spott der Peninna ein. „Wer der Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen!“

Da tut Hanna ein Gelübde: Falls sie einen Sohn bekommen wird, so betet sie, wird sie ihn Gott weihen! Daraufhin gebiert sie Samuel.

Das schaut nach billiger Freude aus: als wäre ihre Freude nichts weiter als Ausdruck dessen, dass ihr Herzenswunsch in Erfüllung gegangen ist. Sie hat einen Sohn bekommen, einen großen Sohn und Propheten: Samuel mit Namen. Samuel, das heißt „der von Gott Erbetene“ oder auch „der von Gott Erhörte“.

Hannas Freude ist aber keine billige Freude. Hinter Hannas Freude steht ihre Entwicklung. Sie hat erkannt, anerkannt, dass Leben kein Besitz ist.

Dritte Erkenntnis: Leben ist ein Geschenk. Ich kann es mir nicht selbst geben. Alles, was ich kann, ist, es mir zu nehmen. Es zu zerstören.

Die Machthaber können und wollen nicht einsehen, dass es eine Wirklichkeit gibt, da reicht ihre Macht nicht hin. Leben lässt sich nicht „machen“. Das wollen sie nicht wahr haben. Und so müssen sie die ihnen anvertrauten Menschen besitzen. Das ist der Stoff, aus dem die Tragödien innerhalb der Familien und innerhalb von sozialen Gemeinschaften gewebt ist: „du gehörst mir!“ Im Deutschen gibt es das schöne Wort „sich des Anderen bemächtigen.“ Da steckt die Macht drin: „und bist du nicht willig, gebrauch’ ich Gewalt!“

Demokratie ist die unglaubliche Errungenschaft von uns Menschen, eine Möglichkeit zu finden, diesen Bemächtigungstendenzen Einhalt zu gebieten.

Die Würde des Menschen ist unantastbar!“ Mehr noch: „Die Würde des Lebens ist unantastbar – auch und gerade des nicht-menschlichen Lebens.“ Ich bin kein militanter Vegetarier oder Veganer – aber ich bin der Meinung, dass wenn ich schon Fleisch esse, es in dem Bewusstsein tue, dass jemand sein Leben für mich geopfert hat. Und ich möchte, dass dieses Leben sein Leben in Würde – wir sagen dazu „artgerecht“ – leben durfte. Von daher lehne ich lebensverachtende Massentierhaltung ab.

In Hannas Lobgesang wird auch deutlich, wie schwer es ist, genau da loszulassen, wo ich in der Tiefe verletzt worden bin: „Weit auf tut sich mein Mund über meinen Feinden!“ Natürlich ist das Genugtuung für die vielen Schmähungen und Beleidigungen, die die kinderlose Hanna von ihrer Nebenbuhlerin, der mit Kindern gesegneten Peninna zu ertragen hatte. Genugtuung ist nahe liegendes, ein verständliches Gefühl. Und sie ist gefährlich: ist sie doch eine wesentliche Quelle für den Einsatz von Gewalt. Hinter dem Drang ja Zwang nach Genugtuung steckt die erlittene Verletzung. Und eine gewaltbereite Stimme, die sagt: „das darfst du dir nicht bieten lassen!“ Die sogenannten „Populisten“ der Gegenwart wie der Geschichte fangen ihre Wähler mit genau diesen Parolen. „Lasst Euer hochmütiges Reden, wie es frech Eurem Mund entfährt“ – dieser Satz lässt sich leicht und alltäglich beziehen auf das Gerede und Getwittere derer, die mit ihren Polarisierungen auf Stimmenfang gehen.

Wer in diesen Stimmen, in diesem Denken gefangen ist, für den gibt es kein Verzeihen und keine Vergebung. Für ihn gibt es nur: Genugtuung und Rache. Und ohne verzeihen und vergeben gibt es kein Los-lassen, keine Lösung.

Aber auch wenn Hanna in ihrem Lobgesang gegen ihre Nebenbuhlerin stichelt – eines kann sie: ihr eigenes Kind, ihren Sohn loslassen. Sie muss ihn nicht besitzen, nicht als Trophäe ihres Triumphs gegenüber der anderen Frau verwenden. Sie kann sich einfach nur freuen.

Sie muss ihren Sohn nicht für ihre eigenen ungelösten Probleme missbrauchen. Glücklich das Kind, das in dieser Freiheit mit Eltern aufwachsen darf, das Erleben darf, dass Raum da ist, für seine ganz eigene Entwicklung, für seinen ganz eigenen Weg. Und glücklich die Eltern, die dieses Wagnis eingehen: ihre Kinder wirklich in der Tiefe loszulassen und mit ihrem Vertrauen und ihrer Liebe zu begleiten – und nicht mit ihren Ängsten, Vorwürfen und Misstrauen zu verfolgen.

Khalil Gibran hat dazu gesagt: „Eure Kinder sind nicht Eure Kinder. Sie sind die Töchter und Söhne der Sehnsucht des Lebens nach sich selbst. Sie kommen durch Euch aber nicht aus Euch, und sind sie auch bei Euch, so gehören Sie Euch doch nicht!“

Ich freue mich deiner Befreiung!“ betet Hanna. „… deines Heils“ übersetzt M. Luther. Das ist dasselbe: indem ich mich als „ganz“ als „unversehrt“ als „heil“ auf der Welt erlebe, bin ich befreit von meinen hässlichen Gedanken, von meinem Misstrauen, von meiner Gier, von meiner Eitelkeit …

Ich bin befreit für die liebevolle Hingabe an das, was ist – an die Wirklichkeit. Gott ist ein Gott der Gegenwart, sagt Meister Eckhart – und Ausdruck der Gegenwart ist das, was wirkt, was wirklich ist. Der Weg, sich mit dieser „letzten Wirklichkeit“ zu verbinden führt in die Unterwelt des eigenen Unbewussten, wo die Dämonen der Vergangenheit ihr Unwesen treiben. „Hinab gestiegen in das Reich des Todes“ – heißt: da hinkommen, wo ich so gar nicht hin will: wo meine Verletzungen und meine Enttäuschungen sind, wo meine Trauer wohnt und meine Resignation – aber auch mein Hass und meine Rachsucht.

Vierte Erkenntnis: Der Weg in die eigene Freiheit erfordert viel Mut.

Jesus Christus spricht: ich war tot und siehe ich bin lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit und habe die Schlüssel des Todes und der Hölle.“ Dieses Wort steht über unserem heutigen Ostergottesdienst. In Verbindung mit Christus – und durch die Taufe sind wir untrennbar mit ihm verbunden – haben wir, hat jeder von uns die Schlüssel zu seiner eigenen Hölle in der Hand. Die Hölle – das sind nicht die Anderen – die Hölle, das bin ich selbst, indem ich mich von meinem eigenen so und nicht anders gewordenen, verlaufenen Leben abwende. So gesehen ist der „Herr der Hölle“, der Teufel, ein armer Teufel: hat er doch keine Ahnung davon, was es heißt zu lieben: sich dem, was und wie es ist zuzuwenden. (Diesen wunderschönen Gedanken verdanke ich – wie so Vieles – Theresa von Avila.)

Liebe Gemeinde,

durch Jesus Christus verfügen wir über den Schlüssel zu unserem Tod und zu unserer Hölle. Damit sind wir auch in der Lage, uns aus unserem Gefängnis zu befreien. Hierzu eine alte Geschichte aus der Tradition des Sufis:

Ein Zinnschmied war zu Unrecht ins Gefängnis gesperrt worden und auf scheinbar wunderbare Weise daraus entflohen. Jahre später wurde er gefragt, wie ihm seine Flucht gelungen sei. Er erzählte: Die Befreiung verdanke ich meiner Frau. Sie ist Weberin. Sie hat den Bauplan des Zellenschlosses in den Teppich hinein gewebt, auf dem ich meine Gebete fünf Mal täglich verrichte. Als ich erkannte, dass in dem Teppich das Schloss meines Gefängnisses hinein gewebt ist, traf ich mit meinen Gefängnisaufsehern eine Absprache. Sie sollten mir Werkzeug bringen und ich würde damit kleine Kunstgegenstände anfertigen, die sie mit Gewinn verkaufen könnten. Sie ließen sich darauf ein – und ich machte von den Werkzeugen die Kunstgegenstände aber auch einen Schlüssel für das Schloss meiner Gefängnistüre. Und so wurde ich frei.“

Ich wünsche Ihnen, liebe Gemeinde, dass Sie das heutige Ostern als das Fest Ihrer Befreiung erleben und feiern dürfen. Ich wünsche Ihnen den MUT zu erleben, dass der Auferstandene immer da wirkt, wo die Liebe keimt. Jene Liebe, die auch Sie umfängt und ihren Nachbarn und ihren Nächsten und Über-Nächsten. Und – man sollte es nicht glauben – in dem Licht dieser Liebe des Auferstandenen bleibt auch an meinem Todfeind noch etwas Liebenswertes.

Das alles geht freilich nur, indem ich den Mut in mir finde darauf zu vertrauen, dass ich selbst in meinem kleinen, endlichen, fehlerhaften Leben mit seinen Irrungen und Wirrungen von Gott so gemeint bin, wie ich geworden bin.

Und dass das vor Gott in Ordnung ist. Schwer in Ordnung, AMEN.

Predigt über Jesaja 29, 17 – 24 am 12. Sonntag nach Trinitatis 2017

Liebe Gemeinde,

der Abschnitt unseres heutigen Predigttextes, einem Wort aus dem AT, ist in der neuen Lutherbibel überschrieben mit: „Die große Wandlung“.

Die Wortfamilie von „Wandlung“ ist “winden“. Eine Wand war ursprünglich etwas „Gewundenes“ etwas „Geflochtenes“. „Wandeln“ bedeutet ursprünglich, etwas immer wieder hin und her wenden. Wie ein guter Brotteig immer wieder hin und her geknetet werden muss. S. Freud nennt das „Durcharbeiten“. Wandlung setzt also die Fähigkeit voraus, sich geduldig auf einen Prozess einzulassen, in dem etwas immer wieder hin und her bewegt wird. Bis es schließlich „so weit ist“. „So weit“ heißt im Bild des Brotteiges: dass der Teig nunmehr in den Backofen kommt – „so weit“ heißt im übertragenen Sinne, dass eine wohl-überdachte Handlung ausgeführt wird.

Wandlung vollzieht sich in einem eigenen Rhythmus – der viel langsamer ist, als unser Zeitgeist das wahrhaben will. Das Gegenteil zu Wandlung ist ein schneller Reflex. Eine nervlich bedingte Muskelzuckung. Oder auch Entladung. „Das musste jetzt raus“, heißt es dann. Was „raus muss“ ist meist eine Art „Blähung“ – die nichts mit einem ruhigen, besonnenen Gedanken zu tun hat. Durch die neuen Medien finden derartige Blähungen massenhaft Verbreitung und verpesten die Umwelt.

Was ist nun die große Ver-Wandlung, von der der Prophet Jesaja vor über 2500 Jahren spricht?

