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Gedanken zur Losung am 31.3.2022 im Rahmen eines Friedensgebets

“Sind wir untreu, so bleibt er treu; denn er kann sich selbst nicht verleugnen.“

(2. Timotheus 2, 13)

Friedensgedanken am 31.3.2022

Liebe Gemeinde,

das Wort „treu“ Substantiv „Treue“ und damit zusammenhängend „Vertrauen“ (vgl. auch im Englischen das Wort „tree“) drückt Festigkeit, Bestand aus.

Darauf kannst du dich, kann man sich verlassen.

Nun – wo etwas Positives ist, ist auch etwas Negatives.

Im Deutschen gibt es dafür das Wort, besser die Vorsilbe „un-“

treu – untreu; Glaube – Unglaube.

Die Vorsilbe un- verneint. Darauf verlasse dich mal lieber nicht.

Im Moment heißt es: Auf die Sätze, die aus Russland kommen, dass es einen Truppenabzug gibt usw. kann man sich nicht verlassen. Vielleicht ist es nur Strategie, um sich zu sondieren und dann umso massiver zuzuschlagen.

Worauf kann ich mich wirklich verlassen?

Das ist für diejenigen unter uns, die Gefühle des Zweifelns und des Misstrauens kennen oder von ihnen geplagt werden, ein großes Thema.

Im 2. Brief an Timotheus – die Losung für den heutigen Tag – heißt es:

Auf IHN, auf Gott, kannst du dich zu hundert Prozent verlassen: er bleibt treu.

Warum: „Denn er kann sich nicht selbst verleugnen.“

Gott kann tatsächlich etwas nicht, was wir Menschen nur allzu gut können:

Gott kann nicht lügen. Und wer nicht lügen kann, der kann auch nicht betrügen.

Und wer weder lügen noch betrügen kann, auf den kann man sich verlassen – er ist treu.

Was bedeutet das denn: „sich selbst verleugnen“?

Es bedeutet, sich abwenden von dem, was ich als mein ganz Eigenes, mein ureigenes Denken, Fühlen und Handeln erlebe. Und an dessen Stelle etwas setze, von dem ich meine, das wäre mein Denken, Fühlen und Handeln. Diese Verdrehung des Eigenen findet seinen Ursprung in der Zeit, in der wir Menschenkinder noch sehr biegsam gewesen sind. Wie man eine junge Pflanze wo hin ziehen kann, so kann man auch Kinder „gut ziehen“: Indem man ihnen physische und psychische Nahrung nur dann gibt, wenn sie in die Richtung wachsen, die von dem, der sie „zieht“ und „erzieht“ auch erwünscht ist. Je weniger dieser Er-Zieher in der Lage ist, die eigenen und wirklichen Bedürfnisse der „jungen Pflanze“, genannt Kind, zu sehen, desto selbstverständlicher wird das Kind meinen, das, wohin es da gezogen wird, ist das, wohin es auch wachsen will. Es verwechselt – weil es die Sonne der Wahrheit nicht kennt – das Kunstlicht, unter dem es aufwächst, mit dem wahren Licht, mit der wirklichen Sonne.

Wird es von einem Sonnenstrahl der wirklichen Sonne eher zufällig getroffen, so meint es, dass dies natürlich auch – es kennt ja nichts Anderes – etwas Künstliches ist. Seine Erzieher – die das Kind und sein Denken für sich behalten wollen – bestätigen ihn darin, dass die wirkliche Sonne eine Täuschung und gefährlich ist – von ihr kann man einen Sonnenband kriegen, sie kann Hautkrebs verursachen – während die künstliche Sonne, die als echt ausgegeben wird – zum Wohle für alle ist.

Auf der politischen Ebene findet sich dieses Geschehen insbesondere in totalitären Staaten. Die Sonnte der Demokratie ist für sie so gefährlich, weil hier der Einzelne eine eigene Meinung hat und auch haben darf. Das große gemeinsame künstliche Licht des Gewächshauses wird in ihr nicht benötigt. Das ganz eigene Wachstum, die ganz eigene Meinung, das Eigen-Sein ist erwünscht. Und damit zerfällt die Einigkeit, die den Diktatoren so wichtig ist. Sie verstehen sich als die großen Bewahrer ihres Vaterlandes.

Und haben dabei vergessen, dass die Wahrheit keine Bewahrer braucht. So wie Kinder keine Erzieher brauchen. Man muss sie nirgendwo hinziehen. Es genügt, ihre Bedürfnisse wahr und ernst zu nehmen. Und sie immer wieder einzurahmen in guten, dem Leben dienenden Grenzen.

Voraussetzung dafür ist, ihnen selber eine wahrhaftige Beziehung vorzuleben. In der ich mir und meinen Mitmenschen nichts vormache.

Hierfür ist es gut einem Gott zu vertrauen und sich mit ihm zu verbünden, der sich selbst nicht verleugnen kann, AMEN

Jenseits von gut und böse

Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem!“

Dieses Wort von Paulus in Römer 12 wäre doch, so dachte ich, ein gutes Leitmotiv für ein Friedensgebet.

Doch dann kamen mir Zweifel: Geht das so einfach: Hier Gutes – dort Böses?

Zweifellos: In ein Land einmarschieren ist böse. Es ist empörend. Es schürt Gefühle von Wut und Hass. Diese Gefühle polarisieren. Und Polarisierungen helfen nicht zum Verstehen.

Sie helfen nur dazu, den eigenen Hass unterzubringen.

So habe ich mich entschieden, Ihnen Gedanken mitzuteilen, die sich nicht für derart polarisierendes Denken eignen. Angeregt wurde ich durch eine alte chassidische Geschichte.

Sie handelt davon, was einen guten Lehrer ausmacht.

Sie handelt von den Grenzen des Rat-Gebens, die ein guter Lehrer kennt und an die er sich hält.

Ich habe die Geschichte auch ausgesucht in einer Zeit, in der die Angst umgeht, in der guter Rat teuer ist.

Grenze des Rats

Die Schüler des Baalschem hörten von einem Mann als von einem Weisen reden. Einige unter ihnen verlangte es, ihn aufzusuchen und seine Lehre zu erfahren. Der Meister gab ihnen die Erlaubnis; sie aber fragten weiter: ‚Und woran sollen wir erkennen, dass er ein wahrer Zaddik ist?’ ‚Erbittet von ihm’, antwortete der Baalschem, ‚einen Rat, wie ihr es anzufangen habt, damit die unheiligen Gedanken euch nicht mehr beim Beten und Lernen stören. Gibt er euch einen Rat, so wisst ihr, dass er der Nichtigen einer ist. Denn das ist der Dienst des Menschen in der Welt bis zur Todesstunde, Mal um Mal mit dem Fremden zu ringen und es Mal um Mal einzuheben in die Eigenheit des göttlichen Namens.’“ (Martin Buber, Chassidische Geschichten, Zürich 1949, S. 151. )

Das Leben des Menschen ist kein: Ich will. Auch kein: Man gönnt sich ja sonst nichts, oder: Das steht mir zu!

Das Leben des Menschen ist ein Dienst.

Ein Dienst, der zu tun ist gerade und genau an der Stelle, an der ein Mensch gerade steht.

Ein Dienst in dem Rahmen, in dem jemand in der Lage ist, ihn zu tun.

Und was ist sein Dienst-Auftrag?

Mal um Mal mit dem Fremden zu ringen… bis zur Todesstunde!“

Also: bis zuletzt!

Was heißt das?

