Predigten

Predigt über Matthäus 3, 13-17 am 1. Sonntag nach Epiphanias 2020

Liebe Gemeinde,

welche der Geist Gottes treibt, die sind Gottes Kinder.“ (Röm 8,14)

Mit dieser einfachen und einprägsamen Aussage aus dem Römerbrief begann unser heutiger Gottesdienst. Ich halte diesen Satz für wahr. Ich bin ein Kind, und das heißt ein Abkömmling dessen, was mich (an-)treibt.

Was mich treibt, antreibt, ist das, was mich in der Tiefe bewegt. Es ist die Quelle meiner Lebensenergie. Ist sie versiegt, bin ich „antriebslos“.

Was mich antreibt führt zu einem Gefühl derart: „Ich muss das machen. Ob ich will oder nicht.“ Dieser Satz gilt für alle wahrhaft schöpferischen Menschen: „Ich muss … schreiben … komponieren … erforschen … gestalten … malen …“

Dieser Satz gilt auch für alle Formen von Zwang: Ich muss Ordnung schaffen, ich muss mir die Hände waschen … Was mich antreibt, zwingt mich.

Wenn Sie mögen, können Sie in einer stillen Stunde darüber nachdenken, oder auch sich mit Ihnen nahe stehenden Menschen darüber austauschen: „Was treibt mich eigentlich an?“

Ich finde, es hat etwas Befreiendes, einen Blick „hinter“ das, was mich antreibt zu werfen. Ich weiß aber auch, dass dies nicht „common sense“ – allgemeine Meinung ist. Viele Menschen haben Angst davor, sich so ganz ehrlich kennen zu lernen. Sollte mich meine Geiz antreiben? Oder meine Neid? Oder mein Bedürfnis, bewundert zu werden? Das wären durchaus unangenehme Einsichten.

Und wieder könnte man fragen: Und was steckt dahinter? Warum meine ich, dass ich das und das tun muss? Was würde denn passieren, wenn ich es nicht täte? Welche Art der Verbindung ist das: zwischen mir und dem, was mich antreibt?

Eine Art der Verbindung ist: Ich muss das machen, um Schlimmeres zu vermeiden. Hinter dieser Form des Angetrieben-Werdens steckt pure Angst. Ich hasse z.B. Zahnarzt-Besuche. Aber meine Vernunft sagt mir: Mache eine regelmäßige Vorsorge, damit kannst du Schlimmeres vermeiden. Hier treibt mich meine Angst an. Und meine Fürsorge für meinen eigenen Körper.

Dass jetzt vielleicht doch einige wenige Maßnahmen eingeleitet werden, um der fortschreitenden Erderwärmung Einhalt zu gebieten: Dahinter steht Angst vor dem, was passiert, wenn sich das Klima der Erde weiterhin „erhitzt“. Ich glaube, es ist nicht zu unterschätzen, wie sehr Angst und Furcht das Tun von uns Menschenkindern antreiben.

Nun heißt es aber: Der Geist Gottes ist kein Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit” (2. Timotheus 1,7) Offensichtlich gibt es eine “gesunde, vernünftige Furcht”, die nicht zu Panik, sondern zu besonnenem Handeln führt.

Diesen Geist benötigen wir Menschen zu jeder Zeit!

Und um diesen Geist geht es, wenn es in unserem Wochenspruch heißt: „Welche der Geist Gottes treibt, die sind Gottes Kinder.“

An diesem Sonntag wurde dieser Spruch spannenderweise mit der Taufe verknüpft.

Und zwar nicht mit unserer Taufe, sondern mit der Taufe Jesu. (Es ist das vorhin gehörte Evangelium.)

13 Zu der Zeit kam Jesus aus Galiläa an den Jordan zu Johannes, dass er sich von ihm taufen ließe.

14 Aber Johannes wehrte ihm und sprach: Ich bedarf dessen, dass ich von dir getauft werde, und du kommst zu mir?

15 Jesus aber antwortete und sprach zu ihm: Lass es jetzt zu! Denn so gebührt es uns, alle Gerechtigkeit zu erfüllen. Da ließ er’s ihm zu.

16 Und als Jesus getauft war, stieg er alsbald herauf aus dem Wasser. Und siehe, da tat sich ihm der Himmel auf, und er sah den Geist Gottes wie eine Taube herabfahren und über sich kommen.

17 Und siehe, eine Stimme aus dem Himmel sprach: Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe.

Tut Buße, denn das Himmelreich ist nahe herbei gekommen!“ Dies war die zentrale Botschaft von Johannes dem Täufer. Was von M. Luther mit „Buße tun“ übersetzt wurde, und damit in einen moralischen Kontext eingeordnet wurde, heißt wörtlich: „Ändert die Art Eures Denkens!“ Und dieser Botschaft, dieser Predigt „unterwirft“ sich Jesus, wenn er sagt: „Lass es jetzt zu! Denn so gebührt es uns, alle Gerechtigkeit zu erfüllen.“ (V. 15) Johannes wollte Jesus nicht taufen – er meinte, dies stünde ihm nicht zu. Doch, sagt Jesus, „so machen wir das!“ „Denn so gehört es sich, dass Gerechtigkeit voll und ganz auf die Welt kommt.“ Dies ist das erste Wort, der erste Satz, den Jesus im Matthäusevangelium spricht. Bis dahin handelte Matthäus nur über ihn, von seiner Geburt, der Flucht nach Ägypten usw. Jetzt spricht Jesus erstmalig selbst. Von daher ist zu vermuten, dass dieser Satz für Matthäus etwas Programmatisches zum Leben und Wirken Jesu aussagen soll. Und was?

Gerechtigkeit“ (dikaiosyne) ist ein matthäischer Zentralbegriff. Der dem Willen Gottes entsprechend lebende Mensch ist für Matthäus gerecht. Und Jesus Christus, Gottes Sohn, ist Urbild dieser Gerechtigkeit: er ist der, der Gott gehorsam war, gehorsam bis zum Tod am Kreuz. Und gehorsam heißt wörtlich: Der auf Gott hörte – bis zuletzt.

Es ist diese „Gerechtigkeit“, dieses Leben in einer unverbrüchlichen Beziehung, die Jesus so besonders macht, die Jesus zum Sohn macht. Für Matthäus ist Jesus von Anfang dieser gehorsame Sohn seines Vaters. Jesus verbindet sich von vorne herein mit dem Willen des Vaters und erfüllt ihn. „Weil es sich so gehört!“ könnte man sagen. Es ist das In-Beziehung-mit-seinem-Vaters-Sein, es ist sein Sohn-Sein, das Jesus antreibt. Sein Gegenspieler, der im nächsten Kapitel auftaucht, ist der Satan: Dieser versucht, Jesus aus dieser „vertrauensvollen Verbindung“ mit dem Vater „heraus-führen“, eben zu „ver-führen“. Ihm gegenüber argumentiert Jesus mit dem Deuteronomium, dem „zweiten Gesetzbuch“. (Das fünfte Buch Mose.)

Jesu Gehorsam ist ein „inwendiger“ – ein „identifikatorischer“ Gehorsam. Jesus lebt voll und ganz in seiner Beziehung zu seinem „Vater“. So sehr ist er damit in Einklang, dass er „der Sohn (geworden) ist“. Sätze wie: „Niemand kommt zum Vater, als durch mich“ (Joh 14, 6), oder: „Ich und der Vater sind eins“ (Joh 10, 30) werden von hier aus verständlich.

Inwendiger Gehorsam heißt: Er ist nicht länger „äußerlich“. Er ist zu „meinem Eigenen“ geworden. Ich gehorche nicht aus Angst vor Strafe, sondern weil ich gerade so und nicht anders leben will. Und damit kommt auf die Welt, was Matthäus „Gerechtigkeit“ nennt. Gerechtigkeit hat nichts mit „Gleichmacherei“ zu tun. Sie entsteht nicht durch Nachahmung (Imitation), sondern durch Aneignung (Identifikation). Es gehört zur Tragik vieler Lebensgeschichten gerade auch von Künstlern, dass das, was sie „angetrieben“ hat, bei ihren Eltern/Schwiegereltern auf schärfsten Widerstand gestoßen ist. Denken Sie an Robert Schumann oder an die qualvolle Beziehung von Franz Kafka zu seinem Vater.

Unser heutiges Evangelium handelt von einer völlig anderen Vater-Sohn-Beziehung: Das Eigen-Sein des Sohnes wird von seinem Vater bestätigt. Und seht, die Himmel öffneten sich, und er sah die Geistkraft Gottes wie eine Taube herabschweben und auf sich kommen. 17 Und seht, eine Stimme sprach aus den Himmeln: »Dieses ist mein geliebtes Kind, ihm gehört meine Zuneigung.« (Vers 16a – 17: Übersetzung nach “Bibel in gerechter Sprache”).

Ich habe diesem Gottesdienst die Überschrift gegeben: „Ich bin getauft – ja und?“ Jetzt wissen Sie, was hinter dem „ – ja und?“ steckt. Unsere Taufe versinnbildlicht eine Beziehung, in der wir als die, die wir wirklich oder wahrhaftig sind, willkommen und gemeint sind. Deshalb hat Taufe mit „Hinabsteigen“, mit „Tod“ zu tun: Es ist das Ende, der Tod all jener Beziehungsformen, bei denen „in der Tiefe“ nicht wir gemeint sind, sondern die Wünsche und Erwartungen an uns, die wir erfüllen sollen, um eine Daseinsberechtigung zu erlangen. Das Symbol dieses Erlebens ist die Friedenstaube, die „Geistkraft Gottes.“ Es ist dieselbe Kraft, die am Anfang der Schöpfung „über den Wassern schwebte.“

Der Geist „der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit“ ist selbstverständlich auch der Geist des Friedens. Mit ihm in immer innigerer Verbindung zu kommen und zu bleiben – ist Sinn und Zweck christlicher Existenz, jedenfalls meinem Verständnis nach.

So – nach all dem könnte ich mich jetzt auch fragen:

Was hat dich eigentlich angetrieben, diese Predigt so und nicht anders zu schreiben? Sind deine Gedanken in Verbindung mit dem Geist Gottes – oder in Verbindung mit dem „Verführer“?

Zwei Antworten:

Erstens: Ich weiß es nicht.

Zweitens: Ich meine, mich im Laufe der Zeit ein wenig kennen gelernt zu haben.

Die Verbindung mit Gottes Geist fühlt sich langsam, bedächtig, besonnen, liebevoll, heiter und gelassen an. Und in allem sehr wach.

Es ist ein Gefühl von Raum da und Weite.

Und die Dinge der Welt sind eingehüllt in einen wunderbaren Glanz.

Schönheit liegt offen.

In der Verbindung mit dem „Verführer“ spüre ich vor allem Hektik und Hetze. Ich fühle mich eingeengt und will, dass sich die Menschen ändern. Die Welt ist flach geworden und stumpf. Und ich teile ein in falsch und richtig, gut und böse.

Einfacher ausgedrückt: In Verbindung mit dem Verführer hat mein Ich Gottes Platz besetzt. Und dieses Ich weiß ganz genau, wie „es“ ist und „es“ zu sein hat. Und selbstverständlich hat es auch immer recht! „Immer bist du so …“ solche Sätze gehören zu dem Verführer. Oder auch: „Nie machst du das oder das …“

Die Macht des Verführers liegt in seiner Verheißung von Sicherheit. Dass es so und nicht anders ist. Als „Kind Gottes“ habe ich mit meinem Nicht-Wissen und mit meiner Unsicherheit zu leben. Auch bezüglich der Antwort auf die Frage, was mich angetrieben hat, diese Predigt so zu halten. Das mit dem sich öffnenden Himmel und der daraus ertönenden Stimme – diese Bestätigung ist mir als einfachem Menschen nicht gegeben;)! Stimmt auch nicht ganz: Es gibt ein tiefes Gefühl des mit mir im Einklang Seins. Und das ist dann so, als würde jemand Anderer zu mir: „Ja!“ sagen.

Ein „Ja“, das sich nicht halten und nicht besitzen lässt. Gerade so wie der Geist Gottes „weht, wo er will!“ Und ich habe den Eindruck: Je tiefer ich lerne zu akzeptieren, dass dem so ist, dass Gottes Geist „unverfügbar“ ist – desto leichter bleibe ich in der Beziehung zu Gott und zu seinem Geist: der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit, AMEN.

Predigt über Matthäus 1, 18-25 am 2. Weihnachtstag 2019

Liebe Gemeinde,

für jedes Paar ist die Bewegung von der Zwei zur Drei eine Herausforderung.

Am Sinnenfälligsten wird diese Bewegung mit der Geburt des ersten Kindes.

Das Paar ist eine Familie geworden, die Zwei sind ab sofort zu dritt.

Für beide, Frau wie Mann, besteht die Herausforderung darin, ein gutes Dreieck entstehen zu lassen; einen Raum zu finden, in dem Platz für drei ist. Scheitert diese Bewegung, dann zerfällt die Familie in weitere Zweier-Beziehungen. Ein Klassiker dabei ist: Die Frau hat „ihr“ Kind, der Mann „seinen“ Beruf. Die Vorwürfe gehen dann her wie hin: „Du bist ja mit deinem Beruf verheiratet!“ „Du kreist nur mehr um das Baby“.

Hingegen Menschen, die in diesem „trinitarischen Raum“, dem „Raum des Zu-Dritt-Seins“, aufgespannt sind, haben es leicht. Der/die/das Dritte wird als Bereicherung erlebt, auf den offenherzig zugegangen wird. Es gibt keinen Ausschluss, keine Exkommunikation des Anderen, Fremden, vielmehr eine Integration. Ist jemand jedoch in „Zweisamkeit“ erstarrt, wird das Dritte als Bedrohung erlebt. Die in Zweisamkeit erstarrte Frau hat in sich keinen Raum für die Beziehung zu ihrem Partner und zu ihrem Kind. Und: Der in Zweisamkeit erstarrte Mann erlebt die Zuwendung seiner Frau zu dem Baby als Liebesentzug. In diesem Elend ist der Dritte vergessen und/oder wird ignoriert. Ignoranz ist die geringfügig aktivere Variante von Vergessen. Der/die/das Vergessene erlebt dies als „nicht wert, erinnert zu werden.“ So ist das Fehlen des trinitarischen Raumes zugleich ein Fehlen des Raumes von Wertschätzung, Achtung und Fürsorge. An ihre Stelle ist Lieblosigkeit getreten.

Anders herum gilt: Die gemeinsame Freude an dem Dritten, an dem Baby, an einem gemeinsamen Hobby oder auch an der Leidenschaft des Anderen, macht und hält Beziehungen lebendig. Gerade auch im Alter! Ich bin kürzlich auf die mir unbekannte vierte Strophe des bekannten Weihnachtsliedes: „Alle Jahre wieder …“ gestoßen. Die lautet:

Sagt’s den Kindern allen,

dass ein Vater ist,

dem sie wohl gefallen,

der sie nicht vergisst.“ (Markus Barth in Christ in der Gegenwart, Nr. 51/2019 S. 561)

Und ich stimme Markus Barth sehr zu, wenn er sagt: „… kürzer kann man … das tiefe Geheimnis von Weihnachten … nicht zum Ausdruck bringen.“

Nur: Zu dritt sein können ist eine Fähigkeit, die uns Menschenkindern nicht in den Schoß fällt. Und es den Kindern sagen, ist zu wenig. Glaubhaft wird, wenn Kinder, wenn wir alle dies erleben können. Es fühlt sich nämlich an. Es ist ein anderer Blick auf die Welt, eine radikal andere Perspektive – ob ich „verschmolzen in Zweisamkeit“ oder in innerlich aufgespannter Dreiheit lebe.

(Ein kleine Experiment: Halten Sie sich ein Auge zu – so ist Ihr Blick, wenn der dreidimensionale Raum verloren gegangen ist. Irgendwie flach.)

Nun bedarf es eines starken Vertrauens, nicht nur dreidimensional zu schauen, sondern auch zu denken, zu leben. Aus der Perspektive des „Dritten“, der gerade nicht „mit dabei“ ist: Ich brauche das Vertrauen, dass „die beiden Anderen“ sich nicht gegen mich verbünden. Mein Misstrauen will Kontrolle, will festhalten. Hinzu kommt die Angst, wenn ich den Anderen loslasse, „frei gebe“, verlässt er mich. Das Eigenleben des Anderen bedroht meine Beziehung zu ihm.

Der Andere kann mich betrügen, belügen, verraten, verlassen …

In dieser Situation befindet sich Josef am Beginn unserer Erzählung der Geburt Jesu – wie sie sich im Matthäusevangelium findet. Sie haben es vorhin als Evangelium gehört.

18 Die Geburt Jesu Christi geschah aber so: Als Maria, seine Mutter, dem Josef vertraut war, fand es sich, ehe sie zusammenkamen, dass sie schwanger war von dem Heiligen Geist.

19 Josef aber, ihr Mann, der fromm und gerecht war und sie nicht in Schande bringen wollte, gedachte, sie heimlich zu verlassen.

20 Als er noch so dachte, siehe, da erschien ihm ein Engel des Herrn im Traum und sprach: Josef, du Sohn Davids, fürchte dich nicht, Maria, deine Frau, zu dir zu nehmen; denn was sie empfangen hat, das ist von dem Heiligen Geist.

21 Und sie wird einen Sohn gebären, dem sollst du den Namen Jesus geben, denn er wird sein Volk retten von ihren Sünden.

22 Das ist aber alles geschehen, auf dass erfüllt würde, was der Herr durch den Propheten gesagt hat, der da spricht (Jesaja 7,14):

23 »Siehe, eine Jungfrau wird schwanger sein und einen Sohn gebären, und sie werden ihm den Namen Immanuel geben«, das heißt übersetzt: Gott mit uns.

24 Als nun Josef vom Schlaf erwachte, tat er, wie ihm der Engel des Herrn befohlen hatte, und nahm seine Frau zu sich.

25 Und er erkannte sie nicht, bis sie einen Sohn gebar; und er gab ihm den Namen Jesus.

Josef ist mit Maria verlobt und merkt, dass seine Verlobte schwanger ist. Da er sicher weiß, nicht mit ihr geschlafen zu haben, muss logischerweise das Kind von einem Anderen sein. Es muss das Kind einer Affäre, eines Betrugs sein. Er beschließt, Maria keine große Szene zu machen, sie dafür nicht bloß zu stellen, sondern sie heimlich zu verlassen. Josef ist keiner, der in seiner Enttäuschung den Anderen bloß stellen möchte. Aber er will sich auch schützen, und so beschließt er, sich aus der Beziehung zurück zu ziehen.

In der Nacht nach seinem Beschluss träumt Josef einen Traum. Und da er diesen Traum Ernst nimmt, verändert er sein ganzes weiteres Leben. Im Traum erscheint ihm ein Engel. Ein Engel ist ein Bote aus einer „anderen Welt“. Dies entspricht dem Wesen unserer Träume: Sie sind Botschaften aus einer anderen Welt. Nicht die rationale Welt des Konkret-Sinnlichen repräsentieren Träume, sondern eine Welt mit anderen Gesetzen, anderen Zusammenhängen, einer anderen Logik. Eine Welt, in der es eine Schwangerschaft gibt, die nicht die Folge von Geschlechtsverkehr ist. Eine Welt, über die sich unser diesseitiger Verstand lustig macht, da er sie nicht versteht. „Was bringt mir das, wenn ich mich an meine Träume erinnere?“ fragt er.

Nichts – im Sinne von Effizienz, Ruhm und Status“, ist die nüchterne Antwort.

Vielleicht ein bisschen mehr Verständnis für dich, für dein Denken und Fühlen… Vielleicht einen neuen, unerwarteten Blickwinkel eines Themas …

Vielleicht sogar eine neue Entscheidung dafür, wie du weiterleben möchtest …“

Josef, du Sohn Davids“, sagte der Engel in Josefs Traum. Damit weist er darauf hin, in welcher Ahnenreihe Josef steht: Sein Stammbaum führt auf König David zurück, er gehört zu demjenigen Geschlecht, von dem die Geburt des Messias erwartet wird. Und sein Name, „Josef“ heißt wörtlich: „Es komme noch einer“ – im Sinne von: „Es ist noch nicht zuende.“ (Hebräisch josef: „hinzufügen“, „vermehren“) (In Klammern: Es gibt noch einen Träumer namens Josef: Den Sohn von Jakob und Rahel, dessen Schicksal an wesentlichen Punkten dem Schicksal Jesu ähnelt, über dessen Leben Thomas Mann den wunderschönen Roman: „Josef und seine Brüder“ geschrieben hat. Klammer zu.)

Es kommt noch einer!“ Dies ist die große Herausforderung für den Mann, wenn er einen Sohn bekommt: „Da kommt noch einer, ein Nachfolger!“ Das Leben geht weiter: Er selbst ist nicht der Einzige, nicht der Letzte. Indem ich diesen Gedanken tief in mich hinein lasse, schwingt auch mit: „Mein Sohn wird mich überleben, er wird stark und kräftig werden, während meine Kräfte schwinden werden …“ Dies alles muss durchgearbeitet werden, um die Vater-Sohn-Beziehung nicht mit Hass und Neid zu vergiften, was ein großes Thema innerhalb der griechischen Mythologie ist.

Nun ist es schon schwer genug, sich damit anzufreunden, dass der eigene Sohn Etliches besser kann als ich. Wie schwer muss es dann erst sein zu akzeptieren, dass meine Frau den Retter der Welt auf die Welt bringen wird, mit dessen Zeugung ich nicht das Geringste zu tun habe. Josef – der Ausgeschlossene! Das ist kein gutes Dreieck!

Matthäus versucht Josef einzuschließen, indem er auf seinen Stammbaum verweist – ein Abkömmling der Davididen. Was ja eigentlich völlig egal ist, nachdem der Messias eben nicht von diesem Josef abstammt, gezeugt wurde.

Sie merken – hier kommen wir wieder mit unserem Alltagswissen, unserer gebräuchlichen Logik nicht weiter. Jetzt gibt es zwei Möglichkeiten: Sich von all dem abzuwenden und es als „Blödsinn“ zu entwerten. Oder sich in der Haltung von Unwissenheit zuzuwenden. Ich möchte letzteren Weg gehen.

Wenden wir uns wieder dem Traum zu. Ein Traum hat etwas Schwebendes, nicht Fixiertes. Der Traum von Josef ist ein Ausdruck, eine Veranschaulichung von der

Geburt von etwas radikal Neuem. Etwas, das sich nicht erschaffen, nicht erzeugen lässt. Etwas, das geschieht – und dieses Geschehen entspringt einer anderen Welt. (Wie die Rose (Susanna) – es erscheint in unserer Welt, aber es entstammt nicht unserer Welt. Und nimmt doch alles an, was zu unserer Welt gehört: „Wahrer Mensch – und wahrer Gott!“

Nimmt an eines Knechts Gestalt, der Schöpfer aller Ding“ haben wir vorhin gesungen.)

Josef repräsentiert die Kraft, das von seinem Verstand gemachte Konzept von Wirklichkeit loszulassen. Diese Kraft hat mit Mut zu tun: dem Mut, sich verunsichern zu lassen. Echte kognitive wie emotionale Stärke fließt daraus, das eigene Wissen nicht absolut setzen zu müssen. Oder anders ausgedrückt: Nicht-Wissen zu ertragen. Nicht-Wissen ist ein frontaler Angriff auf unseren stolzen Verstand. Da unser Verstand schlau ist, hat er sich im Laufe unseres Lebens viele Tricks und Strategien ausgedacht, die verhindern sollen, dass er verunsichert wird. Eine der verbreitetsten Strategien ist, das, was mich verunsichern könnte, vorab, bevor überhaupt die Möglichkeit der Verunsicherung entsteht, zu ignorieren.

So etwas wie unsere Träume zum Beispiel. Bevor ich mich von ihnen verunsichern lasse, behaupte ich einfach, dass Träume keinerlei Bedeutung haben. Irgendwelche nächtliche synaptische Entladungen meines Gehirns darstellen. Und schon habe ich Ruhe vor dem scheinbaren Blödsinn, den ich träume.

Während Josefs Alltagsverstand schläft, erlebt er Neues. Dieses Neue spricht zu ihm wie in einem Traum. Als er erwacht, ist er ein Anderer. Er nimmt das Geträumte ernster als seine ursprüngliche Interpretation der Wirklichkeit. Dazu bedarf es eines tiefen Vertrauens. Von diesem Vertrauen rät uns unser Alltagsverstand dringend ab. Er sagt: Vertrauen ist gut – Kontrolle ist besser.

Erst in der Bewegung des Vertrauens kann Josef eine Stimme hören, die aus einer anderen Wirklichkeit zu ihm spricht. Dies ist die Stimme Gottes, bzw. seines Engels oder Boten. Und indem Josef sich von dieser Stimme berühren lässt, übernimmt er Verantwortung. „Ver-Antwortung“ heißt ja wörtlich: eine angemessene Antwort geben auf diese „andere“, „ungewohnte“ und „unerhörte“ Stimme in meinem Innern. Die Antwort, die Josef gibt, die Verantwortung, die Josef nunmehr trägt, ist die, für Maria und Jesus zu sorgen. Aus seiner Verantwortung entspringt seine Für-Sorge. Fürsorge ist nichts Großes: Es genügt, da zu sein und da zu bleiben, als Mann, als Vater. Die Gegenbewegung, der erste Impuls von Josef war die Flucht, war der Beziehungsabbruch. „Mit mir nicht!“ Dieser Impuls ist nur allzu verständlich.

Wir Menschen neigen dazu, Wirklichkeit so zu interpretieren, dass wir uns nicht auf sie einlassen, keine Verantwortung und keine Fürsorge übernehmen. Die Gründe hierfür sind unterschiedlich. Josef geht es um die „Schande“. „Schande“ ist mit „Scham“ konnotiert – und sich schämen ist ein so ekelhaftes Gefühl, dass es sehr verständlich ist, alles daran zu setzen, sich dem nicht aussetzen zu müssen. Unser Verstand hilft uns dabei. Wäre es nicht eine „Schande“, wenn herauskäme, dass Maria, seine Verlobte, fremd gegangen ist? Eine Schande für das junge Paar. Eine Schande, die nur durch Beziehungsabbruch zwar nicht ungeschehen, so doch gemildert werden kann?

Lesen wir aber die ganze Geschichte wie einen Traum, so handelt sie davon, wie der Messias, das wirklich Neue, sich entwickeln und auf die Welt kommen kann. All dies geschieht in der Dunkelheit der Seele – all dies sind Traumgedanken eines seelischen Wachstumsprozesses. Hierzu gehört auch die Jungfrauenschaft Marias – natürlich nicht im biologisch-historischen Sinne, sondern im übertragenen: Das Gefäß, in dem die Kraft unseres neuen Denkens und Empfindens wächst, ist frei von den Kontaminierungen des Alten: es ist leer für Neues. Maria steht Josef zu Seite: Seine Aufgabe ist es, das Wachsen und sich Entwickeln des Neuen, Messianischen zu bewachen und zu behüten. Denn das Neue ist gefährdet – König Herodes repräsentiert die mörderische Kraft, die das Neue Leben vernichten will. Und wieder es ein Traum über den Josef erfährt, wie er Maria und Jesus schützen kann – (über die Flucht nach Ägypten). Maria und Josef verkörpern für mich eine fruchtbare Beziehung aus der heraus ein „Gott mit uns“, ein Immanuel, wächst – einer, wie es heißt, der sein Volk retten wird von seinen Sünden.

Das Volk, das sind all’ die Bestrebungen und Tendenzen in uns, die bei dem Ganzen nicht mitmachen, die am Alten festhalten, an den „Fleischtöpfen Ägyptens“. Das Volk ist verliebt in die „Zwei“ – das Dritte ist unerwünscht. Für die hebräische Bibel ist Ägypten das Land, das in Zweiheit erstarrt ist. Es gibt kein Drittes – der Welt der Lebenden steht das Totenreich gegenüber.

Altes wie Neues Testament aber handeln davon, dass es ein Leben „jenseits“ der Welt der Zweiheit gibt. Ein Leben jenseits der Erstarrung. Die Entdeckung des „Dritten“, des lebendig machenden Heiligen Geistes, innerlich wie äußerlich, ist für mich das Zentrum der christlichen Religion und das Geheimnis erfüllten, lebendigen Lebens.

Gebe Gott, dass wir mutig werden, dass wir es wagen, unsere Gefangenschaft in der Zweiheit unseres Denkens zu erleben; gebe Gott, dass in uns ein Messias, ein „Immanuel“ wachsen darf, der uns in die Wüste des Erlebens des Einen, Einzigartigen Gottes führt, in der Heiligen Dreiheit seiner Personen, des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes, AMEN.

Predigt zum 2. Advent über Lukas 21, 28

Liebe Gemeinde,

“ein Gottesdienst ist so gestaltet, dass sich Menschen Gott zuwenden und seine heilsame Gegenwart erfahren können.”

Nachzulesen auf der Website der EKD.

Dieser Satz hat sich bei mir verbunden mit einer Frage, die mich alltäglich auch als Therapeut beschäftigt:

Was ist eigentlich heilsam?

Oder auch: Wann ist etwas heilsam?

Was zeichnet heilsame Beziehungen aus?

Sei es zwischen Partnern, zwischen Kindern und deren Eltern, zwischen Patient und Arzt, zwischen Gemeinde und Pfarrer. Und nicht zuletzt: Sei es zu mir selbst.

Auch hier und jetzt hier in unserem Gottesdienst: „Gottes heilsame Gegenwart“ Ist sie da? Können wir sie spüren?

Eines scheint sicher:

Heilsames lässt sich nicht herbei reden, nicht herbei zaubern. Lässt sich nicht machen.

Wie dann?

Vielleicht ist ein Ansatz, darüber nachzudenken: Was ist denn nicht heilsam?

In dem Wort „heilsam“ schwingt „heil sein“ im Sinne von „ganz“ „ganzheitlich“ sein. Nicht-heil-Sein heißt dann: Da sind nur Teile, Fragmente, Scherben, Bruchstücke.

Eine heilsame Beziehung, ein heilsames Gespräch entsteht, indem sich etwas öffnet. Eine Öffnung hin zu etwas Ganzheitlichem, Unversehrtem.

Du siehst immer nur das Eine bei mir“ und was mich sonst noch alles ausmacht, nimmst du gar nicht wahr. Und allzu oft ist dieses „Eine“ das Negative, das Defizitäre, das Unerwünschte.

Das, was zu ändern ist. Was keinen Platz hat.

Dann landet die Beziehung in der Sackgasse von Vorwürfen und gegenseitigen Schuldzuweisungen. Im schlimmsten Fall zerbricht sie daran.

Gottes heilsame Gegenwart beginnt da, wo ich spüren darf: In dem, wer ich gerade bin, in dem, wie ich gerade bin, in meinem so und nicht anders geworden sein werde ich akzeptiert. Da gibt es eine „Kraft“, die sagt doch tatsächlich „ja“ zu mir.

Ja – du bist in Ordnung. Du bist okay.“ Und dein Leben, in all seinen Wendungen und Schleifen, in deinen Abbrüchen und Neuanfängen, in deinen Fehlern und deiner Schuld – es ist gut. Gut im Sinne von: Es ist, wie es ist. Es ist, was es ist.

Und diese Kraft, je tiefer ich sie spüre, sie in mich hinein lasse, aus ihr heraus lebe, die bewirkt etwas in mir: Ich wage es, mein „Haupt zu erheben“, wie es in unserem heutigen Wochenspruch heißt. Nicht mehr niedergeschlagen um mich selbst kreisend zu Boden geht mein Blick. Das vertraute Grübeln läuft ins Leere.

Und in diesem Erheben erhebt sich meine Seele.

Meine Seele erhebt den Herrn und mein Geist freuet sich Gottes, meines Heilands …“ (Lukas 1, 46b-47) heißt es in Marias „Lobgesang“, dem Magnificat.

Denn er hat die Niedrigkeit seiner Magd angesehen …“ (Lukas 1,48a)

Die Freude der Seele gründet darin, wahrgenommen, „gesehen“ zu werden. Und sie antwortet in ihrer Freude, so „als wollte sie sagen: ‘Es schwebt mein Leben samt allen meinen Sinnen in Gottes Liebe, Lob und hohen Freuden, dass ich, meiner selbst nicht mächtig, mehr erhoben werde, als mich selber erhebe zu Gottes Lob.“ (So hat übrigens M. Luther diesen Vers einmal ausgelegt.)

So weit, so gut. Aber das ist noch nicht die ganze, die heilsame Wahrheit.

Die andere Hälfte lautet: Gottes heilsame Gegenwart strahlt aus mir heraus. Mein Gesund- und mein Heil-Sein strahlt ab. Indem ich in Gottes heilsamer Gegenwart lebe, trete ich ganz natürlich „erhobenen Hauptes“ dem Anderen, meinem „Nächsten“ gegenüber. In der Haltung: In allem, wer du gerade bist, so wie du gerade bist, in deinem so und nicht anders geworden sein, wirst du von mir akzeptiert. Und natürlich muss dann auch dazu genommen worden: In alle dem, was du mir schuldig geblieben bist, was du mir angetan hast, worin du mich verletzt hast, womit du mich enttäuscht hast: In alledem nehme ich dich liebevoll an. Und – noch zugespitzter: In alle dem, was du mir gerade zumutest, worüber ich gerade enttäuscht bin, was ich mir gerade ganz anders vorstelle – in alledem nehme ich „dich“ an.