17 Wohlan, es ist noch eine kleine Weile, so soll der Libanon fruchtbares Land werden, und was jetzt fruchtbares Land ist, soll wie ein Wald (Garten) werden.

18 Zu der Zeit werden die Tauben hören die Worte des Buches, und die Augen der Blinden werden aus Dunkel und Finsternis sehen;

19 und die Elenden (Demütigen) werden wieder Freude haben am HERRN, und die Ärmsten (Dürftigen) unter den Menschen werden fröhlich sein in dem Heiligen Israels.

20 Denn es wird ein Ende haben mit den Tyrannen (Wüterich) und mit den Spöttern aus sein, und es werden vertilgt werden alle, die darauf aus sind, Unheil anzurichten,

21 welche die Leute schuldig sprechen vor Gericht und stellen dem nach, der sie zurechtweist im Tor, und beugen durch Lügen das Recht des Unschuldigen.

22 Darum spricht der HERR, der Abraham erlöst hat, zum Hause Jakob: Jakob soll nicht mehr beschämt (schambleich) dastehen, und sein Antlitz soll nicht mehr erblassen.

23 Denn wenn sie sehen werden die Werke meiner Hände – seine Kinder – in ihrer Mitte, werden sie meinen Namen heiligen; sie werden den Heiligen Jakobs heiligen und den Gott Israels fürchten.

24 Und die, welche irren in ihrem Geist, werden Verstand annehmen, und die, welche murren, werden sich belehren lassen. („Die Geistestaumeligen werden den Sinn erkennen und die Hetzer Vernunft erlernen.“) Kursiv: Übersetzung von Martin Buber

Liebe Gemeinde,

träum’ weiter!

Das war meine spontane erste Reaktion auf diesen Text.

In Träumen kann ich mir die Welt, mein Leben schön träumen. Es gibt Menschen, die verbringen viel Lebenszeit mit Tagträumen. Meistens kommen sie irgendwie groß raus in ihren Träumen, sind Rächer der Schwachen, ziehen die vermeintlich Bösen zur Rechenschaft. Oder finden einen Retter, der sie aus allem Ungemach erlöst.

Ich vermute, dass gerade in den Religionen viele solcher Tagträume untergebracht sind. Sie stabilisieren den eigenen Wert, geben dem Leben Sinn.

Die Frage ist nur: mit wieviel Bestand?

Für die Frage nach dem Bestand – nach dem was besteht auch und gerade in der Krise, im Zweifel – ist es hilfreich, Tagträume von echten, aus dem Unbewussten stammenden Nachtträumen zu unterscheiden. Tagträume eignen sich nicht für die Realität und ihre Bewältigung. Tagträume zerschellen an der Wirklichkeit wie eine Seifenblase, die unsanft auf dem Boden der Tatsachen landet. Tagträume sind dafür gemacht sich abzulenken. Eine Art Narkotikum. Tagträume eignen sich dazu, sich zu entziehen.

Echte Nachtträume hingegen haben den Charakter völliger Überraschung. War wirklich ich das, der das heute Nacht geträumt hat? Gute Träume sind nicht vorhersehbar. Sie sind verschlüsselt. Deshalb ist es naheliegend, sie als „Non-Sense“, als „sinnlose Entladungen des Gehirns“ einzuordnen.

Die moderne Wissenschaft hat es nämlich nicht gerne, wenn sie etwas nicht versteht.

Liebe Gemeinde,

man hat unseren heutigen Predigttext eine Vision genannt. Vision heißt, jemand sieht in eine Zukunft, die Wirklichkeit werden wird. Diese Zukunft kann angenehm sein, sie kann unangenehm sein. Entscheidend ist: der Visionär ist sich dessen, was er sieht, sicher.

Lassen Sie uns im Einzelnen anschauen, was Jesaja in seiner Vision sieht.

Das Besondere an dem Text Jesajas ist es, dass er Wandlungen beschreibt – ohne zu bewerten. Es gibt keine Strafe, es ist keine Rede vom „Zorn Gottes“, den die „Frevler“ zu spüren bekommen. Nein – die Gedanken Jesajas haben auch etwas sehr Schlichtes: sie beschreiben eine verwandelte Wirklichkeit.

Wohlan, es ist noch eine kleine Weile …“

Wörtlich heißt es: „Ist es nicht nur ein winziges Wenig…“ Also: es steht unmittelbar bevor. Und was?

Zunächst: die Verwandlung der Natur: man hatte den Karmel abgeholzt – und das Holz für den Schiffsbau verwandt, Umweltzerstörung nennen wir das heute –

noch eine kleine Weile, es wird wieder Wald sein, und wo jetzt Wald ist, wird Garten sein. Dies geschieht natürlich nicht von selbst, sondern durch Menschen, die eine neue Haltung zur Natur, zur Schöpfung gefunden haben werden. So ist es schlüssig, dass die nächste Wandlung, die genannt wird, eine Wandlung der Menschen ist:

Die Tauben werden die Worte (der Heiligen Schrift, also Gottes Wort) hören und aus Dunkel und Finsternis hervor werden die Augen der Blinden sehen.“

Wir haben vorhin im Evangelium die Heilung des Taubstummen gehört. Die große (Ver-)Wandlung, um die es geht, ist eine Heilung. Heilen heißt wörtlich: „ganz machen“. Un-heil ist Zerteiltes, Zersplittertes, Fragmentiertes. Wir Menschen, unsere Seele, trägt eine tiefe Sehnsucht nach Ganzheit. Ausdruck der letzten und tiefsten Ganzheit aber ist Gott selbst. So trägt unsere Seele eine tiefe Sehnsucht nach Gott: „ruhelos ist unser Herz, bis es Ruhe findet in dir …“ sagt der Heilige Augustinus in seinen Bekenntnissen.

Zu Ganz-sein oder „heil-sein“ gehört auch eine gute, eine gerechte Gesellschaftsordnung. In ihr haben die verbreiteten Mauscheleien, die Idealisierung von Steuerhinterziehung und Schwarzarbeit, überhaupt das Lügen und Betrügen keinen Platz. In ihr haben auch jene Tyrannen keinen Platz, denen es nicht um eine gute, soziale Gemeinschaft geht, sondern um die Ausbreitung ihrer Macht und ihres Einflusses. Damit verlieren die Spötter ihre Daseinsberechtigung. Die Armen bekommen wieder Freude am Leben: sie sind nicht länger am Rande der Gesellschaft. Und deren Geist verwirrt ist, die „taumeln im Geiste wie Betrunkene“, sie werden Sinn erkennen. Und die, die nur Propaganda machen, „die Hetzer“, sie werden zur Vernunft kommen.

Tja, liebe Gemeinde,

ist das wirklich eine Vision? Was würde Jesaja wohl dazu sagen, wenn er die Geschichte von uns Menschen kennen würde – diese 2500 Jahre nach seiner Vision? Dass er sich leider getäuscht hat, der Wunsch der Vater seiner Gedanken gewesen ist?

Was würde Jesaja zu unserer Wirklichkeit wohl sagen? Dazu, wie die Propagandisten und Populisten wieder Zulauf bekommen, wie die Welt voll Unrecht, Ungerechtigkeit und Lügen ist? Wie selbstverständlich uns der eigene Vorteil ist und damit verbunden das Tricksen und Schummeln? Dazu, wie wir die Natur ausbeuten und weiter das Billigfleisch beim Lidl kaufen? Oder die Kaffee-Tabs aus Aluminium?

Was würde Jesaja zu meinen eigenen Wandlungen und Verwandlungen sagen? Dazu dass mein Körper täglich älter wird, meine Haut faltig, meine Haare grau. Dass ich häufiger müde und erschöpft bin. (Ich vermute, jeder von uns kann mit dieser Aufzählung mühelos fortfahren.)

Nun – Jesaja würde vielleicht sagen: da hast du etwas Wichtiges missverstanden. Mir geht es nicht darum, eine heile Welt zu malen, um damit von dem Leid der Gegenwart abzulenken. Das wäre ein Tagtraum, ein Narkotikum. Dann hätte Karl Marx recht, wenn er sagt: Religion ist Opium für das Volk.

Nein – mir geht es um etwas anderes:

Mir geht es um die Möglichkeit, dass du dich und deine Haltung zur Welt ändern kannst. Ich möchte dir eine andere, verwandelte Blickrichtung aufzeigen. Eine Perspektive, die nicht vom Negativen ausgeht. Ich möchte dir eine Perspektive zeigen, von der ich meine, dass sie heilsam ist: für deinen Körper, für deine Seele und für deinen Geist. Weil sie auf das Ganze ausgerichtet ist – und nicht nur auf Teile.

Meine Perspektive heißt: schau dir an, was möglich ist. Schau dir an, was du alles verändern kannst. Zum Guten, zum Ganzheitlichen hin. Und dann – verwirkliche es! Und zwar heute!

Du kannst jede Minute umkehren.

Du kannst jede Minute dein Denken verwandeln.

Du kannst jede Minute deine Haltung zum Leben verwandeln.

Unter einer Bedingung: dass du genug unter deiner bisherigen Haltung unter deinem bisherigen Denken leidest. Dass du die Nase voll hast von deinen Tricksereien und deinen (Selbst)-Täuschungsmanövern. Dass du keine Lust mehr hast, dir selber dauernd etwas vorzugaukeln.

Ohne Sehnsucht nach Neuem, nach Verwandlung gibt es keine Veränderung.

Wenn du ein Schiff bauen willst, so trommle nicht Menschen zusammen, um Holz zu beschaffen, Werkzeuge vorzubereiten, Aufgaben zu vergeben und die Arbeit einzuteilen, sondern lehre die Menschen die Sehnsucht nach dem weiten, endlosen Meer.“ (Aus: Saint Exupéry „Die Stadt in der Wüste“).

Das gilt im übrigen auch für einen guten Kirchenvorstand, für einen guten Pfarrer: wenn du eine Gemeinde bauen willst, dann trommle nicht die Leute zusammen und verteile Aufgaben – sondern lehre sie die Sehnsucht nach der unendlichen Güte, Liebe und Barmherzigkeit Gottes.

Indem ich die Sehnsucht nach Gott lehre, geschieht eine allmähliche Verwandlung der Herzen.

Die heilsame Bewegung hin zu Ganzheit (zu Gott) ist eine integrative Bewegung. Sie schließt ein – und nicht aus. Und in dieser Bewegung kommt das Verschiedene auf einen guten Platz. Ein guter Platz ist ein solcher, an dem ich dem Anderen nichts wegnehme. Auch nicht dem Staat, der auch sein Teil – genannt Steuern – bekommt. Würde jeder auf seinem eigenen Platz sitzen und damit zufrieden sein, wäre die Verwirklichung der Vision Jesajas zum Greifen nahe.

Die Fähigkeit, wirklich meinen ganz eigenen, einmaligen Platz einzunehmen, bedeutet, dass ich alleine sein kann. Auf meinem Platz kann nur ich sitzen niemand sonst. Meinen Lebensrucksack kann nur ich tragen: niemand sonst.