Schnell und oft ist das Fremde eine Bedrohung des Eigenen. Das Fremde ist das mir Unbekannte, das Neue, das Unerhörte. Das Fremde löst in mir etwas aus: Es befremdet mich. Instinktiv und intuitiv versuche ich es einzuordnen, einzugemeinden. Misslingt dies, werde ich es ausstoßen, von mir wegschieben, abschieben. Gelingt auch das nicht, werde ich versuchen, es zu vernichten. Dies erleben wir zur Zeit: Den Diktatoren ist Demokratie fremd und bedrohlich. Sich darauf einlassen würde bedeuten, sich von der Diktatur zu verabschieden. Es würde das vernichten, was mühsam aufgebaut worden ist.

Für mich als Kind einer über siebzigjährigen Friedensepoche sind die grausamen Bilder des Ukraine-Krieges, die Verzweiflung der Menschen, die unmenschliche Kälte der Mächtigen fremd. Sie stören, verstören, passen nicht hinein in meine eigene Sehnsucht nach Wärme, Harmonie und Geborgenheit. Ich erlebe sie als aufdringlich – wie ein Bettler, dessen bloße Anwesenheit mich stört. Ich will nichts mit ihm zu tun haben, erinnert er mich doch daran, wie gut es mir. Sein Betteln ist ein Angriff auf mein Leben.

Lieber schaue ich mir etwas Erbauendes an. Einen Krimi, wo ich von Anfang an weiß, der Böse wird gefasst werden. Er wird nicht davon kommen, Das beruhigt meine Seele.

In der Wirklichkeit ist es so anders: Der oder das Böse, die Lüge und der Betrug, die Täuschung haben die Oberhand. Sie tragen weiße Hemden und Krawatten und sehen sehr gepflegt aus. Zum Zerstören, zum Metzeln haben sie ihre Helfer. Es greift zu kurz, zu sagen, wir sind die Guten, die Anderen sind die Bösen.

Die Frohe Botschaft, das Evangelium ist die gute Nachricht von der Anwesenheit Gottes in dieser Welt – und nicht die schlechte Nachricht von seiner Abwesenheit. Aber wo ist Gott im Grauen? Wo ist er in den eingekesselten ukrainischen Städten? Wo ist er in der Seuche von Corona? Wo ist Gott im Mittelmeer, wo die Flüchtenden ertrinken?

Ich glaube, es ist gut, sich daran zu gewöhnen, dass Gott nicht so da ist, wie ich mir das wünsche. Wie ich meine es zu brauchen.

Gott ist kein Medikament, das ich bei Bedarf nehmen kann.

Gott ist keine Droge, die mir Gelassenheit und Ruhe schenkt.

Und vor allem: Der Gott, dem ich vertraue ist kein Gott der Macht und kein Gott des Sieges.

Die unheiligen Gedanken, die mich beim Beten stören, sind mein Hadern mit der Wirklichkeit, wie sie gerade ist. Sie soll anders sein – Gott, der doch allmächtig ist, soll sie anders „machen“. Er soll meinen Polarisierungen entsprechen, er soll meine Vorstellungen von gut und böse verwirklichen.

Einheben“ heißt: Dieses Hadern in mir Halten und Aushalten. Das ist etwas Anderes, als mich meinem „Genervt-Sein“ zu überlassen.

Akzeptieren, dass ich nicht die Kraft habe, die Wirklichkeit zu verändern. Alles, was ich kann, ist, meine Haltung zu dem, was ich vorfinde, zu verändern. Ich kann mit einem harten, abweisend verbitterten Blick meine Tage leben. Und ich ich kann mit einem weichen, freundlich barmherzig-zugewandten Blick meine Tage leben.

Ich kann mich zerstreut, gehetzt und genervt fühlen – dann ist alles „viel zu viel“ –

und ich kann mich eingerahmt von der Kraft der Liebe fühlen – dann ist zu tun, was eben zu tun ist.

In dem kleinen Rahmen, der mir eben möglich ist.

Es ist diese unscheinbare Kraft der Liebe, die es möglich macht, den Dienst des Menschen, den Dienst von uns Menschen, mal um mal, Tag für Tag, zu erfüllen.

Für die Ausübung selbst gibt es keinen Rat, sagt Baalschem. Ja – wer meint, er hätte einen Rat, eine Handlungsanweisung, der ist kein wirklicher Lehrer. Denn jeder von uns steht in der Tiefe auf seinen eigenen Füßen und hat seinen ganz eigenen, einmaligen Weg durch sein eigenes Leben zu finden.

Und jeder von uns Menschen hat die Freiheit, sich auf diesem Weg von seinem Hass oder von Gottes Liebe leiten zu lassen, AMEN.

Meditative Predigtgedanken zum 2. Advent

Kopf hoch!

“Richtet Euch auf und erhebt Eure Häupter, denn Eure Befreiung ist nahe!”

Meditative Gedanken zum 2. Advent (5. Dezember 2021)

Blicke nicht zu weit nach oben: Dann läufst du Gefahr, die Stolpersteine deines Weges zu übersehen und hinzufallen.

Blicke nicht zu weit nach unten: Dann läufst du Gefahr, einen krummen Rücken zu bekommen und von dem Leben, das dich umgibt. nichts mehr mitzubekommen.

Stell dich auf deine eigenen Beine.

Selbst-ständig. Aufrechten Hauptes. Aufrichtig!

Sicher auf dem Mutter-Boden der Wirklichkeit stehend in guter Verbindung mit der väterlichen Höhe, die dich umgibt.

Mag sein, dass die Wirklichkeit dessen, was du in jungen Jahren erlebt hast, für deine kleine, junge Seele unerträglich gewesen ist. Vielleicht sind keimende Triebe aus Unachtsamkeit kaputt gegangen. Vielleicht wurden sie auch rücksichtslos abgeschnitten. Vielleicht bist du viel zu lange allein gelassen worden, im Dunkeln gestanden, so dass du welk geworden bist. Und hast dann gierig die wenigen Sonnenstrahlen, die dich beschienen haben, aufgesogen. Oder du bist viel zu lange ungeschützt in der prallen Sonne gestanden, so dass Vieles, was wachsen wollte, verbrannte.

Wie dem auch sei: Kopf hoch!

Was war, das war. Die einzige Chance, die du in der Gegenwart hast, ist: Der Augenblick, in dem du gerade lebst!

Ich persönlich glaube aus eigener Erfahrung: Wenn du in dein Unbewusstes hinab steigst, deine Träume dir merkst und ernst nimmst und aufmerksam bist für deine Gefühle, kannst du dein Jetzt, deinen Augenblick besser verstehen. Und das wiederum hilft dir, die vermeintlich unerträglichen Gefühle von damals besser zu halten und auszuhalten. Du musst sie dann weder an dir selber, an deinem eignen Körper, ausleben noch an deinen Mitmenschen.

Du kannst natürlich auch den Weg wählen, deine Gefühle und die darin liegenden Schmerzen Tag für Tag zu betäuben. Das Preis ist chronische Müdigkeit, Abgeschlagenheit, Kraftlosigkeit. Nicht selten in Verbindung mit Kopfschmerzen und anderen vegetativen Symptomen.

Und der Preis sind Durchbrüche deiner ungehaltenen Gefühle, für die du dich – wenn du mit dir ehrlich bist – dann wieder schämst.

Ich möchte dich ermuntern, der Wirklichkeit deines Lebens ins Auge zu schauen.

