Predigt an Karfreitag 2022

Liebe Gemeinde,

meine heutige Predigt besteht aus zwei Teilen.

Im ersten Teil denke ich über die eigenartige Beziehung zwischen Jesus und seinem Gegenspieler nach.

Im zweiten Teil will ich versuchen, diesen Gegenspieler selbst zu Wort kommen zu lassen.

Erstens:

Von Anfang seines Wirkens an hatte Jesus, hatten seine Gedanken und sein Tun, einen Gegenspieler: den Diabolos, auch Teufel oder Satan genannt. Wörtlich bedeutet Diabolos: „Jemand, der Verwirrung stiftet“. Er taucht erstmalig in der Wüste am Ende von Jesu vierzigtägigem Fasten auf und weist ihn darauf hin, dass es für ihn – als Sohn Gottes – doch viel besser ist, allmächtig zu sein.

Sage den Menschen, dass du Steine in Brot verwandeln kannst!“

Zeige den Menschen, dass du fliegen kannst!“

Verbünde dich mit mir, und du bekommst als Lohn ganz viel Macht!“

Kurzum: Lebe nach dem, was ich dir sage, lebe nach dem Prinzip „All-Macht“ – und du wirst so richtig gut sein, so richtig Karriere machen.

Die Kraft von Jesu Antworten liegt darin, dass er NICHT dagegen hält. Er verteidigt sich nicht. Kein: ja aber… Er setzt dem teuflischen Verführer scheinbar nichts entgegen. Und gerade so lässt er ihn ins Leere laufen. Alles, was Jesus tut, ist, auf seine von tiefem Vertrauen getragene Beziehung zu jenem Gott zu verweisen, den er liebevoll abba – Papa nennt. Der Quell dieser Beziehung ist Jesu Bibel: Das Alte Testament. Jesus hegt also nicht die Illusion, sich „neu erschaffen“ zu müssen.

Darauf fällt dem Teufel offenbar nichts mehr ein. Und so „wich er von ihm bis zur bestimmten Zeit“, wie es bei Lukas so schön am Ende der Versuchungsgeschichte Jesu heißt.

Der Zeit seines öffentlichen Wirkens bleibt es ruhig um den Teufel. Einmal nur taucht er bei Petrus auf (Mk. 8,33) :“Geh’ hinter mich, Satan! Denn du meinst nicht was göttlich ist, sondern was menschlich.“ Der Zusammenhang ist, dass Jesus sein bevorstehendes Leiden ankündigt. Das will Petrus nicht hören. Spannend, dass Jesus diese Taubheit gegenüber Schmerz und Leid (des Petrus) als satanische bezeichnet.

Erst am Beginn der Passionsgeschichte heißt es dann bei Lukas: „Es fuhr aber der Satan in Judas.“ (Lukas 22, 3) Bei Johannes fährt der Satan in Judas im Rahmen der Fußwaschung – sie ersetzt bei ihm die Erzählung des „Letzten Abendmahls“ Joh. 13,27).

Der Satan oder Teufel, oder eben Diabolos erscheint erst wieder, wo es um das wirkliche Leben geht. Wo es ernst wird. In der Wüste hatte er versucht, Jesus davon zu überzeugen, dass es das beste wäre, mit einem Gefühl der Allmacht durchs Leben zu gehen. Dann nämlich muss man sich auf Vieles, Unangenehmes, Leidvolles gar nicht erst einlassen. Dann hat man stets die Kontrolle. Und Kontrolle ist Macht. „Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser!“ Deshalb ist es wichtig, den Anderen auszuspionieren, auch wenn er „nur“ die Opposition im eigenen Land darstellt.

Nur Kontrolle schenkt eine bestimmte Art von Sicherheit. Von scheinbarer Sicherheit.

Völlig anders ist die Sicherheit, die Jesus predigt. Er spricht vom Reich Gottes, von der Gegenwärtigkeit dieses Reiches, dass es ein Netzwerk liebevoller und vertrauensvoller Verbindungen ist. In der Liebe gibt es keine Kontrolle – sie ist überflüssig. Liebe erträgt es, ohnmächtig zu sein. Da Liebe den Anderen frei lässt, kann und will sie ihn gar nicht kontrollieren. Liebe und Freiheit sind Geschwister – es gibt sie nur zusammen.

