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Predigt über Jesaja 42, 1-9 am 1. Sonntag nach Epiphanias 2022

Welche der Geist Gottes treibt, die sind Gottes Kinder.“ (Römer 8,14)

Diese einfache und einprägsame Aussage aus dem Römerbrief – der heutige Wochenspruch – bündelt die Texte des Gottesdienstes am ersten Sonntag nach Epiphanias. Man könnte ihn auch den „Sonntag der Kinder Gottes“ nennen. Und diesen Kindern Gottes ist eben eines gemeinsam: Sie sind vom Geist Gottes Getriebene. Ihr Antrieb ist Gottes Geist. Was das heißt und wie sich das lebenspraktisch auswirkt, davon handelt ein prophetisches Wort aus dem alttestamentlichen Buch des Propheten Jesaja.

Kapitel 42

Siehe, das ist mein Knecht, den ich halte, und mein Auserwählter, an dem meine Seele Wohlgefallen hat. Ich habe ihm meinen Geist gegeben; er wird das Recht unter die Heiden bringen. Er wird nicht schreien noch rufen, und seine Stimme wird man nicht hören auf den Gassen. Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen, und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen. In Treue trägt er das Recht hinaus. Er selbst wird nicht verlöschen und nicht zerbrechen, bis er auf Erden das Recht aufrichte; und die Inseln warten auf seine Weisung.

So spricht Gott, der Herr, der die Himmel schafft und ausbreitet, der die Erde macht und ihr Gewächs, der dem Volk auf ihr den Atem gibt und Lebensodem denen, die auf ihr gehen: Ich, der Herr, habe dich gerufen in Gerechtigkeit und halte dich bei der Hand. Ich habe dich geschaffen und bestimmt zum Bund für das Volk, zum Licht der Heiden, dass du die Augen der Blinden öffnen sollst und die Gefangenen aus dem Gefängnis führen und, die da sitzen in der Finsternis, aus dem Kerker.

Ich, der Herr, das ist mein Name, ich will meine Ehre keinem andern geben noch meinen Ruhm den Götzen. Siehe, was ich früher verkündigt habe, ist gekommen. So verkündige ich auch Neues; ehe denn es sprosst, lasse ich’s euch hören.

Sie merken schon am Beginn: Hier wird etwas ganz Besonderes besser jemand ganz Besonderes vorgestellt: Siehe, das ist mein Knecht, den ich halte, und mein Auserwählter, an dem meine Seele Wohlgefallen hat.

Kind Gottes zu sein bedeutet Knecht und Auserwählter in einem zu sein. Auserwählt zu dienen.

Auf ihm liegt Gottes Geist – und aus dieser Kraft heraus wird sich seine Wirksamkeit entfalten:

Er wird das Recht bringen – zu allen Völkern der Erde. Das ist die Überschrift.

Und wie wird er das anstellen?

Durch Nicht-Tun!

Nicht durch Geschrei – „seine Stimme wird man nicht hören auf den Gassen“ (Vers 2).

Nicht durch Gewalt – „das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen, den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen.“ (Vers 3a)

Und was wird er „tun“ – indem er nicht tut?

Er trägt das Recht in Treue hinaus.“ (Vers 3b)

Er öffnet „die Augen der Blinden“ (Vers 7a).

Er führt „die Gefangenen aus dem Gefängnis“ und „die da sitzen in der Finsternis aus dem Kerker“ (Vers 7b).

Und woher weiß der Knecht Gottes, dass dies seine Aufgabe ist?

Er wurde von Gott, dem Schöpfer des Himmels und der Erde, genau dafür „gerufen“, ja „geschaffen“ (Vers 6). Nichts anderes ist seine Existenzberechtigung, ist seine Identität.

So weit – so gut. Spüren Sie die unglaubliche Wucht dieser Sätze! Da ist ein Prophet seiner Sache, seiner Verkündigung sehr sicher. Er spricht in prophetischer Vollmacht. Er spricht als einer, der Gott, den Allmächtigen, im Rücken hat: „Ich der Herr habe dich gerufen in Gerechtigkeit und halte dich bei der Hand.“ Er wurde der „Zweite Jesaja“ (Deuterojesaja) genannt, der das Volk Israel aufrütteln, ihm Mut einhauchen möchte gleich dem Gott, der den Menschen seinen Lebens-Atem in die Nase bläst.

Wer so viel Mut benötigt, der liegt wohl ziemlich am Boden. Der fühlt sich wie ein „glimmender Docht“, wie ein „geknicktes Rohr“. Und so ist es wirklich. Deuterojesaja spricht zu Gefangenen, zu Deportierten. Es ist die babylonische Gefangenschaft, in der sich das Volk Israel, in der sich „Gottes eigenes Volk“ befindet. Von daher ist zunächst einmal der Zuspruch des Propheten als Zuspruch für Israel zu lesen. Dies anzuerkennen und nicht vorschnell seine Worte auf unseren „Herrn Jesus Christus“ hin zu deuten, tut uns Christen sehr gut. Und wenn wir sie dann in den weihnachtlichen Kontext der Geburt Jesu Christi stellen, so bitte nicht in der selbstgerecht-überheblichen Weise einer „Judenmissionierung“ nach der Art: „Ihr ward ja zu dämlich dafür, euren eigenen Messias zu erkennen!“ Es ist zu bekennen: Das Christentum ist als Bemächtigungs-Religion groß und erfolgreich geworden. „In diesem Zeichen wirst du siegen!“ Auch wenn es sich so wohl historisch nicht zugetragen hat – so wurde doch im Zuge des Sieges von Kaiser Konstantin das Christentum zur Staatsreligion. Tragische Ironie: Gottes Knecht ist genau kein Bemächtiger! Ganz im Gegenteil: „Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen, und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen.“ Gottes Knecht ist ein Beschützer und Bewahrer!

Dieses beschützende und bewahrende Nicht-Tun ist Kennzeichen derer, die wirklich vom Geist Gottes getrieben sind. Sie haben nämlich verinnerlicht: Wirkliche Veränderung geschieht im Stillen, geschieht gewaltlos! Und: wirkliche Veränderung lässt sich nicht machen. Um dies auszuhalten bedarf es Fähigkeiten, die allesamt mit Bescheidenheit zu tun haben: „In Treue trägt er das Recht hinaus“ (Vers 3b). Er macht kein großes Geschrei, nicht mit Pauken und Trompeten verkündet er das Recht. Er „richtet (es) auf!“ (Vers 4a) Aufrechter Gang, diese spezifisch menschliche Fähigkeit, hat mit „aufrichtig“ zu tun. Aufrechten Hauptes den eigenen Lebensweg gehen: Das ist die Bestimmung des Gottesknechtes, das ist die Bestimmung derer, die sich vom Geist Gottes treiben lassen. Gemeint ist dies durchaus auch im moralischen Sinne. Aber die Quelle dessen, aus der heraus wir als Kinder Gottes leben, sprudelt jenseits der moralischen Aufteilung in gut und böse.

Ich bin der Herr dein Gott, der dich aus Ägyptenland, aus der Knechtschaft, geführt hat …“ (2. Mose 20, 2) – das ist die Überschrift über alle Moral. Moral ist sekundär; sie ist abzuleiten aus der Beziehung zu jenem befreienden Gott, dessen Repräsentanten, dessen Gesandter und dessen Knecht uns heute vorgestellt wird. In der sicheren Vertrauens-Beziehung zu jenem befreienden Gott hat alles Sollen ein Ende. Für uns, die wir zum Gottes-Kind-Sein befreit sind, ist alles Sollen belanglos. Wir werden nicht mehr töten, nicht mehr stehlen, nicht mehr huren usw. Nicht, weil uns jemand vorschreibt, dass wir das alles nicht tun sollen. Eher schon so, dass wir es aus uns selbst heraus nicht mehr tun wollen. Mehr noch: Wer vom Geist Gottes getrieben ist, der kann nicht mehr anders. Das ist das Verrückte! Es ist verrückt, weil das Kind Gottes ver-rückt geworden ist: Es wurde hinein gerückt in die Beziehung zu einem barmherzigen, liebevollen Gott. Hesekiel hat das in seinen Worten so ausgedrückt: „Ich will ihnen ein anderes Herz geben und einen neuen Geist in sie geben und will das steinerne Herz wegnehmen aus ihrem Leibe und ihnen ein fleischernes Herz geben.“ (Hesekiel 11, 19) Wer sich traut, sich ein „fleischernes Herz“, das zu Einfühlung fähig ist, schenken zu lassen, der kann gar nicht anders, als aus einem neuen Geist heraus zu leben. Es ist der Geist der Liebe: „Ich lebe, doch nun nicht ich, sondern Christus lebt in mir.“ (Galater 2, 20a) Wer den Mut zu dieser „Herz- und Geist-Transplantation“ aufbringt, ließ sich von Gott fangen und vernichten – und gerade so zu Gott hin befreien. Oder in den Worten des islamischen Mystikers Rumi:

Die Liebe ist wie ein Hund. Sie packt uns alle beim Genick und schleppt uns Zappelnde zu Gott.“

Und es ist unsere Angst verbündet mit unserem Hass, die uns dazu treiben, vor diesem Hund zu fliehen!

So entsteht die entscheidende Frage:

Wie geschieht echte Verwandlung? Wie wird aus einem „Kind der Angst“ ein „Kind Gottes“?

Wie geht das: Die Augen der Blinden öffnen, die Gefangenen aus dem Kerker zu führen?

Noch einmal: Ganz sicher nicht durch Gewalt. Mit Gewalt, im Zwang, Elemente, die leider oft zur Missionierung (und Erziehung) gehörten, geschieht keine wirkliche Veränderung. Es bedarf einer radikalen Freiwilligkeit. Aber woher den „freien Willen“ nehmen, solange er gefesselt im Kerker der Angst liegt?

Ausgangspunkt ist nicht, was sein sollte, oder – schlimmer noch – wie der Andere sein sollte. Ausgangspunkt ist das, was ist. Das, was ist, aber ist die Wirklichkeit: die eigene, wie die des Anderen. Dies gilt in gleichem Maße in der Seelsorge wie in der Psychotherapie. Die große Verführung für Seelsorger/Therapeuten/Pfarrer ist, aus Harmoniesehnsucht und Konfliktscheu mit den Selbsttäuschungen des Patienten/der Gemeinde eine Komplizenschaft zu bilden. Oder anders ausgedrückt: Anstatt das Erleben von Enge und Gefangenschaft ernst zu nehmen, wird gemeinsam so getan, als säße man auf einer lichtdurchfluteten grünen Wiese. Erst wenn ich anerkennen kann, dass ich im Gefängnis sitze und darunter leide, entsteht in mir eine Sehnsucht nach Freiheit. Für diese Anerkenntnis aber bedarf ich eines Begleiters, der den Weg aus seinem eigenen Gefängnis heraus gefunden hat. Sitzt er selbst in seinem eigenen Gefängnis, entsteht eine Compliance der Gefangenen – aber keine Entwicklung zur Freiheit hin. Einfacher ausgedrückt: Gefangene reden über Freiheit – anstatt darum zu kämpfen, frei zu werden!