Ich möchte dich ermutigen, das, was du siehst, was du fühlst, was deine Intuition dir sagt, ernst zu nehmen. Versuche es auszusprechen, es in Kontakt mit dir und deinen Mitmenschen zu bringen. Lass dir nichts einreden, was dir nicht einleuchtet. Dann musst du deinen Kopf nicht hängen lassen und beschämt zu Boden schauen.

Versuche bei allem aber auch, dich in die Position deines Gegenübers einzufühlen. Einfühlen heißt, Verständnis für den Anderen zu haben, ohne ihm Recht zu geben.

Das geht nur, indem du dich nicht über deine Mitmenschen erhebst. Deine Arroganz ist nur die andere Seite deiner Depression. Beides hält dich von deinem Leben ab.

Mit erhobenen Kopf durchs Leben gehen heißt nicht, auf die Anderen herabzuschauen. Es heißt:

In der eigenen Mitte zu ruhen.

In ihr spürst du die Kraft der Liebe deines Gottes.

Mit ihr im Bunde wirst du aufhören zu hadern mit dem, wie es gewesen ist.

Mit ihr im Bunde wirst du aufhören zu hoffen, dass es irgendwann anders, besser werden wird.

Mit ihr wirst du auch aufhören dich zu ängstigen vor dem, was kommen wird.

Du weißt es nicht, du kannst es nicht wissen und du musst es auch nicht wissen.

Sei da. Sei da, wo du gerade bist.

Sei ganz da, wo du bist. Mit deinem kühlen Verstand und deinen wohltemperierten Gefühlen.

Drücke dich nicht vor deiner Verantwortung – aber überfordere dich auch nicht.

Aus deiner Mitte heraus kannst du dich vertreten.

Aufrecht und aufrichtig.

Mit Gottes Liebe in deinem Kreuz kannst du dem, was gerade ist, in die Augen schauen.

So wie du deinen Mitmenschen in die Augen siehst.

Wissend, dass auch dies nur ein Augenblick ist.

Dein Leben – die Fülle von Augenblicken. Lebe sie erhobenen Hauptes.

Steht auf und erhebt Eure Häupter, denn Eure Befreiung ist nahe.“

Die Türen deines Gefängnisses sind geöffnet.

Es liegt ausschließlich an dir, ob du den Mut hast, hindurch zu gehen.

Hinein in deine Freiheit.

Dazu verhelfe uns der stets kommende Gott durch Jesus Christus, unseren Herrn, AMEN.

Der erste Band meiner Predigten ist auch im Buchhandel erhältlich!

Unter dem Titel: “Gott geschieht im Dritten. Therapeutische Predigten Band 1” (Fromm Verlag 2012) sind jetzt Predigten nachlesbar. Der Band enthält auch eine ausführliche Einleitung zu meinem Predigtverständnis.

Das Buch umfasst 150 Seiten und kann auch bei mir direkt (über Mail) bestellt werden. Es kostet 30 Euro.

Ein zweiter Band ist in Vorbereitung.

 

In Corona-Zeiten finden Sie einen Gottesdienst zu Karfreitag und Ostern unter folgendem Link:

 

 

 

Der Seele Nach-Denken. Keynote beim Symposion von systemworx am 10.1.2015

Der Seele Nach-Denken.

“Was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne

und doch Schaden nähme an seiner Seele?” (Markus 8,36)

Von Lothar Malkwitz

(Unveröffentlichtes Manuskript; alle Rechte beim Autor)

VORBEMERKUNG

Andere Klänge“: wörtlich genommen → ist Ausdruck des Denkens im Konkreten.

Es ist wichtig, sich darüber Gedanken zu machen, welche Bedeutung jemand einem Wort, einem Satz verleiht. Wofür er den Satz in seinem Denken verwendet. Es gibt Menschen, die denken ausschließlich im Konkreten. Sie haben den „Transfer“ , die „Transformation“ in einen anderen Bereich nicht gelernt. „Andere Klänge“ sind dann „andere Klänge“. Dass „andere Klänge“ eine Metapher ist, „für etwas Anderes steht“, etwas anderes bedeutet, ist ihnen nicht zugänglich.

Und/oder: es ist gefährlich. Bedrohlich. Denn alles „Andere“ („Fremde“, „Unbekannte“) stellt das „Eigene“ in Frage. Je unsicherer ich meines Eigenen bin, desto bedrohlicher, verunsicherndes ist es, mich in meinem Eigenen in Frage zu stellen.

Wer mich in Frage stellt ist mein Feind!

Das hat damit zu tun, dass wir von früh an ein Denken gelernt haben, das beurteilt.

Das Klingen der Klangschale – „andere“ Klänge: ist „anders“ „besser“ oder „schlechter“ ? Ist systemische Therapie besser oder schlechter als Psychoanalyse?

In solchem Denken ist ein „Gegeneinander“ entstanden:

Tao Kapitel 2:

Erst seit auf Erden ein jeder weiß von der Schönheit des Schönen, gibt es die Hässlichkeit;

erst seit ein jeder weiß von der Güte des Guten, gibt es das Ungute.“

Ich möchte mit Ihnen gemeinsam versuchen, nicht in die Falle des Beurteilens zu tappen. Das heißt: ich will mit Ihnen versuchen, dass wir in einer Atmosphäre uns austauschen, in der Raum ist für das „Andere“, das „Fremde“.

Ein weiterer vertrauter „Klang“ oder eine vertraute „Tönung“ unseres Denkens ist es, kausal zu denken: „warum klingt die Klangschale?“ Darauf bekommt man dann eine naturwissenschaftlich korrekte Antwort:

Die Schwingungen des Schalls breiten sich in alle Richtungen aus. Das heißt, wenn wir reden, hört man das in alle Richtungen, nicht nur in die Sprechrichtung. Dieselbe Auswirkung ergibt sich, wenn man einen Stein gerade ins Wasser fallen lässt. Dabei sieht man die Ausbreitung von Wasserwellen. In der Klangschale bewirken diese Wellen durch das Phänomen der Interferenz ein Vibrieren der Schale, wodurch ein Ton entsteht usw. …“

Sie sehen: naturwissenschaftliches Denken ist konkret. Und es ist kausal: wenn … dann. Im kausalen Denken ist etwas „zerfallen“: nämlich in Ursache und Wirkung. Diese Art zu denken hat Karriere gemacht und es funktioniert hervorragend – für Maschinen. Nur: wir Menschen sind Lebewesen, unsere Seele ist etwas Lebendiges. Diese Art zu denken lässt sich auch auf Moral anwenden: dann findet ein „Zerfall“ in Täter und Opfer statt.

Ich glaube nun, dass unsere Seele eine andere Art des Denkens benötigt und auch selber anders denkt. Nämlich in „Ganzheit“. Ich glaube, dass eine gesunde Seele eine heile Seele ist (und Heil-sein heißt ja wörtlich „ganz“ „unversehrt“ sein – so gesehen waren die „Heiligen“ keine Superhelden, sondern Menschen, die sich um „Ganzheit“ bemüht haben). Und Voraussetzung des Klingens der Klangschale, des Schwingens unserer Seele ist – „aus einem Guss“ – „ganzheitlich“ zu sein.

Das Klingen der Klangschale korreliert mit weiteren Elementen, die zu ihr gehören:

diese Elemente sind: ihre Hohlheit (Leere) – Ihre Freiheit und ihr Ganzsein (aus einem Guss)

Übertragen: eine leere eine freie und eine unversehrte Seele klingt, schwingt…

Aber was ist das? Was ist überhaupt die Seele?

