Predigt über 2. Timotheus 1, 7-10 am 16. Sonntag n. Trinitatis (2010)

Liebe Gemeinde,

als ich den ersten Satz unseres heutigen Predigttextes las, musste ich an die Nacht denken, die gerade hinter mir lag. Ich war um 5 Uhr morgens wach geworden und hoffte nach dem altersbedingten Gang auf die Toilette, wieder einschlafen zu können. Über eine Stunde geruhsamer Schlaf könnte vor mir liegen, bis mein Wecker mir freundlich-bestimmt das Ende der Nacht einläuten würde. Aber anstelle eines sanften Einschlummerns spürte ich, wie Gedanken aus ihren Höhlen krochen und sich zwischen mir und meinem Wunsch, dem Morgen entgegen ruhen zu können, stellten. Diesen Gedanken war eines gemeinsam: sie hatten allesamt den Geruch von Furcht, von Sorge, von Bedenken. Die einzige Bewegungsfreiheit, die mir blieb, war, entweder mich um andere, mir nahestehende Menschen zu sorgen, oder um mich selbst. Die furchtsam-düsteren Gedanken selbst ließen sich nicht verscheuchen.

Gott hat uns nicht den Geist der Furcht gegeben.“ Das ist der erste Satz unseres Predigttextes aus dem 2. Timotheusbrief. Das ist ein klarer Satz. Es war offenbar der „Geist der Furcht“, der mir den Schlaf raubte. Das kann ich jetzt rückblickend klar erkennen. Nur in der Situation war mir diese Erkenntnis nicht gegeben. Der Geist der Furcht hatte mein Denken gefangen genommen.

Ich erzähle Ihnen dies so persönlich, liebe Gemeinde, weil sich biblische Texte sehr dazu eignen, so zu tun, als gäbe es diesen „Geist der Furcht“ nicht. Als hätten wir diesen Geist ein für allemal besiegt, in Christus Jesus, unserem Herrn. Der – wie wir vorhin hörten – ja sogar Tote auferwecken kann. Als ginge es darum, nur fest genug an den allmächtigen Retter Jesus Christus zu glauben, und alle Probleme verschwinden „wie von selbst“.

Meine Botschaft ist eine andere. Und sie kommt aus meinem persönlichen Erleben. Als ich angefangen habe, Theologie zu studieren, hatte ich gehofft, ich würde hier etwas finden, was mir meine Ängste und Befürchtungen nehmen könnte. Einen Heiland, einen Retter: danach sehnte ich mich. Texte und Verheißungen gab es genug. Nur irgendwie wollten sie bei mir nicht greifen. Meine Ängste wurden nicht weniger, sondern eher mehr. So wandte ich mich der Psychoanalyse zu. Mit der alten Hoffnung, hier die Rettung zu finden. Auch diese Hoffnung erfüllte sich nicht.

Erst allmählich begann ich zu verstehen, dass die „Hoffnung auf Rettung“ selbst das Problem ist. Sie hat nämlich einen großen Nachteil: sie vertreibt mich aus der Gegenwart. Sie verführt mich dazu, die Gegenwart zu schwächen, weil „das Eigentliche ja erst noch kommt.“ Und je älter ich werde, desto gewisser steht fest: soviel „Eigentliches“ wird nicht mehr kommen.

So ist die „Hoffnung auf Rettung“ nur die Kehrseite des „Geistes der Furcht“. Ein erhoffter Gott, der mich retten wird, ist ein schwacher Gott. Und ein schwacher Gott ist ein Widerspruch in sich.

7 Gott hat uns nicht den Geist der Furcht gegeben, sondern der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit.“ So lautet der vollständige erste Satz unseres heutigen Predigttextes. Das sind also Kennzeichen eines starken Gottes: „Kraft, Liebe, Besonnenheit“.

Kraft, griechisch „dynamis“ – Dynamit! Dynamit, das ist Sprengkraft. Mit Dynamit kann man Mauern und Gefängnisse sprengen. Mit Dynamit kann man Verbindungen zwischen Bergen schaffen. Man kann es aber auch zur Zerstörung verwenden. Wie stets, geht es um die Frage der guten Verwendung. Göttliches Dynamit wird verwendet, auf dass die Liebe offenbar werde. Göttliches Dynamit will die Fesseln sprengen, mit denen „der Geist der Furcht“ versucht, uns gefangen zu nehmen. Göttliches Dynamit erweckt Lazarus zum Leben: „Lazarus“ – das heißt „Gott hilft.“ Nicht: Gott wird helfen, sondern Gott hilft, und zwar jetzt. Nicht: es gibt keinen Tod, sondern: das Leben findet hier statt, im Hier und Jetzt. Und gutes Leben fließt aus einem lebendigen „Gott hilft“-Vertrauen.