Der Weg in die Freiheit führt Schritt für Schritt hinein in die Unsicherheit. Dies macht diesen Weg so steinig. Gefängnisse sind nämlich die sichersten Orte auf dieser Welt! Ist die Angst vor Unsicherheit zu groß, ist der Hass auf Freiheit zu groß, dann kann auch Rumis Hund der Liebe nichts ausrichten. Er kann nur diejenigen am Genick packen, die bereit sind, sich auch packen zu lassen. Und das geht nicht ohne Leiden daran, wie es ist. Es ist der berühmte „Leidensdruck“, der möglicherweise zu Veränderungen führt. Damit hängt zusammen, dass wirksame Seelsorge/Therapie schmerzhaft ist und schmerzhaft sein muss. Die Taufe, bei der in der Alten Kirche der Täufling unter Wasser gedrückt worden ist, damit er Todesangst verspürt, symbolisiert wirkliche Veränderung. Es ist das Ahnen, dass das Erhalten eines „Neuen Herzens“ und eines „Neuen Geistes“ nur über den Weg des Ertragens von und irgendwie Zurecht-Kommens mit Todesangst führt. Das ist der Preis für wirkliche Veränderung.

Und das ist die Schwäche allen Predigens: Es ist notgedrungen ein „Reden über“!

Die entscheidende Frage lautet: Wie kann ein „Reden über“, das der Verstand versteht, so zu Herzen gehen, dass ein neues, ein „fleischernes Herz“ wachsen kann?

Antwort: Überhaupt nicht.

Rabbi Dow Ber, der Maggid von Mesritsch sagte einmal: „Kein Ding der Welt vermag aus einer Wirklichkeit in eine andere zu kommen, wenn es nicht vorher zum Nichts, das ist zur Wirklichkeit des Dazwischen kam. Da ist es Nichts, und niemand kann es begreifen; denn es ist zur Stufe des Nichts gelangt, wie vor der Schöpfung. Und da wird es zu einem neuen Geschöpf erschaffen, vom Ei zum Küchlein. In dem Augenblick, nachdem die Vernichtung des Eis vollendet ist, und ehe das Werden des Küchleins begonnen hat, ist das Nichts.“ (M. Buber, Die Erzählungen der Chassidim, Zürich 1949, S. 200)

Das Frühere, siehe es ist eingetroffen und Neues verkündige ich. Bevor es sprosst, lasse ich es euch hören.“ Die Rede des Propheten als Gottesrede (Vers 8: „Ich bin Jahwe, das ist mein Name…“) macht deutlich: Diese Rede ist weder den Sinnen noch dem Verstand zugänglich. Es geht um ein radikales Sich-Einlassen in Blindheit, das der Heilige Johannes vom Kreuz als „dunkle Nacht“ bezeichnet. Ein Sich-Einlassen, gegen das sich unsere sinnliche Erfahrung und unser Verstand mit aller Macht sträuben. „Bevor das Neue sprosst …“ – es gibt nichts zu sehen, nichts zu denken. Das Erleben von „bevor es sprosst“ ist das Erleben einer Leere, die Hass und Angst umgibt: Es ist das Entsetzen im Angesicht des Nichts, der „horror vacui“! Der wirkliche und wirksame Gott, der Ich- bin-da-Gott – er ist nicht bei den Götterbildern der Babylonier (Vers 8b) zu finden. Genauso wenig, wie er in dieser Predigt zu finden ist. Er ist nirgends auffindbar. Und gerade so wirkt er: Als „Stimme verschwebenden Schweigens“ (1. Könige 19,12b). Oder als Klang vor allem Werden, allem Sprießen. In der Kabbala ist es der Klang von Aleph, dem unhörbar ersten Buchstaben des hebräischen Alphabetes. Aus diesem Nichts heraus werden Gottes Kinder – getrieben von jenem Geist, der „über dem Wasser schwebte.“ (1. Mose 1, 2b)

Gebe Gott, dass wir den Mut finden, die Klänge der geisterfüllten Stille in dunkler Nacht zu hören, in uns aufzunehmen und nach ihnen uns formen zu lassen, AMEN.

Predigt über 2. Korinther 5, 1-10 am vorletzten Sonntag des Kirchenjahres 2021

Die Guten ins Töpfchen, die Schlechten ins Kröpfchen!“ Sie kennen dieses geflügelte Wort aus Aschenputtel: Mit Hilfe der Tauben gelingt es Aschenputtel, die quälend-sadistische Aufgabe ihrer Stiefmutter zu lösen. Diese hatte Linsen in die Asche geworfen und Aschenputtel sollte sie heraus holen und dabei die guten Linsen von den schlechten unterscheiden. Um etwas auszulesen, muss es vorher unterschieden sein: Eben die schlechten Linsen werden von den guten Linsen unterschieden. Wir könnten hier auch „Auslesen“ vornehmen: Alle, die an einem Tag, mit einer ungeraden Zahl Geburtstag haben. Oder alle, die im November Geburtstag haben usw.

Es gibt also eine „Ordnung“, nach der die Auslese vorgenommen wird. Eine Unterscheidungs-Ordnung. Eine Diskriminierung. Diskriminierung heißt – neutral, ohne emotionalem Beigeschmack – nur „Unterscheidung“. Unterscheidungen sind nötig, um irgend etwas erkennen zu können. Ohne Diskriminierungen sind wir im Nebel des Gleich-Gültigen: und wenn alles gleich-gültig ist, dann ist es beliebig. „Das ist mir gleichgültig“ heißt: Ich habe keine eigene Meinung, keine Position dazu. Erst wenn mir etwas nicht gleich gültig ist, entsteht meine eigene Haltung, die sich von der Anderer unterscheidet.

Dies alles ist solange einfach, solange nicht unsere Emotionen dazu kommen. Und die kommen notwendig dazu, wenn es um Unterscheidungen im Bereich der Moral, der Lebensführung geht. Da gibt es nämlich dann die Guten und die Bösen, die „Gesegneten“ und die „Verfluchten“, die „Böcke“ und die „Schafe“, die Umweltbewussten und die Umweltsünder usw. Und – spannend – sogar Orientierungsangaben können für moralische Kategorien verwendet werden: Rechts ist „recht“, also gut, links ist „link“, also nicht gut.

(Kleiner biographischer Einschub: Gib deine „schöne Hand“ – sagte mir meine Mutter als Kind. Die schöne Hand war natürlich die rechte Hand. Tragische Ironie: Meine Mutter ist Linkshänderin gewesen!)

Gleichzeitig einen klaren und präzisen Standpunkt einzunehmen und offen zu bleiben für seine Relativität: Diese Kunst bildet das Fundament demokratischen Denkens und Handelns.

Der Wochenspruch für die vor uns liegende Woche ist ein Wegweiser für diese Art zu denken: „Wir müssen all offenbar werden vor dem Richterstuhl Christi“ 1. Korinther 5, 10a) heißt es da.

Wer seine eigenen Unterscheidungen, seine eigene Matrix von gut und böse, von falschem und richtigem Leben, absolut setzt, der hält nicht aus, dass in dieser Welt der Richterstuhl Christi, oder Allahs, oder Jahwes unbesetzt, also leer bleibt.

Stattdessen setzt er sich selbst auf diesen Stuhl. Die dazugehörige Haltung ist eine selbstgerechte und überhebliche. Einfühlung, Mitgefühl und Verständnis für anders Denkende ist auf diesem Wege verloren gegangen. An ihre Stelle ist Macht und die Durchsetzung von Macht getreten. In der Erziehung nennt man das „Schwarze Pädagogik.“ Sie ist nicht an Wachstum und Veränderung interessiert, sondern an Unterwerfung und Gehorsam. Auf dem Richterstuhl sitzt ein sadistisch-grausamer Richter.

Ich vermute, dass Paulus – trotz und mit all seinen Versuchen über die Liebe – einen grausamen und hasserfüllten Richter verinnerlicht hatte. Der nicht bereit war, sich an die Natürlichkeit, den organischen Verlauf von Leben anzupassen. Der Tod ist für Paulus sein Tod-Feind. Und er tut alles dafür, diesem seine Macht zu nehmen. Dies macht er im Namen seines Christus – seines Helden. (So bleibt er in der Tiefe dualistischem Denken verhaftet!)

In unserem heutigen Predigttext (2. Korinther 5, 1-10) wird dies gleich am Anfang deutlich.

Wenn das irdische Zelt, in dem wir jetzt leben, nämlich unser Körper, abgebrochen wird, hat Gott eine andere Behausung für uns bereit: ein Haus im Himmel, das nicht von Menschen gebaut ist und das in Ewigkeit bestehen bleibt.” (Vers 1)

Paulus kann offenbar nicht denken, dass mit seinem Tod sein individuelles Leben zu einem hoffentlich guten Ende gekommen ist. Er kann den Tod nur als „Durchgang“ denken. Und das hört sich dann so an:

“Weil wir das wissen, (dass uns ein Haus im Himmel erwartet), stöhnen wir und sehnen uns danach, mit dieser himmlischen Behausung umkleidet zu werden; denn wir wollen ja nicht nackt dastehen, wenn wir den irdischen Körper ablegen müssen. Ja, wir sind bedrückt und stöhnen, solange wir noch in diesem Körper leben; wir wollen aber nicht von unserem sterblichen Körper befreit werden, sondern in den unvergänglichen Körper hineinschlüpfen. Was an uns vergänglich ist, soll vom Leben verschlungen werden. Wir werden auch an dieses Ziel gelangen, denn Gott selbst hat in uns die Voraussetzung dafür geschaffen: Er hat uns ja schon als Anzahlung auf das ewige Leben seinen Geist gegeben.” (Verse 2-5)

Was Paulus hier schreibt, kann ich zunächst einmal sehr gut nachvollziehen: Eine tiefe Sehnsucht nach einer Behausung, die ich nicht mehr verlassen muss. Quasi eine letzte Häutung – und dann ist es gut. Ein letztes tiefes Ausatmen. Ein endlich, endlich Zuhause-Ankommen. Eine Heimat. Ich vermute, nicht wenige unter uns kennen diese Sehnsucht auch. Diese Sehnsucht ist besonders stark bei Menschen ausgeprägt, deren Grundgefühl ist, etwas verloren oder gar nicht erst bekommen zu haben. Es ist ein Gefühl, dass irgendwas nicht stimmt. Sie fühlen sich in der Tiefe nicht wirklich zugehörig, nicht wirklich da. Und so baut sich die Sehnsucht nach einem Ort auf, wo alles richtig ist und vor allem: Wo sie selbst richtig und erwünscht sind. Und weil diese Sehnsucht so heftig ist, erscheint es als unerträglich, dass es keinen „unvergänglichen Ort“ auf dieser Welt gibt. Daraus entsteht der Wunschtraum des Paulus von einer himmlischen Behausung, einem unvergänglichen Körper:

“Wir wollen aber nicht von unserem sterblichen Körper befreit werden, sondern in den unvergänglichen Körper hineinschlüpfen.” Es soll keine Trennung geben, stattdessen einen direkten Übergang von diesen vergänglichen in jenen unvergänglichen Körper.