Nehmt einander an, wie Christus Euch angenommen hat.“ (Röm 15,7)

Sollten Sie sich jetzt denken: „Das kann ich nicht!“ dann geht es Ihnen genauso wie mir. Natürlich habe ich Erwartungen an mein Leben, an Menschen, mit denen ich zu tun habe. Habe ich Erwartungen an unsere Politiker, an Menschen die in der Wirtschaft etwas zu sagen haben oder in der Kirche usw. Und natürlich bin ich enttäuscht, wenn meine Erwartungen nicht erfüllt werden.

Nehmt einander an, wie Christus Euch angenommen hat!“

Hinzu kommt: Die „Großen“ konnten es auch nicht. Jesus hat die Händler im Tempel keineswegs liebevoll angenommen. Und sein Umgang mit den Pharisäern war angefüllt mit Ablehnung, Abweisung, ja Hass.

Und Paulus ist wütend, enttäuscht über die Menschen und deren Verhalten in den von ihm neu gegründeten Gemeinden. Denken Sie nur an die Korinther oder Galater! („O Ihr unverständigen Galater …!“ Gal 3,1)

Und der große Bernhard von Clairveaux – Gründer der Zisterzienser, Verfasser tief empfundener spiritueller Schriften – hat zum ersten Kreuzzug aufgerufen und gegen die „Ungläubigen“ Muslime gehetzt.

Der alte Martin Luther hat sich in gehässigster Weise über seine jüdischen Mitbürger ausgelassen. Und, und, und …

Ja – so sind wir Menschen!

Indem ich den Mund aufmache, indem ich mich der Sprache bediene, bewerte ich, lehne ich ab, wende ich mich zu, scheide ich aus, nehme ich in mich hinein.

Hier gibt es kein Entkommen. Stimmt auch: „Reden ist Silber – Schweigen ist Gold.“

Es sei denn, Reden dient dazu, anstelle zu bewerten zu verstehen. Reden als Versuch, den Anderen und sich selbst zu verstehen. Und vor dem Verstehen kommt: Den Anderen und sich selbst kennen zu lernen.

Was bewegt mich gerade? Welches Gefühl ist damit verbunden? Wieso mache ich das – und nicht etwas anderes? Was soll der Andere von mir erfahren? Und was nicht? Wie gebe ich mich – und weshalb eigentlich?

Was versuche ich geheim zu halten? Und aus welchen Gründen?

Und dies alles: „Erhobenen Hauptes!“

Erhebt Eure Häupter, weil sich Eure Erlösung naht!“

Erlösung hat mit dem Mut zu tun, die eigene, die vertraute Ego-Perspektive zu wechseln.

Und das erfordert Mut. Mut wiederum passt sehr gut in die Adventszeit: Advent und Abenteuer haben denselben Wortstamm: ad-venire – es kommt etwas NEUES auf mich zu, ich erfahre etwas, was ich bislang nicht kannte. Freilich nur, indem ich es wage, meine Augen in Richtung des Neuen hin zu öffnen. Einen Perspektivenwechsel zu vollziehen.

Dazu bedarf es eines erhobenen Menschen.

Der erhobene Mensch ist der aufgerichtete Mensch. Das Adjektiv dazu lautet „aufrichtig“. Auch im Sinne von wahrhaftig, ehrlich, auf dem einen Boden der Wahrheit stehend. (Der erhobene Mensch ist nicht zu verwechseln mit dem überheblichen Menschen!)

Und die Erlösung ist nichts anderes, als dass ich mich von meinen Täuschungen, Tricksereien, Betrügereien löse. Ich muss mir selber und anderen nichts mehr vormachen, nichts mehr vorspielen. Auch nichts mehr einreden. Und dazu bleibt mir nichts Anderes übrig, als meine Selbst-Täuschungen und Tricksereien kennen zu lernen.

Was nicht angenommen wird, kann nicht verändert werden“ – diese Einsicht ist uralt.

So heißt es bei Rabbi David von Lelow:

Erlösung kann zu einem Menschen nicht kommen, ehe er die Schäden seiner Seele sieht und sie zurecht zu bringen unternimmt. Erlösung kann zu einem Volke nicht kommen, ehe es die Schäden seiner Seele sieht und sie zurechtzubringen unternimmt. Wer, Mensch oder Volk, der Erkenntnis seiner Mängel keinen Zutritt gewährt, zu dem hat die Erlösung keinen Zutritt. Wir werden in dem Maße sichtbar, in dem wir uns selber sichtbar werden.“

Der Erlösung Zutritt gewähren aber heißt aufhören zu meinen, ich könnte mich selbst erlösen. Der Weg der Erlösung, der Weg des Sich-selbst-Kennenlernens heißt, dem Anderen, dem Fremden, dem Unbekannten außerhalb meiner und in mir „Zutritt zu gewähren“. Die damit verbundenen Ängste und Turbulenzen wurden vorhin im Evangelium anschaulich beschrieben. Alles Vertraute gerät ins Wanken, der Boden auf dem ich stand, von dem ich dachte, er trägt mich, verliert seine Sicherheit. Gefühle der Katastrophe bemächtigen sich meiner.

Und in alledem ruft uns Jesus über Lukas zu:
„Erhebt Eure Häupter, denn Eure Erlösung naht!“

Oder, in den Worten des Nikolaus von Flüe:

Mein Herr und mein Gott, nimm alles von mir, was mich hindert zu dir.
Mein Herr und mein Gott, gib alles mir, was mich führet zu dir.
Mein Herr und mein Gott, nimm mich mir und gib mich ganz zu eigen dir.

Liebe Gemeinde!

Eine heilsame Predigt sollte Hilfen dafür bereit stellen, sich Gott zuwenden zu können. Sie sollte nahrhaft sein, um geistig-seelisches Wachstum zu ermöglichen. Ob die angebotene Nahrung auch angenommen und/oder gar aufgenommen wird, entzieht sich der Macht des Pfarrers, der den Gottesdienst hält. Da es im Gottesdienst keine Zwangsernährung gibt, liegt es in der Freiheit derer, die da sind.

Zu der Bekömmlichkeit einer Nahrung gehört auch, sich nicht zu überessen. Wenn es am besten schmeckt soll man aufhören, lautet eine alte Lebensweisheit. Von daher höre ich jetzt auf und freue mich, wenn etwas Nahrhaftes für Euch dabei gewesen ist. Wenn es geschmckt hat. Falls nicht tut es mir leid. Und auch das gehört zur “Erlösung” – anzuerkennnen: Das, was ich koche, was mir schmeckt, muss jemand anderem nicht schmecken. Eine freie und aufrichtige Beziehung hält das locker aus. Von daher wäre der Satz zu ergänzen: “Nehmt einander an, wie Christus Euch an genommen hat und respeketiert liebevoll die Verschiedenheit Eurer Geschmäcker.” AMEN

Predigt über Johannes 5, 1-16 am 19. Sonntag nach Trinitatis 2019

Liebe Gemeinde,

heile mich Herr, so werde ich heil, befreie mich, dann bin ich frei.“ (Jer. 17,14)

(M. Luther hatte übersetzt: „… hilf du mir, so ist mir geholfen.“

Dieser Ausruf, ja Appell des Propheten Jeremia, geht mir nahe.

Wer so ruft, wer so bittet, der muss eine Ahnung von Nicht-Heil-Sein haben.

Verbunden mit dem tiefen Vertrauen: „Du kannst mich heilen!“

Und er muss eine Ahnung davon haben, dass sein „Sich-nicht-heil-Fühlen“ zu tun hat mit einem Gefühl, „irgendwie unfrei“ zu sein.

Nicht wenige meiner Patienten sagen sehr früh im Laufe der Zusammenarbeit: „Ich wäre so gerne frei!“

(Fühlt Ihr Euch frei? – Was ist eigentlich „Freiheit“? Tun und Lassen können was man will? Dass einem keiner mehr reinredet?)

Der heutige Predigttext erzählt – wie schon vorher das Evangelium – von einer Heilung – mi Jeremias können wir jetzt auch sagen: Von einer Befreiung.

5, 1 Danach war ein Fest der Juden, und Jesus zog hinauf nach Jerusalem.

Danach“ heißt: Nachdem Jesus einen Todkranken geheilt hatte.

Ein Fest der Juden: Das ist der Rahmen unserer Befreiungsgeschichte. Das ist insofern wichtig, als damit der gesellschaftliche Rahmen genannt wird, innerhalb dessen Jesus handelt. Wir Menschen – völlig egal, was wir machen oder unterlassen – verhalten uns stets zur Gruppe. Auch der Einsiedler, der versucht, alles hinter sich zu lassen, verhält sich zur Gruppe seiner Mitmenschen. So wie es kein Vakuum auf der Erde gibt, so gibt es kein Verhalten/Tun. ohne auf die Gruppe Bezug zu nehmen.

2 Es ist aber in Jerusalem beim Schaftor ein Teich, der heißt auf Hebräisch Betesda. Dort sind fünf Hallen; 3 in denen lagen viele Kranke, Blinde, Lahme, Ausgezehrte.

Die Heilung findet in der Nähe des Schaftores statt, einem der 5 Jerusalemer Stadttore. Dort gibt es einen Teich, Betesda – das heißt auf deutsch „Barmherzigkeit“ -, der Wunder wirken kann. Einer Legende zufolge bewegt ein Engel diesen Teich von Zeit zu Zeit, und wem es als ersten gelingt, in das Wasser zu kommen, der ist geheilt. Auch beim Krank-sein geht es darum, vorne dran – erster zu sein.

Was sind wir Menschen nur für merkwürdige Wesen?

5 Es war aber dort ein Mensch, der war seit achtunddreißig Jahren krank.

Ich habe keine Ahnung, ob die Zahl 38 hier eine tiefere Bedeutung hat. Jedenfalls ist der Mann sehr, sehr lange krank. Wir würden heute sagen: seine Krankheit hat sich chronifiziert.

6 Als Jesus ihn liegen sah und vernahm, dass er schon so lange krank war, spricht er zu ihm: Willst du gesund werden?

Das ist bemerkenswert. „Willst du gesund werden?“ Das griechische Wort für gesund heißt: „hygies“; wir kennen es von dem Fremdwort Hygiene. Wörtlich heißt es: wohl leben im Sinne von munter, lebendig sein.

Offenbar ist es nicht selbstverständlich, dass jemand wohl leben will; das jemand „munter“ sein will.. Sigmund Freud hat dies den „Widerstand“ gegen den therapeutischen Prozess, gegen die „Heilung“ oder „Befreiung“ genannt. Dieser Widerstand hat mit dem „Gewinn“ des Krank-seins zu tun. Eine Leitfrage in der psychotherapeutischen Behandlung lautet: Was wird mit dem augenscheinlichen Leiden vermieden? Was wird als noch schlimmer erlebt als das, worunter ich gerade leide? Oder: Warum vermeiden wir mit aller Macht zu erleben, wie frei wir sind?

7 Der Kranke antwortete ihm: Herr, ich habe keinen Menschen, der mich in den Teich bringt, wenn das Wasser sich bewegt; wenn ich aber hinkomme, so steigt ein anderer vor mir hinein.

Der Kranke sagt, ich habe eine Vorstellung davon, wie ich gesund werden könnte. Diese Vorstellung kann ich aber nicht verwirklichen („realisieren“).

Es ist wichtig, in der therapeutischen Behandlung bzw. im seelsorgerlichen Gespräch genau hinzuhören. Was sagt der Andere und was meint er damit. Und: was meint er nicht. Die allermeisten Menschen haben eine Vorstellung (ein „Konzept“) davon, wie sie gesunden könnten. Verzweiflung stellt sich ein, wenn sie dieses Konzept nicht verwirklichen können. Missmutig, ärgerlich zu werden scheint erträglicher zu sein, als das eigene Konzept, die eigene Vorstellung von Gesundung selbst in Frage zu stellen. Die Vorstellung des Kranken am Teich der Barmherzigkeit ist eine magische: Es müsste ihm nur gelingen, als erster in das Wasser zu kommen. Dazu aber bräuchte er jemanden. Und den gibt es nicht. Oder jetzt vielleicht doch?

8 Jesus spricht zu ihm: Steh auf, nimm dein Bett und geh hin!

Jesus lässt sich auf das Gesundungs-Konzept des Patienten überhaupt nicht ein. Stattdessen provoziert er mit einer Art „paradoxen Intervention“: Einem Gelähmten zu sagen, „steh auf, nimm dein Bett und geh!“ könnte leicht verstärkten Widerstand hervorrufen. „Vielen Dank für Nichts! Genau das ist ja mein Problem, dass ich nicht stehen, geschweige denn gehen kann!“

Der Kranke leidet darunter, nicht auf seinen eigenen Beinen in der Welt stehen zu können. Und er hofft 38 Jahre lang darauf, dass er von außen Hilfe bekommt, dass ihn jemand zu seiner „Erlösung“, zu seiner „Rettung“ trägt. Der Gewinn dieser Haltung ist, selbst klein und abhängig bleiben zu können. Und an der Sehnsucht festzuhalten, es gäbe „da draußen“ einen „Retter“, einen „Erlöser“.

Der Nachteil oder der Preis des Festhaltens an dieser Sehnsucht ist, am Leben nicht wirklich teilnehmen zu können. Irgendwie „draußen“ zu sein. Jesus übergeht dies alles, indem er sagt: „Steh auf, nimm dein Bett und geh hin!“

9a Und sogleich wurde der Mensch gesund und nahm sein Bett und ging hin.

Na ja, als jemand, der sich seit 25 Jahren als Psychotherapeut darum bemüht, Menschen dazu zu bewegen, auf eigenen Beinen zu stehen, kann ich da nur lachen. So einfach wenn es ginge!

Und doch ist die zugrundeliegende Idee wahr: Gesund sein hat damit zu tun, frei zu sein; frei zu sein dafür, auf eigenen Beinen zu stehen, den eigenen Weg zu gehen. Und das eigene Schicksal zu (er-)tragen. So verstehe ich das „Bett“, auf dem der Gelähmte liegt: Es ist die Summe all dessen in seinem Leben, was ihn daran gehindert, seiner Wege zu gehen. Anstatt es selbst zu tragen, hat er sich davon runter ziehen lassen, hat er sich davon tragen lassen. Das ist der Gewinn des Abhängig-Bleibens. Solange ich keine Vorstellung davon habe, wie das gehen soll: in Freiheit meiner Wege zu gehen, solange habe ich keine andere Chance, als liegen zu bleiben. Und es mir so gemütlich, wie möglich, auf diesem Bett einzurichten.

Es ist die Angst vor dem Erleben von Freiheit, die mich lähmt! Freisein für mein Leben im heute heißt nämlich auch: Es gibt keine Entschädigung für Erlittenes, keine Wiedergutmachung.

Frei sein für die Gegenwart heißt anerkennen: Alles, was mir widerfahren ist, ist vorbei! Und alles, was ich anderen und mir selbst angetan habe, ist ebenfalls vorbei.

9b Es war aber Sabbat an diesem Tag.

Damit beginnt der zweite Teil unserer Geschichte: Die Einbettung des heilsam-befreienden Geschehens in sein soziales Umfeld oder die Reaktion des religiösen Establishments.

10 Da sprachen die Juden zu dem, der geheilt worden war: Heute ist Sabbat, es ist dir nicht erlaubt, dein Bett zu tragen.

11 Er aber antwortete ihnen: Der mich gesund gemacht hat, sprach zu mir: Nimm dein Bett und geh hin!

12 Sie fragten ihn: Wer ist der Mensch, der zu dir gesagt hat: Nimm dein Bett und geh hin?

13 Der aber geheilt worden war, wusste nicht, wer es war; denn Jesus war fortgegangen, da so viel Volk an dem Ort war.

14 Danach fand ihn Jesus im Tempel und sprach zu ihm: Siehe, du bist gesund geworden; sündige nicht mehr, dass dir nicht etwas Schlimmeres widerfahre.

15 Der Mensch ging hin und berichtete den Juden, es sei Jesus, der ihn gesund gemacht habe.

16 Darum verfolgten die Juden Jesus, weil er dies am Sabbat getan hatte.

Das Establishment einer Gesellschaft trägt die Ordnung, die Gesetze, innerhalb derer sich gesellschaftliches Leben bewegt. Seine Aufgabe ist es, für die Einhaltung dieser Ordnung zu sorgen. Es interessiert sich nicht für den Einzelnen, es interessiert sich für die allgemeine Ordnung. Von daher ist der Satz: „Es ist dir nicht erlaubt, am Sabbat dein Bett zu tragen“ völlig korrekt im Sinne dieser Ordnung. Und wenn der Geheilte/Befreite antwortet: „Der mich gesund gemacht hat, der hat mich aufgefordert, mein Bett selbst zu tragen“, dann bleibt das Interesse an der Störung der öffentlichen Ordnung. Das Wunder, dass da einer gesund wurde, interessiert nicht. Ja – es ist gefährlich. Denn offenbar hat da einer zur Unruhestiftung aufgerufen. „Wer ist der Mensch, der zu dir gesagt hat: Nimm dein Bett und geh hin?“ Das interessiert.

Der Befreite hat keine Ahnung. Er ist verschwunden. Jesus legt keinen Wert darauf, sein Ego in den Mittelpunkt zu stellen. Ihm geht es um die Befreiung als solche.

Und dann kommt es zu einer zweiten Begegnung: Zum zweiten Mal findet Jesus den nunmehr Geheilten, und zwar im Tempel – also im „Haus Gottes“ – und sagt zu ihm: „Siehe, du bist gesund geworden; sündige nicht mehr, dass dir nicht Schlimmeres widerfährt!“

Die Sünde des Gelähmten war keine moralische Übertretung. Die Sünde des Gelähmten war seine Unfähigkeit, sein Lebensschicksal selbst zu tragen. Dies ist er sich schuldig geblieben. Sünde bedeutet in der Tiefe: sich selbst verfehlen. Indem ich mich selbst verfehle, lasse ich das, wozu mich Gott in dieser Welt bestimmt hat, liegen. Lasse ich mein Leben, lasse ich mich selbst liegen. Lasse ich meine Kreativität, meine mir anvertrauten Talente brach liegen. Die Sünde richtet sich gegen meine Lebendigkeit – und so gegen Gott. Gott ist kein fern in den Wolken wohnender „Über-Mensch“ – Gott ist das Leben. In der Kabbala heißt es, Gott ist Atem: Er atmet dich jeden Atemzug aufs Neue ein und er atmet dich aus. Hört er damit auf, fällst du auf der Stelle tot um.

Und: Gott ist die Liebe. Die Liebe zu deinem so und nicht anders gewordenen Leben. Du benötigst die Kraft der Liebe, um mit deinem Leben einverstanden zu werden. Und in diesem Einverständnis wirst du frei für dein Leben, so wie es gerade geschieht.

Heile mich Herr, so werde ich heil, befreie mich, dann bin ich frei.“

Martin Luther, der ebenfalls vom Establishment seiner Zeit verfolgt worden ist, hat das so ausgedrückt:

Da mein Gewissen in den Worten Gottes gefangen ist, kann ich und will nichts widerrufen, weil es gefährlich und unmöglich ist, etwas gegen das Gewissen zu tun. Gott helfe mir. Amen.”

Gebe Gott, auch unser Gewissen und unsere Gewissheiten, dass unser Glaube in den Worten Gottes gefangen ist; in jenen Worten, die uns für unsere eigene Lebendigkeit befreien, AMEN.

Predigt über Jesaja 58, 7-12 an Erntedank 2019 in der Apostelkirche Solln

Liebe Gemeinde,

als ich mit der Vorbereitung dieses Erntedankgottesdienstes begann, dachte ich als erstes über Danken nach. Bin ich eigentlich dankbar? Und wofür bin ich dankbar?

Und – was ist das eigentlich: Dankbarkeit?

Als Kind habe ich gelernt: Wenn man etwas geschenkt bekommt, muss man danke sagen. Völlig egal, ob es einem gefällt oder nicht. Ohne Rücksicht auf die eigenen Gefühle. „Das gehört sich so!“

Von meinen Kindern habe ich die Redewendung: „Danke für nichts!“ gelernt. Sie sagt in nicht-depressiver Weise: Darauf hätte ich jetzt gut verzichten können.

Du hast gesagt, dass du mir noch Bescheid gibst, ob wir uns treffen. Seither habe ich nichts mehr von dir gehört. Und ich hänge in einer Warteschleife – Danke für nichts!“

Wahrscheinlich kennen Sie das auch: Es gibt Geschenke, auf die man gut und gerne verzichten kann. Und es ist eine Abwägung zwischen Takt und Höflichkeit auf der einen und Authentizität auf der anderen Seite, wie ich damit umgehe. Es gibt aber auch das Andere: Dass jemand nicht aushält, etwas geschenkt zu bekommen. Man fühlt sich verpflichtet, in der Schuld des anderen, meint, sich „revanchieren“ zu müssen. Es bedarf einer großen Offenheit, ein Geschenk als Geschenk anzunehmen.

Ein ehrliches Danke ist die Antwort auf ein Geschenk, das mich in der Tiefe erreicht, berührt hat. Im ehrlichen Danke habe ich keine Angst, dass der Schenker damit Hintergedanken hat, mich manipulieren möchte. Misstrauen zerstört das Erleben von Dankbarkeit. Das Geschenk selbst kann etwas Materielles sein, es kann eine kleine alltägliche Aufmerksamkeit sein, eine freundliche Geste … Danke heißt: Ich nehme wahr, das, was du mir gerade gibst, ist keineswegs selbstverständlich. Und ich nehme wahr: Du hast mich wahrgenommen. Ich nehme deine Aufmerksamkeit und Achtsamkeit wahr.

Und ich freue mich daran, bin dankbar.

Dieses Danke strahlt aus und kommt zurück: Indem ich mich bedanke, heißt das auch: Ich nehme dich wahr und wertschätze, was ich von dir bekommen habe. Wertschätzend wahrnehmen und wahrgenommen werden tut uns Lebewesen gut. Es ist eine Art emotionale Milch, die wir für unser seelisches Wachstum benötigen. Dies hat wohl auch Meister Eckhart so erlebt haben, wenn er sagt:

Hätte der Mensch nicht mehr mit Gott zu schaffen, als dass er dankbar ist, es wäre genug.“ Und an anderer Stelle: „Wäre das Wort danke das einzige Gebet, das du je sprichst – es würde genügen.“ –

Unser heutiger Predigttext – Sie haben ihn vorhin bereits gehört – ist eine 2500 Jahre alte Predigt von Jesaja. Sie handelt nicht direkt von Dankbarkeit. Und doch predigt Jesaja eine Haltung zum Leben, die ohne Dankbarkeit nicht möglich ist. Er predigt den heilsamen, wohltuenden Zusammenhang von geben und nehmen, von schenken und beschenkt werden. Er predigt, dass eine soziale Lebenshaltung mich heil und gesund macht bzw. erhält. In dieser Haltung wird der Andere, der Fremde, der Nächste in seiner Not wahrgenommen – ohne dass ich mich selbst dabei aufopfere und ohne dass ich dafür eine Gegenleistung erwarte. Jesaja predigt eine Lebenshaltung, die nicht von der eigenen Bedürftigkeit (wenn ich dir das schenke, dann musst du aber auch …) diktiert wird.

Diese Haltung zum Leben lässt sich nicht „machen“. Sie ist ein Geschenk, wie Freude, oder Friede … oder eben Dankbarkeit.

Nun ist es so, dass Sie wahrscheinlich bei dem Anderen oder dem Fremden an andere Menschen außerhalb Ihrer, da draußen denken. An Obdachlose, an Asylbewerber, Arbeitslose oder auch Freunde, denen es gerade schlecht geht usw.

Die Lebenshaltung, die ich meine, bezieht sich zunächst einmal auf den Fremden, den Anderen in mir selbst. Sie bezieht sich auf meinen eigenen Hunger, auf mein eigenes Obdachlos-sein, auf all’ jene Teile meiner Persönlichkeit, denen ich bei mir keine Unterkunft gewähren will, mit denen ich nichts zu tun haben will. Oder auch, die mir sehr fremd sind. Kurz: Auf mein eigenes Bedürftig-sein, das mir selbst einzugestehen schwer fällt.

In jedem Menschen, in jedem von uns, wohnt ein hungriges Kind. Auch dann und manchmal gerade dann, wenn es an materieller Nahrung nie gefehlt hat. Es gibt einen Hunger und seine Sehnsucht, die in der Welt des Materiellen nicht gestillt werden kann. Es gibt einen Hunger danach, zu sich zu kommen, zu sich nach Hause zu kommen. Erst indem ich meine eigene Bedürftigkeit bei mir finde, kann ich dem Andern, dem Bedürftigen wirklich helfen.

Erst dann kann ich schenken ohne Erwartungen zu haben.

Davon handelt die Predigt des Jesaja in der Tiefe.

Brich dem Hungrigen dein Brot – gib ihm von dem, was du hast. Vielleicht wohnt in dir jemand, der sich danach sehnt, einfach da sein zu dürfen. Nicht von einem Termin zum nächsten zu eilen. Der sich wünscht, dass sein Wert nicht nach seiner Leistung, seinem Erfolg bemessen wird. Der in dem, wie er gerade ist, sich willkommen geheißen fühlt. In seinem Geschlecht einschließlich seiner Sexualität, in seiner Herkunft, in seiner Religion.

Und die im Elend ohne Obdach sind führe ins Haus – nimm bei dir auf, nimm zu dir, was du gerne bei den Anderen unterbringst, womit du selbst aber nichts zu tun haben willst. Deine eigenen schwachen Seiten, deine Trostlosigkeit, deine Traurigkeit, deine Angst: Lass sie in deinem Haus wohnen und kleide sie mit deiner Fürsorge und deiner Aufmerksamkeit. Nimm dich ihrer an – wie sich Christus deiner annimmt!

Und in dem du dich darauf einlässt, beginnst du ganz allmählich, ganzheitlicher, heiler zu werden, es wird allmählich etwas geschehen in und mit dir:

Es wird dein Licht hervorbrechen wie die Morgenröte, und deine Heilung wird schnell voranschreiten, und deine Gerechtigkeit (zedeq) wird vor dir hergehen, und die Herrlichkeit (kawod) des HERRN wird deinen Zug beschließen. Dann wirst du rufen und der Herr wird dir antworten. Wenn du schreist wird er sagen: Siehe, hier bin ich.

Das ist der „Lohn“ in Anführungszeichen deiner neuen Lebenshaltung: Keine 72 Huris, kein paradiesisches Leben – sondern ein Leben in Beziehung, in beständiger, sicherer Beziehung zu Gott. Und dieses Leben ist erleuchtet von einem Licht, das zart ist wie die Morgenröte: ein Licht des Neuen Tages, des Aufbruchs in ein ganzheitliches Leben. Und gerade so geschieht deine Heilung, dein Ganz-Werden – schneller als du glaubst. Und gerade so lernst du zu verstehen, dass dein Gott-suchen dich von Gott weggeführt hat. Erst im Loslassen deiner Suche, erst im Durchschauen deiner Täuschung, Gott wäre wo anders – erlebst du: Gott ist immer schon da, er umgibt dich von allen Seiten; er kommt und geht wie dein Atem, er belebt dich – wäre Gott nicht da, würdest du auf der Stelle tot umfallen.

Und wenn du in deiner Mitte niemand unterjochst und nicht mit den Fingern zeigst und nicht übel redest, sondern den Hungrigen dein Herz finden lässt und die gebeugte Seele sättigst, dann wird dein Licht in der Finsternis aufgehen und dein Dunkel wird sein wie der Mittag.

Es ist so verführerisch einfach, mit dem Finger auf die Fehler der Anderen zu zeigen; in der Tiefe zeige ich damit auf meine eigenen Schwächen, die ich unter keinen Umständen bei mir selber wahrhaben will. Das ist meine Selbst-Finsternis. Erst indem ich lerne, mich mit meinen Schwächen zu lieben, indem ich lerne, mir meine Fehler zu vergeben – erst dann kann ich sie mir auch wirklich vergeben lassen. Gottes Gnade, Gottes Vergebung ist vorauseilend: Sie ist immer schon da. Die Frage ist, ob ich den Mut habe, sie mir auch schenken zu lassen. Je tiefer ich Gottes Ja zu meinem so und nicht anders verlaufenen Leben in mich hineinlasse, damit meine Seele nähre, desto leichter und sicherer richtet sich meine gebeugte, bedrückte Seele auf in gesundem Selbst-Bewusstsein: Im Wissen um mich Selbst mit meinen Stärken und Schwächen. Im Wissen um meine Zugehörigkeit als Mensch zu einem unendlich Größeren und Ganzen: zur Schöpfung Gottes.

Und der Herr wird dich immerdar führen und dich sättigen in der Dürre und dein Gebein stärken. Und du wirst sein wie ein bewässerter Garten und wie eine Wasserquelle, der es nie an Wasser fehlt. Und es soll durch dich wieder aufgebaut werden, was lange wüst gelegen hat, und du wirst wieder aufrichten, was vorzeiten gegründet ward; und du sollst heißen: ‘Einer, der die Risse schließt und die Wege ausbessert, dass man da wohnen könne’.

Gott verlässt dich nie. Es ist umgekehrt: In den Zeiten deiner gefühlten Gottverlassenheit hast du dich von ihm entfernt. Bist du aber in Beziehung mit Gott, so sprudelt deine innere Quelle. Dann spürst du deine Lebendigkeit, deine Kreativität, deine Freude am Leben. Und aus deinem Gesättigt-sein und deiner Lebendigkeit heraus entdeckst du die Freude am Erneuern und am Ausbessern. Das ist die Aufgabe in der zweiten Lebenshälfte: Sich dem zuwenden, was man hat liegen lassen, verloren gegangene Beziehungsfäden wieder aufnehmen, Wege, die noch brauchbar sind, ausbessern. So geschieht im Zug der Befreiung immer auch ein (Zu-)Rück-Zug im Sinne einer Reperatur und Wiederherstellung dessen, was zerstört worden ist. Es ist, als würde man Schritt für Schritt verwandelt dahin zurückkehren, wo man vor langer Zeit aufgebrochen ist und auf diesem Wege Schäden beseitigen und wieder gut, heil machen, was unheil geworden ist. Und was sich nicht mehr reparieren lässt, oder was einfach nur alt geworden ist, das kommt zum Wertstoffhof – im Inneren wie im Außen.

Liebe Gemeinde,

heute, an Erntedank, ist eine gute Gelegenheit, uns bewusst zu machen, wie wenig selbstverständlich dieses unser Leben ist. Und wie großzügig, ja verschwenderisch, unser Gott des Lebens ist. Dieses dankbare Gedenken tut gut, da es in der Routine unseres Alltags leicht verloren geht. Dann vergessen wir, wie wenig selbstverständlich das alles ist. Wie wenig selbstverständlich diese lange Friedenszeit ist, und dass wir täglich satt werden, einen Beruf haben usw. …

Aber es steht uns frei, alltäglich und selbstverständlich auf Gottes Großzügigkeit zu antworten. Mit einem ehrlichen Danke. Das genügt. AMEN.

Predigt über Matthäus 9, 35 – 10, 1. 5-11.13b am 5. Sonntag nach Trinitatis (2019)

35 Und Jesus zog umher in alle Städte und Dörfer, lehrte in ihren Synagogen und predigte das Evangelium von dem Reich und heilte alle Krankheiten und alle Gebrechen.

36 Und als er das Volk sah, jammerte es ihn; denn sie waren geängstet und zerstreut wie die Schafe, die keinen Hirten haben.

37 Da sprach er zu seinen Jüngern: Die Ernte ist groß, aber wenige sind der Arbeiter.

38 Darum bittet den Herrn der Ernte, dass er Arbeiter in seine Ernte sende.

01 Und er rief seine zwölf Jünger zu sich und gab ihnen Macht über die unreinen Geister, dass sie die austrieben und heilten alle Krankheiten und alle Gebrechen.

5 Diese Zwölf sandte Jesus aus, gebot ihnen und sprach: Geht nicht den Weg zu den Heiden und zieht nicht in eine Stadt der Samariter,

6 sondern geht hin zu den verlorenen Schafen aus dem Hause Israel.

7 Geht aber und predigt und sprecht: Das Himmelreich ist nahe herbeigekommen.

8 Macht Kranke gesund, weckt Tote auf, macht Aussätzige rein, treibt Dämonen aus. Umsonst habt ihr’s empfangen, umsonst gebt es auch.

9 Ihr sollt weder Gold noch Silber noch Kupfer in euren Gürteln haben,

10 auch keine Tasche für den Weg, auch nicht zwei Hemden, keine Schuhe, auch keinen Stecken. Denn ein Arbeiter ist seiner Speise wert.

11 Wenn ihr aber in eine Stadt oder ein Dorf geht, da erkundigt euch, ob jemand darin ist, der es wert ist; bei dem bleibt, bis ihr weiterzieht. …

13b Ist er es aber nicht wert, so wende sich Euer Friede wieder zu Euch.

Liebe Gemeinde,

was ist die Aufgabe eines Jüngers, eines Nachfolgers Jesu?

Darum soll es in meiner heutigen Predigt gehen.