Und noch etwas: Erst in der Liebe wird es möglich, sich in das Fremde, Andere wirklich hineinzufühlen. Empathie nennt man das heutzutage. Aus der Liebe fließt die Empathie, das Mitgefühl für meine Mitmenschen und Mitgeschöpfe. Aus dem Hass wird dafür Empathie verwendet, dem Anderen besonders viel Leid zuzufügen. Wir nennen das sadistisch. Die gegenwärtigen Greueltaten gegenüber unschuldigen Zivilisten können nur so verstanden werden.

Jesu revolutionäre Predigt von der Liebe konnte gut ignoriert werden.

Und sie wird bis heute ignoriert.

Es sind die Gedanken eines harmlosen Spinners, wie es viele gibt. Die man nicht ernst nehmen muss.

Weniger harmlos wird es erst dann, wenn Jesus sich mit den Mächtigen, mit dem religiösen Establishment seiner Zeit – im Neuen Testament heißen sie Pharisäer – anlegt. Und gar nicht mehr harmlos ist es, wenn er die Mächtigen der Wirtschaft brüskiert. Als er die Händler aus dem Tempel warf, hatte er die rote Linie der Geduld des Establishments überschritten. Es ist nicht gut, sich mit den herrschenden (Wirtschafts-)Mächten anzulegen. Das gilt damals – das gilt heute.

Als er dann auch noch behauptete, hinter seinem Tun stehe die höchste Autorität, steht Gott selbst, hatte er im Grunde genommen sein eigenes Todesurteil gefällt.

Und damit komme ich zum zweiten Teil meiner Predigt: Jesu letzter Weg.

Schwer trägt er an seinem Kreuz. Es war damals nicht unüblich, dass die Verbrecher ihren Galgen selber tragen mussten. Jesus war erschöpft und fühlte sich schwach – ähnlich wie am Ende seiner vierzigtägigen Fastenzeit.

Wie gut hätte ihm eine tröstende Stimme getan. Eine Stimme, die zur Einfühlung in der Lage ist. Eine Stimme, die mitfühlt. Und tatsächlich taucht eine ihm bekannte Stimme auf.

Du Idiot“, hörte er sie sagen. „Hättest du auf mich gehört, dann könntest du dich jetzt in Behaglichkeit zurücklehnen. Aber nein – du kannst dich ja an die Gesetze dieser Welt nicht anpassen. Money makes the world go round. Und nicht dein Schwachsinn von wegen Schaden nehmen an der eigenen Seele. So leicht hättest du die Welt gewinnen können! Und diese ganze Plackerei hier wäre dir erspart geblieben. Und schau doch – alle, aber wirklich alle, haben dich verlassen. Einer deiner sogenannten Freunde – du hast ihm den Namen Felsen, Petrus, gegeben – der war kein Fels, sondern ein riesengroßer Angsthase. Um sich selbst zu retten, hat er seine Freundschaft mit dir gleich drei Mal in dieser Nacht verleugnet.

Kurze Reflexion in Klammern: (So ist das: Unsere Panik greift unsere Fähigkeit zu Empathie, zu mitfühlendem Denken an. In Panik kreise ich nur mehr um mich und um die Frage, wie ich überlebe. Ich bin zu sozialem Denken nicht mehr fähig. Mein Denken unterwirft sich meinem Hass. Es ist der Hass auf die Angst. Der Hass aber hat nur eine Botschaft: Du musst deine Macht dafür verwenden, um dich durchzusetzen. Um jeden Preis. Koste es, was es wolle. Ohne Rücksicht auf Verluste. Das kriegen wir gerade hautnah in Russland mit. In der Tiefe wird Putins Hass auf den Westen geschürt von seiner Panik, dass die Freiheit, die Demokratie ihn und sein Regime vernichten. Sein Hass aber sagt: Du musst aus der Ohnmacht raus kommen. Es ist allemal besser, den anderen zu vernichten, als sich von ihm vernichten zu lassen. Diese Dynamik gilt übrigens für alle Diktatoren, im Kleinen wie im Großen!)