Der Nachteil dieses Denkens: Alles was ich habe und bin bleibt irgendwie vorläufig. Je mehr Energie in dieser Sehnsucht steckt, desto weniger Energie bleibt für mein Leben in der Gegenwart. (Dieses Geschehen ist im übrigen ein wesentlicher Baustoff für Depressionen. Franz Schuberts Liederzyklus: Die Winterreise hat sehr berührend diese Sehnsucht komponiert: „Fremd bin ich eingezogen – fremd zieht ich wieder aus …“)

Aber zurück: Je mehr ich in die Sehnsucht auf Künftiges investiere, desto weniger Kapital steht mir für die Gegenwart zur Verfügung. Die Gegenwart wird zu einer “Anzahlung auf das ewige Leben”, wie Paulus schreibt. Er verbindet das mit dem „Geist“. Der Geist ist auch und gerade für den Juden Paulus zunächst einmal unser Atem, die Ruach. Wenn und indem ich mich meinem Atem überlasse, kann ich spüren, wie „es“ in mir atmet. Weder atme ich – noch werde ich beatmet. Genau dazwischen geschieht dieses “ES”, das da atmet. Und je stärker und je tiefer ich mich damit verbinde und verbünde, desto näher komme ich dem ewigen Leben. Ewiges Leben heißt für mich, das Leben oder die Lebendigkeit schlechthin, die es seit Milliarden von Jahren auf diesem Planeten Erde gibt. Und welch ein Glück, welch ein Geschenke, dass ich im Rahmen meiner individuellen Lebensspanne daran Anteil haben darf. Ich weiß schon: Wer so denkt, dem bleibt nichts anderes übrig, als den Schmerz der Vergänglichkeit irgendwie zu ertragen. Nur und auf der anderen Seite: Damit hat das Warten auf eine bessere Zukunft ein Ende, und ich bin frei für meine Gegenwart geworden. Und damit wird auch der Teil meiner Lebensenergie frei, der im Warten gebunden gewesen ist.

Oder dasselbe nochmal in einem Bild: Wenn das ewige Leben das Meer ist, so ist jeder von uns ein Wassertropfen in diesem Meer. Nicht mehr aber auch nicht weniger.

Und Leben heißt, an diesem Geschehen teilhaben zu dürfen. Das wird zur Quelle der Freude – unter der Voraussetzung, dass ich mein eigenes Werden und Vergehen und mein gerade so und nicht anders Geworden-Sein bejahen kann. Das ist die eigentliche Herausforderung: Ja zu sagen zu dem, der ich bin.

Eine winziger Wassertropfen im Ozean unendlichen Seins.

Paulus formuliert das so:

“Deshalb bin ich in jeder Lage zuversichtlich. Ich weiß zwar: Solange ich in diesem Körper lebe, bin ich vom Herrn getrennt. Wir leben ja noch in der Zeit des Glaubens, noch nicht in der Zeit des Schauens.

Ich bin aber voller Zuversicht und würde am liebsten sogleich von meinem Körper getrennt und beim Herrn zu Hause sein.

Weil ich mich danach sehne, setze ich aber auch alles daran, zu tun, was ihm gefällt, ob ich nun in diesem Körper lebe oder zu Hause bin beim Herrn. Denn wir alle müssen vor Christus erscheinen, wenn er Gericht hält. Dann wird jeder Mensch bekommen, was er verdient, je nachdem, ob er in seinem irdischen Leben Gutes getan hat oder Schlechtes.”

Ich stimme diesen Gedanken inhaltlich sehr zu. Nur verlege ich sie nicht in eine ferne Zukunft, in ein “danach”, sondern in die Gegenwart. “Die wichtigste Zeit ist der Augenblick”, sagt Meister Eckhart.

Der Augenblick selbst ist ewig! Niemand kann sagen, wann er beginnt und wann er wieder aufhört. Das einzige, was möglich ist, ist, mich dem, was gerade ist mit allem, was ich habe, hinzugeben. Damit relativiert sich mein Leid, das aus meiner Vergangenheit stammt und das mich aus der Gegenwart wegzieht.

Je tiefer ich im Augenblick bin, desto tiefer bin ich da. Einfach so. Mit allem, was mich gerade ausmacht. Das kann Freude sein, das kann Trauer sein, das kann Angst sein, das kann Wut sein. Das kann Trostlosigkeit sein und Verzweiflung.

Im Augenblick ist alles so, wie es gerade ist.

So gesehen hat der Augenblick etwas unendlich Reines, ist er doch befreit von den Wünschen an die Zukunft und dem Hadern über die Vergangenheit.

Im “Augenblick” gibt es auch keine Diskriminierungen mehr. Die Stimme des Augenblickes ist ein tiefes Einverstanden-Sein: “Es ist, was es ist.”

Es ist auch ein Verstanden-Sein mit den eigenen unvermeidlichen Spaltungen, die zu unserem menschlichen Denken hinzugehören.

Dazu möchte ich Ihnen abschließend eine Geschichte erzählen, die ich bei Anthony de Mello gefunden habe. Sie lautet:

Ein Schäfer weidete seine Schafe, als ihn ein Spaziergänger ansprach. “Sie haben aber eine schöne Schafherde. Darf ich Sie in Bezug auf die Schafe etwas fragen?” – “Natürlich”, sagte der Schäfer. Sagte der Mann: “Wie weit laufen Ihre Schafe ungefähr am Tag?” – “Welche, die weißen oder die schwarzen?” “Die weißen.” – “Die weißen laufen ungefähr vier Meilen täglich.” – “Und die schwarzen?” “Die schwarzen genauso viel.” “Und wie viel Gras fressen sie täglich?” – “Welche, die weißen oder die schwarzen?” – “Die weißen.” – “Die weißen fressen ungefähr vier Pfund Gras täglich.” – “Und die schwarzen?” – “Die schwarzen auch.” “Und wie viel Wolle geben sie ungefähr jedes Jahr?” – “Welche, die weißen oder die schwarzen?” – “Die weißen.” – “Nun ja, ich würde sagen, die weißen geben jedes Jahr ungefähr sechs Pfund Wolle zur Schurzeit.” – “Und die schwarzen?” – “Die schwarzen geben genauso viel.”

Der Spaziergänger war erstaunt.

“Darf ich Sie fragen, warum Sie die eigenartige Gewohnheit haben, Ihre Schafe bei jeder Frage in schwarze und weiße aufzuteilen?”

“Das ist doch ganz natürlich”, erwiderte der Schäfer, “die weißen gehören mir, müssen Sie wissen!” – “Ach so! Und die schwarzen?” – “Die schwarzen auch”, sagte der Schäfer.

Lieber Gott, schenke uns die befreiende Einsicht in die Dummheit unserer menschlichen Kategorien. Und verleihe uns die Kraft, uns nicht von ihnen, sondern von der unmittelbaren Schönheit des Augenblicks leiten zu lassen, AMEN.

Meditative Predigtgedanken zum 2. Advent

Kopf hoch!

“Richtet Euch auf und erhebt Eure Häupter, denn Eure Befreiung ist nahe!”

Meditative Gedanken zum 2. Advent (5. Dezember 2021)

Blicke nicht zu weit nach oben: Dann läufst du Gefahr, die Stolpersteine deines Weges zu übersehen und hinzufallen.

Blicke nicht zu weit nach unten: Dann läufst du Gefahr, einen krummen Rücken zu bekommen und von dem Leben, das dich umgibt. nichts mehr mitzubekommen.

Stell dich auf deine eigenen Beine.

Selbst-ständig. Aufrechten Hauptes. Aufrichtig!

Sicher auf dem Mutter-Boden der Wirklichkeit stehend in guter Verbindung mit der väterlichen Höhe, die dich umgibt.

Mag sein, dass die Wirklichkeit dessen, was du in jungen Jahren erlebt hast, für deine kleine, junge Seele unerträglich gewesen ist. Vielleicht sind keimende Triebe aus Unachtsamkeit kaputt gegangen. Vielleicht wurden sie auch rücksichtslos abgeschnitten. Vielleicht bist du viel zu lange allein gelassen worden, im Dunkeln gestanden, so dass du welk geworden bist. Und hast dann gierig die wenigen Sonnenstrahlen, die dich beschienen haben, aufgesogen. Oder du bist viel zu lange ungeschützt in der prallen Sonne gestanden, so dass Vieles, was wachsen wollte, verbrannte.

Wie dem auch sei: Kopf hoch!

Was war, das war. Die einzige Chance, die du in der Gegenwart hast, ist: Der Augenblick, in dem du gerade lebst!

Ich persönlich glaube aus eigener Erfahrung: Wenn du in dein Unbewusstes hinab steigst, deine Träume dir merkst und ernst nimmst und aufmerksam bist für deine Gefühle, kannst du dein Jetzt, deinen Augenblick besser verstehen. Und das wiederum hilft dir, die vermeintlich unerträglichen Gefühle von damals besser zu halten und auszuhalten. Du musst sie dann weder an dir selber, an deinem eignen Körper, ausleben noch an deinen Mitmenschen.

Du kannst natürlich auch den Weg wählen, deine Gefühle und die darin liegenden Schmerzen Tag für Tag zu betäuben. Das Preis ist chronische Müdigkeit, Abgeschlagenheit, Kraftlosigkeit. Nicht selten in Verbindung mit Kopfschmerzen und anderen vegetativen Symptomen.

Und der Preis sind Durchbrüche deiner ungehaltenen Gefühle, für die du dich – wenn du mit dir ehrlich bist – dann wieder schämst.

Ich möchte dich ermuntern, der Wirklichkeit deines Lebens ins Auge zu schauen.

Ich möchte dich ermutigen, das, was du siehst, was du fühlst, was deine Intuition dir sagt, ernst zu nehmen. Versuche es auszusprechen, es in Kontakt mit dir und deinen Mitmenschen zu bringen. Lass dir nichts einreden, was dir nicht einleuchtet. Dann musst du deinen Kopf nicht hängen lassen und beschämt zu Boden schauen.

Versuche bei allem aber auch, dich in die Position deines Gegenübers einzufühlen. Einfühlen heißt, Verständnis für den Anderen zu haben, ohne ihm Recht zu geben.

Das geht nur, indem du dich nicht über deine Mitmenschen erhebst. Deine Arroganz ist nur die andere Seite deiner Depression. Beides hält dich von deinem Leben ab.

Mit erhobenen Kopf durchs Leben gehen heißt nicht, auf die Anderen herabzuschauen. Es heißt:

In der eigenen Mitte zu ruhen.

In ihr spürst du die Kraft der Liebe deines Gottes.

Mit ihr im Bunde wirst du aufhören zu hadern mit dem, wie es gewesen ist.

Mit ihr im Bunde wirst du aufhören zu hoffen, dass es irgendwann anders, besser werden wird.

Mit ihr wirst du auch aufhören dich zu ängstigen vor dem, was kommen wird.

Du weißt es nicht, du kannst es nicht wissen und du musst es auch nicht wissen.

Sei da. Sei da, wo du gerade bist.

Sei ganz da, wo du bist. Mit deinem kühlen Verstand und deinen wohltemperierten Gefühlen.

Drücke dich nicht vor deiner Verantwortung – aber überfordere dich auch nicht.