Versuch einer Annäherung:

Wir Menschen sind Säugetiere.

Unser auf der Welt-Sein, unser „Uns-Spüren“ hängt unmittelbar damit zusammen, dass wir Angewiesene sind. In unserer frühen Zeit, als wir klein waren, waren wir abhängig von einer Brust, die uns nährende Milch gab. Milch, die uns wachsen ließ. Dies gilt auch im übertragenen Sinne. Wir brauchen Menschen, die uns begleiten. Gefährten. Menschen, die auch in Gefahr zu uns halten, die versuchen uns zu verstehen. Das tut gut. Das nährt.

Unsere Seele ist das „Speicher-Organ“ (die Schale), in dem unsere Beziehungserfahrungen „abgespeichert“ – „ver-innerlicht“ sind. Und natürlich auch unsere Nicht-Beziehungs-Erfahrungen: unser Allein gelassen werden – unser Gebraucht- und Missbraucht-Werden, unser im Stich-gelassen-Werden usw. Dieses Organ ist bei allem, was wir erleben mit dabei. In ihm ist das Schicksal unseres Hungers nach Nahrung und nach Zuwendung abgespeichert. In ihm ist das Schicksal unserer Enttäuschungen und unseres Hasses abgespeichert. In ihm ist das Schicksal unseres Wertes und unserer gefühlten Existenzberechtigung abgespeichert. In ihm ist das Schicksal unserer Sehnsüchte und unserer Liebe abgespeichert. Und nicht zuletzt: in ihm ist das Schicksal der von uns erlebten Beziehung, die unsere Eltern zu einander hatten, abgespeichert: ihre Liebe, ihr Hass, ihr Nebeneinanderher-Leben, ihre Trauer, ihr Glück, ihr Sich-gegenseitig-Quälen. Glücklich das Baby, das in der Sicherheit einer liebevollen Elternbeziehung aufwachsen darf. Es hat gelernt, dass der „Andere“, der „Fremde“ keine Bedrohung sondern eine Bereicherung bedeutet.

Publikum: meditatives Schweigen (kleine Anleitung)

Erstens: Der Seele Nachdenken

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

die Situation, in der ich gerade bin, dürfte jedem von Ihnen bekannt sein.

Ich stehe vor einer Gruppe, die ich wenig kenne.

Ich habe einen Auftrag. Ich soll ein Referat halten.

Mit dem Auftrag verbinden sich Erwartungen.

Von Ihnen zu mir.

Von mir zu Ihnen.

Aber auch: von mir zu mir selbst.

Und: Von Ihnen zu sich selbst.

Welche Erwartungen das genauer sind, ist nur zum Teil unserem Bewusstsein zugänglich. Zum größeren Teil sind sie unbewusst. Oft merkt man erst im Nachhinein – an einem diffusen Gefühl von Enttäuschung – dass offenbar Erwartungen nicht erfüllt worden sind.

Eine ebenso häufige wie schwierige Erwartung ist die, dass „mir das auch nichts bringen wird.“ Diese Erwartung ist umso stärker, je mehr jemand fremd bestimmt an einer Veranstaltung teilnimmt. Ich denke, Sie kennen das aus Situationen, wo jemand ein Coaching „aufs Auge gedrückt bekommen hat“. Bei mir sind das die „Patienten, die eine Therapie machen müssen, weil mein Arzt, meine Frau … meint, ich brauche eine…“ (Ich arbeite mit solchen Menschen nicht.)

Erwartungen haben es an sich, Druck aufzubauen.

Mir hilft dabei folgende Einsicht:

Nicht ich lerne von Ihnen.

Nicht Sie lernen von mir.

Wir sind gemeinsam auf ein Drittes ausgerichtet, das vielleicht zwischen uns entsteht.

Zwischen uns“ – das heißt: da gibt es einen Raum. Einen „Zwischen-Raum“. Zu diesem gehört z.B., was wir hier allesamt freiwillig beisammen sind. Freiwillig verbringen wir unsere (kostbare) Lebenszeit miteinander! Ich finde es ist nicht unbedeutend – obwohl es so selbstverständlich scheint – sich dies klar zu machen!

Der Seele Nachdenken“ habe ich meine Gedanken genannt.

Wichtig ist dabei: „Nachdenken“ groß zu schreiben. Heißt: ich denke nicht über die Seele nach – sondern es geht um der Seele Nachdenken selbst.

Der Unterschied „äußerlich“ ist winzig: ob man einen Buchstaben klein oder groß schreibt.

Die Bedeutung ist etwas völlig Anderes.

Nachdenken“ klein geschrieben bedeutet: „über die Seele nachdenken“. Damit wird ein Subjekt postuliert, das gleichsam „von außen“ über die Seele nachdenkt. Die Seele wird dann zu einem Gegenstand, über den nachgedacht wird.

Der Seele Nachdenken groß geschrieben heißt: die Seele selbst ist das Zugrundeliegende, ist das Subjekt.

(N.B.: Im Hebräischen heißt Halal: jubeln, Gott preisen. Chalal bedeutet: „entweihen“ und „durchbohren“ – der Unterschied besteht darin, dass dem ersten Buchstaben eine Öffnung fehlt!)

Es ist von größter Bedeutung in unserer alltäglichen Arbeit, auf kleinste Details zu achten.

Zurück und zur Veranschaulichung:

Der Seele Nach-denken“ ist etwas anderes als „über die Seele nachdenken.“ „Über“ scheidet, legt ein „räumliches Darüber-Stehen“ nahe, wie auf einem Berg stehen, von dort aus sich einen „Über“-Blick verschaffen. In diesem Über-Blick kann man das Verständnis der Seele in den verschiedensten Kulturkreisen sich anschauen. Oder man schaut sich an, wie die Seele funktioniert, entwirft eine Lehre über die Seele.

Sie haben wohl schon bemerkt, dass ich anderes mit Ihnen vor habe.

Wir wollen versuchen, gemeinsam einen Weg zu gehen. Und dieser Weg will ermutigen, sich selbst aufzumachen, das Wagnis einzugehen, den Weg zum Erleben der eigenen Seele zu beschreiten. Bereits hier scheint der Weg schnell zu Ende zu sein: kann doch kein Buch/Vortrag dieser Welt das Erleben der eigenen Seele beschreiben. Die „Kunst“ (in des Wortes doppelter Bedeutung) ist es, einen Weg zu finden, der nahe genug am Erleben und entfernt genug von einmaliger Individualität sich bildet.

Der Seele Nachdenken“ bedeutet: „eintauchen“ in das Er-Leben der Seele selbst. Dies ist der psychoanalytische ebenso wie der mystische Zugang zur Seele.

Beispiel: man kann sich darüber austauschen, was das Wort „danke“ in den verschiedensten Sprachen bedeutet, oder man kann versuchen, „dankbar zu werden“. „Erlebte Dankbarkeit“.

Meister Eckhart hat in einer seiner Predigten gesagt: „Wäre das Wort ‘danke’ das einzige Gebet, das du je sprichst, so würde es genügen.”