Jesus zog umher“, heißt es zu Beginn. Von Ort zu Ort, in Dörfer und Städte. „Und er predigte das Evangelium des Reiches und heilte jede Krankheit und jedes Gebrechen.“

Sieht man einmal davon ab, dass das „jede“ doch eher übertrieben wirkt – so wird das wohl so stimmen. Predigen: die Gegenwart des Reiches Gottes und Menschen zu heilen: Dies fasst Jesu irdisches Wirken recht gut zusammen. Wir wissen nicht, warum er das machte. Es war offenbar seine „Berufung“. Sie folgte aus seinem tiefen Gottvertrauen heraus. In dem heutigen Textabschnitt erfahren wir noch mehr:

Als er aber die Volkmengen sah, jammerte es ihn, weil sie erschöpft und verschmachtet waren, wie Schafe die keinen Hirten haben.“ Das griechische Wort „splanchizomai“, das M. Luther mit „es jammerte ihn“ übersetzt, heißt wörtlich: „Die Eingeweide umgedreht bekommen vor Mitleid.“ Es scheint mir die Fähigkeit auszudrücken, das „Elend“ der Mitmenschen ganz tief an sich heran, ganz tief in sich hinein zu lassen. Und was ist da so schlimm, so „bejammernswert?“ Sie sind „erschöpft“ und „verschmachtet“: wörtlich, „sie liegen am Boden“.

Sie können nicht mehr, sie sind am Ende.- Wie Schafe, die keinen Hirten haben.“

Das Bild weist auf Desorientierung hin. Schafe ohne Hirten wissen nicht, wo es gutes Weideland und Wasser gibt, wie sie sich vor wilden Tieren schützen sollen. Es fehlt Ihnen die Kraft, die sie zusammen hält und bewahrt. Bildlich ausgedrückt:

Es fehlt der „Gute Hirte“!

Damit ist zugleich die Aufgabe eines guten Pfarrers genannt: Seine Gemeinde zusammen zu halten, sie zu nähren und sie zu beschützen. Dazu bedarf es einer starken, in Gott und gerade so in sich ruhenden Persönlichkeit.

Ein starker Hirte weiß um sich, um seine Schwächen und um seine Stärken. Wer selbst in sich verwirrt, desorientiert ist, der kann Andere nicht führen. So hieß es im Predigttext heute vor einer Woche: „Kann ein Blinder einen Blinden führen? Werden nicht beide in die Grube fallen?“ (Lukas 6, 39b)

Sehend werden aber heißt, lernen, sich selber zu sehen: „… denn so hoch die Seele auch stehen mag, nie wird etwas anderes die Selbsterkenntnis ersetzen können, ob man dies will oder nicht.“1 Leider ist diese Einsicht zu Theresas Zeiten genauso wenig verbreitet gewesen, wie sie es heute ist.

In der Gegenwart fehlt vielen „Hirten“ in Wirtschaft, Kirche und Politik die Hochschätzung der Selbsterkenntnis und damit die Hochschätzung von Wahrheit.

Ein markantes Beispiel, das ich aus dem neuen Büchlein von Rainer Erlinger, „Warum die Wahrheit sagen?“ entnehme: Die Washington Post – für D. Trump der Inbegriff von Lügenpresse – hat mit sorgfältiger Recherche nachgewiesen: „In den ersten hundert Tagen seiner Amtszeit hat Trump im Schnitt 4,9 falsche oder irreführende Behauptungen pro Tag aufgestellt,. Mitte 2018 lag der Schnitt seit seines Amtsantritt bereits bei 7,6 … Vor den Midterms, den Kongress und Senatswahlen … steigerte sich der Schnitt auf 30 pro Tag. … Einen Höhepunkt … stellte der 7. September 2018 dar mit sage und schreibe 125 falschen oder irreführenden Aussagen.“ 2 Aber das wirklich Ernüchternde kommt erst: 91 Prozent der „Strong Trump Supports“ (also der starken Trumpbeführworter) vertrauen Trump, dass er korrekt informiert. Freunde und Familie kommt dagegen nur auf 63 Prozent und die üblichen Medien auf 11 Prozent!“

Trump hat eines erkannt und macht kein Hehl daraus, dass dies sein Erfolgsgeheimnis ist. Sein Ghostwriter, Thony Schwartz, hat folgenden Satz Trump in den Mund gelegt: „Ich spiele mit den Phantasien der Menschen. (…) Menschen wollen glauben, dass etwas das Größte, das Großartigste, das Spektakulärste ist. Ich nenne es wahrheitsgemäße Überspitzung. Es ist eine unschuldige Form der Übertreibung – und es ist eine sehr effektive Form von Werbeaktion.“3 Inzwischen, so Erlinger, distanziere sich Schwartz von diesen Sätzen. Seiner Meinung nach sei Täuschung nie „unschuldig“4.

Die Wahrheit bedarf keiner Werbung. Nur die Manipulation und die Lüge müssen beworben werden. Die Wahrheit ist. Nicht mehr – nicht weniger.

Der Verführer muss werben. Sein Erfolg, seine Freude ist nicht das Erkennen von Wahrheit – sondern den Anderen „auf seine Seite gezogen“ zu haben. Einen „guten Deal“ gemacht zu haben. Der Verführer will Macht über den Anderen bekommen, da er es nicht aushält, alleine und auf sich selbst gestellt zu sein. Würde er aufhören, die Anderen zu manipulieren, müsste er sich selbst begegnen, müsste er seine Angst spüren, dass der „schöne Schein“ die Leere seines wirklichen Seins vertuschen soll. Er müsste entdecken, dass er in der Tiefe am allermeisten sich selbst betrogen hat, dass seine „Werbeaktion“ so effektiv gewesen ist, dass er selber darauf hereingefallen ist. Seine vorgespielte und -getäuschte Größe und Großartigkeit soll in Wirklichkeit sein „inneres“ Gefühl von Kleinheit und Wertlosigkeit vertuschen.

Auf dem Weg der Selbsterkenntnis werden diese schmerzhaften Selbstlügen und -Täuschungen aufgedeckt; sie kommen ins Bewusstsein. So wird verständlich, dass dieser Weg nicht verbreitet und keinesfalls beliebt ist. Dies gilt natürlich alles auch für die Kirche und ihre Führer, ihre Hirten.

Ein starker Pfarrer ermutigt seine Gemeinde zu Selbsterkenntnis, weil er selbst aus dieser Quelle heraus lebt. Er weiß, dass bei allen schmerzhaften Einsichten die Wahrheit der einzige Boden ist, der wirklich trägt. Es ist die Wahrheit über das eigene So-und-nicht-anders-Geworden-Sein und die Anerkennung dieser Wahrheit, das Erleben dieser Wahrheit. Dies nährt und heilt. „Wahrheit ist die Milch der Seele“, sagt W. Bion. „Seid wie die neugeborenen Kinder begierig nach der vernünftigen, unverfälschten Milch …“ heißt es im ersten Petrusbrief (2,2)

Wie ist aber dann zu erklären, dass die Schafe lieber dem „Wolf im Schafspelz“ vertrauen, als sich selbst auf die Suche nach ihrer Wahrheit zu machen und sich Hirten danach aussuchen, inwieweit sie der Wahrheit verpflichtet sind? Weil der Mechanismus, den D. Trump genannt hat, wahr ist: Die Verführer nehmen den ihnen Anvertrauten das eigene Denken ab. Sie sagen: Wenn du mir folgst, dann mach ich dich großartig. Das erinnert sehr an die Versuchung des Diabolos, des Durcheinander-Werfers, dem Jesus in seinem Allein-Sein „in der Wüste“ begegnet: „Wenn du dich vor mir nieder kniest und mich anbetest, dann bekommst du die Macht über die Reiche, die du siehst, übertragen.“ Genau betrachtet versucht der Diabolos, Jesus von sich abhängig zu machen. Ein armer Teufel, der sein eigenes Allein-Sein nicht erträgt.

Es gibt noch einen kleinen Satz in unserem Predigttext, den ich als Pfarrer im Ehrenamt ganz besonders stark erlebe: „Umsonst habt ihr empfangen, umsonst gebt! Verschafft euch nicht Gold noch Silber noch Kupfer in eure Gürtel …“

Und dann heißt es – scheinbar im Widerspruch dazu:

Denn der Arbeiter ist seine Nahrung wert.“

Der Widerspruch löst sich auf, indem man diese beiden Gedanken auf die Motivation, auf den inneren Antrieb des Hirten anwendet: Seine Leidenschaft möge sich nicht darauf richten, mit seiner Tätigkeit, seinem „Amt“ des Predigens und Heilens möglichst viel für sich selbst heraus zu schlagen: Sei es materielle Gewinne, sei es Status, Berühmtheit oder eben auch Abhängigkeit. Seine Leidenschaft soll sich ausschließlich auf „seinen Job“ richten – und nicht auf die Bestätigung oder gar Herstellung seines eigenen Wertes.

Es geht nicht darum, wie der, der hier steht „rüber kommt“. Es geht darum, ob der, der hier steht, ein brauchbares Medium ist dafür, mit etwas Größerem, Ganzheitlichem, Wahrem in Verbindung zu kommen. Ein guter Hirte (wie übrigens auch ein guter Künstler) ist ein durchlässiger Hirte – durchlässig für das Wort Gottes, für den Atem des Heiligen Geistes. Darin besteht sein Wert. Macht er einen guten Job, so ist er „seiner Speise wert.“ Auch ein Hirte muss von etwas leben. Das ist es aber dann auch. Kein Platz für Selbstbedienung, für Selbstbereicherung.

Liebe Gemeinde,

es gibt noch viele weitere Aspekte unseres Predigttextes, auf die ich aus Zeitgründen – mir wurde gesagt, spätestens um 10 Uhr muss der Gottesdienst beendet sein – nicht eingehen werde.

Nur einen letzten Gedanken noch und zwar zu dem Satz: „Wenn ihr aber in eine Stadt oder in ein Dorf einkehrt, da erkundigt euch, ob jemand darin ist, der es wert ist; bei dem bleibt, bis ihr weiterzieht. … Ist er es aber nicht wert, so wende Euer Friede sich wieder zu Euch.“

Dieser Satz schafft Raum für „dazwischen“. Es ist auch eine Falle zu meinen, man könnte jeden erreichen. Das ist Ausdruck von Größenwahn und führt zu Überforderung. Und es übersieht, dass ich, mein Ich, es ohnehin nicht im Griff hat, jemand zu erreichen, wirklich zu berühren. Alles was ich kann, ist, mir Mühe zu geben, einen guten Rahmen herzustellen, mich gewissenhaft vorzubereiten. Alles, was dann geschieht, ist Wirken des Heiligen Geistes. Dies gilt auch im Alltäglichen. Es ist wichtig für die Hygiene der eigenen Seele, darauf zu achten, wie der Andere mit dem, was er von mir bekommt, umgeht: wertschätzend oder entwertend. Es gibt das schöne Bild, die eigenen Perlen nicht vor die Säue zu werfen: Dies geht freilich nur, wenn ich mir des Wertes meines Eigenen bewusst bin und bleibe. So bleibe ich gegenüber der Bewertung durch den Anderen frei und muss mich für Abwertungen nicht rächen. „Ich bleibe in meinem Frieden.“

Das war’s, liebe Gemeinde.

Ich glaube, meine Predigt ist ziemlich nüchtern geworden. Dies entspricht meiner eigenen Ernüchterung in den letzten 15 Jahren meiner Tätigkeit als Pfarrer im Ehrenamt. Wobei: Eine Ernüchterung ist ja nichts Schlechtes. Im Gegenteil: Sie ist das Beenden eines Rausches, in dem man sich die Wirklichkeit schön getrunken hat. Erst dann kann man die wirkliche Schönheit dessen, was ist, erkennen und sie von schönem Schein unterscheiden. Und das tut ernüchternd gut! AMEN.

Anmerkungen

1 Die innere Burg, S. 30.

2 R. Erlinger, War um die Wahrheit sagen? S.92 Weitere Quellenhinweise finden sich hier.

3 Ebd. S. 106

4 Ich habe vor kurzem in anderem Zusammenhang in einer Predigt kritisiert, wenn Pfarrer ihre Predigten aus dem Internet “abkupfern” und sie als ihre eigenen ausgeben. Ein erboster Kollege bezichtigte mich, “unkollegial” und “unbarmherzig” zu sein. Schließlich sei es besser, der Gemeinde ein “gutes Plagiat” vorzusetzen, als etwas “Halbgares”. Hier wird deulich, wie sehr der Betrüger von seiner eigenen Wertlosigkeit überzeugt ist und seine Rettung darin sieht, “sich mit fremden Federn zu schmücken.” Meiner Meinung nach gibt es kein “gutes Plagiat”. Plagiat stammt von dem Lateinischen Wort “plagium”, was “Menschenraub, Seelenverkauf” bedeutet. (Vgl. Duden, Das Herkinftwörterbuch, 2. Auflage 1997)

Predigt über Lukas 6, 36-42 am 4. Sonntag nach Trinitatis (2019)

Liebe Gemeinde,

seid barmherzig, wie Euer Vater barmherzig ist.

Mit diesem einfachen Satz beginnt unser heutiger Predigttext.

Zunächst: Was heißt barmherzig sein?

Nehmen wir ein konkretes, relativ harmloses Beispiel: In der Nacht vom 30. April zum 1. Mai, der sogenannten “Walpurgisnacht” wurde das Wort “Rache” an unsere Kirche geschrieben, besser: geschmiert. Es zu beseitigen ist aufwändig und kostet Geld. Es ist ein echter Schaden entstanden.

So ein Geschehen macht Gefühle. Aus den Gefühlen heraus folgen Gedanken: “So etwas kann man sich nicht bieten lassen, das ist ja unmöglich, noch dazu derart feige, weil anonym. Sollen der oder die wenigstens die Verantwortung dafür tragen …”

Diese Gedanken sind allesamt gespeist aus einem sehr verständlichen Gefühl von Ärger.

Und wer kennt solche Gedanken/Gefühle nicht? Sie sind menschlich – allzu menschlich.

Aber was genau ist es denn, was einen da so ärgerlich macht?

Ich denke, es ist das Erleben der eigenen Ohnmacht. In Verbindung mit einem hohen eigenen moralischen Anspruch: “Ich würde so etwas niemals tun!” Der Ärger, ja die Wut über das Erlebte begnügen sich ungern damit, dass das jetzt so ist. Sie wollen etwas machen. Sie sinnen auf etwas aus den Bereichen “Rache”, “Vergeltung”, “Genugtuung”, “Wiedergutmachung”.

Barmherzigkeit hat hier nichts verloren. Sie ist störend. Verurteilung schon eher. Oft schaukeln sich in Gruppen solche Gefühle hoch. „Das ist nicht hinnehmbar“ heißt es dann in Verlautbarungen. „Oder: Der/die Täter werden entsprechend zur Rechenschaft gezogen werden!“

Die seit Jahrzehnten erfolgreiche Sendung „Aktenzeichen XY ungelöst“ drückt die Stimmung und das Denken, das ich meine, besonders gut aus.

Saubermänner und -frauen auf Verbrecherjagd. Das Böse sind die Anderen. Die Asylbewerber, die Muslime. Aber auch: Die großen Firmen wie Google oder Facebook. Oder überhaupt: Die Politiker … Was wir brauchen ist eine Alternative. Eine Alternative für Deutschland … Erschreckend viele Menschen sind dieser Meinung.

Richtet nicht, so werdet auch ihr nicht gerichtet. Verdammt nicht, so werdet auch ihr nicht verdammt.“

So fährt unser Text fort.

Das ist doch eine Überforderung. Ich soll mir kein Urteil bilden?

Ich finde es unmöglich, dass jemand – auch noch feige-anonym – unsere schöne Kirche beschmiert. Und das ist nur ein kleines Urteil. Ein kleines „Unmöglich“! Wenn ich Nachrichten höre – wie oft beurteile, verurteile ich Mitmenschen? Bleiben wir in der Kirche: die Missbrauchsfälle in katholischen Institutionen. Müssen die Verantwortlichen nicht verurteilt werden? Zum Schutze und zur Genugtuung der Opfer!

Wie „barmherzig“ kann/darf man denn gegenüber den Tätern fühlen? Darf man überhaupt bei jemand, der sein Amt in dieser Weise „missbraucht“, Barmherzigkeit anwenden? Ist das nicht eine Missachtung des Leidens der Opfer? Dem entspricht, dass Sie Fürbittgebete für die Opfer zuhauf finden werden. Aber wenige für die Täter.

Vergebt, so wird Euch vergeben!“ Wörtlich: „Lasst los, und ihr werdet losgelassen werden.“

Das hilft vielleicht weiter: Im Urteilen, Verurteilen, Richten halte ich fest. Ich halte an meinem inneren, mir vertrauten Maßstab fest. Mit dem ich alles messe, was mir begegnet: das ist richtig und gut, das ist schlecht – oder gar böse. „Die Guten ins Töpfchen, die Schlechten ins Kröpfchen!“

Nun hat Jesus – 2000 Jahre vor Freud – erkannt, dass der Maßstab, mit dem ich Andere messe, auf mich selbst zurück fällt. Je ungnädiger ich mit anderen bin, desto ungnädiger bin ich auch mit mir selbst! Dieser notwendige Zusammenhang ist verdichtet in dem berühmten Liebesgebot: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.“ Wer sich selbst nicht lieben kann, der kann auch andere Menschen, der kann auch seinen Nächsten nicht lieben.

So weit, so gut liebe Gemeinde! Das mag alles ganz plausibel klingen – aber das ist doch nicht alltagstauglich – oder?

Darf ich also nicht mehr empört sein über all das, was ich alltäglich sehe?

Über den Arzt-Kollegen, der Leistungen abrechnet, die er gar nicht erbracht hat?

Über den Pfarrer, der seine Predigten aus dem Internet abkupfert und sie als seine eigenen ausgibt?

Über den Psychotherapeuten, der mit seiner Patientin schläft, anstatt mit ihr therapeutisch zu arbeiten?

Über den Anbieter von Schwarzarbeit, weil er sich angeblich legale Arbeit nicht leisten kann?

Wie barmherzig darf man sein zu einem Trump, der alltäglich versucht, die Fakten so zu verdrehen, dass es seinem Vorteil dient? Zu einem Erdogan, der Unschuldige einsperren und foltern lässt?

Wie barmherzig zu jenen, die so leben, als gäbe es keine Umwelt, keinen Klimawandel, keine Armut?

Nicht Barmherzigkeit ist hier angemessen, sondern Empörung. Oder etwas nicht?

Was ist denn das: „Empörung“?

In der Empörung hebe ich mich „empor“, stelle mich über den/die Anderen. „Ich danke dir, Gott, dass ich nicht bin wie die anderen Leute, Räuber, Ungerechte, Ehebrecher, oder auch wie dieser Zöllner. Ich faste zweimal in der Woche und gebe den Zehnten von allem, was ich einnehme.“ Das ist das Gebet des Pharisäers – der auf der Empore seiner vermeintlichen Rechtschaffenheit auf die Anderen herab blickt.

Jesu Kommentar dazu: „… wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt werden …“ (Lukas 18, 11-14 partim).

Empörung dient der „Selbsterhöhung“! In ihr stelle ich mich über den Anderen. Und richte von meiner „überheblichen Warte“ aus meine Mitmenschen. Ich vermute, es ist ein Versuch unserer Seele, das Unerträgliche, das ich beim Anderen sehe, oder besser meine zu sehen, von mir fern zu halten. Meine Empörung, meine Überheblichkeit soll mich vor den unerträglichen Gefühlen, die (vermeintlich) der Andere in mir auslöst, schützen.

Wenn Jesus in diesem Zusammenhang sagt: „Den Splitter im Auge deines Nächsten siehst du, den Balken im eigenen nicht“, dann weist er darauf hin, dass es eine große Täuschung ist zu meinen, das, worüber ich mich empöre, wäre im Außen. In Wahrheit bin ich es selber, über den ich mich empöre! Mir dies einzugestehen, dass ich selber eine Seite habe, die bei weitem nicht so weiß und rein gewaschen ist, die ich es gerne hätte und mir und Anderen versuche einzureden, ist äußerst unangenehm.

Erst indem ich durchschaue, wie sehr ich mich in der Tiefe über mich selbst empöre, nähere ich mich einem ganzheitlicherem Sehen an. Oder lerne, mit zwei Augen zu sehen. So wie es am Ende unseres Textes heißt: „Zieh zuerst den Balken aus deinem Auge, dann kannst du sehen und den Splitter aus deines Bruders Auge ziehen.“ Hierin gründet, dass verantwortungsvolle Lehrer, Therapeuten, Pfarrer wissen, dass die Basis ihrer Tätigkeit die Selbsterkenntnis ist. „… denn so hoch die Seele auch stehen mag, nie wird etwas anderes die Selbsterkenntnis ersetzen können, ob man dies will oder nicht.“1 Leider ist diese Einsicht zu Theresas Zeiten genauso wenig verbreitet gewesen, wie sie es heute ist. Statt an Selbst-Erkenntnis zu arbeiten, versuchen Blinde anderen Blinden den Weg zu weisen. Um sich dann zu wundern, dass es nicht mehr weiter geht, weil sie in ein Loch hinein gefallen sind. Das ist der Stoff für gescheiterte Beziehungen, gescheiterte Therapien, gescheiterte Lebensentwürfe. Und ich gestehe: Das Fehlen des Interesses an Selbsterkenntnis bei Menschen, denen andere Menschen anvertraut sind, empört mich. Seien es Eltern, seien es Lehrer, seien es im sozialen Bereich Tätige. Ich finde es empörend, wie viel Ignoranz, Lieb- und Gedankenlosigkeit hier zu finden ist. Aber zurück zu unserem Predigttext, wo sich noch ein ganz anderer Gedanke findet (ziemlich in der Mitte):

Gebt, so wird euch gegeben. Ein volles, gedrücktes, gerütteltes und überfließendes Maß wird man in euren Schoß geben; denn eben mit dem Maß, mit dem ihr messt, wird man euch zu messen.

Das Verrückte ist: Großzügigkeit wird mit Großzügigkeit belohnt. Die vorhin genannten Beispiele, die sich beliebig vermehren lassen, drücken Enge aus. Als könnte man es sich nicht leisten, gegenüber dem Finanzamt ehrlich zu sein („gebt dem Staat, was des Staates ist“), oder ehrlich abzurechnen. Oder einfach nur sich an einen Rahmen zu halten: dem nämlich, dass sich Therapie und Liebesbeziehung gegenseitig ausschließen. Oder ehrlich zu seinen Predigt-Gedanken zu stehen – ohne dass sie gleich herausragend sind. Ich glaube, jeder Mensch hat etwas zu sagen, wenn er mit sich, mit seiner inneren Wahrheit in Verbindung kommt, sich mit ihr verbündet.

Noch einmal anders ausgedrückt: Barmherzig entsteht in einem Gefühl der Weite, der Leichtigkeit, der Heiterkeit. Dazu passt, was dieses: „Seid barmherzig!“ im Altgriechischen bedeutet: „Ginesthe oiktirmones!“ – Wörtlich: „Lasst Mitgefühl (in Euch) entstehen.“ Oder: „Lasst Einfühlung in Euch entstehen.“

Einfühlung in mich, in meine Seele, Einfühlung in den Anderen, in dessen Seele. Dies ist ein Geschehen, das sich nicht „machen“ lässt. Es ist ein Wachstumsgeschehen. Wachsen lässt sich nicht machen – wohl aber das Zerstören von Wachstum. Mit einer Kettensäge können wir 100 Jahre Wachstum in wenigen Minuten beenden. Und mit ein paar Bomben können wir einen Großteil des Lebens auf unserem Planeten auslöschen.

Dies gilt auch im individuellen Leben. Ich kann mich um meine Seele und ihr Wachstum kümmern und ich kann dies auch hindern. Ich muss nur alle Gefühle, die in Richtung Verständnis Sich-Einfühlen, die eigenen Gefühle und Empfindungen wahr- und ernstnehmen gehen, absägen.

Wenn ich mich einfühle, werde ich schwach. Und schwach sein will ich nicht: Diesen Satz bekomme ich oft zu hören, wenn nach einiger therapeutischer Arbeit es klar wird, was der nächste Schritt wäre.

Nun ist es aber auch so – was Jesus schon wusste: Wer sich nicht in selbst einfühlen kann und will, wer keinen Zugang zu sich selbst hat, der hat auch keinen Zugang zu Anderen. Er ist blind für sich und die Anderen. Da, wo die Einfühlung wachsen sollte, wohnen sollte, haben sich Missmut, Empörung, Zorn, Ärger, Verzweiflung und Depression eingenistet. Sie haben die Wohnung meiner Einfühlung, meines Einfühlungsvermögens besetzt. Und: Sie bedienen sich meines Intellektes. Es ist letztlich der (Selbst-)Hass, der das Regiment übernommen und die Liebe exkommuniziert hat. Im christlichen Kontext wird der Hass Teufel oder Satan genannt. Der Teufel hat kein Interesse an Einfühlung, sondern daran, sich durchzusetzen – und zwar mit Macht!

Wer den Weg der Barmherzigkeit gehen will, dem bleibt nichts anderes übrig, als seine eigene innere Wohnung aufzuräumen, und die Hausbesetzer vor die Türe zu setzen.

Das können wir nicht alleine. Dazu brauchen wir eine gute Kraft, die Jesus „Abba“, Vater nennt. Jesus bezog seine Kraft aus der sicheren Verbindung mit seinem Vater. Daraus erwuchs seine Selbstsicherheit, sein Selbstvertrauen, seine Standfestigkeit. Und daraus oder in einem damit „entsteht“ Barmherzigkeit. „Seid barmherzig, wie Euer Vater barmherzig ist“ – das geht erst dann, wenn ich mich in sicherer Beziehung weiß. So ist es nur logisch, dass der Zeitgeist der Gottlosigkeit mit dem Fehlen von Einfühlung einhergeht.

Und was ist jetzt mit unserer Empörung?

Jesus hat sich auch empört – er hat die Händler aus dem Tempel geworfen. Es gibt eine durchaus gesunde Empörung, die mit Einfühlung Hand in Hand geht. Nämlich die Einfühlung in die Betroffenen. Gott sei Dank gibt es eine Empörung gegenüber denjenigen, die versuchen, unsere Demokratie zu zerstören. Gott sei Dank gibt es Gesetze, die Betrüger bestrafen. Gott sei Dank gibt es aufdeckenden Journalismus und mutige Journalisten – der große Feind all jener, die in ihre selbstgemachten Zerrbilder der Wirklichkeit verliebt sind.

Barmherzig sein heißt, aus einer inneren Weite und Gelassenheit heraus zu leben. In ihr habe ich mich selbst und meine Ängste ein wenig erkannt. In ihr habe ich gelernt, meine nächtlichen Träume ansatzweise zu verstehen. In ihr interessiere ich mich dafür, wofür ich meine Gedanken verwende. Dies ist besonders wichtig, wenn ich mich öffentlich äußere. Was habe ich zu sagen? Habe ich überhaupt etwas zu sagen? Und ist das, was ich zu sagen habe, von allgemeinerem Interesse? Oder ist es nur für mich relevant? Biete ich in meinen Predigten etwas Nährendes an – oder verwende ich sie als Ventil dafür, inneren Druck abzubauen.

Fehlt noch ein letzter Satz aus unserem Predigttext: Ein Jünger ist nicht über dem Lehrer. Jeder aber, der vollendet ist, wird sein wie sein Lehrer. Dieser Satz ist so bemerkenswert, weil Jesus hier ganz offen die Möglichkeit benennt, dass es ein Ende der Meister-Jünger-Beziehung gibt. Dann stehen beide einander gegenüber – auf einer Ebene – von Angesicht zu Angesicht. „Wenn der Jünger vollendet ist …“ Das griechische Verbum „katartizo“ heißt zunächst einmal: „in die richtige Ordnung bringen“, aber auch: „versöhnt sein ohne Abspaltungen, gut zusammen gefügt sein“ (1. Kor 1,10) So wird es auch verwendet für das Einrenken eines ausgerenkten Körperteils.

In der Weite der Barmherzigkeit ist auch die Lehrer-Schüler oder die Meister-Jünger-Beziehung aufgelöst. Es gibt kein oben oder unten mehr – nur mehr Menschen, deren gemeinsame Gesinnung es ist, der unerkennbaren Wahrheit oder Gott entsprechend zu leben – in heiterer Gelassenheit und fröhlicher Liebe. In dieser Weite hat endlich die Barmherzigkeit über die Kaltherzigkeit, die Gnade über das Gericht, die Liebe über die Gehässigkeit gesiegt.

Und dann ist geschehen, was Paulus unermüdlich predigt: „Lasst Euch versöhnen mit Gott!“ (2. Kor 5,20).

Sollte diese Predigt ein kleiner Beitrag zu diesem großen Werk der Versöhnung gewesen sein – dann bin ich dankbar und zufrieden. AMEN

1 Die innere Burg, S. 30.

Predigt über Matthäus 16, 13 – 20 am Pfingstmontag 2019

Liebe Gemeinde,

das Pfingstfest ist das Fest der Ausgießung des Heiligen Geistes. Die Auswirkung, die irdische Manifestation dieses Geschehens ist die Geburt der christlichen Gemeinde, der Kirche.

In unserem heutigen Predigttext geht geht es um den Geburtstag der Kirche, genauer um ihren beauftragten „Gründer“, dem Felsen, auf dem Jesus seine Kirche bauen will: Petrus.

Hören Sie selbst:

13 Da kam Jesus in die Gegend von Cäsarea Philippi und fragte seine Jünger und sprach: Wer sagen die Leute, dass der Menschensohn sei?

14 Sie sprachen: Einige sagen, du seist Johannes der Täufer, andere, du seist Elia, wieder andere, du seist Jeremia oder einer der Propheten.

15 Er sprach zu ihnen: Wer sagt denn ihr, dass ich sei?

16 Da antwortete Simon Petrus und sprach: Du bist der Christus, des lebendigen Gottes Sohn!

17 Und Jesus antwortete und sprach zu ihm: Selig bist du, Simon, Jonas Sohn; denn Fleisch und Blut haben dir das nicht offenbart, sondern mein Vater im Himmel.

18 Und ich sage dir auch: Du bist Petrus, und auf diesen Felsen will ich meine Gemeinde bauen, und die Pforten der Hölle sollen sie nicht überwältigen.

19 Ich will dir die Schlüssel des Himmelreichs geben: Was du auf Erden binden wirst, soll auch im Himmel gebunden sein, und was du auf Erden lösen wirst, soll auch im Himmel gelöst sein

Liebe Gemeinde,

ich denke, wir alle kennen diese „Du bist … „- Sätze.

Je kleiner wir sind, je abhängiger unsere junge Seele noch ist, desto wuchtiger können sich diese Sätze einbrennen…

Und leider sind es oftmals die negativen Sätze, die mit voller Wucht die junge Seele belasten: „Du bist eine Enttäuschung für mich!“ „Du bist zu nichts nutze!“ „Du bist ein Versager!“ „Du bist hier unerwünscht!“

Es kann Jahrzehnte dauern, bis es möglich wird, diese Zuschreibungen zu überschreiben. Und es kann sein, dass ein Leben lang in der Tiefe die ursprüngliche Zuschreibung vorhanden bleibt – vielleicht blasser geworden wie ein Schriftzug, der Jahre lang der Sonne ausgesetzt worden ist.

Wer sagen die Leute, dass der Menschensohn sei?“ Mit dieser gestelzt anmutenden Frage eröffnet Jesus die Diskussion. Jesus bezeichnet sich selbst als „Menschensohn“ – als „Sohn von Menschen“. Warum sagt er nicht: „Was glaubt Ihr: Für wen halten die Menschen mich?“

Und dann: Was soll man auf so eine Frage antworten. Nahe liegend wäre: Das musst du selbst herausfinden. Ich weiß es nicht. Oder man fragt zurück: Was meinst denn du? Die Jünger sind brav und geben schmeichelhafte Antworten: Wir haben gehört, dass du mit Elia verglichen wirst, oder mit Propheten … Aber das scheint dem Jesus aus Nazareth nicht zu genügen: Er will es direkt wissen. Und Ihr – was sagt Ihr?

Und dann prescht Petrus, der „Sprecher“ der Jünger, einmal mehr vor, sagt ohne Umschweife:

Du bist der Christus, der Sohn des lebendigen Gottes!“

Und er bekommt zu hören: „Da kannst du nicht selbst drauf gekommen sein! „Fleisch und Blut haben dir das nicht offenbart – sondern mein Vater im Himmel.“ Und dann gibt es gleichsam die „Retourkutsche“:

Und ich sage dir auch: Du bist Petrus und auf diesen Felsen will ich meine Kirche/ Gemeinde bauen und die Pforten der Hölle sollen sie nicht überwältigen …“

Wowh, liebe Gemeinde!

Wenn wir nicht mit dem Blick der „Gläubigen“, der „Wissenden“ auf diese Szene schauen, sondern gleichsam unwissend, von außen, als „distanzierte“ Beobachter des Geschehens, dann ist es naheliegend zu sagen: Da sind zwei ganz schön abgedreht, beweihräuchern sich gegenseitig und haben jeglichen Kontakt zum Boden der Wirklichkeit und zur Gruppe (der Jünger) verloren.