In der Tiefe sind alle Konflikte, die wir mit unseren Mitmenschen haben, Trennungs-Konflikte. Unsere „Enttäuschungen“ über Andere sind nichts als ein Ausdruck davon, dass wir nicht ertragen können, dass und wie der Andere denkt und lebt. Da ist es gut, sich zu fragen: wofür verwende ich eigentlich gerade den Anderen? Bekämpfe ich gerade etwas in ihm, was eigentlich zu mir gehört? Was ich aber unter gar keinen Umständen bei mir entdecken möchte?

Liebe Gemeinde,

der Weg zu Ganzheit, zu Heilung führt immer tiefer hinein in das Annehmen dessen, was gerade ist. In sein Werden und sein Vergehen. Ohne wenn und aber.

Gebe Gott, dass wir diesen Weg alltäglich suchen, finden und zu gehen lernen – bis schließlich unser Herz zur Ruhe kommt im Frieden Gottes, der höher ist als unser Denken und Predigen, AMEN.

1. Sonntag nach Trinitatis 2017

Predigt über Johannes 5,39-47 am 1. Sonntag nach Trinitatis 2017 in der Thomasgemeinde Grünwald

Die Dunkelheit des Vaters, das Licht des Sohnes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit und allen, AMEN.

Liebe Gemeinde,

“5, 39 Ihr sucht in den Schriften, denn ihr meint, ihr habt das ewige Leben darin; und sie sind’s, die von mir zeugen; 5,40 aber ihr wollt nicht zu mir kommen, dass ihr das Leben hättet.”

Mit diesem Satz aus dem Munde des johanneischen Christus beginnt unser Predigttext für den heutigen 1. Sonntag nach Trinitatis.

Vielleicht hat Goethe an diesen Satz gedacht, als er seinen Faust in der Studierstube sagen lässt:

Habe nun, ach! Philosophie,

Juristerei und Medizin,

und leider auch Theologie!

Durchaus studiert, mit heißem Bemühn.

Da steh ich nun ich armer Tor!

Und bin so klug als wie zuvor. …“

Ich fühle mich in diesem Satz sehr persönlich angesprochen. Immer wieder dachte ich, irgendwo muss es doch stehen: es, das mich erlöst, das mich rettet, das mich erleuchtet, das mir Klarheit verschafft.

Ich bekenne: ich bin ein leidenschaftlicher Sucher (gewesen?)

Und ich habe viel gefunden auf meiner Suche: viele kluge Gedanken, die mein Denken geprägt haben und Einfluss auf mein Leben genommen haben. Sie haben mich geweitet und geöffnet. Es gibt so viel Spannendes zu entdecken auf dieser Welt.

Und doch gibt es in alle dem etwas, das mich nicht satt gemacht hat. Und das hat mit diesem merkwürdigen Satz zu tun, den der johanneische Christus sagt:

… ihr wollt nicht zu mir kommen, (auf) dass ihr das Leben hättet.“

Das heißt doch wohl: es gibt etwas, das lässt sich in keinem Buch, in keiner Schrift finden.Und dieses „Etwas“ scheint mit Leben zu tun zu haben. Wobei die feine Unterscheidung zu beachten ist: zwischen „ewigem Leben“ und „Leben“. Christus bietet „Leben“ an. Ob ewig oder nicht – scheint nicht so wichtig zu sein.

Leben.

Leben, das etwas damit zu tun hat, „zu mir zu kommen.“ Das ist etwas Anderes, als sich etwas zu erlesen. Es geht um Erleben. Solange ich suche, bin ich nicht in der Gegenwart. Bin ich nicht (ganz) da. Und es ist kein Zufall, dass „Suche“ mit „Sucht“ zu tun hat. Die Bedeutung aller Sucht hat damit zu tun, mich aus meinem Da-Sein heraus zu katapultieren. In ein trügerisch „besseres“ Da-Sein. Ein Da-Sein, das näher an meinen Wünschen, Erwartungen, Sehnsüchten ist. Sehn-Süchte: schon wieder haben wir die Suche und die Sucht: Sehnsucht könnte nach „Sehens-Sucht“ klingen, ein Streben danach: „gesehen“, wahrgenommen zu werden. Anderherum: solange ich suche, bin ich nicht einverstanden mit meinem Jetz-ist-es-so-und-nicht-anders!

Und was hält mich davon ab, die Suche zu beenden, sie sein zu lassen?

Da gibt es zum einen das Gefühl: mir ist etwas vor enthalten worden. Ich habe etwas nicht bekommen, was mir zugestanden wäre. Worauf ich ein Recht gehabt hätte.

Die Suche ist also auf Wiedergutmachung gerichtet.

Je drängender dieses Gefühl ist, je mehr es mich und mein ganzes Leben versklavt, desto ausgeschlossener ist es, finden zu dürfen.

Oder wo anzukommen.

Da-Sein.

Je tiefer in mich eingebrannt ein Gefühl ist wie: „das hätte niemals passieren dürfen“ – desto geringer sind meine Chancen auf Zufriedenheit.

Und desto sicherer werde ich nicht loslassen von meiner Suche.

Hinzu kommt, dass ich – solange ich Suchender bin – wenigstens irgendwas in der Hand habe.

Ich bestimme, wo ich suche und wo nicht.

Und das gibt mir Sicherheit. Ein Gefühl von etwas kontrollieren können.

Natürlich hätte ich gerne das Leben: aber so wie ich es mir vorstelle.

Wenn ich zu dir, Christus, komme, liefere ich mich aus.

Weiß ich nicht, was da auf mich zukommt.

Das ist ein extrem unangenehmes Gefühl.

Alles aus der Hand geben … Mit leeren Händen stehe ich vor dir …

5,41 Ich nehme nicht Ehre von Menschen; 5,42 aber ich kenne euch, daß ihr nicht Gottes Liebe in euch habt.“

Jetzt wird es richtig hart: wir sind wahrgenommen, „ich kenne euch!“ Wir sind erkannt, durchschaut: „ihr habt nicht Gottes Liebe in euch!“ Gottes Liebe (Genitiv: die Liebe Gottes – aber auch: die Liebe zu Gott) scheint irgendwie im Gegensatz zu der Ehre von Menschen zu stehen. Ich muss aber doch was spüren. Ich brauche Lob. Die Psychologen sind sich darin einig, wie dringend wir Menschen Lob benötigen. Es gibt uns Kraft und Anerkennung.

Gott spüre ich nicht! Wo – bitte – bekomme ich Lob von Gott?

Das Zu-Christus-Kommen bedeutet, auf die Ehre von Menschen zu verzichten. Jedenfalls steht sie nicht mehr im Mittelpunkt. Erst in und mit diesem Verzicht kann die Liebe Gottes in mich hinein kommen, kann sie aufgehen, aufblühen, wachsen und sich entwickeln. Leider ist es aber nicht so, dass die Liebe Gottes einfach da wäre! Wie in einem wundersamen Tausch: ich gebe mein Streben nach Ehre auf – und bekomme Gottes Liebe geschenkt.

Wer dies verheißt ist ein Trickbetrüger.

Ein Scharlatan.

Es ist genau anders: indem mein Ich auf diese Ehre verzichtet, breitet sich ein äußerst unangenehmes Gefühl in mir aus. Es ist so, als würde ich in einen Abgrund fallen. Oder auch als würde das, wovon ich lebe, mir genommen werden. Die Grundlage, der Boden meines Lebens.

Ich muss anerkennen: ich verwende die Ehre von Menschen dafür, dieses innere Loch zu stopfen, diese innere Leere aufzufüllen. Ich muss anerkennen: ich vertraue der Liebe Gottes nicht!

5,43 Ich bin gekommen in meines Vaters Namen, und ihr nehmt mich nicht an. Wenn ein anderer kommen wird in seinem eigenen Namen, den werdet ihr annehmen.

Stimmt. Das sind die großen Verführer der Geschichte. Ich möchte ihre Namen nicht nennen, sie haben hier nichts verloren. Alle Verführer leben davon, sich selbst an die Stelle Gottes zu setzen. Sie setzen ihr „einfaches“ Denken von gut und böse absolut. An anderer Stelle spricht der Christus des Johannesevangeliums vom „Fürsten dieser Welt“ (Joh 15, 11). Der „Fürst dieser Welt“ kann nur bis zwei zählen – in seinem Denken und Erleben ist das Dritte nicht integrierbar. Der Fürst dieser Welt denkt in „Ich zuerst“ und „nach mir die Sintflut!“ Immer wenn es „rein“ wird: die „reine“ Lehre, der „reine“ Glaube, die „einzig richtige Interpretation …“ – dann ist der Fürst dieser Welt aktiv. Der Fürst dieser Welt baut Mauern gegen das Fremde, fühlt sich parasitär ausgebeutet, erlebt und denkt in Macht und Ohnmacht. In diesem Denken ist der Dritte der Feind: ihm wird der Krieg erklärt. Und so bleibt dieses Denken in Zweiheit erstarrt. Was das schöne deutsche Wort: Ver-Zwei-flung wunderbar wiedergibt. Die Kehrseite der Verzweiflung ist der Triumph. Der Fürst dieser Welt ist „great“ und macht alle, die an ihn glauben „great“!

Die große Frage ist: woran glaube ich. „Woran du dein Herz hängst, das ist dein Gott“, sagt M. Luther.

Der johanneische Christus fährt fort: „5,44 Wie könnt ihr glauben, die ihr Ehre voneinander annehmt, und die Ehre, die von dem alleinigen Gott ist, sucht ihr nicht?“

Ja, möchte ich antworten, die „Ehre, die von dem alleinigen Gott ist“, die zählt in dieser Welt so wenig. Die kann ich mit meinen Sinnen nicht erfassen, mit meinen Gedanken nicht denken. Aber unsere Statussymbole, die kann ich erkennen, mit ihnen kann ich mich schmücken, nach ihnen kann ich mich verzehren.

Was ist das überhaupt: die „Ehre, die von dem alleinigen Gott ist“?

Die „Ehre Gottes“ (hebräisch kawod – griechisch doxa) ist das Leben in Gott hinein und aus Gott heraus. Es ist das, was uns umhüllt, was uns die Luft zum Atmen schenkt. In ihr leuchtet die Wirklichkeit in einem neuen, dreidimensionalen Licht. In ihr wird das Leben lebendig und bunt, in ihr geschieht eine heitere Freiheit.

Wie könnt ihr glauben?

Das Erleben dieser Ehre Gottes ist Ausdruck eines gläubigen Vertrauens.

Ganz wichtig: Jesus sagt nicht: weil ihr nicht glaubt, deshalb werdet ihr verurteilt werden. Ganz im Gegenteil:

5,45 Ihr sollt nicht meinen, daß ich euch vor dem Vater verklagen werde; es ist einer, der euch verklagt: Mose, auf den ihr hofft.