Aus deiner Mitte heraus kannst du dich vertreten.

Aufrecht und aufrichtig.

Mit Gottes Liebe in deinem Kreuz kannst du dem, was gerade ist, in die Augen schauen.

So wie du deinen Mitmenschen in die Augen siehst.

Wissend, dass auch dies nur ein Augenblick ist.

Dein Leben – die Fülle von Augenblicken. Lebe sie erhobenen Hauptes.

Steht auf und erhebt Eure Häupter, denn Eure Befreiung ist nahe.“

Die Türen deines Gefängnisses sind geöffnet.

Es liegt ausschließlich an dir, ob du den Mut hast, hindurch zu gehen.

Hinein in deine Freiheit.

Dazu verhelfe uns der stets kommende Gott durch Jesus Christus, unseren Herrn, AMEN.

Predigt über Römer 10, 9-17 am 17. Sonntag nach Trinitatis 2021

Liebe Gemeinde,

“Herr, wer glaubte unserem Predigen?” (Jesaja 53,1)

Dieser Satz des Propheten Jesaja steht am Ende unseres heutigen Predigttextes, ein Abschnitt aus dem Römerbrief des Paulus.

Paulus deutet das so: “So kommt der Glaube aus der Predigt; das Predigen aber durch das Wort Christi.”

Nun – vor dem Glauben steht das Hören. Das Zuhören. Das Hören auf das, was ein anderer, z.B. ein Prediger zu sagen hat.

Zur Veranschaulichung: Jeder, der die Mühe auf sich nimmt, einen Hund zu erziehen, weiß, dass alles damit beginnt, dass der Hund überhaupt bereit ist, auf mich zu hören. Dazu muss ich irgendwie mit ihm in Beziehung kommen. Ihn irgendwie darauf aufmerksam machen: “Hey, es gibt mich. Ich bin mehr und Anderes als das Ende deiner Leine! Ich will zum Beispiel, dass du neben mir gehst, wenn ich ‘bei Fuß’ sage.“ Indem der Hund erlebt, dass dieses “Ich will jetzt was von dir!” attraktiv ist, wird er sich erreichen lassen. Oft ist das ein “Leckerli”! Oder eine Streicheleinheit. Oder beides. Auf der anderen Seite: Ich muss glaubwürdig sein. Man nennt das auch konsequent. Wenn ich einmal den Hund beschimpfe, dass er an der Leine zieht, ein anderes Mal mich von ihm durch die Gegend ziehen lasse, herrscht Willkür in unserer Beziehung. Die Konsequenz: Der Hund lernt: Was mein Herrchen oder Frauchen sagt, ist nicht ernst zu nehmen.

Dies erfordert für den Hundeführer viel Klarheit, Nüchternheit, Präsenz: und – ganz wichtig – den Verzicht auf eine bestimmte Art der Befriedigung. Es ist der Abschied von etwas Sentimentalem: Der Hund möge gerade so sein, wie ich ihn brauche, um glücklich zu sein. Dies gilt nun auch für jede Art von Beziehungen zwischen uns Menschen: Je mehr ich darauf angewiesen bin, von meinen Mitmenschen befriedigt zu werden, je bedürftiger ich bin, desto schwerer habe ich es im Leben.

Ich habe lange gebraucht und es fällt mir immer noch schwer zu akzeptieren, dass das so ist.

Meine große Frage, wenn ich eine Predigt schreibe lautet stets: Wie komme ich mit den Menschen, denen ich meine Predigt halte, in Kontakt, in Beziehung? Wie erreiche sie? Es ist noch gar nicht so lange her, dass dazu sich ein neuer Gedanke gesellt: Ich bin nicht davon abhängig im Sinne von „darauf angewiesen“, die Gemeinde zu erreichen. Das schafft einen Spielraum, einen Freiheitsraum. Zwischen Gemeinde und Pfarrer, zwischen mir und Euch! Der Preis für diesen Spielraum ist die Anerkenntnis: Die Kraft meines Predigens endet – im übertragenen Sinne – wo Eure Kirchenbank beginnt. Weiter komme ich nicht. Und weiter darf ich auch nicht kommen. Das wie in der Arbeit mit Raubtieren: Jeder Löwe, jeder Tiger hat seinen Individual-Raum. Und es ist gut für den, der mit diesen Tieren arbeitet, diesen auch zu respektieren.

Anders ausgedrückt: Was Ihr mit meinen Worten, Sätzen, Gedanken macht, wofür Ihr die verwendet, das habe ich nicht mehr in der Hand. Auch wenn ich versuche noch so schmackhaft zu predigen, noch so viele Leckerli in meiner Predigt verpacke … es gibt Hunde, es gibt Menschen, die ein: “Wenn ich nicht will, dann will ich nicht!” ausstrahlen und leben.

Als Prediger oder Hundeführer habe ich verloren, wenn mich das kränkt. Meine Bedürftigkeit, von Euch „gehört“, „wahrgenommen“ zu werden, schwächt meinen Standpunkt erheblich. Meine Bedürftigkeit macht mich unfrei – dem Hund gegenüber und Euch als Gemeinde gegenüber. Und dies gilt für jede Art zwischenmenschlicher Beziehung: Zwischen Eltern und Kindern, zwischen Ehepartnern, zwischen Freunden zwischen Christen in der Gemeinde und eben auch zwischen Tieren und Menschen.

(An dieser Stelle ist es mir ein Bedürfnis, den Tieren zu danken, die mich dies gelehrt haben und alltäglich lehren!)

Wenn ich jetzt also Ihnen ein paar Gedanken zu dem Predigttext, den Sie vorher gehört haben, anbiete, so sind das meine ganz eigenen Gedanken. Ich erhebe keinen Anspruch darauf, dass ich mit diesen Gedanken „die Wahrheit“ verkünde. Es sind meine Gedanken und in Ihnen steckt natürlich meine Persönlichkeit, mein individuelles Geworden-sein. Ich greife zwei Abschnitte aus dem Text heraus:

Erstens: „Wenn du mit deinem Munde bekennst, dass Jesus der Herr ist, und in deinem Herzen glaubst, dass Gott ihn auferweckt hat von den Toten, so wirst du gerettet. Der wer mit dem Herzen glaubt, wird gerecht; und wer mit dem Mund bekennt, wird selig.“ (Vers 9-10)

Solche vollmundigen Sätze widerstreben mir. Ich maße es mir nicht an, zu beurteilen, wer unter welchen Bedingungen gerettet, gerecht oder selig wird. Aber ich weiß aus eigener Erfahrung und aus meiner seelsorgerlich-therapeutischen Arbeit: Für körperlich-seelisches Wohlergehen genügen diese Sätze nicht. Es kann geradezu zynisch sein, einem in großer seelischer Not befindlichen Mitmenschen zu sagen: Du musst Jesus als deinen Herrn mit dem Munde bekennen und im Herzen glauben. Und ich weiß aus eigener Erfahrung: Ich kann niemanden retten: nicht als Pfarrer, nicht als Therapeut.

Das heißt auf der anderen Seite nicht, dass Seelsorge oder Therapie sinnlos ist. Was der Therapeut/Seelsorger nämlich kann, und was er gelernt haben sollte, ist: Den Anderen in seinem So-geworden-Sein (und das ist zugleich sein Anders-Sein) wahrzunehmen und Ernst zu nehmen. Damit ist zugleich die Grenze der Möglichkeiten von Seelsorge benannt: Wer zu viel Angst davor hat, gesehen zu werden, dessen Schutz ist der Rückzug. Kompliziert wird es allerdings dann, wenn jemand zugleich gesehen werden will und sich versteckt. Das Zusammensein mit solchen Menschen erfordert sehr viel Kraft und noch mehr Geduld. Mein schwarzer Talar eignet sich im übrigen bestens dafür, mich in ihm bzw. in der Rolle des Pfarrers zu verstecken. Dann predige zwar mit dem Mund aber nicht meinem Herzen. Ich vermute, die aufmerksamen Zuhörer unter ihnen würden das spüren. Man sagt dann: „Irgendwie ist er nicht rüber gekommen.“ Das liegt daran, dass er/sie/es nicht wirklich präsent gewesen ist. Oder, mit Paulus: Dass er nicht mit dem Herzen geredet hat. Dies gilt natürlich auch für unsere Politiker, die sich heute zur Wahl stellen.

Zweitens: „Wie sollen sie aber den anrufen, an den sie nicht glauben? Wie sollen sie aber an den glauben, von dem sie nichts gehört haben? Wie sollen sie aber hören ohne Prediger? Wie sollen sie aber predigen, wenn sie nicht gesandt sind?“ (V.14-15a)

Die Aufgabe des Predigers nach Paulus ist es also, das, woran die Menschen glauben sollen, bekannt zu machen. Für Paulus ist das sehr eindeutig: „Dass Jesus der Herr ist, der von den Toten auferweckt worden ist.“ Das ist die Mitte, das Herz der paulinischen Botschaft: Der auferstandene Gekreuzigte. In und durch ihn ist jeder, der an ihn glaubt – egal ob Jude oder Heide – gerettet.

Auch dies kann ich leider nicht so eindeutig und überzeugend predigen, wie das Paulus konnte. Ich kann das deshalb nicht, weil ich das in der Tiefe meiner Seele oder auch mit meinem Herzen so nicht glauben kann. Es ist zu weit weg von meinem Erleben. Was mir zu Herzen geht, das ist die Botschaft, die die der lebendige Jesus hatte. Was mich berührt, das ist seine Predigt von der Gottesliebe und der Nächstenliebe. Es sind Sätze wie dieser: „Du siehst den Splitter im Auge deines Nächsten – den Balken im eigenen Auge siehst du nicht!“ Hier beginnt für mich christliche Existenz, christliches Leben in der Nachfolge Jesu: Mit dem Willen und dem Mut, den Balken, den Schatten im eigenen Auge kennen zu lernen. Und sich einzugestehen, dass der vermeintliche Splitter im Auge meines Nächsten von meinem eigenen Balken abgesplittert ist. Mit anderen Worten: Dass all’ meine Gedanken und Sätze über meine Mitmenschen Projektionen meiner Selbst sind. Melanie Klein hat einmal gesagt, dass wir Menschen in der Tiefe gar nicht fähig sind, andere Menschen zu erkennen. Alles, was wir über andere sagen, sind in der Tiefe Aussagen über uns selbst. Diese Erkenntnis ist besonders unangenehm, wenn wir das auf unsere Bewertungen bzw. Abwertungen von anderen Menschen anwenden.