Einschub Ende – zurück zu Jesu Kreuzweg – die Stimme, die Jesus begleitet, ist nämlich noch nicht fertig.

Du bist völlig allein, Jesus! Kapierst du das?

Einsam, neben zwei Verbrechern, wirst du als Gotteslästerer sterben. Und du wirst nach deinem Vater schreien – und du wirst keine Antwort bekommen. Auch er hat dich nämlich längst im Stich lassen!

Hättest du doch auf mich gehört!

Ich hätte dich nicht im Stich gelassen. Ich hätte dir geholfen, berühmt zu werden. Ich weiß, wie das geht. Du musst den Menschen genau das sagen, was sie hören wollen. Dass sie super sind. Dass sie ein großartiges Volk, eine tolle Gemeinschaft sind. Dass sie stolz darauf sein können, zu diesem Volk, zu dieser Gemeinschaft dazu zu gehören. Und dass du sie zu einem noch größeren Volk machst. Und dass es völlig falsch ist, auf andere Rücksicht zu nehmen.

Einfühlung in den Anderen macht schwach. Wenn du nicht erschossen werden willst, musst du erschießen. Dafür kannst du keine Einfühlung brauchen. Du darfst dir nicht vorstellen, dass dein Feind vielleicht genauso Familienvater ist, wie du. Du darfst dir nicht vorstellen, dass dein Feind genauso ein Mensch ist wie du, der genauso leben will, wie du.

Der Andere ist dein Feind und er gehört vernichtet. Sonst vernichtet er dich. Das ist alles, woran du denken musst.

Der einzige, der das wirklich verstanden hat, war dein Freund und Mitstreiter Judas. Nicht nur euer Leben ist eng miteinander verbunden – auch euer Sterben. Er hat dich auch nicht verraten – wie es so oft heißt. Nein – er hat dich übergeben: in die Hände derer, die dich und dein Leben beurteilen. Und vor allem verurteilen. Er hat dich zunehmend gehasst für deine Botschaft von einem liebenden, einfühlsamen Gott. Er wollte eine Revolution. Er wollte Israel zurück erobern. Von der Besatzung durch die Römer befreien. Und er dachte, mit dir als Führer ginge das. Und so seid ihr am Ende beide gestorben.

Judas aus Enttäuschung und Selbsthass. Er hat sich selbst gerichtet. Anders als du hielt er nichts davon, ohnmächtig zu sein.

Und du stirbst jetzt – weil du ein Idiot bist! Weil du doch wirklich glaubst, es ist gut, bis zuletzt in der Liebe zu bleiben.

Ganz ehrlich – wie kann ein einziger Mensch nur so blöd sein wie du? Schau sie dir doch an, deine Menschen, denen du die bedingungslose Liebe deines Vaters gepredigt hast. „Das Reich Gottes ist mitten unter Euch!“

Von wegen.

Es ist noch keine Woche her – da haben sie dir ihr Hosianna zugejubelt. Als wärst du ein König, so haben sie dich gefeiert. Natürlich musstest du auch da wieder quer denken und quer handeln und ihre Erwartungen brechen: Auf einem Esel musstest du einziehen!

Du hättest dich mal fragen können, was es ist, dass du derart provozieren musstest. In deinem Predigen wie in deinem Handeln.

Aber egal. Jetzt ist eh alles zu spät. Jetzt siehst du, was du wirklich erreicht hast, du König der Juden. Schau dir doch deine speziellen Freunde an, die Pharisäer. Ihre Münder triefen nur so voll Schadenfreude. Ja, ja: Schadenfreude ist die schönste Freude. Schadenfreude über die Hilflosigkeit des großen Predigers der Liebe!

Die Quelle der Schadenfreude ist nichts alsHass. Und der hat am Ende eben doch gesiegt.

Der Hass auf dich und auf deine Liebespredigten.

Wenn du den Mund nicht gar so voll genommen hättest.

Du Retter!

– Rette dich selbst schreien sie. Du sagst doch, du wärst Gottes Sohn. Also: beweise es. Steig doch herab von deinem Kreuz …

Und Jesus?

Jesus schweigt. Er hat nichts mehr zu sagen.

Vater, in deine Hände befehle ich meinen Geist!“

Das war’s.

AMEN.

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