Moses steht hier für das (alttestamentliche) Gesetz, das uns Menschen richtet. Aber nicht nur, denn Christus fährt fort:

5,46 Wenn ihr Mose glaubtet, so glaubtet ihr auch mir; denn er hat von mir geschrieben.

5,47 Wenn ihr aber seinen Schriften nicht glaubt, wie werdet ihr meinen Worten glauben?“

Es geht um Glauben! Und Vertrauen!

Selig, wer nicht sieht und doch glaubt!“

Wenn ihr Moses glaubtet, dann würdet ihr erkennen, dass die Gebote für euch gegeben sind. Sie sind nicht Ausdruck eines machthungrigen Gottes, der Unterwerfung will.

Sie sind Ausdruck eines liebenden Gottes, der Leben schützen und bewahren will.

Frei übersetzt bedeuten die 10 Gebote: indem ihr erlebt, dass es eine Kraft gibt, die euch dabei hilft, in eure Freiheit zu kommen, werdet ihr bestimmte Dinge nicht mehr tun. Ihr werdet sie nicht mehr tun, weil ihr sie nicht mehr tun könnt. Euer Herz ist ein anderes geworden, wie Hesekiel (11,19) sagt:

Ich will ihnen ein anderes Herz geben und einen neuen Geist in sie geben und will das steinerne Herz wegnehmen aus ihrem Leibe und ihnen ein fleischernes Herz geben, damit sie in meinen Geboten wandeln …“

Meister Eckhart hat in einer seiner Predigten Jesus dieses Wort in den Mund gelegt: “‘Niemand hört mein Wort noch meine Lehre, er habe denn sich selbst gelassen.'”

Darum geht es. Loslassen bedeutet, sich selbst lassen – auch: „sich selbst in Ruhe lassen, sich selbst sein lassen…“

Sein lassen heißt zunächst einmal: STOP sagen zu den eigenen Angriffen gegen sich selbst: „wie konntest du nur?“ „Warum hast bloß du?“ „Das hast du jetzt davon!“ Dies alles ist Ausdruck einer inneren gehässigen Stimme, die sich gegen das eigene Leben richtet.

Je kräftiger mein STOP wird, desto weniger Chancen hat diese Stimme. Oder mit Martin Luther: hat der „alte Adam“! Luther sagt: täglich muss der alte Adam ersäuft werden. Das ist mühsam, kostet viel Kraft.

Gelassenheit auch dem alten Adam gegenüber wäre ein anderer Weg. Gelassenheit heißt, ihm die Aufmerksamkeit entziehen. Dann erlebe ich, dass ich viel weniger „muss“, als ich immer meine. Dass es gut genug ist, wie es ist. In diesem Geschehen wächst eine neue Kraft in mir: die, mein Leben gerade so, wie es geworden ist, freundlich und liebevoll anzunehmen.

Natürlich bleiben die Herausforderungen: gerade wenn ich müde und erschöpft bin, wenn ich Schmerzen erleide, wenn Menschen, die mir nahe stehen, krank werden, Leid tragen … – dann spüre ich einen Sog, wieder alles in Frage zu stellen.

Auch und gerade meinen Glauben.

Auch und gerade solche Gedanken wie die von der Gelassenheit in Gott.-

Und dann tut der Gedanke gut: dass der Zweifel und das Infragestellen eben auch zu meinem Leben hinzu gehört. Dass auch er seinen guten Platz bekommt. Der Zweifler und der Gläubige: sie sitzen gemeinsam am Tisch.

Dies ist wie ein Brückenschlag, wie ein Regenbogen – hin zur Liebe Gottes.

Und dazu verhelfe uns Gott – dass unser alltägliches Leben geschieht in der Freude, in der Leichtigkeit, in der Heiterkeit eines Lebens, das sich immer müheloser und selbstverständlicher Gott überlassen hat und überlässt, AMEN.

Pfingsten 2017

Predigt über Johannes 16, 5- 15 in der Jakobuskirche in Pullach an Pfingsten 2017

Die Dunkelheit des Vaters, das Licht des Sohnes und die liebende Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen, AMEN.

Liebe Gemeinde,

Es soll nicht durch Heer oder Kraft, sondern durch meinen Geist geschehen, spricht der Herr Zebaoth. (Sach 4,6)

Dieses alttestamentliche Wort umrahmt unseren heutigen Pfingstgottesdienst.

Das Evangelium und der Predigttext – beide aus dem Johannesevangelium – geben diesem Rahmen Inhalt. Substanz. Sie veranschaulichen ein Geschehen, das nicht auf Macht aufgebaut ist – sondern auf Erkenntnis. Und Erkenntnis heißt im Hebräischen auch Liebe.

16,5 Jetzt aber gehe ich hin zu dem, der mich gesandt hat; und niemand von euch fragt mich: Wo gehst du hin?“

Der Jesus – besser Christus – des Johannesevangeliums spricht nie nur für sich. Er denkt, lebt und erlebt sich stets in Beziehung zu seinem „Vater“. Dies ist nun nicht so besonders, da wir Menschen als Säugetiere Beziehungstiere sind. Wir konnten nur in Beziehung überleben. Und wir konnten nicht anders als die Art und Weise dieser frühen Beziehung (ihre Qualität) zu verinnerlichen. Mit jedem Schluck Milch, den wir als Babys getrunken haben, haben wir auch einen Schluck des „Geistes“, der „Atmosphäre“ mit getrunken, in dem/der wir gefüttert, gestillt worden sind. Mit Geist meine ich das ganzheitliche Empfinden und auf der Welt-Sein unserer frühen Nahrungsquelle. Wir haben ihre Freude gefühlt oder ihre Trauer, wir haben ihren Schmerz gefühlt und ihre Ängste, wir haben ihre Verzweiflung gespürt und ihren Druck, wir haben ihre Zuwendung gefühlt und ihre Liebe … Und jeder von uns hat wenigsten soviel Zuwendung mit getrunken, dass er ins Leben gekommen ist. Sonst wäre er nicht hier.

Und niemand von euch fragt mich: wo gehst du hin?“

Um eine Frage stellen zu können, muss ich auf eine Idee kommen. Muss ich etwas für denkbar halten. Ganz kleine Babys halten es nicht für denkbar, dass die Mutter(brust) (die Quelle des Lebens) sie verlässt. Sie halten es auch nicht für denkbar, dass sie da ist. Ein „Weg und Da“ ist nicht denkbar. Abstrakter: Zeit und Raum ist nicht denkbar. Erst nach einigen Wochen beginnen Babys zu erahnen, dass es in dieser Welt ein Kommen und ein Gehen gibt. Dabei entsteht die Ahnung von Zeit und von Raum. Dies alles geschieht in heftigsten emotionalen Turbulenzen. Es geht um Sein oder Nicht-Sein, um das verzweifelte Gefühl der Leere verbunden mit verhungern. Und da ich eine rudimentäre Erinnerung daran habe, dass es da etwas gibt, was ich brauche um zu leben, entsteht der Gedanke: da gibt es etwas, das mich vernichtet! Das mich verhungern lässt. Der springende Punkt ist: Abwesenheit ist nicht denkbar. Abwesenheit wird gefüllt mit gedachter Anwesenheit eines zerstörerischen Etwas! Daraus – und nicht aus dem Wohlbehagen: wie schön ist das Leben! – entstehen unsere ersten Gedanken! Diese allerersten Gedanken, aus denen die Vernichtungsangst sich ausdrückt, suchen dringend ein Etwas, ein Jemand, das sie hält und beruhigt. Finden sie dies nicht, wird die Verzweiflung immer verzweifelter, die Einsamkeit immer trostloser. In der Panik vieler Menschen, ein Pflegefall zu werden, bildet sich Erinnerung ab: die Erinnerung daran, wie es gewesen ist, klein, abhängig, fremden Mächten ausgeliefert zu sein.

Was wir Menschen brauchen, was uns gesund macht, ist irgend etwas, das uns „hält“, das uns „beruhigt“. Viele Menschen setzen hier auf Autarkie: „ich bin mir selbst der Nächste, das muss ich mir selber geben!“ Jedenfalls muss ich das, was ich brauche, „unter Kontrolle haben!“ Am Anfang was das ganz anders: das was ich brauchte konnte ich eben nicht kontrollieren: es kam über mich – mit einem Mal floss etwas Warmes, Süßes, Wohlschmeckendes in mich hinein, das mir ein unendliches Wohlbehagen und Glücksgefühle bescherte.

Daraus verdichtete sich in unserer frühen Zeit allmählich ein Konzept: da gibt es eine Macht, die mich vernichten will und eine Gegen-Macht, die mir Gutes tut, die mich am Leben erhält.

Menschliches Denken entspringt einer radikalen Aufteilung oder Spaltung der Welt!

16,6 Doch weil ich das zu euch geredet habe, ist euer Herz voll Trauer.“

Es geht um das Ertragen von Trauer. Menschen, die auf Macht und Heer setzen, können nicht trauern. Ihnen fehlt das Gefäß, Trauer zu ertragen. Und so können sie sich nicht einfühlen. Sie bleiben kalt und unbarmherzig. Das Gefäß (die Seele) für Trauer entwickelt sich aus den vielen Erlebnissen, mit unseren frühen Nahrungsquellen: mit wieviel Verständnis und Liebe wurden wir gefüttert? Oder ging es in erster Linie darum, einer Norm zu entsprechen, zu funktionieren. Wollten unsere Eltern ein Baby zum Vorzeigen haben, oder richtete sich ihr Augenmerk auf unser ganzheitliches (körperlich-seelisches) Wachstum? Waren wir als Baby überhaupt erwünscht in unserem eigenen Baby-Sein, oder sollten wir möglichst schnell kleine Erwachsene sein: brav, gut angepasst, gut funktionierend. „Mein Baby/Kind ist so brav!“ Mit diesem Satz einer stolzen Mutter verbindet sich zumeist ein depressives Baby oder Kind.

Das seelisch gesund entwickelte Baby erlebt erstmals diese Trauer mit drei Monaten: die Trauer darüber, dass es nicht die Macht hat, die Mama zu halten: dass die Mama kommt und geht. Die Trauer darüber, dass es das „Rein-Gute“ und das „Rein-Böse“ nicht gibt. Diktatorisches Denken ist zu dieser Trauer nicht fähig. Es kennt keine Mitte, kein Mittelmaß. Und so erschafft es die „Rein-Bösen“, die zu vernichten sind – und die „Rein-Guten“, denen alles zusteht. Religionen eignen sich ebenfalls hervorragend für diese Aufteilung: da sind es dann die „Gläubigen“ und die „Ungläubigen“. Wichtig ist, dass Ich – „mein Ich“ – stets auf der Seite der „Rein-Guten“ steht.

In einer gesunden Eltern-Kind-Beziehung stellt sich immer mehr heraus: es ist gut genug – nicht perfekt, aber ausreichend gut. „Es“ heißt: alle Beteiligten sind gut genug. Und: zum Leben gehört Trennung unweigerlich dazu. Wobei ich unterscheide zwischen einer guten Trennung und katastrophalem Verlassen-Werden.