Und damit kehre ich am Ende meiner Predigt zu ihrem Anfang zurück:

Herr, wer glaubte unser, Predigen?“ Paulus verwendet dieses Jesajazitat nicht dafür, sein eigenes Predigen zu hinterfragen. Er macht daran den Ungehorsam derer fest, die nicht glaubten. Dahinter steht die Strategie, sich selbst nicht in Frage stellen zu müssen. Gefährlich und destruktiv wird dieser Gedanke, wenn er sich verbündet und verbindet mit Konsequenzen derart: Wer mir nicht glaubt, ist ungehorsam und muss bestraft werden. Das ist der direkte Weg in eine totalitäre Religion und am Ende in einen Gottesstaat. Hätte Paulus den Mut zu Selbsterkenntnis aufgebracht, so würde er erkennen, dass es um sein eigenes Gekränkt-sein geht, wenn ihm jemand nicht glaubt. Dieses äußert sich als Ärger über die „Ungläubigen“ und führt zu ihrer Beleidigung. In totalitären religiösen Regimen wird der Name „Gott“ dafür missbraucht, den eigenen Hass ausleben zu dürfen. Wer es hingegen wagt, sich selbst kennen zu lernen, wird dieses Geschehen auch bei sich finden: Der Andere hat mich nicht so befriedigt, wie ich das erwartet habe, also wird er (völlig zurecht) bestraft. Ein moderne, sublime Form dieser Bestrafung ist der Beziehungsabbruch: Der Andere ist ab sofort Luft für mich!

 

Ein ganz anderes Denken lehren die Mystiker. Zum Beispiel der islamische Mystiker Rumi, übrigens ein Zeitgenosse von Meister Eckhart. (Beide lebten im 13. Jahrhundert!).

In einem Gespräch gibt er Anteil daran, woraus seine Gedanken quellen:

Ich sage, was immer aus dem Verborgenen kommt. Wenn Gott will, dann macht er dieses bisschen Rede nützlich und lässt es sich in Eurer Brust festsetzen, und es bringt gewaltigen Nutzen. Wenn Gott nicht will, können hunderttausend Worte gesprochen sein, und keines würde sich im Herzen festsetzen; sie alle würden vorüber gehen und vergessen werden. …

Ich hoffe zu Gott, dass Ihr diese Worte auch mit Eurem Herzen hört, denn das ist nützlich. Wenn tausend Diebe von außen kommen, können sie die Tür nicht öffnen, solange sie drinnen keinen Diebeskomplizen finden, der von innen öffnen kann.“ (Von Allem und vom Einen, München 2008,S. 129-130)

In dieser Haltung zu predigen und zu leben erfordert viel Demut und Zurückhaltung. Und es entlastet und befreit! Ich habe als Prediger nicht die Möglichkeit, Eure Herzen zu erreichen. Das kann nur Gott allein. Was ich kann und wozu ich mir bei jeder Predigt Mühe gebe, ist, Gott den Weg zu bereiten. Zu Ihren Herzen, zu meinem Herzen.

Gebe Gott, dass Sie und ich immer wieder einen Diebeskomplizen in unserm Innern finden, der uns hilft, die Tür zu öffnen, auf dass Gott selbst in unser Inneres hineinkommen kann, AMEN.

Der erste Band meiner Predigten ist auch im Buchhandel erhältlich!

Unter dem Titel: “Gott geschieht im Dritten. Therapeutische Predigten Band 1” (Fromm Verlag 2012) sind jetzt Predigten nachlesbar. Der Band enthält auch eine ausführliche Einleitung zu meinem Predigtverständnis.

Das Buch umfasst 150 Seiten und kann auch bei mir direkt (über Mail) bestellt werden. Es kostet 30 Euro.

Ein zweiter Band ist in Vorbereitung.

 

In Corona-Zeiten finden Sie einen Gottesdienst zu Karfreitag und Ostern unter folgendem Link:

 

 

 

Der Seele Nach-Denken. Keynote beim Symposion von systemworx am 10.1.2015

Der Seele Nach-Denken.

“Was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne

und doch Schaden nähme an seiner Seele?” (Markus 8,36)

Von Lothar Malkwitz

(Unveröffentlichtes Manuskript; alle Rechte beim Autor)

VORBEMERKUNG

Andere Klänge“: wörtlich genommen → ist Ausdruck des Denkens im Konkreten.

Es ist wichtig, sich darüber Gedanken zu machen, welche Bedeutung jemand einem Wort, einem Satz verleiht. Wofür er den Satz in seinem Denken verwendet. Es gibt Menschen, die denken ausschließlich im Konkreten. Sie haben den „Transfer“ , die „Transformation“ in einen anderen Bereich nicht gelernt. „Andere Klänge“ sind dann „andere Klänge“. Dass „andere Klänge“ eine Metapher ist, „für etwas Anderes steht“, etwas anderes bedeutet, ist ihnen nicht zugänglich.

Und/oder: es ist gefährlich. Bedrohlich. Denn alles „Andere“ („Fremde“, „Unbekannte“) stellt das „Eigene“ in Frage. Je unsicherer ich meines Eigenen bin, desto bedrohlicher, verunsicherndes ist es, mich in meinem Eigenen in Frage zu stellen.

Wer mich in Frage stellt ist mein Feind!

Das hat damit zu tun, dass wir von früh an ein Denken gelernt haben, das beurteilt.

Das Klingen der Klangschale – „andere“ Klänge: ist „anders“ „besser“ oder „schlechter“ ? Ist systemische Therapie besser oder schlechter als Psychoanalyse?

In solchem Denken ist ein „Gegeneinander“ entstanden:

Tao Kapitel 2:

Erst seit auf Erden ein jeder weiß von der Schönheit des Schönen, gibt es die Hässlichkeit;

erst seit ein jeder weiß von der Güte des Guten, gibt es das Ungute.“

Ich möchte mit Ihnen gemeinsam versuchen, nicht in die Falle des Beurteilens zu tappen. Das heißt: ich will mit Ihnen versuchen, dass wir in einer Atmosphäre uns austauschen, in der Raum ist für das „Andere“, das „Fremde“.

Ein weiterer vertrauter „Klang“ oder eine vertraute „Tönung“ unseres Denkens ist es, kausal zu denken: „warum klingt die Klangschale?“ Darauf bekommt man dann eine naturwissenschaftlich korrekte Antwort:

Die Schwingungen des Schalls breiten sich in alle Richtungen aus. Das heißt, wenn wir reden, hört man das in alle Richtungen, nicht nur in die Sprechrichtung. Dieselbe Auswirkung ergibt sich, wenn man einen Stein gerade ins Wasser fallen lässt. Dabei sieht man die Ausbreitung von Wasserwellen. In der Klangschale bewirken diese Wellen durch das Phänomen der Interferenz ein Vibrieren der Schale, wodurch ein Ton entsteht usw. …“

Sie sehen: naturwissenschaftliches Denken ist konkret. Und es ist kausal: wenn … dann. Im kausalen Denken ist etwas „zerfallen“: nämlich in Ursache und Wirkung. Diese Art zu denken hat Karriere gemacht und es funktioniert hervorragend – für Maschinen. Nur: wir Menschen sind Lebewesen, unsere Seele ist etwas Lebendiges. Diese Art zu denken lässt sich auch auf Moral anwenden: dann findet ein „Zerfall“ in Täter und Opfer statt.

Ich glaube nun, dass unsere Seele eine andere Art des Denkens benötigt und auch selber anders denkt. Nämlich in „Ganzheit“. Ich glaube, dass eine gesunde Seele eine heile Seele ist (und Heil-sein heißt ja wörtlich „ganz“ „unversehrt“ sein – so gesehen waren die „Heiligen“ keine Superhelden, sondern Menschen, die sich um „Ganzheit“ bemüht haben). Und Voraussetzung des Klingens der Klangschale, des Schwingens unserer Seele ist – „aus einem Guss“ – „ganzheitlich“ zu sein.

Das Klingen der Klangschale korreliert mit weiteren Elementen, die zu ihr gehören:

diese Elemente sind: ihre Hohlheit (Leere) – Ihre Freiheit und ihr Ganzsein (aus einem Guss)

Übertragen: eine leere eine freie und eine unversehrte Seele klingt, schwingt…

Aber was ist das? Was ist überhaupt die Seele?

Versuch einer Annäherung:

Wir Menschen sind Säugetiere.

Unser auf der Welt-Sein, unser „Uns-Spüren“ hängt unmittelbar damit zusammen, dass wir Angewiesene sind. In unserer frühen Zeit, als wir klein waren, waren wir abhängig von einer Brust, die uns nährende Milch gab. Milch, die uns wachsen ließ. Dies gilt auch im übertragenen Sinne. Wir brauchen Menschen, die uns begleiten. Gefährten. Menschen, die auch in Gefahr zu uns halten, die versuchen uns zu verstehen. Das tut gut. Das nährt.

Unsere Seele ist das „Speicher-Organ“ (die Schale), in dem unsere Beziehungserfahrungen „abgespeichert“ – „ver-innerlicht“ sind. Und natürlich auch unsere Nicht-Beziehungs-Erfahrungen: unser Allein gelassen werden – unser Gebraucht- und Missbraucht-Werden, unser im Stich-gelassen-Werden usw. Dieses Organ ist bei allem, was wir erleben mit dabei. In ihm ist das Schicksal unseres Hungers nach Nahrung und nach Zuwendung abgespeichert. In ihm ist das Schicksal unserer Enttäuschungen und unseres Hasses abgespeichert. In ihm ist das Schicksal unseres Wertes und unserer gefühlten Existenzberechtigung abgespeichert. In ihm ist das Schicksal unserer Sehnsüchte und unserer Liebe abgespeichert. Und nicht zuletzt: in ihm ist das Schicksal der von uns erlebten Beziehung, die unsere Eltern zu einander hatten, abgespeichert: ihre Liebe, ihr Hass, ihr Nebeneinanderher-Leben, ihre Trauer, ihr Glück, ihr Sich-gegenseitig-Quälen. Glücklich das Baby, das in der Sicherheit einer liebevollen Elternbeziehung aufwachsen darf. Es hat gelernt, dass der „Andere“, der „Fremde“ keine Bedrohung sondern eine Bereicherung bedeutet.

Publikum: meditatives Schweigen (kleine Anleitung)

Erstens: Der Seele Nachdenken

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

die Situation, in der ich gerade bin, dürfte jedem von Ihnen bekannt sein.

Ich stehe vor einer Gruppe, die ich wenig kenne.

Ich habe einen Auftrag. Ich soll ein Referat halten.

Mit dem Auftrag verbinden sich Erwartungen.

Von Ihnen zu mir.

Von mir zu Ihnen.

Aber auch: von mir zu mir selbst.

Und: Von Ihnen zu sich selbst.

Welche Erwartungen das genauer sind, ist nur zum Teil unserem Bewusstsein zugänglich. Zum größeren Teil sind sie unbewusst. Oft merkt man erst im Nachhinein – an einem diffusen Gefühl von Enttäuschung – dass offenbar Erwartungen nicht erfüllt worden sind.

Eine ebenso häufige wie schwierige Erwartung ist die, dass „mir das auch nichts bringen wird.“ Diese Erwartung ist umso stärker, je mehr jemand fremd bestimmt an einer Veranstaltung teilnimmt. Ich denke, Sie kennen das aus Situationen, wo jemand ein Coaching „aufs Auge gedrückt bekommen hat“. Bei mir sind das die „Patienten, die eine Therapie machen müssen, weil mein Arzt, meine Frau … meint, ich brauche eine…“ (Ich arbeite mit solchen Menschen nicht.)

Erwartungen haben es an sich, Druck aufzubauen.

Mir hilft dabei folgende Einsicht:

Nicht ich lerne von Ihnen.