Wenn wir diese Szene als Geburtsstunde der Kirche lesen, dann verwundert es nicht, wenn den Nachfolgern Christi und den Nachfolgern Petri Realitätsverlust, das Schmoren im eigenen Saft und das Sich-selber-Feiern vorgeworfen wird. Die gesunde Reaktion darauf ist, sich davon abzuwenden und sich eine Gruppe zu suchen, der es um gemeinsame Inhalte, um gemeinsames Arbeiten geht – und nicht um sich gegenseitiges Bewundern.

Eine persönliche Zwischenbemerkung:

Meine Enttäuschung über diese Art der Beziehung – das Fachwort dazu lautet: narzisstische Beziehung – hat mich unter dem Einfluss eines ebenfalls über die Kirche Enttäuschten dazu gebracht, meine Ordination zurückzugeben, Psychologie und Psychoanalyse zu studieren – in der Hoffnung, hier Menschen zu finden, die miteinander arbeiten wollen, die um die Wahrheit ringen, die nicht, oder wenigstens nicht an erster Stelle, darauf angewiesen sind, Bewunderung zu bekommen.

Ein zweites Mal hatte ich mich getäuscht.

Und wenn man sich täuscht, dann ist man enttäuscht.

Und dann hat man die Möglichkeit, sich selbst leid zu tun, auf die Anderen und/oder sich selbst wütend zu sein und in diesem Geschehen zu verbittern …

oder etwas anzuerkennen.

Die Realität anzuerkennen. Dass es nämlich offenbar in menschlichen Gruppen so zugeht – und dass es eine schwierige Aufgabe für jede Gruppe ist, sich ihrer „Grundannahmen“ bewusst zu werden. Zunächst einmal, und das ist ganz natürlich so, suche ich in einer Gruppe Halt, Geborgenheit, Sinn. Und je weniger ich davon in mir finde, desto anfälliger bin ich für solche Gruppen und Menschen, die mir Sinn „von außen“ anbieten. Kurzum: Je schwächer, hilfloser, minderwertiger ich mich erlebe, desto anfälliger bin ich für einen „Guru“. Und für Gruppen, die sich darin einig sind, so einen „Guru“ zu verehren.

In einer Arbeitsgruppe ist die Grundannahme eine völlig andere: Der niemals fassbaren, erkennbaren, verfügbaren letzten Realität oder Wahrheit verpflichtet zu sein und ihr zu dienen. Dies bedingt, Abschied genommen zu haben von der Sehnsucht nach einem leibhaften „Meister“ oder „Führer“, der mir sagt, wo es lang geht, wo mich mein Weg hinführt, der im vermeintlichen „Besitz“ dieser Wahrheit ist. Das bedingt auch, Abschied genommen zu haben von Doktrinen, unumstößlichen Lehrsätzen, die nicht in Frage gestellt werden dürfen. Man muss sich fragen, „ob das Hauptproblem beim Umgang unserer Gesellschaft mit Lüge und Wahrheit gar nicht so sehr darin besteht, dass so viel gelogen wird, sondern vielmehr darin, dass sich die Menschen bereitwillig belügen lassen“, sagt Rainer Erlinger. Ein guter Führer – und unsere Kirche bräuchte dringend gute Führer – ist nicht auf Bewunderung angewiesen. Es genügt ihm, ein Diener der Wahrheit, ein Diener Gottes zu sein.

Der reife Petrus aus der Apostelgeschichte, der sich erst zu dieser Erkenntnis hin durcharbeiten, entwickeln musste, sagt es so:

Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen!“ (Apg. 5, 29) Diesen Satz sagt er vor dem damaligen religiösen Establishment seiner Zeit, dem „Hohen Rat“. (Es ist vergleichbar Martin Luthers: „Hier stehe ich. Ich kann nicht anders, Gott helfe mir, AMEN“ – im Angesicht des Kaisers und der Kurfürsten.)

Gott“ verbinde ich mit dieser letzten, uns Menschen unfassbaren, nicht begreifbaren, vielleicht in beseelten Ausnahmemomenten einleuchtenden („visio“) Realität.

Sofort entsteht freilich ein neues Problem: Woher weiß ich, dass ich Gott „höre“, ihm „gehorche“, dass ich mit Gott in Verbindung bin, und nicht mit meiner eigenen Einbildung?

Im Laufe der Entwicklung der Menschheit in den letzten zwei Jahrtausenden hat sich die Erkenntnis durchgesetzt: Was ich mit meinen fünf Sinnen erkennen und was ich mit der Logik meiner Vernunft beweisen kann, das zählt und sonst nichts. Das zählt heißt: Das hat Bestand. Es muss sich experimentell und/oder mathematisch beweisen lassen.

Unter dieser Prämisse ist die moderne Naturwissenschaft entstanden und hat Karriere gemacht. Nur – auch in den naturwissenschaftlichen Gruppen geht es um Bewunderung, um Täuschung, um Einflussnahme, um Manipulation. Oft werden sogenannte „Forschungsprojekte“ von einer Gruppe gefördert, die nicht an „der Wahrheit“, sondern an einem bestimmten Ergebnis interessiert ist, das sich gut vermarkten lässt. Oder Promotionen: Wie sehr geht es bei ihnen um „Wahrheit“ – und wie sehr um die Bestätigung der Denkmuster des jeweiligen „Doktorvaters“?

Vielleicht ist es ja noch einmal anders und noch ernüchternder:

Wir Menschen sind nur sehr bedingt wahrheitsfähig. Was uns viel wichtiger, als das Erkennen von Wahrheit zu sein scheint, das ist das Erlangen eines „Haltes“. Etwas Sicherheit Gebendes, etwas „dass ich weiß, woran ich bin.“

Und warum ist das so wichtig? Weil das unangenehmste und unerträglichste Gefühl, das es gibt, das Gefühl namenloser und sprachloser Angst ist. Der „horror vacui“ – das Grauen im Angesicht der Leere, des Nicht. Und so beginnt der Weg zu sich selbst, der Weg wahrer Selbst-Erkenntnis mit der Ernüchterung des „Nicht“. In einer guten Meditation, in einer guten Psychotherapie, wird absichtlich all das, woran sich unser Geist fest-halten möchte, weggenommen. In diesem „Nicht“ beginnt der Weg in die Wüste, in die „Dürre“, „Öde“ „Langeweile“, „Trockenheit“.

Um Gott zu hören, muss deshalb ein Mensch fest auf seinen Füßen stehen und sich weder mit seinem Gemüt noch mit seinen Sinnen auf irgend etwas stützen.“1 Es bedarf der Fähigkeit der „Selbsthaltung“, um den Weg zu Gott zu gehen. Mit beiden Beinen auf dem Boden der Wirklichkeit, so aufrecht und aufrichtig bin ich offen für Gottes heiligem Geist.

Nun ist es aber so: Die christliche Kirche, deren Geburtstag wir heute feiern, ist zunächst einmal eine Halt gebende Gruppe. Sie verführt dazu, nicht auf eigenen Beinen stehen zu müssen. In ihrem Zentrum steht der Glaube an den „Christus, des lebendigen Gottes Sohn“. Unser heutiger Predigttext schildert die „Weitergabe“ (lateinisch: „traditio“ – „Tradition“) dieses Zentrums an Petrus. Er erhält die Schlüsselgewalt und damit die Macht, „zu binden und zu lösen – im Himmel, wie auf Erden“! Aus dieser Macht heraus sind Menschen in anderen Ländern überfallen worden (Kreuzzüge), Frauen als Hexen verbrannt worden, ist die Unfehlbarkeit des Hauptes der eigenen Arbeitsgruppe postuliert worden.

All dies ist außerordentlich Halt gebend – gleicht es doch einem Felsen in der Brandung der verschiedenen Meinungen. Und all dies ist nicht mehr der letzten, unerkennbaren Wahrheit verpflichtet. Denn in ihr und aus ihr lebend gibt es keine Exkommunikationen, keine Ausschlüsse, keine Spaltungen.

Die Wirklichkeit ist, dass Petrus, der Fels, selber ein Wackelpeter ist. Unmittelbar nach unserem Predigttext wird erzählt, wie Jesus den Petrus anfährt: „Weiche hinweg von mir, Satan!“ Als er am See Genezareth droht, abzusaufen, ruft Jesus ihm zu: „Du Kleingläubiger, warum hast du gezweifelt?“ In der Nacht vor Jesu Gefangennahme schläft Petrus und bekommt zu hören: „Simon, schläfst du? Vermochtest du nicht eine Stunde zu wachen?“ Und schließlich: Petrus, der Verräter! Dreimal verrät er Jesus, verrät seine Zugehörigkeit zu ihm. Ich vermute – aus Angst! Petrus, der Fels: ein Angsthase!

Und dann gibt es noch den sogenannten „antiochenischen“ Zwischenfall, von dem Paulus im Galaterbrief schreibt. Hier schildert er Petrus als „heuchlerisch“ – zunächst hält er mit den neu getauften Nicht-Juden Tischgemeinschaft, dann sondert er sich ab und vertritt die Meinung, um Christ werden zu können, müsse man sich vorher beschneiden lassen. Und es gibt Petrus, den Aufbrausenden, der dem Soldaten ein Ohr abschlägt. Es ist auch kein Zufall, dass gerade Petrus seinen Meister fragt: „Herr, wie oft muss ich denn meinem Bruder, der an mir sündigt, vergeben? Ist sieben Mal genug?“ Und er bekommt zur Antwort: „ … siebzig mal sieben mal!“ Dementsprechend gilt für Menschen wie Petrus in besonderer Weise die Bitte: „vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern!“

Und in allem geht Petrus seinen Weg, entwickelt sich bis dahin, dass er sich vom Hohen Rat nicht den Mund verbieten lässt. „Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen!“ – ich habe es bereits zitiert. Das ist der aufrechte, mutige, ja der erlöste Petrus, der „alles verlassen hat“ (Mk. 10,28), weil er vertraute: „Du bist Christus, des lebendigen Gottes Sohn!“

Liebe Pfingstgemeinde,

in der aktuellen Ausgabe der „Zeit“ findet sich auf Seite 1 – überschattet von dem großen rot umrandeten Leitartikel – ein ebenso bescheidener wie klarer und eindeutiger Artikel von Evelyn Finger: „Sturm und Feuer“ hat sie ihn genannt. In ihm spricht sie von der „lauen Konsenskirche“, die sich auch angesichts der Prognose, dass bis 2060 die Mitgliederzahl sich halbieren wird, nicht beunruhigt. „Das liegt daran“, schreibt sie, „dass die Amtskirchen in ihrer Behördenlogik die Kraft des Christentums noch nach Steuereinnahmen berechnen – und die sind bleibend hoch.“ Und sie endet mit dem Satz: „Die Verheißung des Christentums wirkt nicht da, wo der Sonntagsgottesdienst rappelvoll ist, sondern dort, wo sie Menschen ins Herz trifft.“

Das war die Absicht meiner Pfingstpredigt. Vielleicht hat der eine oder andere Gedanke daraus Sie berührt, Sie bewegt, Sie gar ins Herz getroffen. Vielleicht haben Sie bei sich selbst die eine oder andere Petrus-Seite entdeckt. So ging es jedenfalls mir beim Schreiben dieser Predigt. Und man kann über diesen Petrus sagen, was man will, aber eines war er bestimmt nicht: Ein lauer Christen-Mensch! AMEN.

1Johannes vom Kreuz, Die dunkle Nacht, S. 80.

Predigt über Apostelgeschichte 16, 23-34 am Sonntag Kantate 2019

Liebe Gemeinde,

unser heutiger Predigttext lässt sich als eine nette Geschichte von der Gefangennahme und der wundersamen Befreiung des Paulus und seines Mitstreiters Silas lesen. Nebenbei wird auch noch der Kerkermeister samt Familie zum rechten Glauben bekehrt. „Nett“ – das ist die kleine Schwester von „besch … eiden“-.

Ich will versuchen, unseren heutigen Text als Impuls dafür verwenden, über Befreiung nachzudenken. Und zwar auf dem Hintergrund des vorhin gehörten Evangeliums, in dem der ungewöhnliche Satz erklingt: „Mein Joch ist sanft und meine Last ist leicht.“ (Matth. 11, 30) Das sagt derselbe Jesus, der unter der Last seines Kreuzes auf dem Weg nach Golgatha zusammen gebrochen ist!

Um sinnvollerweise von Befreiung reden zu können, muss man von einem Gefängnis reden. Wer sich nicht „gefangen“ fühlt, der hat auch kein Interesse an Befreiung. Sich nicht gefangen fühlen, heißt freilich nicht, nicht gefangen zu sein. Wer völlig eins ist mit seiner Gefangenschaft ist, wer meint, es ginge ihm hervorragend gerade so, wie es ist und er spüre keinerlei Gefängnis – der kann mit Befreiungspredigten wenig anfangen. Hinzu kommt, dass bekanntlich das Gefängnis ein ausgesprochen sicherer Ort. Und somit empfehlenswert für alle Sicherheitsbedürftigen. Wir sind zur „Freiheit verdammt“, hat Sartre gesagt. Freiheit ist gepaart mit Unsicherheit. Und Unsicherheit ist ein ekelhaftes Gefühl.

Fühlen Sie sich befreit? Oder gar: Fühlen Sie sich frei? Oder zucken Sie mit den Achseln und denken: Was meint der? Wovon redet der? Will mir der etwas einreden, ich sei gar nicht frei?

Es gibt Menschen, die sagen: Ich habe ein gutes Auskommen, bin materiell abgesichert, könnte ein schönes, freies Leben führen – aber ich schlafe schlecht, bin unruhig, nervös. Ich habe keinen rechten Hunger und dann wieder Heißhunger. Abends trinke ich zu viel Alkohol, um wenigstens ein bisschen zu entspannen. Aber wovon eigentlich? Warum fühle ich mich immer so unter Druck? Ich möchte einfach diese blöden Gefühle loswerden! Die müssen sich doch abschütteln lassen. Ich möchte einfach nur mein Leben genießen. Ist das etwa zu viel verlangt?

Es gibt Menschen, die sagen: Ich arbeite Tag und Nacht, ich „amsle“ mich auf – und bin trotzdem nie zufrieden. Irgendwas treibt mich an – und ich weiß nicht was.

Menschen, die das sagen können, die spüren etwas. Sie spüren Gefühle, zumeist verpackt in Gedanken. Und jetzt ist die Frage, wie es weitergeht: verwende ich meine Energie darauf, das, was ich spüre möglichst nicht ernst zu nehmen. „Das kennt doch jeder!“ „Es kann einem nicht immer gut gehen!“ Und außerdem: was bringt es schon, sich so vagen Gefühlen zuzuwenden? Lenken wir uns lieber ab – vertreiben uns die Zeit! Das schöne oder auch schlimme Wort Zeitvertreib (das es so nur in der deutschen Sprache gibt) ist oftmals gepaart mit „Gefühlsvertreib“. Nur nicht spüren…

Ja – was eigentlich spüren?

Es gibt so einfach-unbequeme Fragen:

Wer bin ich? Was soll ich hier auf dieser Welt? Was ist mein Platz?

Da lieber noch eine Runde schlafen.

Nein, nein – passt schon. Alles ist in Ordnung. Das sind nur manchmal so Stimmungsschwankungen. Die gehören dazu. Und diese blöden Träume, in denen ich verfolgt werde. Aber das ist alles nicht so schlimm.

Es ist verbreitet, Freiheit mit: „Ich kann tun und lassen, was ich will!“ zu verwechseln. Das hat mit Freiheit aber nichts zu tun – das ist Willkür. Und da wir Menschen alle Tiere sind, steht hinter dieser scheinbaren Freiheit die Lust: Ich kann tun und lassen, was ich will, heißt: Ich will Lust erleben und Unlust vermeiden.

Hinzu kommt: Befreiungen sind oftmals mit katastrophalem Zusammenbrüchen verknüpft. Die Befreiung Europas aus der Herrschaft der absolutistischen Monarchen (Sinnbild: der „Sonnenkönig“ – Ludwig XIV. – „der Staat, das bin ich…“) führte in die Wirren der französischen Revolution. … führte zu einem Napoleon, der sich zum Kaiser krönen ließ. Die Befreiung Deutschlands vom totalitären Regime des Nationalsozialismus führte zu einer schweren kollektiven Depression, die nicht durchlitten wurde. Stattdessen wurde sie kompensiert: Die Kompensation hieß „Wirtschaftswunder“. Machen statt fühlen – ein im übrigen verbreiteter Umgang gerade mit depressiven Gefühlen. Und machen ist ein toller Zeitvertreib!

Es gibt Menschen, die intuitiv wissen: Wenn ich das, was ich da vage in mir spüren, ernst nehme, muss ich mein ganzes Leben von Grund auf verändern. Und das ist mit extremer Unlust und Angst verbunden.-

Wie passt nun unser Predigttext in diese Vorüberlegungen?

Hören Sie selbst:

23 Nachdem man sie (gemeint sind Paulus und sein Begleiter Silas) hart geschlagen hatte, warf man sie ins Gefängnis und befahl dem Aufseher, sie gut zu bewachen. 24 Als er diesen Befehl empfangen hatte, warf er sie in das innerste Gefängnis und legte ihre Füße in den Block. 25 Um Mitternacht aber beteten Paulus und Silas und lobten Gott. Und die Gefangenen hörten sie.

26 Plötzlich aber geschah ein großes Erdbeben, so daß die Grundmauern des Gefängnisses wankten. Und sogleich öffneten sich alle Türen, und von

allen fielen die Fesseln ab.

27 Als aber der Aufseher aus dem Schlaf auffuhr und sah die Türen des Gefängnisses offenstehen, zog er das Schwert und wollte sich selbst töten; denn er meinte, die Gefangenen wären entflohen.

28 Paulus aber rief laut: Tu dir nichts an; denn wir sind alle hier!

29 Da forderte der Aufseher ein Licht und stürzte hinein und fiel zitternd Paulus und Silas zu Füßen. 30 Und er führte sie heraus und sprach: Liebe Herren, was muss ich tun, daß ich gerettet werde?

31 Sie sprachen: Glaube an den Herrn Jesus, so wirst du und dein Haus selig!

32 Und sie sagten ihm das Wort des Herrn und allen, die in seinem Hause waren.

33 Und er nahm sie zu sich in derselben Stunde der Nacht und wusch ihnen die Striemen. Und er ließ sich und alle die Seinen sogleich taufen 34 und führte sie in sein Haus und deckte ihnen den Tisch und freute sich mit seinem ganzen Hause,

daß er zum Glauben an Gott gekommen war.

Wesentliche Elemente der Geschichte, noch einmal zusammengefasst, sind:

Paulus und seine Mitstreiter sind im „innersten Gefängnis“ – im „Hochsicherheitstrakt“ und die Füße sind noch einmal „in einem Block“ eingesperrt. Sicherer geht es nicht.

Zeitgleich mit dem „Gotteslob“ der Gefangenen geschieht ein Erdbeben und die Gefangenen sind „frei“.

Der Aufseher will sich aus Angst vor seinem „Versagen“ selbst töten.

Die Gefangenen sind aber gar nicht geflohen.

Der Aufseher fragt, wie er gerettet werden kann.

Die Rettung ist der „Glaube an den Herrn Jesus“.

Der Aufseher freut sich gemeinsam mit seinem Haus, dass er „zum Glauben an Gott“ gekommen ist.

Liebe Gemeinde,

unser Predigttext ist eine Befreiungsgeschichte. Sie führt allerdings in eine Freiheit, die viele nicht als Freiheit erleben: Es ist ein frei werden für etwas. Wie schon gesagt, bedeutet vielen Menschen Freiheit, jederzeit tun und lassen zu können, was man will. Das ist eine Freiheit von Zwängen, Abhängigkeiten, Anpassungen, Verpflichtungen. Dahinter versteckt sich der Wunsch oder die Gier nach ungebremster Lust: Es soll jederzeit so sein, wie ich, mein Lust-Ich es haben will. Und ich sehe gar nicht ein, mich an etwas anzupassen, was mich stört. „Freie Fahrt für freie Bürger“ – das war und ist der Slogan, mit dem wider aller Vernunft es in unserem Land nicht möglich ist, ein Tempolimit auf Autobahnen einzuführen. Wer dies für Freiheit hält, dem hat die Botschaft Jesu nichts zu sagen.

Jesus spricht uns nämlich nicht in dem Sinne frei, dass er sagt: „Ihr könnt tun und lassen was ihr wollt.“ Jesus sagt: „Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir; denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen. Denn mein Joch ist sanft und meine Last ist leicht.“ (Mt. 11, 29-30)

Das Joch – übrigens vom Wort her stammverwandt mit Yoga – ist üblicherweise verbunden mit „hart“ und „geknechtet“. Es wurde den Zugtieren, vornehmlich Ochsen, aufgesetzt, um eine optimale Kraftübertragung vom Pflug oder dem zu ziehenden Wagen zu erreichen. Freiheit heißt hier, befreit sein von diesem Joch sein, von diesem Gefühl, vor einen fremden Wagen gespannt zu sein. Jesus selbst kennt – wie gesagt – das harte Joch des Kreuzes, unter dem er zusammen gebrochen ist. Aber das Joch, von dem Jesus hier spricht, ist ein ganz anderes: Es ist seine innige, vertrauensvolle, liebevolle Beziehung zu seinem (himmlischen) Vater: „Niemand kennt den Sohn als nur der Vater, und niemand kennt den Vater als nur der Sohn …“

Diese Beziehung ist „leicht“ – denn sie geschieht in Liebe. Und da und nur da, wo die Liebe herrscht – da ist wirkliche Freiheit. Jede Form von Kontrolle, Gängelung, Bemächtigung des Anderen führt aus der Liebe heraus. Es gibt Menschen die sagen: Wenn ich das oder das mache, dann werde ich geliebt. Wenn mich der Andere braucht, wenn ich erfolgreich bin, wenn ich hilfsbereit bin … Das ist eine Täuschung.

Wenn ich mich nützlich mache, dann bin ich nützlich – nicht mehr und nicht weniger. Es kann sein, dass ich ein nützlicher Idiot bin. Wenn ich erfolgreich bin, dann habe ich Erfolg – und das ist es auch schon. Es kann sein, dass ich um meinen Erfolg beneidet werde – und durchaus nicht dafür geliebt werde. Liebe hat mit all dem nämlich wenig zu tun. Liebe lässt sich nicht machen, nicht herstellen. Liebe gibt es nur geschenkt – genauso wie Freude, Dankbarkeit, Reue und eben auch Freiheit …

Wer die Freiheit dieser geschenkten Liebe erlebt, wer in der Freiheit dieser Liebe leben darf – der sein Joch mit dem Joch Jesu getauscht. In dieser Freiheit kehrt Ruhe ein. Aus dieser Freiheit heraus nützen Paulus und Silas ihre Befreiung nicht aus, sie müssen nicht fliehen.

Für mich dies das eigentliche Wunder der Geschichte: Die befreiten Gefangenen bleiben da. Freiheit fühlt sich als gelassene Heiterkeit an: Die innere Getriebenheit löste sich. Offenbar ist es das, was den Kerkermeister erreicht: „Ihr Herren, was muss ich tun, dass ich gerettet werde?“ Etwas freier übersetzt heißt das für mich: „Was muss ich tun, dass ich so frei werde, wie ich euch erlebe?“ Was muss ich tun, dass ich befreit werde aus der Gefangenschaft meines alten Denkens, in dem Misstrauen, Absicherung und Kontrolle die Priorität hat. Die Antwort ist einfach: „Nimm Jesu Joch auf dich – glaube an Jesus Christus!“ Und was heißt das konkret und alltagstauglich?

Die Christen müssten erlöster/befreiter aussehen, wenn an Ihrem Glauben etwas dran sein sollte“, sagt Friedrich Nietzsche spöttisch-überheblich. Nun – es stimmt schon: Ich laufe auch nicht alltäglich mit einem Lächeln herum, insbesondere dann, wenn es mir nicht gut geht. Aber es stimmt auch: Die Sorgenwolken sind in der Regel selbstgemachte, sie kreisen um Vergangenes oder um Zukünftiges und verlieren gerade so den Kontakt, die Verbindung zu meiner Gegenwart. Die Gegenwart ist das, was es/sie gerade ist. Nicht mehr und nicht weniger. Sich ihr hinzugeben, sich ihr zu überlassen erleichtert das Leben, die Gegenwart, erheblich! Denn Leben gibt es nur als Gegenwärtiges.

Bleibt noch eine Frage offen, liebe Gemeinde:

Wieso eigentlich soll dieser Text gerade heute, an Sonntag Kantate, gepredigt werden? Diese Frage ist mir tatsächlich erst hier – am Ende meiner Predigt gekommen. Und ich habe gemerkt, dass ich keine Ahnung habe. Was macht man, wenn man keine Ahnung hat? Man schaut, ob jemand Anderes eine Ahnung hat.

Und so habe im Internet mir Predigten von Kollegen zu unserem Text durchgelesen. Und siehe da – die wissen es: Paulus und Silas sangen im Gefängnis. Sie „lobten“ Gott heißt nämlich eigentlich: Sie sangen Hymnen, Loblieder auf Gott. Und das alte Evangelium für den heutigen Sonntag ist auch ein Loblied: Das Loblied Jesu auf die Beziehung zu seinem Vater. „Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde …“ Und im neuen Evangelium heißt es: sie fingen an „Gott zu loben mit lauter Stimme …“ Und weiter: „Wenn diese schweigen, werden die Steine schweigen…“ (Lukas 19, 37 und 40)

In diesem Sinne – höre ich jetzt auf zu reden, stattdessen wollen wir singen, und zwar die Hymne der befreiten Seelen, die in und durch Jesus Christus befreit worden sind:

Selig seid ihr, wenn ihr einfach lebt, selig seid ihr, wenn ihr Lasten tragt, selig seid ihr, wenn ihr lieben lernt, selig seid ihr, wenn ihr Güte wagt.

Gebe Gott, dass wir die Kraft haben, unsere Seele für ein seliges Leben zu befreien, AMEN.

Predigt an Ostern 2019 über Johannes 20, 11-18

Ostern, liebe Gemeinde, das ist der Tag, an dem die Frauen vorne dran sind. Sie sind die ersten am Grab, sie bemerken als erste, dass da etwas nicht stimmt. Und – in der Auferstehungsgeschichte nach Johannes, ist es eine Frau, Maria aus Magdala, die als erste dem Auferstandenen begegnet, oder – anders herum: Der er sich als Erster zu erkennen gibt.

Ganz anders bei Paulus und dann auch bei Lukas und Matthäus: hier begegnet Jesus dem Petrus als Erstem: Petrus, dem Repräsentanten der Kirche, des Establishments, der Macht. Petrus der Fels.

Bei Johannes ist es Maria Magdalena, die Sünderin, die ehemalige Prostituierte: Ihr gibt sich der Auferstandene als Erster zu erkennen. In der Alten Kirche bekam sie deshalb den Ehrentitel „apostola apostolorum“, die „Apostolin der Apostel“. (Hyppolit von Rom)

Doch hören wir uns die Geschichte in ihrer Gänze einmal an: Die Auferstehungsgeschichte aus dem Johannesevangelium im 20. Kapitel:

“Am ersten Tag der Woche (das war damals der Sonntag) kommt Maria Magdalena früh, als es noch finster war, zum Grab und sieht, dass der Stein vom Grab weggenommen war. Da läuft sie zu Simon Petrus und zu dem anderen Jünger, den Jesus lieb hatte, und spricht zu ihnen: Sie haben den Herrn weggenommen aus dem Grab, und wir wissen nicht, wo sie ihn hingelegt haben.“

So sind nicht nur Frauen. So sind wir Menschen. Wir sehen etwas, das uns unangenehme Gefühle bereitet – „Der Stein ist weggenommen.“ – und sofort deuten wir: „Sie haben Jesus, seinen Leichnam, gestohlen!“ Diese schnellen Deutungen kommen aus der Angst, dem Misstrauen, der Paranoia. Ich finde meinen Geldbeutel nicht: Den wird mir jemand geklaut haben. Zu dieser Art schneller Deutung gehört die ebenso schnelle Schuldzuweisung:

Wo hast du meinen Schlüssel, meine Brille, meine Uhr hingelegt?

Patzige Antwort: Ich hab’ sie überhaupt nicht gesehen …

Jetzt machen sich die Männer auf den Weg, Petrus und Johannes. Man will sich selbst ein Bild von der Lage machen, nicht nur auf Hörensagen (noch dazu einer Frau) vertrauen. Auch so sind wir Menschen. Doch auch sie finden den Leichnam nicht; es liegen nur die Tücher da: die Leinentücher und das Schweißtuch. Da glauben sie, was Maria ihnen gesagt hat und „gehen wieder heim“ (V. 10)

Und jetzt beginnt unser Predigttext:

11 Maria aber stand draußen vor dem Grab und weinte. Als sie nun weinte, beugte sie sich in das Grab hinein 12 und sieht zwei Engel in weißen Gewändern sitzen, einen zu Häupten und den andern zu den Füßen, wo der Leichnam Jesu gelegen hatte.

13 Und die sprachen zu ihr: Frau, was weinst du? Sie spricht zu ihnen: Sie haben meinen Herrn weggenommen, und ich weiß nicht, wo sie ihn hingelegt haben.

14 Und als sie das sagte, wandte sie sich um und sieht Jesus stehen und weiß nicht, dass es Jesus ist. 15 Spricht Jesus zu ihr: Frau, was weinst du? Wen suchst du? Sie meint, es sei der Gärtner, und spricht zu ihm: Herr, hast du ihn weggetragen, so sage mir: Wo hast du ihn hingelegt? Dann will ich ihn holen.

16 Spricht Jesus zu ihr: Maria! Da wandte sie sich um und spricht zu ihm auf Hebräisch: Rabbuni!, das heißt: Meister!

17 Spricht Jesus zu ihr: Rühre mich nicht an! Denn ich bin noch nicht aufgefahren zum Vater. Geh aber hin zu meinen Brüdern und sage ihnen: Ich fahre auf zu meinem Vater und eurem Vater, zu meinem Gott und eurem Gott.

18 Maria Magdalena geht und verkündigt den Jüngern: »Ich habe den Herrn gesehen«, und was er zu ihr gesagt habe.

Maria “stand draußen vor dem Grab stand und weinte”. Die Fähigkeit zu Weinen hebt uns aus unserem bloßen Da-Sein heraus. H. Plessner bezeichnet es als “exzentrische Position”: Im Weinen – wie im Lachen – sind wir nicht eins mit uns selbst. Wir werden von uns gleichsam „distanziert“, aus unserem vermeintlichen Zentrum herausgeworfen. Dies ist ein Geschehen, das ist unserer Machbarkeit entzogen. Echte Tränen, seien es solche das Lachens oder des Weinens, lassen sich nicht machen.

“Maria stand draußen” – sie war “außer sich”, denn sie wähnte, ihr Geliebter, ihr Heiland, sei tot. Und doch “stand” sie, und “saß” nicht in Depression versunken. Sie stand auf dem Boden der (vermeintlichen) Tatsachen. Anders als die beiden Jünger, Johannes und Petrus, lief sie auch nicht davon. Sie blieb stehen. Sie hielt Stand.

Meister Eckhart sagt in seiner Predigt: “Sie war innerlich so ganz mit allen Kräften auf Gott hin gerichtet; darum stand sie äußerlich”. Wenn das stimmt – dann fragt man sich: Warum sieht sie dann Jesus nicht?

Sie kann Jesus nicht sehen, sagt Meister Eckhart, weil für Maria Gott Einer ist und nicht zwei. Sie sah aber zwei Engel, einen am Fußende, einen am Kopfende – “da, wo der Leichnam Jesu gelegen hatte”.

Im Alten Wissen stehen am Bett des Kranken zwei Engel: am Kopfende die Schechina, am Fußende der Todesengel. Die Schechina, so heißt es in der Kabbala, ist die Frau, in der Gott auf Erden wohnt. Er wohnt im Exil und leidet darunter, dass die Menschen ihre Endlichkeit und Vergänglichkeit nicht einsehen wollen.

Die beiden Engel verweisen auf den Einen Gott. Sie umhüllen, umrahmen den Ort des Verlustes: da, wo der Leichnam gelegen hatte. Und sie nehmen Anteil am Schmerz Marias. Wenn Trauer und Schmerz, wenn Verzweiflung einen Rahmen bekommen, gehalten werden können, sind sie nicht mehr “bodenlos”, nicht mehr “grenzenlos”. Die zwei Engel sind dabei, Maria zu dem Einen zu führen. Und Maria erzählt den Engeln ihren Kummer: sie lässt sie an ihrem Schmerz teilhaben. Wer im Schmerz erstarrt ist, der ist unberührbar geworden. Er kann weder Anteil geben noch Anteil nehmen. Der Schmerz dominiert alles andere. Das ist eines der Probleme bei der Behandlung von Depression.

Im Geschehen des Teilnehmens taucht nun Jesus auf. Und Maria erkennt ihn nicht – sie hält ihn für den Gärtner.-

In sehr feiner Weise lässt das Johannesevangelium hier die Schöpfungsgeschichte anklingen: Im “zweiten” Schöpfungsbericht ist Gott der Gärtner im Garten Eden. Aber auch Gott, der die “Zwei” erschafft, im ersten Schöpfungsbericht: Hier wimmelt es nur so von Zweiheit: Himmel und Erde, Licht und Finsternis, Erde und Meer, Mann und Frau …

Schöpfung, leben in der Welt heißt: sich in der Zweiheit, in der Ambivalenz wiederfinden. Und die einzige Aufgabe, die wir Menschen in unserem Leben haben, ist: Zur Eins, zur Einheit, zum Ganzen zurückzukehren. Das ist das, was unsere Vorfahren mit “heilig” meinten. Und das ist es, was sie unter “Eins-Werden mit Gott”, der “visio beatifica”, der “beglückenden Schau” Gottes verstanden. Der Weg dort hin führt über den Schmerz der Anerkennung der Flüchtigkeit unseres Daseins.