16,7 Aber ich sage euch die Wahrheit: Es ist gut für euch, daß ich weggehe. Denn wenn ich nicht weggehe, kommt der Tröster nicht zu euch. Wenn ich aber gehe, will ich ihn zu euch senden.“

Genau so ist es. Der johanneische Christus beschreibt eine „gute Trennung“. Eine Trennung, die kräftigt. Das Durchleben und Durchleiden dieser Trennung geht nicht ohne die Schmerzen der Trauer, die Schmerzen des Abschied-Nehmens. Dies aber sind gute Schmerzen: es sind Wachstumsschmerzen für der Seele. Auf diesem Weg erhält die Seele ihr Rüstzeug für ein Leben in lebendigen Beziehungen. Denn Beziehungen, in denen man nicht weggehen darf, in denen Trennung Tabu ist, die sind erstarrt. Oder vereist. In dieser Erstarrung bleibt seelische Entwicklung blockiert. In seelischer Erstarrung bleibe ich untröstlich.

Der Tröster, der Heilige Geist, ist nur über den Weg der Trauer und des Abschiedsschmerzes erlebbar.

Es sind meine Tränen, die dazu verhelfen, meine vereisten Seelenteile aufzutauen.

Es sind meine Tränen, die mir helfen, mich dem Tröster zu öffnen.

16,8 Und wenn er kommt, wird er der Welt die Augen auftun über die Sünde und über die Gerechtigkeit und über das Gericht;

16,9 über die Sünde: daß sie nicht an mich glauben;

16,10 über die Gerechtigkeit: daß ich zum Vater gehe und ihr mich hinfort nicht seht;

16,11 über das Gericht: daß der Fürst dieser Welt gerichtet ist.“

Indem ich Trost erlebe, oder – personifiziert – den Tröster erlebe, gehen mir die Augen auf. „Ich erwache“.

Und was sehe ich?

Ich erkenne, dass Sünde keine moralische Verfehlung ist. Sünde ist ein Beziehungsgeschehen: es geht um Ur-Vertrauen oder Ur-Misstrauen. Auch dies ist ein Geschehen, das bereits in unserer Babyzeit sich bildet: mit wie viel Urvertrauen gehe ich in die Welt? Im Urvertrauen bildet sich ab, inwieweit ich mich gehalten gefühlt habe – oder fallen gelassen. Aus dem „ungehaltenen“ Baby wird ein „ungehaltener“ Erwachsener. Er ist ausgeliefert seinen ungehaltenen Impulsen, die er verzweifelt über Macht in den Griff zu kriegen versucht. Der vielfach beklagte Egozentrismus („Ich zuerst!“) ist in der Tiefe ein verzweifelter Versuch, sich selber am Leben zu halten. In dieser Verzweiflung ist kein Raum für Rücksicht, Respekt, Sich-selbst-Zurücknehmen. Und damit sind Vertrauen, Los-Lassen, Sich-Fallen-Lassen unmöglich geworden. Dies drückt sich aus in Verspannungen, Kreuzschmerzen, Schlafstörungen, Süchten, die dies alles betäuben sollen… und nicht zuletzt in Überheblichkeit.

Was sind wir nicht alle „great“ – oder etwa nicht?

Indem ich den Tröster erlebe, gehen mir die Augen auf. Was sehe ich noch?

Ich erkenne Gerechtigkeit. Erkenne, dass Gerechtigkeit nicht Gleichheit ist, sondern dass es eine gute Grundordnung mit wohl geordneten Beziehungen gibt. Erkenne, was wie zusammen gehört. So ist gerecht und notwendig, dass Jesus zu seinem Vater geht: genau da gehört er nämlich hin, da ist sein Platz. Das gesunde Kind erkennt und verinnerlicht, dass die Mutter zum Vater gehört, und der Vater zur Mutter. Und dadurch entsteht eine unglaubliche Freiheit: das gesunde Kind ist frei für sein ganz eigenes Leben; es muss sich nicht um das Wohlergehen seiner Eltern kümmern … In einer gesunden Seele lebt ein lebendiges Dreieck: Vater – Mutter – Kind. Und die Schenkel dieses Dreiecks sind liebevoll miteinander verbunden. (In der Trinitätslehre wird dieses Dreieck spirituell gedeutet: wobei der Heilige Geist das Weibliche, mütterliche Element darstellt: Augustinus bezeichnet ihn als das Band der Liebe zwischen Vater und Sohn.)

Und noch ein Drittes eröffnet der Tröster: dass der „Fürst dieser Welt“ gerichtet ist.

Der „Fürst dieser Welt“ kann nur bis zwei zählen – in seinem Denken und Erleben ist das Dritte nicht integrierbar. Der Fürst dieser Welt denkt in „Ich zuerst“ und „nach mir die Sintflut!“ Immer wenn es „rein“ wird: die „reine“ Lehre, der „reine“ Glaube, die „einzig richtige Interpretation …“ – dann ist der Fürst dieser Welt aktiv. Der Fürst dieser Welt baut Mauern gegen das Fremde, fühlt sich parasitär ausgebeutet, erlebt und denkt in Macht und Ohnmacht. In diesem Denken ist der Dritte der Feind: ihm wird der Krieg erklärt. Und so bleibt dieses Denken in Zweiheit erstarrt. Was das schöne deutsche Wort: Ver-Zwei-flung wunderbar widergibt.

Liebe Gemeinde,

das war jetzt ziemlich viel. Und einmal mehr werde ich am Ausgang zu hören bekommen: bei Ihnen muss man immer soviel nachdenken!

Was soll ich dazu sagen?

Dass Denken vor Demenz schützt?

Dass es jedem frei steht, ob der nach-denken will, oder eben nicht?

Oder:

16,12 Ich habe euch noch viel zu sagen; aber ihr könnt es jetzt nicht ertragen.“

(Das kam jetzt nicht von mir, unser Predigttext geht nämlich noch weiter!!!)

16,13 Wenn aber jener, der Geist der Wahrheit, kommen wird, wird er euch in alle Wahrheit leiten. Denn er wird nicht aus sich selber reden; sondern was er hören wird, das wird er reden, und was zukünftig ist, wird er euch verkündigen.

16,14 Er wird mich verherrlichen; denn von dem Meinen wird er’s nehmen und euch verkündigen. 16,15 Alles, was der Vater hat, das ist mein. Darum habe ich gesagt: Er wird’s von dem Meinen nehmen und euch verkündigen.“

Meister Eckhart beendet seine Predigt über Matthäus 5,3: „Selig sind die Armen im Geiste“ mit folgendem Gedanken:

Wer diese Rede nicht versteht, der bekümmere sein Herz nicht damit. Denn, solange der Mensch dieser Wahrheit nicht gleicht, solange wird er diese Rede nicht verstehen; denn diese ist eine unverhüllte Wahrheit, die da gekommen ist aus dem Herzen Gottes unmittelbar.“ (Predigt 52)

Und andersherum: je stärker der Mensch dieser Wahrheit gleicht, desto inniger verwandelt sich sein konkreter Glaube an einen konkreten Menschen in die unglaubliche Freiheit des Erlebens, selbst Gottes Tochter oder Sohn zu sein. Zu sein!!Indem ich durch die Taufe diesen Glauben geschenkt bekomme, lebe ich in der Freiheit des dreifaltigen Gottes. Diese Freiheit hat nichts mit Wahl-Freiheit zu tun: es ist „die Freiheit eines Christenmenschen“, befreit zum freudigen Mitwirken im Schöpfungshandeln Gottes. Damit dies möglich wird, muss Jesus zum Vater zurückkehren. Und wir müssen durch den Abschiedsschmerz hindurch gehen.

Dass wir zu Gottes Wahrheit kommen mögen, dass wir Gottes Wahrheit gleichen mögen, dass wir aus Gottes Wahrheit heraus leben mögen – dazu verhelfe uns der dreieinige Gott, der Vater und der Sohn und der Heilige Geist, AMEN.

Und die Liebe des dreieinigen Gottes schütze und erhalte unsere Seele, AMEN.

Predigt zum Ostermorgen in der Jakobuskirche in Pullach (16.04.2017)

Liebe Gemeinde,

die Auferstehung von Jesus Christus ist eine einzige Katastrophe.

Nichts ist mehr, wie es war.

Dementsprechend endet die gute Nachricht, das Evangelium des ältesten Evangelisten (Markus) mit folgendem Statement:

“Und sie (die Frauen) gingen hinaus und flohen vor dem Grab; denn Zittern und Entsetzen hatte sie ergriffen. Und sie sagten niemand etwas, denn sie fürchteten sich.”

Was war da wohl so ängstigend?

Christ ist erstanden!

Das ist doch eine Jubelbotschaft!

Jubilate deo!

“Tod wo ist dein Stachel, Hölle, wo ist dein Sieg?”

… denn sie fürchteten sich!“

Sollten wir Angst vor dem Leben haben?

Sollten wir Angst vor der Lebendigkeit des Lebens haben?

Sollte es so sein, dass es viel beruhigender, sicherer ist, den Toten in seiner Grabhöhle zu balsamieren – als den horror vacui, als das Entsetzen des Nichts zu erleben und zu erleiden: „Was sucht Ihr den Lebendigen bei den Toten? Er ist nicht hier!?“

Hier ist – Nichts!

Lass die Toten die Toten begraben“, hatte er gesagt. „Du aber folge mir nach.“

Und: „Wer sein Leben behalten will, der wird es verlieren. Wer es aber verliert um meinetwillen, der wird es erhalten!“

Was nützte es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und doch Schaden nähme an seiner Seele!“

Dunkle Sätze. Wäre es da nicht besser, beruhigender, er wäre tot. Tot geblieben?

Für mich hat das heutige Osterfeuer in ganz persönlicher Weise mit Tod zu tun. In ihm werden etliche der Hölzer verbrannt, die zu Beginn der 80er hier hinter dem Altar standen. Drei nackte, harte Holzkreuze. Ich hatte mich damals sehr leidenschaftlich für diese Kreuze eingesetzt. Sie waren für mich das unbequeme Mahnmal dafür, dass Jesus Christus als Verbrecher hingerichtet worden ist. Sie waren Ausdruck meiner Empörung. Über so Vieles, was ich in meinem Leben und auf der Welt als ungerecht empfand. Und natürlich brachte ich darin auch meine jugendliche Abneigung gegen jegliche Form von „Herrschaft, Macht und Establishment“ unter.

Und heute wurden sie, die Balken auch meines Denkens, wurde sie (die Empörung) dem Osterfeuer übergeben. Sie verbrennen. Und das ist gut so.

Im Leben lässt sich nichts festhalten. Nicht einmal das Leben selbst lässt sich festhalten. Wer sein Leben behalten will, der wird es verlieren. Das einzige, woran ich festhalten kann, ist meine eigene Täuschung über die Wirklichkeit.

So ist es auch eine Verführung, Jesus Christus als den neuen Anker, den neuen Fest-Halter zu benutzen.