Nicht Sie lernen von mir.

Wir sind gemeinsam auf ein Drittes ausgerichtet, das vielleicht zwischen uns entsteht.

Zwischen uns“ – das heißt: da gibt es einen Raum. Einen „Zwischen-Raum“. Zu diesem gehört z.B., was wir hier allesamt freiwillig beisammen sind. Freiwillig verbringen wir unsere (kostbare) Lebenszeit miteinander! Ich finde es ist nicht unbedeutend – obwohl es so selbstverständlich scheint – sich dies klar zu machen!

Der Seele Nachdenken“ habe ich meine Gedanken genannt.

Wichtig ist dabei: „Nachdenken“ groß zu schreiben. Heißt: ich denke nicht über die Seele nach – sondern es geht um der Seele Nachdenken selbst.

Der Unterschied „äußerlich“ ist winzig: ob man einen Buchstaben klein oder groß schreibt.

Die Bedeutung ist etwas völlig Anderes.

Nachdenken“ klein geschrieben bedeutet: „über die Seele nachdenken“. Damit wird ein Subjekt postuliert, das gleichsam „von außen“ über die Seele nachdenkt. Die Seele wird dann zu einem Gegenstand, über den nachgedacht wird.

Der Seele Nachdenken groß geschrieben heißt: die Seele selbst ist das Zugrundeliegende, ist das Subjekt.

(N.B.: Im Hebräischen heißt Halal: jubeln, Gott preisen. Chalal bedeutet: „entweihen“ und „durchbohren“ – der Unterschied besteht darin, dass dem ersten Buchstaben eine Öffnung fehlt!)

Es ist von größter Bedeutung in unserer alltäglichen Arbeit, auf kleinste Details zu achten.

Zurück und zur Veranschaulichung:

Der Seele Nach-denken“ ist etwas anderes als „über die Seele nachdenken.“ „Über“ scheidet, legt ein „räumliches Darüber-Stehen“ nahe, wie auf einem Berg stehen, von dort aus sich einen „Über“-Blick verschaffen. In diesem Über-Blick kann man das Verständnis der Seele in den verschiedensten Kulturkreisen sich anschauen. Oder man schaut sich an, wie die Seele funktioniert, entwirft eine Lehre über die Seele.

Sie haben wohl schon bemerkt, dass ich anderes mit Ihnen vor habe.

Wir wollen versuchen, gemeinsam einen Weg zu gehen. Und dieser Weg will ermutigen, sich selbst aufzumachen, das Wagnis einzugehen, den Weg zum Erleben der eigenen Seele zu beschreiten. Bereits hier scheint der Weg schnell zu Ende zu sein: kann doch kein Buch/Vortrag dieser Welt das Erleben der eigenen Seele beschreiben. Die „Kunst“ (in des Wortes doppelter Bedeutung) ist es, einen Weg zu finden, der nahe genug am Erleben und entfernt genug von einmaliger Individualität sich bildet.

Der Seele Nachdenken“ bedeutet: „eintauchen“ in das Er-Leben der Seele selbst. Dies ist der psychoanalytische ebenso wie der mystische Zugang zur Seele.

Beispiel: man kann sich darüber austauschen, was das Wort „danke“ in den verschiedensten Sprachen bedeutet, oder man kann versuchen, „dankbar zu werden“. „Erlebte Dankbarkeit“.

Meister Eckhart hat in einer seiner Predigten gesagt: „Wäre das Wort ‘danke’ das einzige Gebet, das du je sprichst, so würde es genügen.”

Danke“ entstammt etymologisch demselben Stamm wie „denken“. Den „Gedanken“ merkt man noch vom Wortklang her ihre Nähe zu „danken“ an. „Dankendes Denken“ ist ein Denken, das anerkennt: es kann sich nicht selbst, nicht aus sich selbst heraus erschaffen. Dankendes Denken weiß: es verdankt seine Existenz einem oder etwas Anderen. Dankendes Denken ist bezogenes Denken: bezogen in Dankbarkeit. Je tiefer ich meines Lebens als eines Geschenks gewahr werde, desto leichter geht mir das Danklied über die Lippen. Allerdings unter einer Voraussetzung: dass ich bereit bin, dieses Geschenk: „mein Leben“ zu empfangen. Dass ich bereit bin, mich diesem Geschenk: „mein Leben“ hinzugeben. Das Nachdenken der Seele ist ein dankbares. Die undankbare Seele kann nicht nachdenken. Sie muss unendlich wiederholen. „Und täglich grüßt das Murmeltier.“ Sie verwechselt die Gegenwart mit der Vergangenheit. Und auch die Zukunft ist eine Neuauflage der Vergangenheit. Sie merken: hier gibt es keine Zeit mehr. Nur geronnene Ewigkeit. Je gebrochener, „zerfallener“ die Seele ist, desto schwerer hat sie es mit dem nach-denken. Nach-denken bedeutet nämlich: immer tiefer mein Leben in seinem „So-und nicht Anders-Geworden-Sein“ zu akzeptieren. Einschließlich all’ dessen, was meine Eltern/Erzieher/Gefährten mir schuldig geblieben sind – einschließlich all’ dessen, was ich meinen Mitmenschen, meinen Eltern/Erziehern/Gefährten schuldig geblieben bin. Dieses Nach-Denken ist nur möglich, wenn „Vergebung“ erlebt werden kann. „Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern!“

(Nebenbei: im Griechischen heißt „Dank“ „Charis“: die Grundbedeutung von „Charis“ ist „Geschenk, Gnade“…)

Diese Gedanken beruhigen. Inwiefern? Sie entlasten. Wenn Sie vor einer Gruppe stehen, sich gewissenhaft vorbereitet haben, sich große Mühe geben usw. … das Entscheidende können Sie nicht “machen” – das Entscheidende ist: was das “anrichtet”, wohin das fällt – Sie wissen es nicht. Es ist ein „Geschenk“

Diese Gedanken beunruhigen: wir haben viel, viel weniger im Griff, als wir meinen. Unsere Gedanken können erhebliche emotionale Turbulenzen bewirken, insbesondere jene, die sich mit der Wahrheit verbünden. Früher konnte man dafür schnell am Kreuz enden. Die Welt hat er nicht gewonnen…

Je stärker die Fähigkeit zu vertrauen, desto erträglicher wird die Beunruhigung. Verschwinden wird sie wohl nie. Leben ohne Ängste kann ich mir nicht vorstellen.

Aber: Je stärker das Vertrauen, desto kleiner die Ängste.

Zu einem starken Vertrauen gehört unabdingbar ein gesundes Misstrauen – sonst handelt es sich nicht um Vertrauen sondern um Naivität. Es geht darum zu erkennen, bin ich in einem gesunden, förderlichen Prozess. Beruflich (auch privat)

Gesund heißt: ganzheitlich – dass es aufs Ganze gesehen stimmt. Dass es aufs Ganze gesehen ein konstruktiver Prozess ist. Die Alternative dazu ist Zerfall. Zerstörung.

Murmelgruppe: Wovor habe ich Angst? Sind meine Ängste diffus oder klar umschrieben?

Kenne ich Beziehungen, die von Vertrauen getragen sind? Worein vertraue ich eigentlich?

Zweitens: ZERSTÖRUNGEN

Das Problem ist, dass auch Krebsgeschwüre wachsen. Und zwar am Beginn in der Regel schmerzlos. Unser deutsches Wort “Wachstumsschmerzen” bezieht sich auf die Schmerzen eines gesunden Wachstums. Ich weiß nicht genau, was diese Einsicht bedeutet: aber sie scheint mir der Erwähnung wert.

W. Bion hat zerstörerische Beziehungen als “parasitär” bezeichnet: “In der parasitären Beziehung ist das Resultat für beide Partner zerstörerisch.” Bion ist der Annahme, dass es im Besonderen der Neid ist, der zu parasitären Beziehungen führt. Neid ist ein sehr frühes Gefühl, in dem sich ein “Ich” ausgehungert und verarmt fühlt und als einzigen Ausweg die Möglichkeit in Betracht kommt, einen “Wirt” zu finden, den es “ausbeuten” kann. Neid kennt keinen “Zwischen-Raum”: die Art der Verbindung ist eine solche, “sich des Anderen zu bemächtigen”. Eine Wahrnehmung des Anderen als „Anderen“ findet nicht statt.

Wie kommt es zu parasitären Beziehungen? Auf der Seite des Parasiten geht es um Existenzängste. Er braucht den Wirt, sonst verhungert er. Im Seelischen braucht der Parasit die Wärme, die Kreativität, die Lebendigkeit des Anderen. Der Wirt – auf der anderen Seite – ist süchtig nach Bewunderung. Diese Sucht macht ihn verführbar für Parasiten. Der Preis ist wie gesagt hoch: er führt zur Zerstörung der Beziehung und – im, schlimmsten Fall – zur Zerstörung von Wirt und Parasit selbst.

Ich habe als Beispiel für parasitäre Beziehungen auf somatischer Ebene bereits die Krebserkrankung genannt. Natürlich finden sich auch in Unternehmen parasitäre Beziehungen. Es ist wichtig, diese zu erkennen. Ein sicheres Element ist, wenn sie es mit Menschen zu tun haben, deren Zentrum es ist, bewundert zu werden. Marilyn Monroe hat einmal gesagt: „Berühmt zu sein ist etwas Wunderbares. Aber es wärmt nicht, wenn dich in der Nacht friert!“

Und natürlich steht hinter dem Drang, berühmt zu sein, eine tiefe Sehnsucht danach, wahrgenommen, gesehen zu werden. Nur in der Bewunderung, bzw. in meinem dringenden Wunsch, bewundert zu werden, vergesse ich, dass es gar nicht um mich, sondern dass es um ein Drittes geht und dass meine Aufgabe es ist, Medium für dieses Dritte zu sein. Dieses Dritte ist der Auftrag/ Job, den ich zu erfüllen habe – in unserem Fall, Ihnen dieses Referat zu halten. Es geht nicht darum, wie Sie mich finden, sondern inwieweit Sie mit den hier geäußerten Gedanken in Schwingung kommen können, oder eben auch nicht.

Eine andere Verführung für parasitäre Beziehungen ist Existenzangst. Wenn ich der Meinung bin, dass ich diesen oder jenen Job unbedingt brauche, sonst gehe ich ein, bin ich maximal verführbar, mich auf einer anderen Ebene ausbeuten zu lassen. Es ist so, dass das Verlassen von parasitären Beziehungen mit heftigen Ängsten einhergeht. Werde ich es überleben, wenn ich sage: das mache ich nicht – oder so mache ich nicht mit usw. ?

Auf der anderen Seite: irgendwo und irgendwie spürt meine Seele, wenn ich sie im Stich lasse oder sogar verrate, indem ich gegen meine tiefen inneren Überzeugungen etwas mache. Sie meldet mir dies zurück in Gefühlen diffuser Unzufriedenheit, leichter Reizbarkeit, depressiver Verstimmungen – und in der Suche nach Betäubungen und Ablenkungen. Auch hier gibt es individuell große Variationsbreiten.