Danke“ entstammt etymologisch demselben Stamm wie „denken“. Den „Gedanken“ merkt man noch vom Wortklang her ihre Nähe zu „danken“ an. „Dankendes Denken“ ist ein Denken, das anerkennt: es kann sich nicht selbst, nicht aus sich selbst heraus erschaffen. Dankendes Denken weiß: es verdankt seine Existenz einem oder etwas Anderen. Dankendes Denken ist bezogenes Denken: bezogen in Dankbarkeit. Je tiefer ich meines Lebens als eines Geschenks gewahr werde, desto leichter geht mir das Danklied über die Lippen. Allerdings unter einer Voraussetzung: dass ich bereit bin, dieses Geschenk: „mein Leben“ zu empfangen. Dass ich bereit bin, mich diesem Geschenk: „mein Leben“ hinzugeben. Das Nachdenken der Seele ist ein dankbares. Die undankbare Seele kann nicht nachdenken. Sie muss unendlich wiederholen. „Und täglich grüßt das Murmeltier.“ Sie verwechselt die Gegenwart mit der Vergangenheit. Und auch die Zukunft ist eine Neuauflage der Vergangenheit. Sie merken: hier gibt es keine Zeit mehr. Nur geronnene Ewigkeit. Je gebrochener, „zerfallener“ die Seele ist, desto schwerer hat sie es mit dem nach-denken. Nach-denken bedeutet nämlich: immer tiefer mein Leben in seinem „So-und nicht Anders-Geworden-Sein“ zu akzeptieren. Einschließlich all’ dessen, was meine Eltern/Erzieher/Gefährten mir schuldig geblieben sind – einschließlich all’ dessen, was ich meinen Mitmenschen, meinen Eltern/Erziehern/Gefährten schuldig geblieben bin. Dieses Nach-Denken ist nur möglich, wenn „Vergebung“ erlebt werden kann. „Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern!“

(Nebenbei: im Griechischen heißt „Dank“ „Charis“: die Grundbedeutung von „Charis“ ist „Geschenk, Gnade“…)

Diese Gedanken beruhigen. Inwiefern? Sie entlasten. Wenn Sie vor einer Gruppe stehen, sich gewissenhaft vorbereitet haben, sich große Mühe geben usw. … das Entscheidende können Sie nicht “machen” – das Entscheidende ist: was das “anrichtet”, wohin das fällt – Sie wissen es nicht. Es ist ein „Geschenk“

Diese Gedanken beunruhigen: wir haben viel, viel weniger im Griff, als wir meinen. Unsere Gedanken können erhebliche emotionale Turbulenzen bewirken, insbesondere jene, die sich mit der Wahrheit verbünden. Früher konnte man dafür schnell am Kreuz enden. Die Welt hat er nicht gewonnen…

Je stärker die Fähigkeit zu vertrauen, desto erträglicher wird die Beunruhigung. Verschwinden wird sie wohl nie. Leben ohne Ängste kann ich mir nicht vorstellen.

Aber: Je stärker das Vertrauen, desto kleiner die Ängste.

Zu einem starken Vertrauen gehört unabdingbar ein gesundes Misstrauen – sonst handelt es sich nicht um Vertrauen sondern um Naivität. Es geht darum zu erkennen, bin ich in einem gesunden, förderlichen Prozess. Beruflich (auch privat)

Gesund heißt: ganzheitlich – dass es aufs Ganze gesehen stimmt. Dass es aufs Ganze gesehen ein konstruktiver Prozess ist. Die Alternative dazu ist Zerfall. Zerstörung.

Murmelgruppe: Wovor habe ich Angst? Sind meine Ängste diffus oder klar umschrieben?

Kenne ich Beziehungen, die von Vertrauen getragen sind? Worein vertraue ich eigentlich?

Zweitens: ZERSTÖRUNGEN

Das Problem ist, dass auch Krebsgeschwüre wachsen. Und zwar am Beginn in der Regel schmerzlos. Unser deutsches Wort “Wachstumsschmerzen” bezieht sich auf die Schmerzen eines gesunden Wachstums. Ich weiß nicht genau, was diese Einsicht bedeutet: aber sie scheint mir der Erwähnung wert.

W. Bion hat zerstörerische Beziehungen als “parasitär” bezeichnet: “In der parasitären Beziehung ist das Resultat für beide Partner zerstörerisch.” Bion ist der Annahme, dass es im Besonderen der Neid ist, der zu parasitären Beziehungen führt. Neid ist ein sehr frühes Gefühl, in dem sich ein “Ich” ausgehungert und verarmt fühlt und als einzigen Ausweg die Möglichkeit in Betracht kommt, einen “Wirt” zu finden, den es “ausbeuten” kann. Neid kennt keinen “Zwischen-Raum”: die Art der Verbindung ist eine solche, “sich des Anderen zu bemächtigen”. Eine Wahrnehmung des Anderen als „Anderen“ findet nicht statt.

Wie kommt es zu parasitären Beziehungen? Auf der Seite des Parasiten geht es um Existenzängste. Er braucht den Wirt, sonst verhungert er. Im Seelischen braucht der Parasit die Wärme, die Kreativität, die Lebendigkeit des Anderen. Der Wirt – auf der anderen Seite – ist süchtig nach Bewunderung. Diese Sucht macht ihn verführbar für Parasiten. Der Preis ist wie gesagt hoch: er führt zur Zerstörung der Beziehung und – im, schlimmsten Fall – zur Zerstörung von Wirt und Parasit selbst.

Ich habe als Beispiel für parasitäre Beziehungen auf somatischer Ebene bereits die Krebserkrankung genannt. Natürlich finden sich auch in Unternehmen parasitäre Beziehungen. Es ist wichtig, diese zu erkennen. Ein sicheres Element ist, wenn sie es mit Menschen zu tun haben, deren Zentrum es ist, bewundert zu werden. Marilyn Monroe hat einmal gesagt: „Berühmt zu sein ist etwas Wunderbares. Aber es wärmt nicht, wenn dich in der Nacht friert!“

Und natürlich steht hinter dem Drang, berühmt zu sein, eine tiefe Sehnsucht danach, wahrgenommen, gesehen zu werden. Nur in der Bewunderung, bzw. in meinem dringenden Wunsch, bewundert zu werden, vergesse ich, dass es gar nicht um mich, sondern dass es um ein Drittes geht und dass meine Aufgabe es ist, Medium für dieses Dritte zu sein. Dieses Dritte ist der Auftrag/ Job, den ich zu erfüllen habe – in unserem Fall, Ihnen dieses Referat zu halten. Es geht nicht darum, wie Sie mich finden, sondern inwieweit Sie mit den hier geäußerten Gedanken in Schwingung kommen können, oder eben auch nicht.

Eine andere Verführung für parasitäre Beziehungen ist Existenzangst. Wenn ich der Meinung bin, dass ich diesen oder jenen Job unbedingt brauche, sonst gehe ich ein, bin ich maximal verführbar, mich auf einer anderen Ebene ausbeuten zu lassen. Es ist so, dass das Verlassen von parasitären Beziehungen mit heftigen Ängsten einhergeht. Werde ich es überleben, wenn ich sage: das mache ich nicht – oder so mache ich nicht mit usw. ?

Auf der anderen Seite: irgendwo und irgendwie spürt meine Seele, wenn ich sie im Stich lasse oder sogar verrate, indem ich gegen meine tiefen inneren Überzeugungen etwas mache. Sie meldet mir dies zurück in Gefühlen diffuser Unzufriedenheit, leichter Reizbarkeit, depressiver Verstimmungen – und in der Suche nach Betäubungen und Ablenkungen. Auch hier gibt es individuell große Variationsbreiten.