Die Abkürzung dieses “Weges zurück” ist der Weg, den die Schlange vorschlägt: Du kannst dir das alles selber “machen”! Setze dich einfach an Gottes Stelle: “Wenn ihr von diesem Baum esst, werdet ihr sein wie Gott!” Und ihr werdet wissen, “was gut und böse ist”. Dieser Vorschlag führt zu der verbreiteten Haltung: „Ich brauche nichts!“ „Ich mache das alles selber!“ „Ich bilde mir selbst ein Urteil!“

Dieser Weg ist nicht zu verurteilen: Er gehört zur Entwicklung von uns Menschen unabdingbar dazu. Es gibt dazu keine Alternative. Die Frage ist nicht, das Essen des Apfels zu vermeiden. Die Frage ist: Wie es dann weiter geht.

Maria steckt in ihrer Trauer. In ihrer Trauer sieht sie nicht, was da ist. Sie sieht die ganze Wirklichkeit nicht. So hält sie Jesus für den Gärtner. Auch Jesus fragt Maria nach ihrer Trauer und auch ihm gibt Maria Anteil. Und sie bittet ihn: “Falls du ihn weggetragen hast, sage mir doch, wo du ihn hingelegt hast.”

Und Jesus antwortet: „Maria!“

Da wendet sie sich um.

Mit dem Nennen ihres Namens wird ihr Blick, ihr Erleben frei für die wirkliche Wirklichkeit. Indem die Seele sich in der Tiefe ihres Seins erkannt, benannt, angerufen fühlt – antwortet sie. Der Träger dieses Angerufen-Seins ist der Name.

Dieses eine Wort: „Maria“ – bringt ihre Seele zum Schwingen, so wie der Schlegel die Klangschale schwingen lässt.

Maria antwortet nicht mit „Jesus“; sie antwortet mit: „Rabbuni“ – „mein Meister“. „Rabbuni“ drückt „allerhöchste Ehrerbietung“ aus.

Jetzt ist alles gut – könnte man meinen. Maria, voll Glück und Dankbarkeit, möchte sie ihren „geliebten Meister“ einfach nur in die Arme nehmen, ihn wieder körperlich spüren. So wie noch vor kurzem, als sie seine Füße salbte und sie mit ihrem Haar trocknete (Joh. 12, 3) Doch Jesus sagt diesen merkwürdig-abweisenden Satz:

Rühre mich nicht an!“ – „Noli me tangere!“

Wie das?

Er ist nicht mehr identisch mit dem Jesus, den Maria kennen und lieben gelernt hat: Der Jesus, der Maria sieben Dämonen ausgetrieben hatte, für dessen Unterhalt Maria zusammen mit anderen Frauen aufgekommen ist, dem sie die Füße salbte …

Mit einem Wort: Es ist nicht mehr der Meister, der „Rabbuni“, zu dem Maria aufschauen soll.

Und wer ist es dann?

Es ist der Auferstandene.

Es ist derjenige, der sein eigenes Kreuz getragen und ertragen hat, der sich bei allem Spott und Hohn nicht hat beirren lassen, der auch nach seinem Zusammenbruch auf diesem seinen Weg weiter gegangen ist. Es ist derjenige, der hinabgestiegen ist in das Reich der lebendigen Toten, der Abgestumpften und Tauben, der süchtig um sich selbst Kreisenden. Und in all’ dem verwandelte er sich allmählich und wurde verwandelt, hinein verwandelt in den wahrhaften Sohn seines Vaters. Und natürlich auch in die wahrhafte Tochter seiner Mutter. Und in dieser Verwandlung verwandelt sich auch die Beziehung zu ihm. „Rühr mich nicht an!“ heißt: die alte Beziehung, die wir hatten, gibt es nicht mehr. „Ich bin nicht länger dein Meister; ich bin dein Bruder geworden.“

So ist auch zu verstehen, wenn Jesus fort:fährt: „Gehe hin zu meinen Brüdern (und Schwestern) und sage ihnen: Ich fahre auf zu meinem Vater und eurem Vater, zu meinem Gott und eurem Gott.“

Das ist (für mich) die eigentliche, die letzte Verwandlung Jesu und die tiefste Bedeutung seiner Auferstehung: Dass wir Befreite für unseren Weg zu seinem Vater sind, der in eins damit unser Vater ist. Das idealisierende Festhalten an ihm als „Meister“ hält ihn in der Gruft des Todes gefangen und macht mich klein.

Und überheblich: als hätte nur ich den wahren Meister! Solange ich einen Meister anbete, vermeide ich, selbst Meister zu werden. Wobei Meister-Werden nichts mit Größenwahn zu tun hat. Die Meisterschaft, um die es hier geht, ist eine Meisterschaft der Hingabe: an das Leben.

Töte Buddha, wenn du ihn triffst!“ – diese derbe buddhistische Aufforderung verstehe ich ganz im Sinne des abweisenden: „Rühr mich nicht an!“ Höre auf, mich zu verherrlichen – stattdessen geh’ deinen eigenen Weg: in Bescheidenheit und Liebe!

Gebe Gott, dass wir stetig tiefer hineinwachsen in diese Meisterschaft der Hingabe, des Sich-Überlassens an das, was gerade ist. Gebe Gott, dass dieser Christus nicht umsonst gestorben ist, dass er aufersteht in jedem von uns und lebt und wirkt aus jedem von uns, AMEN.

Predigt über Johannes 3, 14-21 am Sonntag Reminiscere 2019

Liebe Gemeinde,

“gedenke Herr an deine Barmherzigkeit!”

Dieses Zitat aus Psalm 25 verleiht unserem heutigen Sonntag seinen Namen.

“Gedenke …” meint so viel wie: “vergiss nicht! Halte in Erinnerung!”

Erinnern“ ist eine Bewegung nach „innen“. Die andere Bewegungsrichtung ist „veräußern“ – etwas wird nach außen gegeben, weggeben.

Unangenehmes, Störendes, Quälendes möchte ich gerne loswerden. Veräußern. „Hinauswerfen.“

Angenehmes, Schönes möchte ich behalten, „aufnehmen“, in mich hineinnehmen.

Die einfachste, sinnenfälligste Form des „In-mich-Hineinnehmens“ ist zu essen. Alle sogenannten „Essstörungen“ haben mit Problemen des „Aufnehmens“ zu tun. Und es bedarf eines Vertrauens, dass das, was ich da in mich hineinlasse, mir auch gut tut und mich nicht – im schlimmsten Fall – zerstört. Denn was „in mir drin ist“, das entfaltet in mir seine Wirkung, die ich so ohne weiteres nicht kontrollieren kann.

Nun bedeutet „sich erinnern“ noch etwas anderes: Es hat damit zu tun, in Abwesenheit sich auf etwas zu beziehen. In Abwesenheit heißt: auch wenn das, woran ich mich erinnere, längst vergangen ist. Es hat sich mir „eingeprägt“.

Und es ist so, dass das Unangenehme, das, was einem „angetan“ worden ist, sich wesentlich stärker einprägt, als das Gute und Angenehme. Und je jünger wir sind und dementsprechend ungeschützt, desto tiefer „brennt“ sich das Leid in die Seele hinein. Das dazugehörige Fachwort heißt „Trauma“.

Das Motiv unseres heutigen Sonntags „Reminiscere“ lautet also: „gedenke an deine Barmherzigkeit, erinnere das Gute, erinnere dich an deine Fähigkeit, barmherzig zu sein …“

Je tiefer ich in meiner Wut, in meinem Hass, in meinem Schmerz verstrickt bin, desto schwerer fällt mir die Kraft für Barmherzigkeit. Hass zerstört die Verbindung zu Freundlichkeit, zu Barmherzigkeit. Barmherzig, liebevoll sein kann überhaupt erst entstehen, wenn ich meinen Hass darauf, was mir alles angetan worden ist, irgendwie einrahmen, irgendwie bei mir halten kann. Ein eingerahmter Hass kann sich nicht mehr willkürlich, grenzenlos ausbreiten. Dies ist ziemlich Kräfte zehrend, es viel Energie kostet, mir meines Hasses bewusst zu werden. Erst dann habe ich überhaupt eine Chance, mich von ihm zu distanzieren. Solange ich völlig auf der Seite meines Hasses bin, solange mein Ich von meinem Hass besessen ist, solange habe ich, solange hat kein Anderer eine Chance.

Sich bewusst werden“ heißt, „sich eingestehen, anerkennen…“ Oder – im Sprachspiel unseres Predigttextes: „etwas ans Licht kommen lassen“.

Die Gegenbewegung ist „vertuschen“, „verschleiern“, „sich und den Anderen etwas vormachen, täuschen, betrügen…“

Johannes nennt dies die „Finsternis, die das Licht nicht annimmt“.

Damit endet unser Predigttext – Sie haben ihn vorhin als Evangelium gehört:

… die Menschen haben die Finsternis mehr geliebt als das Licht, denn ihre Werke waren böse. Denn jeder, der Arges tut, hasst das Licht und kommt nicht zu dem Licht, damit seine Werke nicht bloßgestellt werden, wer aber die Wahrheit tut, kommt zu dem Licht, damit seine Werke offenbar werden, dass sie in Gott gewirkt sind.“

Diese Aussage ist zeitlos gültig, leider auch für die christliche Kirche selbst. Siehe die bis heute andauernde Vertuschung des Missbrauchs von Abhängigen. „Die Menschen haben die Finsternis mehr geliebt …“ Es gibt in uns Menschen eine starke Kraft dagegen, dass etwas ans Licht kommt, dass mir etwas bewusst wird. Sigmund Freud hat diese Kraft „Widerstand“ genannt. Es wehrt sich etwas in mir, dass ich mir meiner Schattenseiten, meiner Schwächen, all dem, wie ich so ganz gar nicht sein möchte, bewusst werde. Diese Abwehr oder dieser Widerstand hat unmittelbar damit zu tun, dass ich Angst habe, wenn ich mich ganzheitlich erkenne und anerkenne, dass ich dann werde verurteilt werde. Deshalb lieber das „Schlechte“, das „Böse“ vertuschen.

In unserem Predigttext heißt es auch: „Wer an ihn, wer an Christus glaubt, der wird nicht gerichtet.“ Die Wirklichkeit ist also: Wer an die in Christus offenbar gewordene Barmherzigkeit Gottes glaubt, entdeckt die Liebe Gottes – und bleibt so nicht länger seinem eigenen Hass ausgeliefert. Dies geht freilich nur in der Verbindung von Christus und Liebe. Es gibt leider nicht wenige Stellen im Neuen Testament, wo Christus mit einem strafenden Richtergott in Verbindung gebracht wird.

Doch fangen wir von vorne an:

Und wie Mose in der Wüste die Schlage erhöhte, so muss der Sohn des Menschen erhöht werden, damit jeder, der an ihn glaubt ewiges Leben habe.“

Damit beginnt unser heutiger Predigttext. Dies ist ein Hinweis auf eine berühmte Stelle im AT, wo es heißt, dass Gott zur Strafe für den Ungehorsam seines Volkes „feurige Schlangen“ sandte, die das Volk bissen und töteten. Der Ungehorsam bestand in der „Ungeduld“ des Volkes, seinem Hadern auf dem Weg durch die Wüste: „… und das Volk redete gegen Gott und gegen Mose: Wozu habt ihr uns aus Ägypten heraufgeführt? Damit wir in der Wüste sterben? Denn es ist kein Brot und kein Wasser da, und unsere Seele ekelt es vor dieser elenden Nahrung.“ (4. Mose 21, 5) Mit der „elenden Nahrung“ war das „Manna“ gemeint, womit Gott sein Volk in der Wüste stärkte. (Das ist ein Vorläufer von: „Mama, ihm schmeckt’s nicht!“) Als Mose gegenüber Gott stellvertretend für sein Volk bereut und die Sünde des Volkes benennt, wird er von Gott damit beauftragt, eine Schlange aus Bronze zu machen, diese auf eine Stange zu geben. „…und es geschah, wenn eine Schlange jemanden gebissen hatte und er schaute zu der ehernen (bronzenen) Schlange auf, so blieb er am Leben.“ (Vers 9) Um dies zu verstehen, ist es wichtig zu wissen, dass das hebräische Wort für Schlange denselben Zahlenwert hat, wie das Wort „Messias“. Das heißt, in der alttestamentlichen Geschichte ist vor-geformt, was Johannes über die Bedeutung Christi sagen will:

Wer den Mut hat, zu Gott zu Christus zurückzukehren, der wird gerettet werden. Nicht die Schlange an sich ist zerstörerisch, sondern ihre Ausbreitung im Horizontalen, ihre rein quantitative Vermehrung. Durch die Vertikale kommt eine andere, gänzlich neue Dimension ins Spiel und der Blick verändert sich, weitet sich. Es gibt nicht nur ein links und rechts von mir, sondern auch ein oben und unten.

Und es ist die rein mechanische leb- und lieblose Vermehrung, die tödlich ist. Alles was mit Massen- beginnt: Massentierhaltung, Massenproduktionen, Massenbevölkerung…

Durch Christus kommt eine neue Perspektive, eine neue Blickrichtung auf die Welt, in die Welt: die Perspektive der Liebe. In dieser Perspektive verbindet sich Horizontales und Vertikales. Liebe heißt: gute Verbindungen entstehen.

So heißt es in unserem Text weiter: „Denn so hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht verloren geht, sondern ewiges Leben hat. Denn Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, damit er die Welt richte, sondern dass die Welt durch ihn gerettet werde.“

Keine Rede von einem beleidigten Gott, der in seinem Zorn unversöhnlich geworden ist, und deshalb sich selbst in der Person seines Sohnes opfert, um die Welt mit sich zu versöhnen. Das war die unglückselige Lehre von Anselm von Canterbury, bei der wir Menschen zu Marionetten eines beleidigt in sich selbst verliebten Gottes werden. Weil Adam und Eva von der verbotenen Frucht gegessen haben, haben sie Gottes Majestät beleidigt. Nur Gott selbst konnte diese Majestäts-Beleidigung „wieder gut machen“ – also schickte er seinen eigenen Sohn, der stellvertretend für die Menschheit sich opferte.

Sie merken, dass uns Menschen in diesem Gedankengang völlige Unfähigkeit zugeschrieben wird. Und zugleich sind wir an allem schuld. Das ist so, wie wenn ein Kind bei Tisch z.B. etwas verschüttet, es geschimpft wird (Zorn), es aber keine Gelegenheit bekommt, den Tisch zu säubern. „Lass das, das kannst du nicht!“ heißt es. Und vielleicht noch: „Nichts als Arbeit machst du, du Nichtsnutz!“ Häufen sich solche Erfahrungen, lernt das Kind, dass es keinerlei Einfluss nehmen kann, auf das, was passiert, dass es nichts gestalten kann, dass es nichts taugt und nichts wert ist. Und schon gar nicht lernt es, Verantwortung zu tragen für sein Tun.

Nichts von alledem in unserem Text, nichts davon im Johannesevangelium.

Die Offenbarung Gottes in Jesus Christus ist kein Akt irgend einer Wiedergutmachung. Sie ist ganz einfach und ganz anders zu verstehen: als Ausdruck der Liebe Gottes. Und wir sind auch keine Marionetten Gottes; wir sind befreit dazu, auf Gottes Liebe zu antworten: indem wir selbst lernen zu lieben. Die Antwort der Liebe ist unsere Ver-Antwortung, die wir Gott, unserem Schöpfer gegenüber tragen.

Und lieben beginnt damit, sich seiner selbst bewusst zu werden. Im Hebräischen heißt lieben auch erkennen. „Und Adam erkannte sein Weib.“ … Und wirkliches Erkennen ist immer auch Selbst-Erkenntnis: Theresa von Avila sagt: „Denn so hoch die Seele auch stehen mag, nie wird etwas anderes die Selbsterkenntnis ersetzen können, ob man dies nun will oder nicht.“ (Innere Burg, S. 30)

Damit Selbst-Erkenntnis aber wirkungsvoll werden kann, ist es notwendig, dass sie eingehüllt ist in Barmherzigkeit, Es geht überhaupt nicht darum, zu „richten“ oder „gerichtet“ zu werden. Beides heißt, in falsch und richtig eingeteilt zu werden oder einzuteilen, heißt bewertet werden oder bewerten. Genau darum geht es nicht!

Es geht vielmehr darum, „gerettet“ zu werden. Das griechische Wort für retten, „sozo“, bedeutet wörtlich: „unversehrt“, „gesund“ sein. Immer wenn ich die Welt in „falsch“ und „richtig“ einteile, wenn ich bewertend und richtend mich über meine Mitmenschen äußere, zerreiße ich, was zusammen gehört.

Dieses „Richten“ lässt sich natürlich auch auf mein eigenes Leben anwenden. Es geht so schnell und ist so leicht, sich und Andere mit Vorwürfen zu überhäufen. Diese Vorwürfe und Selbst-Vorwürfe verwenden Erkenntnis und Selbst-Erkenntnis für Hass und Selbst-Hass – und nicht für Liebe und Selbst-Liebe.

Und Hass hält gefangen. Im Hass baue ich mir mein Gefängnis. Und die Gitterstäbe meines Gefängnisses sind aus meiner Rechthaberei gemacht. „Mein Hass steht mir zu…“ Ja, dein Hass steht dir zu, ich kann ihn sogar verstehen. Er macht dich halt nicht frei. Er trennt dich von der Liebe Jesu Christi.

Es ist ein großes Geschenk, einen Beichtvater, einen Freund, einen Therapeuten zu finden, der nicht mich nicht verurteilt, mich nicht in falsch und richtig unterteilt. Stattdessen liebevoll mir dabei hilft zu lernen, mein gewordenes Leben immer ganzheitlicher sehen und tragen zu lernen. Das hat nichts mit „billiger Gnade“ zu tun, derart: „Mach dir nichts daraus, das geht anderen auch so, jeder hat mal seinen Partner betrogen, jeder lügt mal …“ Das würde bedeuten, dem, der „Arges“ getan hat, dabei zu unterstützen, dass seine Werke nicht ans Licht kommen.

Nein, das ist nicht der Weg. Liebe vertuscht nicht – liebe deckt auf – aber liebevoll!

Der Weg der liebevollen Selbsterkenntnis ist ein schmaler Grat zwischen dem Berg des Selbst-Hasses und der Selbst-Kasteiung auf der einen und dem Abgrund der Gleichgültigkeit auf der anderen Seite: „Was soll’s, das machen doch alle!“

Dieser Weg beginnt mit liebevoller, wohlmeinender Neugierde auf sich selber. Ohne Verurteilungen. Ohne Gericht. Ohne: „Wie konnte ich nur?“ Und auch ohne: „Ich bereue nichts…“ „Alles, was ich getan habe, war richtig.“ Auch dies ist eine Bewertung. Es gibt jene, die sich unentwegt entschuldigen und jene, die gar nicht daran denken, sich zu entschuldigen. Beides hat mit Liebe und Barmherzigkeit nichts zu tun.

Wer … die Wahrheit tut, kommt zu dem Licht, damit seine Werke offenbar werden, dass sie in Gott gewirkt sind.“ Damit endet unser Predigttext und damit endet meine Predigt. Und zwar mit einer kleinen Geschichte, die ich bei Anthony de Mello gefunden habe:

Ein Licht

Schüler: Was ist der Unterschied zwischen Wissen und Erleuchtung?

Lehrer: Wenn du Wissen besitzt, nimmst du ein Licht, um den Weg zu erkennen. Wenn du erleuchtet bist, wirst du selbst zum Licht.

Gebe Gott, dass sein Licht der Liebe und Barmherzigkeit uns erleuchte, von uns ausstrahle, auf dass wir immer tiefer und leichter zum Licht der Liebe Gottes werden, AMEN.

Predigt über Hebräer 4, 14 – 16 am Sonntag Invocavit 2019

Liebe Gemeinde,

wir Menschen stellen gerne Zusammenhänge her, wo keine sind. Z.B.: “Weil du eine schlechte Note bekommen hast, nehme ich dir jetzt dein Handy weg.”

Was hat das eine mit dem anderen zu tun?

Oder:

“Weil ich den Text, über den ich zu predigen habe, blöd finde, deswegen kann ich auch keine gute Predigt halten.” – Aha! –

Oder:

“Wenn ich dir was Leckeres zum Essen koche, dann muss es dir auch schmecken:”

Oder der Name unseres heutigen Sonntags. Er heißt “Invocavit” – nach Psalm 91,5:

So spricht Gott: “er/der Beter ruft mich an, darum will ich ihn erhören!”

Dieser Art zu denken ist gemeinsam, dass es in Kausalzusammenhängen denkt:

weil – deshalb; wenn – dann.

In Kausalzusammenhängen denken heißt “mechanisch” denken: weil ein Zahnrad mit einem anderen verbunden ist, deshalb dreht das eine das andere. Auch in der Psychiatrie ist diese Denkart bekannt: „Wenn du deine Medikamente nicht nimmst, wirst du wieder depressiv ….“

Der große Vorteil dieses Denkens besteht darin, dass es Sicherheit vortäuscht. Wenn ich alles richtig mache, dann kann mir nichts passieren, das ist die Verheißung. Und ich weiß immer, was ich zu tun habe.

Eine verbreitete Redewendung, die zu diesem Denken gehört, lautet: das ist jetzt dran! Heute ist der Rasen zu mähen, sind die Fenster zu putzen, ist ein Beschluss im KV zu fällen. „Das ist jetzt dran“ bedeutet: ohne Rücksicht darauf, wonach einem gerade der Sinn steht. Worauf ich gerade Lust habe. Jetzt sind deine Hausaufgaben dran – und sonst nichts, verstanden!

Sie merken: zur Mechanik dieses Denkens gehört die Ausübung von Macht.

Im vorhin gehörten Evangelium, der Versuchungsgeschichte, ist es der Teufel, der mit dieser Wenn-Dann-Logik aufwartet:

Wenn du aus diesen Steinen Brot machst, dann beweist du, dass du wirklich Gottes Sohn bist.

Wenn du mich anbetest, dann mache ich dich groß und mächtig. Dann kannst du sagen: „Me first!“

Wenn du dich von des Tempels Zinne hinabstürzt, dann werden dich die Engel Gottes auffangen – und die Menschen dich noch mehr bewundern.

Es ist dieselbe Logik, die noch einmal dem ohnmächtig am Kreuz Hängenden begegnet: „Wenn du der Sohn Gottes bist, dann steig doch herab vom Kreuz!“

Wobei der Hohn und der Spott dabei nicht zu überhören ist.

Das mechanische Denken ist ein Denken in Macht und Ohnmacht. Die einzige Frage ist: Wer ist oben, wer ist unten, wer gewinnt, wer verliert.

Tertium non datur – ein Drittes gibt es nicht! (In der Psychoanalyse nennt man das eine dyadische Struktur: das Dritte, der Kompromiss ist zerstört.)

Jesus und mit ihm die Mystiker aller Zeiten und jenseits aller Konfessionen, sind der Meinung, dieser Weg sei eine Verführung.

Wider alle Vernunft weigern sie sich, ihn zu gehen.

Und ernteten dafür viel Spott. Laotse sagt: „ …hört ein Unverständiger vom Dao, so lacht er laut auf. Was wäre das für ein Dao, das Unverständige nicht verlachen?“

Jesu Weg beginnt in der Stille. Und in der Leere; da, wo scheinbar nichts ist. Und wo es auch nichts zu tun gibt – außer: die Stille und die Leere „auszuhalten“. Dies alles symbolisiert die „Wüste“. Nach 40 Tagen kommt der „Verführer“ zu Jesus. 40 Tage ist im hebräischen Denken eine unermesslich lange Zeit. Der Verführer kommt, wenn die Kräfte des Wollens und des Durch-Haltens schwinden. „Ich kann nicht mehr!“ (Wenn das Baby überflutet ist von Durst und Hunger und Sehnsucht nach Zuwendung.)

Die Verführung ist eine scheinbare Klarheit des Wissens. Die Wenn-Dann-Klarheit. Wenn du das tust, wirst du belohnt werden. Erschaffe dir selbst dein Brot – anstelle von: „Unser täglich Brot gib uns heute!“ Bete das Materielle an, dein Auto, dein Haus, dein Kapital, deinen Status – anstelle von: „Der HERR gibt es, der HERR nimmt es, gepriesen sei der Name des HERRN!“ Verschaffe dir selber den Kick: spring vom 10-Meter-Brett, oder mit einem Fallschirm, oder mach Bungeejumping, anstelle von: „Man kann nicht tiefer fallen als in die Arme Gottes!“

Jetzt wird das Diabolische an der „Wenn-Dann-Logik“ deutlich: du hast es selbst in der Hand. Wenn du gute Noten schreibst, bekommst du dein Handy und zum Einser-Abitur einen schönen Mini … Und dann machst du eine Weltreise: das kommt gut in deinem Lebenslauf. Und dann studierst du, und wenn du dann gut bist, dann machst du Karriere …

Wenn … dann …

Die scheinbare Klarheit dieses Denkens hat den schon erwähnten Preis: Es bildet nicht die Wirklichkeit ab, sondern ist aufgebaut auf einer Täuschung. Anders ausgedrückt: Dieses Denken kann nicht bis drei zählen. Wenn-dann heißt: das Eine bedingt das Andere. Ein Drittes gibt es nicht. Der Diabolos, der Zweifler (zwei!) versucht Jesus, in der Zwei einzufangen.

Und die Stärke der Antworten Jesu besteht darin, dass er gelassen-freundlich auf den “Dritten” verweist:

Der Mensch lebt nicht vom Brot allein …

Du sollst Gott, deinen Herrn nicht versuchen …

Du sollst Gott, deinen Herrn anbeten und ihm allein dienen …

So zu denken und zu leben macht stark; es lebt und denkt in einer unerschütterlichen Vertrauensbeziehung, die ich selbst, die mein Ich nicht machen kann! Es ist genau diese Beziehung, die von den Fesseln des dyadischen Denkens erlöst.

Nun gibt es eine ebenso verbreitete wie faule Ausrede, mit der man mühelos alles beim Alten lassen kann: Das ist nichts für mich – oder: “Bin ich etwa Jesus?”

Unser heutiger Predigttext entzieht dieser Ausrede seine Grundlage.

Im Hebräerbrief, Kapitel 4, 14-16 heißt es:

“Da wir nun einen großen Hohenpriester haben, der durch die Himmel gegangen ist, Jesus, der Sohn Gottes, so lasst uns das Bekenntnis festhalten!

Denn wir haben nicht einen Hohenpriester, der nicht Mitleid haben könnte mit unseren Schwachheiten, sondern der in allem in gleicher Weise versucht worden ist (wie wir), doch ohne Sünde.

Lasst uns nun mit Freimütigkeit hinzutreten zum Thron der Gnade, damit wir Barmherzigkeit empfangen und Gnade finden zur rechtzeitigen Hilfe.“

Das klingt ein wenig kompliziert. Ist es aber nicht.

Jesus als „Hohepriester“ heißt nichts anderes als: Der, der uns alltäglich dabei hilft, nicht den Fallen der Zwei, des Zweifelns zu erliegen. Und seine Glaubwürdigkeit strömt aus seinem eigenen Leben: Er ist selber „in gleicher Weise versucht worden …, wie wir!“

Die Annahme, es gäbe ein Leben ohne Versuchungen, spielt dem Zweifler, dem Diabolos in die Karten. So bedeutet: „Führe uns nicht in Versuchung“ zugleich:

Führe uns aus der Versuchung!“ Und zwar jeden Tag.

Meine persönliche Lebenserfahrung ist, dass sich die Art der Versuchungen im Laufe des Älter-Werdens verändern, nicht aber ihre Macht. Oder ihr Sog.

Für mich ist es z.B. eine täglich wiederkehrende Versuchung, mit meinen eigenen Fehlern und den Fehlern anderer Menschen kalt und unbarmherzig umzugehen. Die dahinter stehende Täuschung meint: es muss doch ein Leben, eine Beziehung, eine Predigt ohne Fehler geben. Ohne Schwächen …

So ist für mich der letzte Satz unseres Predigttextes besonders wichtig: „Lasst uns nun mit Freimütigkeit hinzutreten zum Thron der Gnade, damit wir Barmherzigkeit empfangen und Gnade finden zur rechtzeitigen Hilfe.“

Aus der Barmherzigkeit und der Gnade Gottes heraus zu leben ist (für mich) das größte Geschenk. Und ich tue mich sehr schwer damit, es in der Tiefe anzunehmen. Den Thron der Gnade und der Barmherzigkeit zu finden bedeutet nämlich, den Thron der Selbstgerechtigkeit, des Rechthabens und des Besser-Wissens zu verlassen. Bedeutet die Vielfalt des Lebendigen anzuerkennen und sich selbst als winzigen Teil dieser Vielfalt zu erleben. Bedeutet, das eigene Nicht-Wissen und Nicht-Verstehen zu akzeptieren und sich daran zu erfreuen, falls sich etwas erschließt.

Es erschließt sich mir etwas“ – das fühlt sich im übrigen ganz anders an, als: „ich habe erkannt.“

Jede Erkenntnis ist in der Tiefe ein Gnadengeschenk – und keine Leistung meines Intellektes. All dies will mein stolzes Ich mit seinem scharfen Verstand nicht wahrhaben. So hat es sich seine eigene kausale Logik erfunden, die in Bezug auf unbelebte Gegenstände auch hervorragend funktioniert.

So hervorragend, dass wir Menschen dabei sind, mit diesem mechanischen Denken das Lebendige und damit unsere eigenen Lebensgrundlagen zu zerstören.

Der Thron der Barmherzigkeit ist von uns nicht „machbar“. Und so ist er niemals ein Besitz; er bleibt ein lebendiges Geschehen, das nur in „Freimütigkeit“ also in „Freiwilligkeit“ sich ereignen kann. Und dass er etwas nicht „machen“ kann damit auch nicht „kontrollieren“ kann – das hasst unser Verstand und mit ihm unser Ich!

Auch dies ist eine Versuchung, die wahrscheinlich viele Menschen gerade in sozialen Berufen gut kennen: zu meinen, man könne den Anderen von etwas „überzeugen“, oder gar, man müsse ihn „bekehren“. Der gefürchtete Satz dazu lautet: „Ich meine es doch nur gut mit dir…“ Die Wahrheit ist: „Ich meine es nur gut mit mir, weil ich dringend brauche, dass du so und so bist und weil ich nicht aushalte, das du anders bist …“

Die Logik dazu lautet: „wenn du so bist, wie ich dich brauche – dann wird es mir gut gehen!“ Wenn-dann …

Wenn der Verfasser des Hebräerbriefes schreibt: „Lasst uns nun mit Freimütigkeit hinzutreten zum Thron der Gnade …“ dann appelliert er an seine Gemeinde. Er meint es bestimmt gut mit ihr. Und doch ist es eine Verführung, da sie die Radikalität der Freiheit und Freiwilligkeit des Einzelnen übergeht.

Ich würde mich diesem Appell gerne anschließen. „Lasst uns alle gemeinsam zum Thron der Gnade hinzutreten….“ Das macht so ein kuscheliges Gemeinschaftsgefühl. Die Wirklichkeit ist dem gegenüber ziemlich nüchtern, ja ernüchternd.

Die Wirklichkeit ist, dass jeder von uns seinen ganz eigenen Weg zu gehen hat. Vielleicht führt er zum Thron der Gnade, vielleicht auch nicht.

So lasse ich Sie am Ende dieser Predigt – wie im übrigen nach jeder Predigt – wieder allein. Und ich freue mich, wenn sich Sie sich von dem einen oder anderen Gedanken, die hier aufgetaucht sind, angesprochen fühlen, AMEN.

Predigt über Römer 16, 9-16 am 2. Sonntag nach Epiphanias

Liebe Gemeinde,

“Die Liebe sei ohne falsch.”

So über setzt M. Luther das griechische Wort: “anypokritos”. Und so beginnt unser heutiger Predigttext aus dem Römerbrief Kapitel 12.

Ursprünglich heißt anypokritos: nicht erfahren in der Kunst des Schauspielens. Daraus wurde dann “ungeheuchelt”, dass sich jemand nicht verstellt oder nicht “so tut als ob.”

Offenbar kennt Paulus eine Liebe, die “geschauspielert” ist.

Und nicht nur Paulus: Ich vermute, jeder von uns hat unangenehme Erfahrungen damit gemacht, getäuscht worden zu sein. Oder auch zu täuschen. Etwas sich selbst und anderen vorzuspielen oder gar vorzugaukeln.

In der Jugendsprache gibt es das Wort „schleimen“ für eine bestimmte Art des Vortäuschens. „Sich bei jemanden einschleimen.“ Das schaut dann nach Bewunderung, vielleicht sogar Liebe aus – ist aber mit einer bestimmten Absicht verbunden. Wer sich einschleimt, verspricht sich einen Vorteil davon.