Ich glaube, das verbreitete „burn out“ ist in der Tiefe nichts anderes, als eine ausgebeutete Seele, die nicht mehr kann. Das Problem ist, dies zu erkennen. Viele Menschen kommen zur Therapie (oder ins Coaching?) um „wieder so zu funktionieren wie bisher.“ Sie wollen die Botschaft ihrer depressiven Gefühle nicht „einsehen“ – sie wollen sie nur los haben.

Fragen: An welcher Stelle bin ich selbst in der Gefahr, ein Parasit zu sein?

An welcher Stelle bin ich in der Gefahr, mich als Wirt zur Verfügung zu stellen?

Gibt es Rückmeldungen meiner Seele, die ich ignoriere? Und wenn ja – welche?

Drittens: SCHUTZ VOR KORRUPTION

Korruption, Parasitäres findet stets in einer solchen Beziehung statt, bei der „Zwischen-Raum“ zerstört ist. Es geht um entweder (ich) – oder (du). Es gibt keinen hilfreichen „Dritten“, der die „Beiden“ schützt und hält. Andersherum: in der parasitären Beziehung findet die Korruption, der Betrug am Dritten statt. Der Dritte, das können meine Werte und Überzeugungen sein, das kann der Staat sein, das kann der betrogene Ehemann (oder -frau sein).

Noch einmal anders gewendet: in der parasitären Beziehung ist der „Dritte“ exkommuniziert: wörtlich: er darf nicht mitreden, weil ihm wesentliche Informationen vorenthalten werden. Zur parasitären Beziehung gehört wesentlich Heimlichkeit.

Es ist der gute Rahmen einer Beziehung, der diese vor Korruption schützt. Dies gilt ebenso für unsere Seele.

Eine gesunde Seele ist eine „gerahmte“ Seele. Es ist der Rahmen oder die Umrahmung, über die unsere Klangschale zum Klingen kommt. Sie können zu Rahmen auch „Grenze“ sagen oder „Vereinbarung“, oder „Regel“ oder „Setting“.

Fällt der Rahmen weg, geschieht Zerstörung. Rahmenlos heißt „ungehemmt“, „gierig“ „kein Halten mehr kennen“. Alle Ausbeutung, aller Missbrauch geschieht in Rahmenlosigkeit.

Das Problem ist, dass viele Menschen „Rahmen“ in ihrer Kindheit nicht als Sicherheit spendenden Schutz erleben durften, sondern als (über-)fordernde, hartherzige und bestrafende Instanz erlebt haben. (Das ist der Rahmen vieler Religionen, die meinen, der Weg zu Gott führe darüber, sich selbst und andere zu quälen.) So dass Leben bedeutete, sich Schlupfwinkel und Nischen zu suchen, in denen der gehasste Rahmen „ausgetrickst“ wurde. So dass viele Menschen meinen, sich „ganzheitlich“ („aus einem Guss“) an einen Rahmen zu halten, ist Selbst-Vernichtung. In der Regel wurde dies von den „Großen“, den „Eltern und Erziehern“ vorgelebt.

Jesus hat dies pointiert formuliert, wenn er sagt: „Nicht der Mensch ist um des Sabbats willen, sondern der Sabbat um des Menschen willen!“ (Markus 2,27)

Das heißt aber nun nicht: der Sabbat ist aufzulösen, der Rahmen ist zu vernichten. Im zerstörten Rahmen herrscht Anarchie, Willkür. Jeder ist dem Anderen und sich selbst ausgeliefert. Im totalitären Rahmen herrscht Diktatur. Beides ist nicht lebensdienlich. Beides trägt nicht zu seelischem Wachstum bei.

(Nebenbei: Diesen lebensfördernden Rahmen benötigen wir auch „im Inneren“. Ich arbeite gerne mit dem Modell des „inneren Parlamentes“. D.h., jeder von uns besitzt in seinem Inneren ein „Gremium“, das letztlich Entscheidungen trifft. Je totalitärer dieses innere Parlament strukturiert ist, desto wahrscheinlicher ist die Anfälligkeit für parasitäre Beziehungen im außen. Umso wichtiger ist es, auch die totalitären Stimmen im Innern wahrzunehmen und sie in die demokratisch-parlamentarische Arbeit einzubinden.)

Es geht um einen lebensfördernden Rahmen, der Wachstum ermöglicht und schützt. Dieser Rahmen entsteht wiederum irgendwo „dazwischen“: zwischen Diktatur auf der einen und Willkür auf der anderen Seite.

Unsere Gefahr als Berater, als Therapeuten als Pfarrer aber auch als Eltern ist es, weil wir so gern „die Guten“ sein wollen, den klaren Rahmen zu verwässern. Wer Kinder hat, weiß, dass das Bestehen auf einem klaren Rahmen (alleine einschlafen; Grundregeln beim Essen etc.) mit Wut und Enttäuschung einhergeht. Wenn ich zu bedürftig bin, zu viel Sehnsucht in mir trage, von meinen Kindern, Coachies, Patienten bewundert und geliebt zu werden, stehe ich in großer Gefahr, den wachstumsfördernden Rahmen dafür zu opfern. Das fühlt sich dann „toll“ und „schmerzfrei“ an – ist aber sehr gefährlich. Genau genommen bleibe ich mir selbst und den mir Anvertrauten Wesentliches schuldig.

Wir kommen also zu einer weiteren wesentlichen Fähigkeit, die mich vor Korruption schützt: die Fähigkeit, andere Menschen zu enttäuschen. Diese Fähigkeit hängt unmittelbar mit meiner Kraft zusammen, den Anderen nicht zu brauchen. Es ist nicht die Aufgabe der uns Anvertrauten, uns zu stabilisieren!

(Das ist alles leichter gesagt als gelebt.)

Erst indem ich den Anderen nicht mehr brauche, entsteht eine Freiheit, einander wirklich kennen zu lernen. Im Hebräischen wird für „kennen lernen“, „erkennen“ und „lieben“ dasselbe Wort verwendet: „jada“! („Und Adam erkannt sein Weib.“)

Der sicherste Schutz vor Korruption der eigenen Seele ist die Fähigkeit oder Kunst zu lieben. Und zwar jene Liebe, die mit Erkennen im Bunde ist. In dieser Liebe wächst eine gesunde Seele, die sich ihrer selbst bewusst ist, sich selbst achtet und liebt. Damit korreliert ganz von selber die Achtung des Anderen: „liebe deinen Nächsten wie dich selbst!“ Und dies geschieht alles in einem guten, lebensfördernden Rahmen.

Ich komme zum Schluss:

Bernhard von Clairvaux – ein Mönch und Coach, der vor ca. 900 Jahren gelebt hat – hat den Schutz vor Korruption in folgendem Bild ausgedrückt:

Wenn du vernünftig bist, erweise dich als Schale und nicht als Kanal, der fast gleichzeitig empfängt und weitergibt, während jene wartet, bis sie gefüllt ist. Auf diese Weise gibt sie das, was bei ihr überfließt, ohne eigenen Schaden weiter. Lerne auch du, nur aus der Fülle auszugießen, und habe nicht den Wunsch, freigiebiger zu sein als Gott. Die Schale ahmt die Quelle nach. Erst wenn sie mit Wasser gesättigt ist, strömt sie zum Fluss, wird sie zur See. Du tue das Gleiche! Zuerst anfüllen und dann ausgießen. Die gütige und kluge Liebe ist gewohnt über zuströmen, nicht auszuströmen. Ich möchte nicht reich werden, wenn du dabei leer wirst. Wenn du nämlich mit dir selber schlecht umgehst, wem bist du dann gut? Wenn du kannst, hilf mir aus deiner Fülle; wenn nicht, schone dich.“

Wer diese Gedanken „beherzigt“, sie in sein Herz hinein lässt, der muss davor, die eigene Seele zu korrumpieren, keine Angst haben. Der Rhythmus seines Lebens wird langsamer werden – mehr seiner eigenen Natur entsprechend. Er wird sich selbst und Andere nicht mehr ausbeuten. Er wird auch weniger gefährdet für Fremd-Ausbeutung sein.

Eine gesunde Seele ist zu einer Schale der Liebe geworden. Nicht wegen eines erhobenen Zeigefinders, nicht aus Angst vor Bestrafung hält sie sich an Grenzen, an einen guten Rahmen: sondern aus Liebe. Jene Liebe, von der es heißt:
„sie erträgt alles, sie glaubt alles, sie hofft alles, sie duldet alles – und sie freut sich an der Wahrheit!“ (1. Kor. 13, 7).

Exerzitien: Wie ist mein Verhältnis zu Rahmen und Grenzen? Halte ich die Beschäftigung damit für nebensächlich? Wo trickse ich, wenn es um die Einhaltung eines Rahmens geht? Und warum eigentlich?

Predigt über 2. Timotheus 1, 7-10 am 16. Sonntag n. Trinitatis (2010)

Liebe Gemeinde,

als ich den ersten Satz unseres heutigen Predigttextes las, musste ich an die Nacht denken, die gerade hinter mir lag. Ich war um 5 Uhr morgens wach geworden und hoffte nach dem altersbedingten Gang auf die Toilette, wieder einschlafen zu können. Über eine Stunde geruhsamer Schlaf könnte vor mir liegen, bis mein Wecker mir freundlich-bestimmt das Ende der Nacht einläuten würde. Aber anstelle eines sanften Einschlummerns spürte ich, wie Gedanken aus ihren Höhlen krochen und sich zwischen mir und meinem Wunsch, dem Morgen entgegen ruhen zu können, stellten. Diesen Gedanken war eines gemeinsam: sie hatten allesamt den Geruch von Furcht, von Sorge, von Bedenken. Die einzige Bewegungsfreiheit, die mir blieb, war, entweder mich um andere, mir nahestehende Menschen zu sorgen, oder um mich selbst. Die furchtsam-düsteren Gedanken selbst ließen sich nicht verscheuchen.

Gott hat uns nicht den Geist der Furcht gegeben.“ Das ist der erste Satz unseres Predigttextes aus dem 2. Timotheusbrief. Das ist ein klarer Satz. Es war offenbar der „Geist der Furcht“, der mir den Schlaf raubte. Das kann ich jetzt rückblickend klar erkennen. Nur in der Situation war mir diese Erkenntnis nicht gegeben. Der Geist der Furcht hatte mein Denken gefangen genommen.

Ich erzähle Ihnen dies so persönlich, liebe Gemeinde, weil sich biblische Texte sehr dazu eignen, so zu tun, als gäbe es diesen „Geist der Furcht“ nicht. Als hätten wir diesen Geist ein für allemal besiegt, in Christus Jesus, unserem Herrn. Der – wie wir vorhin hörten – ja sogar Tote auferwecken kann. Als ginge es darum, nur fest genug an den allmächtigen Retter Jesus Christus zu glauben, und alle Probleme verschwinden „wie von selbst“.

Meine Botschaft ist eine andere. Und sie kommt aus meinem persönlichen Erleben. Als ich angefangen habe, Theologie zu studieren, hatte ich gehofft, ich würde hier etwas finden, was mir meine Ängste und Befürchtungen nehmen könnte. Einen Heiland, einen Retter: danach sehnte ich mich. Texte und Verheißungen gab es genug. Nur irgendwie wollten sie bei mir nicht greifen. Meine Ängste wurden nicht weniger, sondern eher mehr. So wandte ich mich der Psychoanalyse zu. Mit der alten Hoffnung, hier die Rettung zu finden. Auch diese Hoffnung erfüllte sich nicht.