Ich glaube, das verbreitete „burn out“ ist in der Tiefe nichts anderes, als eine ausgebeutete Seele, die nicht mehr kann. Das Problem ist, dies zu erkennen. Viele Menschen kommen zur Therapie (oder ins Coaching?) um „wieder so zu funktionieren wie bisher.“ Sie wollen die Botschaft ihrer depressiven Gefühle nicht „einsehen“ – sie wollen sie nur los haben.

Fragen: An welcher Stelle bin ich selbst in der Gefahr, ein Parasit zu sein?

An welcher Stelle bin ich in der Gefahr, mich als Wirt zur Verfügung zu stellen?

Gibt es Rückmeldungen meiner Seele, die ich ignoriere? Und wenn ja – welche?

Drittens: SCHUTZ VOR KORRUPTION

Korruption, Parasitäres findet stets in einer solchen Beziehung statt, bei der „Zwischen-Raum“ zerstört ist. Es geht um entweder (ich) – oder (du). Es gibt keinen hilfreichen „Dritten“, der die „Beiden“ schützt und hält. Andersherum: in der parasitären Beziehung findet die Korruption, der Betrug am Dritten statt. Der Dritte, das können meine Werte und Überzeugungen sein, das kann der Staat sein, das kann der betrogene Ehemann (oder -frau sein).

Noch einmal anders gewendet: in der parasitären Beziehung ist der „Dritte“ exkommuniziert: wörtlich: er darf nicht mitreden, weil ihm wesentliche Informationen vorenthalten werden. Zur parasitären Beziehung gehört wesentlich Heimlichkeit.

Es ist der gute Rahmen einer Beziehung, der diese vor Korruption schützt. Dies gilt ebenso für unsere Seele.

Eine gesunde Seele ist eine „gerahmte“ Seele. Es ist der Rahmen oder die Umrahmung, über die unsere Klangschale zum Klingen kommt. Sie können zu Rahmen auch „Grenze“ sagen oder „Vereinbarung“, oder „Regel“ oder „Setting“.

Fällt der Rahmen weg, geschieht Zerstörung. Rahmenlos heißt „ungehemmt“, „gierig“ „kein Halten mehr kennen“. Alle Ausbeutung, aller Missbrauch geschieht in Rahmenlosigkeit.

Das Problem ist, dass viele Menschen „Rahmen“ in ihrer Kindheit nicht als Sicherheit spendenden Schutz erleben durften, sondern als (über-)fordernde, hartherzige und bestrafende Instanz erlebt haben. (Das ist der Rahmen vieler Religionen, die meinen, der Weg zu Gott führe darüber, sich selbst und andere zu quälen.) So dass Leben bedeutete, sich Schlupfwinkel und Nischen zu suchen, in denen der gehasste Rahmen „ausgetrickst“ wurde. So dass viele Menschen meinen, sich „ganzheitlich“ („aus einem Guss“) an einen Rahmen zu halten, ist Selbst-Vernichtung. In der Regel wurde dies von den „Großen“, den „Eltern und Erziehern“ vorgelebt.

Jesus hat dies pointiert formuliert, wenn er sagt: „Nicht der Mensch ist um des Sabbats willen, sondern der Sabbat um des Menschen willen!“ (Markus 2,27)

Das heißt aber nun nicht: der Sabbat ist aufzulösen, der Rahmen ist zu vernichten. Im zerstörten Rahmen herrscht Anarchie, Willkür. Jeder ist dem Anderen und sich selbst ausgeliefert. Im totalitären Rahmen herrscht Diktatur. Beides ist nicht lebensdienlich. Beides trägt nicht zu seelischem Wachstum bei.

(Nebenbei: Diesen lebensfördernden Rahmen benötigen wir auch „im Inneren“. Ich arbeite gerne mit dem Modell des „inneren Parlamentes“. D.h., jeder von uns besitzt in seinem Inneren ein „Gremium“, das letztlich Entscheidungen trifft. Je totalitärer dieses innere Parlament strukturiert ist, desto wahrscheinlicher ist die Anfälligkeit für parasitäre Beziehungen im außen. Umso wichtiger ist es, auch die totalitären Stimmen im Innern wahrzunehmen und sie in die demokratisch-parlamentarische Arbeit einzubinden.)

Es geht um einen lebensfördernden Rahmen, der Wachstum ermöglicht und schützt. Dieser Rahmen entsteht wiederum irgendwo „dazwischen“: zwischen Diktatur auf der einen und Willkür auf der anderen Seite.

Unsere Gefahr als Berater, als Therapeuten als Pfarrer aber auch als Eltern ist es, weil wir so gern „die Guten“ sein wollen, den klaren Rahmen zu verwässern. Wer Kinder hat, weiß, dass das Bestehen auf einem klaren Rahmen (alleine einschlafen; Grundregeln beim Essen etc.) mit Wut und Enttäuschung einhergeht. Wenn ich zu bedürftig bin, zu viel Sehnsucht in mir trage, von meinen Kindern, Coachies, Patienten bewundert und geliebt zu werden, stehe ich in großer Gefahr, den wachstumsfördernden Rahmen dafür zu opfern. Das fühlt sich dann „toll“ und „schmerzfrei“ an – ist aber sehr gefährlich. Genau genommen bleibe ich mir selbst und den mir Anvertrauten Wesentliches schuldig.

Wir kommen also zu einer weiteren wesentlichen Fähigkeit, die mich vor Korruption schützt: die Fähigkeit, andere Menschen zu enttäuschen. Diese Fähigkeit hängt unmittelbar mit meiner Kraft zusammen, den Anderen nicht zu brauchen. Es ist nicht die Aufgabe der uns Anvertrauten, uns zu stabilisieren!

(Das ist alles leichter gesagt als gelebt.)

Erst indem ich den Anderen nicht mehr brauche, entsteht eine Freiheit, einander wirklich kennen zu lernen. Im Hebräischen wird für „kennen lernen“, „erkennen“ und „lieben“ dasselbe Wort verwendet: „jada“! („Und Adam erkannt sein Weib.“)

Der sicherste Schutz vor Korruption der eigenen Seele ist die Fähigkeit oder Kunst zu lieben. Und zwar jene Liebe, die mit Erkennen im Bunde ist. In dieser Liebe wächst eine gesunde Seele, die sich ihrer selbst bewusst ist, sich selbst achtet und liebt. Damit korreliert ganz von selber die Achtung des Anderen: „liebe deinen Nächsten wie dich selbst!“ Und dies geschieht alles in einem guten, lebensfördernden Rahmen.

Ich komme zum Schluss:

Bernhard von Clairvaux – ein Mönch und Coach, der vor ca. 900 Jahren gelebt hat – hat den Schutz vor Korruption in folgendem Bild ausgedrückt:

Wenn du vernünftig bist, erweise dich als Schale und nicht als Kanal, der fast gleichzeitig empfängt und weitergibt, während jene wartet, bis sie gefüllt ist. Auf diese Weise gibt sie das, was bei ihr überfließt, ohne eigenen Schaden weiter. Lerne auch du, nur aus der Fülle auszugießen, und habe nicht den Wunsch, freigiebiger zu sein als Gott. Die Schale ahmt die Quelle nach. Erst wenn sie mit Wasser gesättigt ist, strömt sie zum Fluss, wird sie zur See. Du tue das Gleiche! Zuerst anfüllen und dann ausgießen. Die gütige und kluge Liebe ist gewohnt über zuströmen, nicht auszuströmen. Ich möchte nicht reich werden, wenn du dabei leer wirst. Wenn du nämlich mit dir selber schlecht umgehst, wem bist du dann gut? Wenn du kannst, hilf mir aus deiner Fülle; wenn nicht, schone dich.“

Wer diese Gedanken „beherzigt“, sie in sein Herz hinein lässt, der muss davor, die eigene Seele zu korrumpieren, keine Angst haben. Der Rhythmus seines Lebens wird langsamer werden – mehr seiner eigenen Natur entsprechend. Er wird sich selbst und Andere nicht mehr ausbeuten. Er wird auch weniger gefährdet für Fremd-Ausbeutung sein.