Was sucht Ihr den Lebendigen bei den Toten? ER ist nicht hier!“

Jesus Christus lässt sich auch nicht finden in historischen Nachweisen oder gar Beweisen.

Jesus Christus lässt sich finden im Fließen des Lebens selbst.

Als ich des Suchens müde ward, erlernte ich das Finden …“

Indem ich damit aufhöre, Gott verzweifelt zu suchen .. erst da öffnet sich eine neue Möglichkeit: nämlich die, mich von Gott finden zu lassen …“

Mich von Gott finden lassen, heißt nicht: ab jetzt wird alles gut. Heißt nicht: es gibt keine Schmerzen mehr, keine Krankheiten, keinen Tod.

Mich von Gott finden lassen heißt für mich:

meinem so und nicht anders verlaufenen Leben ein tiefes „Einverstandensein“, ein „Ja, in Gottes Namen, so war es … so ist es “ mit zu geben.

In diesem „Ja, in Gottes Namen“ verbrennen die Kreuze meiner Empörung, meines Haderns, meines Nicht-Einverstanden-Seins.

Und darin wächst meine Kraft, Leben hinzunehmen. Zu ertragen.

Und darin wächst die Kraft des mich Hingebens. Mich überlassen an mein Leben, so wie es (geworden) ist und wie es ist und wie es geschehen wird. Mit Angst und Zittern. Mit der Klage: „Herr, lass diesen Kelch an mir vorüber gehen!“ Und doch: „dein Wille geschehe!“

Und daraus erwächst die Kraft, mein Leben, das Leben zu lieben: in seiner Endlichkeit, Vergänglichkeit, Schmerzlichkeit, Ungerechtigkeit.

Und ganz am Ende schimmert eine Hoffnung, vielleicht bei allen Zweifeln selbst liebenswert zu sein. Liebenswert heißt nicht: toll sein. Oder berühmt sein. Oder vorne dran sein. Nichts dergleichen.

Liebenswert-Sein – da schwingt mit: schon in Ordnung zu sein. Oder: gut genug sein. Vielleicht auch: recht sein.

Dass es keinen Grund gibt, ausgeschlossen zu werden.

Die Welt hat versucht, diesen merkwürdigen Jesus aus Nazareth auszuschließen. Er, seine Rede, seine Predigt, seine Person waren unerwünscht.

Vor Gott ist die Welt damit nicht durchgekommen.

Vor Gott und von Gott her heißt es: „Siehe, das ist mein Sohn!“ Wenn ihr euch für mich interessiert, dann wendet euch an ihn. Hört und merkt euch, was er gesagt und getan hat.

Was sucht ihr den Lebendigen bei den Toten? Er ist nicht hier.“

Der Auferstandene ist immer da, wo die Liebe keimt.

Es ist so erstaunlich: könnte ich glauben, liebenswert zu sein, könnte ich glauben, von dem lebendigen Gott geliebt zu werden – dann würde diese Liebe natürlich auch auf meine Mitmenschen ausstrahlen. Und mehr noch: auf meine Mit-Tiere, Mit-Pflanzen, auf alles um mich herum.

Dann erstrahlt das Leben in einem neuen Licht. Nichts ist mehr selbstverständlich: alles wird zu einem Geschenk. Sei es nachher der erste Schluck Kaffee, oder das Osterei, oder der Osterschinken.

Und dann wäre und bliebe der Andere auch irgendwo liebenswert. Auch wenn ich mich gerade so sehr über ihn ärgern muss.

Daran wird jedermann erkennen, dass Ihr meine Jünger seid, wenn ihr Liebe untereinander habt.“

Das hat er auch gesagt, dieser merkwürdige Mensch aus Nazareth.

Dessen Botschaft bis heute nicht tot zu kriegen ist.

Von dem es heißt: „Was sucht ihr den Lebendigen bei den Toten? Er ist nicht hier!“ AMEN.

Predigt über Markus 12,41 -44 am Sonntag Okuli in der Jakobuskirche Pullach (2017)

Das Scherflein der Witwe“

Liebe Gemeinde,

“Mein Augenmerk ist auf IHN gerichtet” so übersetzt M. Buber den Psamvers, nach dem unser heutiger Sonntag benannt ist. Sonntag „Okuli“. Wörtlich: der Augen-Sonntag.

Augenmerk klingt hin zu Aufmerken. Zu Aufmerksamkeit.

Meine Aufmerksamkeit ist auf IHN gerichtet.

“Möge Gott mein Genüge sein!”

sagt Theresa – sagt Rumi.

Was bedeutet das? Und: wichtiger noch – ist das alltagstauglich?

Indem Gott mir genügt – falls ich das erlebe, und nicht nur so daher rede – indem Gott mir genügt, wird es ruhig in mir. Still.

In dieser Stille bin ich ganz bei mir, ganz bei der Sache:

“Wer seine Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geeignet für das Reich Gottes!” (Unser Wochenspruch)

Klare Aussage. Heißt genau?

Der Bauer zur Zeit Jesu ging mit seiner Pflugschar hinter dem Zugtier her. Um eine gerade Rinne zu pflügen, musste er ganz da sein.

Hierfür ist ein weicher Blick nötig. Sie kennen diesen Blick vom Autofahren: wenn ich auf zu nahe scharf stelle, kann ich nicht mehr gerade fahren. Wenn ich zurück sehe, werde ich sehr schnell im Straßengraben landen.

“Ein weicher Blick”. Das klingt nach träumerisch, verträumt. Stimmt – und stimmt nicht. Beim Autofahren kann ich gerade so fließend, weich – ohne ruckartige Bewegungen fahren.

Dies gilt auch für das zu Fuß gehen.

Ich kann grübelnd Löcher in den Boden bohren. Ich kann abwesend in den Himmel schauen. Beide Male werde ich wenig davon mitkriegen, wo ich gerade bin, was mich umgibt.

Es geht um die Verbindung des weichen Blickes mit Klarheit und Präzision. Ein guter Reiter starrt seinem Pferd keine Löcher in den Rücken. Er schaut aber auch nicht zum Himmel. Sein Blick ist weich im Umfeld dessen, worin er sich bewegt.

Es tut gut, diesen weichen Blick alltäglich zu üben.

Die Verbindung von Klarheit darüber, wohin der Weg geht mit einem träumerischen Sich-anmuten-Lassen von dem, was gerade geschieht.

Es geht um gute Verbindungen. Die andere Art zu sehen ist das Kippbild: ich kippe von dem Einen zum Anderen. Dies ist ein Unvermögen zu sehen. Ich kann keine Ganzheit sehen: nur entweder die Kraniche – oder das Profil.

Die Welt und sich selbst als Kippbild sehen drückt aus: mir fehlt ein inneres Gefäß, das das Eine mit dem Anderen wohlgeordnet verbindet.

Das Leben mit dem Sterben,

die Trauer mit der Freude,

den Schmerz mit der Lust,

das Weiß mit dem Schwarz,

den Hass mit der Liebe …

Ein inneres Gefäß für Ganzheit drückt sich in dem Satz aus: „Möge Gott mein Genüge sein!“

Gerade religiöse Bücher – wie die Bibel oder der Koran – eignen sich jedoch hervorragend dazu, Kippbilder zu erzeugen.

Z.B. unserer heutiger Predigttext aus dem Markusevangelium, Kapitel 12, 41 – 44:

41 Und Jesus setzte sich dem Gotteskasten gegenüber und sah zu, wie das Volk Geld einlegte in den Gotteskasten. Und viele Reiche legten viel ein. 42 Und es kam eine arme Witwe und legte zwei Scherflein ein; das macht zusammen einen Pfennig.

43 Und er rief seine Jünger zu sich und sprach zu ihnen: Wahrlich, ich sage euch: Diese arme Witwe hat mehr in den Gotteskasten gelegt als alle, die etwas eingelegt haben. 44 Denn sie haben alle etwas von ihrem Überfluss eingelegt; diese aber hat von ihrer Armut ihre ganze Habe eingelegt, alles, was sie zum Leben hatte.

Die Botschaft ist schnell und übersichtlich:

was die Witwe macht ist gut, sie ist das Vorbild. Was die Reichen machen ist nicht schlecht, aber irgendwie zu wenig. Die Witwe hat „mehr eingelegt“.

Nun ist es ebenso leicht wie scheinheilig, wenn ich versuche, Ihnen die Witwe als Vorbild zu predigen. Ich gehöre nicht zu den Armen, sondern zu den Reichen. Und ich vermute: die meisten von Ihnen ebenfalls.

Und ich denke gar nicht daran, alles, was ich habe, herzugeben. Mit dem Hergeben habe ich ohne hin keine guten Erfahrungen:

Eine Geschichte aus meiner Kindheit (ich war höchstens 5 oder 6 Jahre alt): ich bekam von meiner Mutter am Kiosk einen Lutscher geschenkt. Da kam eine Bekannte meiner Mutter und sagte: „hast du einen schönen Lutscher. So einen hätte ich auch gerne!“ Meine Mutter zu mir: „Schenkst du ihn der Tante?“ Ich hatte gelernt, dass es gut ist, das zu machen, was man/Mama von mir will. Und hielt ihn der Frau hin. Daraufhin antwortete diese: „Du bist aber lieb. Nein, nein, du darfst ihn schon selber essen!“

Ich kann mich deshalb so präzise daran erinnern, weil ich mich an ein bestimmtes Gefühl erinnere: das der „Matsche im Kopf“. Ich hatte keine Ahnung, was das jetzt alles bedeuten sollte. Und warum ich „lieb“ war. Und warum ich jetzt doch meinen Lutscher selber essen sollte.

Was in dieser Geschichte fehlt, ist ein Dritter. Eine dritte Ebene, die unterscheidet zwischen mein und dein. Der Weg raus führt über die Anerkenntnis: „das ist dein Lutscher. Und es ist deine Entscheidung, was du damit machst. Du kannst ihn essen, du kannst ihn herschenken, du kannst ihn dir aufbewahren.“ Fehlt die Klarheit von mein und dein, von ich und du, entsteht ein mentaler Nebel. Eben „Matsche im Kopf“. Kinder und Jugendliche brauchen für ihre gesunde seelische Entwicklung einen Entwicklungsraum, in dem sie sich selber kennen lernen und erfahren dürfen. Diesem Entwicklungsraum wird in unserem Schulsystem wenig Rechnung getragen. Benotet wird v.a. die Fähigkeit, sich anzupassen. Das wiederzukäuen, was der Lehrer hören will. Freies, selbstständiges Denken ist unerwünscht, da gefährlich. Es verunsichert.

Jesus – unser Jesus – war nicht als Person gefährlich – seine Gedanken waren so gefährlich: „Lass die Toten die Toten begraben!“ „Wer seine Hand vom Pflug nimmt und sieht zurück …“ Hier weht der kühle Wind eines radikal anderen Denkens – das noch in den Evangelien selbst entschärft worden ist.