Wirkliche Liebe ist etwas sehr Nüchternes. E. Fromm weist in seinem Klassiker „Die Kunst des Liebens“ darauf hin, dass Liebe häufig verwechselt wird mit Verliebt-Sein. Dieses Gefühl, Schmetterlinge im Bauch zu haben. Und wenn die Schmetterlinge weggeflogen sind, muss man sich eine neue (vermeintliche) Liebe suchen.

Liebe ist etwas Ruhiges. Und etwas sehr Ehrliches. Genauer: etwas Authentisches.

Wenn ich sagen kann: Das bin ich, so denke ich, so predige ich, so lebe ich, dann bin ich in der Liebe. Ohne mich, meine Meinung, meine Art zu leben absolut setzen zu müssen. Ohne zu meinen, meine Art zu denken und zu leben wäre die bessere.

Liebe ist auch etwas Bescheidenes. Und darin doch etwas Klares, Eindeutiges. „Eure Rede sei ja, ja, nein, nein. Was darüber ist, das ist von übel.“ (Matthäus 5,37)

Wenn ich wenig Ahnung davon habe, wer ich bin, verstehe ich das alles nicht wirklich. Dann versuche ich so zu tun, als wäre ich ein Ehemann, ein Lehrer, ein Pfarrer … und in der Tiefe habe ich keine Ahnung, wer ich bin. Ich schlüpfe in eine Rolle hinein und hoffe darauf, dass diese mich rettet. Aber in der Tiefe bin ich gar nicht da. Ich kann die „Rolle“ nicht mit meiner Identität füllen, weil ich meine Identität nicht kenne. Leben fühlt sich an wie „verschleiert“. So zu leben ermüdet.

In der Hochzeit zu Kanaan verwandelt Jesus Wasser in Wein. Indem ich meine Identität mit dem, was ich als Lehrer/Pfarrer/Ehemann bin, fülle, wird aus einer wässrigen Rolle gehaltvolle Wirklichkeit. Dann bin ich Ehemann – und spiele es nicht länger. Dann stehe ich hier wirklich als Pfarrer. Das bin ich jetzt gerade. Und nichts anderes.

Hasst das Böse.“ So fährt Paulus fort.

Böse“, „poneros,“ von „Ponos“ Mühe, Mühsal, Schmerz, Qual. Das Böse ist also nicht in erster Linie die moralische Verfehlung. Es hat mit einer Haltung zum Leben zu tun, die M. Luther als „auf sich selbst hin verkrümmt“ bezeichnet hat. „Unsere Natur ist durch die Schuld der ersten Sünde so tief auf sich selbst hin verkrümmt (lat.: tam profunda est in seipsam incurva), daß sie nicht nur die besten Gaben Gottes an sich reißt und genießt, ja auch Gott selbst dazu gebraucht, jene Gaben zu erlangen, sondern das auch nicht einmal merkt, daß sie gottwidrig, verkrümmt und verkehrt alles […] nur um ihrer selbst willen sucht.“

  • Martin Luther: Scholion zu Röm 5,4 Lut, WA 56, 304, 25–29. (Quelle: Wikipedia)

Das ist tatsächlich ein Problem: Solange ich gar nicht merke, dass alles, was ich tue, ich nur um meiner selbst willen tue – solange bin ich chancenlos für weiteres Erkennen. Es gibt keinen Blick über den Tellerrand, keine Möglichkeit, mich selbst zu erkennen.

Aber was heißt: Ich tue es um meiner selbst willen?

Es bedeutet, ich verwende alles, was mir begegnet, dafür, um daraus Selbst-Vergewisserung, Selbst-Bestätigung oder Ähnliches zu beziehen. Die Haltung ist: Ich muss mir beweisen, dass ich das kann. So kreise ich stets um mich selbst.

Und was meint Luther, wenn er sagt, dass der in sich gekrümmte Mensch auch Gott selbst „um seiner selbst willen“ gebraucht?

Das ist ein ähnlicher Gedanke, den Meister Eckhart ein paar 100 Jahre vorher formuliert hatte: „Manche Leute wollen Gott mit den Augen ansehen, mit denen sie eine Kuh ansehen, und wollen Gott lieben, wie sie eine Kuh lieben. Die liebst du wegen der Milch und des Käses und deines eigenen Nutzens.“

Der in selbst verkrümmte Mensch versucht aus allem seinen eigenen Nutzen zu ziehen. Gerade so, das ist die Konsequenz, bleibt er einsam, getrieben und unglücklich. Er wird nicht satt und kann nicht satt werden. Er hält nicht aus, dass er sich nicht selber satt machen kann.

Die endgültige, Ruhe und Sicherheit gebende Selbstbestätigung geschieht „extra me“. Außerhalb meiner. (Auch eine tiefe Erkenntnis M. Luthers.) Für den in sich selbst gekrümmten Menschen gibt es dieses „außerhalb“ nicht, da es nur ihn gibt. Er kann sich zu sich selbst nicht ins Verhältnis setzen. Und so kann er sich nicht kennen geschweige denn verstehen lernen. Und so ist ihm der Weg zu Gott, der wesentlich „extra me“ sich ereignet, verschlossen. Gott geschieht im Fremden, im Dritten. Und eben dies ist nicht denkbar.

Gott ist wesentlich trinitarisch.

Der auf sich selbst hin verkrümmte Mensch kann sich dem Dritten, dem Fremden nicht öffnen. So bleibt er zutiefst einsam. Und voller Sehnsucht nach Erlösung, die er wiederum meint, sich selbst geben zu müssen. Er findet den Ausgang aus seinem inneren Gefängnis nicht.

Der auf sich selbst hin verkrümmte Mensch ist ein Hochstapler mit den Gefühlen des Triumphs und der Grandiosität auf der einen Seite und mit den Gefühlen des Versagens, tiefer Niedergeschlagenheit auf der anderen Seite. Die unbewusste traurige Dynamik dieses Geschehens ist, dass die eigene Seele, die eigene Kreativität, die eigene Entwicklung als „Brennholz“ für Erfolg, Karriere, Prestige und Status verwendet wird. So verbrennt er sich selbst: „burn out“ beschreibt die Seele, die sich selbst verzehrt. Bei schwerer Magersucht oder bei Menschen, die am Verhungern sind, versucht der Körper in seiner Verzweiflung von sich selbst zu leben!

Liebe Gemeinde,

alles, was jetzt in unserem Predigttext kommt, ist nur dem sich öffnenden Menschen möglich, jenem Menschen, der erkannt, mehr noch erlebt hat: Ich kann nicht aus mir selbst heraus leben. Da unser Predigttext recht lang ist, werde ich mich jetzt auf ein paar Schlaglichter beschränken.

Die brüderliche Liebe untereinander sei herzlich.“ (In unserer Gesellschaft ist es weniger missverständlich zu sagen: die geschwisterliche Liebe sei herzlich.)

Herzlich“ heißt: das, was ich gebe, kommt von Herzen. Ohne Hintergedanken. Ohne „Falsch“. Und das, was ich bekomme auch: Ich denke nicht: O Gott, wie kann ich mich bloß dafür revanchieren? Wer von Herzen geben kann, der nimmt auch von Herzen. Nur wer geben kann, kann sich auch beschenken lassen. Nur wer nehmen kann, kann auch geben.

Einer komme dem Anderen mit Ehrerbietung zuvor.“

Ehrerbietung: Beginnt damit, den Anderen nicht zu ignorieren. Den Anderen wahrzunehmen. Sich in den Anderen einzufühlen. Zu erkennen, was für den Anderen wichtig ist zu wissen. All dies ist dem um sich gekrümmten Menschen unmöglich, da es für ihn den Anderen in der Tiefe nicht gibt. Er verwechselt Ehrerbietung mit öffentlichem Lobpreis: „Ohne Sie ginge hier gar nichts, es ist großartig, was Sie machen…“ Und in der Tiefe spürt man das Hohle dieser pervertierten Ehrerbietung.

Seid nicht träge in dem, was ihr tun wollt. Seid brennend im Herrn.“

Nicht: brennt die Andersgläubigen nieder, zerstört deren Schriften. Auch nicht: verbrennt Eure eigene Kreativität. Sondern: „brennt im Herrn!“

Brennt in dem, der Euch die Liebe vorgelebt hat. Brennt in dem, der sein eigenes Kreuz getragen hat. Brennt in der Liebe zur Barmherzigkeit Gottes. Sie allein kann das Feuer Eurer Ignoranz, Eures versteckten Hasses, der sich in Schadenfreude, in „hinter dem Rücken jemanden ausrichten“ usw. löschen.

Dient dem Herrn. Seid fröhlich in Hoffnung, geduldig in Trübsal, beharrlich im Gebet.“

Seid fröhlich!“ Der in sich selbst gekrümmte Mensch ist wesentlich missmutig. Das ist die Wahrheit des Kanons: „Wo man singt, da lass dich ruhig nieder; böse Menschen haben keine Lieder.“ Böse Menschen haben keine Lieder: Stattdessen gibt es Triumphmärsche und Kitsch nach Noten.

Und weiter:

Nehmt euch der Nöte der Heiligen an. Übt Gastfreundschaft. Segnet, die Euch verfolgen, segnet und verflucht sie nicht. Freut euch mit den Fröhlichen, weint mit den Weinenden. Seid eines Sinnes untereinander. Trachtet nicht nach hohen Dingen, sondern haltet euch zu den niedrigen. Haltet euch nicht selbst für klug.“

Diese einfachen Sätze fließen aus einer Haltung zum Leben, die sich nicht erarbeiten lässt. Es ist ein Geschenk, das empfängt, wer sein Herz öffnet. Und auch dies, sein Herz öffnen zu können, ist noch einmal ein Geschenk. Alles was ich als Mensch machen kann, ist, mich davor zu hüten, mir auf mich, auf mein Denken auf meine Schlauheit etwas einzubilden: „Hüte dich vor Selbstherrlichkeit. Selbstherrlichkeit beleidigt Gott, von dem alle Gaben kommen und macht Sünder anmaßend. Doch wenn du wirklich demütig bist, geht dir … auf, dass das kontemplative Gebet frei von Gott verliehen wird, ohne jegliches Verdienst.“ Das kontemplative Gebet ist aber für den unbekannten Verfasser der „Wolke des Nicht-Wissens“ (einer meditativen Schrift aus dem Ende des 14. Jahrhunderts) nichts anderes als der „Impuls der blinden, nackten Liebe zu Gott hin“.

Liebe Gemeinde,

die Gedanken dieser Predigt wurden ausgelöst von dem einfachen Satz: „Die Liebe sei ohne Falsch. Hasst das Böse.“

Ich bin – was „falsche Liebe“ angeht – ein gebranntes Kind.

Martin Luther war das auch. Solche Kinder spüren, dass sie nicht um ihrer selbst willen geliebt werden, sondern für das, was sie den Erwachsenen „geben“. A. Miller hat diese Kinder „begabte Kinder“ genannt. Es ist gefährlich, an dieser Stelle so stecken zu bleiben, dass man sich ein Leben lang als Opfer sieht. Dies führt zu lebenslangem Hass – auf sich selbst wie auf die „Täter“. Hass aber zementiert meine Abhängigkeit.

Der einzige mir bekannte Weg, der wirklich hinaus in die Freiheit des Liebens und damit des Lebens führt, ist die Verwandlung: des Wassers in Wein, des Misstrauens in Vertrauen, des Hasses in Liebe.

Nur Liebe macht frei!

Und diese Verwandlung ist ein permanenter Prozess, den wir nicht selbst „machen“ können. Aber wir können uns ihm überlassen.

Der Katalysator, der diese Verwandlung in Gang bringt, ist die Fähigkeit loszulassen.

Sich und den Anderen sein zu lassen.

Auf Wiedergutmachung und Genugtuung zu verzichten.

Vom Anderen nichts zu erwarten. Schon gar nicht, dass er sich so verändert, wie ich es für richtig halte. Schon gar nicht mit dem Satz: „Ich will doch nur dein Bestes!“ In der Liebe höre ich auf zu wollen. Und so wächst in mir die Kraft der Nüchternheit. Des nüchternen Anerkennens:

es ist, was es ist.“

Das ist der Weg wirklicher Liebe. Gebe Gott, dass wir immer kräftiger werden dafür, diesen radikalen Weg der Liebe zu gehen, indem wir lernen, immer tiefer und bedingungsloser ja zu sagen zu dem, was gerade geschieht, AMEN.

Predigt zum 3. Advent

Gottesdienst am 3. Advent 2018 in der Apostelkirche in München-Solln

Liebe Gemeinde,

Eine Lehrerin behandelte in einer Schulstunde moderne Erfindungen.

Kann einer von Euch eine wichtige Sache nennen, die es vor 50 Jahren noch nicht gab?“ fragte sie.

Ein heller Kopf in der ersten Reihe meldete sich und sagte:

Ich!“

Stimmt – für mich selbst bin ich am Wichtigsten. Alles, was ist tue, alles was ich unterlasse – ich selbst habe die Konsequenzen zu ertragen. Inwieweit ich mich mir selbst zuwende, inwieweit ich mich von mich abwende, inwieweit ich mit mir nichts zu tun haben will, inwieweit ich mich selbst belüge – stets ist da ein „Ich“ – das so und nicht anders lebt. Vielleicht sagt dieses Ich: „Gerade so will ich leben!“ Vielleicht sagt es aber auch: „Um das, was ich will, ist es noch nie gegangen – aber was bleibt mir übrig. Ich muss halt so leben … Aber eigentlich habe ich das Gefühl, mein Leben wird gelebt.“

Unser heutiger Predigttext lässt sich so auslegen, als ginge es einmal mehr nicht um mich. „Bereitet dem HERRN einen Weg!“ heißt es da. Also wieder: tue was für jemand anderen.

Es sei denn, der HERR, Gott, hat mit mir, mit meinem ureigenen Leben zu tun.

In einer alten chassidischen Geschichte heißt es: Gott wird Rabbi Sussja nicht fragen, ob er Moses gewesen – er wird ihn fragen, ob er Sussja gewesen.

Hier geschieht ein Gott, der sich wirklich für mich interessiert.

Aktualisiert: Gott wird nicht nicht fragen, ob du gute Noten geschrieben hast, ob du gut in der Schule aufgepasst hast, ob du brav gewesen bist und im Gottesdienst nicht geschwätzt hast. Er wird dich auch nicht Fragen, wie hoch du auf deiner Karriereleiter geklettert bist, wie viel Geld du gemacht hast, wie groß dein Haus ist und ob du dir ein eigenes Boot leisten konntest. Auch will er nicht wissen, wie viel du gearbeitet hast, wie sehr du dich für andere „aufgeopfert“ hast …

Er wird dir genau eine Frage stellen: bist du dir selbst nahe gewesen – oder bist du vor dir selbst davon gelaufen? Hast du dich deinen Dunkelheiten angenähert oder hast du sie mit schlauen Worten weg-rationalisiert? Bist du dir selbst treu gewesen oder hast du dich verraten?

Hast du dir die Mühe gegeben, dich selbst kennen zu lernen, oder bist du Anderen hinterher gelaufen? Meintest, cool sein zu müssen, wenn du wie die anderen bist. Meintest toll sein zu müssen, indem du nicht wie die Anderen bist.

Die einzige Frage, die der Mensch gewordene Gott dir stellt, lautet: bist du in Verbindung mit deiner ganz eigenen Wahrheit? Oder folgst du den Stimmen, die dir einreden, wie du sein solltest? Hast du die Kraft, dich von deinen Sehnsüchten nach Harmonie zu trennen und für dich selbst einzustehen?

Sich mit diesen Fragen zu beschäftigen verbinde ich mit dem adventlichen Satz:

“Bereitet dem HERRN einen Weg!” Er steht im 40. Kapitel des Jesajabuches. Ich lese ihn in seinem Zusammenhang in der Übertragung M. Bubers vor:

Tröstet, tröstet mein Volk spricht euer Gott

redet zum Herzen Jerusalems und rufet ihr zu,

dass vollendet ist ihr Frondienst, dass abgegnadet ist ihre Schuld,

dass gedoppelt von seiner Hand sie empfängt für ihre Sündenbußen.“

Halten wir hier kurz inne: keine Strafpredigt, keine Gerichtsankündigung steht am Beginn dieser Botschaft. Sondern Trost.

Gottes Zuwendung ist eine liebevoll. Und gerade so tröstlich.

Das Wort „Trost“ gehört zu der indogermanischen Wortgruppe „treu“ und bedeutet „innere Festigkeit“, „innere Sicherheit“. Auch das Wort „trauen“ gehört hierher: jemandem „trauen“ zu können, ihn als „zuverlässig“ zu erleben ist „tröstlich“. Denken Sie auch an das englische „true: wahr, richtig, echt“. Und auch in tree, „Baum“. als Sinnbild von Festigkeit, ist der Stamm von Trost enthalten.

Ein Trost, der das ist, was sein Wortstamm verheißt, verleiht „innere Sicherheit“. Davon zu unterscheiden ist das schnelle Trostpflaster, der „billige“ „Es-wird-schon-wieder-Trost“. Gottesdienste, auch Predigten sind gefährdet für den schnellen, scheinbar tröstenden Kick … und schon am Sonntag Nachmittag ist alles wieder beim Alten. Die alten Ängste, die alten Schmerzen, die alte Enttäuschung …

Deshalb lautet die Überschrift des Trostes: „Rede zum Herzen Jerusalems:“ Erst dann kommt der Inhalt des Trostes: „Die Zeit deiner Sklaverei ist vorbei …“

Rede zum Herzen Jerusalems!“ heißt: was mich wirklich und wirksam tröstet ist etwas, das tief in mich hineinkommt, was mir zu Herzen geht. Die dem Trost entgegen kommende Bewegung ist ein sich öffnendes Herz. Ein verschlossenes Herz ist untröstlich. Und ein untröstliches Herz ist unersättlich. Nicht satt zu kriegen.

Der Trost, der „Halt und Sicherheit“ geben kann, geschieht über die Öffnung der „Zwei“ zur „Drei“ – zum Dritten. Der Tröster, so wird im Johannesevangelium der Heilige Geist genannt – ist die dritte Person Gottes, die aus der Katastrophe der Kreuzigung des Sohnes im Angesicht des ohnmächtigen Vaters herausführt – hineinführt in die Lebendigkeit des Lebens. Gesundes Leben spielt sich stets in der Mitte ab, irgendwo dazwischen: weder ohnmächtig noch allmächtig. Gesundes Leben setzt sich und die eigene Meinung nicht absolut. Und es stellt sein Licht nicht unter den Scheffel. Genauso wenig, wie es sich selbst überhöht.

Hören wir weiter auf unseren Text:

Stimme eines Rufers:

In der Wüste bahnt SEINEN Weg,

ebnet in der Steppe eine Straße für unseren Gott.

Alles Tal soll sich heben,

aller Berg und Hügel sich niedern,

das Höckrige werde zur Ebne und das Hügelige zur Senke.

Offenbaren will sich SEIN Ehrenschein, alles Fleisch vereint wird’s sehen.

Ja, geredet hats SEIN Mund.

Stimme eines Sprechers: Rufe!

Er spricht zurück: was soll ich rufen!

Alles Fleisch ist Gras, all seine Anmut der Feldblume gleich!

Verdorrt ist das Gras, verwelkt ist die Blume, da SEIN Windhauch sie angeweht hat.

-Gewiss,

Gras ist das Volk, verdorrt ist das Gras,

verwelkt ist die Blume,

aber für Weltzeit besteht die Rede unseres Gottes.“ (M. Buber)

Für die Weltzeit besteht die Rede unseres Gottes“. Die „Rede unseres Gottes“ ist das Wort, ist die Sprache. Auch die Sprache ist ein Drittes: sie dient als Medium, als Brücke zwischen mir und Ihnen, allgemeiner: zwischen dem Sprecher und der Welt da draußen. Sie vermittelt (Mitte!) gleichsam zwischen innen und außen. Sie vermittelt aber auch zwischen meinen Gefühlen und meinem Verstand, falls ich mich traue, sie dafür zu verwenden. Wenn Sie Reden von totalitären Machthabern hören, merken Sie, dass der eigene Hass sich dieser Sprache bemächtigt hat. Eine Spielart des Hasses ist Zynismus: „sich lustig machen über!“

Die Rede unseres Gottes“ ist eine Sprache des Trostes, des Verständnisses und der Güte. In dieser Haltung und nicht in einer überheblich-maßregelnden sind die 10 Gebote (hebräisch 10 Worte) gesagt. Es sind 10 Worte für gerechtes und friedvolles Zusammenleben.

Unsere Herzen zu öffnen für die liebevolle „Rede unseres Gottes“ bedeutet: die eigene Nichtigkeit anzuerkennen. „Alles Fleisch ist Gras, all seine Anmut der Feldblume gleich!“

Das Verrückte ist: der mein Herz öffnende, mein Leben verändernde Trost bedingt das Erleben meiner eigenen Vergänglichkeit. Indem ich meine Vergänglichkeit bejahe, kann ich mich und meine Meinung gar nicht mehr absolut setzen. Die “Rede unseres Gottes” ist eine Rede des Verständnisses. Aus ihm heraus geschieht Heilung: „Blinde sehen und Lahme gehen, Aussätzige werden rein …“ so heißt es in unserem Evangelium In diesem Verständnis beginne ich in meiner Seele etwas zu erkennen, wofür ich lange Zeit blind gewesen bin. Werde ich beweglich an Stellen, wo ich dachte, ich bin gelähmt. Der Ausschlag meines inneren Druckes mildert sich; für tot Gehaltenes beginnt zu leben. Es wächst in mir zwischen zwischen Up und Down, es entsteht ein Weg, auf dem sich erhobenen Hauptes laufen lässt.

Indem wir Gott den Weg bereiten – und mehr können wir nicht – entstehen Brücken in der zerklüfteten Landschaft unserer Seele. Die eisigen Gipfel meiner Empörung, meiner Überheblichkeit, meines triumphalen Wissensdünkels werden erniedrigt, die schwarzen Jammer-Täler meiner Niedergeschlagenheit werden erhöht. Und so entsteht etwas Mittleres.

Und der Tröster ist der „Mittler“ dieses „Mittleren“.

Die Mitte aber ist das, wo nichts ist. Die Ränder, Pol mit ihren Polarisierungen lassen sich viel leichter in den Griff kriegen.

Wo nichts ist, ist auch nichts zu begreifen.

Und das ist schwer auszuhalten.

Die Mystiker aller Generationen und Religionen haben dieses Nichts ins Zentrum gestellt. Nur ein leeres Gefäß kann etwas anderes aufnehmen, sagen sie.

Deshalb „sollst du schweigen!“ predigt Johannes Tauler. „In diesem mitternächtlichen Schweigen, in dem alle Dinge in tiefster Stille verharren und vollkommene Ruhe herrscht, da hört man das Wort Gottes in Wahrheit. Denn soll Gott sprechen, so musst du schweigen. Soll Gott in dich eingehen, so müssen alle Dinge ihm den Platz räumen.“

Das Fest dieses „mitternächtlichen Schweigens“ ist für mich Weihnachten.

In diesem Sinne – schweige auch ich jetzt – nachdem ich Ihnen vorher noch eine kleine Geschichte erzähle:

“Ein alter Mann konnte stundenlang still in der Kirche sitzen.

Eines Tages frage ihn ein Priester, worüber Gott mit ihm spräche.

Der Mann antwortete: Gott spricht nicht. Er hört nur zu.

Was redest du dann mit ihm? wollte der Priester wissen.

Ich spreche auch nicht, ich höre nur zu.”

AMEN.

Und die Liebe Gottes, die weiter ist als all unser menschliches Reden und Tun, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus AMEN.

Wir wollen jetzt für drei Minuten Gott schweigend zuhören!

Predigt zum 2. Advent 2018

Predigt über Jesaja 35, 1-10

Liebe Gemeinde,

ich bin nicht dazu da, meine Mitmenschen zu beleben.

Und meine Mitmenschen sind nicht dazu da, mich zu beleben.

Dies ist mein persönlicher Wochenspruch an diesem 2. Advent.

Steht auf und erhebt Eure Häupter, denn Eure Erlösung, Eure Befreiung ist nahe!“

An diesem, dem offiziellen Wochenspruch schließt sich der Predigttext nahtlos an. Um aufzustehen und erhobenen Hauptes in der Welt zu stehen, bedarf es einer inneren Sicherheit, einer inneren Festigkeit, die daraus entspringt, sich dem Fluss des eigenen Lebens überlassen zu können. Der Prophet Jesaja beschreibt diese erlösende Freiheit so:

Stärkt die schlaffen Hände und festigt die wankenden Knie!

Sagt zu denen, die ein ängstliches Herz haben: »Seid stark, fürchtet euch nicht! Seht, da ist euer Gott! Rache kommt, die Vergeltung Gottes. Er selbst kommt und wird euch retten.«

Dann werden die Augen der Blinden aufgetan und die Ohren der Tauben geöffnet werden. Dann werden die Lahmen springen wie ein Hirsch, und die Zunge der Stummen wird frohlocken. Denn es werden Wasser in der Wüste hervorbrechen und

Ströme im dürren Lande. Und wo es zuvor trocken gewesen ist, sollen Teiche stehen, und wo es dürre gewesen ist, sollen Brunnquellen sein. Wo zuvor die Schakale

gelegen haben, soll Gras und Rohr und Schilf stehen.

Und es wird dort eine Straße sein und ein Weg, und er wird der heilige Weg heißen. Kein Unreiner wird darüber hinziehen, sondern er wird für sie sein. ER selbst geht den Weg voran, dass auch Einfältige nicht irre gehen. Es wird da kein Löwe sein und kein reißendes Tier darauf gehen; sie sind dort nicht zu finden, sondern die Erlösten werden dort gehen.

Die Befreiten des HERRN werden wiederkommen und nach Zion kommen mit Jauchzen; ewige Freude wird über ihrem Haupt sein; Freude und Wonne werden

sie ergreifen, und Schmerz und Seufzen wird entfliehen.“

Es geht um Rückkehr. Die Israeliten kehren aus der Fremde, in der sie sich als Gefangene erlebten, zurück in ihr Land, in ihre Stadt, in ihre Freiheit.

Es ist die befreiende Rück-Kehr im Sinne des „Zu-sich-selber-Kommens“. In diesem Geschehen werden die in Fremd-Bestimmung erschlafften Hände wieder fähig zum Handeln. Werden die in stolzer Abweisung versteiften Knie, wieder geschmeidig. Empfangen die in ihrer Einsamkeit ängstlich gewordenen Herzen stärkenden Trost: „Du bist gar nicht allein. Dein Gott ist da!“ Er führt diejenigen nach Hause, die nicht aufgehört haben, auf ihn zu hoffen.

Die sich aber von Gott nichts versprechen, die mit ihm nichts anfangen können – die kann er auch nicht nach Hause bringen. Das ist seine Art der „Rache“. Es ist eine „Rache“ in Trauer – ohne Schadenfreude. Gott wirbt bis zuletzt, den Weg zurück zu gehen. Zu sich selbst. Zu sich selbst nach Hause. Aber er zwingt nicht. Der Weg nach Hause geschieht in radikaler Freiheit. In unserem Text sind die, die nach Hause kommen, die Erlösten, die Befreiten. Sie sind frei dafür, zu sich selbst zu kommen.

Dies ist das einzige Ziel von Therapie und Seelsorge: Menschen zu helfen, sich zu befreien für ihren Weg zu sich selbst. Das hat nichts mit der grandios-egoistischen Freiheit im Sinne von ich kann jederzeit machen, was ich will, zu tun.

Gott ist ein Gott der Freiheit. Der Freiheit für IHN, für die eigene Bestimmung. So steht er immer auf der Seite unser Lebendigkeit, unseres Lebens.

Gott ist allerdings für den gefährlich, der sich selber etwas vormacht.

Der in einer Selbst-Täuschung verharrt. Er wird Gott hassen und diejenigen, die auf ihn vertrauen verspotten. Zynismus ist eine starke Waffe des Unglaubens. „Glücklich der Mensch, der nicht … im Kreis der Spötter sitzt!“ (Psalm 1,1) Bei Martin Buber sind die Spötter die „Dreisten“ – die sich erdreisten, über ihre Mitmenschen ein Urteil zu fällen, indem sie sich über deren Haltung lustig machen … Es ist halt viel leichter und macht natürlich auch Spaß, sich über Andere lustig zu machen, anstatt den Anderen kennen und vielleicht sogar verstehen zu lernen … Ganz zu schweigen von der Möglichkeit, sich selber in die Augen zu schauen und sich selbst kennen zu lernen..

In einer alten chassidischen Geschichte heißt es: Gott wird Rabbi Sussja nicht fragen, ob er Moses gewesen – er wird ihn fragen, ob er Sussja gewesen.

Aktualisiert: Gott wird nicht nicht fragen, ob du gute Noten geschrieben hast, ob du gut in der Schule aufgepasst hast, ob du brav gewesen bist und im Gottesdienst nicht geschwätzt hast. Er wird dich auch nicht Fragen, wie hoch du auf deiner Karriereleiter geklettert bist, wie viel Geld du gemacht hast, wie groß dein Haus ist und ob du dir ein eigenes Boot leisten konntest. Auch will er nicht wissen, wie viel du gearbeitet hast, wie sehr du dich für andere „geopfert“ hast …

Er wird dir genau eine Frage stellen: bist du dir selbst nahe gewesen – oder bist du vor dir selbst davon gelaufen? Hast du dich deinen Dunkelheiten angenähert oder hast du sie mit schlauen Worten weg-rationalisiert? Bist du dir selbst treu gewesen oder hast du dich verraten?

Hast du dir die Mühe gemacht, dich selbst kennen zu lernen, oder bist du Anderen hinterher gelaufen? Meintest, cool sein zu müssen, wenn du wie die anderen bist. Meintest toll sein zu müssen, indem du nicht wie die Anderen bist.

Die einzige Frage ist: bist du in Verbindung mit deiner ganz eigenen Wahrheit? Oder folgst du den Stimmen, die dir einreden, wie du sein sollst? Hast du die Kraft, dich von deinen Sehnsüchten nach Harmonie zu trennen und für dich selbst einzustehen?

Und indem du dich auf diese Frage wirklich einlässt, wirst du dort laufen lernen, wo du dachtest, gelähmt zu sein. Und wirst dort lernen etwas zu sehen, wo du dachtest, du bist blind, Finsternis umgibt dich. Und wirst lernen dort etwas zu hören, wo du meintest, es gibt nichts zu hören.

Rück-Kehr.

Es ist die Bewegung zu sich selbst zurück. Wozu verwende ich eigentlich meine Intelligenz? Um besser da zu stehen als Andere? Um mich schlauer fühlen zu können? Und wenn dem so sein sollte: wieso ist mir das so wichtig?

Wozu verwende ich mein Predigen? Um andere zu überzeugen, dass meine Gedanken die richtigen sind? Um Anerkennung zu bekommen? Um gesehen zu werden? Um meinen Hass unterzubringen – indem ich werte und beurteile und verurteile?

Wozu verwende ich mein Leben? Um mich abzulenken, häufe ich einen Termin an den anderen; hetze stöhnend durch meinen Alltag – und spüre: nur nicht stehen bleiben, nur nicht zur Ruhe kommen. Dann wird es erst richtig gefährlich. Am Ende spüre ich noch etwas von mir selbst.

Sich selbst nahe kommen, Gott nahe kommen, bedeutet, freiwillig in das Fegefeuer der eigenen Schattenseiten hineinzugehen. Das ist ein sehr schmerzhafter Weg. Und ein tränenreicher Weg. Es sind meine Tränen, die das dürre Land, meine innere Wüste bewässern und fruchtbar machen. Die Tränen quellen aus dem Eingeständnis, dass ich in der Tiefe gegen mich selbst und gerade so gegen Gott gelebt habe. Dass ich im Anderen und in meiner Empörung über den/die Andere(n) meine eigenen Schattenseiten so bekämpft habe, dass ich meinen Schatten auf die Anderen geworfen habe.

Noch einmal: Rück-Kehr.

Es gibt einen Weg, zu sich selbst und zu Gott zurück. Diesen Weg kann jeder gehen – auch der Einfältigste. Gott selbst geht ihn voran.

Und wo ist dieser Weg? Wie kann ich ihn finden?

Er wird der heilige Weg genannt werden.“

Heilig bedeutet: ganz(heitlich), ganz, unversehrt.

Bedeutet: mit allem, was mich ausmacht, in gutem Kontakt zu sein. Mit allem: gerade auch mit meinen Schwächen, mit meinem Zorn, mit meinen Ängsten, mit meiner Ungeduld. Bedeutet: mich dafür nicht zu verurteilen.

Keine Löwen und andere wilde Tiere werden auf diesem Weg sein, sagt Jesaja. Das heißt, meine ungehaltene „wilde“ Aggression überfällt mich nicht mehr. Sie ist gezähmt. Und indem sie gezähmt ist, ist sie verwandelt. Aus meiner „gesunden“ Aggression heraus stehe ich im Leben. Bin ich geschützt vor Missbrauch und Ausbeutung. Muss ich nicht mehr alles bieten, muss nicht mehr vor dem kleinsten Konflikt fliehen. Halte ich aus, andere zu enttäuschen – halte ich aus, von anderen enttäuscht zu sein. Enttäuschung bedeutet ja nichts anderes, als den Zustand der Täuschung zu verlassen.