Eine gesunde Seele ist zu einer Schale der Liebe geworden. Nicht wegen eines erhobenen Zeigefinders, nicht aus Angst vor Bestrafung hält sie sich an Grenzen, an einen guten Rahmen: sondern aus Liebe. Jene Liebe, von der es heißt:
„sie erträgt alles, sie glaubt alles, sie hofft alles, sie duldet alles – und sie freut sich an der Wahrheit!“ (1. Kor. 13, 7).

Exerzitien: Wie ist mein Verhältnis zu Rahmen und Grenzen? Halte ich die Beschäftigung damit für nebensächlich? Wo trickse ich, wenn es um die Einhaltung eines Rahmens geht? Und warum eigentlich?

Predigt über 2. Timotheus 1, 7-10 am 16. Sonntag n. Trinitatis (2010)

Liebe Gemeinde,

als ich den ersten Satz unseres heutigen Predigttextes las, musste ich an die Nacht denken, die gerade hinter mir lag. Ich war um 5 Uhr morgens wach geworden und hoffte nach dem altersbedingten Gang auf die Toilette, wieder einschlafen zu können. Über eine Stunde geruhsamer Schlaf könnte vor mir liegen, bis mein Wecker mir freundlich-bestimmt das Ende der Nacht einläuten würde. Aber anstelle eines sanften Einschlummerns spürte ich, wie Gedanken aus ihren Höhlen krochen und sich zwischen mir und meinem Wunsch, dem Morgen entgegen ruhen zu können, stellten. Diesen Gedanken war eines gemeinsam: sie hatten allesamt den Geruch von Furcht, von Sorge, von Bedenken. Die einzige Bewegungsfreiheit, die mir blieb, war, entweder mich um andere, mir nahestehende Menschen zu sorgen, oder um mich selbst. Die furchtsam-düsteren Gedanken selbst ließen sich nicht verscheuchen.

Gott hat uns nicht den Geist der Furcht gegeben.“ Das ist der erste Satz unseres Predigttextes aus dem 2. Timotheusbrief. Das ist ein klarer Satz. Es war offenbar der „Geist der Furcht“, der mir den Schlaf raubte. Das kann ich jetzt rückblickend klar erkennen. Nur in der Situation war mir diese Erkenntnis nicht gegeben. Der Geist der Furcht hatte mein Denken gefangen genommen.

Ich erzähle Ihnen dies so persönlich, liebe Gemeinde, weil sich biblische Texte sehr dazu eignen, so zu tun, als gäbe es diesen „Geist der Furcht“ nicht. Als hätten wir diesen Geist ein für allemal besiegt, in Christus Jesus, unserem Herrn. Der – wie wir vorhin hörten – ja sogar Tote auferwecken kann. Als ginge es darum, nur fest genug an den allmächtigen Retter Jesus Christus zu glauben, und alle Probleme verschwinden „wie von selbst“.

Meine Botschaft ist eine andere. Und sie kommt aus meinem persönlichen Erleben. Als ich angefangen habe, Theologie zu studieren, hatte ich gehofft, ich würde hier etwas finden, was mir meine Ängste und Befürchtungen nehmen könnte. Einen Heiland, einen Retter: danach sehnte ich mich. Texte und Verheißungen gab es genug. Nur irgendwie wollten sie bei mir nicht greifen. Meine Ängste wurden nicht weniger, sondern eher mehr. So wandte ich mich der Psychoanalyse zu. Mit der alten Hoffnung, hier die Rettung zu finden. Auch diese Hoffnung erfüllte sich nicht.

Erst allmählich begann ich zu verstehen, dass die „Hoffnung auf Rettung“ selbst das Problem ist. Sie hat nämlich einen großen Nachteil: sie vertreibt mich aus der Gegenwart. Sie verführt mich dazu, die Gegenwart zu schwächen, weil „das Eigentliche ja erst noch kommt.“ Und je älter ich werde, desto gewisser steht fest: soviel „Eigentliches“ wird nicht mehr kommen.

So ist die „Hoffnung auf Rettung“ nur die Kehrseite des „Geistes der Furcht“. Ein erhoffter Gott, der mich retten wird, ist ein schwacher Gott. Und ein schwacher Gott ist ein Widerspruch in sich.

7 Gott hat uns nicht den Geist der Furcht gegeben, sondern der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit.“ So lautet der vollständige erste Satz unseres heutigen Predigttextes. Das sind also Kennzeichen eines starken Gottes: „Kraft, Liebe, Besonnenheit“.

Kraft, griechisch „dynamis“ – Dynamit! Dynamit, das ist Sprengkraft. Mit Dynamit kann man Mauern und Gefängnisse sprengen. Mit Dynamit kann man Verbindungen zwischen Bergen schaffen. Man kann es aber auch zur Zerstörung verwenden. Wie stets, geht es um die Frage der guten Verwendung. Göttliches Dynamit wird verwendet, auf dass die Liebe offenbar werde. Göttliches Dynamit will die Fesseln sprengen, mit denen „der Geist der Furcht“ versucht, uns gefangen zu nehmen. Göttliches Dynamit erweckt Lazarus zum Leben: „Lazarus“ – das heißt „Gott hilft.“ Nicht: Gott wird helfen, sondern Gott hilft, und zwar jetzt. Nicht: es gibt keinen Tod, sondern: das Leben findet hier statt, im Hier und Jetzt. Und gutes Leben fließt aus einem lebendigen „Gott hilft“-Vertrauen.

Die Kraft des Vaters zeugt die Liebe des Sohnes. Die Liebe, das zweite Attribut göttlichen Geistes, ist gezeugt aus Dynamit. Nicht gemacht, nicht fabriziert, sondern gezeugt. Diese dynamische Liebe lässt sich nicht herstellen, manipulieren. Sie geschieht aus und in der Kraft des Schöpfers. Wer dies nicht erträgt, der kann nur gemachte Liebe erleben. Gemachte Liebe ist künstlich hergestellte. Sie gleicht einem Schwimmbecken. Dynamische Liebe hingegen gleicht einem Wildbach, der sich selbst sein Bett sucht. In der gemachten Liebe suchen wir die Beweise der Zuneigung, sind der Beziehung unsicher. Zweifel und Furcht müssen niedergehalten werden. Echte Liebe lebt. Und das ist genug.

Aber nicht maßlos. Oft wird Liebe mit: „ich setze mich über alle Grenzen hinweg“ verwechselt. Das ist der Stoff, aus dem die Liebes-Affären sind, aber nicht die Liebe. Reife Liebe hält sich an Grenzen. Liebe leben heißt, in Grenzen leben. Wildbach – aber nicht Überschwemmung. Die Griechen hatten hierfür das Wort „Besonnenheit“, das für sie auch „geistige Gesundheit“ bedeutete. Gesundheit hat mit Ganzheit zu tun. Eine gesunde Beziehung ist eine Beziehung, die aufs Ganze gesehen stimmt und niemand schädigt. Dies gilt sowohl für die Beziehung zu meinem Körper und zu meiner Seele als auch für die Beziehung zu meinen Mitmenschen. Gesunde Beziehungen geschehen als dynamische Beziehungen, voller Kraft, voller Liebe und voller Maßhaltung. Diese Drei ergänzen sich nicht nur gegenseitig, sondern bauen sich gegenseitig auf, helfen sich gegenseitig zu gutem, fruchtbarem Wachstum. In der Dreiheit von Kraft, Liebe und Besonnenheit wachsen ganzheitliche Beziehungen.