Die Kraft des Vaters zeugt die Liebe des Sohnes. Die Liebe, das zweite Attribut göttlichen Geistes, ist gezeugt aus Dynamit. Nicht gemacht, nicht fabriziert, sondern gezeugt. Diese dynamische Liebe lässt sich nicht herstellen, manipulieren. Sie geschieht aus und in der Kraft des Schöpfers. Wer dies nicht erträgt, der kann nur gemachte Liebe erleben. Gemachte Liebe ist künstlich hergestellte. Sie gleicht einem Schwimmbecken. Dynamische Liebe hingegen gleicht einem Wildbach, der sich selbst sein Bett sucht. In der gemachten Liebe suchen wir die Beweise der Zuneigung, sind der Beziehung unsicher. Zweifel und Furcht müssen niedergehalten werden. Echte Liebe lebt. Und das ist genug.

Aber nicht maßlos. Oft wird Liebe mit: „ich setze mich über alle Grenzen hinweg“ verwechselt. Das ist der Stoff, aus dem die Liebes-Affären sind, aber nicht die Liebe. Reife Liebe hält sich an Grenzen. Liebe leben heißt, in Grenzen leben. Wildbach – aber nicht Überschwemmung. Die Griechen hatten hierfür das Wort „Besonnenheit“, das für sie auch „geistige Gesundheit“ bedeutete. Gesundheit hat mit Ganzheit zu tun. Eine gesunde Beziehung ist eine Beziehung, die aufs Ganze gesehen stimmt und niemand schädigt. Dies gilt sowohl für die Beziehung zu meinem Körper und zu meiner Seele als auch für die Beziehung zu meinen Mitmenschen. Gesunde Beziehungen geschehen als dynamische Beziehungen, voller Kraft, voller Liebe und voller Maßhaltung. Diese Drei ergänzen sich nicht nur gegenseitig, sondern bauen sich gegenseitig auf, helfen sich gegenseitig zu gutem, fruchtbarem Wachstum. In der Dreiheit von Kraft, Liebe und Besonnenheit wachsen ganzheitliche Beziehungen.

8 Darum schäme dich nicht des Zeugnisses von unserem Herrn noch meiner, der ich sein Gefangener bin, sondern leide mit mir für das Evangelium in der Kraft Gottes.“

Wer in diesem trinitarischen Geist steht und lebt, warum sollte sich der schämen? Schamgefühle und Schuldgefühle sind es, die Lazarus, die „Gott hilft“ in seine Sterbehöhle treiben. Wer als Kind für seine unmittelbare Kraft und spontane Liebe beschämt worden ist, der zieht sich in seine Höhle zurück. In seiner Höhle hat er Graffitis gesprüht, die ihn darin bestätigen sollen, dass es gut ist, seine Höhle nicht zu verlassen. „Dem und dem werde ich nie verzeihen“, heißt so ein Spruch. Oder: „Ich kann nichts, bin nichts wert.“ Oder: „Die anderen haben es besser als ich.“ Oder: „Was bringt es mir, wenn ich auf andere Menschen zu gehe?“ Diese düsteren Leitsprüche schlagen sich in der Seele von Kindern und später Erwachsenen nieder, die in einem Klima von Schuldzuweisung, Vorwürflichkeit und Beschämung aufgewachsen sind.

Wer es nun wagt, sich von der Kraft der Liebe zu neuem Leben erwecken zu lassen, der bekommt es wieder mit diesen Sprüchen zu tun. Darf und kann er sich wirklich von ihnen trennen? Darf und kann er es wagen, seine Sterbe-Höhle zu verlassen? Ohne Schmerz und Leid geht es nicht. Wem die Kraft fehlt, seelische wie körperliche Schmerzen und Leiden zu ertragen, der wird in der Höhle seiner Einsamkeit bleiben. Die „frohe Botschaft“, das Evangelium der Lebendigkeit befreit nur mit Schmerzen. Aber die in ihr steckende „Gott hilft“-Kraft stärkt zugleich auch und ermöglicht, Leid zu ertragen.

9 Er hat uns selig gemacht und berufen mit einem heiligen Ruf, nicht nach unseren Werken, sondern nach seinem Ratschluss und nach der Gnade, die uns in Jesus Christus gegeben ist vor der Zeit der Welt, jetzt aber offenbart ist durch die Erscheinung unseres Heilands Jesus Christus, der dem Tod die Macht genommen hat und das Leben und ein unvergängliches Wesen ans Licht gebracht hat durch das Evangelium.“

Er hat uns berufen, man könnte genauso gut sagen: sie hat uns berufen: sie, das ist die Kraft der Liebe, die uns Menschen täglich ruft, ruft mit heiligem Ruf. Heilig, das heißt heil, unversehrt, ganzheitlich, integrativ, unbeschädigt. Überall, wo echte Liebe ruft, geschieht Heilung, Versöhnung, Wiedergutmachung … und Dankbarkeit.