Für die Unreinen ist dieser Weg nicht gangbar; nicht weil sie unerwünscht wären oder weil sie bestraft werden sollen. Ganz und gar nicht. Der Weg lädt jeden ein, ihn zu gehen. Die „Unreinen“ sind „Gefangene der Matrix.“ (im Sinne des grandiosen Filmes „Matrix“) Sie leben in ihrer Schein-Welt, die sie für die wirkliche halten. Hinweise darauf, dass dem so ist, sind unerwünscht. Diejenigen, die die Lüge und den Betrug der Schein-Welt erkennen und aufdecken, sind zu liquidieren. Das war damals so – das ist heute so. (Wobei eine wirkungsvolle Art des Tötens das Exkommunizieren, das Aus-der-Gemeinschaft-Ausschließen ist.)

Der Mehrheit von uns Menschen ist nicht wahrheitsfähig. Die Konsequenzen dessen müssen wir alle ertragen – siehe z.B. Klimawandel, siehe das Erstarken von Fundamentalismus.

Liebe Konfirmanden, liebe Gemeinde,

es ist auch eine Falle, sich in diesen düsteren Gedanken aufzuhalten. Viel besser ist es, den „Heiligen Weg“ einfach zu gehen. Und zwar Schritt für Schritt. Ein Weg ist dazu da, gegangen zu werden; mein Leben ist dazu da, gelebt zu werden. Der Heilige Weg ist kein Besitz. Draußen lauert die Welt auf uns, mit ihren Forderungen und Erwartungen. Wahrscheinlich erwarten Euch noch Schulaufgaben in dieser Woche, die Weihnachtsgeschenke müssen noch vervollständigt werden, ein Christbaum wäre auch schön, und wenn werde ich an Weihnachten treffen und wen nicht, und will ich den und den überhaupt sehen. Und was gibt es zu essen? Und wir mir die Weihnachtsgans auch gelingen? Und so weiter und so fort. Und mit meiner Ungeduld und Unsicherheit verschwindet der Heilige Weg.

Weg ist weg – an seiner Stelle sind die vertrauten Schnellstraßen der Hektik, das bekannte Gereiztsein, die gefühlten Überforderungen getreten. Und der Löwe meines Ärgers und meines Zorns geht wieder auf die Jagd und sucht sich Opfer.

Dagegen bin ich machtlos. Alles, was ich machen kann, ist, mich auch diesen Augenblicken ganz hinzugeben. Sie zu erleben.

In demselben Moment, wo ich mich wieder in Verbindung mit Gott spüre, bin ich schon wieder auf dem Heiligen Weg. Als hätte er auf mich gewartet. So gesehen kann ich jederzeit zu mir – zum Weg zurück-kehren. Wenn das keine gute Nachricht, kein Evangelium ist?! AMEN.

Weihnachtspredigt 2018

Predigt über Johannes 3, 31- 36 für den 1. Weihnachtstag 2018

Liebe Gemeinde,

am Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott und Gott war das Wort.“

Damit begann unser heutiger Gottesdienst.

Damit beginnt das Evangelium nach Johannes.

Keine Krippe, keine Engel, keine Hirten.

Der von oben her kommt, ist über allen.“

Damit beginnt unser heutiger weihnachtlicher Predigttext, ebenfalls aus dem Johannesevangelium.

Das klingt „hochnäsig“!

Da steht jemand „über den Dingen!“

Das lasse ich doch gar nicht an mich ran kommen!“

Auf solche Niederungen, wie Gefühle, lasse ich mich doch gar nicht ein!“

Diese Haltung beschreibt nicht das im Johannesevangelium gemeinte „Wort“. Es beschreibt eine unter uns Menschen verbreitete Haltung, der man das Adjektiv „arrogant“ geben könnte. Sie ist verbreitet bei Menschen, die in der Tiefe ihrer Seele schwer verletzt worden sind. Die Miteinander-in-Beziehung-Sein, gar vom Anderen etwas zu brauchen, als demütigend erleben. „Arroganz“ kommt aus dem Lateinischen: „ad-rogare“ – „etwas Fremdes für sich beanspruchen.“ In der Arroganz wird alles als Eigenes ausgegeben und so das Fremde (der Andere) vernichtet.

Es gibt keine Möglichkeit, den Anderen gerade in seinem Anders-Sein anzuerkennen.

Lehre mich, an anderen Menschen unerwartete Talente zu entdecken, und verleihe mir, o Herr, die schöne Gabe, sie auch zu erwähnen“ betet Theresa von Avila.

Dem „von oben herab“ lebenden Menschen ist dies unmöglich. Er kann sich und dem Anderen auch nicht eingestehen, was er alles anderen Menschen verdankt. Es gibt auch keine Möglichkeit zu sagen: „Das weiß ich nicht.“ Oder gar: „Da habe ich mich getäuscht.“

Lehre mich die wunderbare Weisheit, dass ich mich irren kann.“ Auch eine Fürbitte der Heiligen Theresa.

Der Arrogante weiß immer schon alles und ist unfehlbar. Es gibt Patienten, wenn ich ihnen etwas sage, was ich für wesentlich halte, schweigen sie, so dass unklar bleibt, ob sie etwas damit anfangen können. Etwas später und an anderer Stelle sagen sie dasselbe, nur jetzt so, dass es so klingt, als wäre es ihre eigene Erkenntnis.

Das ursprünglich Fremde wird so als ihr eigenes ausgegeben.

(So sind auch Plagiate Ausdruck von Arroganz.)

Arrogantes Denken ist ein Denken in extremen Bewertungen und Beurteilungen: die Welt zerfällt in „zu bewundern“ und „abzulehnen“, stärker noch: „auszuscheiden“. Lateinisch: zu „exkommunizieren“. Oder gar auch: zu „liquidieren“.

Wer von der Erde ist, der ist von der Erde und redet von der Erde. Der vom Himmel kommt, ist über allen.“

Da stehe ich drüber“, sagt der Überhebliche. Oder: „So was kratzt mich doch nicht.“

Als Adams Kinder aber sind wir Menschen von der Erde. Geschaffen aus Ton.

Ich bin tausend Stufen hinabgestiegen, bis ich an den Punkt kam, an dem ich den Erdenkloß, der ich bin, sehen und berühren konnte,“ sagt der Psychoanalytiker C.G. Jung.

In diese Paradoxie hinein sind wir aufgespannt. Unser Leben findet „dazwischen“ statt: „zwischen Himmel und Erde.“ Wer die „Bodenhaftung“ verliert, droht im Weltall verloren zu gehen. Verschollen in den unendlichen Weiten des Weltalls.

Wer in sich selbst gekrümmt in seinem Schlammloch sitzt, droht in seinem eigenen Sumpf zu versinken, darin zu ersticken.

Es geht um die Energie, die von dem Wort, das da Fleisch wurde und alltäglich Fleisch wird, ausgeht. Verwende ich es für meine eigene Arroganz? Oder verwende ich es als Hilfe dafür, in der Spannung des „Dazwischen“, in der mein Leben aufgespannt ist, zu leben. Kippe ich zwischen den beiden Polen hin und her – oder verwende ich es als Kraft, die Widersprüche meines Lebens zu ertragen.

Weder arrogant abzuheben noch depressiv zu versinken.

Was er gesehen und gehört hat, das bezeugt er; und sein Zeugnis nimmt niemand an.“

Der Eine, der „Hochnäsige“, fühlt sich viel zu überlegen, um irgend etwas anzunehmen. Annehmen im Sinne von: an mich heran lassen. Alles, was er an sich heran lässt, wird sofort zu seinem Eigenen. Alles wird bemächtigt.

Und wenn er mit etwas gescheitert ist, dann sagt er: „Ich muss mich neu erfinden.“

Der Andere, der „In sich selbst Gekrümmte“ fühlt sich viel zu „klein und schwach“, um irgend etwas an sich heran zu lassen. Dessen bin ich nicht wert, sagt er.

Die beiden sind Brüder. Sie sind nur verschiedene Seiten derselben Medaille. Sie können nichts annehmen, nichts in sich hinein lassen. Wer aber nichts nehmen kann, der kann auch nichts geben. Sie sind „erstarrt“. Unersättlich auf der Suche nach „mehr“.

Nicht Viel-Wissen sättigt die Seele und gewährt ihr Frieden (wörtlich: Befriedigung), sondern das das Verkosten der Dinge von innen her“, sagt Ignatius von Loyola.

Wer aber sein Zeugnis annimmt, der besiegelt, dass Gott wahrhaftig ist.“

Besiegeln“ ist ein altes Wort: es bedeutet, als jemandes Eigentum zu markieren. Man sagt noch: darauf gebe ich dir „Brief und Siegel“: der „Siegel“ – ein Abdruck aus Wachs – bestätigt, dass der Brief echt ist. Es ist eine Art definitive „Beglaubigung“.

Der Satz heißt also: wer das Zeugnis des Wortes von innen her verkostet, der gibt Brief und Siegel darauf, dass Gott wahrhaftig ist. „Von innen her verkosten“ heißt: nicht nur an sich ran lassen, sondern in sich hinein lassen.

Der Arrogante ist ein emotionaler Anorektiker.

Er verwendet Nahrung nicht für Wachstum sondern dafür, sich und der Welt zu beweisen, dass er „darüber steht“ – dass er keine Nahrung braucht.

Von innen her verkosten“ geschieht mit einem sich öffnenden Magen. Sich öffnen heißt, die Kontrolle darüber, was in mich hinein kommt, aufzugeben. Nur: was einmal in mir „drinnen“ ist, das führt ein Eigenleben. Das kann ich nicht mehr kontrollieren. Im schlimmsten Fall zerstört es mich, wenn es Gift ist.

Es ist mein Schutz, den ich mir über Jahrzehnte zugelegt habe, der mich davon abhält, den Anderen, das Fremde, Gott in mich hinein zu lassen.

Denn der, den Gott gesandt hat, redet Gottes Worte; denn Gott gibt den Geist ohne Maß.“

Wer von Gott selbst ausgesandt ist, der kann nicht anders als Gottes Worte reden. In ihm und über ihn und mit ihm ist Gottes Heiliger Geist.

Der Vater hat den Sohn lieb und hat ihm alles in seine Hand gegeben.“

Es ist der Sohn, von dem hier die Rede ist. Er kommt von oben her, er ist über allen, er bezeugt, was er alles gesehen hat, er hat den Geist ohne Maß.

Und er ist es, den der Vater lieb hat.

Und er ist es, der den Vater lieb hat.

Der Sohn ist nichts weiter als die Hingabe an die Wirklichkeit.

Es ist, was es ist“, sagt die Liebe.

Der Weg des Sich-Öffnens geschieht ausschließlich über Liebe.

In der Liebe ist die Arroganz vernichtet.

Wer an den Sohn glaubt, der hat das ewige Leben.“

Im Glauben, im Vertrauen auf den Sohn des Vaters erlange ich Anteil am Geist des Sohnes und so Anteil an der Liebe des Vaters. Nur über das Vertrauen, dass die Nahrung, die ich bekomme, mich nährt und mich nicht zerstört, kann ich sie in mich aufnehmen. Sie schenkt mir ein Leben, das Bestand hat. Meine geistliche Nahrung ist die liebevolle Beziehung zwischen Vater und Sohn.

Sie geistlich in dem Sinne, in dem der Heilige Geist das Band der Liebe zwischen Vater und Sohn ist.

So gesehen geht die Liebe wirklich durch den Magen.

Liebevolles Vertrauen ist nicht zerstörbar. Und: es ist kein Besitz. Genauso wenig wie Nahrung ein Besitz ist. Es gibt kein „Für-immer-gesättig-Sein“.

Wer aber dem Sohn nicht gehorsam ist, der wird das Leben nicht sehen, sondern der Zorn Gottes bleibt über ihm!“

Das Griechische Wort für „nicht gehorsam sein“ heißt wörtlich: „nicht überzeugt sein.“ Es ist der Wankelmütige, der im zweiten Satz den ersten aufhebt, der verstrickt ist in seine inneren Ambivalenzen, in sein inneres „Hin-und-her-gerissen-Sein“. Er täuscht Sich-einlassen vor. In Diskussionen sagt er: „Ja, aber …“

Er hat es schwer, da nichts Bestand hat. Es täte ihm gut, an seinem Zweifel zu zweifeln. Aber, da er ins Zweifeln verliebt ist, müsste er sich von dieser Art Liebe trennen.

Er steht „im Zorn Gottes“ – das klingt dramatischer als es ist. Es ist nicht so, dass ein beleidigter Gott ihm zürnt. Es ist vielmehr so, dass er selber sich von Gott abgewendet hat. Der Zorn Gottes ist „bloß“ seine Abwesenheit. Da wir Menschen in Beziehung leben und denken müssen, bedeutet die Abwesenheit einer liebevollen Beziehung die Anwesenheit einer zornigen Beziehung.

Wenn ich mit Wut im Bauch esse, ist die Gefahr groß, Magengeschwüre oder Schlimmeres zu bekommen. Daran der Nahrung die schuld zu geben ist ebenso kindlich wie falsch.

Es gibt eine Geschichte, die sehr unaufdringlich zeigt, wie wirksam die Anwesenheit einer liebevollen Beziehung sein kann. Und wie Liebe und Vertrauen Geschwister sind:

Es war einmal ein alter Mann, der zur Zeit Lao Tses in einem kleinen chinesischen Dorf lebte. Der Mann lebte zusammen mit seinem einzigen Sohn in einer kleinen Hütte am Rande des Dorfes. Ihr einziger Besitz war ein wunderschöner Hengst, um den sie von allen im Dorf beneidet wurden. Es gab schon unzählige Kaufangebote, diese wurden jedoch immer strickt abgelehnt. Das Pferd wurde bei der Erntearbeit gebraucht und es gehörte zur Familie, fast wie ein Freund.

Eines Tages war der Hengst verschwunden. Nachbarn kamen und sagten: “Du Dummkopf, warum hast du das Pferd nicht verkauft? Nun ist es weg, die Ernte ist einzubringen und du hast gar nichts mehr, weder Pferd noch Geld für einen Helfer. Was für ein Unglück!” Der alte Mann schaute sie an und sagte nur: “Unglück – Mal sehen, denn wer weiß? Das Leben geht seinen eigenen Weg, man soll nicht urteilen und kann nur vertrauen.”

Das Leben musste jetzt ohne Pferd weitergehen und da gerade Erntezeit war, bedeutete das unheimliche Anstrengungen für Vater und Sohn. Es war fraglich ob sie es schaffen würden, die ganze Ernte einzubringen.

Ein paar Tage später, war der Hengst wieder da und mit ihm war ein Wildpferd gekommen, das sich dem Hengst angeschlossen hatte. Jetzt waren die Leute im Dorf begeistert. “Du hast Recht gehabt”, sagten sie zu dem alten Mann. Das Unglück war in Wirklichkeit ein Glück. Dieses herrliche Wildpferd als Geschenk des Himmels, nun bist du ein reicher Mann…” Der Alte sagte nur: “Glück – Mal sehen, denn wer weiß? Das Leben geht seinen eigenen Weg, man soll nicht urteilen und kann nur vertrauen.”

Die Dorfbewohner schüttelten den Kopf über den wunderlichen Alten. Warum konnte er nicht sehen, was für ein unglaubliches Glück ihm widerfahren war? Am nächsten Tag begann der Sohn des alten Mannes, das neue Wildpferd zu zähmen und zuzureiten. Beim ersten Ausritt warf ihn dieses so heftig ab, dass er sich beide Beine brach. Die Nachbarn im Dorf versammelten sich und sagten zu dem alten Mann: “Du hast Recht gehabt. Das Glück hat sich als Unglück erwiesen, dein einziger Sohn ist jetzt ein Krüppel. Und wer soll nun auf deine alten Tage für dich sorgen?’ Aber der Alte blieb gelassen und sagte zu den Leuten im Dorf: “Unglück – Mal sehen, denn wer weiß? Das Leben geht seinen eigenen Weg, man soll nicht urteilen und kann nur vertrauen.”

Es war jetzt alleine am alten Mann die restliche Ernte einzubringen. Zumindest war das neue Pferd soweit gezähmt, dass er es als zweites Zugtier für den Pflug nutzen konnte. Mit viel Schweiß und Arbeit bis in die Dunkelheit sicherte er das Auskommen für sich und seinen Sohn. Ein paar Wochen später begann ein Krieg. Der König brauchte Soldaten, und alle wehrpflichtigen jungen Männer im Dorf wurden in die Armee gezwungen. Nur den Sohn des alten Mannes holten sie nicht ab, denn den konnten sie an seinen Krücken nicht gebrauchen. “Ach, was hast du wieder für ein Glück gehabt!”‘ riefen die Leute im Dorf. Der Alte sagte: ” Mal sehen, denn wer weiß? Aber ich vertraue darauf, dass das Glück am Ende bei dem ist, der vertrauen kann.” AMEN.

Verteidigung der Böcke – oder: vom gespaltenen Denken

Predigt über Offenbarung 2, 8-11 am vorletzten Sonntag im Kirchenjahr 2018

Liebe Gemeinde,

wir müssen alle offenbar werden vor dem Richterstuhl Christi.“

Mit dieser nicht sehr einladenden Sentenz begann unser heutiger Gottesdienst.

Das passt zu einer bestimmten religiösen Erziehung, die manche von uns kennen werden: „Der liebe Gott sieht alles!“ Oder: „Warte nur, wenn der Nikolaus kommt, der weiß alles, was du gemacht hast.“

Es soll Angst machen. Und die Angst soll dazu führen, sich „richtig“ zu benehmen. „Richtig“ heißt dann: so wie man das macht. Und vor allem: wie ich das von dir erwarte. Wie ich das für richtig halte.

Die alte indogermanische Wurzel von „richtig“ lehrt uns, dass dies ursprünglich gar damit nicht gemeint ist. *Reg-: „aufrichten, lenken, recken, gerade richten“. Dann auch: „richten, führen, herrschen“ Lateinisch: „rectus“ gerade, geradlinig, richtig, recht, sittlich gut. Dazu gehört dann auch „rex“ – der König; „regula“ – die Regel usw.

Wenn wir diese Wurzel von ihrem moralischen Beigeschmack befreien, dann bedeutet sie: es gibt eine Instanz, eine Regel, der gegenüber sind wir „offenbar“.

Wir sind „bekannt“.

Anders ausgedrückt: ich kann mir selber lebenslang etwas vormachen, ich kann mich belügen, „in die eigene Tasche lügen“ – das ändert nichts daran, dass es eine Wahrheit gibt, die steht einfach da. Ich glaube, jeder von uns, jeder Mensch hat in der Tiefe eine Ahnung über sich, wer er wirklich ist, was ihn wirklich bewegt und antreibt. Je „peinlicher“ er diese Ahnung empfindet – desto mehr wird er sein Leben danach ausrichten, diese Wahrheit vor sich selbst und natürlich vor anderen zu verstecken.

Dieses Verstecken kostet viel Energie und führt zu Erschöpfung, Müdigkeit bis hin zu psychosomatischen Beschwerden.

Der Gegenspieler ist meine innere „Regel“ oder Einteilung des Lebens in richtig und falsch, gut und böse. Je verständnisloser meine „innere Instanz“ gegenüber meiner Lebendigkeit ist, je grausamer sie mich bestraft für all das, was mir Freude und Spaß macht, desto „verklemmter“ werde ich leben müssen. Desto mehr wandert meine Lust dann in den „Untergrund“. Das ist der Stoff für die Skandale, wenn etwas „auffliegt“: die Pornoseiten, die ein Politiker besuchte, der sexuelle Missbrauch von Abhängigen usw.

Das ist auch der Stoff, aus der die Überheblichkeit der Moralischen, der „Gut-Menschen“ gewoben ist. Indem ich mich mit meinem vermeintlichen Besser-Sein über die Anderen erhebe, habe ich die Verbindung zu Gott, der die Liebe ist, zerstört.

Eine lieblose Moral führt vor allen Dingen zu einem: zu Hass.

Das vorhin gehörte Evangelium (Matthäus 25,31-46), das ich in seiner Spaltung nicht als „Wort Gottes“, jedenfalls nicht als Wort eines barmherzigen, heilsamen, liebevollen Gottes (an)erkennen kann, ist Ausdruck einer Moral, die nicht auf Liebe sondern auf Hass gründet. Dazu gehört die Schuldzuweisung und die grausame Bestrafung derer, die nicht „recht“ sind – das sind die „Linken“ und die „Böcke“. (Nebenbei: Ich bin noch so erzogen worden, dass es hieß: „Gib die schöne Hand!“ Das war natürlich die Rechte. Ironischerweise war meine Mutter, die mir das beibrachte, selbst Linkshänderin.) Und die „Böcke“ – das sind einfach nur die männlichen Tiere – sie kommen zur Linken und werden grausam bestraft. (Heutzutage werden die männlichen Tiere auf Hühnerfarmen nicht bestraft sondern geschreddert. Sie sind nutzlos. Aber es gibt seit einiger Zeit auch die Möglichkeit Eier zu kaufen, die die männlichen Tiere aufziehen, um sie dann als „Landgockel“ zu schlachten. Dies ist ein ungleich wertschätzender Umgang mit Lebewesen. Und es ist ein Ausdruck moralischer Überheblichkeit, sich besser zu finden und zu fühlen, wenn man Eier aus derartigen Betrieben kauft. Aber es ist ein Ausdruck von Liebe für das Leben, für die Lebewesen, wenn man solche Eier kauft.)

In der grausamen Bestrafung bringt der, der im vermeintlichen „Dienste“ der Moral handelt, seinen eigenen Hass und seine eigene Lust an der Gewalt unter. Wunderschön wird dieser Missbrauch von christlicher Moral in dem Film „Das weiße Band“ dargestellt.

Eine andere Veranschaulichung dieser Moral, deren Quelle Hass ist, sind die Sätze von Herrn Trump: stets gibt es die „Böcke“, das sind die die schuld sind – bei den Waldbränden in Kalifornien sind es die Menschen, die in der Forstverwaltung arbeiten – und stets ist einer völlig unschuldig und macht den besten Job. Und natürlich haben die Waldbrände nichts mit Klimawandel zu tun. …

Nun ist diesem zweifelhaften Evangelium ein Predigttext zugeordnet, der ebenfalls in höchstem Grade missbrauchbar ist. Hören Sie selbst:

Und dem Engel der Gemeinde in Smyrna schreibe: Das sagt der Erste und der Letzte, der tot war und ist lebendig geworden: Ich kenne deine Bedrängnis und deine Armut – du aber bist reich – und die Lästerung von denen, die sagen, sie seien Juden, und sind’s nicht, sondern sind die Versammlung des Satans.

Fürchte dich nicht vor dem, was du leiden wirst! Siehe, der Teufel wird einige von Euch ins Gefängnis werfen, damit ihr versucht werdet, und ihr werdet in Bedrängnis sein zehn Tage.

Sei getreu bis an den Tod, so will ich dir die Krone des Lebens geben.“ (Off. 2, 8-11)

Um gleich mit dem schlimmsten zu beginnen: natürlich ist dieser Text dafür missbraucht worden, den jüdischen Gottesdienst in der Synagoge als „Versammlung des Satans“ zu bezeichnen. Das geht freilich nur, wenn man sich nicht die Mühe macht, den Text genau zu lesen. Nur – wem es darum geht, Hass zu schüren, Propaganda zu machen und zu hetzen – der schaut nicht genau hin. Das erleben wir derzeit von den modernen Propaganda-Machern Tag für Tag. Genau hingeschaut steht da: „die sagen, sie seien Juden, und sind’s nicht, sondern sind die Versammlung des Satans.“ Mit anderen Worten: es sind eben nicht Juden – sondern es sind welche, die sich als Juden ausgeben, das Vorurteil gegenüber den Juden benützen und verwenden für ihre eigenen Hasstiraden. Das ist auch ein verbreitetes Geschehen: um die eigenen Vorurteile zu bestätigen, wird einem Unschuldigen (z.B. Asylbewerber, oder einem Arbeitslosen etc.) die Schuld in die Schuhe geschoben.

Ein aktuelles Beispiel in Pullach: männliche Jugendliche unter 25 Jahren werden derzeit gehäuft aufgehalten und einem Drogentest unterzogen. Mit dem Argument: dass es immer wieder zu Unfällen unter Drogeneinfluss komme. Wenn ich jedoch aufmerksam den Polizeibericht im Isar-Anzeiger lese, bin ich immer wieder überrascht, wie viele alte Menschen schuldhaft in Unfälle verwickelt sind.

Dass deren Fahrtüchtigkeit regelmäßig überprüft wird, ist mir allerdings nicht bekannt.

Aber geht das: ein Denken und Fühlen, bei dem keine „Böcke zur Linken“ entstehen?

Ein Denken und Fühlen ohne Sünden-Böcke?

Lassen Sie es uns anhand einiger Gedanken aus unsrem Predigttext versuchen.

Ich kenne deine Bedrängnis und deine Armut …“

Heißt: vor mir musst du dich nicht verstecken in deiner Bedürftigkeit, in deinem Arm-Sein, in all dem, was du nicht kannst. Ich kenne dich – ich sehe dich, ich nehme dich wahr.

Es gibt eine dazu ein wunderschönes Gedicht von Carl Johann Philipp Spitta:

Herzenskündiger, du mein Gott und Herr!

Ach du weißt es, wie ich’s meine,

was ich bin und was ich scheine,

meines Herzens Grund ist dir klar und kund.

Und weiter:

Vor dir hingestellt,

jede Hülle fällt.

Ach vor deinem Angesichte

steh ich erst im rechten Lichte,

was ich bin vor dir,

das bin ich in mir.

Dies ist nur denk- und dichtbar in einer liebvoll-zugewandten Haltung.

Und so heißt die letzte Strophe:

Gib den Kindesgeist,

der dich Vater heißt!

Dass mit kindlichem Vertrauen

ich dir in die Augen schauen

ja, mich freuen kann,

siehest du mich an.

Dieses Vertrauen ist es, das Veränderung ermöglicht. Denn vor aller Veränderung kommt die Wahrnehmung seiner selbst, die Selbsterkenntnis. Genauer: das Erleben seiner selbst. Und dazu bedarf es eines vorauseilenden Vertrauens, dass diese Bewegung hin zu mir gut geht.

Das soll ich sein?“

Alleine sich dieser Frage zu stellen erfordert Kraft und Mut.

Meinem ungeschminkten „nackten Ich“ in’s Auge zu schauen – wenn „jede Hülle“ fällt. Wenn ich aufhöre, mir selbst etwas vor zu machen. Wenn ich aufhöre, in mein Scheinen zu investieren – und anfange, mich auf mein Sein zu besinnen.

Nur im Sein wendet sich Gott mir, wende ich mich Gott zu. Nur im Sein verbinde und verbünde ich mich mit dem Gott, der sich in Jesus Christus einen Namen gemacht hat: als Gott der armen Leute, als Gott der Leidenden und Bedrängten, als Gott derer, die ohne Macht sind.

Und als Gott der „schwarzen Schafe“ und „Sündenböcke“.

Hier gehört übrigens der Satz hin: „Eher geht ein Kamel durch das Nadelöhr als ein Reicher ins Himmelreich!“ Und zu dem reichen Jüngling: „Verkaufe alles, was du hast, und folge mir nach!“ Damit ist nicht das Verkaufen „im außen“ gemeint. Das ist nicht so schwer. Schwer ist das Verkaufen im Inneren. Die Aufgabe eines Denkens, das ich so sehr gewohnt bin. Eines Denkens, das davon lebt, dass es die „schwarzen Schafe“ oder die „Böcke“ von den „Guten“ trennt.

Wisse, dass das äußere Auge der Schatten des inneren Auges ist: Was das innere Auge sieht, dem wendet sich das äußere Auge zu.“ (Rumi)

Wenn mein inneres Auge mich als Versager, als Nichtsnutz als „nutzlosen Bock“ sieht, werde ich alles darauf setzen, mir und der Welt zu beweisen, keiner zu sein. Dann muss ich z.B. Karriere machen, erfolgreich sein usw. Und dann brauche ich andere Menschen, bei denen ich meine eigenen “Bock-Seiten” unterbringe: das sind dann die Sozial-Schmarotzer, die Asylbewerber, oder auch die SUV-Fahrer, Reichen, “die da oben”. Entscheidend ist – dass ich all das, was ich bei mir nicht anschauen will, bei den Anderen unterbringe.

Wenn mein inneres Auge die Barmherzigkeit Gottes sieht und ausstrahlt, dann wird diese wie von selbst auf mich und meine Mitgeschöpfe zurück und hinaus strahlen.

Dies alles aber geschieht nur in dem unerschütterlichen Vertrauen darein, dass alles, was mir widerfährt „in Ordnung“ ist. „Richtig“ ist.

Dass ich richtig bin.

Ich weiß aus meinem Alltag: Ich kann das viel leichter predigen als leben.

Alles, was ich kann, ist, mich bei allem, was mir entgegen kommt, möglichst nicht „aus der Liebe raus bringen“ zu lassen. Der Macht der Liebe zu vertrauen und nicht der Macht der Mächtigen. So verstehe ich den Satz: „Sei getreu bis an den Tod, so will ich dir die Krone des Lebens geben.“

Diese liebevollen Gedanken sind Balsam für meine Wunden. In ihnen finde ich Möglichkeiten, nicht mehr die Welt und alles, was ich erlebe, in Täter und Opfer aus einander zu reißen. Mit einem Mal stehen die Böcke auf der linken Seite genauso „aufrichtig“ vor Gott wie die Schafe auf der rechten Seite. Beide, Schafe und Böcke gehören zu mir. Aus dieser Liebe heraus speise ich den Hungrigen in mir und im außen, reiche ich Wasser dem Durstigen. Ohne mich deshalb besser, moralisch „hochwertiger“ zu fühlen. In der Liebe bleibe ich gelassen, auch wenn ich mich sehr ungerecht behandelt fühle. Auch wenn ich verspottet werde. Jesus ist auch verspottet worden.

In dieser Liebe lege ich mein Sinnen auf Rache beiseite. Lasse ich meinen Hass auf die Egoisten dieser Welt ins Leere laufen.

In der Liebe ertrage ich alles – und bleibe frei, indem ich den Anderen nicht mehr verändern muss.

Und dies alles nicht, um einen vorderen Platz im Reich Gottes zu erhalten.

Warum dann?

Weiß ich auch nicht.

Einfach so.

Weil ich so leben will, weil ich gerade so spüre, dass Gott mir nahe ist.

Es mag für viele idiotisch sein.

Es gibt auch eine Stimme in mir, die mich für einen Idioten hält.

Das kann ich nicht ändern.

Ich habe genug damit zu tun, alltäglich ein wenig davon zu leben.

Und jeden Abend zu beten: „Gott sei mir Sünder gnädig!“ AMEN.

Zum Nachklingen der Predigt noch eine Geschichte:

Die Weißen oder die Schwarzen? (Nach A. De Mello)

Ein Schäfer weidete seine Schafe, als ihn ein Spaziergänger ansprach. “Sie haben aber eine schöne Schafherde. Darf ich Sie in Bezug auf die Schafe etwas fragen?” – “Natürlich”, sagte der Schäfer. Sagte der Mann: “Wie weit laufen Ihre Schafe ungefähr am Tag?” – “Welche, die weißen oder die schwarzen?” “Die weißen.” – “Die weißen laufen ungefähr vier Meilen täglich.” – “Und die schwarzen?” “Die schwarzen genauso viel.” “Und wieviel Gras fressen sie täglich?” – “Welche, die weißen oder die schwarzen?” – “Die weißen.” – “Die weißen fressen ungefähr vier Pfund Gras täglich.” – “Und die schwarzen?” – “Die schwarzen auch.” “Und wieviel Wolle geben sie ungefähr jedes Jahr?” – “Welche, die weißen oder die schwarzen?” – “Die weißen.” – “Nun ja, ich würde sagen, die weißen geben jedes Jahr ungefähr sechs Pfund Wolle zur Schurzeit.” – “Und die schwarzen?” – “Die schwarzen genauso viel.”

Der Spaziergägner war erstaunt.

“Darf ich Sie fragen, warum Sie die eigenartige Gewohnheit haben, Ihre Schafe bei jeder Frage in schwarze und weiße aufzuteinel?”

“Das ist doch ganz natürlich”, erwiderte der Schäfer, “die weißen gehören mir, müssen Sie wissen!” – “Ach so! Und die schwarzen?” – “Die schwarzen auch”, sagte der Schäfer.

“Jedermann sei der Demokratie untertan!”

Predigt über Römer 13, 1-7 am 23. Sonntag nach Trinitatis 2018

Liebe Gemeinde,

jedermann sei untertan der Obrigkeit, die Gewalt über ihn hat.“

Mit diesem Appell beginnt unser heutiger Predigttext aus dem Römerbrief.

Warum soll das so sein?

Denn es ist keine Obrigkeit, außer von Gott: wo aber Obrigkeit ist, ist sie von Gott eingesetzt.“

Unter weiter:

Darum: Wer sich der Obrigkeit widersetzt, der widerstrebt Gottes Anordnung; die ihr aber widerstreben, werden ihr Urteil empfangen.“

Und warum dies?

Denn die Gewalt haben, muss man nicht fürchten wegen guter, sondern wegen böser Werke.“

Recht verstanden: die bösen Werke beziehen sich auf die „Untertanen“: sie müssen die Obrigkeit wegen „böser Werke“ fürchten, nicht aber wegen guter Werke.