8 Darum schäme dich nicht des Zeugnisses von unserem Herrn noch meiner, der ich sein Gefangener bin, sondern leide mit mir für das Evangelium in der Kraft Gottes.“

Wer in diesem trinitarischen Geist steht und lebt, warum sollte sich der schämen? Schamgefühle und Schuldgefühle sind es, die Lazarus, die „Gott hilft“ in seine Sterbehöhle treiben. Wer als Kind für seine unmittelbare Kraft und spontane Liebe beschämt worden ist, der zieht sich in seine Höhle zurück. In seiner Höhle hat er Graffitis gesprüht, die ihn darin bestätigen sollen, dass es gut ist, seine Höhle nicht zu verlassen. „Dem und dem werde ich nie verzeihen“, heißt so ein Spruch. Oder: „Ich kann nichts, bin nichts wert.“ Oder: „Die anderen haben es besser als ich.“ Oder: „Was bringt es mir, wenn ich auf andere Menschen zu gehe?“ Diese düsteren Leitsprüche schlagen sich in der Seele von Kindern und später Erwachsenen nieder, die in einem Klima von Schuldzuweisung, Vorwürflichkeit und Beschämung aufgewachsen sind.

Wer es nun wagt, sich von der Kraft der Liebe zu neuem Leben erwecken zu lassen, der bekommt es wieder mit diesen Sprüchen zu tun. Darf und kann er sich wirklich von ihnen trennen? Darf und kann er es wagen, seine Sterbe-Höhle zu verlassen? Ohne Schmerz und Leid geht es nicht. Wem die Kraft fehlt, seelische wie körperliche Schmerzen und Leiden zu ertragen, der wird in der Höhle seiner Einsamkeit bleiben. Die „frohe Botschaft“, das Evangelium der Lebendigkeit befreit nur mit Schmerzen. Aber die in ihr steckende „Gott hilft“-Kraft stärkt zugleich auch und ermöglicht, Leid zu ertragen.

9 Er hat uns selig gemacht und berufen mit einem heiligen Ruf, nicht nach unseren Werken, sondern nach seinem Ratschluss und nach der Gnade, die uns in Jesus Christus gegeben ist vor der Zeit der Welt, jetzt aber offenbart ist durch die Erscheinung unseres Heilands Jesus Christus, der dem Tod die Macht genommen hat und das Leben und ein unvergängliches Wesen ans Licht gebracht hat durch das Evangelium.“

Er hat uns berufen, man könnte genauso gut sagen: sie hat uns berufen: sie, das ist die Kraft der Liebe, die uns Menschen täglich ruft, ruft mit heiligem Ruf. Heilig, das heißt heil, unversehrt, ganzheitlich, integrativ, unbeschädigt. Überall, wo echte Liebe ruft, geschieht Heilung, Versöhnung, Wiedergutmachung … und Dankbarkeit.

In Klammern: Echte Liebe ruft niemals zu Hass auf. Wenn fundamentalistische Christen in Amerika zum Hass gegen den Islam aufrufen, öffentlich den Koran verbrennen, dann können sie sich auf viel berufen: aber nicht auf die Botschaft der Liebe. Leider können sie sich aber auf die Bibel berufen, leider können sie sich auch auf viele Stellen in den Briefen des Paulus berufen, nämlich überall da, wo er jenen Vergeltung androht, die nicht seine christliche Mission unterstützen. Bis hin zu jener makabren Stelle im 1. Korintherbrief, wo er für die Todesstrafe bei einem Unzuchtvergehen plädiert. (1. Kor. 5,5) Und leider können sich die Prediger des Hasses auch auf all jene Sätze berufen, die einem christlichen Fundamentalismus das Wort reden. Man kann auch unseren Text fundamentalistisch auslegen: dann ist Jesus Christus der absolute Mensch-Gott, der allen, die an ihn glauben, vor dem Tod rettet – und alle anderen natürlich nicht.

Ich möchte zurückkehren zur Botschaft der Liebe.

Die Kraft der Liebe hat uns berufen, und ruft uns: jeden Tag, jede Stunde … jetzt. Sie ruft uns mit einer leisen Stimme. Sie ruft uns, ohne sich besitzen zu lassen. Sie ruft uns, ohne uns besitzen zu wollen. Sie ist unserem Tun und Machen entzogen. Sie ist auch der Zeit entzogen, sie ist vor aller Zeit und nach aller Zeit und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Und was ist die Ewigkeit? Die Ewigkeit ist die Gegenwart des Ein-Atmen und des Aus-Atmen.

Nicht wir Menschen als Individuen sind unsterblich, sondern die Kraft der Liebe, die im Geist maßvoller Besonnenheit webt und wirkt. Diese Kraft der Liebe nennen wir Christus und verbinden sie mit jenem Jesus aus Nazareth, der sie in ganz besonderer Weise gepredigt und gelebt hat. Indem wir Anteil haben an dieser Liebe und in ihr leben, haben wir Anteil am ewigen Leben. Dies ist das „unvergängliche Wesen“, das in und durch Christus „ans Licht gekommen ist“.

Liebe Gemeinde,

schöne Worte, mögen Sie sich jetzt denken, aber kann man sie auch zum Leben verwenden? Habe ich nicht selbst gesagt, dass ich nicht mehr einschlafen konnte, gefangen genommen vom Geist der Furchtsamkeit? Wo war da die Kraft der Liebe?

Stimmt. Und ich vermute, das wird mir immer wieder auch passieren. Deshalb wollte ich Ihnen das sagen. Denn zum Mensch-Sein gehört nicht nur die Liebe, sondern auch der Hass, nicht nur der Mut, sondern auch die Furcht. Und der Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit lässt sich nicht besitzen. Man kann nur auf ihn trauen, man kann um ihn beten, man kann auf ihn hoffen.

Und – wer diesen Geist einmal erleben durfte, der will immer wieder zu ihm zurück kehren.

Als ich aufhörte, mich gegen meine furchtsamen Gedanken zu wehren, als ich aufhörte, meine Schlaflosigkeit zu hassen, begann ich mich zu beruhigen. Und in der Beruhigung zählte ich mein Einatmen und mein Ausatmen. Ich versuchte bis „Neun“ zu kommen. Wenn mich meine Gedanken wegtrieben, fing ich wieder von vorne an.

Und so begann ich zu mir zu kommen. Der Geist der Furcht hat nämlich nur Macht über uns, wenn wir nicht bei uns sind. Im Bei-mir-Sein bin ich in Christus. Und in Christus bin ich eine neue Kreatur. In Christus benötige ich keine Rückzugs-Höhlen mehr. Oder anders: Mein Rückzug ist Christus selbst. So werde ich hinein verwandelt in den Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit. So atme nicht mehr ich, sondern Christus atmet in mir. Im Einatmen lächle ich meiner Seele zu, im Ausatmen gebe ich meine Seele dankbar hin.

Und dazwischen, zwischen einatmen und ausatmen –

ja dazwischen können wir einen Hauch der Ewigkeit erleben … AMEN.

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