Scharf wird es dann, wenn ich das, was Jesus sagt, so ernst nehme, dass ich selbst danach leben will. Bei mir verknüpft sich dann die Botschaft Jesu mit der meiner Mutter: gib’ alles her, was du hast. Der liebe Gott will das so von dir! Zurück bleibt ein vernebeltes Ich. Übrigens: genauso werben Sekten.

Der neuzeitliche Atheismus stammt aus der Aufklärung. Die Aufklärung hat mit der Erkenntnis der Mündigkeit des Menschen zu tun. Der Mensch hat selbst einen Mund – und ist nicht Sprachrohr für einen fremden Mund. Dass jeder mit seinem eigenen Mund spricht und nicht sich einem König, Zar oder Kaiser unterwirft, ist auch die Geburtsstunde unserer derzeit so umkämpften Demokratie. Und wenn es dem Christentum nicht gelingt, hier Stellung zu beziehen, wird es wohl nicht mehr lange existieren. Die christliche Religion muss ihre Alltagstauglichkeit beweisen!

Das Neue, das ich vorschlage – mit dem ich freilich in der evangelische Landeskirche auf wenig bis keine Resonanz stoße -, ist, unseren Predigttext und überhaupt religiöse Texte zunächst als Beschreibung eines inneren Prozess, eines inneren Geschehens zu lesen. Als eine Dynamik in der menschlichen Seele, die sich dann im Außen auswirkt.

Dann würde die Witwe meine Bedürftigkeit repräsentieren. Witwen waren in der damaligen Zeit arme, sehr arme Frauen. Die Witwe steht für meine Bedürftigkeit. Für meine innere Armut. Das einzige, was sie besitzt sind zwei Scherflein. „Scherflein“ klingt nach „scharf“. Und so ist es auch: es ist eine scharfkantige „Scherbe“ – aus Silber oder Kupfer – mit wenig Wert. Ein Scherf entsprach ungefähr einem halben Pfennig. In der Bedürftigkeit, in der Armut ist es naheliegend, verbittert zu werden. In der Armut ist naheliegend das Statement von B. Brecht: „Zuerst kommt das Fressen, dann die Moral!“ (Sie können das bei sich selbst erleben, wenn Sie hungrig sind, aber kein Essen ist in Sicht. Da ist schnell Schluss mit Geduld und Nächstenliebe. Ähnlich ist es, wenn man Schmerzen erleidet.)

Die Witwe gibt mit ihrem „Scherflein“ auch ihr „Scharfes“ weg. Und es sind zwei Scherflein, die sie weg gibt: die Zwei weist häufig auf Ambivalenz, auf entweder oder hin. Die Witwe opfert ihr Entweder-Oder-Denken.

Ein „Scherf“ ist eine „Scherbe“. Unser Entweder-Oder-Denken ist ein Denken in Scherben: wir sehen immer nur Teile der ganzen Wirklichkeit. Paulus: „jetzt erkenne ich stückweise, dann aber werde ich erkennen, gleich wie ich erkannt bin“ (1. Kor. 13,12).

Die ganze Wirklichkeit ist unerkennbar. Diese Einsicht, dass wir etwas nicht erkennen können, mögen wir nicht.

Die Witwe steht für eine radikal neue Art des Denkens, das die Sicherheit von falsch und richtig losgelassen hat.

Indem ich dies versuche, wird meine Bedürftigkeit leer. Meine Wünsche, meine Sehnsüchte, meine Erwartungen, meine Hoffnungen, mein Verstehen … alles, was mir aus mir heraus Sicherheit gibt, lasse ich los.

Meine Urteile und Verurteilungen, meine Vorurteile und Bewertungen. All das gebe ich dahin.

Und dann wird es still.

Dann stehe ich mit nichts mehr da.

Der Menschensohn hat nichts, wo er sein Haupt hinlege.“

Mit leeren Händen stehe ich da.

Nichts: worauf mich berufen kann.

Nichts: was ich vorweisen könnte.

Nicht einmal Gott kann ich vorweisen – denn Gott selbst ist auch zu jenem Nichts geworden. Auch ihn habe ich dahin gegeben. Das ist die schwerste der drei dunklen Nächte, sagt Johannes vom Kreuz: die Nacht, in der Gott selbst in der Dunkelheit verschwindet.

Jemand hat mir einmal gesagt: als ich schwer krank war und nicht sicher, ob ich wieder auf die Beine komme, da hätte ich mir so gewünscht, Gott zu spüren. Aber da war nichts. Es klang enttäuscht.

Es ist verständlich, aus dieser Enttäuschung heraus – „da ist ja nichts!“ – den Weg abzubrechen. Und sich dem zuzuwenden, wo was ist.

So kam es zum Triumph der Naturwissenschaften über die Geisteswissenschaften. In diesem Triumph ist das Denken und Erleben im Bereich des Nicht-Sichtbaren, Nicht-Greifbaren verarmt. Und verarmt laufend weiter. Welch eine Ironie: wir reichen Westeuropäer sind verarmt! Wir haben keine Zeit mehr, unser Kopf muss ständig irgend einen Gedanken denken, wir brauchen Handy, Fernseher, Radio, wir müssen reisen, von einem Ort zum nächsten, und fotografieren, und Eindrücke sammeln, irgendwas ist immer los, irgendwas ist immer an, brauchen wir, um abgelenkt zu sein, um nicht spüren zu müssen:

es ist nichts!

Vielleicht gibt es ja auch eine Renaissance der Geisteswissenschaften. So wie es eine Renaissance des guten alten Schallplattenspielers gibt – wie in der SZ am Wochenende zu lesen ist.

Merken Sie es: indem ich „guter alter Schallplattenspieler“ sage, werte ich schon wieder. So schnell und so unvermeidbar bewerten wir. Als ich in der Woche mit ein paar Konfirmanden zusammen saß, stellten wir fest: wir werten unentwegt: das war cool, das besch … eiden, das ätzend, das geil, das krass usw. usw. …

In den Bewertungen richten wir uns ein. Unentwegt strömen sie auf uns ein.

Aber indem wir ein klein bisschen dahinter schauen, sind wir ihnen schon nicht mehr so ganz und gar ausgeliefert. Und ab und zu erscheint eine Witwe in uns, die hat die Kraft, dies alles los zu lassen.

Und woran erkennen wir, dass dieses Loslassen ein echtes Loslassen ist – tief aus dem Innern kommend, nicht gemacht, nicht schielend auf Lob, Anerkennung …

Es gibt Augenblicke, da lacht die Seele. Da werden wir durchströmt von einer inneren Heiterkeit. Unsere Augen leuchten und das Leben fühlt sich leicht an. „Mein Joch ist sanft“, sagt Jesus. In diesen Augenblicken haben wir unsere Scherflein des Recht-Habens geopfert. Und stehen lachend mit leeren Händen da.

In diesen Augenblicken ist alles gut.

Möge Gott mein Genüge sein!“ AMEN

Predigt über Lukas 10, 38 -42 am Sonntag Estomihi in der Corneliuskirche Karlsfeld (2017)

“Erst seit auf Erden

Ein jeder weiß von der Schönheit des Schönen,

gibt es die Hässlichkeit;

Erst seit ein jeder weiß von der Güte des Guten,

Gibt es das Ungute, das Böse.

Wahrlich:

Sein und Nichtsein entspringen einander;

Schwer und Leicht bedingen einander;

Lang und Kurz vermessen einander;

Hoch und Tief erzwingen einander.

Die Stimme fügt sich dem Ton im Chor;

Und ein Danach folgt dem Zuvor.

Deshalb der Heilige (Ganzheitliche) Mensch:

Er weilt beim Geschäft des Ohne-Tun,

Er lebt die Lehre des Nicht-Redens.

So die Dinge werden geschaffen von ihm,

Doch er entzieht sich ihnen nicht.

Er zeugt aber besitzt nicht;

Er tut, aber er baut nicht darauf.

Ist das Werk vollendet, verweilt er nicht dabei.

Wohl! Nur dadurch, dass er nicht verweilt,

ist nichts, das ihm entginge.“

Mit diesem zweiten Kapitel aus dem Tao-Te-King von Laotse möchte ich Sie, liebe Gemeinde, einstimmen, der geistlichen Musik dieses Gottesdienstes zu lauschen.

Sonntag Estomihi – „sei mir ein starker Fels!“

Ein Fels auf dem ich etwas aufbauen kann.

Ein Grundlage. Ein „fundamentum inconcussum“: ein Fundament, das nicht zerfällt, das steht.

Er tut – aber er baut nicht darauf“ heißt es im Tao. „Ist das Werk vollendet, verweilt er nicht.“

Verweilen bedeutet: selbst zufrieden werden im Sinne von satt sein.

Selig sind die da hungern und dürsten (nach Gerechtigkeit!“) sagt Jesus in den Seligpreisungen.

Die nicht nur in unserer Zeit beliebten Polarisierungen leben von ihrer Zerrissenheit. Polar bedeutet: nur ein Pol ist wesentlich. Nur eines ist richtig. Alles andere ist falsch. Anders ausgedrückt: Verbindungen sind zerstört. Anstelle der Verbindung tritt ein ein entweder – oder. Das verbindende „Und“ ist exkommuniziert. Grautöne sind unerwünscht. Dass es ein „Dazwischen“ geben könnte, ist undenkbar.-

Diese Art des Denkens beruht auf Zerstörung. Kompromissen, Maßvollem, Gemäßigtem ist der Krieg erklärt. Die Art des Denkens benötigt verallgemeinernde Propaganda: die Asylanden sind Terroristen, die Arbeitslosen sind faul, die Juden sind … Diese Art des Denkens verweilt auf einem Pol, um den anderen zu verteufeln.

Ich möchte mit und bei Ihnen eine andere Möglichkeit zu denken (und daraus fließend zu leben) bedenken.

Kehren wir zurück, zum Anfang unseres Gottesdienstes. „Seht, wir gehen hinauf nach Jerusalem, auf dass vollendet werde …“ – so lautet unser Wochenspruch.

Jedes Hinaufgehen ist auch ein Hinuntergehen. Das Hohe entsteht durch das Tiefe, der Berg entsteht durch das Tal, Manie entsteht durch Depression. Das sind keine Weil-deshalb-Verbindungen, sondern Beziehungen. Ohne Berg gibt es kein Tal. Ohne Manie gibt es keine Depression, ohne Erwartung gibt es keine Enttäuschung.

Das Leiden geschieht „dazwischen“. Es ist ein Verbindungsleiden. Auf dem Berg oben herrscht Euphorie. Höher, weiter, besser! Dass der Berg bedingt ist durch ein Tal, dass reich bedingt ist durch arm – dies wird verleugnet. Die Verbindung wird gekappt. Je stärker der Drang zum Polarisieren desto notwendiger ist die Täuschung. Wer auf die Täuschung hinweist, wird gefeuert. Gilt als Lügner, als Lügenpresse.