Dass die Obrigkeit selbst „böse Werke“ tut, das ist für Paulus – jedenfalls in diesem Textabschnitt – undenkbar.

Was ist denn Obrigkeit?

Als Obrigkeit (superioritas) wurden in hierarchisch organisierten Gemeinwesen seit dem späten Mittelalter bis in die Moderne hinein diejenigen Personen oder Institutionen bezeichnet, die rechtmäßig oder auch nur aufgrund eigener Anmaßung (Usurpation) die Herrschaft ausübten und die rechtliche und faktische Gewalt über die Untertanen besaßen. Die Untertanen schuldeten ihrer Obrigkeit Gehorsam.

Historisch unterscheidet man zwischen geistlicher und weltlicher Obrigkeit. Zur Ersteren gehörten die kirchlichen und religiösen Oberen, so etwa der Papst, die Bischöfe und die Äbte, aber auch evangelische Superintendenten. Der Pfarrer galt für seine Gemeinde ebenfalls als vorgesetzte Obrigkeit. Weltliche Obrigkeit waren die Könige, Fürsten, Grundbesitzer usw.” (Wikipedia)

In diesem Sinne gibt es bei uns keine Obrigkeit mehr: denn der Souverän (der „Inhaber der Staatsgewalt“) das sind Sie und ich: „wir sind das Volk“.

So jedenfalls die Theorie. Von daher kann man sich fragen, inwieweit es überhaupt sinnvoll ist, über einen Text zu predigen, der eine gesellschaftliche Situation voraussetzt, die heute nicht mehr gegeben ist.

Ich möchte den Text als Anregung dafür nehmen, sich Gedanken zu machen über das Thema: Autorität, Macht, Herrschaft und Verführung.

Unser Wochenspruch verweist ja auch auf eine „Obrigkeit“, auf einen König, dessen Reicht nicht in und nicht von dieser Welt ist: „Dem König aller Könige und Herrn aller Herren, der allein Unsterblichkeit hat, dem sei Ehre und ewige Macht.“ (1. Tim. 6, 15-16)

Im Zusammenhang des Timotheusbriefes ist das natürlich Jesus Christus. Sie kennen von romanischen Kirchen die Darstellung Jesu als den „triumphierenden“.

Christus triumphans.

In der Reformation wurde der Christus patiens, der leidende Christus in den Mittelpunkt gerückt.

Triumph und Leiden, Palmsonntag und Karfreitag sind zwei Seiten derselben Medaille. All-Macht (der triumphierenden Christus ist der „Pankreator“) und Ohne-Macht (der einsam am Kreuz sterbende Christus) – auch dies zwei Seiten einer Medaille. Es ist „heilsam“, beide Seiten zusammen zu sehen. Sonst bin ich fixiert,

gefangen in einem „Entweder-oder-Denken“.

Dies ist die Falle, die die Pharisäer Jesus stellen wollten: „nun gingen die Pharisäer und hielten Rat, wie sie ihn bei einem Ausspruch (logos) fangen könnten.“ Es ist die Falle der Zwei. Deshalb hat man die Zwei auch die Zahl des Teufels genannt. Soll ich das, oder das das machen. Ich kann mich nicht entscheiden!

Diese Falle schnappt nur dann zu, wenn es kein Drittes gibt. Das verbreitete Entweder-oder-Denken ist ein Denken in Gefangenschaft: der Durchbruch zum „Dritten“, zum Sowohl-als-Auch führt in die Freiheit. Jesus ist ein Lehrer dieses befreiten Denkens und Erlebens.

Zur Freiheit hat uns Christus befreit“ (Galater 5,1a)!

In der Politik ist das Dritte der zu erringende Kompromiss. „Kompromiss“, lateinisch „compromissum“ „sich gegenseitig versprechen“ bedeutet ursprünglich: „die Entscheidung eines Rechtsstreites einem von beiden Seiten gewählten Schiedsrichter zu überlassen.“ Wie immer im Leben hat auch diese an sich gute Idee einen dunklen Schatten: so entwickelte sich im Französischen das Verbum „compromettre“ – deutsch: „kompromittieren“. Und das bedeutet, dass der Dritte nicht vermittelt, sondern bloß stellt. Und genau darum ging es den Pharisäern: sie wollten Jesus in und mit seinen eigenen Worten fangen und bloßstellen – eben „kompromittieren“.

Jesus antwortet, indem er unterscheidet. Dem Kaiser ist zu geben, was ihm zusteht – und Gott ist zu geben, was diesem zusteht.

Theresa von Avila hatte ähnlich geantwortet, als sie gerade fastete und in eine Tafelrunde kam, wo es leckeren Fasan gab. Man sagte ihr, dass sie wohl nicht mit essen würde, da sie ja fastete. Und sie antwortete heiter: „Fasten ist fasten und Fasan ist Fasan!“ Und ließ es sich schmecken.

Das Entweder-oder-Denken hingegen führt zu dogmatischer Erstarrung und Humorlosigkeit. Das Sowohl-als-auch-Denken entspringt einer heiteren Mitte. Die sogenannten „Populisten“, die zur Zeit soviel Zulauf genießen, sind ausgesprochen humorlose Zeitgenossen. Vielleicht erklärt dies, dass in totalitären Regimen die besten Witze erfunden wurden. Der Witz als Ventil!

Aber zurück zu unserem Predigttext: ich denke es wird ihnen nicht entgangen sein, wie meine Gedanken um den Text des Paulus „mäandern“ – ähnlich der renaturierten Isar. Daran ändert auch der zweite Abschnitt des Textes nichts:

“Willst du dich aber nicht fürchten vor der Obrigkeit, so tue Gutes; so wirst du Lob von ihr erhalten. Denn sie ist Gottes Dienerin, dir zugut. Tust du aber Böses, so fürchte dich; denn sie trägt das Schwert nicht umsonst: sie ist Gottes Dienerin und vollzieht das Strafgericht an dem, der Böses tut. Darum ist es notwendig, sich unterzuordnen, nicht allein um der Strafe, sondern auch um des Gewissens willen. Deshalb zahlt ihr ja auch Steuer; denn sie sind Gottes Diener, auf diesen Dienst beständig bedacht. So gebt nun jedem, was ihr schuldig seid: Steuer, dem die Steuer gebührt; Zoll, dem der Zoll gebührt; Furcht, dem die Furcht gebührt; Ehre, dem die Ehre gebührt.”

Abgesehen vom letzten Satz: „so gebt nun jedem, was ihr schuldig seid“, kann ich dem Text wenig Nahrhaftes abgewinnen. Er lässt sich mühelos für falsche Anpassung und Duckmäusertum missbrauchen. Der Gedanke, dass eine Obrigkeit selbst korrupt geworden ist, dass ein Führer nicht dem Wohl seines Volkes, sondern der Entfaltung seiner eigenen selbstherrlichen Machtgelüste verpflichtet ist, ist nicht denkbar.

Es sei denn, man überschreibt den Text mit unser Gesellschaftsordnung. Dann muss er heißen:

Jedermann sei untertan der Demokratie. Die demokratische Gesinnung habe Gewalt über ihn. Sie ist von Gott eingesetzt. Wer sich der Demokratie widersetzt, der widerstrebt Gottes Anordnung. Die ihr aber widerstreben, werden ihr Urteil empfangen.“ ( … und die Konsequenzen zu tragen haben…)

Jetzt klingt es mit einem Mal sehr aktuell. Wir erleben eine Zeit, in der es eine verbreitete Wollust gibt, Unordnung zu schaffen. Eine gefährliche Wollust, nein zur guten sich bewährten aber eben auch mühsamen demokratischen Ordnung zu sagen. Es ist die Lust an der Unordnung, die derzeit mehrheitsfähig wird, verbunden mit allzu einfachen Pseudo-Lösungen und der propagandistischen Hetze gegen alles, was sich diesen sogenannten „Lösungen“ in den Weg stellt.

Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit dem Gutem.“ Dieser Satz steht gleichsam vor der Klammer unseres Textes.

Etwas freier übersetzt heißt der Satz für mich: „Nimm dich bei deiner eigenen Nase!“

Denke an deine eigenen Tricks, wenn du deine Steuererklärung machst. Und so gar keine Lust hast, dem Staat zu geben, was des Staates ist. Denke an diese verführerische Stimme in deinem Ohr, die dir zu flüstert: „Merkt doch keiner!“

Denke an deine scheinheilige Rechtfertigung, wenn du sagst: „Sollen doch erst mal die da oben aufhören zu betrügen!“

Oder: „das machen doch alle!“

Lass dich nicht von Bösem überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem!“

Für diese lebenslange Aufgabe hilft unser Wochenspruch:

es gibt einen „Führer“, einen „König“, einen „Herrscher“, dem darf ich wirklich vertrauen; er ist nicht korrupt und nicht korrumpierbar. Er ist Ausdruck jener Wahrheit, die unzerstörbar („unsterblich“) ist. Die der einzig sichere Boden allen Da-Seins ist.

Seinem Weg nachfolgen heißt, den Boden nicht mehr unter den Füßen zu verlieren. Heißt auch: Abschied nehmen von meiner Sehnsucht danach, dass ich „im außen“, in dieser Welt einen Führer finde, der mir meinen Weg weist. Indem ich den Schmerz und die Trauer dieses Abschieds ertrage, wende ich mich dem König zu, dessen Reich nicht in dieser Welt und nicht von dieser Welt ist. Diesem König und nur ihm will ich untertan sein. Je tiefer und fester ich mit ihm verbunden bin, desto freier und sicherer werde ich meinen ganz einmaligen Weg in dieser Welt gehen.

Einen Weg, der mit jedem Schritt aufs Neue entsteht.

Dem König aller Könige und Herrn aller Herren, der allein Unsterblichkeit hat, dem sei Ehre und Macht“, AMEN.

Predigt am Sonntag Kantate in der Thomaskirche in Grünwald

Predigt über Apostelgeschichte 16, 23-34 am Sonntag Kantate 2018

Liebe Gemeinde,

unser heutiger Predigttext lässt sich als eine nette Geschichte von der Gefangennahme und der wundersamen Befreiung des Paulus und seinen Mitstreitern lesen. Nebenbei wird auch noch der Kerkermeister samt Familie zum rechten Glauben bekehrt. „Nett“ – das ist die kleine Schwester von „besch … eiden“ – habe ich vor kurzem gehört.

Ich möchte versuchen, unseren Text anders zu lesen: als „innere“ Befreiungsgeschichte. Und ich möchte den Text verbinden mit dem vorhin gehörten Evangelium, in dem der ungewöhnliche Satz erklingt: „Mein Joch ist sanft und meine Last ist leicht.“ (Matth. 11, 30) Das sagt derselbe Jesus, der unter der Last seines Kreuzes auf dem Weg nach Golgatha zusammen gebrochen ist!

Um sinnvollerweise von Befreiung reden zu können, muss man von einem Gefängnis reden. Wer sich nicht „gefangen“ fühlt, der hat auch kein Interesse an Befreiung. Befreiung ist dann kein Thema für ihn.

Fühlen Sie sich frei?

Dann ist der heutige Predigttext wahrscheinlich nicht interessant für Sie.

Nun gibt es Menschen, die sagen: was ist nur los? Ich habe alles, bin materiell abgesichert, könnte ein schönes und freies Leben führen – aber ich schlafe schlecht, bin unruhig, nervös. Ich habe keinen rechten Hunger und kann mich nicht wirklich am Leben freuen. Das verstehe ich nicht. Warum kann ich diese Gefühle nicht einfach abschütteln? Und einfach nur mein Leben genießen? Eigentlich habe ich es doch so gut. …

Diese Menschen sind gefangen in Gefühlen, die ihnen das Leben schwer machen. Sie sagen vielleicht: meine Ängste verfolgen mich – oder meine Depression lässt mich einfach nicht los.

Nun ist nicht zu vergessen, dass der sicherste Ort der Welt ein Gefängnis ist. Eingesperrt-Sein und Sicherheit sind Paare.

Und wenn mich etwas nicht los lässt, so kann ich sicher sein, nicht einsam sein zu müssen. Immerhin. Besser eine schlechte Beziehung als gar keine!

Auf der anderen Seite: Frei-Sein ist mit Unsicherheit gepaart. Und all das, was ich wirklich los lasse – das ist dann weg. Dann bin ich ganz allein mit – ja mit wem?

Das ist die große Frage.

Unser Streben nach Sicherheit, nach Vertrautheit, unsere alltägliche Routine kann uns zu Gefangenen unserer selbst machen. Wenn wir in einem Epiphanias-Lied singen: „Jesus ist kommen, nun springen die Bande…“ dann ist die große Frage: was mache ich mit meiner Freiheit? Was mache ich aus meiner Freiheit? Ist es nicht viel beruhigender, sagen zu können: ich kann mich ja gar nicht trennen, oder: ja früher hätte ich das und das machen sollen – aber jetzt: bin ich zu alt dafür.

Und so bleibt alles beim Alten.

Dies gilt für die Botschaft Jesu selbst: „Jesus verkündete das Reich Gottes – gekommen aber ist die Kirche….“

Jesus predigte: „Mein Joch ist sanft …“ – in seinem Namen wurden viel zu viel Menschen vermeintlich „falschen Glaubens“ getötet …

Jesus kritisierte die Pharisäer, das religiöse Establishment seiner Zeit, hart: und ein neues religiöses Establishment kristallisierte sich in seinem Namen heraus.

Ob er das so gewollt hat?

Könnte es so sein, dass wir Menschen keine Freiheit aushalten? Dass wir Freiheit gar nicht wollen? Dass wir für Freiheit nicht erschaffen sind? Das würde den gegenwärtigen Zulauf und die Popularität nicht-demokratisch denkender Politiker erklären. Die Abschaffung der Demokratie im Dienste vermeintlicher Sicherheit. …

Zum Prozess der Befreiung gehören Gefühle von katastrophalem Zusammenbruch. Die Befreiung Europas aus der Herrschaft der absolutistischen Monarchen (Sinnbild: der „Sonnenkönig“ – Ludwig XIV. – „der Staat, das bin ich…“) führte in die Wirren der französischen Revolution. … führte zu einem Napoleon, der sich zum Kaiser krönen ließ und, und, und …

In unserer heutigen Befreiungsgeschichte geht die Befreiung einher mit einer kosmischen Katastrophe – einem Erdbeben. Doch hören Sie selbst:

23 Nachdem man sie (gemeint sind Paulus und sein Begleiter Silas) hart geschlagen hatte, warf man sie ins Gefängnis und befahl dem Aufseher, sie gut zu bewachen. 24 Als er diesen Befehl empfangen hatte, warf er sie in das innerste Gefängnis und legte ihre Füße in den Block. 25 Um Mitternacht aber beteten Paulus und Silas und lobten Gott. Und die Gefangenen hörten sie.

26 Plötzlich aber geschah ein großes Erdbeben, so daß die Grundmauern des Gefängnisses wankten. Und sogleich öffneten sich alle Türen, und von

allen fielen die Fesseln ab.

27 Als aber der Aufseher aus dem Schlaf auffuhr und sah die Türen des Gefängnisses offenstehen, zog er das Schwert und wollte sich selbst töten; denn er meinte, die Gefangenen wären entflohen.

28 Paulus aber rief laut: Tu dir nichts an; denn wir sind alle hier!

29 Da forderte der Aufseher ein Licht und stürzte hinein und fiel zitternd Paulus und Silas zu Füßen. 30 Und er führte sie heraus und sprach: Liebe Herren, was muss ich tun, daß ich gerettet werde?

31 Sie sprachen: Glaube an den Herrn Jesus, so wirst du und dein Haus selig!

32 Und sie sagten ihm das Wort des Herrn und allen, die in seinem Hause waren.

33 Und er nahm sie zu sich in derselben Stunde der Nacht und wusch ihnen die Striemen. Und er ließ sich und alle die Seinen sogleich taufen 34 und führte sie in sein Haus und deckte ihnen den Tisch und freute sich mit seinem ganzen Hause,

daß er zum Glauben an Gott gekommen war.

Wesentliche Elemente der Geschichte, noch einmal zusammengefasst:

Paulus und seine Mitstreiter sind im „innersten Gefängnis“ – im „Hochsicherheitstrakt“ und die Füße sind noch einmal „in einem Block“ eingesperrt. Sicherer geht es nicht.

Zeitgleich mit dem Gebet geschieht ein Erdbeben und die Gefangenen sind „frei“.

Der Aufseher will sich aus Angst vor seinem „Versagen“ selbst töten.

Die Gefangenen sind gar nicht geflohen.

Der Aufseher fragt, wie er gerettet werden kann.

Die Rettung ist der „Glaube an den Herrn Jesus“

Der Aufseher freut sich mit seinem Haus, dass er „zum Glauben an Gott“ gekommen ist.

Liebe Gemeinde,

noch einmal: was ist das mit unserer Freiheit? Für viele Menschen bedeutet Freiheit, jederzeit tun und lassen zu können, was man will. Das ist eine Freiheit von Zwängen, Abhängigkeiten, Anpassungen, Verpflichtungen. Dahinter steckt der Wunsch oder die Gier nach ungebremster Lust: es soll jederzeit so sein, wie ich es haben will. Und ich sehe gar nicht ein, mich an etwas anzupassen, was mich stört. „Freie Fahrt für freie Bürger“ – das war und ist der Slogan, mit dem wider aller Vernunft es in unserem Land nicht möglich, ein Tempolimit auf Autobahnen einzuführen. Wer dies für Freiheit hält, dem hat die Botschaft Jesu nichts zu sagen.

Jesus spricht uns nämlich nicht in dem Sinne frei, dass er sagt: „ihr könnt tun und lassen was ihr wollt.“ Jesus sagt: „Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir; denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen. Denn mein Joch ist sanft und meine Last ist leicht.“ (Mt. 11, 29-30)

Das Joch – übrigens vom Wort her stammverwandt mit Yoga – ist üblicherweise verbunden mit „hart“, „geknechtet“ usw. Es wurde den Ochsen aufgesetzt, um eine optimale Kraftübertragung vom Pflug oder dem zu ziehenden Wagen z.B. zu erreichen. Freiheit heißt hier, befreit sein von diesem Joch, befreit aus dieser Knechtschaft zu sein. Jesus selbst kennt – wie gesagt – das harte Joch des Kreuzes. Unter dem er sogar gebrochen ist. Aber das Joch, von dem Jesus hier spricht, ist etwas ganz anderes: es ist seine innige, vertrauensvolle, liebevolle Beziehung zu seinem (himmlischen) Vater: „niemand kennt den Sohn als nur der Vater und niemand kennt den Vater als nur der Sohn …“

Diese Beziehung ist „leicht“ – denn sie geschieht in Liebe. Und da und nur da, wo die Liebe herrscht – da ist wirkliche Freiheit. Jede Form von Kontrolle, Gängelung, Bemächtigung des Anderen hat nichts mit Liebe zu tun. Es gibt Menschen die sagen: wenn ich mich nützlich mache, werde ich geliebt. Wenn mich der andere braucht, werde ich geliebt. Das ist ein verhängnisvoller Irrtum. Wenn ich mich nützlich mache, dann bin ich nützlich – nicht mehr und nicht weniger. Liebe hat damit nichts zu tun. Liebe lässt sich nicht machen, nicht herstellen. Liebe gibt es nur geschenkt – genauso wie Freude, Dankbarkeit, echte Reue etc. …

Wer die Freiheit dieser Liebe erlebt, wer in der Freiheit dieser Liebe leben darf – der hat das Joch Jesu auf sich genommen. Aus dieser Freiheit heraus nützen Paulus und Silas ihre Befreiung nicht aus, laufen nicht davon. Das ist das eigentliche Wunder der Geschichte: die befreiten Gefangenen bleiben da. Offenbar ist es das, was den Kerkermeister erreicht: „Ihr Herren, was muss ich tun, dass ich gerettet werde?“ Etwas freier übersetzt heißt das für mich: „was muss ich tun, dass ich so frei werde, wie ich euch erlebe?“ Befreit werde von meinem alten Denken des Misstrauens, der Absicherung, der Kontrolle. Die Antwort ist einfach: „nimm Jesu Joch auf dich – glaube an Jesus Christus!“ Das Tun, das alltägliche Leben dieser Antwort ist freilich nicht so einfach.

Bleibt noch eine Frage offen, liebe Gemeinde:

wieso eigentlich soll dieser Text gerade heute, an Sonntag Kantate, gepredigt werden? Diese Frage ist mir tatsächlich erst hier – am Ende einer Predigt gekommen.

Und ich habe gespickt: im Internet mir Predigt von Kollegen zu unserem Text durchgelesen. Und siehe da – die Antwort ist einfach: Paulus und Silas sangen im Gefängnis. Sie „lobten“ Gott heißt nämlich eigentlich: sie sangen Hymnen, Loblieder auf Gott. Und unser heutiges Evangelium ist auch ein Loblied: das Loblied Jesu auf die Beziehung zu seine Vater. „Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde …“

In diesem Sinne – lassen Sie uns jetzt singen, lassen Sie uns ein Loblied singen, in dem wir Jesus loben und danken für die Freiheit, die denen geschenkt wird, die den Mut haben, das vertraute Joch liegen zu lassen und Jesu Joch auf sich zu nehmen.

Jesus ist kommen, Grund ewiger Freude…“ heißt es da, und in der zweiten Strophe:

Jesus ist kommen, nun springen die Bande, Stricke des Todes, sie reißen entzwei …“

AMEN.

Predigt zu Pfingsten 2018 in der Jakobus- und in der Petruskirche

Predigt über 1. Korinther 2, 12-16 an Pfingsten 2018

Liebe Gemeinde,

es würde das Miteinander-Reden (den „Dialog“) erheblich erleichtern, wenn jeder Sprechende sich die Mühe machte, kurz darüber nachzudenken, wofür er das, was er gerade sagen will, verwendet. Und zwar bevor er den Mund aufmacht.

Wofür eignet sich der Gedanke, den ich gerade äußern will?

Viele Äußerungen eignen sich insbesondere dafür, den eigenen Hass unterzubringen. Schadenfreude – im Volksmund gilt sie als „die schönste Freude“ – lässt sich in Sätzen wie: „das hast du jetzt davon…!“ oder: „Das hätte ich dir gleich sagen können…!“ Oder: „warum hast du nicht … , dann wäre dir das nicht passiert…“ gut unterbringen. Und natürlich auch das dazugehörige Gefühl von Ärger – mit dem inneren Gedanken: „so ein Idiot!“

Auf den ersten Blick nicht gleich sichtbar ist in solchen Gedanken eine Haltung versteckt: die Haltung der Überheblichkeit. Ein unausgesprochenes: „mir wäre so was nicht passiert …“

Unser heutiger Predigttext, ein Abschnitt aus dem 1. Korintherbrief von Paulus, bietet sich für Selbstsicherheit, Selbst-Befriedigt-Sein und Überheblichkeit an. Er bietet sich aber auch dafür an, über dieses nur allzu menschliche und verbreitete Geschehen nachzudenken.

12 Wir aber haben nicht empfangen den Geist der Welt, sondern den Geist aus Gott, daß wir wissen können, was uns von Gott geschenkt ist.

13 Und davon reden wir auch nicht mit Worten, wie sie menschliche Weisheit lehren kann, sondern mit Worten, die der Geist lehrt, und deuten geistliche Dinge für geistliche Menschen.

14 Der natürliche Mensch aber vernimmt nichts vom Geist Gottes; es ist ihm eine Torheit, und er kann es nicht erkennen; denn es muss geistlich beurteilt werden.

15 Der geistliche Mensch aber beurteilt alles und wird doch selber von niemandem beurteilt.

16 Denn »wer hat des Herrn Sinn erkannt, oder wer will ihn unterweisen« (Jesaja 40,13)? Wir aber haben Christi Sinn.“

Aha! So ist das also.

Etwas salopp, etwas verkürzt zusammengefasst heißt das: die “Deppen” sind die Anderen – wir hingegen wissen, wie es ist, wie es geht. “Wir haben Christi Sinn!”

Wir haben den Geist!!!

Klasse. Wenn ich uns so anschaue, dann merke ich auch gleich, wie recht Paulus hat:

“We are the Champions … No time for losers – cause we are the champions of the world”

Keine Zeit für Verlierer – weil: wir sind die Champions der Welt!

Champion – ein Wort aus dem Sport – heißt: derjenige sein, der alle anderen aus dem Rennen geworfen hat – schlicht: “der Beste”.

(Nebenbemerkung: Je ehrgeiziger der Champion, desto narzisstisch bedürftiger ist er. Anders ausgedrückt: ist er einmal kein „Champion“, zieht er sich voller Scham und Enttäuschung zurück. So fehlte jüngst einer herausragenden deutschen Fußballmannschaft die gelassene Großzügigkeit, trotz verlorenem Pokalfinale mit den Siegern zu feiern und für die Sieger sich zu freuen .,. )

Doch HALT: unser Held ist doch dieser von der Welt Verachtete, der Ausgestoßene, der inmitten der Verbrecher Hingerichtete!

Ja – das ist alles “Geist der Welt”. Es ist “Geist des natürlichen Menschen”; ihm ist das, was wir erkennen eine “Torheit”. Der natürliche Mensch “kann nichts erkennen” – “es muss geistlich beurteilt werden!”

Wir aber sind der geistliche Mensch. Von ihm gilt:

“Der geistliche Mensch aber beurteilt alles und wird doch selber von niemandem beurteilt.” WOH!

Liebe Gemeinde,

“solange wir uns auf Erde befinden, gibt es nichts, was für uns wichtiger ist als die Demut.” Sagt Theresa von Avila am Anfang ihres zeitlos schönen und immer wieder zu lesenden Buches: “Die innere Burg”. Die Demut – und nur die Demut – sei der “Weg” zur Vereinigung mit Gott.

Die zitierten Paulus-Sätze klingen nicht demütig. Im Gegenteil: sie sind anfällig für Überheblichkeit. Insbesondere dann, wenn man sie aus ihrem Zusammenhang löst.

Der Zusammenhang ist, dass in der Gemeinde von Korinth sich Gruppen gebildet hatten, die jeweils meinten, die “reine Lehre”, das “bessere Christ-Sein” zu verkörpern. Das ist auch ein verbreitetes menschliches Phänomen: Gruppen entstehen und zerfallen, und es entstehen wieder neue Gruppen. Meist hat der Zerfall damit zu tun, dass sich eine Gruppe abspaltet, weil sie sich mit dem “Mainstream” der alten Gruppe nicht mehr identifizieren kann. Der “Mainstream” nennt diese Abspaltungen dann “Sekten” (lateinisch: sectio: ursprünglich die Zerstückelung von Gütern bei einem Aufkauf). In den Augen des jüdischen “Mainstreams” war Jesus ein Sektierer, der Gründer einer “Sekte”. Dasselbe gilt für Martin Luther aus der Sicht des “Mainstreams” der katholischen Kirche. (Nebenbei: schaut man sich die Geschichte der Psychoanalyse seit ihrer Gründung durch S. Freud an, wird man dasselbe Phänomen entdecken.)

Paulus kämpft in unserem Predigttext um die Einheit der Gruppe. Das “Wir” soll die Gemeindeglieder in Korinth miteinander verbinden, zusammenschweißen – das “wir” bedeutet: wir haben doch alle denselben Glauben, denselben Sinn!

Einen Glauben, auf den wir stolz sein können!

Der Kehrseite dieser Art des “Vereinigens” ist: es bedarf eines Fremden, eines Anderen, eines Nicht-Wir, von dem “wir” uns absetzen. Auf den wir mit unserem vermeintlichen Glauben und Wissen „herabschauen“. Das ist keine Beziehung in Freiheit, es ist eine Beziehung in Abhängigkeit. Ich brauche die Herabsetzung des Anderen, um mich selber als „gut und richtig“ zu spüren.

Wir haben Christi Sinn!“ Dadurch heben wir uns von den „weltlichen“ Menschen ab. Und das gibt uns Sicherheit. Sicherheit durch Abwertung des Anderen/Fremden.

Diese Art des Denkens wird in den Evangelien, wird von Jesus als pharisäisches Denken bezeichnet.

Im Gleichnis Jesu vom Pharisäer und Zöllner (Lukas 18,9-14) sagt der Pharisäer: „Ich danke dir, Gott, dass ich nicht bin wie die anderen Leute …“ Diese seine „Identität“ lebt davon, nicht so „minderwertig“ wie die Anderen zu sein. So wird Religion, wird Glaube zu einer Krücke für die eigene wackelige Identität. Die aktuelle Idee, in allen bayrischen Verwaltungsgebäuden ein Kreuz anzubringen, ist Ausdruck von derartiger Unsicherheit – und nicht Ausdruck eines starken Glaubens. Ein starker Glaube vertraut dem Kreuz – und gerade so wird er es nicht demonstrativ zur Schau stellen.

Ein starker Glaube drückt sich in ebenso klaren wie einfachen Worten aus.

Der Zöllner (auf den der Pharisäer herab blickt) im genannten Gleichnis betet schlicht: „Gott sei mir Sünder gnädig!“

Gnade“ aber, „Erbarmen“ ist ein Geschehen, das sich nicht machen lässt. ES geschieht. ES ist nicht mein Werk, mein Gemachtes, es ist das Werk des Heiligen Geistes, „der weht wann und wo er will…“ Und selig der Mensch, der sein Brausen hört und sich darauf einlassen kann. Selig die Seele, die befreit wurde zum Mitschwingen im Wehen des Heiligen Geistes.

Die Voraussetzung dafür ist tiefe Demut. In ihr lasse ich meine Verdienste und meine Werke los. In ihr ergebe ich mich. In ihr geschieht liebevolle Hingabe – an mein so und nichts anders gewordenes Leben. Deshalb sagt Theresa von Avila:

Solange wir uns auf der Erde befinden, gibt es nichts, was für uns wichtiger ist als die Demut!“

Aber auch hier ist Vorsicht geboten: es gibt nämlich eine „falsche, eine verkleidete“ Demut, eine Demut, die in Wirklichkeit Feigheit ist. Noch einmal Theresa mit scharfer Zunge:

Es gibt Menschen, „die immer im Elend unserer Erde stecken bleiben.“ Ihr Lebensfluss kommt nie „aus dem Schlamm der Ängste“ heraus, „aus der Verzagtheit und Feigheit, die furchtsam fragt, ob man auf mich schaut oder nicht auf mich schaut; ob mir, wenn ich diesem Weg folge, etwa ein Unheil zustößt; ob ich es wagen, kann jenes Werk zu beginnen; ob es Hochmut ist; ob es recht ist, dass eine solch elende Person (wie ich) sich mit einer so hohen Sache wie dem Gebet befasst; ob man mich für etwas Besseres hält. Denn Übertreibungen sind nicht gut, auch nicht in der Tugend! …“ Theresa bezeichnet diese Haltung als „Mattherzigkeit“ – dies habe mit „Demut“ nichts zu tun.

Und sie findet die Ursache dieser Verdrehung in einer „verdrehten Selbsterkenntnis“, die dann entsteht, „wenn wir nicht aus uns heraus gehen.“

Anders ausgedrückt heißt das: echte Selbsterkenntnis ist nur möglich, wenn ich in der Lage bin, mich ein wenig von mir selbst zu entfernen, mich selbst ein wenig „von außen“ zu sehen und zu erkennen. Eben „aus mir heraus gehe“. Erst dann beginne ich nämlich, mich kennen zu lernen. Ohne diese Fähigkeit bleibe ich ein Gefangener meiner selbst, bleibe ich blind für mich.

Aus mir heraus gehen bedeutet freilich: ein Risiko eingehen. Und das erzeugt Angst.

Aus mir heraus gehen bedeutet, ich verlasse meine „Komfortzone“, meine Routine, in der vermeintlich nichts passieren kann. Meine Angst will mich genau davon abhalten. Und ich kann alles dafür verwenden, in der Komfortzone zu bleiben – auch meinen Glauben.

Das ist für mich jeden Tag aufs Neue die große Frage, ob und inwieweit mein Glaube letztlich eine selbstgemachte Seifenblase, eine Halluzination ist. Ob mein Glaube in der Beziehung des Heiligen Geistes empfangen oder von mir selbst gefertigt wurde.

Hierfür kenne ich keine letzte Sicherheit. Allerdings werde ich sofort misstrauisch, wenn mir jemand erklärt, er sei sich sicher, dass sein Leben vom Heiligen Geist erfüllt ist. Aber vielleicht ist mein Misstrauen auch nur Ausdruck meines Neides, dass mir diese Sicherheit nicht gegeben ist.

Liebe Gemeinde,

ich möchte gerne ein Leben leben, in dessen Zentrum steht: „Ich habe Christus im Sinn.“ Und ich kann mir gut vorstellen, dass uns dieser Wunsch verbindet.

Möge meine, möge unsere Seele – wie Hildegard von Bingen betet – dem Wind gleichen, der über die Kräuter weht, und dem Tau, der die Gräser benetzt, und der Regenluft, die wachsen lässt,

möge meine/unsere Seele befreit werden und frei sein von dem Geist des Machens, und des Besser-Wissens,

möge meine/unsere Seele jenem Schiff gleichen, von dem Johannes Tauler dichtete:

Das Schiff geht still im Triebe, es trägt ein teure Last, das Segel ist die Liebe, der Heilig Geist der Mast.“ AMEN.

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