In Klammern: Echte Liebe ruft niemals zu Hass auf. Wenn fundamentalistische Christen in Amerika zum Hass gegen den Islam aufrufen, öffentlich den Koran verbrennen, dann können sie sich auf viel berufen: aber nicht auf die Botschaft der Liebe. Leider können sie sich aber auf die Bibel berufen, leider können sie sich auch auf viele Stellen in den Briefen des Paulus berufen, nämlich überall da, wo er jenen Vergeltung androht, die nicht seine christliche Mission unterstützen. Bis hin zu jener makabren Stelle im 1. Korintherbrief, wo er für die Todesstrafe bei einem Unzuchtvergehen plädiert. (1. Kor. 5,5) Und leider können sich die Prediger des Hasses auch auf all jene Sätze berufen, die einem christlichen Fundamentalismus das Wort reden. Man kann auch unseren Text fundamentalistisch auslegen: dann ist Jesus Christus der absolute Mensch-Gott, der allen, die an ihn glauben, vor dem Tod rettet – und alle anderen natürlich nicht.

Ich möchte zurückkehren zur Botschaft der Liebe.

Die Kraft der Liebe hat uns berufen, und ruft uns: jeden Tag, jede Stunde … jetzt. Sie ruft uns mit einer leisen Stimme. Sie ruft uns, ohne sich besitzen zu lassen. Sie ruft uns, ohne uns besitzen zu wollen. Sie ist unserem Tun und Machen entzogen. Sie ist auch der Zeit entzogen, sie ist vor aller Zeit und nach aller Zeit und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Und was ist die Ewigkeit? Die Ewigkeit ist die Gegenwart des Ein-Atmen und des Aus-Atmen.

Nicht wir Menschen als Individuen sind unsterblich, sondern die Kraft der Liebe, die im Geist maßvoller Besonnenheit webt und wirkt. Diese Kraft der Liebe nennen wir Christus und verbinden sie mit jenem Jesus aus Nazareth, der sie in ganz besonderer Weise gepredigt und gelebt hat. Indem wir Anteil haben an dieser Liebe und in ihr leben, haben wir Anteil am ewigen Leben. Dies ist das „unvergängliche Wesen“, das in und durch Christus „ans Licht gekommen ist“.

Liebe Gemeinde,

schöne Worte, mögen Sie sich jetzt denken, aber kann man sie auch zum Leben verwenden? Habe ich nicht selbst gesagt, dass ich nicht mehr einschlafen konnte, gefangen genommen vom Geist der Furchtsamkeit? Wo war da die Kraft der Liebe?

Stimmt. Und ich vermute, das wird mir immer wieder auch passieren. Deshalb wollte ich Ihnen das sagen. Denn zum Mensch-Sein gehört nicht nur die Liebe, sondern auch der Hass, nicht nur der Mut, sondern auch die Furcht. Und der Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit lässt sich nicht besitzen. Man kann nur auf ihn trauen, man kann um ihn beten, man kann auf ihn hoffen.

Und – wer diesen Geist einmal erleben durfte, der will immer wieder zu ihm zurück kehren.

Als ich aufhörte, mich gegen meine furchtsamen Gedanken zu wehren, als ich aufhörte, meine Schlaflosigkeit zu hassen, begann ich mich zu beruhigen. Und in der Beruhigung zählte ich mein Einatmen und mein Ausatmen. Ich versuchte bis „Neun“ zu kommen. Wenn mich meine Gedanken wegtrieben, fing ich wieder von vorne an.

Und so begann ich zu mir zu kommen. Der Geist der Furcht hat nämlich nur Macht über uns, wenn wir nicht bei uns sind. Im Bei-mir-Sein bin ich in Christus. Und in Christus bin ich eine neue Kreatur. In Christus benötige ich keine Rückzugs-Höhlen mehr. Oder anders: Mein Rückzug ist Christus selbst. So werde ich hinein verwandelt in den Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit. So atme nicht mehr ich, sondern Christus atmet in mir. Im Einatmen lächle ich meiner Seele zu, im Ausatmen gebe ich meine Seele dankbar hin.

Und dazwischen, zwischen einatmen und ausatmen –

ja dazwischen können wir einen Hauch der Ewigkeit erleben … AMEN.

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