Erst allmählich begann ich zu verstehen, dass die „Hoffnung auf Rettung“ selbst das Problem ist. Sie hat nämlich einen großen Nachteil: sie vertreibt mich aus der Gegenwart. Sie verführt mich dazu, die Gegenwart zu schwächen, weil „das Eigentliche ja erst noch kommt.“ Und je älter ich werde, desto gewisser steht fest: soviel „Eigentliches“ wird nicht mehr kommen.

So ist die „Hoffnung auf Rettung“ nur die Kehrseite des „Geistes der Furcht“. Ein erhoffter Gott, der mich retten wird, ist ein schwacher Gott. Und ein schwacher Gott ist ein Widerspruch in sich.

7 Gott hat uns nicht den Geist der Furcht gegeben, sondern der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit.“ So lautet der vollständige erste Satz unseres heutigen Predigttextes. Das sind also Kennzeichen eines starken Gottes: „Kraft, Liebe, Besonnenheit“.

Kraft, griechisch „dynamis“ – Dynamit! Dynamit, das ist Sprengkraft. Mit Dynamit kann man Mauern und Gefängnisse sprengen. Mit Dynamit kann man Verbindungen zwischen Bergen schaffen. Man kann es aber auch zur Zerstörung verwenden. Wie stets, geht es um die Frage der guten Verwendung. Göttliches Dynamit wird verwendet, auf dass die Liebe offenbar werde. Göttliches Dynamit will die Fesseln sprengen, mit denen „der Geist der Furcht“ versucht, uns gefangen zu nehmen. Göttliches Dynamit erweckt Lazarus zum Leben: „Lazarus“ – das heißt „Gott hilft.“ Nicht: Gott wird helfen, sondern Gott hilft, und zwar jetzt. Nicht: es gibt keinen Tod, sondern: das Leben findet hier statt, im Hier und Jetzt. Und gutes Leben fließt aus einem lebendigen „Gott hilft“-Vertrauen.

Die Kraft des Vaters zeugt die Liebe des Sohnes. Die Liebe, das zweite Attribut göttlichen Geistes, ist gezeugt aus Dynamit. Nicht gemacht, nicht fabriziert, sondern gezeugt. Diese dynamische Liebe lässt sich nicht herstellen, manipulieren. Sie geschieht aus und in der Kraft des Schöpfers. Wer dies nicht erträgt, der kann nur gemachte Liebe erleben. Gemachte Liebe ist künstlich hergestellte. Sie gleicht einem Schwimmbecken. Dynamische Liebe hingegen gleicht einem Wildbach, der sich selbst sein Bett sucht. In der gemachten Liebe suchen wir die Beweise der Zuneigung, sind der Beziehung unsicher. Zweifel und Furcht müssen niedergehalten werden. Echte Liebe lebt. Und das ist genug.

Aber nicht maßlos. Oft wird Liebe mit: „ich setze mich über alle Grenzen hinweg“ verwechselt. Das ist der Stoff, aus dem die Liebes-Affären sind, aber nicht die Liebe. Reife Liebe hält sich an Grenzen. Liebe leben heißt, in Grenzen leben. Wildbach – aber nicht Überschwemmung. Die Griechen hatten hierfür das Wort „Besonnenheit“, das für sie auch „geistige Gesundheit“ bedeutete. Gesundheit hat mit Ganzheit zu tun. Eine gesunde Beziehung ist eine Beziehung, die aufs Ganze gesehen stimmt und niemand schädigt. Dies gilt sowohl für die Beziehung zu meinem Körper und zu meiner Seele als auch für die Beziehung zu meinen Mitmenschen. Gesunde Beziehungen geschehen als dynamische Beziehungen, voller Kraft, voller Liebe und voller Maßhaltung. Diese Drei ergänzen sich nicht nur gegenseitig, sondern bauen sich gegenseitig auf, helfen sich gegenseitig zu gutem, fruchtbarem Wachstum. In der Dreiheit von Kraft, Liebe und Besonnenheit wachsen ganzheitliche Beziehungen.

8 Darum schäme dich nicht des Zeugnisses von unserem Herrn noch meiner, der ich sein Gefangener bin, sondern leide mit mir für das Evangelium in der Kraft Gottes.“

Wer in diesem trinitarischen Geist steht und lebt, warum sollte sich der schämen? Schamgefühle und Schuldgefühle sind es, die Lazarus, die „Gott hilft“ in seine Sterbehöhle treiben. Wer als Kind für seine unmittelbare Kraft und spontane Liebe beschämt worden ist, der zieht sich in seine Höhle zurück. In seiner Höhle hat er Graffitis gesprüht, die ihn darin bestätigen sollen, dass es gut ist, seine Höhle nicht zu verlassen. „Dem und dem werde ich nie verzeihen“, heißt so ein Spruch. Oder: „Ich kann nichts, bin nichts wert.“ Oder: „Die anderen haben es besser als ich.“ Oder: „Was bringt es mir, wenn ich auf andere Menschen zu gehe?“ Diese düsteren Leitsprüche schlagen sich in der Seele von Kindern und später Erwachsenen nieder, die in einem Klima von Schuldzuweisung, Vorwürflichkeit und Beschämung aufgewachsen sind.

Wer es nun wagt, sich von der Kraft der Liebe zu neuem Leben erwecken zu lassen, der bekommt es wieder mit diesen Sprüchen zu tun. Darf und kann er sich wirklich von ihnen trennen? Darf und kann er es wagen, seine Sterbe-Höhle zu verlassen? Ohne Schmerz und Leid geht es nicht. Wem die Kraft fehlt, seelische wie körperliche Schmerzen und Leiden zu ertragen, der wird in der Höhle seiner Einsamkeit bleiben. Die „frohe Botschaft“, das Evangelium der Lebendigkeit befreit nur mit Schmerzen. Aber die in ihr steckende „Gott hilft“-Kraft stärkt zugleich auch und ermöglicht, Leid zu ertragen.

9 Er hat uns selig gemacht und berufen mit einem heiligen Ruf, nicht nach unseren Werken, sondern nach seinem Ratschluss und nach der Gnade, die uns in Jesus Christus gegeben ist vor der Zeit der Welt, jetzt aber offenbart ist durch die Erscheinung unseres Heilands Jesus Christus, der dem Tod die Macht genommen hat und das Leben und ein unvergängliches Wesen ans Licht gebracht hat durch das Evangelium.“

Er hat uns berufen, man könnte genauso gut sagen: sie hat uns berufen: sie, das ist die Kraft der Liebe, die uns Menschen täglich ruft, ruft mit heiligem Ruf. Heilig, das heißt heil, unversehrt, ganzheitlich, integrativ, unbeschädigt. Überall, wo echte Liebe ruft, geschieht Heilung, Versöhnung, Wiedergutmachung … und Dankbarkeit.

In Klammern: Echte Liebe ruft niemals zu Hass auf. Wenn fundamentalistische Christen in Amerika zum Hass gegen den Islam aufrufen, öffentlich den Koran verbrennen, dann können sie sich auf viel berufen: aber nicht auf die Botschaft der Liebe. Leider können sie sich aber auf die Bibel berufen, leider können sie sich auch auf viele Stellen in den Briefen des Paulus berufen, nämlich überall da, wo er jenen Vergeltung androht, die nicht seine christliche Mission unterstützen. Bis hin zu jener makabren Stelle im 1. Korintherbrief, wo er für die Todesstrafe bei einem Unzuchtvergehen plädiert. (1. Kor. 5,5) Und leider können sich die Prediger des Hasses auch auf all jene Sätze berufen, die einem christlichen Fundamentalismus das Wort reden. Man kann auch unseren Text fundamentalistisch auslegen: dann ist Jesus Christus der absolute Mensch-Gott, der allen, die an ihn glauben, vor dem Tod rettet – und alle anderen natürlich nicht.

Ich möchte zurückkehren zur Botschaft der Liebe.

Die Kraft der Liebe hat uns berufen, und ruft uns: jeden Tag, jede Stunde … jetzt. Sie ruft uns mit einer leisen Stimme. Sie ruft uns, ohne sich besitzen zu lassen. Sie ruft uns, ohne uns besitzen zu wollen. Sie ist unserem Tun und Machen entzogen. Sie ist auch der Zeit entzogen, sie ist vor aller Zeit und nach aller Zeit und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Und was ist die Ewigkeit? Die Ewigkeit ist die Gegenwart des Ein-Atmen und des Aus-Atmen.

Nicht wir Menschen als Individuen sind unsterblich, sondern die Kraft der Liebe, die im Geist maßvoller Besonnenheit webt und wirkt. Diese Kraft der Liebe nennen wir Christus und verbinden sie mit jenem Jesus aus Nazareth, der sie in ganz besonderer Weise gepredigt und gelebt hat. Indem wir Anteil haben an dieser Liebe und in ihr leben, haben wir Anteil am ewigen Leben. Dies ist das „unvergängliche Wesen“, das in und durch Christus „ans Licht gekommen ist“.

Liebe Gemeinde,

schöne Worte, mögen Sie sich jetzt denken, aber kann man sie auch zum Leben verwenden? Habe ich nicht selbst gesagt, dass ich nicht mehr einschlafen konnte, gefangen genommen vom Geist der Furchtsamkeit? Wo war da die Kraft der Liebe?

Stimmt. Und ich vermute, das wird mir immer wieder auch passieren. Deshalb wollte ich Ihnen das sagen. Denn zum Mensch-Sein gehört nicht nur die Liebe, sondern auch der Hass, nicht nur der Mut, sondern auch die Furcht. Und der Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit lässt sich nicht besitzen. Man kann nur auf ihn trauen, man kann um ihn beten, man kann auf ihn hoffen.

Und – wer diesen Geist einmal erleben durfte, der will immer wieder zu ihm zurück kehren.

Als ich aufhörte, mich gegen meine furchtsamen Gedanken zu wehren, als ich aufhörte, meine Schlaflosigkeit zu hassen, begann ich mich zu beruhigen. Und in der Beruhigung zählte ich mein Einatmen und mein Ausatmen. Ich versuchte bis „Neun“ zu kommen. Wenn mich meine Gedanken wegtrieben, fing ich wieder von vorne an.

Und so begann ich zu mir zu kommen. Der Geist der Furcht hat nämlich nur Macht über uns, wenn wir nicht bei uns sind. Im Bei-mir-Sein bin ich in Christus. Und in Christus bin ich eine neue Kreatur. In Christus benötige ich keine Rückzugs-Höhlen mehr. Oder anders: Mein Rückzug ist Christus selbst. So werde ich hinein verwandelt in den Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit. So atme nicht mehr ich, sondern Christus atmet in mir. Im Einatmen lächle ich meiner Seele zu, im Ausatmen gebe ich meine Seele dankbar hin.

Und dazwischen, zwischen einatmen und ausatmen –

ja dazwischen können wir einen Hauch der Ewigkeit erleben … AMEN.

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