Trump ist nichts Neues. (Nebenbei: nicht Trump ist schlimm. Schlimm ist, dass ihn so viele Menschen gewählt haben.) Am Hofe des Sonnenkönigs ging es genauso zu. Wer etwas in den Augen seiner Majestät Falsches sagte, musste damit rechnen, hingerichtet zu werden. Ein Unvorsichtiger sagte einmal: „alle Menschen sind sterblich!“ Daraufhin schaute ihn der König durchdringend an. Der Unvorsichtige spürte, dass er mit seinem Leben spielte und fügte schnell hinzu: „Eure Majestät ist hiervon selbstverständlich ausgenommen!“

Angst, Todesangst verhindert klares, nüchternes Denken. Es ist der Schmerz der Verbindungen und die Angst vor der nüchternen Realität, die uns Menschen zu polarisierendem Denken verführt!

In unserem heutigen Predigttext geht es scheinbar nicht um Todesangst, nicht um große Gefühle. Es ist etwas Kleines, sehr Alltägliches, was unser Text da beschreibt: der Besuch Jesu im Hause der beiden Schwestern, Martha und Maria.

Lk 10, 38-42

10,38 Als sie aber weiterzogen, kam er in ein Dorf. Da war eine Frau mit Namen Martha, die nahm ihn auf. 39 Und sie hatte eine Schwester, die hieß Maria;

die setzte sich dem Herrn zu Füßen und hörte seiner Rede zu. 40 Martha aber machte sich viel zu schaffen, ihm zu dienen. Und sie trat hinzu und sprach: Herr, fragst du nicht danach, daß mich meine Schwester lässt allein dienen? Sage ihr doch, daß sie mir helfen soll! 41 Der Herr aber antwortete und sprach zu ihr: Martha, Martha, du hast viel Sorge und Mühe. 42 Eins aber ist not. Maria hat das gute Teil erwählt; das soll nicht von ihr genommen werden.“

Es geht um Alltag. Glaube muss alltagstauglich sein – sonst ist er nicht glaubwürdig. Maria und Martha haben Besuch, hohen Besuch. Jesus selbst ist da. Martha – nicht Maria – „nahm ihn auf“. Martha scheint die Aktive zu sein, die Extrovertierte, die Tüchtige, die etwas schafft. Maria hingegen sitzt nur da, tut nichts, hört zu. Man hat diesen Text so gedeutet, dass er ein Bild des Lebens sei: Martha steht für die „vita activa“, während Maria für die „vita contemplativa“ steht. Und immer wenn es mehr als eine Möglichkeit gibt – das haben wir vorhin gelernt – entsteht eine Spannung. Diese Spannung hat damit zu tun, dass wir Menschen reflexhaft bewerten: was ist besser, was ist schlechter. Und so könnte man den Text auch deuten, und so wird er auch in der Einheitsübersetzung von 1979 gedeutet: „Maria hat das Bessere erwählt.“

Indem ich sagte, dass wir Menschen reflexhaft bewerten, könnte ich auch sagen: das ist Ausdruck eines rivalisierenden Erlebens, Fühlens. Es entsteht über Vergleichen Sich-Messen, Rivalisieren. Darauf ist unsere Welt gebaut. Das ist im Tierreich nicht anders: Darwin hat es „das Recht des Stärkeren genannt!“ Und auch bei den Pflanzen gibt es das: alles will wachsen, sich ausbreiten, entfalten, „expandieren“. Das ist die Trieb-Natur des Lebens. In ihr gibt es keine Rücksicht, keine Bescheidenheit, kein: ich halte mich für dich zurück. Schauen sie sich die Triebe eines gesunden Obstbaumes an: kreuz und quer will jeder zum Licht hin wachsen! Es ist eine genuin menschliche Idee zu beschneiden – übrigens keineswegs aus Rücksicht, sondern um den Ertrag (des Baumes) zu erhöhen. Auf dieser Triebebene gilt: „Wachstum zuerst!“

Zum Sich-ausbreiten gehört bei uns Menschen das Tun: der homo faber. Martha macht und tut – um ihren Gast zu bewirten. Es gibt Menschen, die verwechseln Rücksicht und Nächstenliebe damit, den Anderen zu füttern, zu überfüttern. Dies ist besonders bei Frauen und noch einmal bei Müttern verbreitet: ich habe das alles für dich getan/gekocht – aber wehe dir, wenn es dir nicht schmeckt! Über dieses „wehe dir“ schleicht sich der Egoismus hinein: letztlich brauche ich es für mich, für meinen Wert, für meinen Stolz, dass ich dich so bemuttern, bekochen kann …

Auf uns übertragen heißt das: ich habe mir soviel Mühe mit meiner Predigt gemacht, also muss die doch ankommen! Wehe Ihnen, Sie wagen es auch nur zu denken: das schmeckt mir gar nicht, was der da sagt!

Das alles ist Martha. Und auch die Klage, das Jammern gehört dazu. Mir ist alles zu viel, warum hilft mir eigentlich keiner, immer muss ich das machen. Der hierin versteckte Egoismus lautet: „wenn ich es nicht mache, wird es nicht gut!“ „Außer mir kann das eh keiner …“ „So wie ich koche, kannst du eben nicht kochen – so wie ich predige … ;)!“

Die Kehrseite der Klage ist die eigene Überheblichkeit.

Und was ist mit Maria? Es scheint ja doch zu stimmen, dass Maria das bessere Teil erwählt hat.

Maria: ein Lob des Nichts Tuns? Ein Lob dafür „alle Vier“ grade sein zu lassen? Also können sich unsere Kinder auf Jesus berufen, wenn wir in ihr unaufgeräumtes Zimmer stürmen, wo sie wieder einmal mit ihrem Handy/Laptop/X-Box abhängen, wenn wir sie mit unseren Fragen und Vorwürfen („Wann räumst du endlich dein Zimmer auf!“ „Hast du schon für die Schule gelernt?!“ „Seit einer Woche bitte ich dich, deinen Abfalleimer zu leeren!“) belästigen. „Chill’ down“, sagen sie, während sie lässig mit der Fernbedienung den Ton kurzzeitig etwas leiser stellen.

Und sie könnten hinzufügen: „Maria hat das gute Teil erwählt; das soll nicht von ihr genommen werden!“

Und wie klingt das alles, wenn die Verbindungen wieder hergestellt sind?

Es beginnt damit, dass Maria und Martha Schwestern sind. Schon ihr Name weißt darauf hin: Sie beginnen beide mit „mar-“. Etwas spekulativ könnte man „mar-“ mit mare: das Meer assoziieren. Das hieße dann: Maria und Martha sind zwei verschiedene Wellen auf dem einen Meer der Unendlichkeit. Martha und Maria sind keine Alternativen, sie gehören zusammen. Nichts tun ist genau so wenig die Lösung, wie tun. Es geht um die gute Verbindung von Tun und Nicht-Tun, von aktiv sein und geschehen lassen, von sich einsetzen und loslassen.

Auf unsere Situation hier übertragen: die Martha in mir hat sich große Mühe gegeben, eine Predigt zu schreiben, die satt macht, die Sie erreicht, mit der Sie etwas anfangen können. Martha nimmt den Urtext zur Hand, übersetzt und macht und tut. Maria in mir sagt: „versuche nichts zu verzwingen, du hast es eh nicht in der Hand, wie es dann sein wird. Lass die Texte auf dich wirken. Und halte die Augen offen, wenn du die Menschen der Corneliusgemeinde siehst. Dann wird dir schon das Rechte einfallen.“

Wenn Martha in eine Kirche geht, dann sucht sie nach dem Kirchenführer, beschäftigt sich mit der Geschichte und Kunstgeschichte des Kirchenbaus usw. Wenn Maria in eine Kirche geht, so lässt sie sich anmuten von dem, was sie sieht. Vielleicht fällt ihr ein Gedicht dazu ein oder eine Melodie.

Und das Entscheidende ist: beides ist gut! Indem wir Maria und Martha in uns in einen konstruktiven Dialog miteinander bringen, bereichern sie unser Denken und Erleben. Und daraus fließt ein integratives Handeln.

Liebe Gemeinde,

Martha und Maria gehören zusammen. In unserer Geschichte schützt Jesus Maria vor der klagenden Überheblichkeit Marthas. Was man vielleicht noch hinzufügen könnte, wäre der Gedanke, dass Maria und Jesus nicht auf Kosten von Marta leben dürfen. Das wäre eine parasitäre Beziehung, bei der die Ausbeutung im Mittelpunkt steht. Solche Beziehungen sind zerstörerisch für alle daran Beteiligten. Zur Polarisierung gehört übrigens auch, den abgewerteten, vermeintlich „minderwertigen“ Pol auszubeuten. In unserer Geschichte ist das die Verbindung, sich das Essen von Martha schmecken zu lassen und sie gleichzeitig für ihre „Dummheit“ oder ihren sogenannten „Aktivismus“ zu kritisieren. Diese Art von Beziehung ist übrigens in Paarbeziehungen gar nicht so selten.

Und damit genug gepredigt. Ich habe meine Gedanken mit einem Zitat aus dem Tao begonnen. Ich möchte schließen mit einer Zen-Geschichte, die ich bei A. de Mello fand.

Die Weißen oder die Schwarzen?

Ein Schäfer weidete seine Schafe, als ihn ein Spaziergänger ansprach. “Sie haben aber eine schöne Schafherde. Darf ich Sie in Bezug auf die Schafe etwas fragen?” – “Natürlich”, sagte der Schäfer. Sagte der Mann: “Wie weit laufen Ihre Schafe ungefähr am Tag?” – “Welche, die weißen oder die schwarzen?” “Die weißen.” – “Die weißen laufen ungefähr vier Meilen täglich.” – “Und die schwarzen?” “Die schwarzen genauso viel.” “Und wie viel Gras fressen sie täglich?” – “Welche, die weißen oder die schwarzen?” – “Die weißen.” – “Die weißen fressen ungefähr vier Pfund Gras täglich.” – “Und die schwarzen?” – “Die schwarzen auch.” “Und wie viel Wolle geben sie ungefähr jedes Jahr?” – “Welche, die weißen oder die schwarzen?” – “Die weißen.” – “Nun ja, ich würde sagen, die weißen geben jedes Jahr ungefähr sechs Pfund Wolle zur Schurzeit.” – “Und die schwarzen?” – “Die schwarzen genauso viel.”

Der Spaziergänger war erstaunt.

“Darf ich Sie fragen, warum Sie die eigenartige Gewohnheit haben, Ihre Schafe bei jeder Frage in schwarze und weiße aufzuteilen?”

“Das ist doch ganz natürlich”, erwiderte der Schäfer, “die weißen gehören mir, müssen Sie wissen!” – “Ach so! Und die schwarzen?” – “Die schwarzen auch”, sagte der Schäfer.

Gebe Gott, dass wir uns als weiße und schwarze Schafe gleichermaßen geliebt fühlen und dass wir diese umfassende Liebe ausstrahlen. Gebe Gott, dass wir der Verführung widerstehen, unsere Mitmenschen, die Schöpfung in Gute und Böse, Weiße und Schwarze aufzuteilen. Gebe Gott´, dass wir immer tiefer hineinwachsen in seine allumfassende Liebe AMEN.

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